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Die Geschichte vom schlafenden Drachen

KurzgeschichteFantasy, Tragödie / P12 / Gen
25.12.2020
25.12.2020
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Die Geschichte vom schlafenden Drachen


Vor langer Zeit befand sich in einem entlegenen Tal ein Dorf, in dem die Menschen recht friedlich zusammenlebten und überdies sogar einen durchaus beachtlichen Wohlstand genossen, denn zum einen betrieben sie regen Handel mit Reisenden, die aus anderen Dörfern stammten, und zum anderen befand sich ganz in der Nähe des Dorfes eine Goldmine, die schier unerschöpflich zu sein schien. Allerdings gingen die Auffassungen darüber, ob die Einzelhändler oder die Goldmine mehr zum Reichtum des Dorfes beitrugen, auseinander: die Händler waren der Auffassung, daß die Dorfgemeinschaft vor allem von ihnen profitierte, während der Besitzer der Goldmine vehement den Standpunkt vertrat, daß das Dorf ohne seine Mine innerhalb kürzester Zeit in der tiefsten Armut versunken wäre. Der Minenbesitzer war der bei weitem reichste Mann des Dorfes (genau genommen war er der Eigentümer der Mine, worüber ich aber nicht viele Worte verlieren möchte, da sich für den Unterschied zwischen einem Besitzer und einem Eigentümer ohnehin nur Juristen interessieren). Durch seinen Reichtum, aber auch dadurch, daß fast die Hälfte aller Männer in seiner Goldmine arbeiteten, hatte er großen Einfluß im Dorf, und der Bürgermeister war immer bemüht, den Minenbesitzer nicht zu verärgern, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Die Bewohner des prosperierenden Dorfes lebten schon seit vielen Jahren in Frieden, aber manche von ihnen dachten angestrengt über ein Rätsel nach, das sie nun schon etliche Jahre beschäftigte und das sie auch durch die scharfsinnigsten Überlegungen nicht zu lösen vermochten. Der Umstand, den sie sich nicht erklären konnten, war aber die Tatsache, daß die Winter im Tal ganz offensichtlich immer wärmer ausfielen: die Greise im Dorf konnten sich noch gut an jene Zeiten erinnern, in denen zwei oder sogar drei Monate lang ununterbrochen Schnee gelegen hatte, während es mittlerweile in den Wintermonaten sehr viel häufiger regnete als schneite, und so blieb das Tal selbst in der nicht mehr so richtig kalten Jahreszeit meistens grün, und wenn es doch einmal von hexagonalen Kristallen bedeckt wurde, so verschwand die weiße Decke nach spätestens einer Woche wieder.
Der Bürgermeister hielt die Angelegenheit an sich nicht für besonders wichtig; den Gedanken, daß es weniger schneite als früher, fand er nicht sonderlich beunruhigend, denn er konnte Schnee ohnehin nicht ausstehen, da seine Mitschüler ihn während seiner Schulzeit, als er noch ein kleiner und etwas dicklicher Junge gewesen war, im Winter regelmäßig mit Schneebällen beworfen hatten. Da er es später trotzdem zu einem erfolgreichen Geschäftsmann gebracht hatte und schließlich sogar ins Rathaus eingezogen war, dachte er nur noch selten an den unglücklichen und so oft von anderen Kindern gehänselten Jungen, der er früher einmal gewesen war, zurück, doch wann immer er diese widerlichen Flocken vom Himmel fallen sah, fielen ihm wieder die harten und kalten Geschosse ein, mit denen er früher bombardiert worden war. Die Schneemassen der früheren Zeit vermißte er also ganz bestimmt nicht; doch das unentwegte Rätselraten im Dorf sorgte mit der Zeit für so viel Verunsicherung, daß er beschloß, das Geheimnis näher ergründen zu lassen, denn Verunsicherung führte mit der Zeit immer auch zu Unzufriedenheit, und unzufriedene Bürger wären womöglich auf die Idee gekommen, bei der nächsten Bürgermeisterwahl für seinen Herausforderer zu stimmen.
Der Bürgermeister ließ daher einen sehr angesehenen und gelehrten Zauberer rufen, der versuchen sollte, herauszufinden, warum es in dem Dorf immer wärmer wurde - denn es waren nicht nur die Winter allein, in denen die geheimnisvolle Erwärmung spürbar war, sondern auch in den anderen Jahreszeiten war es wärmer als früher.

