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Requiem For A Dream

von A wie Ana
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Eren Jäger Hanji Zoe Isabel Magnolia Levi Ackermann / Rivaille Mikasa Ackerman OC (Own Character)
25.12.2020
18.01.2021
6
50.141
16
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
13.01.2021 9.213
 
Hallo, ihr Lieben!:)

Okay, zwischen dem manchmal mehr, manchmal weniger vorhanden Uni-Prüfungsstress, dachte ich mir, dass ich das fünfte Kapitel hochladen könnte, weil ich nicht weiß, ob ich in den nächsten Tagen dazu komme. Ich habe mich wirklich über die bisherige Resonanz gefreut und hoffe natürlich, dass euch die Geschichte weiterhin so gut gefällt :)
Übrigens: das neue Tigerauge-Kapitel kommt natürlich auch die Tage!

Viel Freude mit diesem Levi-Kapitelchen und lasst es euch gut gehen,

A wie Ana



Levi


Die Woche war seiner Meinung nach viel zu schnell vergangen und er hatte viel zu wenig davon gehabt. Um die Jahreszeit hatten sie immer am allermeisten zu tun, er wusste wirklich nicht wieso, vielleicht weil sich die meisten Hamburger noch vor dem Neujahr tätowieren lassen wollten, um schließlich ihre beschissenen Kunstwerke bei jeder Gelegenheit präsentieren zu können.
Levi konnte es egal sein, aber wirklich, er hatte das Gefühl die Arbeit wurde nicht weniger. Kaum hatte er einen Kunden abgearbeitet, schien schon der nächste auf der Matte zu stehen, und ja, er wusste wohl, dass er sich das selbst eingebrockt hatte. Er hatte lieber zu viel zu tun als zu wenig, aber diesmal…hatte er den Terminplan so vollgestopft, dass er ziemlich sicher Überstunden würde machen müssen, was ihn irgendwie ärgerte, aber gleichzeitig…was sollte er sonst machen? Er war ein Arbeitstier. Und er konnte nichts damit anfangen sinnlos in seiner Wohnung herumzusitzen oder, wie früher, von einer Party oder einem Konzert zum nächsten zu rauschen. Also war er in gewisser Hinsicht wohl auch dankbar dafür, dass er sich den ganzen Haufen an Arbeit selbst aufgeladen hatte.
Die meisten Kunden übernahm er selbst, obwohl er dafür eigentlich keine Zeit hatte, aber Mikasa schien ähnlich unter Stress zu stehen wie er selbst. Sie arbeitete sehr langsam, was eigentlich gut war, aber manchmal brauchte sie für eine Sitzung doch mehr als drei Stunden und das warf ihren ganzen Zeitplan durcheinander, was Levi manchmal wirklich ärgerte, aber die meiste Zeit nahm er das einfach nur noch resigniert und ergeben zur Kenntnis. Was sollte er machen? Lieber arbeiteten sie langsam als scheiße, und die Kunden sahen das wohl genauso, zumindest reagierten die meisten recht verständnisvoll, wenn er sie ein wenig warten ließ.
Die wenigen, die ihren Unmut kundtaten, wurden sowohl von ihm als auch von Mikasa kunstvoll ignoriert, schließlich brachte es keinem von ihnen etwas an die Decke zu gehen, obwohl Levi das eine oder andere Mal wirklich kurz davor gewesen war und es nur Farlans beschissenen Redekünsten zu verdanken hatte, dass er ein paar Kunden nicht in den Boden gestampft hatte, für die Unfreundlichkeiten, die sie ihm an den Kopf geworfen hatten.

Levi war ehrlich, er war schlecht darin sein Maul zu halten, wieso sollte er auch schweigen, wenn er seine Meinung aussprechen konnte, er hielt nichts davon nur ob der Höflichkeit die Fresse zu halten, aber er war trotzdem froh darüber, dass Farlan da war, um ihn auszubremsen, wenn er die Nerven verlor und den einen oder anderen Kunden aus dem Laden kicken wollte. Manchmal verfluchte er sich selbst für sein Mundwerk, aber er versuchte zumindest bei seinen Kunden weit über der Gürtellinie zu bleiben.
Er hielt nichts davon Menschen respektlos zu behandeln, solange sie ihm ebenso respektvoll begegneten, und die meisten taten das, weil sie wussten wie er war. Er schmierte den Menschen keinen Honig ums Maul, die Realität sah nun einmal anders aus und er sah keinen Sinn darin alles zu beschönigen, die Zeit, die er damit verschwenden würde, konnte er auch auf etwas anderes verwenden. Und außerdem hatte er sowieso genug zu tun.
Er setzte seine Unterschrift auf den Wisch des Postboten, scheiße, er wollte wirklich nicht wissen, wo dieser Kugelschreiber zuvor gelegen hatte, der so aussah als hätte er eine halbe Weltreise hinter sich, und nahm ihm das Päckchen ab, nickte schließlich zum Abschied und der junge Kerl verzog sich wieder. Levi trat hinter den Tresen, stellte das Paket darauf ab und öffnete es mit einer Schere, warf einen Blick hinein. Er hatte die Farben vor einer halben Ewigkeit bestellt, aber es hatte wohl Lieferengpässe gegeben und sie waren erst heute, nach verdammten zwei Wochen, angekommen. Sie hatten genug Equipment, um das nächste Jahr zu überstehen, aber Levi war ein notorischer Bunkerer. Er hasste es, aber er hatte lieber zu viel als zu wenig, wirklich.
Er desinfizierte sich die Hände und holte eines der Fläschchen heraus, zählte sie dann der Reihe nach, wäre nicht das erste Mal, dass diese verschissene Firma ein paar der Fläschchen vergessen hatte, und packte sie zurück in die Kiste, verschwand damit nach oben. Im Empfangsraum war es nicht sonderlich laut, da war nur die Musik und Farlans Stimme, die irgendetwas zu einer Kundin sagte, das er nicht verstehen konnte, aber es war ihm auch egal. Er stieg die Treppe nach oben, warf im Vorbeigehen nur einen kurzen Blick in das Zimmer Nummer Zwei, mittlerweile war es wohl so etwas wie Mikasas Stammzimmer geworden, in dem sie einem jungen Kerl gerade erklärte, wie er das frische Tattoo versorgen sollte, dann wandte er sich ab und sperrte das Lager auf, trat hinein.
Das Licht ging an, als er den Schalter drückte, und er schloss die Tür hinter sich, fing dann an, seine Errungenschaften in das Regal zu räumen. Wirklich, sie hätten Farbe für eine ganze Herde an Elefanten und sie war ihnen niemals ausgegangen, aber er legte es nicht darauf an, eines Tages ohne nichts dazustehen und sich schließlich den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, wie er jetzt so mir nichts, dir nichts an diese bescheuerte Farbe kam, die Mikasa heilig war.

