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Adventskalender-Tür 24: All I want for christmas…

OneshotAllgemein / P12 / Gen
Chris "The Lord" Harms OC (Own Character)
24.12.2020
24.12.2020
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Ihr lieben Leserinnen und Leser,
ich hatte die große Ehre, das 24. Türchen des LotL Adventskalenders zu verfassen. Es hat Spaß gemacht, seit langer Zeit wieder etwas für dieses Fandom zu schreiben.
Ich hoffe, dass euch diese kleine Geschichte gefällt. Lasst mir doch am Ende eure Meinung da.  :)

Ich wünsche euch allen ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest.
Bleibt gesund in dieser verrückten Zeit!


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Ein paar Tage zuvor.
22. Dezember New York


Sarah saß neben ihrem Boss, Elijah Harrington in dem wohl wichtigsten Meeting des Jahres. Der Deal, der soeben ausgehandelt wurde, stand kurz vor dem Abschluss. Der CEO, eines der größten Unternehmen des Immobilienhandels Amerikas war kurz davor, den ausgearbeiteten Vertrag zu unterzeichnen. Er hatte die Kappe des goldenen Füllers bereits abgezogen und die Spitze aufs Papier gesetzt. Bereit zum Unterschreiben. Sarah hatte die Luft angehalten. Es waren harte Verhandlungen gewesen, doch nun würden die beiden großen Konzerne gemeinsam expandieren, anstatt sich gegenseitig vom Markt drängen zu wollen.
Der Füller kratzte über das Papier. Beinahe hätte Sarah erleichtert ausgeatmet, doch dann geschah etwas Unverzeihliches.
Ihr Smartphone schrillte in der kleinen schwarzen Handtasche los, mit dem wohl schnulzigsten Weihnachtssong, den es gab.

Last Christmas I gave you my heart…

Alle sechzehn Augenpaare waren sofort auf sie gerichtet, was ihr trotz jahrelanger Erfahrung im Job als persönliche Assistentin von Mr. Harrington und so einigen Eskapaden Schamesröte in die Wangen trieb. Mist, Mist, riesengroßer Mist!
Wieso hatte sie das verdammte Ding denn nicht lautlos gestellt? Das tat sie doch sonst immer, kontrollierte sogar vor jedem Meeting mehrmals, ob es wirklich keinen Ton von sich geben würde. Mit zitternden Händen und eiskalten Schweißperlen auf der Stirn, kramte sie in der Tasche nach dem lärmenden Smartphone.

Chris Harms ruft an

Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, ließ sie ein wenig lächeln, doch die Freude war nur von kurzer Dauer, denn ihr Boss griff nach dem Smartphone und wies den Anruf kurzerhand ab. Sie schluckte schwer, sah auf das Telefon, das er ohne Rücksicht auf den Tisch geknallt hatte.
„Entschuldigen Sie bitte die Unfähigkeit meiner Assistentin.“ gab Elijah von sich und warf ihr einen bitterbösen Blick zu. „Fahren wir fort!“
Seine Worte trafen sie nach all den Jahren, in denen sie zusammenarbeiteten immer noch hart.
Unfähigkeit… Sie warf ihm einen bitterbösen zu und schnaubte abfällig. In Situationen wie diesen, würde sie ihn gern daran erinnern, wer sein Leben organisierte und dass er ohne sie aufgeschmissen wäre.
Doch der andere CEO, Mr. Torres, lachte plötzlich lauthals auf und hielt sich den Wohlstandsbauch. Sarah zog verwundert eine Augenbraue nach oben und tauschte einen verwunderten Blick mit ihrem Boss aus.
„Meine Frau liebt diesen Song!“ gab er von sich. „Ich hingegen, hasse ihn.“
Ein schüchternes Lächeln umspielte Sarahs Lippen. Sie mochte Mr. Torres. Er war ein herzlicher Mann, mit dem Drang zu gutem, exklusivem Essen, was man ihm zweifelsohne ansah. Sie arbeiteten schon seit einiger Zeit zusammen, hatten Verhandlungen geführt und sich gut verstanden. Jedoch hatte er immer wieder betont, wie wichtig ihm Professionalität sei und dass er schon einmal Mitarbeiter entlassen hatte, nur weil diese private Gespräche während der Arbeitszeit führten.
„Wissen Sie, Elijah, im Grunde haben Sie es Ihrer bezaubernden Assistentin zu verdanken, dass diese Unterzeichnung heute zustande kam.“ Mr. Torres blinzelte ihr zu und setzte ein warmes Lächeln auf. „Sie sollten Sie besser behandeln. Nicht, dass sie noch zur Konkurrenz überläuft.“
Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Hatte ihr Mr. Torres gerade ein Jobangebot gemacht? Sie warf einen kurzen Blick zu Elijah, der noch immer angespannt dasaß und wartend auf den Vertrag starrte. Hob ihn diese Frage denn gar nicht an?
„Oh, machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Torres.“ gab sie an eben jenen gewandt von sich und verlieh ihrer Aussage mit einem aufgesetzten Lächeln einen Hauch Professionalität. „Mr. Harrington behandelt mich gut.“
Ein ekelhaftes Brennen kroch in Sarahs Kehle empor bei diesen Worten.
Mr. Torres wies mit dem Füller auf das Smartphone. „Das werden Sie sicher ersetzen müssen!“
Sarah sog scharf die Luft ein. Elijah mochte es absolut nicht, wenn ihm Befehle erteilt wurden. Sie sah ihn aus dem Augenwinkel an, merkte, dass er den Kiefer anspannte. Wahrscheinlich musste er an sich halten, um nicht aus der Haut zu fahren.