Der Zauberer traf bereits zwei Wochen später ein; er war ein Mann mittleren Alters mit dunklem Haar und einem smaragdgrünen Umhang. Er begann bereits am Tag seiner Ankunft mit seinen Untersuchungen, die er mit großer Gründlichkeit durchführte. Er führte tagsüber allerlei Messungen an den verschiedensten Plätzen durch, suchte allerlei Orte im Tal auf und verbrachte auch mehrere Tage in den Bergen, die das Tal umschlossen, derweil er in den Nächten viele Stunden im Rathaus verbrachte, um dort im Archiv alle Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte, die ihm womöglich weiterhelfen konnten, genauestens zu studieren. Besonders schien er sich aber für die Goldmine zu interessieren, sehr zum Mißfallen des Minenbesitzers, der ihm sogleich unlautere Absichten unterstellte, wovon sich der Zauberer aber nicht einschüchtern ließ.
Nach ungefähr einem Moment teilte der Zauberer dem Bürgermeister und einigen anderen angesehenen Bürgern der Stadt seine Schlußfolgerungen mit. „Die Erwärmung des Tals“, so begann der Zauberer, „ist darauf zurückzuführen, daß sich unter dem Tal ein gigantisches Höhlensystem befindet, in dem ein riesenhafter Drache schon seit Jahrhunderten schläft; dieser Drache erzeugt die Wärme, die das Tal immer mehr erwärmt.“
„Aber wieso nimmt die Wärme dann zu, wenn der Drache schläft?“ fragte der Bürgermeister, dem zum ersten Mal der Gedanke kam, daß das Geheimnis vielleicht doch nicht so unwichtig war, wie er bis zu diesem Zeitpunkt immer hatte glauben wollen.
„Die Wärme nimmt deshalb zu, weil der Drache nicht mehr so tief schläft wie früher. Er wird in seinem Schlaf gestört, und dadurch gibt er immer mehr Wärme ab.“
„Und wodurch wird er gestört?“ wollte nun einer der anwesenden Bürger erfahren.
„Ich bin mir ziemlich sicher, daß es die Goldmine ist, die ihn in seinem Schlaf stört. Wenn die Minenschächte noch tiefer in die Erde getrieben werden, wird der Drache irgendwann erwachen, und wenn das geschieht, möchte ich mich lieber nicht in diesem Tal befinden.“
„Und wie lange wird es dauern, bis der Drache erwacht?“ fragte ein anderer Bürger.
Der Zauberer versetzte: „Das kann ich nicht genau vorhersagen. Wenn die Arbeiten in der Goldmine wie bisher fortgeführt werden, dann wird er erwachen, aber wann das geschehen wird, ist ungewiß. Vielleicht geschieht es erst in dreißig Jahren, vielleicht auch schon in zwei.“
Damit verneigte sich der Magier, strich mit einer eleganten Handbewegung seinen smaragdgrünen Umhang glatt und verabschiedete sich.