Er rückte eines der Fläschchen gerade, dann faltete er den Karton zusammen, klemmte ihn sich unter den Arm und griff sich eine Schachtel mit frischen Nadeln, ehe er das Lager wieder verließ. Im selben Moment trat Mikasas Kunde aus dem Zimmer, er winkte ihr zu, aber so wie er Mikasa kannte, erwiderte sie diesen Gruß sicherlich nicht, und der Typ, er war vielleicht allerhöchstens zwanzig, wirkte kurz verunsichert, dann ging er mit wackeligen Beinen die Treppe hinunter.
Levis Mundwinkel zuckten nach oben, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte, dann ging er den Gang entlang und auf direktem Weg in das Zimmer, in dem Mikasa gerade dabei war ihre Arbeitsutensilien und die Flächen zu reinigen.
„Ein Fan von dir, was“, meinte er abfällig und legte die Schachtel mit den frischen Nadeln auf der Anrichte ab. Mikasa warf ihm einen kurzen Blick zu, dann verdrehte sie die Augen.
„Er ist widerlich“, sagte sie und Levi musterte sie kurz.
„Sag ihm ab, wenn du nicht mit ihm kannst oder du dich unwohl fühlst“, sagte er und er meinte es so, er konnte nichts mit widerlichen Subjekten anfangen und schon einmal gleich gar nicht, wenn seine Mitarbeiter darunter leiden mussten.
Es war schon ein paar Mal vorgekommen, dass sich irgendein Kerl an Mikasa herangemacht hatte, Levi machte sich nichts vor, sie war eben schön, auf ihre Art, und leider konnte man so etwas auch nicht allen an der Nasenspitze ablesen. Mikasa wusste im Grunde selbst sehr gut, wie sie damit umzugehen hatte, aber dieser vermaledeite Große-Bruder-Instinkt war eben nicht ganz so leicht abzustellen, wie Levi es sich wünschen würde. Dabei war das nicht einmal der Hauptgrund dafür, dass er Mikasa hierbei die Freiheit ließ sich von solchen Kunden zu trennen. Er musste sich keine Sorgen machen, Mikasa war selbstbewusst genug, aber er konnte mit solchen Menschen einfach nicht. Und er wollte Subjekte dieser Art auch nicht in seinem Laden haben.
Mikasa schwieg einen Augenblick, dann hob sie die Schultern.
„Schon gut“, sagte sie. „Wir hatten heute sowieso die letzte Sitzung. Aber das nächste Mal überlasse ich ihn gerne dir.“ Sie sah ihn an, ihre Augen musterten ihn eindringlich von oben bis unten.
„Du siehst richtig scheiße aus, weißt du das? Schläfst du überhaupt?“
Sie klang nicht übermäßig besorgt, wofür er ihr dankbar war. Sie war nicht seine Mutter und sie kannte ihn gut, sie wusste, dass er Grenzen ziehen konnte, aber hin und wieder, vor allem dann, wenn ihnen beiden die Arbeit irgendwie über den Kopf wuchs, mischte sich dennoch dieser Unterton in ihre Stimme, den Levi wohl am ehesten mit Fürsorge assoziieren konnte. Es störte ihn nicht. Er hatte sich daran gewöhnt, weil er wusste, dass Mikasa es niemals mitleidig oder böse meinte. Sie war manchmal einfach so.

Als er nichts erwiderte, seufzte sie und zog sich die Handschuhe aus, warf sie in den Mülleimer, ehe sie die Schachtel mit den frischen Nadeln in einer der Schubladen verstaute.
„Du bist den ganzen Tag hier, Levi“, meinte sie und er rollte mit den Augen, aber sie machte nur ein mürrisches Geräusch. „Ernsthaft. Du siehst aus, als würdest du mich gleich abstechen wollen.“
Er schnaubte.
„Tch. Ich hab nur keinen Bock auf das Konzert der dämlichen Irren“, meinte er, dabei war das nur die halbe Wahrheit.
Wirklich, er hatte gerne etwas zu tun, aber gerade war es einfach zu viel, und noch dazu kam, dass ihn heute Morgen dieses beschissene Altersheim angerufen hatte, um ihm zu verkünden, dass Kenny sich erkältet hatte und nun in einem der Krankenhäuser vor sich hindöste. Die Dame am Telefon, er vermutete stark, dass es die bescheuerte Blondine gewesen war, die ihn sowieso nicht leiden konnte, genauso wie der Rest der Heimmitarbeiter, hatte ihm quasi durch die Blume hinweg verklickern wollen, dass das alles nur seine Schuld wäre, weil er sich so selten blicken ließ. Was das eine mit dem anderen zu tun hatte, hatte Levi wirklich nicht verstanden, aber ehrlich gesagt war es ihm auch ziemlich egal.
Er besuchte Kenny nicht aus einer Zuneigung heraus. Das war nur dieses bescheuerte Pflichtgefühl, das er nicht abstellen konnte, dabei könnte er das wirklich gut gebrauchen, um zumindest einigermaßen normal durchs Leben zu schlittern. Kenny war schon immer ein Wichser gewesen und Levi verband nichts mit ihm außer Beleidigungen, dunkle Nächte in diesem beschissenen Wandschrank und Schläge, wenn er die Weltordnung infrage gestellt hatte. Für ihn war er niemals Familie gewesen.
Warum tat er sich den Scheiß überhaupt noch an? Scheiß Pflichtgefühl. Es war zum kotzen.
„Natürlich“, sagte Mikasa trocken, er konnte ihr anhören, dass sie ihm nicht glaubte, aber sie sagte nichts weiter darauf, was er ihr hoch anrechnete. Sie wusste natürlich, warum seine Laune schlecht war, warum er noch weniger schlief als sonst und wie ein ruheloses Kaninchen durch das Studio hetzte, aber sie machte es zu keinem Thema, wenn er das nicht wollte, und das wollte er meistens nicht. Es war manchmal schwer, es war manchmal anstrengend, und das würde sich nicht ändern, wenn er Mikasa sein Herz ausschüttete, und das wussten sie beide.

„Also gehst du hin“, sagte Mikasa, während sie die Liege desinfizierte und mit einem Lappen darüber wischte. Er wusste natürlich, was sie meinte, sie hatten in der letzten Woche ein paar Mal das Thema angeschnitten und er hatte sich jedes Mal geweigert, aber im Grunde hatten sie wohl beide gewusst, dass er auf dieses verschissene Konzert gehen würde, ganz egal, wie oft er seinen Widerwillen kundtat.
Er lehnte sich gegen die Anrichte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Muss ich wohl“, sagte er knapp und Mikasa nickte. Sie wischte noch ein letztes Mal über das Kopfteil, dann räumte sie die Putzsachen zurück an ihren Platz.
„Ich fahre, wenn du willst“ Sie hatte es ihm schon vorher angeboten und scheinbar stand es für sie völlig außer Frage, dass sie mitkommen würde. Eigentlich war es auch nicht verwunderlich, sie war mit Hanji mindestens genauso gut befreundet wie er selbst, und sie hatte bisher kein einziges Konzert von ihr ausgelassen. Außerdem mochte sie Petra und obwohl Levi es ungern zugab, so schaffte sie es immer irgendwie ein Auge auf ihn zu haben.
Er hatte früher gesoffen wie ein Loch und er würde durchaus behaupten, dass das um einiges besser geworden war, aber dann und wann übertrieb er dennoch und dann war er eigentlich ganz froh darüber, dass Mikasa ihm den Kopf wusch. Sie sagte selbst nicht Nein zu einem Bier zu viel, aber sie wusste, wo ihre Grenzen lagen. Levi wusste das von sich selbst wohl auch, aber er hatte sie mehr als einmal überschritten.
„Ich habe nicht vor viel zu trinken“, hielt er dagegen, das hatte er wirklich nicht, und Mikasa warf ihm einen Blick zu, hob dann die Schultern.
„Ich fahre trotzdem“, sagte sie und Levi verdrehte die Augen, aber er sagte nichts darauf. Mikasa sah ihn stumm an. Dann wandte sie sich ab.
„Ich bin um sechs bei dir.“, fügte sie noch hinzu, ohne Widerworte zu dulden, und damit war das Thema für sie scheinbar beendet.
Levi stieß sich von der Anrichte ab, griff sich den zusammengefalteten Karton und verließ das Zimmer, ging zurück nach unten. Farlan war noch immer in ein Gespräch mit einer Kundin vertieft, er ging mit ihr die Mappe durch, und Levi warf den beiden nur einen kurzen Blick zu, ehe er den Karton in den Papiermüll stopfte, schließlich in das Terminbuch sah. Er seufzte auf. Fünfzehn Minuten. Fünfzehn verschissene Minuten, ehe sein nächster Kunde eintrudelte.
Ohne Umschweife stapfte er in die Teeküche, ließ sich einen dreifachen Espresso heraus und schnappte sich seinen Mantel, trat nach draußen. Es war verdammt kalt, aber zumindest schien die Sonne. Dieser Umstand tröstete ihn nicht unbedingt, allerdings fühlten sich die seichten Strahlen gut an auf seiner Haut und er nahm einen Schluck von seinem Kaffee, ehe er sich auf die Steinstufen im Hinterhof hockte und sich eine Zigarette anzündete. Er war verschissen müde und sein Rücken schmerzte, scheinbar wurde er doch langsam alt, und er würde wirklich alles dafür geben, heute einfach zuhause bleiben zu können.
Er war wirklich niemand, der sinnlos Zeit in seinem Bett oder auf seinem verdammten Sofa vergeudete, aber seine Laune war nicht die beste und er hatte eigentlich keine Lust darauf, die Mauer zu besuchen und sich dieses bescheuerte Konzert anzuhören. Wirklich, Hanji war gut, sie war verdammt gut, wenn man auf New-Wave-Goth stand, aber er wusste nicht, ob er heute großartig den Nerv dafür haben würde sich mit ihr abzugeben. Er mochte Hanji wirklich gerne, sie war verfickt nochmal seine beste Freundin, aber manchmal…sie war einfach anstrengend und sie würde so lange auf ihn einquasseln, würde versuchen ihm jedes Detail seiner schlechten Laune aus der Nase zu ziehen, bis er an die Decke gehen würde und das wollte er eigentlich vermeiden.

