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Requiem For A Dream

von A wie Ana
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Hanji Zoe Isabel Magnolia Levi Ackermann / Rivaille Mikasa Ackerman OC (Own Character)
25.12.2020
19.09.2021
62
492.997
75
Alle Kapitel
534 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
15.09.2021 8.965
 
Guten Morgen, meine Lieben!

Erst einmal möchte ich mich natürlich für eure Rückmeldungen zum letzten Kapitel und auch generell zu dieser Geschichte bedanken. Ich hatte zwar gedacht, dass ihr deutlich mehr zu dem Gespräch zwischen Eren und Levi zu sagen habt, aber ich bin mehr als dankbar für die Gedanken, die mit mir geteilt wurden, und noch dazu möchte ich auch nicht, dass ihr euch dazu verpflichtet fühlt. Ein extra Danke geht natürlich raus an den neuen Sternchen-Vergeber! Liebsten Dank! <3
An dieser Stelle geht es mit dem Gespräch zwischen unseren zwei Lieben weiter - vielleicht kann ich euch ja damit überraschen. Lasst es euch gut gehen und bleibt alle schön gesund, ich wünsche euch viel Freude damit,

A wie Ana




Eren


Obwohl sie wirklich nicht viel miteinander gesprochen hatten, so fühlte Eren sich merkwürdig ausgelaugt. Vielleicht hatte das Gefühl, das er jetzt eben hatte, aber nicht viel mit der Länge und Intensität ihres Gespräches zu tun, sondern einfach damit…welchen Impact es hatte. Das, worüber sie sprachen, war nicht einfach und Eren wollte nicht, dass Levi ihn missverstand. Er wollte nicht, dass es Levi mit dieser Situation noch schlechter ging, dass er sich weggestoßen fühlte, weil er einen Fehler gemacht hatte, Menschen machten nun einmal Fehler, und gleichzeitig wollte er selbst…aber auch nicht zurückstecken.
Er wollte ehrlich sein, Levi sagen, was er dachte und fühlte, und er wusste, dass es dafür keinen Way-To-Go gab, keine Art und Weise, um es möglichst schonend herüberzubringen. Manchmal tat es weh und es war vielleicht auch unangenehm, aber…diese Dinge mussten ausgesprochen werden. Vor allem jetzt, wo Levi ihm von der Sache mit Erwin erzählt hatte, wie er dabei empfunden hatte und wie er immer noch empfand. Und hätte er es ihm gesagt, wenn Eren ihm nicht wichtig wäre? Seine Meinung und seine Sicht auf die Dinge?

Er glaubte nicht, dass Levi jemand war, der einem etwas mutwillig verschwieg. Er tat es vielleicht dann, wenn es nur ihn selbst betraf und er andere Menschen nicht damit belasten wollte, sie vielleicht schützen wollte. Aber hier…Erwin spielte eine Rolle in seinem Leben. Und Eren ebenfalls. Und er rechnete es Levi irgendwo hoch an, dass er ihm das hatte sagen können, auch, dass sie nun darüber sprachen, dass Levi seine Gründe dafür nannte und auch bereit war verurteilt zu werden, obwohl Eren es nicht tun würde.
Es stand Eren nicht zu, zu urteilen. Das würde es wahrscheinlich auch nie. Levi war ein freier Mann, der ihm niemals etwas wie eine Beziehung zugestanden hatte, der sich nicht an ihn gebunden hatte und natürlich, er wusste, dass er Levi wichtig war, dass er es ihm sicherlich auch vorher erzählt hätte, weil er ihm nah stand, wenn er nicht…so dermaßen aufgewühlt, planlos und irgendwie in der Schwebe stehend gewesen wäre.
Natürlich hätte es nicht darauf hinauslaufen müssen. Levi hatte es geahnt, aber er hatte es nicht mit Sicherheit gewusst. Was also hätte er sagen sollen? Ich denke, ich werde mit Erwin schlafen? Wenn Eren so im Nachhinein darüber nachdachte, erschien es ihm irgendwie bescheuert. Levi hatte es zwar geahnt, weil er Erwin kannte, weil er sich selbst kannte, aber…vielleicht hatte er auch hierbei versucht Eren irgendwie zu schützen. Ihm keine Gedanken einzupflanzen, die ihn unruhig gemacht hätten und ruhelos. Dabei war er das sowieso gewesen. Und jetzt…fühlte er sich müde.
Er fühlte sich müde, weil er nicht wusste wohin mit seinen Gedanken und Gefühlen, weil er sich geschlaucht fühlte, irgendwie kopflos und gleichzeitig voller Bedauern, ein wenig voller Angst und…Befürchtungen.
Er fühlte sich mit dieser Situation nicht unbedingt wohl und es erschien ihm naheliegend. Zum einen, weil es Levi damit nicht gut ging, denn schließlich hatte er sich mit einem Mann getroffen, der ihn verletzt hatte, der ihn wahrscheinlich auch gedemütigt und ihm Hoffnungen gemacht hatte, und mit dem er letztendlich geschlafen hatte, obwohl er gewusst hatte, dass es ein Fehler sein würde. Und zum anderen, weil er selbst nicht so genau wusste wie er mit dieser Situation umgehen sollte, in der er schließlich noch niemals gewesen war. Er wollte Levi nicht verurteilen, ihm nicht das Gefühl geben, dass er, wie Levi es gesagt hatte, widerlich wäre, denn das war er nicht. Er hatte einen Fehler gemacht, unter dem er selbst am allermeisten litt, aber das änderte an ihm als Menschen nichts. Zumindest für Eren nicht.
Er hatte aber auch nicht wirklich eine Ahnung, was er noch sagen sollte. Was jetzt angebracht war oder nicht. Er glaubte nicht, dass Levi ihm seine knappen Worte irgendwie übel genommen hatte, obwohl er ein wenig gereizt reagiert hatte. Aber diese Situation war eben auch…zermürbend. Sie ging einem an die Substanz. Für Levi war es auch nicht einfach. Für Levi war es vielleicht sogar am schwersten.