Einige Zeit war vergangen, der Deal endgültig abgeschlossen und von Notaren und Anwälten abgesegnet.
Sarah war gerade bäuchlings in ihr Bett im The Langham gefallen, nachdem sie sich ein Glas teuren Whisky aus der Minibar gegönnt hatte, als ihr Smartphone erneut klingelte.

Chris Harms ruft an

Sie hatte ihn inzwischen vollkommen vergessen.
Sein Bild erschien auf dem leuchtenden Display und sorgte dafür, dass sich ihre Laune ein klein wenig aufhellte.
„Hallo…“ murmelte sie, als sie den Anruf annahm.
Natürlich würde Chris bereits am Klang ihrer Stimme erkennen, dass etwas nicht stimmte. Stress und Schlafmangel forderten allmählich ihren Tribut.
„Hey, was ist los?“
Seine angenehm rauchige Stimme schien alle Anspannung von ihr abfallen lassen zu können. Sie atmete hörbar ein und wieder aus, drehte sich auf den Rücken und löste die Riemchen der lästigen High Heels, die sie zu solch wichtigen Meetings immer trug. Ihre Füße schmerzten furchtbar, doch sie hatte es schon lange aufgegeben, zu jammern.
„Stresst der Typ dich etwa wieder?“ hinterfragte Chris.
„Hmhm.“ machte Sarah lediglich.
Chris wusste sehr wohl um die Situation Bescheid. Dass Elijah sie mehr wie eine Leibeigene, denn eine Assistentin behandelte. Und es wurde von Monat zu Monat schlimmer. Jedoch brauchte sie diesen verdammten Job, denn er brachte gutes Geld. Geld, das sie so dringend benötigte, um die immensen Schulden abzubezahlen, mit denen sie ihr Exmann hatte sitzen lassen.
Chris seufzte am anderen Ende der Leitung.
„Du hast mich vorhin ziemlich in Verlegenheit gebracht, weißt du das?“ gab sie zähneknirschend von sich und besann sich an das wichtige Meeting zurück. „Seit wann rufst du überhaupt so zeitig an?“
Und schon im nächsten Moment bereute sie ihre Worte zutiefst. Wenn Chris anrief, gab es immer etwas Wichtiges. Außerdem konnte er nichts für ihre schlechte Laune.
„Ich wollte lediglich nachfragen, ob du dieses Jahr zu Weihnachten wieder in Deutschland bist.“ überging er ihre Aussage. „Ich weiß, ich frage oft, aber… Du würdest einfach fehlen.“
Natürlich hörte sie das stille Flehen heraus.
„Mein Boss und ich fliegen morgen in aller Frühe zurück nach Deutschland. Also ja.“ seufzte sie und ahnte, befürchtete schon, worauf das Gespräch hinauslaufen würde.
„Das klingt doch bestens! Also die Jungs und ich haben folgendes mit dir geplant-“
„Chris!“ unterbrach sie ihn barsch und starrte an die weiße Decke des Hotelzimmers. „Ich… habe keine Zeit… Wirklich, ich-“
Sie war verstummt, hatte aufgehorcht, als es an ihrer Zimmertür geklingelt hatte.
„Tut mir Leid, bester Freund, aber ich muss dich abwimmeln…“ seufzte sie und sah das Türblatt an. „Mr. Harrington steht sicher vor meiner Tür. Ich muss los.“
Sie wartete nicht auf Chris‘ Protest, der zweifelsohne gefolgt wäre, sondern legte einfach auf. Sie watete barfuß zur Tür und öffnete diese einen Spalt, da sie keinen Spion besaß.
„Was kann ich für Sie tun, Elijah?“ sprach sie ihn an und musterte ihren Boss, der mit einem Male sehr besorgt aussah.
„Hören Sie, Sarah.“ begann er und räusperte sich. „Ich weiß, ich benehme mich Ihnen gegenüber meistens nicht gerade wie ein Gentleman, aber…“
Die dramatische Pause, die er einlegte, ließ sie stutzen. Er wirkte ein wenig nervös, was sie von ihm ganz und gar nicht kannte. Er fuhr sich mit der Hand durch die perfekt gestylten Haare und schenkte ihr ein unwiderstehliches Lächeln. Sie war sich sicher, dass sie unter seinem Blick geschmolzen wäre, wäre sie nicht seine Assistentin.
„Ich würde Sie zum Abschluss dieser Reise gern zum Essen einladen.“
Sie hob skeptisch eine Augenbraue. Normalerweise zeigten sie sich nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit. Zumindest nicht zum Abendessen.
Sie stimme nach kurzer Überlegung zu, wollte schon auf dem Absatz kehrt machen, da fügte er Worte an, die ihre Laune verhagelten.
„Und Sarah? Sie stehen doch an den Weihnachtsfeiertagen zur Verfügung, nicht wahr?“
Bevor sie irgendetwas erwidern konnte, hatte er sich schon wieder auf den Weg in sein Zimmer, ein paar Stockwerke höher gemacht.
Wut brodelte in ihr hoch.
Seitdem das Catering im vorletzten Jahr so schief gegangen war, forderte er, dass sie auf Abruf bereit stand. Als ob sie an den Feiertagen noch irgendetwas reißen konnte…



