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Opfer bringen

von Xella Sky
Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Charles Tucker III Hoshi Sato Jonathan Archer Phlox T'Pol Travis Mayweather
25.12.2020
25.12.2020
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Captain Archer stürmte aus dem Shuttle, seinen Beagle Porthos unter dem Arm eingeklemmt, kaum dass sich die Luke geöffnet hatte. Er erntete für dieses ungewöhnliche Manöver erstaunte Blicke der Hangarcrew, die bereitstand, das Außenteam in Empfang zu nehmen und die nachträgliche Wartung des Shuttles zu beginnen.
„Vergessen Sie die Dekontaminationskammer nicht!“, rief T’Pol ihm hinterher, die als Zweite die kleine Raumfähre verließ und ihrem Captain mit aufmerksamen Blicken folgte. Archer ließ sich jedoch nicht anmerken, ob er sie gehört hatte. Ohne ein Wort mit den Anwesenden zu wechseln, flog er nahezu die Stufen der leiterartigen Treppe hinauf und verließ das Hangardeck auf der nächsthöheren Ebene.
Der Subcommander und Ensign Sato tauschten einen Blick aus, nur um ihrem Captain dann wie auf ein geheimes Kommando hin auf demselben Weg zu folgen. Zwei weitere Personen verließen das Shuttle. Malcolm Reed und Travis Mayweather bildeten die Nachhut, nicht weniger ernst aussehend. Der taktische Offizier blieb an Ort und Stelle zurück, um das Sichern und Verstauen der Waffen zu beaufsichtigen, doch Travis folgte den beiden Frauen in einigem Abstand.

***


Nach Außeneinsätzen auf fremden Planeten war es üblich, im Anschluss die Dekontaminationskammer an Bord aufzusuchen und obwohl T’Pol anderes befürchtet hatte, hatte der Captain offenbar beschlossen, sich hier an die Vorschriften zu halten. Er hatte allerdings seinen Vorsprung genutzt, so dass die drei Crewmitglieder, die ihm gefolgt waren, sich nun in der unangenehmen Position befanden, nur in blaue Sternenflotten-Unterwäsche gekleidet vor verschlossenen Türen zu stehen. T’Pol warf sowohl Hoshi als auch Travis einen forschenden Blick zu und erkannte, dass keiner der beiden Jungoffiziere es wagen würde, den Captain zu stören und um Einlass zu bitten. Eine unlogische Scheu, war es doch Zeitverschwendung und nicht üblich, die Kammer ohne guten Grund nacheinander aufzusuchen, aber auch Vulkaniern war bewusst, dass jüngere Mitglieder einer Spezies oft großen Respekt vor den Älteren hatten, vor allem wenn es sich dabei um ihre Vorgesetzten handelte, und daher im Zweifel nicht auf ihre Rechte pochten. Es war also an T’Pol selbst, ihnen Zugang zu verschaffen. Sie klopfte mit den Fingerknöcheln an die Glasscheibe, die in das Schott eingelassen war und einen Blick auf das Innere offenbarte. Der Captain saß auf einer der schlichten Bänke, die Unterarme auf den Oberschenkeln abgestützt und den Boden anstarrend. Sein Hund lag neben ihm auf der Bank. Zuerst schien Archer sie nicht gehört zu haben, doch als sie ein zweites Mal klopfte, blickte er auf.
„Captain, lassen Sie uns rein!“, forderte sie, wohl wissend, dass er sie verstehen konnte, wenn man nur laut genug sprach.
Er zögerte, doch dann erhob er sich und löste die Verriegelung an der Tür. T’Pol schlängelte sich an ihm vorbei und nahm auf der Bank Platz, die nicht von Archers Haustier belegt wurde. Wenn es vermeidbar war, wollte sie die Prozedur überstehen, ohne danach Hundehaare überall an ihrem Körper kleben zu haben, außerdem vertrugen Vulkanier den starken Geruch von Tieren nur schwer. Hoshi folgte ihr und setzte sich neben sie. Travis nahm neben Porthos Platz und begann, den kleinen Rüden hinter den Ohren zu kraulen. Der Captain blieb noch eine Zeitlang an der Tür stehen, so dass mehr als deutlich wurde, dass er lieber allein gewesen wäre, aber dann gesellte er sich doch wieder zu ihnen und nahm auf der anderen Seite von Porthos Platz.
„Sagen Sie nichts! – Sagen Sie einfach nichts!“, forderte Archer unwirsch in die Runde, traktierte dabei aber T’Pol mit einem Blick, der neben der ausgesprochenen Warnung auch eine unausgesprochene enthielt. Gedankenverloren streichelte er über das Fell seines Hundes, der die doppelte Zuwendung ganz entspannt zu genießen schien.
Für eine Weile kehrte betretene Stille in der Dekontaminationskammer ein, bis Archer selbst das Wort wieder ergriff und darin anknüpfte, worüber sie schon im Shuttle diskutiert hatten. „Es ist einfach keine Option!“, bestimmte er und obwohl er dabei niemanden ansah, wussten doch alle, wem diese Worte galten.

