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Der Engel der Chemainus

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Historisch / P18 / Het
25.12.2020
29.05.2021
17
30.614
3
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Dieses Kapitel
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25.12.2020 2.357
 
Es ist eine frei erfundene Geschichte. Da ich die Native American Geschichte nicht studiert habe, kann es vorkommen, dass einige Logikfehler auftreten. Eigentlich habe ich auch nur Filmwissen und wenig noch was von der Schule behalten. Die Namen, wie auch den Stamm, wähle ich eher zufällig aus, behalte dennoch etwas Geschichte bei. Bitte verurteilt mich dafür nicht. Ich hoffe dennoch, dass sie euch gefallen wird :)


*** Es sind Trigger vorhanden! ***


Viel Spaß beim lesen!
MfG
Rosemary Ruby ♥


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Kapitel 1


Anstrengende Tage und Wochen vergehen als wir endlich in der Nordwestküste ankommen. Wir überquerten den weiten Ozean, fuhren mit vielen Kutschen und schließlich auch mit einer Eisenbahn. An der Endstation steigen mein Mann Edward und ich aus. Draußen ist es noch dunkel, die Sonne sollte schon bald aufgehen. Ich quäle mich mit einem schweren Koffer, mein Mann hat bereits den Mann angetroffen der uns erwartet hatte und begrüßen sich recht freundlich.

Warten Sie, ich helfe Ihnen Madame."

Endlich mal ein kultivierter Herr. Er trägt für mich den schweren Koffer aus dem Zug, wofür ich mich herzlich bedanke und einen kleinen Knicks mache. Er zieht sein Hut etwas nach unten und lächelt mir zu als er auch schon davon geht. Ich geselle mich zu meinem Mann. Der fremde Mann vor uns begrüßt mich freundlich und nimmt meine Hand in seiner: „Sie müssen Grace Montgomery sein. Es freut mich, dass sie sich so sehr für deren Kultur interessieren. Mein Name ist Wilson Roberts, aber nennen Sie mich ruhig Will."

Freut mich." erwidere ich, „Ich bin auch schon sehr gespannt wie die Einheimischen leben und wie sie-"

Wir werden auf jeden Fall viel von ihnen lernen." unterbricht mein Mann mich. Wie so oft. Ich rede zu viel, das mag er nicht. Als Will uns den Rücken kehrt um zu seiner Kutsche zu gehen und dabei spricht, bekomme ich einen vielsagenden Blick von Edward. Ich soll ruhig sein. Ihm nicht bei der Arbeit stören. Einfach unsichtbar sein. Schließlich nahm er mich mit, das dürfte wohl reichen.

Unser Gebäck wurde auf den Arbeitswagen mit Plane gebracht. Mein Mann sitzt bei Will und besprächen noch etwas wie wir uns am besten bei dem Stamm verhalten sollen. Ich sitze beim Gepäck auf einem Koffer und male etwas in meinem kleinen Buch. Es ist das einzige was ich tun kann um wenigstens ein bisschen frei zu sein. Einfach drauf los malen. Ich blicke hinaus, sehe wie die Landschaft kleiner wird und die Sonne aufgeht. Ich versuche das Bild in meinem kleinen Heft zu vertiefen. Drei Tage dauert der Weg noch, erzählte uns Will.

Als diese dann endlich auch mal vorbei sind, sehen wir schon von weiten den Stamm. Viele Tipis erkenne ich, trotz der holzenden Mauer davor. Meine Freude ist groß und aufgeregt bin ich. Um einen guten Eindruck zu machen, mache ich schnell nochmal meine hellen, lockigen Haare. Entflechte sie um sie daraufhin nochmal neu zu flechten und an meinem Kopf zu befestigen. Während der langen Fahrt erzählte uns Will, dass dieser Stamm nicht mehr jagt und keine Waffen mehr besitzen. Es wurde ein Reservat für sie. Bedeutet für uns, es ist komplett sicher. Paar Meter weiter steht eine große Hütte, dort sind britische Soldaten, die uns vor den Einheimischen beschützen werden. Es macht mir etwas Angst. Sind es denn unmenschliche Wesen? Würden die uns was antun? Ich habe schon einiges von ihnen gehört, doch konnte es nie glauben, schließlich kennen wir sie nicht. Aber so wie Will sprach, macht es mir doch Bedenken, dass ich die Reise mit antrat.