24. Dezember Hamburg


Alles was sie wollte, war schlafen, denn davon hatte sie auf dem Rückflug mit einigen Turbulenzen nicht viel bekommen.
Doch das war angesichts ihrer eiskalten Wohnung nicht möglich. Wieso um alles in der Welt funktionierten die Heizungen nicht?
Sie drehte am Thermostat, nichts geschah. Auch einige Minuten später war der Heizkörper eiskalt.

Sie fluchte, als bei der Notfallnummer für Heizungsangelegenheiten nur die Mailbox ranging. Doch was erwartete sie? Es war Weihnachten. Niemand wollte arbeiten.
Gerade, als sie das Smartphone weglegen wollte, klingelte es.
„Chris…“ murmelte sie und überlegte für einen Moment, ob sie abnehmen sollte.
Sie wartete, bis er auflegte, doch prompt folgte eine Textnachricht.

Hey, da du nicht ans Telefon gehst,
dann auf diese Weise…
Du bist natürlich herzlich eingeladen.
16.00 Uhr Ortszeit.
Bei mir, wie jedes Jahr!


Sie seufzte, starrte noch eine ganze Weile auf die Nachricht, ehe sie das Smartphone einfach beiseitelegte. Im Grunde wollte sie nur noch ihre Ruhe haben und schlafen – endlos lange schlafen. Sie hatte in den letzten Wochen genug um die Ohren gehabt, als sich nun mit seiner Truppe aus verrückten Musikern zusammenzusetzen.
Doch sie kannte Chris gut genug, dass er ihr so lange auf den Geist gehen würde, bis sie zu- oder absagen würde. Wobei eine Absage ihrerseits gewiss nicht akzeptiert werden würde. Immerhin hatten sie seit zehn Jahren jedes Weihnachtsfest zusammen verbracht.
Als wären ihre simplen Gedanken ein Stichwort gewesen, brummte das Smartphone erneut.