Früher war es ihm noch scheißegal gewesen, ernsthaft, er war wegen jedem Mist explodiert, aber mit dem Alter war er eben auch ruhiger geworden, und er sah auch keinen Sinn mehr darin, seine Wut einfach an anderen Menschen auszulassen, weil es das alles meist nur noch schlimmer machte. Levi wusste, dass er nicht einfach war, und verdammt, das war auch okay, wer nicht mit ihm konnte, sollte sich von ihm fernhalten, so einfach war das, aber er hatte sich wirklich Mühe gegeben sich ein wenig zu ändern und die schlechten Gewohnheiten abzustreifen.
Er konnte von sich selbst nicht behaupten, dass er vor ein paar Jahren nicht wirklich aggressiv gewesen war, vor allem, wenn er getrunken hatte und einfach wütend geworden war, auf alles und jeden, und er hatte sich mehr als einmal mit irgendwelchen homophoben Asi-Nazi-Schweinen geprügelt, aber mittlerweile versuchte er einfach ruhig zu bleiben. Er hatte von der Scheiße genug in seiner Jugend gehabt und Levi würde nicht sagen, dass er sonderlich viel Ehre besaß, aber zumindest Stolz und sicherlich auch so etwas wie Zuneigung zu seinen Freunden, die unter seinen explosiven Wutanfällen immer gelitten hatten, da wollte er sich nichts vormachen.
Er war früher verdammt anstrengend gewesen, er hatte sich niemals aus irgendwelchen Auseinandersetzungen heraushalten können und immer und überall die Konfrontation gesucht, und ja, hin und wieder tat er das auch heute noch, aber er hatte gelernt sich zu beherrschen. Er war so oft auf die Fresse geflogen und mittlerweile wusste er zumindest manchmal, wann Schluss war und wo er seine persönliche Grenze ziehen musste, um die anderen nicht damit zu belasten.
Ha. Eigentlich war es wirklich lächerlich. Levi hatte ganz früher niemals sonderlich viel auf andere Menschen gegeben, er hatte es am allerliebsten gehabt allein zu sein, er war einfach kein Typ für solche Konstellationen gewesen, aber über die Jahre…hatte er gelernt damit zu leben, dass manche Menschen ihn wohl trotzdem in sein Herz geschlossen hatten. Isabel und Farlan zuerst, schließlich Hanji und irgendwann…wohl auch Mikasa. Er kam mit Mikasa gut zurecht, sie war ein guter Mensch, wenngleich auch wirklich speziell, aber da nahmen sie sich nichts, und sie wusste eigentlich immer, wann er seine Ruhe wollte.
Er mischte sich nicht in ihre Angelegenheiten ein, weil sie verdammt nochmal erwachsen war und wusste, was sie tat, und sie ließ ihn dafür in Ruhe, wenn er keine Lust auf sie und ihre Gesellschaft hatte. Früher hätte er sich nicht vorstellen können, mit ihr auf einer anderen Ebene als im Studio Zeit zu verbringen, aber sie waren eigentlich gar nicht so unterschiedlich und deswegen war es okay. Wenn Keith ihm früher erzählt hätte, dass er mit ihr ganze sechs Wochen in London verbringen würde ohne es absolut beschissen zu finden, hätte er ihm womöglich den Vogel gezeigt.
Aber ja. Es war nicht beschissen gewesen. Eigentlich war es sogar ziemlich gut gewesen.

Sein Handy klingelte und er hielt einen Moment lang inne, schloss die Augen, ehe er seine Tasse abstellte, die Zigarette ausdrückte und sich das bimmelnde Scheißteil aus der Hosentasche zog, einen Blick darauf warf. Hanji. Wer sonst.
Er verkniff sich einen genervten Laut, aber er ließ sie trotzdem noch ein bisschen zappeln, bevor er auf das grüne Symbol drückte und ihren Anruf entgegennahm.
„Ich bin auf der Arbeit, Brillenschlange“, begrüßte er sie grimmig und sie schnaufte. Dass er sich gerade eine viel zu kurze Pause gönnte, musste sie nicht wissen, wahrscheinlich würde sie ihm die beschissenen nächsten zehn Minuten bis zum Ende seiner Pause auch noch nehmen, und darauf konnte er wirklich verzichten, also verklickerte er ihr am besten gleich, dass er keine Zeit für ein stundenlanges Blümchen-Sex-Telefonat hatte.
„Ich freue mich auch deine Stimme zu hören“, trällerte Hanji ihm entgegen und er seufzte schwer, massierte sich den Nasenrücken.
Er verstand nicht, wie man durchgehend so gute Laune haben konnte, wirklich nicht. Aber es war eben Hanji. Und er hatte Hanji in all der Zeit, die sie sich nun schon kannten, nur ein paar sehr wenige, wenn auch sehr bedeutende paar Male schlecht gelaunt erlebt. Einmal, als sie einen Wasserschaden in ihrer Bar gehabt hatte, und einmal, als Petra sich in einem Anflug eines Wutanfalls, weil Hanji einfach eine Drecksau war, von ihr getrennt hatte. Zwar nur für eine halbe Stunde, aber diese halbe Stunde war Levi viel zu eindrücklich im Gedächtnis geblieben.
„Komm zur Sache, ich hab nicht ewig Zeit“, sagte er, ehe sie damit anfangen konnte irgendeinen ihrer Witze zu reißen, weil er sie nicht mit einem „Oh, meine Liebe, ich habe dich vermisst“ begrüßt hatte. Das kam leider viel zu häufig vor, sie meinte es niemals ernst, natürlich nicht, sie wusste wie er war, aber lästig war es trotzdem.
„Ist ja gut“ Hanji schnaufte, im Hintergrund klapperte irgendetwas, und er hörte, wie sie anfing auf und ab zu gehen. Das tat sie immer, wenn sie telefonierte, als wäre sie ein Kaninchen, das kurz vor dem Herzinfarkt stand. Es war anstrengend.
„Ich wollte dich nur fragen, ob du heute kommst“, rückte sie dann endlich mit der Sprache heraus, als Levi unwillig schnaubte. Eigentlich wusste sie wohl, dass er kommen würde, er hatte kein einziges ihrer Konzerte ausgelassen, aber sie fragte ihn trotzdem jedes Mal.
„Mal sehen“, knurrte er und Hanji machte ein gurrendes Geräusch, das ihm die Kotze hochtrieb. Er hatte ihren schmollenden Gesichtsausdruck leider viel zu gut vor Augen.
„Also ja“, feixte sie und er stöhnte auf, verdrehte die Augen.
„Hast du mich nur deshalb angerufen?“, fragte er genervt und sie lachte auf.