Von diesem Tag an war es mit der Eintracht im Dorf vorbei. Die einen forderten, die Goldmine sollte sofort geschlossen werden, um das Dorf keiner so schrecklichen Gefahr auszusetzen; die anderen dagegen hielten dem entgegen, daß die Existenz des Drachens keineswegs erwiesen sei. Besonders der Minenbesitzer erklärte, der Drache sei ein reines Fabelwesen. „Dieser zwielichtige Zauberer wurde bestimmt von jemandem bezahlt, der mir schaden wollte; ich habe dem Kerl von Anfang an nicht getraut“, fügte er noch hinzu, um dann mit Nachdruck zu verkünden: „Diesen Drachen gibt es nicht!“
Der Bürgermeister befand sich nun in einer sehr unangenehmen Lage: die einen forderten ihn auf, sofort Maßnahmen einzuleiten und die Goldmine zu schließen, die anderen drängten darauf, daß er auf keinen Fall etwas derartiges tun dürfe. Zudem hatte ihn die Warnung des Zauberers zwar erschreckt, er war sich andererseits aber nicht sicher, ob die Warnung berechtigt war.
Um ein wenig Zeit zu gewinnen und zugleich seine Zweifel loszuwerden, ließ der Bürgermeister im Verlauf des nächsten Jahres noch einen alten Gelehrten, eine Drachenforscherin mittleren Alters und einen weiteren, sehr jungen Magier ins Dorf kommen und bat sie ebenfalls um eine Einschätzung. Zu seiner Bestürzung schlossen sie sich alle dem Urteil des ersten Magiers vollständig an; außerdem beschwerten sie sich alle über den Eigentümer der Goldmine, der nichts unversucht gelassen hatte, um sie bei ihrer Arbeit zu behindern.
Der Minenbesitzer forderte nun seinerseits einen Magier an, der allerdings einen denkbar schlechten Leumund hatte, denn er war aus der Magiergilde ausgeschlossen worden, da er gegen deren Ehrencodex vielfach verstoßen hatte; den Minenbesitzer störte dies allerdings nicht, und da er dem Magier eine Menge Gold bezahlte, verkündete dieser wenig später wunschgemäß, daß es nicht das kleinste Indiz für die Existenz eines Drachen gäbe.
Diese Aussage überzeugte nur diejenigen, die schon vorher nicht an die Existenz des Drachens geglaubt hatten, während alle anderen ihr kein Gewicht beimaßen; selbst der Bürgermeister schenkte ihr nicht wirklich Glauben, obwohl er das eigentlich sehr gern getan hätte. Über die Vermutung, daß unter dem Tal ein riesiger Drache schlafe, waren von nun an auch in der einzigen Zeitung des Dorfes immer wieder Artikel zu finden, wobei aber der Minenbesitzer seinen Einfluß auf einige der Redakteure ausnutzte, um dafür zu sorgen, daß die von immerhin vier verschiedenen, anerkannten Fachleuten vorgebrachte Theorie als „sehr umstrittene Hypothese“ bezeichnet wurde.

Dann geschah es eines Tages, daß ein 12jähriges Mädchen, das häufig seinen etwas abseits vom Dorf lebenden Großvater besuchte, um ihm Wurst und Käse vom elterlichen Hof mitzubringen, auf dem Rückweg von einem Unwetter überrascht wurde und unter einem Felsvorsprung Zuflucht suchte. Dabei entdeckte das Mädchen, das einen gelben Mantel trug, daß ein tiefer Spalt den Fels durchzog, der sich bei näherer Erkundung als Eingang zu einem wahrhaft gewaltigen unterirdischen Höhlensystem herausstellte.
Trotz seiner Ausmaße machte das Höhlensystem einen recht übersichtlichen Eindruck, und so lief das Mädchen, von Neugier getrieben, immer tiefer hinein, bis es schließlich eine schier unermeßliche Höhle entdeckte - und dort lag der Drache.
Der Drache war feuerrot, hatte große, ledrige Flügel, und seine Größe übertraf alles, was das Mädchen sich bis zu diesem Tag hätte vorstellen können, bei weitem. Schon seine Nasenlöcher, aus denen Rauchwolken aufstiegen, waren furchterregend. Zum Glück schlief er tatsächlich und bewegte allenfalls einmal die Spitze seines gewaltigen Schwanzes ein wenig.
Das Mädchen rannte zurück, so schnell es konnte - mitten hinein in den strömenden Regen und dann zurück ins Dorf. Vor der Dorfschule rief es aus Leibeskräften: „Der Drache existiert! Ich habe ihn gesehen!“