Du wirst doch unsere Tradition nicht brechen!
Oder?
Sag mir, dass du mir das nicht antun wirst!


Ich habe nicht einmal Geschenke…
Wird es wieder so chaotisch wie letztes Jahr mit den
anderen vier Knalltüten?


Das mit dem Geschenk stimmte nicht… Für Chris hatte sie jedes Jahr eine kleine Kleinigkeit in petto.

:-(
Wenn ich ehrlich bin, feiern nur du und ich.
Der Rest… Naja, du weißt schon…
Männergrippe.


Nur sie und er? Das hatte es noch nie gegeben. Andererseits wäre es sehr schön, wenn sie ihn für sich alleine hätte. Sie konnte sich bei den ganzen Auslandsterminen und –reisen gar nicht mehr daran besinnen, wann sie sich überhaupt zuletzt allein getroffen hatten. Das musste Monate her sein, wenn nicht sogar ein knappes Jahr.
Wenn sie sich getroffen hatten, dann zumeist in seinem Studio, da er immer gut zu tun hatte. Jedoch… hatte er sich immer Zeit für sie freigekämpft…
Und was tat sie? Sie wimmelte ihn meistens ab, beschränkte ihren Kontakt auf Videotelefonie und Nachrichten.
Immerhin steckte sie bis zum Hals in Arbeit, musste so vieles organisieren und arrangieren, dass kaum Zeit für ihr Privatleben blieb. War das nicht traurig?
Dass das alles ihrer Freundschaft keinen Abbruch getan hatte, war wirklich verwunderlich.

~ * * ~

Punkt 16.00 Uhr stand sie vor Chris‘ Haustür, hatte bereits geklingelt, doch nichts geschah. Wirklich seltsam…
Sie tat ein paar Schritte zurück, um zu sehen, ob in seiner Wohnung Licht brannte, doch sowie sie blindlings rückwärts tapste, prallte sie gegen etwas, oder jemanden.
„Ah, sorry.“ Sie hob beschwichtigend eine Hand, als sie sich umdrehte.
Sie erstarrte für den Bruchteil eines Wimpernschlages, bevor sie losquietschte und die Arme um Chris‘ Nacken schlang.
„Ich habe dich auch vermisst.“ lachte er und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel, während sich seine Arme um ihre Hüfte legten.
Sie sog seinen Geruch ein, Gott, er roch immer so gut.
„Hm.“ machte sie genüsslich und tat noch einen tiefen Atemzug. „Neues Rasierwasser?“
Er neckte sie, indem er mit seiner stoppeligen Wange an ihrer entlangfuhr, was unglaublich kitzelte und sie sich in seinen Armen winden ließ.
„Nicht wirklich.“ lachte er und ließ sie los, damit sie sich gegenseitig ansehen konnten und sie verlor sich augenblicklich in seinen schönen Augen. „Du bist groß geworden!“
Sarah holte aus und boxte ihn spielerisch auf den Oberarm. „Spinner! Ich bin fast so alt wie du. Die paar Monate, die uns trennen.“
Chris grinste und nun, da sie sich gegenüberstanden, wurde ihr bewusst, wie sehr er ihr gefehlt hatte. All die Zeit über…
„Können wir reingehen? Ich habe dir so viel zu erzählen!“ plapperte sie drauf los und folgte ihm nach oben in die Wohnung. „Achso… Kann ich vielleicht bei dir übernachten? Meine Heizungen funktionieren nicht und ich wage  zu bezweifeln, dass ich über die Weihnachtsfeiertage Hilfe bekomme. Ich habe natürlich in weisester Voraussicht alles mitgebracht, was ich brauche.“