***


Archer zuckte kurz zusammen, als das Geräusch des Türmelders einen Besucher ankündigte, und unterbrach sein Wurftraining mit dem Ball gegen die Kabinenwand. Im Grunde genommen hatte er damit gerechnet, doch er hatte gehofft, dass sie ihm noch etwas mehr Zeit gewähren würde, um darüber nachdenken zu können. Natürlich konnte er nur ahnen, wer da vor der Tür stand, aber es gab nach den Ereignissen der vergangenen Stunden nur eine logische Option: T’Pol. Sein Verdacht bestätigte sich, es war sein vulkanischer Erster Offizier.
„Captain“, begrüßte sie ihn knapp.
„T’Pol.“
„Wir müssen darüber reden.“
Es war eine sachliche Feststellung, keine Bitte und keine Forderung, doch nun, da sie nicht von neugierigen Zuhörern umgeben waren und zudem wieder mit vollständigen Uniformen bekleidet, konnte er keinen logisch klingenden Grund angeben, um dieses Ansinnen zu verweigern, daher bat er sie in sein Quartier.
„Was werden Sie Admiral Forrest berichten?“
Archer sah T’Pol voller Unmut an. Mit schlafwandlerischer Sicherheit und ohne vorherige Einleitung hatte sie es geschafft, seinen wunden Punkt zu treffen. Er war ein Captain der Sternenflotte und damit deren Regeln verpflichtet. Dem Admiral lag sehr viel an diesem Erstkontakt mit den Silurianern, um den sie sich aktuell bemühten, wie er mehrfach über Subraum deutlich gemacht hatte, und hätte es sicher nicht verstanden, wenn dieser aufgrund eines kindisch wirkenden Festhaltens an einem Angehörigen der niederen Spezies der Canidae scheitern sollte. Doch wie konnte er seinem kleinen befellten Freund nur klar machen, dass er zum Spielball von Interspeziespolitik geworden war?
Archer blickte zu dem kleinen Rüden hinunter, der sich ausgiebig am Hinterteil leckte und erst damit aufhörte, als er die Blicke seines Menschen auf sich spürte. Vertrauensvolle schwarze Augen richteten sich auf ihn.
„Ich werde ihm berichten“, erwiderte er nach einigen Sekunden des Nachdenkens, „dass es uns gelungen ist, den Erstkontakt herzustellen, und dass wir persönlich mit den Silurianern auf deren Planeten gesprochen haben.“
„Ist das alles?“, bohrte T’Pol nach.
Archer verzog seinen Mund zu einem freudlosen Lächeln. „Sie machen es Ihrem Captain nicht gerade leicht“, gab er offen zu.
„Ich wusste nicht, dass es zu meinen Aufgaben gehört, Ihnen das Leben leicht zu machen“, erwiderte sie. T’Pol hätte ihren Einwand vermutlich als sachlich bezeichnet, er selbst empfand es als stur, doch im Innersten seines Herzens wusste er, dass sie es nicht böse meinte. Sie verstand nur nicht, worin eigentlich sein Problem lag, und es fiel ihm schwer, es ihr zu erklären, waren Vulkanier doch allgemein nicht dafür bekannt, dass sie sich mit Gefühlen anderen gegenüber leichttaten, und daher erst recht nicht nachvollziehen konnten, welche Gefühle Menschen gegenüber ihren Haustieren hegten.
„Selbstverständlich werde ich auch berichten, dass es zu ersten Forderungen von beiden Seiten gekommen ist, die die diplomatischen Beziehungen angehen, und dass darüber noch ausgiebig verhandelt werden muss, bis für beide Seiten ein akzeptabler Kompromiss entsteht.“
T’Pols Augenbrauen wanderten nach oben. Für eine Vulkanierin war dies schon ein deutliches Zeichen von Irritation, und Archer verstand sie. Allerdings kannte er Forrest viel länger als sie. Der Admiral würde sich mit dieser Erklärung für ein paar Stunden abspeisen lassen und mehr brauchte er vermutlich nicht, um tatsächlich zu einer akzeptablen Lösung für beide Seiten zu gelangen.
„Wird das genügen?“, hakte sie daher skeptisch nach.
„Das wird es müssen. Und jetzt wegtreten. Ich wünsche keine weitere Diskussion.“
„Captain, die Silurianer wirken nicht besonders kompromissbereit“, versuchte es T’Pol trotz seines Befehls.
„Dann werden sie lernen müssen, dass man nicht immer seinen Kopf durchsetzen kann“, erwiderte er und konnte nicht verhindern, dass er sich wie ein bockiges Kind vorkam.
Sie sah ihn unverwandt an und es stand ihr praktisch auf die Stirn geschrieben, dass man denselben Satz auch auf ihn anwenden könnte, doch bevor ihr Wortwechsel noch in einen richtigen Streit führen konnte, wandte sie sich um und kam seinem Befehl nach.