„Was denkst du jetzt“, durchbrach Levis Stimme schließlich das Schweigen und Eren hob den Kopf, sah ihn an. Levi wirkte merkwürdig erschöpft, wie er so auf dem Bett saß und auf die Bettdecke starrte. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und der Zug um seinen Mund hart.
Eren wusste einen Moment lang nicht, was er darauf erwidern sollte, aber dann schluckte er nur schwer und hob leicht die Schultern, obwohl er wusste, dass Levi es nicht sehen konnte. Seine Augen waren immer noch auf die Bettwäsche gerichtet.
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, antwortete er wahrheitsgemäß und Levi schwieg eine Sekunde, dann schnaubte er leise, aber es klang nicht missbilligend, wütend oder genervt. Eren atmete tief aus.
„Die Situation ist ziemlich scheiße. Mehr für dich als für mich. Und dieser Fehler ist nicht zu entschuldigen, aber…für dich ist es auch nicht leicht. Und du leidest darunter. Und ich will diesen Erwin gar nicht hassen, weil ich ihn nicht kenne, aber…nach allem, was du mir bisher erzählt hast, kann ich gar nicht anders.“
„Ich bin genauso schuld daran“, sagte Levi und Eren nickte nur leicht.
„Ja. Aber du hattest keine bösen Hintergedanken. Du liebst ihn eben…irgendwie. Und er…“ Eren brach ab und hob dann die Hand, rieb sich über das Gesicht. „Ich kenne ihn nicht. Aber…er hat dich verletzt. Und es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte er dich ausgenutzt. Und das gefällt mir nicht.“
Er zögerte, ehe er seine nächsten Worte aussprach.
„Bereust…du es?“
Seine Stimme klang leicht wackelig und eigentlich war seine Frage unnötig, weil er die Antwort darauf im Grunde schon kannte. Aber er fühlte sich ein wenig unsicher, wusste nicht, was er sagen sollte und durfte, weil er das Verhältnis zwischen Erwin und Levi nicht in seiner vollen Blüte kannte. Levi hatte ihm gesagt, dass er zu Anfang sehr glücklich gewesen war. Dass Erwin der erste Mann gewesen war, mit dem er sich eine richtige, langfristige und sehr ernsthafte Beziehung hatte vorstellen können. Und nach und nach war er unglücklich geworden, war eingegangen in dieser Beziehung wie eine Pflanze, die zu wenig Wasser und Licht abbekam. Aber das zwischen ihnen war Liebe gewesen, sicherlich auch von Erwins Seite aus.
Es fühlte sich komisch an darüber nachzudenken, weil der Gedanke an diese gescheiterte Beziehung irgendwie…weh tat. Er wusste nicht, wie Erwin war, aber er glaubte nicht, dass es ihm anfangs gut damit gegangen war. Sicher, sein Verhalten war nicht zu entschuldigen; er hätte Levi nicht einfach sitzen lassen dürfen, er hätte es wenigstens versuchen können. Aber dieses ganze Verhältnis zwischen ihnen…es wirkte so unerreichbar auf ihn. Wie etwas, das sowieso niemals funktioniert hätte, dabei hatten es beide doch…gewollt. Sie hatten einander gewollt. Aber es hatte nicht…funktioniert. Es war ein trauriger Gedanke, der ihm ein wenig die Übelkeit in die Magengrube trieb.
„Mehr als das“, sagte Levi schließlich nach ein paar Minuten, in denen sie einfach nur geschwiegen hatten, und Eren warf ihm einen Blick zu. Levi wirkte müde, seine Lider waren schwer. Er schloss die Augen und atmete tief aus.
„Ich hab mich früher einfach in diese Beziehung geworfen und am Ende hat sie mich nur kaputt gemacht. Es ist ewig her und ich dachte, dass ich daraus gelernt habe, dass ich mich heute anders verhalten würde. Aber Erwin ist mir nicht egal, weißt du. Er war meine erste Beziehung und wir haben uns was gegeben, was uns niemand geben konnte, aber genauso sehr…haben wir uns gegenseitig kaputt gemacht. Erwin ist wie Gift für mich. Im ersten Moment fühlt es sich vielleicht gut an, aber am Ende…macht es mich nur kaputt und trotzdem hab ich mich darauf eingelassen, weil ich vielleicht dachte, dass es diesmal anders läuft. Dass ich diesmal…“
Er schwieg eine Sekunde und schien dann kurz verunsichert zu sein.
„Dabei hab ich ihn nie ganz losgelassen. Ich vergleiche meine Beziehungen bis heute mit unserer von damals. Ich versuche das zu lassen, weil beispielsweise du oder Juri ganz andere Menschen seid als Erwin, aber…manchmal tue ich es trotzdem und das ist schon beschissen genug, weil ich das überhaupt nicht vergleichen kann. Erwin und ich waren jung, wir hatten eine ganz andere Basis für unsere Beziehung. Und ich versuche es heute besser zu machen, von Vornherein langsamer und aufmerksamer damit umzugehen, damit das nicht noch einmal passiert und es ist echt beschissen, dass ich mich gegenüber Erwin trotzdem so verhalten habe, obwohl ich dachte ich hab dazu gelernt. Hab ich aber…offensichtlich nicht.“

„Finde ich schon“, sagte Eren, aus einem Reflex heraus, und Levi warf ihm einen Blick zu, der merkwürdig unsicher wirkte. Eren hob beinahe hilflos die Schultern.
„Ich hab dich als jemanden kennen gelernt, der es wirklich versucht. Du hast mir so viel über Erwin erzählt, über damals und wie du warst, welche Fehler du gemacht hast, damit ich verstehe, warum du es langsam angehen lassen willst und das tue ich. Ich verstehe das wirklich. Aber ich verstehe auch…warum du diesen Fehler wiederholt hast. Ich will jetzt gar nicht versuchen das zu analysieren, weißt du. Aber mit Erwin hast du nicht abgeschlossen. Keine Ahnung, ob du das jetzt hast oder ob du das jemals kannst, aber…so, wie ich dich kenne und so, wie du dich mir gegenüber und Juri verhältst…glaube ich, dass dein Verhalten gegenüber Erwin eben…dein Verhalten gegenüber Erwin ist. Verstehst du…was ich meine?“
Er fühlte sich leicht bescheuert, aber er wusste nicht genau, wie er es anders ausdrücken sollte. Aber es war seine ehrliche Meinung. Dass Levi seine Partner hin und wieder fast automatisch mit Erwin und seiner gescheiterten Beziehung zu ihm verglich, erschien ihm irgendwie nur natürlich. Warum sollte er das auch nicht tun? Er wollte nicht, dass es mit seinen Partnern so lief, wie es damals mit Erwin gelaufen war. Er wollte diesen Fehler nicht wiederholen, nicht mit jemandem, den er liebte, weil er wollte, dass es ihnen beiden gut damit ging. Dass er auf Anzeichen achtete, dass er versuchte das alles irgendwie unter Kontrolle zu halten, war ein Überbleibsel dieser Zeit. Levi versuchte heute alles richtig zu machen. Was nichts daran änderte…dass er immer noch ein Mensch war und Menschen machten Fehler.
Er machte sich keine Illusionen, das zwischen Erwin und Levi würde er wahrscheinlich niemals ganz verstehen. Es klang auf eine gewisse Weise sehr schön und auch verführerisch, irgendwie leidenschaftlich, auf mehreren Arten, aber gleichzeitig…klang es toxisch. Wie etwas, das nicht sein sollte, das für einen einfach nicht gut war, obwohl man sich danach sehnte, und das man aus seinem Leben streichen musste, ganz egal, wie schwer es einem fiel und ganz egal, wie sehr man es vermissen würde. Er war sich sicher, dass auch Levi das wusste. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, dass Levi eben nicht immer…rational handelte. Manchmal ließ er sich auch von seinen Emotionen steuern, stolperte und sagte sich danach jedes Mal, dass das nicht mehr passieren würde, aber Levi war eben auch ein Mensch. Menschen waren nicht perfekt und Levi war es schon einmal gleich gar nicht.
„Ich verstehe, wenn du mich jetzt nicht mehr willst“, sagte Levi dann plötzlich und Eren wandte den Blick von der Bettwäsche ab, auf die er gestarrt hatte, und sah ihn an.
Levi erwiderte seinen Blick nicht. Seine Augen waren auf irgendeinen imaginären Punkt gerichtet, dann atmete er tief ein und aus.
„Wie kommst du darauf“, entkam es Eren, ehe er darüber nachdenken konnte, und seine Stimme klang genauso ungläubig und verwirrt, wie er sich gerade fühlte. Levi schwieg eine Sekunde, dann hob er die Schultern, aber es wirkte nicht bemüht lässig, sondern einfach nur leicht hilflos.
„Ich verstehe, wenn du mir jetzt nicht mehr vertraust. Aber ich hoffe du weißt, dass ich dir so etwas immer sagen werde, wenn wir in einer Beziehung sind. So etwas werde ich nie vor dir verheimlichen. Ich weiß, dass es jetzt leicht ist so etwas zu sagen, aber ich würde dir nie mit Absicht wehtun. Verstehst du das? Das mit Erwin…“
Seine Stimme brach ab und ihm entkam ein Geräusch, das leicht verzweifelt klang.
„Ist eine schwierige Geschichte“, beendete Eren seinen Satz und Levi atmete tief aus, nickte dann leicht. Eren zögerte einen Moment lang.
„Ist es jetzt…also, ist es jetzt vorbei? Das zwischen dir und Erwin? Endgültig?“
Er wusste nicht genau, warum er das fragte. Eigentlich konnte es ihm egal sein, aber das war es ihm nicht, weil er Erwin irgendwie wie eine Art Fremdkörper betrachtete, der in ihrer beider Leben gestolpert war. Wie etwas aus der Vergangenheit, das in der Gegenwart keinen Platz mehr hatte. Wie ein Geist, der einen heimsuchte. Levi hatte dennoch versucht ihm einen Platz frei zu räumen, obwohl er gewusst hatte, dass es nicht funktionieren würde, und jetzt…war er hier und er hatte einen Fehler begangen und es ging ihm nicht gut damit.
Eren fragte sich kurz, wie Levi sich wohl gefühlt hatte damals, als er noch mit Erwin in einer Beziehung gewesen war. Er hatte gesagt, dass er unglücklich gewesen war. Dass Erwin ihn in eine Richtung hatte drängen wollen, in der er sich einfach nicht mehr wohlgefühlt hatte. Und obwohl Levi mittlerweile erwachsen war, obwohl er mittlerweile wusste, was er wollte, wie er es wollte, wer er war und wie er war, so war er damals eben noch…jung und unsicher gewesen. Er hatte versucht sich aus Liebe an einen Menschen anzupassen, der nicht einmal die Anstalten dazu gemacht hatte dasselbe für ihn zu tun. Erwin hatte nur genommen. Und Levi hatte gegeben und gegeben und gegeben und…es hatte trotzdem nicht gereicht.