Wir steigen aus der Kutsche. Edward hält mir die Hand eher lustlos hin damit ich aussteigen kann. Ich streife mein Kleid zurecht und fühle nochmal ob meine Frisur sitzt. Die Sonne scheint grell, weshalb ich mir meinen Sonnenhut aufsetze und an meinem Hals binde, damit er nicht weg fliegt. Die Koffer nehmen wir später mit, meinte Will. Er klopft gegen das Holz und über uns, über der Mauer erscheint ein Soldat mit einem Gewehr in der Hand. Er begrüßt uns und hat uns erwartet. Er öffnet das Holztor und wir treten ein. Meine Freude und Angst verschwindet. Dieser Stamm sieht völlig leer aus.

Die Rothäute arbeiten." meint der Soldat abwertend und steigt zu uns runter, „Schließlich muss ja wer unser Land aufbauen."

Will stellt uns vor: „Dass sind Edward und Grace Montgomery. Sie bleiben für 6 Monate hier und wollen den Stamm, deren Angewohnheiten und Kultur studieren."

Wer will denn das wissen?" lacht der Soldat gehässig. Mein Mann antwortet: „Meine Schüler interessieren sich sehr für das neu eroberte Land und für die Einheimischen. Schließlich sind sie anders und für uns neu. Da gibt es bestimmt einige interessante Geschichten, die sie uns erzählen können."

Der Soldat grinst schief und hält seine Hand zu Edward: „Peter, mein Name. Ich hoffe nur, dass du auch deinen Schülern stolz von unserem Sieg erzählst."

Peter und Edward scheinen sich sehr zu verstehen. Duzen sich bereits und genehmigen sich zusammen ein Whiskey. Währenddessen zeigt mir Will die Hütte, wo wir demnächst wohnen werden. Eine kleine aber ausreichende Hütte, sogar mit einem kleinen Kamin und Möbeln. Das Bett ist hart aber nicht unerträglich, um das Bett herum ist eine Art Netz, die uns beim schlafen vor Insekten schützen. Ich schaue mich um als ich mich dann zu Will wende, der die Koffer rein holt: „Wo ist die Toilette?"

Er stellt die Koffer vor dem Kamin: „Das Plumpsklo ist draußen, zeig ich Ihnen gleich."

Plumpsklo?" frage ich entgeistert und hoffe, dass ich mich verhört habe. Will bemerkt meinen Schock und lacht etwas verlegen: „Ja, tut mir leid. Aber eine andere Möglichkeit wäre, dass sie aus dem Reservat gehen und irgendwo im Wald ihr Geschäft tun."

Es ekelt mich an. Eine Trockentoilette ist nicht sehr damenhaft oder gar sauber. Trotzdem habe ich Hoffnung: „Gibt es wenigstens getrennte Geschlechter?"

Nein, leider nicht." antwortet er mir mild, „Frauen verlaufen sich eher weniger bei uns."

Na toll." flüstere ich zu mir selber, setze mich auf das Bett und binde meinen Hut ab, „Nur eine einzige Toilette ist hier?"

Naja, die Indianer haben auch eine, sie können ja nicht aus dem Reservat und sollen auch nicht einfach irgendwo hinmachen. Die Toilette ist auf der anderen Seite. Aber ob Sie dahin wollen, ist denk ich auch nicht vom Vorteil." spricht Will. Ich seufze angespannt und frage mich, wie ich es hier aushalten sollte. Will schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln: „Ich werde mich mal zur Küche begeben und Ihnen was kochen. Sie und ihr Mann haben bestimmt Hunger."

Ich stehe sofort auf und verneine: „Ich werde kochen. Danke für ihre Mühen."