„Ja. Und weil ich dein liebstes Stimmchen hören wollte.“ Sie schnurrte geräuschvoll und Levi machte einen Würgelaut. Sie lachte noch lauter. „Und natürlich weil ich wissen wollte, ob es dir gut geht. Mikasa hat gesagt, du arbeitest zu viel.“
Es klang leicht besorgt, aber eben nur leicht, deswegen nahm er es ihr nicht übel. Er griff nach seiner Tasse und leerte sie in einem Schluck, warf dann einen Blick auf seine Uhr. Sieben Minuten.
„Mikasa arbeitet auch zu viel“, meinte er und Hanji schnaubte.
„Mikasa weiß, wo ihre Grenzen liegen. Du leider nicht, mein Lieber.“ Sie schwieg einen Moment, aber als Levi nichts darauf erwiderte, seufzte sie. „Aber du weißt am besten, was gut für dich ist, oder, Kurzer?“
„Noch ein Wort in die Richtung und du kannst dir dein beschissenes Konzert in den Arsch schieben“, sagte er trocken und sie gluckste.
„Entschuldige, Karl der Große“, gurrte sie und er ignorierte den Umstand, dass sie das letzte Wort übermäßig deutlich betonte.
Er schnaubte.
„Ich komme heute, also kannst du bitte aufhören mir so dermaßen auf den Sack zu gehen“, sagte er und stand auf, griff sich seine Tasse und ging zurück in die Teeküche, stellte sie in die Spülmaschine. Aus dem Vorraum konnte er laute Stimmen und Musik hören und er verkniff sich das Geräusch, das seiner Kehle entkommen wollte. Er war müde. Er hatte keinen Nerv für diese ganze Scheiße. Obwohl er seinen Job eigentlich wirklich mochte, zumindest konnte er sich nicht vorstellen irgendetwas anderes zu tun. Wirklich nicht.
„Schon verstanden“, schnappte Hanji gespielt beleidigt und sie schnaufte laut, sagte irgendetwas zu jemandem im Hintergrund, das Levi nicht verstand. Sie lachte. „Schöne Grüße von meiner besseren Hälfte. Sie verlässt sich darauf, dass du kommst, sonst lässt sie dich nie wieder an ihre Haut.“
Levi rollte mit den Augen. „Was auch immer“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, dann seufzte er. „Ich muss Schluss machen, Vierauge. Wir sehen uns nachher.“
Ohne eine Antwort abzuwarten legte er auf und schob das Handy zurück in seine Hosentasche, schälte sich schließlich aus seinem Mantel und wusch sich die Hände. Er schloss kurz die Augen, ehe er tief ein und aus atmete und zurück in den Vorraum trat, in dem sein Kunde schon auf ihn wartete.
Es waren nur noch vier Stunden. Das würde er überleben.


Als Mikasa ihn am Abend abholte, so, wie sie es versprochen hatte, hatte Levi es gerade einmal geschafft sich unter die Dusche zu stellen. Er war viel zu spät aus dem Laden gekommen, es hatte wohl irgendein Problem mit einem von Farlans Kunden gegeben, das er aus der Welt hatte schaffen müssen, und danach hatte er Farlan einen Einlauf verpasst, der leider nichts an dessen Schusseligkeit ändern würde und ja, verdammt, sie waren schon seit einer halben Ewigkeit miteinander befreundet, aber Fehler dieser Art konnte er ihm trotzdem nicht durchgehen lassen und das wussten sie beide.
Farlan hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht mit ihm zu diskutieren, was das anging wusste er wohl, dass bei Levi Hopfen und Malz verloren war, schließlich hatte er Recht, er hatte fast immer Recht und Farlan wusste das, und Levi hatte es irgendwie geschafft, seine drei Kunden abzuarbeiten, ehe er sich an die Abrechnung gesetzt hatte.
Zu seiner Erleichterung hatte Farlan sich seine Worte wohl zu Herzen genommen, denn er hatte die Kunden rechtzeitig zum Feierabend aus dem Laden gescheucht und schließlich sogar dafür gesorgt, dass er alles sauber und ordentlich hinterließ, etwas, das Levi eigentlich immer von seinen Mitarbeitern erwartete, aber Farlan ließ die Aufräumarbeiten, die genauso zu ihrem Job dazugehörten wie alles andere auch, hin und wieder trotzdem schleifen, sehr zu seinem Leidwesen. Mikasa hatte sich um die Zimmer gekümmert, die Liegen desinfiziert und die ganzen Utensilien weggeräumt, sie hatte sogar den Müll weggebracht, also hatte sich Levi ohne Umschweife daran machen können diese beschissene Abrechnung über die Bühne zu bringen.
Er hatte schneller als sonst gearbeitet, vielleicht hatte das aber nur daran gelegen, dass ihm diesmal nichts in die Quere gekommen war und man ihn in der gesamten Zeit, die er im Büro verbracht hatte, in Ruhe gelassen hatte, und er war der letzte gewesen, der das Studio verlassen hatte, so wie meistens. Er war der erste, der kam, außer ihm kam etwas dazwischen, ein Besuch bei Kenny oder irgendeine andere Scheiße, dann schloss Mikasa den Laden auf, und der letzte, der ging und er hatte sich damit abgefunden. Ihm gehörte dieser Laden, wie sollte es also anders sein, und er legte es nicht darauf an mit einem schlechten Beispiel voranzugehen.

Mit einem Handtuch um die Hüften ging er quer durch den Flur, drückte den Türöffner und schloss die Tür auf, ließ sie offen stehen, ehe er zurück in sein Schlafzimmer stapfte und das Handtuch fallen ließ, sich irgendeine Hose und einen Pullover aus dem Kleiderschrank heraussuchte.
Während er in seine Unterwäsche schlüpfte und sich schließlich die Hose überzog, er war schon immer eher drahtig gebaut gewesen, aber scheiße, es sah ganz so aus als hätte er schon wieder abgenommen, zumindest saß die Hose lockerer als das letzte Mal, als er sie angehabt hatte, hörte er die Tür zugehen und dann Mikasa, die sich die Schuhe auszog und zu ihm ins Schlafzimmer kam. Er beeilte sich nicht damit sich anzuziehen, sie hatte ihn sicherlich schon an die hundert Mal halbnackt gesehen, wenn nicht sogar ganz nackt, immerhin hätte sie ansonsten überhaupt nicht an seinen Arsch herankommen können, und sie sagte auch nichts dazu, das tat sie nie.
Er würde nicht behaupten, dass Mikasa genauso offen mit ihrem Körper umging wie er, er musste sich nicht schämen, Nacktheit war für ihn nichts außergewöhnliches, wenngleich auch nicht jeder seinen entblößten Körper sehen musste, aber prüde war sie nicht. Sie hatten nie über ihr Sexleben gesprochen, zumindest nicht so, wie sie des Öfteren über seines gesprochen hatten, in das ihm Mikasa zwar nicht mehr reinredete, aber den einen oder anderen gut gemeinten Rat hatte sie sich dennoch nie verkneifen können, aber er wusste wohl, dass Mikasa es, ganz anders als er, eher langsam angingen ließ. Aber von Liebe und Sex hatten sie sowieso recht unterschiedliche Vorstellungen und sie konnten wohl beide ganz gut damit leben, auch wenn Mikasa ihm trotzdem manchmal vorhielt, dass seine Art zu leben wohl nicht erfüllend und gesund sein konnte, was Bullshit war. Sie wusste es nur einfach nicht besser, obwohl er schon glaubte, dass sie im Grunde gut damit zurecht kam, dass er eben so war wie er war.
Levi war niemand, der sich gerne band, das hatte er noch nie gerne getan, und wenn er es tat, gefiel es ihm nicht sich nur an einen einzigen Menschen zu ketten. Er hatte früh gemerkt, dass er sein Interesse nicht nur einem Menschen schenken wollte, und auch nicht konnte, er mochte den Gedanken des „Einen im Leben“ nicht, und die Menschen, mit denen er sich auf irgendeine Art von Beziehung einließ, wussten das auch. Levi war in all den Jahren, in denen er nun schon so lebte, kein einziges Mal fremdgegangen, weil sich das mit seinen Moralvorstellungen einfach nicht vereinbaren ließ. Er tat sich zwar wahnsinnig schwer damit, immer noch, seine Gefühle und Gedanken zu kommunizieren, vielleicht war er einfach nicht dafür gemacht, aber er legte einen wahnsinnigen Wert darauf transparent zu sein.
Er hatte mit seiner Art zu leben noch nie hinter dem Berg gehalten, seine Partner wussten das immer, und mit Eifersucht konnte er nichts anfangen, obwohl er natürlich von Anfang an gewusst hatte, dass sich das wohl nicht immer vermeiden ließ, vor allem dann nicht, wenn mehr als zwei Personen involviert waren.