Was für ein Gefühl musste das sein? Er konnte sich das kaum vorstellen. Die Beziehung zwischen ihm und Levi war von Anfang an auf einer ganz anderen Basis gewesen. Levi hatte niemals von ihm verlangt, er hatte keine Erwartungen und Forderungen gestellt. Sie waren von Beginn an ehrlich zueinander gewesen. Manchmal schonungslos und manchmal war Eren auch extrem unsicher gewesen, aber Levi hatte niemals von ihm verlangt, dass er sich änderte. Nur, dass er sich weiter entwickelte. Er wollte nicht, dass Eren ein anderer Mensch war, jemand, der besser zu ihm passen würde. Eren war richtig so, aber er war eben noch nicht ganz angekommen. Und Levi blieb trotzdem. Genauso wie Eren.
Er würde garantiert nicht gehen, auch, wenn es manchmal schwierig wurde. Und er vertraute Levi, das tat er wirklich. Er wusste doch, dass Levi ihm niemals mit Absicht wehtun würde, er würde ihn nicht betrügen, er würde mit ihm darüber reden, auch, wenn es sich manchmal vielleicht wie Betrug anfühlen würde. Es wäre nicht immer leicht mit Levi eine Beziehung zu führen. Es wäre größtenteils sehr schön, so, wie es jetzt gerade war, angenehm und sicher, aber manchmal…wäre es eben auch anstrengend. Und dennoch…
…Eren wollte das können. Er wollte…
„Ich hoffe es.“
Er hob den Kopf und sah Levi an, der sich noch eine Zigarette angezündet hatte und ein paar Sekunden einfach nur auf die gegenüberliegende Wand starrte. Sein Gesichtsausdruck war ruhiger geworden. Angespannt war er noch immer, was Eren verstand, aber…er war ruhiger geworden.
„Es hat sich im ersten Moment richtig angefühlt, aber eigentlich ist es einfach nur falsch“, fuhr Levi dann fort und Eren nickte nur, obwohl er gar nicht so richtig wusste, wieso. Levi seufzte leise.
„Erwin gehört nicht mehr in mein Leben. Ich glaube aber, dass ich das gehofft habe. Ich wollte…dass er mich versteht. Dass er bereut. Und das hat er, für ein paar Minuten. Aber im Endeffekt…war ich nur etwas, nach dem man sich sehnt, auf das man ausweichen will, wenn einem alles zu viel wird. Für mehr reiche ich aber nicht aus. Mehr geht für Erwin nicht. Und ich will das nicht. Deswegen…“
Er verstummte für einen Moment.
„Ich dachte, ich hätte damals schon einen Schlussstrich gezogen. Aber das war Bullshit. Sonst wäre ich nicht so auf ihn angesprungen. Und ich hasse mich dafür. Es geht mir besser, wenn er nicht in meinem Leben existiert. Beschissen, dass ich dafür erst mit ihm im Bett landen musste.“
Seine Stimme klang bitter und Eren machte ein Geräusch, das verstehend klang.
„Vergessen kannst du ihn wahrscheinlich nie. Und ich verstehe das. Aber…“ Er zögerte. „Ich kenne ihn nicht. Aber nach allem, was du mir erzählt hast, kann ich sagen, dass er nicht gut für dich ist. Ich will dich nicht bevormunden, das Recht habe ich nicht. Aber…ich will nicht, dass es dir wehtut. Und das wird es wohl immer, oder“
Levi sagte für einen Moment nichts. Er aschte seine Zigarette ab, dann warf er ihm einen Blick zu. Der Ausdruck in seinen Augen war merkwürdig weich, und Eren versuchte zu lächeln, ihm irgendwie ein sicheres Gefühl zu vermitteln, aber wirklich gelingen wollte es ihm nicht.
Levi sah ihn noch ein paar Sekunden lang an, dann wandte er den Blick ab.
„Wahrscheinlich. Aber es ist besser, wenn er sein perfektes Leben in München weiterführt und wir einander einfach vergessen. Ich glaube, dass das das letzte Mal war, das wir uns gesehen haben. Zumindest hat es sich so angefühlt. Vielleicht sollte mir das helfen, damit ich mich besser fühle. Aber mir geht’s immer noch beschissen.“
Er schwieg eine Sekunde.
„Es tut mir leid“, fügte er dann hinzu und Eren legte den Kopf schief. Levi schien kurz zu zögern. „Ich hätte dir mehr darüber erzählen sollen. Ich hätte…dir das sagen sollen. Ich kanns nicht mehr rückgängig machen und am Ende ist es mein Fehler gewesen. Das hatte nichts mit dir zu tun. Und jetzt…“
Er brach ab. Rieb sich dann über das Gesicht und es wirkte immer noch fahrig, aber zumindest etwas ruhiger.
„Ich mache dir keine Illusionen. Wenn ich jemanden treffe, den ich mag, dem ich nah sein will, mit dem ich mir sogar mehr vorstellen kann, wird das passieren. Ich werde dahingehend nicht zurückstecken und mich nicht verbiegen, damit du zufrieden und glücklich bist, weil ich es dann nicht mehr wäre. Verstehst du das? Und ich werde mich nicht für meine Gefühle rechtfertigen. Ich werde auch kein schlechtes Gewissen haben, nicht darauf verzichten, weil du einen anderen Menschen an meiner Seite nicht sehen kannst und eifersüchtig wirst. Wenn ich mit jemandem eine Beziehung eingehe, will ich, dass derjenige es akzeptieren kann. Wenn derjenige es nicht akzeptieren kann, bin ich nicht bereit diese Beziehung weiterzuführen, ganz egal, wie wichtig mir diese Person ist. Ich werde nicht zurückstecken. Ich werde auch nicht monogam leben, nur für dich. Ich kann Kompromisse eingehen, ich kann darüber reden und versuchen es für uns beide so angenehm und akzeptabel wie möglich zu machen. Wenn du jemanden überhaupt nicht magst und für mich nicht mehr als Sex im Raum steht, kann ich darüber reden. Wenn es jemanden gibt, den du nicht an meiner Seite ertragen kannst, gibt es eine Lösung. Du musst diese Person dann nicht sehen und ich werde mich darum bemühen dich damit nicht zu belasten. Aber ich werde nicht monogam leben. Wenn du das also nicht kannst und das Gefühl hast ich würde dich betrügen, weil ich mich in einen anderen Menschen verliebe oder ihn auf irgendeine andere Art anziehend finde, mir mehr mit ihm vorstellen kann oder einfach nur mit ihm schlafen will, dann funktioniert das nicht. Vielleicht ist das auch besser so, weißt du. Ich will dir nicht wehtun. Ich will nicht, dass es dir beschissen damit geht und ich Fehler mache und deshalb…jetzt haben wir vielleicht noch einen Grund mehr dafür es so langsam anzugehen wie möglich. Wenn du das überhaupt noch willst. Wenn nicht…verstehe ich das und ich werde das auch akzeptieren. Aber…“