***


Der Captain wusste nicht, ob sein Ansinnen Erfolg versprechen würde, doch er nahm an, dass der denobulanische Arzt der Enterprise noch am ehesten seine Argumente würde nachvollziehen können, schließlich war er der einzige andere Tierhalter an Bord – und er hielt sogar nicht gerade wenige, wie Archer einmal leidvoll erfahren hatte, da sie ihn um seinen dringend benötigten Schlaf gebracht hatten, als er zwei Nächte auf der Krankenstation hatte verbringen müssen. Nichtsdestotrotz, gerade die Tierliebe von Phlox brauchte er nun als Bestätigung für sein Vorgehen. Kurz vor seinem nächsten Dienstbeginn suchte er den Arzt an dessen Arbeitsplatz auf, um ihm das Problem zu umreißen.
„Mir war nicht bewusst“, fasste Dr. Phlox wenig später seine neu gewonnenen Erkenntnisse zusammen, „dass Menschen eine so intensive Beziehung mit niederen Spezies eingehen. Insbesondere bei Angehörigen der Sternenflotte ist es mir bis dahin nicht aufgefallen.“
„Aber Sie halten hier auf der Krankenstation doch auch Haustiere“, erwiderte Archer.
„Das ist richtig.“
„Sie reden sogar mit ihnen.“
„Auch das stimmt. Es regt deren Verdauung an – außerdem sind sie gute Zuhörer in Zeiten, wenn auf der Krankenstation wenig Betrieb herrscht.“
„Sie können mir nichts weißmachen, Phlox, Sie mögen sie.“
„Natürlich mag ich sie. Manche von ihnen sind sehr wohlschmeckend.“ Der Arzt strich sich genießerisch mit einer Hand über den Bauch.
Archers Augen wurden ob dieser Aussage groß. Manchmal war es sehr schwer, mit dem denobulanischen Arzt zu diskutieren. In Momenten wie diesem wurden ihm die kulturellen Unterschiede von Angehörigen unterschiedlicher Spezies wieder mehr als bewusst.
„Oh, Sie meinten es auf eine andere Weise“, korrigierte sich Phlox rasch, nachdem er Archers Mimik studiert hatte. „Ja, ich mag tatsächlich deren Gesellschaft. Sie sind unterhaltsam. Aber sie erfüllen auch einen Zweck, medizinisch oder zu sonstigen Forschungszwecken. Ich würde sie jederzeit für das Wohl der Crew einsetzen.“
Archer, der ruhelos durch die Krankenstation getigert war, blieb stehen und kratzte sich verzweifelt am Hinterkopf. Er sah seine Gründe, sich zu verweigern, weiter schwinden.
„Porthos erfüllt auch einen Zweck!“
„Und der wäre?“
„Er ist …“, Archer stockte und setzte ein zweites Mal an, „… er ist mein Freund.“
„Und Freunde kann man nicht verschenken! Das ist interessant. Das ist hochinteressant! – Darf ich Ihr Gehirn scannen?“
Ein äußerst misstrauischer Blick traf den denobulanischen Arzt. „Weswegen? Wollen Sie mich für verrückt erklären lassen?“
„Keineswegs, Captain! Falls Sie das befürchten, ich bewerte Ihr Verhalten nicht moralisch. Und dass Sie bei bester körperlicher Gesundheit sind, hat der Check-up von vor zwei Tagen gezeigt. Ich würde nur gerne Ihr Gehirn scannen, um herauszufinden, welche Gehirnregionen bei freundschaftlicher Verbundenheit mit Tieren betroffen sind. Nennen Sie es wissenschaftliche Neugier.“
Dr. Phlox kniff die Augen ein wenig zusammen und setzte ein Lächeln auf, das von einem Ohr bis zum anderen reichte. Archer war nicht stolz darauf, aber dieses Lächeln löste jedes Mal einen Fluchtinstinkt bei ihm aus.
„Ein andermal, Doktor“, war daher auch schon über seine Lippen gekommen, noch bevor er richtig darüber nachdenken konnte. „Die Pflicht ruft“, schob er schnell noch hinterher, damit es nicht gar zu sehr nach einer billigen Ausrede klang. Schnellen Schrittes verließ er die Krankenstation, um auf die Brücke zu gehen.

***


„Lust auf ein Spielchen?“
Vor Trips Nase fiel ein Basketball vom Himmel, prallte mit Wucht auf und sprang wieder hoch. Obwohl er im Maschinenraum nicht mit solch einer Überraschung gerechnet hatte, fing der Ingenieur dank seiner guten Reflexe den Ball sofort auf.
„Soweit mir bekannt, sind Spiele im Dienst nicht gestattet“, meinte er, ohne sich zu der Stimme des Captains umzudrehen. Versonnen bewegte er den Ball in seinen Händen.
„Das ist richtig. Aber es gibt zum einen Ausnahmen, wenn ein ranghöherer Offizier es gestattet, und zum anderen hat der Captain deinen Dienstplan überprüft. Du hast offiziell schon längst frei. Also, was machst du noch hier?“
Auf Trips Gesicht breitete sich ein Grinsen aus und er wandte sich nun doch zu seinem Captain und Freund um.
„Du weißt doch wie das ist, nur wenn das Schiff stillsteht, kann man ordentliche Wartungsarbeiten vornehmen.“
„Sehr löblich“, meinte Archer und musste ebenfalls grinsen. Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf die metallische Brüstung und sah auf den Freund hinab. Dieser wusste glücklicherweise die Zeichen zu deuten. Er gab noch ein paar Anweisungen an andere Crewmitglieder, bevor er den Dienst beendete und mitsamt dem Ball die Leiter zu Archer hochstieg. Als er dort angelangt war, warf er ihn dem Captain zurück. Die beiden Männer nickten sich zu und verließen dann gemeinsam den Maschinenraum. Sie fanden einen ruhigen Ort, an dem sie schon öfter gemeinsam Sport getrieben hatten, und begannen ein einfaches Eins-zu-Eins-Basketballspiel.