Diese Neuigkeit sorgte für große Unruhe im Dorf. Der Minenbesitzer erklärte sogleich, das Mädchen im gelben Mantel sei nur eine dumme Göre, die entweder zu viel Fantasie habe oder von seinen Neidern bestochen worden sei, und nahezu alle Dorfbewohner, die wirtschaftlich von der Goldmine abhängig waren, übernahmen seine Meinung sofort.
Es gab aber auch jene, die dem Mädchen glaubten und von seiner Mitteilung sehr erschrocken waren. Insbesondere glaubten ihr die meisten Kinder im Dorf, und viele von ihnen ließen sich in das Höhlensystem führen, um selbst den schlafenden Drachen zu sehen. Dies taten aber auch einige Erwachsene, und die meisten von ihnen konnten nicht mehr ruhig schlafen, nachdem sie den Drachen gesehen hatten.
Der Bürgermeister bemühte sich lange, die sich häufenden Berichte all jener, die sich in die Höhle gewagt hatten, zu ignorieren, doch es fiel ihm von Tag zu Tag schwerer, und eines Abends, als er sich unbeobachtet fühlte, schlich er sich in der Dämmerung aus dem Rathaus und begab sich zur Drachenhöhle, wo er das schlafende Monstrum nun selbst zu sehen bekam.
Der Bürgermeister durchlitt schreckliche Ängste. Er erkannte durchaus, daß dem Dorf eine Katastrophe bevorstand, wenn dieses Ungetüm wirklich einmal erwachen würde. Zugleich fürchtete er sich aber auch vor einer offenen Auseinandersetzung mit dem Minenbesitzer, denn wenn er sich offen gegen diesen stellte, hatte er so gut wie keine Chance, die nächste Wahl zu gewinnen - und es war ihm sehr wichtig, Bürgermeister zu sein, da sein Amt ihn berechtigte, mit der prächtigen goldenen Karosse des Bürgermeisters, die viel schöner und prachtvoller als seine eigene Kalesche war, durch den Ort zu fahren; außerdem aber, und das war noch viel wichtiger, hatte er als formal wichtigster Mann des Dorfes das Gefühl, sich im Kampf mit all den Jungen, die ihn früher gehänselt und mit Schneebällen beworfen hatten, erfolgreich behauptet zu haben, und daher fürchtete er den Verlust seines Amtes sehr. Was also sollte er tun? Die Existenz des Drachen abstreiten oder ignorieren konnte er nicht, doch die Goldmine einfach schließen konnte er auch nicht, obwohl sein Amt ihn dazu berechtigt hätte. Doch er fürchtete nicht nur um sein Amt, sondern auch um den Wohlstand des Ortes; denn was sollte aus dem Dorf werden, wenn die üppigen Einnahmen durch die Goldmine wegfielen?
Nachdenklich kehrte er ins Dorf zurück und schlief in der folgenden Nacht sehr schlecht.

In der Zeitung erschien am nächsten Sonntag ein Beitrag des Bürgermeisters, in dem er erklärte, daß er den schlafenden Drachen mit eigenen Augen erblickt habe; die Existenz des Untiers könne also nicht länger bestritten werden. Weiterhin erklärte er, er werde Maßnahmen zum Schutz der Dorfbevölkerung anordnen, ohne näher auszuführen, worin diese Maßnahmen bestehen würden.
Von einer Schließung der Goldmine war in dem Beitrag keine Rede, die Mine wurde nicht einmal erwähnt.
Die Reaktion des Minenbesitzers ließ trotzdem nicht lange auf sich warten. Er erschien persönlich im Rathaus und teilte dem Bürgermeister mit hochrotem Kopf mit, welche Folgen eine Schließung der Mine für das Dorf hätte: „Mit unserem Wohlstand wäre es dann vorbei, bald würden alle Bewohner des Dorfes in Lumpen herumlaufen, und viele würden verhungern!“ Er achtete genau darauf, daß möglichst viele Leute seine Worte hören konnten, und so wurden sie in der Folgezeit von zahlreichen anderen Dorfbewohnern wiederholt, wenn sie sich des Abends in den Gaststätten trafen.
Dies war aber nicht das einzige, was der Minenbesitzer tat: er ließ erneut den Magier kommen, der sich schon einmal in seinem Sinne geäußert hatte, und dieser erklärte daraufhin in einem ganzseitigen Beitrag, der ebenfalls in der Zeitung des Dorfes erschien, bei dem angeblichen „Drachen“ handele es sich in Wirklichkeit um einen zwar außergewöhnlich großen, ansonsten aber völlig ungefährlichen Tatzelwurm. (Seitdem fiel abends in den Gaststätten häufig das Wort von der „Drachenlüge“.)
Dieser Beitrag löste nun wiederum helle Empörung bei all denjenigen aus, die den Drachen als ernsthafte Bedrohung betrachteten; etliche von ihnen (darunter auch einige Kinder) zogen wutentbrannt vor das Rathaus und forderten den Bürgermeister auf, sofort zu handeln.

