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Daisy Cutter

von nymphae
GeschichteDrama, Romance / P16 / MaleSlash
24.12.2020
13.01.2021
6
6.007
1
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24.12.2020 871
 
Ein Lächeln, so warm und strahlend wie die Sonne, stand immer im Gegensatz zu einem steifen und undurchdringlichen Gemüt. Mischa und Konrad. Konrad und Mischa. Mischa war Kinderarzt, seine eigene Gesundheit allerdings fehlerhaft. Er saß seitdem er vierzehn Jahre jung war, im Rollstuhl, den Grund für seine Behinderung kannte allerdings niemand von uns. Allerdings hatten wir ihn stehen sehen. Konrad hatte unseren ungläubigen Augen erklärt, dass Mischa sehr wohl stehen konnte, es aber sehr anstrengend für ihn war. Mischa war bildschön, sein Gesicht war perfekt und mit seinen schulterlangen blonden Haaren sah er aus wie eine lebendige Puppe.

Konrad im Gegenzug, war unscheinbar, wenn nicht sogar ein wenig ungepflegt, mit seinem schwarzen Tage Bart, der hünenhaften Statur und den leicht verquollenen Augen. Nur wenige der Kinder fassten schnelles Vertrauen zu ihm. Im Gegensatz zu Mischa war er allerdings seit Kindheit hochbegabt. Er konnte Aufgaben, für die andere Stunden brauchten, in Sekunden lösen. Zudem konnte er Zusammenhänge und Muster erkennen von denen andere nicht einmal zu träumen wagten.

Der Staat hatte sie dennoch abgeschoben, Mischa stand laut Konrad schon lange auf der Abschussliste, aber nach einem Machtwechsel in den oberen Reihen wurden sie dann endgültig in die Außenbezirke abgeschoben. Wir gingen nie genauer auf die Umstände ein, daher wussten wir auch nicht, warum sie vom Staat als Störfaktoren gekennzeichnet wurden. Keiner von uns erzählte gerne von dem Leben, dass wir zuvor geführt hatten. Aber sowohl Konrad als auch Mischa schienen in Dinge verwickelt gewesen zu sein, die dem Staat nicht gefallen hatten Für den Staat gab es nur zwei Arten von Menschen: Diejenigen, die sich anpassten und die Störfaktoren. Der Staat war erpicht darauf Störfaktoren auszusortieren.  Früher waren es nur Schwerstverbrecher und Kriminelle, inzwischen wurde alle die gesundheitlich oder gesellschaftlich nicht erwünscht waren, abgeschoben. Manche von uns wurden bereits als Kinder von Störern geboren, andere wurden erst später abgeschoben. Nachdem Konrad und Mischa hier gelandet waren, hatten sie begonnen junge Menschen und Kinder aufzusammeln. Wir wussten nicht genau woher oder von wem sie ihre Reichtümer bezogen, aber Konrad schien gute Beziehungen zu den Menschen in den oberen Vierteln zu haben. Mischa kümmerte sich um die Kinder, die alle verzaubert von ihm waren, während Konrad sich um die Größeren kümmerte, er gab ihnen einfache Aufgaben wie Botengänge oder Übergaben und unterrichtete sie in einigen Grundlagen. Allerdings wusste damals noch niemand von uns genau wofür.

Einmal, abends, schlichen wir uns in die oberen Stockwerke, um an ihrer Zimmertür zu lauschen. Die Tür war bereits einen Spalt offen gestanden und wir konnten leises Gemurmel vermischt mit einer blecherne Stimme vernehmen. Wir wussten nicht, was genau wir uns erwartet hätten, aber als wir durch den winzigen Spalt lugen, sahen wir nur wie Mischa sich verstört an Konrad geklammert hatte. Neben ihnen lag Mischas Telefon und ein Mann mit bebender Stimme schien etwas auf russisch zu sagen. Konrad hatte schließlich seufzend das Gespräch beendet und Mischa in den Arm genommen. Wir hatten damals einstimmig beschlossen zu gehen und uns nicht umgedreht, ehe unsere Füße den letzten Treppenabsatz berührt hatten.

Datum: 29.11.1990
Uhrzeit 7:18:06

Konrad bat uns alle Ereignisse festzuhalten. Kinderhände lügen nicht. Inzwischen sind wird noch ein Bruchteil an Menschen. Ein Teil der Männer kam bei einer Explosion in einem der ungeschützten Vierteln ums Leben. Wir beten jeden Tag für sie. Der Hass der Menschen in unseren Bezirken schürt sich immer mehr. Auch Konrad schien bemerkt zu haben, dass die Drohungen und Bitten, die er an seinem Computer verfasste und durch Lücken in das System der Regierung speiste, nichts an der Situation der Elendsviertel veränderte. Nach dem letzten Attentat schien er buchstäblich mit seinem Computer verwachsen sein. Einzig die kleine Reina erhaschte manchmal einen Blick auf seine Arbeit, wenn sie quengelte bis er sie auf seinen Schoß setzte. Sein Bildschirm bestand lediglich aus einem komplexen Zahlensystem und blinkenden Felder, die von Reina als "grässlich und grell" beschrieben worden waren. Den Blick hob er kaum noch. Einzig Mischa und ein paar der Kleinen konnten ihn manchmal dazu überreden seinen Blick von dem flackerndem Bildschirm ab zuwenden. Manchmal auch wenn Reina sich auf seinen Schoß setzte und seine Tastatur mit Keksen vollkrümelte, bis Mischa sie lachend hochhob und ihr sagte, dass sie ihn nicht bei seiner Arbeit stören soll.


Datum: 29.11.1990
Uhrzeit: 20:56:53

Am Abend verließ Konrad das Haus und kam erst in der Früh zurück. Mischa saß die ganze Nacht zitternd auf dem morschen Balkon. Die Nacht mit ihren gedämpften Geräuschen und roten Lichtern ist kein schöner Ort.


Datum: 30.11.1990
Uhrzeit 10:34:03

Gestern Nacht gab es einen erneuten Anschlag, aber nicht auf eines unserer Bezirke, sondern auf den innersten Bezirk des Staates. Trotz der Explosion kamen alle Beteiligten mit dem Schrecken davon. Schwerverletzte gab es kaum. Wir alle waren in guter Laune, sogar Konrad. Mischa hatte uns gelehrt, dass wir niemandem den Tod wünschen sollen. Wenn man uns aber fragte, wäre Tode innerhalb des ersten Bezirkes ein Maß für die Gerechtigkeit.



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Danke fürs Lesen! (-: ♡

Titel: Daisy Cutter ("Gänseblümchenschneider") waren Flugbomben die von 1970-2008 eingesetzt wurden.
Zur Filterung der Geschichte: Drama & Romanze (Grundlegende Elemente einer Dystopie)
POV: Wechsel zwischen "wir" POV (Tagebucheinträge, Dokumentation) und Erzähler POV.
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