Als es nach zwanzig Minuten 13 zu 7 für Trip stand, unterbrach der Ingenieur die Runde und klemmte sich den Ball unter den Arm.
„Jon, was liegt dir auf dem Herzen?“
„Es ist nichts“, wiegelte Archer ab.
„Wegen nichts zieht man nicht so ein Gesicht“, widersprach Trip. „Außerdem verlierst du sonst viel eleganter.“
„Das Spiel ist noch nicht zu Ende.“
„Ich glaube, es spielt keine Rolle, wie lange wir noch weiter machen, du bist nicht bei der Sache!“
„Mag sein“, gab Archer zu.
„Mag sein? Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Es geht um Porthos, nicht wahr?“
„Du weißt schon davon?“
„Es ist ein kleines Schiff und es wird gerne getratscht. Wollen diese Silurianer wirklich, dass du ihnen deinen Hund schenkst?“
„Es sieht so aus.“
„Du wirst doch wohl nicht ernsthaft auf deren Forderungen eingehen?! Jon, das ist verrückt! Die können das nicht verlangen, das ist ein Lebewesen.“
„Ich habe mich noch nicht entschieden.“
„Was gibt es da zu entscheiden? Es ist dein Hund. Sie haben keinen Anspruch darauf.“
„Ich bin selbst schuld, was musste ich ihn auch zum Gassigehen ausgerechnet zu einem Erstkontakt mitnehmen. Es wird mir eine Lehre sein.“
„Du ziehst also ernsthaft in Betracht, auf deren Forderung einzugehen? Warum?“
„Ich will keinen diplomatischen Eklat auslösen. Sieh mich nicht so an, Trip. Natürlich will ich ihn nicht weggeben. Aber mir bleibt kaum eine Wahl.“
„Man hat immer eine Wahl. Was wollen sie überhaupt mit ihm anfangen? Vor deinem Besuch dort unten haben die doch bestimmt noch nie einen Hund gesehen!“
„Es geht nicht um den Hund.“
„Wie jetzt? Das ist mir zu hoch. Hast du nicht gerade gesagt …?“
„Doch – und nein. Es ist kompliziert. Ja, sie wollen Porthos, aber es geht nicht darum, einen Hund zu bekommen.“
„Worum geht es dann?“
„Ich bin für sie der oberste Repräsentant der Enterprise und damit auch der Sternenflotte. Als Zeichen meines guten Willens und unserer guten Absichten fordern sie daher eine besondere Geste des Captains. Ich soll ihnen das überlassen, was mir am wertvollsten ist.“
„Und das ist Porthos?!“
„Das denken sie zumindest. Sie haben mich mit ihm beobachtet und ihre Schlüsse gezogen.“
„Die spinnen doch! Biete ihnen etwas anderes an. Du hast bestimmt noch mehr wertvolle Besitztümer in deinem Quartier. Vielleicht bist du sogar froh, ein bisschen Krempel loszuwerden.“ Trip grinste ob seines Scherzes, doch Archer blieb ernst.
„Glaubst du, das habe ich nicht versucht? Sie wollen Porthos, oder die Verhandlungen sind zu Ende.“
Der jüngere Mann sah ihn zweifelnd, aber auch mitfühlend an. „Ein verdammtes Dilemma.“
„Du hast es erfasst.“
„Was meint T’Pol dazu? – Oh, was frage ich überhaupt. – Jon, ich würde dir wirklich gern helfen und meine Meinung kennst du, aber ich fürchte, das geht über mein Bauchgefühl hinaus. Du musst abwägen, was du der Sternenflotte opfern willst, und ich glaube nicht, dass es mir zusteht, dir da etwas zu raten.“
Archer nickte langsam.
„Deshalb bin ich der Captain und nicht du. Ist dir eigentlich klar, dass du zum ersten Mal das Hierarchiegefälle zwischen uns anerkennst? Und dass mir das sowas von ungelegen kommt?“
Trip rieb sich verlegen am Kinn. „Wann wirst du dich entscheiden?“
„Morgen früh. Ich muss nochmal eine Nacht drüber schlafen.“

