Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Leises Rufen

von Rudinsten
GeschichteAbenteuer, Romance / P18 / MaleSlash
Caesar Flickerman Mags
25.12.2020
04.02.2021
3
5.714
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
25.12.2020 1.000
 
Prolog


Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, seitdem ich aufgewacht bin, aber eines ist sicher, ich werde von Tag zu Tag kräftiger. Das ausgehungerte Mädchen, das von den Gefahren der Arena gezeichnet wurde, ist kaum noch zu erkennen. Zumindest äußerlich. In meinem Inneren sieht es anders aus. Schon in der Arena wurde ich von Albträumen heimgesucht, aber seit ich in dem sicheren Bett unter dem Trainingscenter aufgewacht bin und auf den Tag warte, an dem ich nach Hause darf, traue ich mich kaum mehr, die Augen zu schließen. Nur ab und an, wenn Schmerzmittel in meine Venen gespritzt werden, darf ich in tiefes, schwarzes Nichts eintauchen. Keine Arena, keine anderen Tribute, kein Morden. Ich kann einfach nur vor mich hintreiben. Leider werden die Medikamente langsam abgesetzt. So erscheint mir jede Nacht schlimmer als die Vorherige.
„Guten Morgen, meine Liebe“, reißt mich eine altbekannte Stimme aus meinen Gedanken. Vlavio sieht aus wie eh und je, was mein Inneres in zwei Fronten teilt. Wie immer trägt der dunkelhäutige Mann einen Anzug in verschiedenen Violett- und Lilatönen. In seinem Gesicht und auf den Handrückseiten erkennt man kleine, lila Kringel. Dieser ist bereits der vierte Besuch, den mir mein Berater abstattet. „Wie geht es uns denn heute?“
Ich strecke einen Daumen nach oben und schenke ihm ein breites Grinsen. Zwar ist alles daran eine Lüge, aber Vlavio hat es nicht verdient, von mir so behandelt zu werden, wie ich es am liebsten tun würde. Als ich den bunten Vogel das erste Mal gesehen habe, konnte er von Glück reden, dass ich unter extrem starken Schmerzmitteln stand. Wäre dem nicht so gewesen, wäre ich ihm möglicherweise an die Gurgel gesprungen. Auch jetzt brodelt es noch immer in mir, wenn ich mit dem jungen Berater rede. Ich habe nichts gegen ihn persönlich, er kann immerhin nichts dafür, dass er hier geboren wurde, doch ich hasse, woran mich sein Äußeres erinnert. Mit jeder Faser meines Körpers hasse ich das Kapitol. Und ich hasse Präsident Snow. Was er den anderen Tributen angetan und zu was er mich gemacht hat. Zu einer Mörderin!
„Das freut mich“, antwortet mein Betreuer und setzt sich neben meinem Bett auf einen Stuhl. Ein schweres Ausatmen warnt mich vor seinen nächsten Worten. „Laut Dr. Mencher bist du körperlich soweit wieder hergestellt. Du weißt, was das bedeutet, oder?“
Meine Finger werden taub und fangen an zu zittern, sowohl aus Vorfreude als auch aus purer Angst. Ich balle meine Hände zu Fäusten und öffne sie wieder. Die weisen Abdrücke meiner Fingernägel zeigen sich noch einige Sekunden lang. Ich nicke kaum erkennbar. Das Interview mit Caesar, bei dem die besten Momente der Hungerspiele gezeigt werden.
„Wir machen dich morgen früh hübsch und dann trittst du vor die Kameras“, erklärt er mir und nimmt meine Hand.
Ohne es zu wollen, zucke ich vor der Berührung des Kaptiolers zurück. Ein schneller Blick in sein Gesicht sagt mir, dass ich ihm leidtue. Entschuldigend wende ich mich ab. Ich will nicht zeigen, dass ich Angst vor ihm habe, aber es lässt sich einfach nicht vermeiden. Das sind Reflexe, für deren Unterdrückung ich nicht schnell genug bin. Noch nicht.
„Ist schon gut, das wird wieder“, versichert er mir und startet einen weiteren Versuch.
Dieses Mal lasse ich den Hautkontakt über mich ergehen. Das ist nicht irgendein Kapitoler!, sage ich mir selbst. Es ist Vlavio! Der Mann, der dich heil aus der Arena geholt hat. Zeige ihm ein bisschen Dankbarkeit. Tief durchatmend starre ich auf unsere Hände und drücke seine ganz leicht. Ein weiter Blick in seine liebevollen Augen und ich weiß mit absoluter Gewissheit, dass ich mich schnell wieder an meinem Betreuer gewöhnen werde. Selbst wenn mir jedes Treffen schmerzlich bewusst werden lässt, dass ich einen gewissen schwarzhaarigen Jungen mit blauen Augen nie wieder sehen werde.
„Du schaffst das, Ruby“, redet er mir gut zu. „Du hast die Arena überlebt! Was soll jetzt noch kommen, was schlimmer ist als das?“
Seine Worte lullen mich in falsche Sicherheit, obwohl ich weiß, dass es nach den Spielen für einen Sieger nicht besser wird. Der beste Freund meines Vaters war ein Sieger, und obwohl er sehr stark war, litt er jeden Tag unter den Erfahrungen, die er als Jugendlicher gemacht hatte. Ich erinnere mich noch heute an die schlechteren Tage, wenn Dad zu ihm gehen musste, um ihn aus dem Loch zu holen, dass ihn zu verschlingen drohte. Außerdem hatte ich schon oft von Mentoren gehört, die immerzu stockbesoffen sind oder sogar täglich zu Drogen greifen, um zu vergessen. Das Alles blende ich für diesen Moment einfach aus und halte mich an dem Gedanken fest, dass die Arena das Schlimmste war, was mir je passieren wird.
Vlavio beugt sich zu mir. „War Caesar eigentlich schon einmal hier?“, murmelt er so leise wie möglich. Er weiß, dass es in diesem Raum Kameras und Mikrofone gibt. Sie sind zwar gut versteckt, aber sie sind da, das ist auch mir bewusst.
Trotzdem kann ich meine Traurigkeit nicht verstecken. „Du wirst da lebend raus kommen und dann werde ich auf dich Acht geben“, das hatte er zu mir gesagt. Doch bis lang hat er mich nicht ein Mal besucht. Zwar versuche ich meine Reaktion mit einem Lächeln zu überspielen, doch es scheint kein bisschen zu funktionieren.
„Bitte entschuldige, ich wollte dich nicht traurig stimmen“, wirft der Betreuer schnell ein. „Ich hatte nur gedacht, dass es dir vielleicht guttun würde, über ihn zu reden.“ Sein Schuldbewusstsein ist nicht zu übersehen, weswegen ich mich so sehr zusammenreiße, dass es beinahe wehtut. Seine liebenswürdigen Augen versetzten mir einen schmerzhaften Stich.
Ich überwinde meinen Ekel gegenüber dem Kapitol und lege meine Hand auf seine Schulter. Kein echter Körperkontakt!, rede ich mir ein. Ich berühre nur seine Jacke. Das Lächeln ist genauso falsch wie mein Erstes, aber entweder ignoriert er es oder er bemerkt es nicht. Ich hoffe auf Letzteres. Seltsam erschöpft lasse ich mich in die Kissen zurückfallen. Wenn ich wirklich einen ganzen Tag auf den Füßen verbringen muss, sollte ich jetzt lieber schlafen. Ich werde das morgen überleben!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast