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It was Christmas Eve

von NotMyName
OneshotRomance, Familie / P12 / FemSlash
Greta Adam Victoria "Vicky" Adam
24.12.2020
24.12.2020
1
2.016
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24.12.2020 2.016
 
Genervt ging Vicky zu ihrem Auto. Arbeiten an einem Heiligabend, der obendrein auch noch auf einen Samstag fiel, war garantiert nichts, was sie als ihre Lieblingsbeschäftigung bezeichnen würde. Dazu kam noch, dass Hoffmann und Bremer anscheinend immer noch nicht gerafft hatten, dass es Vicky ärgerte, wenn sie zu spät kamen oder wenn sie sich mal wieder nicht an die gottverdammten Regeln hielten. Herko war da auch keine große Hilfe. Der machte ja fast nur noch, was die beiden ihm sagten. Von wegen Autorität und so. Sie schnaubte.
Vicky konnte sich nicht erinnern, wann der letzte Tag war, an dem sie einmal nicht genervt war. Denn wenn Hoffmann und Bremer sie nicht nervten, dann stellte sich Plocher, wie so oft, unheimlich dumm an. Herrgott, ja, sie war lesbisch, aber das hieß nicht, dass sie sich deshalb bestimmt verhielt, oder dass sie Plocher deswegen nicht leiden konnte. War dem vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass er einfach nur ein bisschen doof war? Und sie Vorurteile nicht leiden konnte? Und es bei Ermittlungen egal war, ob seine Frau jetzt mit der Frau des Tatverdächtigen Doppelkopf spielte, oder Kniffel oder er mit dem Anwalt des Verdächtigten im selben Karnevalsverein war? Wahrscheinlich hatte sie am letzten halbwegs ruhigen Tag, den sie hatte, frei. So wäre es heute eigentlich auch gewesen, aber sie suchte sich nun mal auch nicht aus, wann gerade ein Mord passierte. Vicky versuchte, nicht an die Leiche der Frau zu denken, deren Mann von ihrer Ermordung angeblich nichts mitbekommen hatte — weil er am schlafen war. Dies glaubte sie ihm allerdings nicht. Man musste doch schon irgendwie mitbekommen haben, wenn seine Frau im eigenen Haus, in dem man sich gerade befand, mit drei Schüssen ermordet wurde. So tief und fest konnte man nun wirklich nicht schlafen und außerdem sah der Mann viel zu geschockt aus, um nichts mitgekriegt zu haben. Also wenn jemand ihre Frau... Vicky wollte gar nicht daran denken. Sie seufzte einmal kurz, bevor sie ihr Auto aufschloss und sich in den kühlen Ledersitz fallen ließ. Jetzt war eigentlich erstmal Heiligabend mit ihrem Sohn und ihrer Frau angesagt. Vicky konnte es kaum erwarten die beiden zu sehen.
Nicht, dass Vicky besonders religiös war. Von der Kirche hatte sie die Nase mindestens genauso voll, wie von der Frau, die Vicky und Greta vor ein paar Jahren als „nicht richtig“ bezeichnet hatte. Wenn auch mehr oder weniger nur indirekt. Vicky hasste diese Leute und die Kirche bezeichnete die beiden und ihre Ehe ja nicht einmal indirekt, sondern ganz öffentlich, als nicht richtig. Nicht richtig, was zur Hölle sollte an Liebe denn nicht richtig sein?!
Ihre Frau war so oder so viel eher buddhistisch veranlagt, als christlich oder sonst etwas. Trotzdem liebten beide von ihnen den Heiligabend.

Früher war Vicky zu dieser Zeit öfters bei ihrer Oma gewesen, die ihr dann liebevoll einen warmen Kakao gemacht hatte und ihr einen Teller voll leckerer Plätzchen hingestellt hatte — Spritzgebäck mit Schokolade, Vanillekipferl, Lebkuchen, Spekulatius Kekse und sowas. Gesehen hatte sie ihre Oma aber schon ewig nicht mehr. Auch ihre Eltern sah Vicky nicht besonders oft. Ihre Schwiegereltern, die nach mehr als zwölf Jahren, in denen Vicky und Greta schon zusammen waren, fünf davon verheiratet, immer noch unbedingt die Diskussion führen wollten, wer von ihnen beiden denn jetzt der Mann in der Beziehung sei, leider Gottes beträchtlich öfter. Als ob es so schwer zu verstehen war, dass es ja der Punkt war, dass es in ihrer gleichgeschlechtlichen, lesbischen Beziehung keinen Mann gab. Schließlich fragte man ja, wenn man mit Essstäbchen aß, auch nicht, welches davon denn jetzt als Gabel und welches als Messer gedacht war. Vicky verdrehte die Augen.
Ganz sicher war sich Vicky allerdings nicht, wenn sie über den Grund nachdachte, weshalb sie so wenig Kontakt zu ihren Eltern hatte.
Ihre Oma war nicht so super gut damit klargekommen, dass ihre ehemals geliebte Enkeltochter lesbisch ist, um es noch nett auszudrücken. Es hatte Vicky jedenfalls das Herz gebrochen, dass ihre Oma, die sie über alles liebte, sie wegen einer so kleinen Eigenschaft, plötzlich nicht mehr akzeptieren konnte. Es war doch auch nicht aus heiterem Himmel gefallen, eigentlich gab es schon immer Anzeichen dafür, wenn Vicky sich recht erinnerte. Aber natürlich konnte man die auch verdrängen. Es hatte lange gedauert, bis ihre Oma damit klargekommen war, dass Vicky Frauen liebte und obwohl ihre Oma nett war und sie sich wieder mit Vicky vertragen hatte, hatten die beiden sich nie wieder so gut verstanden, wie früher. Vicky vermutete, dass sie doch nicht so ganz mit der ‚Lebensweise’ ihrer Enkeltochter einverstanden war. Bei ihren Eltern konnte sie das nicht so einfach als Grund nennen. Immerhin wusste Vicky schon sehr früh, dass sie anders war als die meisten anderen Mädchen, dass Jungs und Männer sie gar nicht interessierten, außer vielleicht freundschaftlich, und dahingegen aber andere Mädchen und Frauen umso mehr. Sie hatte auch schon relativ früh ihr Coming Out gehabt, war also schon immer die „Quotenlesbe“ gewesen. Ende der 80er Jahre war das auf jeden Fall kein kleiner Schritt gewesen. Ihre Eltern hatten zwar keine Freudensprünge gemacht, hatten sie aber auch nicht enterbt, oder großartig anders behandelt, als vor dem Coming Out. Vicky hatte sogar das Gefühl, dass sie schon eine Ahnung gehabt hatten, denn besonders überrascht hatten sie auch nicht ausgesehen, als Vicky ihnen erzählt hatte, dass sie auf Mädchen stand. Viel eher hatten sie sich einen bestätigenden, vielsagenden Blick zugeworfen. Vielleicht hatten sie sich einfach auseinandergelebt. Oder fanden sie vielleicht, dass die Ehe mit einer Frau nicht doch ein Schritt zu weit für Vicky war? Egal — Vicky war trotzdem glücklich mit ihrer Frau, ihrem Sohn und sogar ihrer Arbeit, auch wenn Bremer und Hoffmann sie dort die ganze Zeit über nervten. Immerhin war sie ja die Chefin und Ermitteln war eine ihrer großen Leidenschaften. Eigentlich liebte sie alle drei dieser Dinge innig. Ob ihre Eltern sie dabei jetzt unterstützten, oder nicht.

Vicky schloss ihre Wohnungstür auf. „Bin wieder zu Hause!“, rief sie, als sie ihren Schlüssel weglegte und anschließend ihren Mantel und ihre Schuhe auszog.
„Hallo Vicky“, grüßte ihre Frau sie und kam mit ihrem Sohn im Arm auf sie zu. Vicky gab ihrem Sohn zur Begrüßung einen liebevollen Kuss auf die Stirn und presste dann ihre Lippen auf Gretas.