Natürlich würde Chris sie nie abweisen.
„Wenn du dich mit der Couch zufriedengibst?“ gab er von sich und blieb im Flur neben dem Telefon stehen.
Sarah wollte gerade ansetzen und ihm sagen, dass sie in seinem großen Bett übernachten und er auf der Couch schlafen würde. Doch sie hielt inne, sah ihn an, wie er vor dem nussbaumfarbenen Sideboard stehengeblieben war.
Die Anzeige des Anrufbeantworters blinkte und zeigte in rotglühenden Zahlen eine 2 an.
Seine Laune schien schlagartig schlechter geworden zu sein. Sie konnte nur allzu deutlich beobachten, wie sich sein Kiefer anspannte und er die Hände zu Fäusten ballte. Sarah legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte vorsichtig zu. Es war nicht schwer zu erraten, von wem die Nachrichten sein würden. Sie wusste nur allzu genau über die schwierige Trennung seiner Freundin Bescheid und somit auch um den vorübergehende Trennung seines Sohnes Fynn.
Gut, was hieß Trennung? Vorenthaltung wäre das treffendere Wort.
„Kein Trübsal blasen!“ schnaufte Sarah und schob ihren besten Freund Richtung Wohnzimmer und platzierte ihn auf der Couch. „Wir wollen feiern und genau das tun wir jetzt!“
Chris hatte den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, doch sie gab ihm keinerlei Chance zum Widerspruch.
Stattdessen angelte sie sich zwei Schnapsgläser und Scotch aus der kleinen Globusbar nahe des Fernsehers und goss großzügig ein.
Sie reichte ihm das Glas mit weniger Inhalt und grinste ihn dabei an.
„Ich weiß, dass du alt bist, deswegen etwas weniger Fusel.“ Sie hob ihr Glas und klirrte es gegen seines. „Auf dich, auf mich, auf uns.“
Er tat nicht dergleichen sein Glas zu kippen, während sie die brennende Flüssigkeit hinunterkippte, als wäre es Wasser.
„Seit wann trinkt du derart starkes Zeug?“ fragte er verwundert und stellte sein volles Glas auf dem niedrigen Couchtisch ab.
„Seit einigen Monaten vielleicht?“ gab sie ertappt von sich und räusperte sich. „Ich hatte so verdammt viel Stress. Dieser Deal mit dem anderen Unternehmen in Amerika war so wichtig und ich konnte nicht abschalten und es gab in diesem Hotel immer eine volle Minibar und… und…“
Sie winkte schnell ab, anstatt ihrem Frust freien Lauf zu lassen und lächelte stattdessen. Sie wollte an diesem Tag nicht über Probleme sprechen.
„Vergiss es.“ wies sie ihn ab. „Was wollen wir machen?“
Um ihm gar nicht erst die Möglichkeit zu geben, in irgendeiner Art und Weise nachzuhaken, machte sie auf der Ferse kehrt und betrat seine Küche.
Alle Armaturen blitzten und blinkten vor Sauberkeit. Nicht einmal ein einziger Fingerabdruck war an der schwarzen Hochglanzfront der Küche zu sehen. In punkto Sauberkeit war sie wirklich ein wenig neidisch. Einzig und allein der randvolle Aschenbecher stach unangenehm in der sonstigen Ordnung hervor.
Sie stand vor dem offenen Kühlschrank, in dem sich nichts weiter als zwei Bierflaschen und eine angefangene Packung Käse befanden.
„Ähm.“ machte sie und sah Chris über die Kühlschranktür skeptisch an. „Bestellen wir etwas zu essen, oder…?“
Sie war ein wenig verdutzt, ob der gähnenden Leere, die sich vor ihr aufgetan hatte.
Er hatte sich ihr genähert und lächelnd den Kopf geschüttelt.
„Lass dich überraschen! Ich habe etwas vorbereitet.“
Sie zog skeptisch eine Augenbraue nach oben, während er die Kühlschranktür langsam schloss.
„Ich kenne dieses typische Lordlächeln.“ fügte sie an und vollführte eine unwirsche Geste mit der Hand. „Und das bedeutet nichts Gutes!“
„Du kennst mich wirklich zu gut!“ knurrte er und sah sie über die Ränder seiner Brille hinweg an.
Er ergriff ihre Hand, fuhr mit leichtem Druck über ihre Knöchel. „Na komm schon! Ich hoffe du hast warme Sachen dabei!“
„Äh, mein liebster Chris – du machst mir Angst!“
Doch er grinste sie nur schief an, wies mit dem Kopf Richtung Wohnungstür.
„Ehrlich gesagt.“ begann sie und seufzte schwer, als ihr Blick auf seine Hand fiel, die ihre noch immer umklammert hielt. „Ich bin so erschöpft und müde. Können wir nicht einfach hierbleiben? Einen Film schauen?“
Pure Enttäuschung erschien in seinen, bis jetzt von Euphorie durchzogenen Augen. Ihn so zu sehen, versetzte ihrem Herzen einen kleinen Stich. Wahrscheinlich hatte er etwas wirklich Tolles vor und sie vermieste es ihm jetzt auch noch. Das war nicht das, was sie wollte.
„Hör zu, sorry, ich…“ Sie verstummte, als sie den Blick für einen Moment abgewandt hatte, nur um im nächsten Augenblick zurückzusehen.
Von der soeben vorhandenen Enttäuschung war nichts mehr vorhanden, vielmehr glich es einem lodernden Feuer und purer Entschlossenheit. Was war das in seinem Blick? Diesen Ausdruck hatte sie nur bei ihm wahrgenommen, als er mit seiner Ex, Franziska, zusammen war.
Sarah öffnete den Mund einen spaltbreit, sagte jedoch nichts. Die Stille, die um sie her war, war ohrenbetäubend unangenehm.
In einer viel zu schnellen, übertriebenen Geste, riss sie ihre Hand aus seiner, sah ihn mit großen Augen an.
Was war das für ein Gefühl, das durch ihre Venen pulste, ihr Herz mit einem Male schneller schlagen ließ, als vor wenigen Augenblicken noch? Sie musste an sich halten, den Fluch nicht laut auszusprechen, der ihr auf der Zunge lag.
Dieses Gefühl war weit über jenes gegenseitiger Sympathie hinausgegangen. Aber… warum jetzt?
„Wow… Hast du…“ begann Chris und sah sie verdutzt an. „… das auch gespürt?“


