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Alte Freunde in weißen Nächten

von Suiren
KurzgeschichteRomance, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Fyodor Dostoevsky Osamu Dazai
24.12.2020
24.12.2020
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9.958
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24.12.2020 9.958
 
A/N: Normalerweise schreibe ich kein Vorwort, aber ausnahmsweise will ich doch ein bisschen etwas zu der Geschichte sagen.
Sie ist nämlich ein kleines Weihnachtsgeschenk für eine ganz liebe, wunderbare Freundin von mir, die selbst atemberaubend schöne Geschichten schreibt. Ich habe mich daher noch ein kleines bisschen mehr bemüht als sonst ;)
Trotzdem ich versucht habe, die beiden Hauptcharaktere möglichst originalgetreu zu halten, wird es leider nicht perfekt gelungen sein, denn es ist eben eine winterliche Liebesgeschichte und hier sind sie keine Feinde, sondern Seelenverwandte, ein tragisches Liebespaar.
Wer die berühmten, genialen Werke der großartigen Schriftsteller Osamu Dazai und Fjodor Dostojewski kennt, der findet vielleicht das ein oder andere Zitat in dieser Geschichte wieder. Bereits der Titel setzt sich aus den Titeln der beiden Romane „Alte Freunde“ von Osamu Dazai und „Weiße Nächte“ von Fjodor Dostojewski zusammen. Die Zitate in meinem Text habe ich mit * gekennzeichnet. Wann es ging, ist wortwörtlich zitiert, manche Zitate musste ich leider selbst übersetzen (betrifft die Zitate aus „No longer Human“) oder ein wenig abändern, damit sie besser in den Text passen und der Zusammenhang Sinn ergibt.
Jedenfalls wünsche ich allen Frohe Weihnachten und viel Spaß beim Lesen :3

Liebe Hakuyu, ich hoffe, dir mit dieser Überraschung eine kleine Freude machen zu können, dafür, dass du mir immer Freude machst mit deinen wundervollen Geschichten und deiner Freundschaft. Ich bin so glücklich und dankbar, dass es dich gibt. ❤

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Osamu hatte sich bereits so sehr an die Finsternis gewöhnt, dass jene Winternacht, in der der Mond plötzlich so hell aufging, dass sein weißes Licht das ganze Hotelzimmer flutete, ihn nach draußen auf den Balkon lockte.
Als er die Balkontüren öffnete, stürmte sofort der eiskalte Wind ins Innere seines dunklen Zimmers und brachte die Vorhänge zum Tanzen, als wären sie Feenwesen in weißen Kleidern. Doch Osamu beachtete sie nicht, während er zwischen ihnen hindurch schritt und seine nackten Füße auf die kalten Fliesen des Balkonbodens setzte.
Wie einen Geist starrte er ihn an, den jungen Mann, der einen weißen Mantel mit Fellbesatz und eine Fellmütze trug. Anmutig saß er auf der Balkonbrüstung und hatte die Beine überschlagen, ganz ruhig da sitzend, eigentlich viel zu ruhig dafür, dass es hinter seinem Rücken viele – endlos viele – Meter nach unten ging.
»Fjodor«, flüsterte Osamu ungläubig und trat noch näher. Das Lächeln fiel ihm schwer, als hielt ihn unbewusst etwas davon ab, sich zu früh freuen, falls das, was er vor sich zu sehen glaubte, sich im Nachhinein doch nur als Traum herausstellen sollte.
Dabei wirkte Fjodor so echt, wie der Wind seine längeren Haarsträhnen vor seinem Gesicht wehen ließ und seinen süßlichen, schweren Duft von Sandelholz und Karamell in das Gesicht des Brünetten wehte.
»…Frohe Weihnachten, mein lieber Freund…«, lächelte der Russe, »… und Willkommen zurück in St. Petersburg.« Zu fragen, warum Osamu hergekommen war, war unnötig, denn er wusste schon, dass es seinetwegen war.
Über Fjodors schlankem Körper ergoss sich das gleißende Mondlicht, sodass es fast so wirkte, als ob er selbst das weiße Licht ausstrahlen würde. Und überhaupt war dem Japaner, als wäre der Mond endlich wieder an den Himmel zurückgekehrt, nachdem er so unendlich viele Nächte blind in der Dunkelheit umhergeirrt war.
Er hob den Kopf und erblickte den vollen Mond hoch über ihnen, hoch über der ganzen Stadt, auf dem blauschwarzen Nachthimmel inmitten der winzigen Sterne thronen. Er war scheinbar so nah, dass Osamu glaubte, auf dem kugelrunden, strahlendweißen Gestirn sogar die grauen Krater erkennen zu können.
Wie lange hatte er schon nicht mehr in den Himmel und den Mond scheinen gesehen?
»…Der Mond ist so schön heute Nacht«, sagte er lächelnd und meinte damit nicht nur den weit entfernten Himmelskörper, sondern auch den Russen, der eine ähnliche kalte, einsame und geheimnisvolle Schönheit besaß.
Fjodor warf einen flüchtigen Blick nach dem Mond und sah dann wieder mit leicht zur Seite geneigtem Kopf zu seinem alten Freund.