Nach dem Abendessen, Vicky hatte, wie sie es versprochen hatte, gekocht, saßen die drei noch eine Weile im Wohnzimmer. Das Zimmer war nicht besonders weihnachtlich oder viel geschmückt. Vicky und Greta hatten lediglich ein paar Strohsterne aufgehangen und ein winziger Weihnachtsbaum, der mit roten Kugeln geschmückt war, stand in der Ecke des Raumes. Vicky, die gerade mit ihrem Sohn mit seiner Lieblingsrassel spielte, die ihn immer zum Lachen brachte, dachte noch gar nicht an Geschenke. Natürlich hatte sie welche gekauft. Nichts besonderes — gemeinsam mit ihrer Frau, wollte sie ihrem Sohn ein neues Stofftier schenken und für ihre Frau hatte sie eine Karte, sowie eine Kette, an deren Lederband ein grauer Stein als Anhänger angebracht war. Vicky hatte die Kette gekauft, weil sie dachte, der Anhänger würde perfekt zu Gretas ebenfalls grauen Augen passen.
Aber Vicky ging es auch nicht wirklich um die weihnachtliche Tradition, sondern viel mehr um die Ruhe und die Geborgenheit und auch um die Erinnerungen, die sie mit diesem Tag verband.
Bald fielen ihr die Geschenke aber doch wieder ein, als sie mit einem kurzen Blick auf die Uhr geschockt feststellte, wie spät es eigentlich war und ihr Sohn damit eigentlich bald ins Bett musste. Unter dem Vorwand auf Toilette zu gehen, schlich Vicky sich in den Flur. Nach langem Überlegen und Zögern, hatte sie die Weihnachtsgeschenke für ihre Frau und für ihren Sohn nämlich in der Wache aufbewahrt, wo sie zumindest von keinem der beiden gefunden werden konnten. Sie hatte sie in ihrem Büro versteckt, verständlicherweise sollten auch Hoffmann und Bremer die Geschenke nicht finden. Weiß Gott, was die dann damit angestellt hätten, oder welche Kommentare sie gemacht hätten. Vicky schüttelte sich. Jetzt befanden sich die beiden Geschenke jedenfalls in ihrer Tasche. Vorsichtig nahm sie beide heraus und machte sich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer.
Greta schien eine ähnliche Idee gehabt zu haben, denn vor ihr auf dem Couchtisch lag ein Geschenk, das in rotes Papier eingewickelt war, auf welchem in ordentlich geschriebenen, goldenen Druckbuchstaben „Vicky“ stand. Hinter dem Schriftzug war noch ein kleiner, auch goldener Herzaufkleber. Vicky konnte nicht anders, als zu lächeln. Sie beobachtete, wie sich auch auf das Gesicht ihrer Frau ein Lächeln stahl. Ein sehr süßes Lächeln. Immer noch lächelnd, so, dass man ihre Grübchen erkennen konnte, übergab sie Greta die kleine Schachtel, in der die Kette aufbewahrt war. „Für dich, Hase“, sagte sie. Greta nahm das Geschenk strahlend an, packte es jedoch noch nicht aus, sondern legte es auch auf den Couchtisch. Zuerst nahm sie ihren Sohn von seiner Krabbeldecke hoch und setzte ihn auf ihren Schoß. Mit einem Kopfnicken bedeutete sie Vicky, sich neben sie zu setzen. „Erst das für unseren Sohn, Vicky“, gab sie ihr zu verstehen. Vicky nickte bestätigend und setzte sich mitsamt dem Geschenk neben ihre Frau und ihren Sohn. Bevor sie ihrem Sohn sein Geschenk gab, löste sie jedoch zuerst die rote Geschenkschleife vom Hals des Stofftiers. „Schau mal, was dir das Christkind gebracht hat“, Vickys Stimme nahm einen verspielten Singsang an, wie so oft, wenn sie mit ihrem Sohn redete.  „Na?“ Dieser lachte und versuchte, nach seinem neuen Spielzeug zu greifen. In Vicky stieg eine wohlige Wärme hoch. Ein Blick auf ihre Frau verriet ihr, dass es der genauso ging.