Seine Stimme brach ab, er wirkte leicht nervös, und im ersten Moment wusste Eren gar nicht so genau, was er darauf antworten sollte. Im Grunde wusste er all diese Dinge schon, sie waren ihm klar gewesen, er hatte gewusst, worauf er sich einstellen musste, wenn er mit Levi eine wirklich ernsthafte Beziehung einging, aber sie jetzt so zu hören…führte ihm das Ganze noch einmal richtig vor Augen.
Es stimmte. Levi würde sich für ihn nicht ändern. Er könnte Kompromisse eingehen, er würde ihm auch nichts verheimlichen, aber er würde…immer Menschen um sich herum haben, die ihm ebenfalls etwas bedeuteten. Die er vielleicht auch liebte, immer auf eine andere Weise, aber dennoch. Er musste kurz an Petra denken und an das, was sie gesagt hatte vor ein paar Tagen. Dass Levi ihn nicht weniger als einen anderen Menschen lieben würde, auch dann nicht, wenn er sich mit einem anderen in einer Beziehung befand. Die Gefühle, die Levi für Eren hatte, waren nicht vergleichbar mit denen für andere. Das waren die Gefühle zwischen ihnen beiden. Und trotzdem…
…konnte er das? Wollte er das? Levi war bereit es zu versuchen. Und Eren hatte sich das gewünscht, weil er Levi nah sein wollte, weil er wollte…dass sie Partner waren, in vielerlei Hinsicht. Levi war bereit dafür. Und Eren…wusste mit einem Mal nicht so genau, ob er das schon war.
Wenn ihn das mit Erwin schon irgendwie so verletzt und enttäuscht hatte, obwohl sie noch nicht einmal in einer Beziehung waren und Levi immer noch jede Freiheit hatte, die er wollte, dann…war er sich nicht ganz sicher, wie er später darauf reagieren würde, wenn Levi jemanden traf, dem er nah sein wollte. Er glaubte, dass es auf die Person ankam, die Levi kennen lernte. Und darauf, wie Levi es ihm sagte. Wann er es ihm sagte. Unter welchen Umständen er es ihm sagte. Er hatte ein Recht darauf und er hatte immer geglaubt, dass es vorrangig Levi war, der sich noch nicht bereit dazu fühlte, aber eigentlich…
…war es er selbst.
Er wusste überhaupt nicht, was er jetzt sagen oder denken sollte, in seinem Kopf schwirrte es und obwohl er sich eigentlich sicher war, dass er das wollte, er wollte eine Beziehung mit Levi, so…fürchtete er sich in demselben Maße auch davor.
Er wollte sich nicht verletzen. Er wollte auch Levi nicht verletzen. Er wollte keine Besitzansprüche stellen und Levi in eine Richtung drängen, in der er weder sein konnte noch wollte, nur weil er ihn liebte und nicht teilen wollte. Er wollte nicht so sein wie Erwin und er wollte, dass Levi glücklich war, dass er selbst es aber ebenfalls sein konnte. Und könnte er das? Könnte er damit leben einen anderen Menschen an Levis Seite zu wissen als sich selbst?
Dabei hatte es ihn beispielsweise bei Juri niemals nennenswert gestört, obwohl er wusste, dass sie in einer Beziehung waren. Vielleicht war es leichter, weil er Levi bereits so kennen gelernt hatte. Er hatte Juri nicht in all der Zeit getroffen, in der sie sich näher gekommen waren, Juri war mit Levi in sein Leben getreten und er wusste zwar, was sie taten und manchmal fühlte es sich merkwürdig an, aber…Juri war in Ordnung. Und Levi schien es mit ihm gut zu gehen.
Er fragte sich kurz, ob er wohl so weit zurückstecken könnte, um mit Levi eine Beziehung dieser Art führen zu können. Er fragte sich, ob er das ertragen könnte, nein, ob er damit leben könnte, ohne sich ständig schlecht und niedergeschlagen, enttäuscht und wütend zu fühlen. Eine eindeutige Antwort konnte er sich darauf allerdings nicht geben. Dabei wollte er das. Er wusste, dass es mit Levi schön sein würde. Es war gerade jetzt schon schön, auch, wenn manchmal Dinge passierten, die es eben nicht in diesem Maße waren und ihnen beiden wehtaten.
Aber es war schön in seiner Nähe zu sein. Irgendwo geliebt zu werden und einen sicheren Hafen zu haben, jemanden, mit dem man reden konnte und zu dem man ehrlich sein konnte, egal, was passiert war. Er glaubte nicht, dass Levi ihn jemals betrügen würde, im Grunde hatte er es auch diesmal nicht getan, er schuldete Eren keine Rechenschaft dafür, und er war sich auch bewusst, dass Levi es ihm immer sagen würde.
Eren hatte nur keine Ahnung wie er damit umgehen würde. Er hatte Angst, dass er dann eifersüchtig und wütend werden würde, Levi einschränken würde in seiner Freiheit und ihn somit nur von sich wegtrieb. Dabei konnte er das gerade jetzt nicht wirklich sagen.
Womöglich würde er von Levis Liebschaften nicht allzu viel mitbekommen. Levi war kein Mensch, der leichtfertig feste und ernsthafte Beziehungen einging, aber…da wären eben Personen, die ihm auf verschiedenste Art und Weise nah standen und Eren würde niemals an erster Stelle stehen. Nun, auf eine gewisse Weise schon, er stand dann eben in Levis Leben, fester als Menschen, mit denen er nur Sex hatte oder einfach eine innige Freundschaft pflegte, aber…es gäbe immer Menschen, zu denen sich Levi hingezogen fühlen würde. Es gäbe immer Menschen, die…von ihm in einem selben und doch in einem anderen Maße geliebt werden würden. Also…