Er konnte sich daran erinnern, dass ihn diese, ja, etwas andere Verantwortung, die er zuvor gar nicht gekannt hatte, im ersten Moment abgestoßen hatte, es hatte ihn irgendwie nervös gemacht und ihn eingeengt, und er wollte alles, nur sich eingeengt fühlen nicht, aber als er ein wenig älter geworden war, hatte er verstanden, dass er sich viel eher auf der monogamen Schiene eingeengt fühlte und wenn er das auch jetzt tat, dass er dann darüber reden musste. Sein Maul aufzureißen war ihm eigentlich nie sonderlich schwer gefallen, aber…es war für ihn einfach etwas anderes, wenn er seine Gedanken und Gefühle teilte und er bekam es wahrscheinlich nicht einmal halb so gut hin wie der Rest der Menschheit, aber seine Partner wussten das auch.
Sie kannten ihn gut, zumindest die wenigen, mit denen er schon länger eine Verbindung pflegte, und manch andere kannten ihn eben nicht so gut, aber Levi schloss auch überwiegend sexuelle Beziehungen nicht aus, weil es ihm gefiel und weil es einfach viel zu viele Menschen gab, die ihn interessierten, auf der einen oder anderen Ebene. Warum also sollte er sich auf einen einzigen festlegen? Es war Bullshit. Er mochte die Menschen, die er mochte, egal auf welche Weise, und er war gut damit.
Mikasa allerdings schien das anders zu sehen. Sie hatte schon immer an die große Liebe geglaubt und schien nur mit ausgewählten Menschen das Bett zu teilen und wenn sie das tat, dann immer nur mit einem einzigen und das wohl am allerliebsten für immer; selbst weitere Partner zu haben oder ihren eigenen mit einem anderen Menschen in irgendeiner Art von Beziehung zu sehen, war etwas, das sie sich einfach nicht vorstellen konnte.
Für Levi war das in Ordnung, es war nicht seine Sache, und sie sollte das tun, womit sie sich am wohlsten fühlte. Er hatte damit nie etwas anfangen können, er wollte überhaupt gar nicht monogam leben, er wollte sich nicht einschränken lassen, auch von sich selbst nicht, und es gab zu viele Menschen, die ihn anzogen, die er interessant fand, und er fuhr gut damit, solange es für alle Beteiligten in Ordnung war. Es gab nichts Besseres als das.
Wirklich. Es gab viel zu viel auf dieser Welt, das er noch nicht kannte. Er wollte nichts davon verpassen.

„Du bist dünn geworden“, sagte Mikasa und setzte sich auf sein Bett. Er warf ihr einen Blick durch den Spiegel hinweg zu und stutzte. Er drehte sich vollends zu ihr um.
„Was zum Fick ist das
Er konnte nichts dafür, dass seine Stimme einen pikierten Unterton annahm, und Mikasa schien einen Moment lang verwirrt zu sein, ehe sie sich das Haar zurückstrich. Es war so kurz, dass es gerade einmal bis über ihre Ohren fiel. Sie hob die Schultern, als Levi sie immer noch anstarrte und schließlich einen Schritt auf sie zumachte, ungläubig die viel zu kurzen Strähnen beäugte. Mikasa liebte ihre Haare. Also warum…
„Ich hatte Lust auf etwas neues“, meinte sie achselzuckend und Levi betrachtete sie noch einen Moment, ehe er sich abwandte und nach seinem Pullover griff, ihn sich überzog.
Mikasa schnaubte. „Und wechsele nicht das Thema. Du hast ganz schön abgenommen. Du arbeitest zu viel.“
„Rate mal, das musste ich mir heute schon einmal anhören“, sagte er augenrollend und Mikasa ließ sich nach hinten sinken, stützte sich mit ihren Ellenbogen auf dem Bett ab. Sie hatte den Wink scheinbar sofort verstanden, denn ihr Gesichtsausdruck wurde stoisch.
„Auf mich hörst du ja nicht“, sagte sie knapp und er schenkte ihr einen genervten Blick.
„Auf Hanji auch nicht. Ich weiß, wo meine Grenzen liegen, okay? Es nervt, wenn ihr euch wie zwei Glucken verhaltet. Ich bin keine zwölf.“
„Manchmal führst du dich aber so auf“, sagte Mikasa trocken und er verdrehte die Augen, suchte sich ein Paar Socken heraus und zog sie sich über. Mikasa Blick verharrte kurz darauf, dann hob sie die Augenbrauen.
„Ringelsocken? Ernsthaft?“
Er ignorierte sie und hob das Handtuch auf, legte es über die Heizung, ehe er sein Schlafzimmer verließ und im Bad verschwand, sich sein Haar zur Seite kämmte. Er hatte es erst schneiden lassen und trotzdem fielen ihm diese beschissenen Strähnen jedes Mal in die Augen. Es war ätzend.
Als er zurück auf den Flur trat, war Mikasa gerade dabei sich ihre Schuhe anzuziehen. Sie sagte kein Wort zu ihm, aber es störte ihn nicht besonders, er würde sich heute noch genug Gespräche antun müssen und außerdem schwiegen sie oft. Manchmal schwiegen sie stundenlang und gingen ihren ganz eigenen Beschäftigungen nach und das war okay. Wieso sollte sich irgendeiner von ihnen irgendeinen Scheiß aus den Fingern saugen, nur um ein Gespräch zum Laufen zu bringen? Eben. Das wäre absolut sinnlos, weil sie beide keine Lust darauf hatten.

Levi schlüpfte in seine Stiefel, zog sich seinen Mantel über und griff sich dann seinen wenigen Kleinkram, Handy, Portemonnaie, Zigaretten und Schlüssel, ehe er das Licht löschte und Mikasa nach draußen auf den Hausflur folgte. Im Haus war es still, aber das wunderte ihn nicht, neben ihm lebte nur noch irgendein Weltenbummler in dem Gebäude, in den ersten zwei Stockwerken befand sich sein Studio. Sein Blick blieb kurz auf der Tür ihm gegenüber hängen, dann wandte er sich ab und verriegelte die Tür, ging mit Mikasa die Treppe nach unten.
Es war ewig her, dass er seinen Nachbar zu Gesicht bekommen hatte, aber es störte ihn nicht, auch wenn er ein wirklich guter Fick gewesen war und es war einfach verdammt praktisch gewesen, sich nicht weit weg bewegen zu müssen, um sich flachlegen zu lassen. Aber das war schon ein paar Jahre her und zu der Zeit hätte Levi sowieso im Strahl kotzen können wegen diesem beschissenen –
„Autoschlüssel“, sagte Mikasa und riss ihn somit aus seinen Gedanken, wofür er dankbar war.
Er dachte nicht gerne darüber nach und außerdem spielte es sowieso keine Rolle mehr. Der Mistkerl hatte sich verpisst, weil er nicht mit seiner Art zu leben zurechtgekommen war, weil Levi nicht genug gewesen war, und es war zu lange her. Manchmal hängte er sich trotzdem noch daran auf, was ihn wirklich ärgerte. Aber der Bastard war ihm schließlich auch nicht egal gewesen. Und er war auch nicht einfach nur irgendein Fick gewesen. Er war…Scheiße.
Er zog seine Autoschlüssel aus der Jackentasche und drückte sie Mikasa in die Hand, während sie die Treppe zum Hinterhof hinabstiegen, und als sie nach draußen traten, hätte er am liebsten genervt geschnaubt. Es regnete. Es regnete ständig. Eigentlich war Hamburg echt zum Kotzen, aber er mochte diese Stadt trotzdem irgendwie. Hier war es auszuhalten. Und er war hier verschissen nochmal einfach Zuhause, ganz egal, wie gerne er sich früher das Gegenteil eingeredet hatte.
Mikasa öffnete die Fahrertür und ließ sich auf dem Sitz fallen, steckte den Schlüssel ins Schloss, und Levi hielt sich nicht lange mit dem beschissenen Wetter auf, er setzte sich auf den Beifahrersitz, während Mikasa den Wagen startete. Sie schwiegen und sie behielten die Stille bei, während sie durch Hamburg fuhren. Er fragte sich einen Moment lang, warum sie nicht einfach zur Mauer liefen, aber ehrlich gesagt hatte er keine Lust darauf bei dem Wetter eine ganze Dreiviertelstunde durch die Gassen zu stiefeln, also lehnte er sich nur zurück und starrte nach draußen.