Vicky liebte ihre Familie und für sie als lesbische Frau, war es nicht leicht gewesen, eine ‚richtige‘ Familie zu bekommen. Auf dem Weg dorthin hatte es mit Sicherheit einige Hindernisse gegeben. Manchmal in Form anderer, ignoranter und intoleranter Personen, manchmal in Form von Gesetzen. Dieser harte Weg war ein Teil des Grundes warum sie so sehr wertschätzte, was sie hatte — eine wundervolle Frau und einen wundervollen Sohn, die sie beide über alles liebte — und ein Teil des Grundes, weshalb sie diesen Tag so sehr liebte. Die Geborgenheit und Liebe, die sie bei ihrer Familie verspürte. Ihr Leben hätte auch ganz anders, noch schwerer, noch voller mit Kämpfen verlaufen können.

Nachdem sie ihren Sohn ins Bett gebracht hatten, öffneten auch Vicky und Greta ihre Geschenke. Gebannt schaute Vicky ihrer Frau zu, wie sie erst die Karte las und dann die Schachtel vorsichtig öffnete. Innerlich seufzte Vicky erleichtert, als sie das Strahlen in den Augen ihrer Frau bemerkte, während sie die Kette betrachtete und sie sich sofort um den Hals legte. „Dankeschön Vicky“, bedankte ihre Frau sich gerührt und küsste sie. „Die Kette steht dir“, merkte Vicky an. Tatsächlich fand sie, dass die Kette, deren Anhänger bis knapp unters Schlüsselbein reichte, an ihrer Frau atemberaubend aussah. Wie vermutet passte das grau des Anhängers perfekt zu Gretas Augen. Vicky schaute weg. Sie spürte, wie sich Freudentränen in ihren Augen sammelten. Nicht heulen Vicky, nicht jetzt, ermahnte sie sich in ihren Gedanken. Zur Ablenkung öffnete sie ihr eigenes Geschenk. In einem kleinen Kästchen befand sich ein Schlüsselanhänger, der einer Detektivin verdächtig ähnlich sah. Nun konnte Vicky die Tränen nicht mehr zurückhalten, langsam liefen sie ihre Wangen herunter. Vicky wischte sie sich hastig weg. Eigentlich war es ja jedes Jahr das gleiche. Ihre Frau wusste einfach zu gut, was sie Vicky schenken konnte, um sie glücklich zu machen und zu rühren. Sie drückte Greta einen Kuss auf die weichen Lippen, den diese langsam, aber leidenschaftlich erwiderte. Vicky wollte ihre Frau an ihren Gefühlen des Glücks und der Überwältigung teilhaben lassen. Vorsichtig ließ sich Greta auf das Sofa fallen, während Vickys Hände sich in Gretas dunklen, lockigen Haaren vergruben. Ihre Lippen trennten sich dabei keine Sekunde. Als sie den Kuss dann doch unterbrachen, nur damit Greta Vicky weiter zu sich ziehen konnte. Vicky ließ ihre Hände unter Gretas dicken selbstgestrickten Pulli fahren, verteilte Küsse auf ihrem Hals und Nacken, bevor sich ihre Lippen wieder trafen. Vicky lächelte überglücklich in den Kuss hinein und wusste, dass auch Greta lächelte.
Dies würde auf alle Fälle ein zauberhafter Heiligabend sein. Vicky wusste weshalb sie diesen Tag so sehr liebte. Vor allem wenn sie ihn mit ihrer wunderbaren Familie verbringen konnte.

AN: Fröhliche Weihnachten!
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