…konnte er das? Er wollte es, keine Frage. Für ihn fühlte es sich bereits so an als wären sie in einer Beziehung. Aber würde ein Stempel, würde der Begriff etwas verändern? Es irgendwie endgültiger machen und ihn dann in seinem eigenen Handeln beeinflussen? Er hoffte es nicht.
Er würde schon sagen, dass er rational denken und handeln konnte. Jetzt. Aber was, wenn er von seinen Emotionen geleitet werden würde? Wenn er dann Fehler machte? Dabei kannten sie sich doch. Und er konnte mit Levi immer darüber reden. Wenn ihm etwas nicht gefiel, wenn er sich nicht wohlfühlte mit einer bestimmten Situation, würden sie miteinander darüber reden. Sie würden ehrlich zueinander sein und vielleicht wären sie nicht immer derselben Meinung, aber…Levi mochte ihn ganz augenscheinlich so gerne, dass er bereit war es zu versuchen, obwohl er sich damit lieber Zeit lassen wollte. Er wollte in einer Beziehung mit ihm sein, er würde sich diesen Stempel aufdrücken, weil er das wollte. Er war ehrlich zu ihm. Also…
„Ich weiß nicht genau, welche Antwort darauf die Richtige ist“, gab er schließlich leise zu und Levi warf ihm einen Blick zu, den er nicht ganz deuten konnte. Eren schluckte schwer, schüttelte leicht den Kopf.
„Ich hab ein bisschen Angst, wenn ich ehrlich bin, und unsicher bin ich auch. Es ist nicht so als würde ich dir nicht vertrauen. Ich weiß, dass du niemals böswillig so handeln würdest und dass du mit mir darüber reden würdest, wenn Sachen wie diese hier passieren. Aber ich hab ein bisschen Angst, dass…“
Er verstummte, weil er nicht genau wusste, was er sagen sollte, und Levi sah ihn noch einen Moment lang an, dann sackten seine Schultern nach unten und er schloss die Augen.
„Das ist ein beschissener Zeitpunkt, um das zu sagen, ich weiß. Ich hab mit meinem beschissenen Exfreund gepennt, den du nicht mal kennst, und komme jetzt mit irgendeiner Beziehungsscheiße an. Ich will nur, dass du das weißt. Ich wäre bereit dazu, weil sich das mit dir anders anfühlt als das mit Erwin und weil ich glaube…aber ich verstehe, wenn du das nicht mehr willst. Wenn du Angst hast, dass es dir damit nicht gut geht. Ich verstehe auch, wenn du mir jetzt nicht mehr traust und deshalb…“
„Ich vertraue dir“, sagte Eren, völlig instinktiv, weil er das wirklich tat, und Levi spannte leicht die Schultern an, wandte den Blick ab. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und Eren schwieg eine Weile, sah ihn einfach nur an. Er leckte sich über die Unterlippe und legte Worte in seinem Kopf zurecht, merkte dann, wie bescheuert das war.
Sie wollten doch…ehrlich zueinander sein. Und vielleicht war es besser, er würde einfach aussprechen, was er dachte, ohne groß um den heißen Brei herum zu reden.
„Ich will nicht, dass es so wird wie mit Erwin“, sagte er dann leise und Levi schien einen Augenblick lang nicht zu verstehen was er meinte, also schüttelte Eren leicht den Kopf.
„Ich will nicht…dass wir uns beide irgendwann…komisch und scheiße fühlen. Ich will…dass es schön ist, und dass wir…ich hab Angst…dass ich dich dränge. Und dass ich mehr von dir will als du mir geben kannst. Und ich will das nicht kaputt machen, ich will nicht, dass du mich irgendwann hasst und dass du dich von mir distanzierst, weil ich…Schwierigkeiten mit deiner Lebensweise habe und nicht damit umgehen kann. Ich will nicht…ich will, dass es uns beiden damit gut geht. Und dass ich selber auch nicht zurückstecken muss, wie du das bei Erwin gemacht hast. Deshalb…
„Leicht sein wird es nicht“, sagte Levi schließlich und Eren sah ihn an. „Ich kann dir nicht versprechen, dass wir immer glücklich sind. Aber ich werde das versuchen. Ich kann…Kompromisse eingehen. Und mit dir über alles reden, was passiert. Wenn du das aber nicht mehr willst und dich unwohl damit fühlst…kann ich das auch akzeptieren. Ich will das. Vielleicht reicht das aber nicht mehr.“
Er schwieg eine Sekunde.
„Es wird nie so sein wie mit Erwin. Und das ist gut so. Du bist ganz anders als er. Und mir geht es gut mit dir. Wenn es dir also auch gut damit geht, dann…“
„Okay“, sagte Eren und Levi warf ihm einen Blick zu. Er schien kurz versucht zu sein noch etwas zu sagen, aber dann nickte er nur und sah weg.
Sie schwiegen einen Moment lang. Draußen war es dunkel und von der Straße drang kein Laut nach oben. Und Eren brauchte einen Augenblick lang, um das Gespräch, das sie gerade geführt hatten, irgendwie sacken zu lassen, es irgendwie zu verinnerlichen, überlegte sogar kurz, ob er sich nun zurückziehen sollte, zum einen, um Levi den nötigen Raum zu geben das alles, was passiert war, selbst zu verarbeiten, und zum anderen, um sich selbst einmal zu sammeln. Kurz Ruhe zu finden, einfach kurz…abzuschalten und vielleicht nicht unbedingt nachzudenken, aber wenn, dann um seine Gedanken zu ordnen.
Aber als Levi sagte „Danke, dass du nicht gegangen bist“, fühlte es sich falsch an. Er würde nirgendwohin gehen. Er würde genau hier bleiben.


Er hatte keine Ahnung, wie lange sie so in diesem Bett lagen, völlig schweigend und schläfrig. Ein paar Male war er sogar kurz eingeschlafen, mit Levi an seiner Seite, der wohl nicht wirklich Ruhe finden konnte, aber er war jedes Mal nach ein paar Minuten, zumindest kam es ihm so vor, wieder aufgewacht und war ein wenig verwirrt gewesen.
Hatte sich umgesehen, schließlich realisiert, dass er in Levis Bett lag, direkt neben ihm, und dann waren die Geschehnisse zurück in sein Gedächtnis gesickert und er hatte zumindest einigermaßen Ruhe gefunden. Sie hatten nicht weiter über das gesprochen, was passiert war, aber Eren glaubte, dass das in Ordnung war. Manchmal konnte man nicht mehr sagen als das und ohnehin…
…sie waren beide müde. Sie waren beide erschöpft. Sie hingen beide ihren ganz eigenen und doch so ähnlichen Gedanken nach und manchmal war Schweigen auch gut. Vor allem in dieser Situation. Eren wüsste ohnehin nicht, was er noch sagen sollte. Seiner Meinung nach, waren bereits alle Dinge gesagt worden. Sie hatten darüber gesprochen, sie waren ehrlich zueinander gewesen und ja, diese Sache mit Erwin hing noch immer in seinem Gedächtnis, ganz vorne, wie ein leuchtendes Neonschild, aber langsam, mit der Zeit, stetig, wurde die Farbe blasser und blasser und eigentlich…
...er wusste, dass es bescheuert war zu denken, dass Erwin nun vollständig aus Levis Leben verschwunden war. Er war nach wie vor seine erste Liebe. Natürlich verband er viel Schreckliches mit ihm, aber sicherlich auch viel Schönes. Das zwischen ihnen würde Eren niemals ganz verstehen, aber Levi wusste, dass es nicht gut für ihn war, auch, wenn er sich danach gesehnt und es sich erhofft hatte. Erwin würde niemals wieder sein Partner sein. Es würde nicht funktionieren. Und vielleicht würde er ihn nicht vergessen, sicherlich nicht, aber…Erwin war Vergangenheit. Und das sollte er auch bleiben.