Will versteht und hakt nicht weiter nach. Er geht aus der Hütte zu meinem Mann, während ich mich etwas umschaue und die Lebensmittel finde. Ein kleiner Herd ist auch hier an dem ich mich mache und mich erst einmal selber probieren muss wie was geht. Ich schneide Gemüse und lasse es in einem Topf mit Wasser köcheln. Für heute müsste ein Gemüsetopf mit Linsen reichen. Ich gehe hinaus und suche nach den Männern. Ich schütze meine Augen vor dem grellen Sonnenlicht. Als ich die drei finde, erkenne ich fünf Soldaten mehr an einem Tisch sitzen. Ich lade sie alle zum essen ein und sie nehmen es an. Vor unserer Hütte essen die Soldaten gierig und bekomme von ihnen Komplimente für meine Kochkünste.

Endlich ist mal eine richtige Frau hier und kocht für uns." spricht einer und isst genüsslich weiter. Ich gehe ins Haus hinein, wo Will und Edward sitzen. Auch Will lobt mich für das Essen, nur mein Mann gibt mir Kritik: „Ziemlich nüchtern gewesen."

Irgendwie tut es immer weh. Nie schaffe ich es meinen Mann zu befriedigen. Ich bin eine ungenügende Frau. Als ich in den Topf schaue kommt mir die zweite Ernüchterung, der Topf ist leer und ich habe für heute wohl nichts zu essen. Mein Magen knurrt direkt doch mache mir nichts daraus, morgen wird es was geben.

Na dann, wollen wir mal zum Stamm der Chemainus." springt Will und Edward vom Stuhl auf. Ich setze mir schnell mein Hut auf und gehe mit den beiden Männern mit. Der Soldat Peter begleitet uns ebenfalls. Wir laufen vom Reservat entfernt zu einem Feld, wo wir endlich die Einheimischen sehen, die hart arbeiten – bewacht von unzähligen, bewaffneten Soldaten.

Die Frauen machen die Ernte, weil sie sich besser damit auskennen." erklärt Peter, „Die Männer bauen etwas weiter Häuser und Fabriken. Wenn alle artig sind und ihre Arbeit fehlerfrei machen, bekommen sie von uns Essen und Trinken."

Das ist Sklavenarbeit!" kommt es empört von mir. Ohne dass die anderen es sehen, packt Edward mich fest am Unterarm und schüttelt mit dem Kopf. Ich habe ohne zu fragen geredet. Ich erkenne in Peters Gesicht, dass er versteht was gerade los ist – der Mann zügelt seine Frau.

Was ist mit den Kindern?" fragt Edward als er mich endlich los lässt. Will antwortet: „Ich und noch ein weiterer unterrichten sie, damit sie unsere Sprache beherrschen. Später werden sie auch arbeiten, vielleicht auch mehr Chancen im neuen Amerika bekommen."

Es ist erschreckend was ich höre und auch sehe. Die Soldaten brüllen eine alte Frau an, die zu langsam arbeitet aber sich auch nicht beirren lässt und weiter Bohnen in die Erde gibt. Ich finde es ungerecht, sie ist alt und an ihren Händen sieht man, dass sie zittert vor Altersschwäche. Aber ich scheine die einzige zu sein, die sich um die fremde Frau sorgt. Edward kümmert sich halt nur um seinen Job: „Ich würde gerne den Häuptling treffen."

Will setzt gerade an, doch Peter unterbricht ihn harsch: „Er ist tot. Er hatte Unruhen gebracht und wollte nicht arbeiten. Einige Nächte lang tanzte er um das Feuer und sang irgendein Mist. Er muss wohl verrückt geworden sein und ließ sich nicht zähmen. Also erschoss ich ihn."

Mit wem soll ich denn über die Kultur reden?" fragt Edward enttäuscht.

Ich weiß einiges durch die Kinder oder auch der Sohn des Häuptlings. Er kann auch unsere Sprache aber ob er spricht ist wohl eine andere Sache." erzählt Will, „Du müsstest Vertrauen zu ihm aufbauen."

Ist doch eine leichte Aufgabe." sagt Edward siegessicher, „Dann bringt mich mal zum Sohn des Häuptlings."

Gesagt, getan. Will und Peter führen uns zu einer Kutsche, da wir weit fahren müssen. Mit dem Soldaten sitze ich hinten auf der Bank. Ich spüre die eindringlichen Blicke von ihm, die mir sichtlich unangenehm sind. Will und Edward reden über die Indianer und wie sie es schafften zu gewinnen. Währenddessen versucht Peter mit mir ein Gespräch und schneidet einen Apfel: „Von wo kommen Sie?"