Er war immer noch müde und auch der fünfte Espresso hatte daran nichts geändert. Er hatte keine Ahnung, wie er den Abend heute überstehen sollte, und er war verschissen hungrig, aber die Zeit für eine ordentliche Mahlzeit hatte er einfach nicht gehabt. Er verzichtete darauf Mikasa das wissen zu lassen, wahrscheinlich hatte sie sowieso schon Eins und Eins zusammengezählt, und dass sie ihren Mund hielt, begrüßte er wirklich.
Er wusste, dass er sich mehr um sich selbst kümmern sollte, er aß viel zu wenig und er schlief nur ein paar wenige Stunden pro Nacht, aber für ersteres hatte er einfach keine Zeit, oder aber er hatte keinen Appetit, weil er ihm von irgendetwas oder irgendjemandem versaut worden war, und zweiteres war sowieso unabänderlich. Er hatte noch nie sonderlich viel geschlafen, schon früher nicht, und das war wohl eines der Dinge, die er von dieser kack Sekte mit in sein jetziges Leben genommen hatte.
Ha. Er hatte ständig die Angst haben müssen, dass die Ältesten ihn aus dem Bett kickten und mitten in den Regen stellten, damit er dieser bekloppten Göttin seinen Leib darbot. Es war ätzend gewesen, weil das ständig passiert war. Also hatte er irgendwann einfach völlig automatisch nicht mehr sonderlich viel oder tief geschlafen.
Er wusste, dass er sowohl Schlaf als auch ordentliche Mahlzeiten gut gebrauchen konnte, er hasste es abzunehmen, er war sowieso schon immer schmal gewesen, nicht dürr, aber eben sehr drahtig, wie ein Tänzer, sagte Isabel manchmal und er verdrehte dann nur die Augen, weil er alles konnte, nur nicht tanzen, wirklich nicht, also versuchte er es auch nicht, aber er hatte auch keine Ahnung woher er die Zeit nehmen sollte. Er hatte schon ein paar Male darüber nachgedacht, noch einen vierten Mann, oder eben eine vierte Frau, einzustellen, um sich selbst und die anderen ein wenig zu entlasten, aber bisher hatte er sich mit den potenziellen Kandidaten entweder überhaupt rein gar nicht verstanden oder sie hatten seinen und Mikasas Ansprüchen nicht genügt.
Levi war wirklich niemand, der extrem hohe Anforderungen hatte, aber er wollte nicht irgendeinen Tätowierer, den er an jeder Ecke finden konnte. Er wollte jemanden, der mindestens genauso speziell, sauber und gut arbeitete wie Mikasa, Farlan und er. Diesen Ruf hatten sie sich erarbeitet und Levi war stolz darauf, also wollte er ihn auch nicht auslöschen.
Nur leider war es verdammt schwer jemanden zu finden, der sich nicht nur auf Allerwelts-Motive spezialisiert hatte.

Als sie an der Mauer ankamen, hatte es aufgehört zu regnen, aber es war verschissen kalt draußen. Mikasa parkte den Wagen um die Ecke und schweigend legten sie die wenigen Meter bis zu dem Eingang zurück. Vor dem Altbau tummelten sich bereits eine ganze Menge Gäste, sie rauchten oder führten irgendwelche Gespräch, deren Inhalte Levi nicht egaler sein könnten, und er hielt sich auch nicht damit auf nach bekannten Gesichtern zu suchen, die er heute so oder so finden würde. Stattdessen stieg er die vier Stufen nach oben und riss die Tür auf, betrat die Bar.
Es roch nach Zigarettenrauch, Bier und Körpern und im ersten Moment wäre Levi am liebsten wieder umgekehrt, aber Mikasa stieß ihm nur ihre Hand in den Rücken und schob ihn in den großen Gastraum. Es war abartig voll und laut. Überall standen oder saßen Leute, die Luft stand vor Zigarettenrauch, und die Vorband hatte scheinbar aufgehört zu spielen, denn ein paar Techniker stellten das Equipment für Hanji auf der Bühne um, die er zu seinem Leidwesen sofort entdecken konnte. Sie sprach laut auf einen der Männer ein, kippte sich währenddessen ein Bier in den Mund, und Levi schlug reflexartig einen Haken nach rechts in Richtung Bar.
Er würde sich heute so oder so noch mit ihr auseinandersetzen müssen, und er würde gerne erst einmal ankommen, damit ihm nicht sofort der Kragen platzte, sobald ihm diese Irre um den Hals fiel. Und das tat sie wirklich jedes Mal.
Mit einem Schnauben schob er sich durch die Menge bis auf die Bar zu, es war beschissen so klein zu sein, dass diese ganzen Oldschool-Rock-Riesen ihn nicht einmal registrieren würden, wenn er eine weiße Fahne schwenkte, aber Levi hatte sich damit arrangiert, dass er wohl nicht mehr großartig wachsen würde. Er war jetzt dreißig Jahre alt, bei ihm war längst jede Hoffnung verloren.
Als er endlich an dieser beschissenen Bar ankam, ließ er sich auf einem der noch freien Hocker fallen, und zog sich den Mantel von den Schultern. Es war verdammt warm hier drin und er fand es jetzt schon ätzend. Keine Frage, er ging gerne auf Konzerte, ja, auch auf die von Hanjis Band, aber heute…er hätte zuhause bleiben sollen. Er fühlte sich wie erschlagen.
Mikasa setzte sich neben ihm auf einen der Stühle, zog schließlich ihren Ledermantel aus. Mit einem unbewegten Gesichtsausdruck studierte sie die Getränkekarte, aber Levi hielt sich nicht damit auf, er wusste, was er wollte. Das kleine Mädel, das öfters hier arbeitete, kam auf ihn zu und streckte die Hände aus, nahm ihm seinen Mantel ab, nachdem er seine Zigaretten herausgeholt hatte. Das war so ein Ding, an das er sich gerne gewöhnt hatte. Hanji sorgte immer dafür, dass er seinen Scheiß nicht durch die Gegend schleppen musste, und er war schon so oft hier gewesen, dass die anderen Mitarbeiter mittlerweile wohl auch Bescheid wussten.