»Sagt man das nicht in eurer Sprache, um jemandem seine Liebe auszudrücken?«, fragte er interessiert nach, doch sein Freund blieb ihm eine Antwort darauf schuldig. Er streckte lediglich seinen Arm ein Stückchen aus, um seine Finger auf Fjodors Hand zu legen. Er musste sich vergewissern, dass er echt war - er musste ihn festhalten, dieses Mal, damit er nicht einfach wieder verschwinden konnte. Der weiße Handschuh des Russen war erstaunlich warm. So warm, dass Osamu glaubte, die sachte Berührung würde genügen, um ihn von der Kälte des Winterwindes zu schützen. Doch als sich die Finger seines alten Freundes schließlich zwischen seine schoben und sie zärtlich drückten, weiteten sich seine Augen vor Überraschung.
»Also ich liebe dich. Auch, wenn ich dir die ganze Wahrheit über mich immer verschwiegen habe, das musst du mir glauben«, sagte Fjodor lächelnd, während er dem Blick seines Gegenübers auswich, indem er nach unten sah, wo die Spitzen seiner Stiefel knapp über dem Boden schwebten.
»Ich weiß«, antwortete der Japaner, nicht ganz ohne Stolz.
Er zog seinen Arm zurück, ohne die Verbindung ihrer Finger aufzugeben, zog Fjodor sanft auf die Beine und näher zu sich heran. Willig ließ der Russe sich führen, bis er mit dem Rücken an der Hausmauer stand. Der linke Arm seines alten Freundes war locker um seine Hüften geschlungen und ihre Gesichter waren einander so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. Ihrer beider Atemluft, die in der kalten Nacht sichtbar wurde, vereinte sich zu einer größeren weißen Nebelwolke, für einen Moment, bevor sie sich verflüchtigte.
Fjodor lächelte schwach für einen Moment, als sich die Augenbrauen seines Freundes kurz wie vor bittersüßem Schmerz zusammenzogen. Doch bevor ihre Lippen zueinander fanden, schlossen sie beide ihre Augen. Es waren zärtliche, sehnsüchtige Küsse, die der Russe auf dem Mund seines Gegenübers platzierte, bis Osamu ihn in einen längeren, leidenschaftlicheren Kuss dirigierte. Langsam und genießerisch bewegten sich ihre Lippen gegeneinander, bis sie endlich einen Rhythmus gefunden hatten. Der Japaner kostete den Mund seines alten Freundes aus, nachdem so unendlich lange alles, was er gekostet hatte, den absolut selben, faden Geschmack gehabt hatte. Er fühlte, die wie rechte Hand des Russen sich auf seine Hüfte legte und ließ schließlich von seinen Lippen ab.
»Komm rein«, murmelte Osamu. Sanft nahm er diese Hand und hielt sie fest. Ohne den Blick von Fjodor zu nehmen, ging der Japaner einige Schritte rückwärts, hindurch durch die flatternden, weißen Vorhänge, bis er unter seinen Fußsohlen das glatte Parkett im Inneren des Hotelzimmers statt der eisigen Fliesen spüren konnte.
»Wie lange bleibst du dieses Mal bei mir?«, fragte Osamu erwartungsvoll.
»Die ganze Nacht«, antwortete sein Gegenüber mit fester Stimme, die keine weitere Diskussion zuließ.
Der Japaner schloss die Balkontüren und brachte damit den Tanz der Vorhänge zum Erliegen. Schweigend half er seinem alten Freund aus dem Mantel und hing ihn anschließend sorgfältig in der Garderobe auf. Während er aus der Minibar eine gekühlte Flasche Wein holte und zwei langstielige Gläser ergriff, legte Fjodor auch seine Mütze und seine Handschuhe ab. Er setzte sich aufs Bett und begann seine Stiefel auszuziehen.
»Wie ist es dir die letzten Monate ergangen?«, fragte er dabei ruhig.
»So wie immer. Die letzten Monate sind so gewesen wie alle anderen davor und so wie die nächsten Monate sein werden.«
»Woher willst du es wissen?«
»Ich weiß es einfach. Da ist ja diese Leere in mir«, antwortete Osamu, während er näher kam und die Gläser auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers abstellte, »Sie klafft in mir wie ein schwarzes Loch. Seit ich denken kann, fühlt es sich an, als hätte ich vor langer Zeit etwas Wichtiges verloren, das mir nun schmerzlich fehlte. Darum bin ich traurig, auch, wenn ich mich freue, selbst in diesem glücklichen Augenblick…«
»Wo eine umfassende Erkenntnis und ein tief empfindendes Herz vorhanden sind, da bleiben auch Leid und Schmerz nicht aus. Die wahrhaft großen Menschen müssen, wie ich glaube, auf der Welt eine große Traurigkeit empfinden.**«
Osamu entgegnete erst nichts darauf, als müsste er sich darauf konzentrieren, den weißen Wein in die langstieligen Weingläser zu gießen. Erst, nachdem er mit beiden Gläsern in je einer Hand näher zu dem Russen gekommen war, rang er sich ein schiefes Lächeln von seinen Lippen und griff die Bemerkung seines Freundes von vorhin wieder auf.