Irland." sage ich knapp, der Soldat erwartet aber mehr und ich erzähle weiter: „Wegen der großen Hungersnot flohen wir nach England, Oxford. Dort traf ich später meinen Mann."

Glückliche Ehe?" fragt er schamlos und grinst.

Also hören Sie, so etwas fragt man nicht!" kommt es pampig von mir. Der Soldat lacht und hält mir in Apfelstück entgegen aber ich ignoriere die Geste und schaue stur zur Landschaft.

Ich werde die Weiber wohl nie verstehen." sagt Peter und isst den Apfel dann alleine.

Es blieb zwischen uns erdrückend still während der Fahrt bis wir ankommen. Ein großes Stück Land ist voll gestellt mit Holz, Werkzeugen, Mauersteinen usw. Wir sehen wie einige Indianer an einem Haus arbeiten. Ein großes Haus, was anscheinend eine Fabrik werden soll. Die dunkelhäutigen Männer sehen alle so dünn und schwach aus. Als würden sie tagelang ohne Pause arbeiten. Die vielen Soldaten demütigen die armen Menschen, essen vor ihnen und brüllen sie weiter zum arbeiten auf.

Will geht zu einem Soldaten und fordert nach dem Indianer, den Edward gerne kennenlernen will. Der Soldat schüttelt mit dem Kopf: „Er hängt an einem Baum."

Er ist auch tot?" fragt Edward fassungslos, der Soldat verneint und fordert uns auf mitzukommen. Abseits liegt ein Wald wo wir rein gehen und kurzerhand den Indianer sehen. Er hängt mit den Armen über dem Kopf am Baum, seine Füße berühren kaum den Boden, er ist abgemagert und scheint sehr schwach zu sein, er blickt nicht mal hoch. Kurz war ich mir nicht einmal sicher ob er überhaupt noch atmet aber da er nur eine kaputte Hose trägt, sehe ich seine Atmung an der Brust, die auch von einer schweren Narbe gezeichnet wurde.

Cheyeyo, Sohn des Häuptling und eigentlich jetziger Häuptling des Stammes Chemainus." stellt der Soldat ihn vor.

Warum hängt er hier?" fragt Will und bekommt schnell eine Antwort: „Er weigerte sich zu arbeiten als er vom Tod seines Vaters erfuhr. Er verlangte, dass wir sein Volk menschlicher behandeln sollen." er lacht, „Könnt ihr das fassen? Der dreckige Indianer verlangt auch noch was von uns." seine Miene verfinstert sich: „So ein Dreckspack!" er spuckt den Indianer an. Der Einheimische regt sich plötzlich und hebt sein Kopf. Seine langen schwarzen Haare hängen vor seinem Gesicht, dennoch erkennt man seine Wut in den Augen: „Wir haben eure Frauen und Kinder nicht vergewaltigt und sie wie Sklaven behandelt. Wir hatten euch frei gelassen."

Der Soldat grinst belustigt: „Trotzdem habt ihr dutzende meiner Männer getötet."

Wir hatten einen Pakt." spricht der Indianer mit krächzender Stimme, „Ihr habt den Pakt gebrochen."

Was für ein Pakt?" fragt Edward, genau meine gleichen Gedanken.

„Das werden Sie schon noch erfahren, Mr Montgomery." sagt Will. Der Soldat geht vom Indianer, dieser wieder schwer seinen Kopf hängen lässt. Die Männer gehen nach draußen, nur ich schaue weiter zum Indianer. Er tut mir schrecklich leid. Am liebsten würde ich ihn abbinden, ihn helfen aber wenn ich das tun würde, würde mein Mann mich verachten. Oder schlimmer, der Wilde würde mir was antun. Ich schaue ihn genau an. Nein, er ist zu schwach um mir was anzutun. Mein Herz setzt kurz aus als er sein Kopf wieder erhebt und mich anblickt. Ich bin unschlüssig was ich tun soll, weshalb ich einen knicks mache und zu den anderen schnellen Schritten gehe. Es ist mir ziemlich peinlich, doch mir überkam die Panik.
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