Er drehte sich auf die Seite und warf Levi einen Blick zu, der neben ihm unter der Decke lag und auf sein Handy starrte. Eren dachte einen kurzen, schrecklichen Moment lang, dass er mit Erwin schreiben würde, was natürlich schwachsinnig war, aber als er eine leise Stimme irgendetwas über die rechtspatriotische Szene Berlins sagen hörte, entspannte er sich beinahe unmerklich wieder. Es war einfach nur irgendeine, politische Dokumentation, die Levi sich ansah, um sich abzulenken und wahrscheinlich auch, weil er sowieso keine Ruhe fand.
Eren konnte das verstehen. Das alles, was heute passiert war, hatte ihn angestrengt, sowohl mental als auch…nun ja, sicherlich irgendwo auch körperlich. Tatsächlich hatte sich Eren darüber nicht wirklich Gedanken gemacht. Sicher, er wusste, dass er irgendwann einmal, wenn Levi jemanden traf, dem er nah sein wollte, auch darüber nachdenken würde, aber…die körperliche Nähe an sich hatte ihn irgendwie weniger gestört als die Tatsache, dass Levi auch irgendwie emotional an Erwin gebunden war. Dass er ihm auch emotional nah gewesen war. Der Gedanke, dass da jemand war, der Levi so viel näher stand als er selbst, gefiel ihm weitaus weniger als der Gedanke an Sex.
Für ihn war körperliche Nähe zwar immer mit Gefühlen einhergegangen, zumindest hatte er es so kennen gelernt und damit fühlte er sich am wohlsten, aber er wusste auch, dass Sex nicht immer gleich Liebe war und Liebe war nicht immer gleich Sex. Manche Menschen sahen das so und manche Menschen sahen das anders.
Er wusste, dass Levi sicherlich jemand war, der es mehr genoss jemandem körperlich nah zu sein, wenn er sich auch emotional zu ihm hingezogen fühlte, aber…er konnte hierbei sicherlich auch anders denken. Manchmal reichte es in seinen Beziehungen nur für Sex. Und einen Moment lang dachte Eren wie bescheuert es eigentlich war, dass er damit sicherlich besser klarkommen würde. Mit den Menschen, mit denen Levi nur Sex hatte anstatt sie wirklich zu lieben, wirklich wahrhaftige Gefühle für sie zu hegen.
Vielleicht hatte er die Hoffnung, dass er dadurch, dass Levi ganz offensichtlich verliebt ihn war, einen größeren Stellenwert hatte als nur rein sexuelle Beziehungen, dabei war das irgendwie idiotisch. Aber gleichzeitig glaubte er, dass das stimmte. Mit Menschen, die Levi sexuell anziehend fand, ging er keine Beziehung ein. Das war immer nur jenen Personen vorbehalten, die er liebte. Und das tat er wohl.
Er merkte, wie sich irgendetwas in seinem Magen zusammenzog, aber es fühlte sich nicht unangenehm oder schmerzhaft an. Eher warm. Und sicher, er musste diese Sache mit Erwin erst einmal sacken lassen, aber…spielte das überhaupt noch eine Rolle? Levi hatte einen Fehler begangen. Reichte es nicht darüber zu reden und ihn dann einfach als das zu belassen, was er war? Ein Fehler? Eren wollte sich daran nicht aufhängen. Ihm war nach wie vor bewusst, dass Levi ihn niemals betrügen würde. Er würde ihm immer sagen, wenn mit einer anderen Person etwas mehr im Raum stand, ganz egal, auf welche Weise. Er würde nicht einfach seine Freiheit durchsetzen, weil er wusste, dass er Eren damit verletzen würde. Er würde es ihm immer sagen. Er würde auch Kompromisse eingehen. Sie würden darüber reden können und Levi würde sicherlich seine Freiheit wollen, aber Eren glaubte nicht, dass er sich einfach über Erens Wohlbefinden hinwegsetzen würde.
Alles hatte Grenzen. Und wenn Levi mit jemandem eine Beziehung einging, meinte er es ernst. Und er wollte das.

„Alles okay?“
Er zuckte leicht zusammen und wandte den Blick von dem Handy in Levis Hand ab, sah den Älteren an, der ihn musterte. Seine Lider waren schwer und er wirkte immer noch leicht erschlagen, aber so viel gelassener als noch vor wenigen Stunden.
Er strich sich das Haar zurück, als Eren ihn stumm anstarrte, und sperrte dann das Handy, legte es neben sich auf das Bett, schloss kurz die Augen. Er sah so müde aus. Aber ganz offensichtlich würde er in dieser Nacht nicht schlafen können. Also…
„Ich habe nur nachgedacht“, sagte Eren ehrlich und Levi öffnete blinzelnd die Augen, schenkte ihm einen fragenden Blick.
Eren schluckte einmal schwer, dann drehte er sich auf den Rücken und sah an die Decke. Eigentlich wollte er nicht weiter darüber reden, für sie beide war der Tag und das folgende Gespräch extrem anstrengend gewesen, er fühlte sich wie durchgekaut, aber…
„Wirst du mir von allen Menschen erzählen, die du kennen lernst?“, fragte er leise und er wagte es einen Moment lang nicht Levi anzusehen, aber als Levi ein merkwürdiges Geräusch machte, warf er ihm einen Blick zu. Levis Gesichtsausdruck war leicht belustigt, allerdings war er auch immer noch müde.
„Wenn du das möchtest“, sagte er und er löste seinen Blick nicht eine Sekunde von Eren. Eren erwiderte ihn noch kurz, dann hob er leicht die Schultern.
„Wie machst du das denn mit Juri?“, wollte er schließlich wissen und Levi sagte einen Augenblick lang nichts darauf. Dann drehte er sich auf die Seite und Eren spürte seine Hand, ehe er sie sah. Sie zupfte ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blieb dann einfach neben ihm liegen.
Levi berührte ihn nicht. Vielleicht aus Respekt, vielleicht aus Angst, dass Eren ihn aufgrund dessen, was geschehen war, abweisen würde, dabei…
Levi schwieg noch einen Moment, dann atmete er leise aus.
„Von meinen rein sexuellen Partnern will er nichts wissen“, sagte er dann und Eren nickte mechanisch, weil er sich das schon fast gedacht hatte.
Eigentlich war es auch bescheuert, dass er die Beziehung zwischen Levi und Juri als Vergleichsgrundlage heranzog, schließlich war er ganz anders als Juri. Er dachte anders, er sah das anders, aber er wollte eben…er wollte sich irgendwie einen kleinen, erst einmal überschaubaren Rahmen schaffen, damit er wusste, wie er auf manche Situationen reagieren sollte.
Und vielleicht war es doch nicht so falsch und bescheuert gewesen das anzusprechen. Für ihn spielte es schließlich eine Rolle, somit für Levi ebenso. Sie waren beide in dieser Beziehung. Sie mussten irgendwie…
„Alles, was darüber hinausgeht, sage ich ihm“, fuhr Levi fort. Dann drehte er sich zurück auf den Rücken.
„Ich hab ihm auch von dir erzählt. Schließlich bist du keine rein sexuelle Geschichte für mich, weißt du. Aber…Juri tickt da ein bisschen anders. Er hat kein Problem damit. Meine anderen Partner sieht er gar nicht wirklich. Dazu muss man aber auch sagen, dass ich neben ihm ewig keine richtige Beziehung hatte. Die letzte hatte ich mit Annie und das ist schon ewig her. Er hat kein Problem damit.“
Einen Moment lang blieb es still, dann warf Levi ihm einen Blick zu, den Eren erst nach ein paar Sekunden erwiderte. Levi musterte ihn kurz, dann hob sich sein Mundwinkel ganz leicht, aber es wirkte einfach nur sehr müde und trotzdem…wirkte es schön auf ihn. Levi hatte ihn schon so oft angelächelt. Niemals so, wie Hanji oder Isabel es taten. Aber bei Levi hatte es auch irgendwie eine andere Bedeutung für ihn. Und gerade jetzt, nach all der Scheiße…tat es gut das zu sehen.
„Willst du denn, dass ich dir alles erzähle?“, fragte Levi dann leise und Eren sagte ein paar Sekunden lang nichts, ehe er sich zurück auf die Seite drehte und nach einer Haarsträhne fischte, die sich in seine Stirn gemogelt hatte, sie nach hinten schob.
„Ja“, sagte er ehrlich und Levi nickte nur. Eren zögerte einen Moment. „Also…habe ich dabei ein…ich weiß, das klingt bescheuert, aber eine Art Mitspracherecht? Ich will keine Forderungen stellen, aber - “
„Man kann über alles reden, Eren“, unterbrach Levi ihn und griff nach seinem Handgelenk, als Eren seine Hand zurückziehen wollte. Sein Gesichtsausdruck war ernst, aber er war auch wahnsinnig weich.
„Wie gesagt, wir werden nicht immer derselben Meinung sein. Aber das wichtigste ist, dass wir darüber reden. Okay? Also wenn dich etwas stört, wenn du dich unwohl fühlst, wenn du wütend wirst oder Angst hast…musst du mir das sagen. Das ist wichtig. Verstehst du?“