»Dann hältst du mich also nicht für etwas Kaputtes, sondern sogar für einen wahrhaft großen Menschen?«, fragte er.
»Selbstverständlich.«
Fjodor lächelte schal, nahm seinen Gegenüber ein Weinglas ab und stieß mit seinem Rand vorsichtig gegen das, das in Osamus Hand verblieben war, an.
»Oder meinst du, dass ich sonst hier wäre?«, fragte der Russe belustigt, »Um etwas Kaputtes anzusehen, wäre ich nicht extra hergekommen. Aber für einen wahrhaft großen Menschen…«
Er sprach seinen Gedanken nicht bis zu Ende aus, sondern nahm stattdessen einen langen, aber genüsslichen Zug von dem Wein, während er aus halbgeschlossenen Augen beobachtete, wie der Japaner hastig sein Glas leerte. Er stellte es wieder auf dem runden Tisch ab.
»Ich habe etwas für dich«, sagte er lächelnd und schlug die Hände zusammen, »Schließ die Augen.«
Fjodor beäugte ihnen einen Augenblick lang argwöhnisch, doch schließlich gehorchte er. Nachdem er sein fast leeres Weinglas zur Seite gestellt hatte, lehnte er sich ein wenig zurück und schloss die Augen. Dafür lauschte er umso angestrengter in die Dunkelheit, vernahm die Schritte seines alten Freundes, das Rascheln von Zellophan und Karton, dann wieder Schritte und schließlich eine geflüsterte Aufforderung.
»Mach den Mund auf.«
Gehorsam öffnete der Russe seine lächelnden Lippen einen Spalt weit, sodass sein Freund ihm eine Praline auf die Zunge legen konnte.
»Du magst doch Süßes noch genauso wie früher, oder?«, fragte Osamu, der Fjodor noch kurz mit dem Daumen über die weiche Unterlippe streichelte, ehe er seine Hand vollständig zurückzog.
»Mh«, machte sein Gegenüber lächelnd, als es die Süßigkeit zerbiss und sich die starken Aromen von dunkler Schokolade und Marzipan in seinem Mund auszubreiten begannen. Er spürte den Blick des Japaners auf sich, während er kaute und öffnete seine Augen im selben Moment, in dem er schluckte.
»Sehr köstlich. Danke.«
»Willst du noch mehr?«, fragte Osamu und hielt seinem alten Freund zuvorkommend die Pralinenschachtel entgegen, »Nimm dir, so viel du willst. Mir schmecken sie ohnehin nicht.«
Fjodor ergriff die Schachtel und stellte sie neben sich ab, dann nahm er tatsächlich noch eine Praline und betrachtete sie belustigt.
Aus dem Augenwinkel sah er, dass er beobachtet wurde, als er die Praline in den Mund steckte, sie zu kurz kaute und schluckte.
»Du selbst magst sie nicht, nein, aber dir gefällt, wie ich sie esse. Du findest es sinnlich…«, bemerkte er neckend und schmunzelte, als er sah, wie die Wangen seines alten Freundes leicht erröteten, »Das hast du doch einmal zu mir gesagt, oder etwa nicht?«
»… Daran kann ich mich nicht mehr erinnern«, behauptete der Japaner. Er setzte sich an die Seite des Russen aufs Bett und lehnte sich sacht gegen ihn.
»Ach nein, kannst du nicht?«, fragte Fjodor unschuldig, während sein wissender Blick verriet, dass er die Lüge sofort durchschaut hatte, »Das ist bedauerlich, sehr schade. Also ich kann mich noch genau an unsere erste Begegnung erinnern. Ich erinnere mich an alles…«

Eis und Schnee, die im trüben Licht der Wintersonne glitzerten, hatten das hohe braune Gras unter sich begraben und so der sonst so trostlosen und verwilderten Gegend abseits des nächsten Dorfes einen gewissen winterlichen Zauber verpasst.
Selbst die zugefrorene Oberfläche des kleinen Tümpels, der so schlammig war, dass man trotz seiner Seichtigkeit niemals den Grund erahnen konnte, wirkte nun wie ein kostbarer Silberspiegel. Auf seiner glatten, silbrigen Oberfläche hinterließen die Schlittschuhe feine, parallel verlaufende Kratzer, wenn der kleine Eisläufer über sie hinweg fegte. In fließenden, anmutigen Bewegungen glitt er über die Eisfläche, mit dem eisigen Wind, der den gefallenen Schnee erneut aufwirbelte, um die Wette.
Lange Zeit zog der Eisläufer auf der zugefrorenen Tümpeloberfläche seine Kreise und bemerkte nicht, dass er vom Ufer aus beobachtet wurde. Er hatte nicht gehört, dass sich ihm jemand näherte und erschrak deshalb beinahe, als er plötzlich aus den Augenwinkeln den dunkelgrün-goldenen Schlitten, der von drei weißen Pferden gezogen wurde, am Ufer des Tümpels entdeckte. Ein Junge, der offenbar aus dem Schlitten ausgestiegen war, schien die Eisfläche zu betreten und langsam näher zu kommen.