Sie hatte nichts erwidert, auch einige Minuten später nicht, als sie auf dem Beifahrersitz seines Autos saß. Untypisch für sie, hatte sie die Hände im Schoß gefaltet, oder knetete diese nervös.
Hin und wieder warf sie Chris einen verstohlenen Blick zu, doch er war nur auf das Fahren konzentriert.
Die Lichter der Stadt verblassten allmählich. Sarah kannte den Weg, den er fuhr. Er führte zum Elbufer.
Was, um alles in der Welt, hatte er denn an diesem eisigen Ort vor? Wenn dies überhaupt sein Ziel war. Einzig und allein der Gedanke an den kalten Wind reichte aus, sie frösteln zu lassen. Sie tippte auf den Knopf mit der Sitzheizung, was dem Lord neben ihr ein leises Lachen entlockte.
„Meine kleine Frierkatze!“ stichelte er, doch sie ging nicht darauf ein.

Und irgendwann stellte er den Wagen, unmittelbar bei der Treppe zum Zugang zum Strand ab. Sarah, die schockiert die Augen aufgerissen und ihn angesehen hatte, entlockte Chris somit ein herzhaftes Lachen.
„Ich hoffe, du hast einen guten Grund, mich bei dieser Eiseskälte hierher zu schleppen, mein Freund!“ giftete sie mit sichtlich schlechter Laune.
„Den habe ich.“ fügte er an und stieß die Fahrertür auf.
Sarah kringelte sich, ob der eindringenden Kälte zusammen und kuschelte sich in ihren Winterparka. „Es ist kalt und dunkel. Was wollen wir hier?“
Chris lehnte sich in den Wagen und grinste sie schief an. „Nacktbaden!“
„Haha! Du bist sowas von nicht-komisch!“ schmollte sie weiter und tat nicht dergleichen, aussteigen zu wollen.
Warum war sie überhaupt so dermaßen schlecht gelaunt? Anscheinend führte Chris irgendetwas im Schilde, um sie zu überraschen und sie reagierte so biestig. Hatte das Verhalten und stetige Zusammensein mit ihrem griesgrämigen Boss abgefärbt?
„Na komm schon!“ wies er sie an und nickte Richtung Strand. „Du wirst es nicht bereuen.“
Also bequemte sie sich aus dem auskühlenden Auto und versuchte ihre schlechte Laune zu überspielen.
„Und nun?“
Er kam ums Auto herum, zog ihr ihre Mütze über die Augen und bevor sie protestieren konnte, hatte er einen Finger auf ihre Lippen gelegt.
„Vertrau mir.“ flüsterte er. „Bitte.“
Ihr Herz schlug schneller, ihre Atmung wurde flacher. „Hm, ja…“
Chris schlang einen Arm um ihre Hüfte, führte sie langsam und bedächtig in Richtung des Strandes.
Sarah atmete tief ein, hatte längst den Geruch der Elbe und das Rauschen des Wassers vergessen. Es war beruhigend, erinnerte sie an ihre Heimat. Ein kaum sichtbares Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie sich daran besann, wie oft sie mit Chris hier gewesen und wie viel Zeit sie gemeinsam verbracht hatten.
Der Sand unter den Sohlen ihrer Stiefel war weich und fühlte sich so vertraut an.
Doch plötzlich kam sie leicht ins Straucheln, woraufhin sich Chris‘ Griff um ihre Hüfte verstärkte.
„Ich hab dich!“ sprach er und sie konnte deutlich das sanfte Lächeln heraushören.
Daran hatte sie keinerlei Zweifel.
Er begann leise zu summen, eines seiner eigenen Lieder sicherlich. Doch die Melodie wurde vom Wind beinahe ungehört fortgetragen.