Er nickte nur leicht und Levi ließ sein Handgelenk los. Musterte ihn noch einen Moment lang, aber er sagte nichts weiter und Eren schluckte schwer, dachte kurz, nur kurz, an das, was vor ein paar Tagen passiert war, was ihn aufgewühlt hatte und was er Levi immer noch nicht erzählt hatte, dabei hatte er das wirklich tun wollen, weil es ihn beschäftigt und belastet hatte, aber…es hatte einfach keinen Raum dafür gegeben. In den letzten Tagen war so viel passiert und er glaubte nicht, dass Levi den Kopf dafür gehabt hätte, auch, wenn er ihm sicherlich zugehört und beigestanden hätte.
Und gleichzeitig…vielleicht hatte Eren ihn damit einfach nicht belasten wollen. Ihm nicht noch mehr Stress und Unruhe aufbürden wollen. Aber es war wichtig. Ihm war es wichtig. Es hatte ihn aufgewühlt und sicher, in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte er nicht wirklich darüber nachgedacht, weil so viele andere Dinge geschehen und in seinem Kopf herumgeflogen waren, aber…sein Vater war immer noch da. Irgendwo in einer Seitentasche seines Gehirns und wenn man die Hand hineinschob, wurde man gestochen. So wie jetzt.
„Ich hab vor ein paar Tagen meinen Vater gesehen“, platzte es aus ihm heraus, ehe er sich davon hätte abhalten können.
Er wusste, dass das hier wahrscheinlich kein richtiger Zeitpunkt dafür war, dass es sie beide wahrscheinlich nur noch mehr anstrengen würde, und eigentlich hatte er in den letzten zwei Tagen nicht wirklich viel darüber nachgedacht. Sein Kopf war gefüllt gewesen mit ganz anderen Dingen, die ihn beschäftigt hatten, aber jetzt, wo das Gesicht seines Vaters vor seinem geistigen Auge auftauchte, er sich urplötzlich daran erinnerte, wie er sich bei dem Anblick gefühlt hatte, konnte er irgendwie nicht…
Einen Moment lang blieb es still zwischen ihnen. Eren starrte auf irgendeinen Punkt auf dem Bettlaken, der nicht einmal existierte, und er wagte es auch kurz nicht Levi anzusehen, wahrscheinlich würde Levi denken, wie bescheuert dieser Zeitpunkt gewählt war, dass das hier überhaupt gar keinen Platz hatte, schließlich hatten sie über ganz andere Dinge gesprochen, über wichtigere Dinge, aber nach ein paar Sekunden machte Levi ein merkwürdiges Geräusch, das er nicht ganz deuten konnte und das ihn dazu bewegte den Blick zu heben und ihn anzusehen.
Levis Gesichtsausdruck war schwierig zu beschreiben. Da war eine Mischung aus Fragen, aus Verständnislosigkeit, gleichzeitig aus…Fassungslosigkeit und…
Eren atmete tief aus und wandte den Blick ab, drehte sich auf den Rücken und fühlte sich bescheuert. Das hatte hier keinen Platz. Und außerdem. Was war schon dabei? Was war schon…
„Warum sagst du mir das erst jetzt“
Levis Stimme klang nicht wackelig oder unsicher, auch nicht wütend oder enttäuscht, aber…irgendwie leicht fassungslos. Er wusste nicht viel über Grisha, Eren hatte ihm noch nicht viel darüber erzählt, aber Levi hatte sich sicherlich schon ein Bild von ihm gemacht, sich die eine oder andere Sache selbst erklären können. Das Verhältnis zwischen Eren und seinem Vater war…schwer zu erklären. Er hasste ihn nicht. Aber für ihn war er eben…etwas Fremdes, das ihm gleichzeitig so vertraut war.
Die Beziehung zwischen ihnen beiden war an dem Tod seiner Mutter kaputt gegangen, dabei würde Eren auch nicht behaupten, dass er zu Grisha immer ein sehr inniges und gutes Verhältnis gehabt hatte. Dafür waren sie zu verschieden gewesen, Grisha selbst zu festgefahren und es waren zu viele Dinge geschehen, die das Vertrauen ineinander erschüttert hatten. Und in seiner Zeit auf der Straße hatte er Grisha nicht vergessen, aber…nun, er hatte auch nicht wirklich mit ihm abgeschlossen.
Ehrlich gesagt hatte er die körperliche Distanz auch irgendwie gezogen, um sich emotional von ihm zu entfernen. Er war damit nicht zurechtgekommen. Nicht mit dem Wesen seines Vaters, das so unendlich traurig, gleichzeitig so wütend gewesen war, nicht mit dem Alkohol, nicht mit dieser…nicht mehr vorhandenen Beziehung zwischen ihnen beiden. Es war zuhause schon so gewesen als wären sie Fremde. Zwischen ihnen hatte es keine Berührungspunkte mehr gegeben. Und jetzt…

„Es erschien mir nicht so wichtig“, sagte Eren schließlich leise und es stimmte wohl irgendwo auch.
In den letzten Tagen waren ganz andere Dinge an erster Stelle gestanden. Und außerdem…im Vergleich zu den Dingen, die Levi beschäftigten, die Sache mit Erwin, seine Kindheit, erschien ihm die Begegnung mit seinem Vater beinahe schon lächerlich banal. Er wusste im Grunde, dass er seine eigenen Probleme nicht hinten anstellen durfte. Es hatte nur einfach…keinen Raum dafür gegeben. Er hatte Levi damit nicht noch zusätzlich belasten wollen.
„Eren“
Er drehte vorsichtig den Kopf und begegnete Levis Blick sofort. Der Ältere sah ihn einen Moment lang stumm an, dann zog er die Augenbrauen zusammen und schüttelte leicht den Kopf.
„Es ist wichtig“, sagte er, seine Stimme klang nicht scharf oder wütend, aber…ernst. Eren starrte ihn ein paar Sekunden an, dann wandte er den Blick wieder ab. Er fühlte sich urplötzlich ein wenig…bescheuert.
Levi hatte Recht. Es war wichtig, aber…
„Aber dir ging es in letzter Zeit nicht gut“, murmelte er dann und Levi machte ein Geräusch, das er nicht ganz definieren konnte. Er hob ungelenk die Schultern. „Ich dachte einfach…dass es nicht so wichtig ist. Ich wollte dich damit nicht belasten. Und eigentlich…ist es ja auch echt lächerlich. Ich hab nicht mal mit ihm geredet. Ich hab ihn nur auf der Straße gesehen und bin sofort wieder gegangen.“
„Warum hast du mir das nicht sofort erzählt“
Er linste zu Levi hinüber. Der Ältere hatte einen ungläubigen Ausdruck auf dem Gesicht, mit dem Eren im ersten Moment nicht wirklich umgehen konnte. Er zuckte mit den Schultern.
„Du warst nicht da. Ich bin sofort danach ins Studio gegangen, aber Mikasa meinte, dass du beim Arzt bist. Und danach…na ja, du hattest Stress. Und dann kam die Sache mit Erwin und irgendwie…war da kein Platz dafür. Und du hast mir schließlich auch nicht immer gleich alles erzählt.“
Der letzte Satz war ihm einfach nur herausgerutscht und nicht einmal eine Sekunde später hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Dabei…war das ja auch irgendwie keine Lüge. Er machte Levi keinen Vorwurf, Levi hatte ganz andere Gründe dafür gehabt, die Dinge, die er ihm nicht sofort erzählt hatte, waren eben schwer auszusprechen gewesen, von einem ganz anderen Kaliber als das, was Eren so beschäftigte, aber dennoch…es hatte nicht so klingen sollen, wie es im Nachhinein in Erens Ohren klang. Irgendwie vorwurfsvoll.
Levi erwiderte seinen Blick einen Moment lang schweigend, dann wandte er sich ab. Er schien nachzudenken, seine Stirn war gerunzelt und ganz augenscheinlich nahm er Eren seine Worte auch nicht übel. Wie auch? Sie waren schließlich die Wahrheit. Eren war einfach nur ehrlich gewesen. Und dennoch…
„Die Dinge, die dich beschäftigen, sind nicht weniger wert“, sagte Levi schließlich leise und Eren nickte mechanisch. Levi warf ihm einen Blick zu. Sein Mundwinkel hob sich leicht.
„Egal, was ist und wie ich mich fühle…solche Dinge musst du mir sagen, wenn sie dich belasten, okay? Vielleicht brauche ich einen Moment, bis ich mich damit richtig befassen kann, aber sie sind mir nicht egal. Verstehst du das?“
„Ja.“
Das tat er wirklich.
Einen Moment lang war es still zwischen ihnen, dann drehte Levi sich auf die Seite und sah ihn an. Sein Gesichtsausdruck wirkte ruhig, nicht unbedingt besorgt, aber fragend. Er schien irgendetwas auf seinem Gesicht zu suchen, das Eren nicht auf Anhieb benennen konnte.
„Wie geht’s dir damit“, fragte er dann leise und Eren sah ihm noch kurz in die Augen, dann hob er die Hand und fuhr sich über das Gesicht. Er schluckte.
„Ich weiß nicht genau“, sagte er wahrheitsgemäß. „Im ersten Moment war ich total überfordert. Ich hab ihn ewig nicht mehr gesehen, seit zwei Jahren nicht mehr. Und ich hatte Angst, dass er mich sieht, also bin ich einfach…gegangen. Und dann hab ich mit Mikasa geredet.“
Er musste kurz schmunzeln, aber es tat mehr weh als dass es sich gut anfühlte.
„Na ja, eigentlich hab nur ich geredet. Und ich hab geheult. Im Nachhinein wars mir echt peinlich, aber…“
Er verstummte und hob hilflos die Schultern.
Levi schwieg ein paar Sekunden, aber er spürte seinen Blick dennoch auf sich.
„Bist du wütend auf ihn?“, fragte er dann und irgendwie warf ihn diese Frage ein wenig aus der Bahn, obwohl er sich das ungern eingestehen wollte. Er warf Levi einen Blick zu und wusste kurz nicht, was er darauf sagen sollte.
Dann schluckte er schwer.
„Nicht unbedingt wütend“, sagte er langsam, er zögerte. „Aber…es ist ein bisschen so, als würde ich ihn gar nicht mehr kennen, weißt du. Als wäre das einfach…irgendein alter Mann auf der Straße. Aber gleichzeitig fühlt es sich vertraut an.“
Er kratzte sich am Kopf.
„Verstehst du, was ich meine?“
„Ich denke schon“, meinte Levi und Eren sah ihn an. Der Ältere wirkte immer noch erschöpft und niedergeschlagen, aber ganz offensichtlich versuchte er für Eren eine halbwegs gefasste Miene aufzusetzen. Eren wusste nicht genau, ob er das gut oder schlecht finden sollte.
„Mein Vater und ich hatten nie so ein schlechtes Verhältnis wie du und Kenny“, fuhr Eren dann fort und richtete die Augen an die Decke. Ein Auto fuhr vorbei und das Licht flackerte kurz, Schatten tanzten. Aber der Moment war zu schnell vorbei, um sich darin verlieren zu können.
Er atmete tief aus, ehe er weitersprach.
„Aber…ich bin nicht ohne Grund von Zuhause weggegangen. Ich konnte ihn einfach nicht mehr ertragen. Ich hab mich so fremd gefühlt. Und gleichzeitig war alles viel zu vertraut. Mein Vater hat den Tod meiner Mutter nie überwunden. Nicht mal für mich. Ich weiß nicht, ob ich ihm das verzeihen kann, deswegen…ich will ihn nicht sehen. Dabei ist er mein Vater.“