Ungläubig blieb der etwa gleichaltrige Eisläufer mitten auf der Oberfläche stehen und blinzelte verwundert, als der Fremde plötzlich aus seinem Blickfeld verschwand – da er der Längst nach auf der Eisoberfläche hingefallen war.
Der Eisläufer erwachte endlich aus seiner Starre und fuhr mit ein paar anmutigen Zügen auf den am Boden liegenden Jungen zu. Er kam direkt vor ihm zu stehen, beugte sich zu ihm hinunter und streckte ihm seine behandschuhte Hand entgegen.
»… Du hast dich doch wohl nicht verletzt?«, fragte er ruhig, in seiner russischen Muttersprache. Doch als der am Boden liegende Junge verlegen lächelnd zu ihm aufblickte, gefror dem Eisläufer das Blut in den Adern und er hielt erneut inne, als wäre er angeschmiedet. Etwas war an diesem kindlich runden Gesicht und diesen melancholischen, tiefbraunen Augen, das sein Herz so schnell schlagen ließ wie das eines gefangenen Vögelchens.
»Hallo. Entschuldigung, ich spreche kein Russisch«, antwortete der Junge, »Japanisch?«
»Ich fragte, ob du dir wehgetan hast…«, wiederholte der Eisläufer auf Japanisch.
»Nein. Es könnte mir nicht besser gehen!«
Hastig zog der andere Junge die Knie unter seinen Körper, um sich langsam wieder aufzurichten. Sein Gegenüber reichte ihm erneut die behandschuhten Hände und half ihm hoch.
»Was machst du denn für Sachen? Mit normalen Stiefeln auf eine Eisfläche…«, tadelte der Eisläufer in einem entsetzten Tonfall, wenn auch seinen Kopf schüttelnd.
Der andere Junge klopfte sich die leichten Flocken Schnee von seiner dicken, warmen Cordhose und sah dann lächelnd auf.
»Mir war langweilig. Also bin ich mit dem Schlitten durch den Wald gefahren und plötzlich habe ich dich gesehen. Was du gemacht hast, sah so schön aus, darum bin ich näher gekommen…«
Der Russe antwortete nichts darauf, sondern schüttelte nur neuerlich seinen Kopf. Er stützte den Touristen, der mit seinen Stiefelsohlen unbeholfen über die Eisfläche rutschte und brachte ihn sicher zurück ans Ufer. Erst, als der japanische Junge wieder den knirschenden Schnee unter seinen Stiefeln hatte, begann sein Gegenüber sich wieder von ihm zu entfernen und mit den Schlittschuhen über die Eisoberfläche zu gleiten.
»Hey«, rief der japanische Junge dem anderen hinterher, »Hey, Kleiner! Warte!«
Fast wäre er ihm nachgekommen, doch kaum hatte sein Fuß die Eisoberfläche berührt, erinnerte er sich wieder an die akute Rutschgefahr und trat wieder zurück. Tatsächlich blieb der Russe noch einmal stehen und warf ihm einen strengen Blick über seine Schulter hinweg zu.
»Nenn mich nicht ›Kleiner‹! Ich heiße Fjodor!«
»In Ordnung, Fjodor«, sagte sein Gegenüber freundlich, »Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Osamu…«
»Aja.« Fjodor beäugte sein Gegenüber kurz mit unverhohlenem Argwohn.
»Fjodor, das nächste Dorf ist doch ganz schön weit weg… Darf ich dich ein Stück mitnehmen, als Dank dafür, dass du mir geholfen hast?«, fragte der Japaner.
Erst jetzt hob Fjodor den Kopf und sah erneut nach dem dunkelgrünen Pferdeschlitten, der an einigen Stellen mit Gold verziert war. In ihm saß noch ein älterer Mann, der in eine Raulederjacke dick eingewickelt war und eine Bärenfellmütze trug. In seinen behandschuhten Händen hielt er die langen Lenkriemen, die mit den Zaumzeugen der Pferde verbunden waren. Ohne weder den japanischen Touristen, noch den russischen Jungen zu beachten, nahm er lediglich hin und wieder einen kräftigen Schluck aus seinem Flachmann oder zog an seiner Zigarette.
»Ja... Ich würde gerne ein Stück mitfahren«, antwortete Fjodor, ohne nachgefragt zu haben, in welche Richtung und in welche Ortschaft dieser Schlitten fahren würde. Er fuhr mit seinen Schlittschuhen näher zu seinem neuen Freund, setzte sich ans Ufer in den hartgefrorenen Schnee und begann die Schnürung seiner Schlittschuhe zu öffnen.