Alsbald war er stehengeblieben und hatte ihre Mütze soweit hochgezogen, dass sie wieder sehen konnte.
Und ihr verschlug es doch glattweg die Sprache.
Inmitten dieses Sandstrandes stand ein einzelner Strandkorb. Das kleine, plattgetrampelte Areal war umsäumt von Petroleumlampen, deren kleine Flämmchen in den Glaskästen hin und her sprangen.
Ein getopfter und wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum stand dort. Dass die Kugeln pink waren, brachte sie erneut zum Lächeln.
Sie tat einige wenige Schritte auf den hergerichteten Platz zu und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„Wie hast du… Ich meine, wann hast du…?“ stammelte sie zusammen und wandte sich zu ihm um. „Das ist so… Unglaublich! Wunderwunderschön!“
Sie schlug die Hand vor den Mund, so angetan war sie von seiner Geste.
„Und das hast du für uns gemacht?“ hakte sie nach und inspizierte die dicke Decke, die im Strandkorb lag.
„Nein.“ gab er ernst von sich, was sie herumfahren ließ.
Enttäuschung machte sich in ihr breit, ihr Lächeln erstarb. „Oh…“
Sie stupste eine der pinken Kugeln am Baum an.
Chris kam näher, nahm ihr die Mütze vom Kopf und wuschelte ihre Haare durcheinander.
„Dummerchen!“ neckte er sie. „Ich habe das für dich gemacht!“
Sie knuffte ihn spielerisch in die Seite.
„Mir ist gerade das Herz in die Hose gerutscht!“ murrte sie.
Warum gab er sich denn solch eine Mühe? War sie denn diesen immensen Aufwand wert?
„Du weißt, dass ich für dich Dinge tue, die ich für sonst niemanden tun würde.“ sagte er.
„Kannst du Gedanken lesen? Ich habe mich gerade wirklich gefragt, ob ich… naja, diesen Aufwand wert bin.“
Sie rieb sich den Oberarm und kaute sich nervös auf der Unterlippe herum. In den letzten Monaten hatte sie kaum das Gefühl gehabt, dass sie etwas wert wäre. Alles, was sie für Elijah je getan hatte, wurde als selbstverständlich angesehen.
Aber sie konnte Chris doch nicht mit ihrem arroganten Boss vergleichen.
Chris schien wie durch Telepathie zu verstehen, schloss sie in eine Umarmung, die Wärme und Trost spendete, ihr Kraft schenkte und sie daran erinnerte, dass sie ihm zumindest etwas bedeutete.
„Ich bin so froh, dich Weihnachten hier bei mir zu haben.“ hauchte er ihr ins Ohr, was ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Du bist…“
Er sprach nicht weiter, sondern zog sie dichter an sich, was ihr ein wenig flau im Magen werden ließ. Ihr kam das Händchenhalten von vorhin wieder in den Sinn. Irgendwie hatte es zu lange für ein freundschaftliches Verhältnis gedauert.
„Ich bin?“ hakte sie nach und spielte mit einer seiner Haarsträhnen. „Was?“
Chris seufzte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. Und während er das tat, wurde sie immer nervöser. Was hatte er denn sagen wollen?
„Du bedeutest mir viel, Sarah, das weißt du, oder?“ begann er und ließ sie los.
„Ich verstehe die Frage nicht ganz.“ lachte sie, wurde jedoch ernst, als sie bemerkte, dass er nicht in ihr Lachen einstimmte. „Aber ja, weiß ich. Du bedeutest mir auch viel.“
Chris schüttelte den Kopf, legte seinen warmen Hände an ihre Wangen.
„Anders!“ war das letzte Wort, das er anfügte, bevor sich seine Lippen vorsichtig auf ihre legten.