„Das spielt keine Rolle.“
Er warf Levi einen fragenden Blick zu und Levi schnaubte leise, verschränkte dann die Arme hinter dem Kopf.
„Nur weil er dein Vater ist, heißt das nicht, dass du irgendwelche Verpflichtungen hast. Du musst ihm nicht verzeihen und du musst ihn auch nicht sehen. Wenn du nicht mit ihm reden und ihm aus dem Weg gehen willst, ist das deine Entscheidung und solange du dich damit wohlfühlst, ist es richtig. Familie hat nicht immer etwas mit Blut zu tun, weißt du. Ich bin das beste Beispiel dafür.“
„Das stimmt schon, aber…“
Eren überlegte einen Moment lang, suchte nach den richtigen Worten, aber er stellte fest, dass er sie nicht finden würde. Also atmete er einmal tief durch und hob dann ungelenk die Schultern.
„Gerade will ich es nicht. Aber vielleicht…irgendwann. Ich weiß nicht. In dem Moment wusste ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Worüber redet man mit jemandem, den man seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat? Worüber redet man mit seinem Vater, der…nicht für einen da gewesen ist? Wahrscheinlich würde ich nur wütend werden. Und das will ich eigentlich gar nicht. Mein Vater hat das nicht mit Absicht getan. Er hat nur…reagiert. Genauso wie ich. Er ist auch nur ein Mensch, aber…“
„Das heißt nicht, dass du ihm verzeihen musst.“, sagte Levi und als Eren ihn ansah, schien er sich seiner Worte erst so richtig bewusst zu werden. Er erwiderte seinen Blick eine Sekunde lang, in seinen Augen stand ein Ausdruck von merkwürdiger Unsicherheit, dann atmete er tief aus.
„Genauso, wie bei mir, verstehst du. Mir musst du auch nicht verzeihen. Für dich hat es sich scheiße und falsch angefühlt. Mensch-Sein ist keine Ausrede dafür.“
„Levi…“
Levi schüttelte den Kopf. Sein Gesichtsausdruck wirkte mit einem Mal steinern, aber der Ausdruck in seinen Augen war immer noch…er hatte ein schlechtes Gewissen. Er fühlte sich schuldig. Nicht nur gegenüber Eren, auch gegenüber sich selbst. Wahrscheinlich würde er sich selbst das niemals verzeihen, diesen Job musste Eren nicht für ihn übernehmen. Wollte er auch nicht. Levi…trug die Konsequenzen. Eren musste das bei ihm nicht auch noch extra tun.
Einen Augenblick lang schwiegen sie, ehe Levi sich leise räusperte, er wirkte immer noch leicht verunsichert, es passte so wenig zu ihm und gleichzeitig passte es so gut, und sagte:
„War es das, was du mir bei Hanji sagen wolltest?“
Eren schluckte schwer.
„Ja.“
„Okay“
Levi sagte einen Moment lang nichts.
„Es ist mir wichtig, dass du mir so etwas sagst, wenn es dich belastet“, fuhr er dann fort und Eren drehte den Kopf, sah ihn an. Levi hob die Hand und zupfte ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht, Eren blinzelte.
Levi schnaubte leise, aber es klang nicht abfällig.
„Ich weiß, dass ich nicht besser bin. Aber ich versuche mehr zu reden. Mir fiel das nur noch nie so leicht, weißt du. Ich mach die Dinge am liebsten mit mir selbst aus, weil ich niemanden damit belasten will, aber…“
„So wie ich“, warf Eren ein und Levi sah ihn kurz an, dann nickte er leicht. Eren zögerte, ehe er seine nächsten Worte aussprach, holte tief Luft.
„Aber es wäre schön, wenn wir sie zusammen ausmachen könnten. Ich glaube…dass das gut wäre. Also für dich. Aber auch für mich. Du musst mir nicht alles erzählen“, fügte er schnell hinzu, weil er kurz dachte er hätte sich zu weit aus dem Fenster gelehnt, aber Levi sah ihn immer noch einfach nur an.
Der Ausdruck in seinen Augen war kurz ernst, aber dann wurde er wieder weicher.
„Will ich aber. Auch wenn es mir schwer fällt“, sagte er leise und Eren nickte hastig, öffnete dann den Mund, um noch etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder. Vielleicht mussten sie gerade nicht mehr sagen als das, was bereits gesagt worden war, denn immerhin…dieser Tag war schon anstrengend genug gewesen. Und Eren glaubte nicht, dass er heute noch mehr schaffen würde als das.





Unnnd Teil Zwei. Teil Drei folgt in Kürze, dies wird wieder ein Kapitelchen aus Levis Sicht sein.
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