»Das freut mich sehr. Ich habe mich nach netter Gesellschaft gesehnt… denn der gute Herr, der den Schlitten lenkt und auf mich aufpassen sollte, ist leider nicht besonders gesprächig... oder interessiert.«
Der Eisläufer warf nochmals einen kurzen Blick zu seinem grimmig dreinblickenden Landsmann und lächelte danach schal. Während er von Osamu beobachtet wurde, tauschte er die Schlittschuhe gegen seine mit Fell gefütterten Winterstiefel, die noch am Ufer standen und trat näher an die Pferde heran. Aus ihren samtigen, hellgrauen Nüstern dampfte weiß ihr warmer Atem und ihre großen schwarzen Augen musterten gutmütig die beiden Jungs, die sich ihnen näherten. Jedes der Rösser trug ein weinrotes, mit Goldelementen und kleinen Glöckchen verziertes Kummet um seinen Hals, von dem dicke schwarzen Lederriemen zur Gabeldeichsel des Schlittens führten. Über dem Kopf des Pferdes, das in der Mitte vor dem Schlitten eingespannt war, ragte ein leichtes, buntbemaltes Krummholz wie ein Heiligenschein auf.
»Ich habe für die Pferde heimlich ein paar Zuckerwürfel aus dem Hotel mitgehen lassen«, hörte Fjodor plötzlich den Touristenjungen neben sich verschwörerisch flüstern. Als er nach ihm sah, holte Osamu bereits ein paar weiße Zuckerwürfel aus seiner Jackentasche und hielt sie ihm hin. Zögernd nahm der andere Junge an und hielt die Würfelzucker dem links stehenden Pferd mit der flachen Hand vor die Schnauze. Erst schien das Pferd nur zu schnuppern, dann begann es mit seiner weichen Lippe den Zuckerwürfel in sein Maul zu rollen und ihn dann trotz der Trense zwischen seinen Zähnen geräuschvoll zu kauen. Osamu und sein Freund begannen die drei Pferde zu füttern.
Erst die grobschlächtigen Ausflüche des bereits leicht angetrunkenen Mannes im Schlitten ließ die beiden Jungen den Kopf heben.
»Verweichlichte Lausebengel heutzutage… streicheln Pferde wie kleine Mädchen… verwöhnte Ausländerjungen…«, murmelte er in seinen drahtigen Bart, »… kommt eben davon, dass Väter ihnen das Weibische nicht mehr mit ein paar saftigen Schlägen austreiben… gute alte Zeit, als noch ein paar Backpfeifen…«
»Bei allem Respekt, Väterchen, hätte dir dein Vater ein paar saftige Schläge erteilt, würdest du so etwas nicht sagen! Du würdest dich eher fürchten, wenn du eine erhobene Hand siehst!«, erwiderte der Fjodor mit einem finsteren Lächeln. Der ältere Mann verzog sein Gesicht vor Zorn und griff hastig nach der langen Reitpeitsche, die für das Antreiben der Pferde gedacht war und drohte damit dem russischen Jungen.
Mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck über die plötzliche Eskalation, schob Osamu seinen neuen Freund beschützend zur Seite und stellte sich halb vor ihn.
Doch als der Mann, der die Reitpeitsche schwang, sah, dass keiner der beiden Jungen mit der Wimper zuckte, ließ er seinen Arm wieder sinken und brach in raues Gelächter aus.
Es verstummte erst, als er mit der freien Hand erneut den Flachmann auf seine Lippen anlegte und sich den Wodka in den Mund kippte.
»Was habt ihr geredet?«, fragte Osamu.
»Er hat gesagt, dass wir den Schlitten selbst ziehen müssen, wenn wir nicht bald einsteigen«, log sein neuer Bekannter lächelnd, um seinen Freund nicht zu beunruhigen.
»Na, dann sollten wir schnell einsteigen. Es soll ohnehin bald dunkel werden…«
Osamu stieg als erster wieder in den Schlitten und half danach seinem neuen Freund hinein. Fjodor legte die Schlittschuhe auf dem Boden ab, bevor er sich neben den japanischen Touristen neben den bärtigen Mann setzte, der mit einem halbherzigen Befehl und leichtem Schnalzen der Peitsche die Pferde zum Laufen antrieb.
»Wir hätten auch auf der hinteren Sitzbank sitzen können«, bemerkte Fjodor, als sich das Gespann schließlich langsam in Bewegung setzte, »Da wäre mehr Platz gewesen.«
»Ja… Aber da wäre auch die Aussicht nicht so toll«, warf der Tourist ein.
Er sah fasziniert nach vorne, während die Pferde langsam immer schneller trabten und den Schlitten durch den knirschenden Schnee zogen. Leise klingelten die goldenen Glöckchen auf ihren Kummeten.
Tiefer im Wald schien die Natur noch mit dem Winter zu kämpfen, denn zwischen Schnee und Eis blickten die smaragdgrünen Blätter des Efeus, der an den Baumstämmen hochkletterte, hindurch und auch die langen Nadeln der vielen Föhren ragten noch immer spitz aus den auf den Ästen liegenden Eisbrocken hervor.
Doch Fjodor wurde plötzlich aus den Gedanken gerissen, als der Russe, der den Schlitten lenkte, Osamu unvermittelt an der Schulter weiter von sich und dafür näher an den anderen Jungen drückte.