„Hey, Mika“, sagte Nifa und dann lächelte sie ihn an. „Hey, Levi. Was kann ich euch Gutes tun?“
Sie klang freundlich, so wie immer, aber nicht aufdringlich, und deswegen kam Levi auch mit ihr zurecht. Er mochte sie eigentlich ganz gerne, sie war ziemlich still, aber sie war witzig und außerdem war sie ehrlich.
„Spielt ihr nicht jetzt dann?“, fragte Mikasa und wandte den Blick von der Karte ab. Sie schien sich entschieden zu haben. „Kräuterlimo, bitte.“
Nifa nickte nur, dann musterte sie Levi. „Wie immer?“
„Mit Eis“, sagte er nur dazu und sie rauschte ab, kehrte nach nur wenigen Augenblicken mit einem riesigen Einmachglas voller Limonade und einem Glas Vodka zurück, in das sie fein säuberlich eine Zitronenscheibe und drei Eiswürfel gegeben hatte. Himmel. Das war genau das, was er jetzt brauchte.
„In einer halben Stunde“, sagte Nifa und warf einen Blick über den Tresen, aber in diesem Augenblick schien keiner der anderen Gäste irgendetwas zu trinken bestellen zu wollen, also stützte sie sich an ihren Ellenbogen auf dem blanken Holz ab und lächelte breit, winkte dann.
Levi hatte noch nicht einmal einen Schluck von seinem Vodka genommen, als er die Arme dieser bescheuerten Schnalle um sich spüren konnte. Er verkniff sich das unwillige Murren, das seiner Kehle entkommen wollte, und kämpfte sich aus Hanjis Umarmung, kippte sich einen Schluck Vodka in den Mund. Er wusste, dass er heute betrunken sein würde, er hatte es nicht einmal geschafft eine Grundlage zu schaffen, und er überlegte kurz, ob er sich nicht doch etwas Leichteres hätte bestellen sollen. Irgendwie vermutete er, dass er es bereuen würde, wenn er bei Vodka blieb.
„Hallöchen, mein Lieber“, gurrte Hanji ihm ins Ohr und dann spürte er ihre Lippen auf seiner Wange, er drückte sie weg und schnaubte, aber es schien sie nicht zu kümmern. Sie begrüßte Mikasa mit einer Umarmung und ehe Levi sich wieder entspannen konnte, merkte er die seichte Berührung an seinem Arm und er drehte den Kopf, sah Petra an, die ihn breit anlächelte.
Sie breitete die Arme aus und Levi verdrehte die Augen, ehe er von dem Hocker hinunterrutschte und ihre Umarmung erwiderte. Er spürte ein weiches Paar Lippen auf seiner Wange, ein bisschen zu lange, aber Hanji schien es nicht zu kümmern. Das zwischen ihm und Petra war ewig her und sie waren mittlerweile nur noch miteinander befreundet, was sie beide gut fanden. Petra hatte andere Vorstellungen von dieser Beziehung zwischen ihnen gehabt, die Levi nicht hatte erfüllen können, und eine Zeit lang war sie wohl recht traurig gewesen, aber sie war schnell darüber hinweggekommen, genauso wie Levi selbst. Er hatte sie immer gerne gemocht und er war froh, dass sie nicht aus seinem Leben verschwunden war.
Stattdessen hatte sie sich auf diese nervige Irre eingelassen, die sich Levis beste Freundin schimpfte, und er war ehrlich, er hatte das nicht erwartet, aber es passte. Es passte wie die Faust aufs Auge und die zwei liebten sich. Hanji konnte Petra das geben, was Levi ihr nicht hatte geben können, aber sie weinten ihrem Ding vor vielen Jahren sowieso keine Träne nach. Sie waren jung gewesen, hatten andere Vorstellungen von Liebe gehabt und mehr hätte sowieso nicht laufen können, dafür war Levi zu freiheitsbedürftig gewesen und das war er immer noch, wenngleich er wohl auch in der Hinsicht etwas…erwachsener geworden war.

„Schön, dass du da bist“, flüsterte sie ihm ins Ohr, ehe sie ihn losließ, und er verdrehte nur die Augen. Sie grinste. „Hanji hätte mich die nächsten zwei Wochen vollgeheult. Also danke, dass du mir das ersparst.“
„Redet ihr über mich“ Hanji schlang ihre Arme um seine Hüfte, spitzte die Lippen und Petra stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste sie über seine Schulter hinweg auf den Mund. Er schnaubte.
„Ich bin nicht euer beschissenes Bindeglied“, knurrte er und befreite sich aus Hanjis Umarmung, drehte sich um und zog sich zurück auf den Barhocker, kippte sich den Vodka in den Mund. Hanji lachte hinter ihm laut auf, dann hockte sie sich neben ihn und zog Petra zwischen ihre Beine. Petra war so klein und leicht, dass sie problemlos auf ihrem Schoss sitzen könnte, und selbst dann wäre der Tresen womöglich noch zu hoch für sie.
„Willst du noch was trinken“, fragte Hanji mit einem Blick auf sein leeres Glas und er hob die Schultern. Sie grinste leicht und winkte den Tresen entlang und irgendein junger Kerl, den er noch nie gesehen hatte, nickte nur knapp und zapfte drei Bier aus der Zapfanlage, kam schließlich mit unsicheren Bewegungen auf sie zu und stellte sie ihnen vor die Nase.
Levis Blick blieb darauf hängen und er konnte sich ein missgelauntes Geräusch nicht verkneifen.
„Sind wir hier in England oder was“, murmelte er, mehr zu sich selbst, und warf dem Kerl einen Blick zu, der ihn nur stumm anstarrte. Hanji kicherte und kippte sich das Bier in den Mund, zuckte dann mit den Schultern.
„Hey, lass ihn, er macht das heute zum ersten Mal“, verteidigte sie das Kind, das hinter dem Tresen wie eine halbe Portion wirkte. Levi kümmerte sich nicht groß darum, er griff nach dem Glas und nahm einen Schluck, zündete sich dann eine Zigarette an.
„Schmeckt wenigstens nicht so scheiße, wie es aussieht“, sagte er und der Bengel machte ein missbilligendes Geräusch, das ihn aufsehen ließ. Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes, Levi schätzte ihn auf zwanzig, war resigniert, aber auch ein wenig beleidigt, seine grünen Augen hatte er verengt, aber das kümmerte Levi herzlich wenig.
Er erwiderte seinen Blick gelassen und der Bengel sah weg.

„Sie können Ihr Bier ja auch woanders trinken, wenn es Ihnen nicht passt“, sagte er dann, obwohl Levi nicht damit gerechnet hatte, dass er überhaupt noch irgendetwas sagen würde, und Levi hob eine Augenbraue. Der junge Mann warf ihm noch einen Blick zu, der nicht wütend wirkte, vielmehr müde und eher weniger motiviert dieses Gespräch weiterzuführen, etwas, worauf auch Levi keinen Wert legte. Konnte ihm egal sein.
„Tue ich aber nicht“, sagte er trotzdem und der Bengel riss den Kopf herum, starrte ihn an. Levi schnaubte. „Und von jemandem, der in einer Bar arbeitet, würde ich schon erwarten, dass er weiß, wie er ein fucking Bier einzuschenken hat.“
Er wusste, dass er sich damit ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnte, eigentlich wusste er Grenzen zu ziehen, aber es war ihm einfach so herausgerutscht, und außerdem…Shit. Seine Laune war wirklich beschissen. Der junge Mann sah ihn noch einen Augenblick lang wortlos an, dann drehte er sich vollständig um und ging zu einem anderen Gast, wiederholte das Trauerspiel mit dem missglückten Bier. Fast tat er Levi leid.
„Hey, hey, hey“, sagte Hanji neben ihm und er wandte den Blick von der hochgewachsenen Statur des Bengels ab, sah sie an. Sie wirkte leicht ungläubig. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Behalt deine Sprüche für dich, ernsthaft, er macht das heute zum ersten Mal und der Junge hat’s nicht leicht.“
„Tch“ Er nippte von seinem Bier und warf seine Zigarette in einen der Aschenbecher. „Wo hast du dieses Exemplar schon wieder aufgegriffen? Im Streichelzoo?“
Er meinte es völlig ernst, aber Petra lachte trotzdem auf. Hanji rollte mit den Augen und griff nach seinen Zigaretten, die auf dem Tresen lagen, zündete sich eine an. Er sagte nicht einmal etwas dazu, weil sie das schon so oft getan hatte, dass er sich daran gewöhnt hatte.
„Dieses wunderschöne, absolut anbetungswürdige Exemplar heißt Eren und nein“ Sie zog an ihrer Zigarette, und blinzelte ihn dann wütend an, „er ist ein Straßenkind, glaube ich.“
„Ziemlich sicher“, mischte sich Petra ein und ihre Stimme klang besorgt. Sie schien einen Augenblick lang nachzudenken, dann warf sie einen Blick auf den Bengel und ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich, allerdings nicht vor Wut oder Argwohn, eher vor Sorge.
„Er war total eingeschüchtert. Eigentlich sollte er malen, aber er kam ein wenig zu spät und Hanji hat ihn kurzerhand eingespannt.“
„Aha“ Levi folgte ihrem Blick, dann wandte er sich wieder ab und schnipste Hanji gegen die Stirn. Sie blinzelte. „Pass mal auf, Vierauge, hör auf dir irgendwelche Leute von der Straße zu holen, das sind keine Haustiere, okay? Irgendwann kriegst du noch echt Probleme“
Hanji wirkte irritiert, aber Petra nickte zustimmend.
„Das hab ich ihr auch gesagt“ Sie seufzte. „Aber solange sie ihn nicht bezahlt, sollte das in Ordnung sein. Zumindest für die Buchhaltung.“ Sie warf Hanji einen bösen Blick zu, aber ihre Freundin lachte nur.
„Ist ja gut“ Sie winkte ab. „Der Junge kann das gut gebrauchen, Nifa und Auruo überlassen ihm die Hälfte ihres Trinkgeldes und er ist wirklich ein netter Kerl, wenn auch ein wenig schüchtern.“ Sie musterte Levi, der ihren Blick nur stumm erwiderte.
„Und jetzt erzähl. Was ist heute los? Du ziehst ein Gesicht als hätte man dir etwas Böses getan.“