Der Bürgermeister lag nachts wach in seinem Bett, nachdem er so viele Zusagen gemacht hatte, daß er selbst nicht mehr wußte, was er den aufgebrachten Bürgern eigentlich versprochen hatte. Wenn er doch nur gewußt hätte, wann dieser elende Drache aufwachen würde! Wenn er die Mine sofort schließen ließ, dann würden die Bewohner des Dorfes die Folgen auch sofort spüren, das war klar. Ließ sich nicht Zeit gewinnen? Schließlich hatte schon der erste Magier erklärt, es könnten bis zum Erwachen des Drachen noch dreißig Jahre vergehen. Durfte er die Bewohner in die Armut treiben, um ein Ereignis zu verhindern, das noch in weiter Ferne lag?
Was aber, wenn der Drache schon viel früher aufwachte? Ihm wurde bewußt, daß er den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen durfte, aber konnte er das Dorf retten, indem er es in den Ruin trieb? Gab es keinen goldenen Mittelweg?
Er wälzte sich in seinem Bett, und er hatte das Gefühl, in seinen Ohren das gellende Gelächter der Jungen zu hören, die ihm Grimassen schnitten, während sie ihn mit Schneebällen bewarfen.

In der folgenden Woche verkündete der Bürgermeister, daß er den Betrieb der Goldmine auch weiterhin erlauben werde - aber nur unter strengen Auflagen. Er ließ auf dem Marktplatz ein großes Schild anbringen, auf dem diese Auflagen niedergeschrieben waren; das Schild wurde bereits am Abend von empörten Minenarbeitern umgestürzt, und als der Bürgermeister nach Hause kam, stellte er fest, daß drei seiner Fensterscheiben mit Steinen eingeworfen worden waren.
Am nächsten Tag nahm er die meisten Auflagen wieder zurück, und so wurden die Minenschächte weiter in die Erde hineingetrieben - nur geringfügig langsamer als zuvor.

Sechs Wochen später passierte es. Die Erde erzitterte, viele Dorfbewohner glaubten zunächst an ein leichtes Erdbeben. Dann folgten auf einmal mehrere, heftige Stöße, die die meisten Häuser im Dorf zusammenstürzen ließen. Der Boden tat sich auf, und der erwachte Drache, rot wie Blut und von unerhörter Größe, stieg auf in den Himmel; doch schon bald stürzte er sich wieder in die Tiefe, näherte sich dem Dorf und spie Feuer, und das tat er so lange, bis er sämtliche Gebäude im Dorf vernichtet hatte.
Etliche Dorfbewohner kamen in den Flammen ums Leben, doch einige konnten sich vor dem wütenden Drachen retten und suchten Zuflucht in den Bergen. Auch der Bürgermeister gehörte zu den Überlebenden; als einer der Minenarbeiter (der noch zwei Tage vorher vor dem Rathaus gegen die „Drachenlüge“ protestiert hatte) ihn erkannte, rief er: „Da ist doch der Bürgermeister! Der ist doch an allem schuld, denn er hat nichts gegen den Drachen getan!“
Daraufhin fielen mehrere der Überlebenden auf einmal über den Bürgermeister her, und sie verprügelten ihn dermaßen, daß er mit blauen Flecken übersät war und tagelang kaum laufen konnte.
Dem Minenbesitzer war es aber gelungen, unbemerkt von allen anderen in dem Chaos zu entkommen, und was später aus ihm wurde, weiß ich nicht genau, aber ich habe gehört, daß er noch zu großen Reichtümern kam. Den noch lebenden Dorfbewohnern dagegen erging es in den Bergen schlecht, schon bald liefen sie alle in Lumpen herum, und nicht wenige verhungerten.

Und damit endet die Geschichte vom schlafenden Drachen. Zum Glück ist diese Geschichte nur ein Märchen, und es ist natürlich vollkommen undenkbar, daß so etwas auch in Wirklichkeit geschehen könnte.
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