»Ich Platz brauchen! Nichts rücken so auf Pelz!«, rief er dem Touristenjungen in stark gebrochenem Japanisch barsch entgegen. Doch zu Fjodors Verwunderung lächelte Osamu scheinheilig und murmelte eine Entschuldigung auf Russisch, womit sich der Mann offenbar zufrieden gab. Er ließ noch einmal die Peitsche über den Köpfen der weißen Pferde durch die Luft schnalzen, dann sank er wieder in sich zusammen und begann etwas zu summen, das wohl eine schlechte Version eines alten Volksliedes sein sollte.
»Entschuldige…«, flüsterte der japanische Tourist dicht am Ohr seines neuen Freundes, denn er wusste nicht, wohin mit seinem linken Arm, sodass er ihn schließlich sachte auf Fjodors Schulter legte.
»Schon gut«, antwortete der russische Junge leise. Seine Wangen glühten rosig, aber ob von der Winterkälte oder von der Nähe konnte Osamu nicht einschätzen. Doch etwas anderes fiel ihm auf: Obwohl Fjodor ein Junge war, hatte er eine zarte, berührende Schönheit an sich…
Im nächsten Moment fühlte er sich aber seltsam ertappt und begann, wieder geradeaus zu sehen, wo sie mit dem Schlitten an den verschneiten Bäumen vorüberzogen.
Als es schließlich anfing, leicht zu nieseln, legte der bärtige Russe die Lenkriemen zur Seite und begann unter seinem Sitz herum zu nesteln, bis er schließlich eine kratzige Wolldecke zu fassen bekam und sie hervorzog. Barsch warf er sie auf den japanischen Touristenjungen, sodass sie sogar Osamus Gesicht zur Hälfte verdeckte.
»Krankheit! Nichts Krankheit!«, rief er bellend, während Osamu sich langsam von der Decke befreite und fragend zu Fjodor sah, der ihm half, die Decke auszubreiten und mit dem Schlittenführer ein paar Worte in ihrer Muttersprache tauschte.
»Er will nicht, dass du dich erkältest«, erklärte der russische Junge ruhig, »Er sagt, dass ihr ausländischen Vögel die Kälte bei uns nicht aushältet und daran zugrunde gehen würdet…«
»… Dabei ist mir gar nicht kalt«, gestand Osamu leise, während er selbst ein wenig errötete und dabei hoffte, dass sein neuer Freund es nicht sehen konnte, weil er den Kopf gesenkt hielt.
Gegenseitig wickelten er und Fjodor sich in die dünne Wolldecke ein und spürten bald schon die Wärme des jeweils anderen an ihrem Körper. Letztendlich, weil sie nicht mehr Platz hatten, blieb Osamus Hand auf Fjodors Oberschenkel liegen, doch es schien den russischen Jungen nicht zu stören. Im Gegenteil, er lächelte sogar.
»Gehen wir auf den winterlichen Markt?«, fragte Fjodor leise, »Den solltest du wenigstens einmal gesehen haben…«
»Wenn du mich herumführst…«
»Mach ich, mach ich.«
»Ich wollte sowieso dieses Dorf besichtigen…«
Der Schlitten hatte den Wald verlassen und glitt im Tempo des sachten Trabs der Pferde über die schneebedeckten Felder, als der Sonnenuntergang am Horizont gerade erlosch. Doch Osamu war froh, dass die Umrisse der Häuser des nächsten Dorfes noch ganz klein und so weit entfernt zu sein schienen, denn er hatte den Wunsch, dass diese Schlittenfahrt noch ganz lange andauern würde…

Es regnete bereits ziemlich stark, als der bärtige Russe die beiden Jungen in dem Dorf aussteigen ließ und eine mahnende Verabschiedung bellte. Während Fjodor kurz mit ihm sprach, musterte Osamu interessiert die Ziegelhäuser, die anders aussahen als die Häuser, die er aus seiner Heimat kannte. Eigentlich war es ein sehr kleines Dorf, doch beim Gedanken an das, was Osamu hier suchte, war es doch viel zu groß, als dass er sich große Hoffnungen machen durfte. Er sah sich immer wieder um, während er dem einheimischen Jungen durch die schmalen, unebenen Straßen folgte, doch immer wieder schweifte sein Blick zurück zu Fjodors anmutiger Figur.
Als sie schließlich über eine steinerne Brücke liefen, blieb Osamu plötzlich stehen. Seine Todessehnsucht, die für eine Weile in den Hintergrund getreten war, legte sich nun wieder wie ein dichter Schatten über sein Herz. Er folgte dem Drang, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und sich über die Brüstung zu beugen. Von dort aus starrte er hinunter in den reißenden Fluss, der in der Dunkelheit unter der Brücke hinwegrauschte und beobachtete, die der Regen als grauer Schleier vom Nachthimmel in ihn hinein stürzte. Die einzelnen Tropfen sprangen auf der Wasseroberfläche auf wie Blüten und versanken dann in der Dunkelheit.
Ob ein Sturz aus dieser Höhe ausreichen würde?
Aber was, wenn nicht?