***


„Captain? Was machen Sie so früh hier? Ist etwas passiert?“
T’Pol stand, nur mit einem kurzen Schlafanzug bekleidet, vor ihm und sah müde aus. Natürlich war es unfair, dass er sie um ihre wohlverdiente Nachtruhe brachte, doch er hatte sich entschieden, und die Konsequenzen daraus duldeten keinen Aufschub. Er musste die Sache mit seinem Ersten Offizier besprechen, und da spielte es keine Rolle, dass es laut Bordzeit erst fünf Uhr am Morgen war.
„Subcommander, es tut mir leid, dass ich Sie aufgeweckt habe. Ich habe gründlich über die Bitte der Silurianer nachgedacht und bin zu einer Entscheidung gekommen. Ich werde ihnen Porthos übergeben, als Zeichen des guten Willens der Sternenflotte und in dem aufrichtigen Wunsch, langfristige diplomatische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit ihnen aufzunehmen.“
T’Pols Augen weiteten sich ein wenig. Er interpretierte das als Überraschung. Sie schien nicht damit gerechnet zu haben, dass er doch noch einlenken würde. Nun, wenn er es recht bedachte, dann musste ihre Erfahrung mit ihm durchaus für die Vermutung sprechen, dass er wie so oft einen unkonventionellen Weg einschlagen würde – aber dieses Mal hatte er sich dagegen entschieden, weil er keine andere vernünftige Lösung sah.
Bevor er es sich anders überlegen konnte, begann er, seine unzähligen mitgebrachten Besitztümer an sie zu übergeben. Er tat einen Schritt nach vorne und hob seinen rechten Arm leicht an, so dass sie Zugriff auf das darunter eingeklemmte Körbchen erhielt, in dem Porthos normalerweise schlief. Es folgten eine Tasche mit Hundefutter und Spielzeugen sowie ein PADD.
„Hier stehen Anweisungen drin, wie mit einem Beagle umzugehen ist: Nahrung, Fellpflege, Gesundheit, Sport.“
Die Vulkanierin hatte bis dahin alles widerstandslos entgegengenommen, doch nun hatte sie eine Frage.
„Sie wollen ihn nicht selbst auf den Planeten begleiten?“
„Nein. Alles hat seine Grenzen. Ich übergebe Ihnen den Hund im Vertrauen darauf, dass Sie wissen, was zu tun ist. Ich möchte den Abschied so kurz und schmerzlos wie möglich halten – und ohne das Aufsehen der Crew.“
T’Pol neigte bestätigend den Kopf. „Sie tun das Richtige.“
„Ich wusste, dass Sie das sagen würden“, meinte Archer und lächelte kurz. Dann wickelte er die Hundeleine von seiner linken Hand und übergab sie an T’Pol.
„Los, Abmarsch!“, war das Letzte, das Archer zu Porthos sagen konnte, bevor dieser treuherzig und arglos seinem Befehl folgte und in T’Pols Quartier schlüpfte.
Erst als ihre Tür wieder geschlossen war und er den einsamen Rückweg zu seinem eigenen Quartier antrat, fiel ihm auf, dass er genauso wie sie nur einen kurzen Schlafanzug trug. Er hatte in all der Aufregung seinen Bademantel vergessen. Das einzig Gute war, dass um diese Uhrzeit niemand in den Gängen unterwegs war, man hätte sonst bei seinem Anblick auf falsche Gedanken kommen können.