Levi verkniff sich sein Kommentar dazu, wollte irgendetwas sagen, das nicht halb so böse klang wie die Antwort, die beinahe augenblicklich in seinem Kopf erschienen war, aber er kam sowieso nicht dazu, weil in diesem Moment Mikasa neben ihm zu sprechen anfing.
„Er hat schon wieder nicht gegessen“, sagte sie als wäre er überhaupt nicht hier und er verdrehte die Augen, zündete sich noch eine Zigarette an.
Hanji schwieg ein paar Sekunden lang, aber er konnte ihren Blick auf sich spüren. Das Nicht-Essen war schon immer irgendwie ein Problem gewesen, irgendwann war Hanji sogar mit der bescheuerten Frage angekommen, ob er vielleicht magersüchtig wäre, ha, aber das war nicht das Problem. Er schaffte es oft zeitlich nicht und wenn er einmal die Zeit dafür fand, dann hatte er sowieso längst keinen Hunger mehr geschweige denn Appetit. Manchmal zwang er sich dazu, aber dann wurde ihm nur übel, und es war ja auch nicht so als würde er überhaupt nichts essen. Er tat es nur nicht so regelmäßig wie andere Menschen und solange er nicht vom Fleisch fiel, und das tat er nicht, war seiner Meinung nach alles in Ordnung.
„Wir haben oben noch Lasagne, wenn du willst“, sagte Petra weich und er wandte den Blick von seinem Bier ab, sah sie an. Sie lächelte. Er drehte den Kopf weg.
„Schon gut“, meinte er und Mikasa neben ihm schnaubte. Er warf ihr einen Blick zu, den sie völlig gelassen erwiderte. „Hör auf, aus nicht-vorhandenen Problemen welche zu machen.“ Seine Stimme klang kühl, aber es schien sie nicht zu kümmern.
Unbeeindruckt sah sie ihn an, dann zuckte sie mit den Schultern und sagte nichts, allerdings fing Hanji just in diesem Moment wieder an zu sprechen.
„Es wird Zeit, dass du dir Verstärkung holst“, meinte sie und er setzte zu einer bissigen, genervten Antwort an, aber sie schüttelte nur unwirsch den Kopf. „Ich mein’s ernst. Oder nimm dir Urlaub. Das brauchst du.“ Sie klang besorgt, aber Levi ignorierte es.
Er exte sein Bier und schnaubte dann.
„Sicher“, sagte er sarkastisch. „Ich lass Mikasa und Farlan allein und fahr nach scheiß Timbuktu. Gute Idee.“ Er meinte es nicht scherzhaft und die anderen schienen wohl verstanden zu haben, dass er nicht weiter darüber reden wollte, denn Hanji sah ihn nur einen Augenblick lang stumm an, dann wandte sie sich ab und seufzte.
„Wenn was ist, melde dich einfach“, sagte sie und klopfte Petra auf die Schulter, damit sie aufstehen konnte. Sie beugte sich zu ihm hinüber und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er verzog das Gesicht, aber sie grinste nur.
„Schön, dass du hier bist, Schatz.“

„Ja, ja, du mich auch“, murmelte er und sie lachte, ehe sie ihm und Mikasa noch ein letztes Mal auf die Schulter schlug und Nifa zunickte, die sofort ihre Arbeit einstellte und auf die Bühne zuging, auf der die Techniker wohl die letzten Feinheiten eingestellt hatten.
Levi starrte noch einen Moment lang auf Hanjis Rücken, ehe er sich wieder umdrehte und sein Glas in Richtung Bar schob, seine Zigarette abaschte. Er merkte, dass Mikasa ihn ansah, aber er gab sich Mühe ihren Blick einfach zu ignorieren. Er hasste es, wenn die anderen ihn belehren wollten. Er wusste natürlich, dass er sich Verstärkung würde holen müssen, sie waren das ganze Jahr ausgebucht und er selbst stand unter Dauerstress und er war wirklich hart im Nehmen, aber irgendwann würden sowohl sein Körper als auch sein Geist auf die Barrikaden gehen.
Die wenige Freizeit, die er noch hatte, nutzte er dafür, um sich halbwegs zu entspannen und den Rest der Zeit verbrachte er damit, sich mit seinen Freunden zu treffen und das zumindest zweimal die Woche, wenigstens das hatte er ihnen zugestehen müssen, sowohl seinen sexuell inkludierten Beziehungen als auch jenen, die von rein freundschaftlicher Natur waren. Er könnte sich durchaus mehr Zeit nehmen, aber dann müsste er einigen Kunden absagen und gleichzeitig mehr seiner Arbeit auf Mikasa und Farlan abwälzen und er wollte nichts von beidem, weil es schon reichte, dass er sich dumm und dämlich arbeitete. Er mochte seinen Job, wirklich, er mochte nichts lieber als das, es entspannte ihn irgendwo, gleichzeitig forderte es ihn heraus, aber gerade jetzt…
...es war zu viel zu tun, weil sie sich wohl irgendwie völlig überschätzt hatten. Ihre Hauptintention so viele Termine auszumachen, war wohl gewesen, dass sie gerne ein bisschen Geld für Fortbildungen beiseitelegen hatten wollen, aber so, wie es jetzt gerade aussah, hätten sie die Zeit für eine Fahrt nach London sowieso nicht. Es war ätzend, aber Levi wusste auch, dass gerade Hochsaison war. In spätestens zwei Monaten würde es wieder etwas ruhiger im Geschäft werden und vielleicht würde er sich dann wirklich eine kurze Auszeit gönnen.
Ha. Er wusste, dass er das sowieso nicht tun würde.

„Wir machen uns nur Sorgen“, sagte Mikasa neben ihm plötzlich und er sah sie an. Auf der Bühne kündigte Hanji gerade ihre Band an, die letzte Soundprobe war am Laufen, aber er registrierte es gerade gar nicht wirklich. Mikasa erwiderte seinen Blick völlig ernsthaft, aber auch besorgt, und er wandte die Augen ab.
„Ich weiß“, sagte er und Mikasa nickte kaum merklich. Er spürte ihre Hand auf seinem Oberarm und warf ihr wieder einen Blick zu. Ihre Mundwinkel hatten sich nur leicht nach oben gezogen, er wusste, dass es allerhöchstens ein besorgtes Lächeln war, aber genauso wie bei ihm war das ziemlich selten.
Er seufzte.
„Nächste Woche“, sagte er und sie ließ von ihm ab. Er warf seine Zigarette in den Aschenbecher. „Nächste Woche nehme ich mir einen Tag frei.“
Er wusste, dass er das nicht tun würde. Er war zwar manchmal ein Arschloch, aber er würde Mikasa und Farlan sicherlich nicht für auch nur einen einzigen Tag mit dem Haufen an Arbeit alleine lassen. Das wäre nicht fair.
Mikasa musterte ihn stumm, er konnte ihr ansehen, dass sie ihm nicht glaubte, aber er hatte keinen Nerv dieses Gespräch fortzuführen und das schien sie zu merken, denn sie nickte nur knapp und dann schwiegen sie. Gut für ihn. Er hatte sowieso das Gefühl auf der Stelle einzupennen.




So. Jetzt ist vielleicht ein bisschen (ein bisschen) klarer, wie Levi so zu der Liebe steht. Irgendwie ist das eine ganz schöne Herausforderung für mich ihn in diese Art zu leben zu packen, aber ich denke, dass ich das meistern werde. Und übrigens: das heißt nicht, dass ihr nicht genug Ereri-Momente bekommt. Von denen wird es zu gegebener Zeit eine ganze Menge geben - ansonsten wäre das wohl auch keine Ereri-Story.
Die erste Begegnung war ja schon einmal nicht so wahnsinnig besonders, aber im echten Leben sieht man im Normalfall ja auch keinen Menschen und verliebt sich sofort unsterblich in ihn ^^ Das dauert noch eine ganze Weile. Und Levi...ist halt eben immer noch Levi.
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