Wie Musik klang das rauschende Prasseln der Regentropfen auf dem Kopfsteinpflaster und den Dachziegeln der Häuser. Die Luft roch jetzt viel reiner, als hätte der Regen den Geruch des Kaminrauches einfach fortgewaschen.
»Warum bleibst du stehen? Du wirst dir wirklich noch den Tod holen.«
Osamu hob den Kopf und sah zu Fjodor, der neben ihm da stand wie ein Zinnsoldat. Erst jetzt bemerkte er, dass dem russischen Jungen die dicke weiße Jacke, die er trug, noch ein wenig zu groß war. Sein Haar war so dunkel, dass es sich im trüben, orangen Licht der Straßenlaterne nicht von der Nacht abheben konnte. Und so sah es fast danach aus, als würde die weiße Fellmütze, die bis über seine Ohren reichte, lediglich über seinem Kopf schweben.
»Das würde mir nichts ausmachen«, lächelte Osamu freundlich, »Auf der Suche nach dem Tod bin ich schließlich schon die ganze Zeit.«
»Du suchst nach dem Tod?«, fragte sein Gegenüber interessiert.
Obwohl Fjodors Körper noch der eines Jungen war, mit kurzen Beinen und schmalen Schultern, war seine Miene so ruhig, als ob ihn nichts mehr überraschen würde und sein Blick so klug, als ob er alles begreifen könnte.
»Willst du etwa von der Brücke springen?«, fragte er gefasst, »Wenn du es unbedingt tun willst, dann tu es. Aber sei dir gewiss, ich springe dir hinterher und ziehe dich wieder ans Ufer. Auch, wenn ich nicht so aussehen mag, bin ich ein guter Schwimmer. Ich lasse dich nicht ertrinken. Wir beide werden uns nur eine schmerzhafte Lungenentzündung einfangen.«
»…Ich kann nichts leiden, das wehtut.«
Osamu spürte, wie er in eine seltsame Stimmung verfiel. Die Frage, ob es ihm gelingen würde, seinen neuen Freund so zu erschrecken, dass er davonlaufen würde, ließ ihm keinen Frieden mehr. Obwohl Fjodors Schönheit und Nähe ihn bis eben noch so erfreut hatten, wollte er sich selbst seine düsteren Erwartungen bestätigen – denn die Menschen, die ihm sympathisch waren, wollten nie ihre Zeit mit ihm verbringen. Wieso sollte es bei Fjodor anders sein? Wenn er begriff, wen er vor sich hatte, würde er garantiert das Weite suchen… So lächelte Osamu herausfordernd.
»Ich wollte in dieses Dorf, denn es heißt, es soll hier einen Todesengel geben, der einen Menschen mit einer bloßen Berührung töten kann. Nur eine Berührung und man fällt einfach leblos zu Boden. Ich will diesen Todesengel unbedingt finden…«
Aber entgegen Osamus Erwartungen wirkte der Junge keineswegs verstört, sondern ruhig und verstehend.
»Und dann? Was, wenn du ihn gefunden hast?«, fragte er seelenruhig.
»Ich will ihn bitten, auch mir die immerwährende Ruhe und den ewigen Frieden zu schenken. Ich sehne mich so danach…«
»Weil du krank bist, oder etwas Furchtbares getan hast…?«  
»Nein«, gab Osamu ein wenig widerwillig zu. Sein Gegenüber zuckte noch nicht einmal mit der Wimper.
»Dann bist du noch viel zu jung um aufzugeben.«
Osamus herausforderndes Lächeln verschwand so plötzlich, wie auch seine Lust, diesen gleichaltrigen Jungen, der trotz allem immer noch an seiner Seite stand, zu verschrecken. Er trat von der Brüstung zurück und drehte sich zu dem anderen um. Sein Haar war inzwischen vom Regen so durchnässt, dass es auf seinem Kopf klebte und sich eisig kalt auf seiner glühenden Stirn anfühlte.
»Was ist so schlimm daran, noch ein bisschen weiterzuleben?«
Unwillkürlich legte Osamu die linke Hand auf seine Brust und zog die feinen Augenbraunen zusammen, als ob er nachdenken würde, was es denn nun eigentlich wirklich war, das ihn ausgerechnet auf dieser Brücke zum Anhalten gebracht hatte, abseits der bunten Lichter und des geschäftigen Treibens auf den Straßen.
»Wie auch immer. Wenn du deswegen hergekommen bist, dann war es völlig umsonst. Denn so einen Todesengel, wie du ihn suchst, gibt es nicht. Das ist nur dummes Gerede von den alten Weibern hier in der Gegend. Sie sind in Aufregung, weil ein paar böse Menschen so plötzlich gestorben sind, als hätte Gott selbst sie bestraft...«
Osamu blinzelte überrascht, aber als der Junge sich zum Gehen abwandte, erwachte er endlich aus seiner Starre. Erst sah er Fjodor nur hinterher, doch die Vorstellung, alleine in den regennassen Gassen in der Dunkelheit zu bleiben, war letztlich weniger reizvoll, als noch eine Weile bei dem anderen Jungen zu bleiben.
Was war es wohl, das ihn so zu Fjodor hinzog, fragte sich Osamu, während er ihm folgte.