Ein Feuerwerk der Gefühle brach in Sarah los. Ein angenehmes Kribbeln breitete sich in ihrer Magengegend aus. Zu Genuss und Überraschung mischten sich jedoch zu schnell Zweifel. Die langjährige Beziehung zu seiner Freundin war erst vor einem Monat in die Brüche gegangen. Und nun stand Chis da und küsste sie?!
Das war doch…
Er konnte doch nicht…
Was war nur in ihn gefahren?
Nie im Leben hatte sich gezeigt, dass anderweitige Empfindungen im Spiel waren. Nur Freundschaft. Nichts weiter. Nur Freundschaft…
Allerdings tat sie nichts, den Kuss, dieses unglaubliche Gefühl beenden zu wollen. Stattdessen blendete sie alles um sich her aus, vertiefte den Kuss, indem sie seine Lippen mit ihrer Zunge teilte.
Er ließ seine Hände zu ihrer Taille wandern, verharrte für einen Atemzug dort und zog sie somit dichter an sich.
„Ähm, Chris?“ hauchte sie in den Kuss hinein, was dafür sorgte, dass er sich ruckartig von ihr löste und einen Schritt zurücktat und… stolperte.
Er landete rücklings im Sand, der seinen Sturz zweifelsohne abfederte.
Der, gerade eben stattgefundene Kuss war vergessen, als Sarah sich vor Lachen den Bauch hielt, während eine Träne an ihrer Wange hinabkullerte.
„Ich hätte mir ernsthaft wehtun können!“ schmollte Chris und klopfte sich den Sand von den Hosenbeinen. „Du könntest mir wenigstens aufhelfen!“
„Was?“ lachte sie und wischte sich die Träne fort. „Kann der alte Mann nicht allein aufstehen?“
Doch sie streckte ihm die Hand hin. Und er ergriff sie, lächelte nur und zog sie zu sich runter in den weichen Sand.
„Spinnst du? Meine Klamotten!“ maulte sie, verstummte jedoch, als ihr bewusst wurde, wo sie gelandet war.
Schamesröte schoss ihr in die Wangen. Nur gut, dass Chris es durch das herrschende Halbdunkel nicht sehen würde.
Sie lag auf ihm und wurde angegrinst. Warum tat er solch kindische Dinge?
„Wenn ich sagen würde, dass es mir leid täte, würde ich lügen.“
Ihr Herz schlug schneller in der Brust, während dieses angenehme Kribbeln in der Magengegend zurückkehrte. War ihr jemals aufgefallen, wie aristokratisch seine Gesichtszüge waren, wie erhaben und stolz er dadurch wirkte? Sie schluckte schwer, als Adrenalin durch ihre Venen zu pulsen begann. Sie senkte ihr Gesicht so nah an seines, dass ihr Atem seine Lippen streifte. Sie spürte deutlich sein Zaudern unter ihr, wie er sich verkrampfte und den nächsten Schritt abwartete.
Doch er nahm ihr letztendlich die Entscheidung ab. Seine Hand fuhr sacht in ihre Haare, drückte ihren Kopf nach unten und somit trafen sich ihre Lippen erneut zum Kuss.
Zaghaft, dennoch verlangend.
Unglaublich, dennoch so real.
Sie seufzte leise, als er den Kuss unterbrach. Er strich ihr eine entflohene Haarsträhne hinters Ohr. Seine Berührung fühlte sich so natürlich an wie Atmen.
„Alles, was ich zu Weihnachten will, bist du…“ murmelte er und streichelte ihre Wange. „Nichts anderes.“
„Nur zu Weihnachten?“ schmollte sie und richtete sich ein Stück weit auf.
Er schüttelte lediglich den Kopf und lächelte sein schönstes Lächeln.
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