***


Der Türsummer erklang und Archer sah sich genötigt, den Besucher hereinzubitten. Obwohl ihn eine tiefe Traurigkeit beherrschte, war er noch immer der Kommandant hier und im Dienst. Als das Schott seines Büros sich öffnete, stand ausgerechnet die Person vor ihm, die er momentan am wenigsten sehen wollte. Natürlich hatte sie nur ihre Pflicht erfüllt und er war ihr dankbar, wie diskret sie dabei vorgegangen war, aber dennoch.
„T’Pol ich dachte …“ Er unterbrach sich und starrte auf das, was sein Subcommander in den Armen hielt. „Was ist schiefgelaufen?“
Zum ersten Mal in seinem Leben wurde ihm bewusst, dass es grausam sein konnte, Hoffnung zu haben. In diesem Fall Hoffnung darauf, dass sein kleiner pelziger Freund zu ihm zurückkehren durfte. Er verbat sich daher schnell jegliches Gefühl, das in diese Richtung ging und beneidete für einen Moment die Vulkanier, denen das Unterdrücken derselben so viel leichter zu fallen schien.
„Es ist nichts schiefgegangen“, unterbrach da T’Pol seine wild herumwirbelnden Gedanken. „Darf ich hereinkommen?“
„Natürlich.“ Er tat einen Schritt rückwärts und gab damit die Tür frei. T’Pol folgte ihm und setzte im nächsten Moment den kleinen Beagle auf dem Boden ab. Dieser jaulte erfreut auf und tapste auf sein Herrchen zu. Schwanzwedelnd drückte der Hund sich an Archers Beine, stellte sich dann auf die Hinterpfoten und begann zu fiepen. Wären sie allein im Büro gewesen, hätte Archer ihn sofort hochgenommen, doch so wollte er sich keine Blöße geben und ließ es bleiben; stattdessen starrte er seinen Ersten Offizier unverwandt an. „Das müssen Sie mir erklären.“
T’Pol neigte andeutungsweise den Kopf zum Zeichen, dass sie einverstanden war. „Die Silurianer haben eine Neuinterpretation der Rangsituation an Bord der Enterprise vorgenommen.“
„Ich verstehe nicht“, unterbrach sie Archer. Er versuchte in ihren Gesichtszügen zu lesen. Hatte er sich getäuscht oder war da tatsächlich der Hauch eines Lächelns über ihre Miene geglitten? Er musste sich irren, denn Vulkanier lächelten nie – besonders nicht T’Pol!
„Bis dahin hatten sie Sie als Verhandlungsführer und obersten Repräsentanten der Enterprise angesehen, doch da Sie dieses Mal nicht selbst auf den Planeten kamen, um Porthos zu übergeben, haben Sie in deren Augen den obersten Rang verloren und nun galt ich plötzlich als oberste Verhandlungsführerin.“
Archer kratzte sich überrascht am Kopf. „Haben Sie das Missverständnis nicht aufgeklärt?“
„Ich habe es versucht. Aber so beharrlich, wie sie noch gestern auf der Übergabe von Porthos bestanden, so bestanden sie nun auf ihrer Interpretation, dass ich Repräsentantin der Enterprise und der Sternenflotte sei.“
Archers Gedanken rasten. „Heißt das etwa, sie wollen nun nicht mehr Porthos, sondern etwas, das Ihnen am wichtigsten ist?“
„Sie haben es erfasst“, bestätigte T’Pol leidenschaftslos.
„Was verlangen sie?“ Ein Hauch von Sorge breitete sich in Archer aus. Es war in Ordnung, wenn von ihm selbst im Dienst viel verlangt wurde, denn er war der Captain, aber er würde nicht zulassen, dass einer seiner Untergebenen etwas tun musste, das über die Grenzen der Dienstvorschriften hinausging.
„Meine Loyalität.“
„Ihre …?“ Er brachte den Satz nicht mal zu Ende, zu sehr überraschte und schockierte ihn die Antwort. „Das heißt jetzt aber nicht, dass … – T’Pol, Sie werden auf keinen Fall das Schiff verlassen und bei den Silurianern leben! Das können die nicht verlangen und das werde ich unter keinen Umständen dulden!“
„Captain, beruhigen Sie sich. Es ist nicht ganz so, wie Sie annehmen.“
„Wie dann? Heraus mit der Sprache!“, forderte er ungeduldig und aufgewühlt.
„Die Silurianer haben uns gestern und auch bei den Verhandlungen über das Com-System die letzten Tage über sehr genau beobachtet. Sie interpretieren mein Verhalten so, dass mir Loyalität das Wichtigste sei. Durch die zuwiderlaufenden Wünsche der Silurianer und Ihren kam ich in deren Augen in einen Loyalitätskonflikt, den ich ihrer Meinung nach perfekt gelöst habe, indem ich Sie dazu brachte, Ihren Hund aufzugeben, und ich ließ den Silurianern meine Loyalität zukommen, indem ich bereit war, ihnen den Hund zu übergeben.“
„Das ist eine sehr …“, Archer suchte nach einem passenden Wort, „… exzentrische Interpretation der Verhältnisse.“
„Captain, Sie müssen aufhören, alles aus menschlicher Betrachtung zu beurteilen“, gab sie ihm zu Bedenken – nicht zum ersten Mal.
„Ich bin aber ein Mensch! Wie sonst sollte ich alles interpretieren?“ Archer grinste über diesen alten Schlagabtausch und, weil ihn ihre Neuigkeiten sehr erleichterten. „Das heißt also, Sie müssen nicht auf dem Planeten bleiben?“
„Nein.“
„Und Porthos auch nicht.“
„Nein, er ist wieder ganz der Ihre.“
„Wir sind also aus dem Schneider?“, hakte er sicherheitshalber noch einmal nach.
„Ich verstehe die Frage nicht. Was hat ein Schneider mit unserer Situation zu tun?“
Statt einer weiteren Antwort zog Archer den Subcommander in eine kräftige und von Herzen kommende Umarmung. Zwar spürte er, dass sie stocksteif dastand und die Umarmung nicht erwiderte, alles andere hätte ihn auch gewundert, aber obwohl er wusste, dass es unangebracht war, mussten seine Gefühle sich irgendwie Bahn brechen. Zu erleichtert war er darüber, sowohl Porthos als auch seinen Subcommander behalten zu dürfen.
„Captain, lassen Sie mich los“, bat T’Pol schließlich nach einigen Momenten des Ausharrens.
„Natürlich. Gut. Nun, dann bringe ich den Hund schnell in mein Quartier und dann gehen wir wieder an die Arbeit. Wir müssen einen diplomatischen Vertrag aushandeln … und Sie zum vorläufigen Captain ernennen.“

ENDE



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