Doch er wollte nicht einfach so folgen wie ein streunender Hund, der nicht wusste, wohin er sonst gehen sollte, sondern einen logischen Grund vorschieben.
»Ich leide jeden Tag Qualen… Also, bitte, wenn du etwas über diesen Todesengel weißt…«
»Worunter leidest du denn?« Es hatte etwas Versöhnliches, als Fjodor sich umdrehte, wie wenn er auf den anderen Jungen warten würde, der nun zögernd zu ihm aufschloss.
Um nicht zu aufdringlich zu sein, wahrte Osamu dieses Mal aber einen gewissen Abstand zwischen ihnen, indem er selbst innehielt.
»Ich will sterben. Es gibt keine Chance auf Wiedergutmachung. Egal, was ich mache, es ist sicher ein Fehler. Alles, was noch passieren kann, ist, dass eine närrische, beschämende Sünde auf die nächste folgt und meine Qualen immer schlimmer werden. Ich will sterben. Ich muss sterben. Das Leben an sich ist die Quelle der Sünde*…«
Das Regenwasser, das in den Vertiefungen des Kopfsteinpflasters in kleinen Pfützen stand, spiegelte die orangen Lichtkegel der Straßenlaternen und spritzte unter ihren schnellen Schritten gegen ihre Stiefel.
»Ja, Sünden und Fehler gehören zum Leben«, meinte Fjodor nachdenklich, »Aber sicher lassen sich Fehler und Sünden wieder mit guten Taten aufwägen… Das ist es zumindest, woran Menschen schon seit Jahrtausenden glauben, während sie versuchen, möglichst gute Menschen zu sein. Reicht dir das nicht, zu versuchen, ein möglichst guter Mensch zu sein und darauf zu hoffen, dass dir nach dem Tod eine höhere Gerechtigkeit und eine größere Gnade zuteil werden, als zu Lebzeiten?«
»Ich bin nicht so wie die anderen. Ich glaube, ich bin der einzige, der nicht so ist wie alle anderen Menschen…«
»Niemand ist genau wie jemand anders.«
»Das verstehst du nicht«, widersprach Osamu mit einer seltsamen Verzweiflung.
»Mag sein. Oder du verstehst nicht«, warf der andere Junge tonlos ein, »Du hast Angst vor dem Leben, aber weißt doch gar nicht, wie sie aussieht, die Ewigkeit, in die du fliehen möchtest.«
Osamu war ein wenig erschrocken, als sein Freund bemerkt hatte, dass er Angst vor dem Leben hätte – es stimmte, sicher stimmte es, aber wie hatte Fjodor das durchschauen können?
Eine Weile herrschte Schweigen, dann fuhr er fort.
»Wir neigen dazu, uns die Ewigkeit als etwas Riesenhaftes vorzustellen. Aber was, wenn die ganze Ewigkeit nicht der weite Himmel wäre, sondern nur eine verdreckte, kleine Badestube mit verräucherten Wänden und Spinnen in den Ecken?**«
Osamu horchte interessiert auf.
»Stellst du dir wirklich, wirklich nichts Tröstlicheres und Gerechteres unter der Ewigkeit vor als dies?**«
»Manchmal schwant mir so etwas«, entgegnete der russische Junge tonlos.
Aus der Ferne hörten sie das Läuten der Kirchenglocken, doch Osamus Blick ruhte weiterhin auf Fjodors Rücken direkt vor ihm. Irgendetwas hinderte ihn daran, seine Augen von ihm abzuwenden…
»Ja. Tatsächlich denke ich ähnlich«, sagte er traurig und lachte dann hell auf. »Ich habe sogar Angst vor Gott. Ich könnte nicht an seine Liebe glauben, nur an seine Bestrafung. Ich könnte an die Hölle glauben, aber es ist mir unmöglich, an die Existenz des Himmels zu glauben*.«
Sie beide keuchten längst weiße Wolken in die kalte Nachtluft, bis sie endlich den weitläufigen, winterlichen Marktplatz erreichten, wo bunte Lichter leuchteten und die Blasmusik zwischen den hohen Häusern erschallte.
Die meisten der Menschen, die in dicke Mäntel gekleidet waren, um sich vor der Kälte zu schützen und die ihre Einkäufe in geflochtenen Weidenkörben trugen, wirkten so fröhlich und unbeschwert, dass Osamu nur noch schwermütiger wurde.
Mit dem Gefühl einer seltsamen, warmen Melancholie schlenderte der Japaner neben seinem neuen Freund durch die schmalen Pfade zwischen den Marktständen, an denen kleine Geschenke aus verschiedenen Handwerken, sowie Schals und Mützen, oder selbstgebrannte Schnäpse und Süßigkeiten angeboten wurden. Die meisten waren beleuchtet von Kerzen und geschmückt mit Reisig und glitzernden Kugeln.
Neben einem kleinen Kupferkessel, in dem jemand gebrannte Mandeln herstellte, stand eine kleine Gruppe aus Chorsängern, die ein Weihnachtslied nach dem anderen sangen.
Doch Fjodor entging nicht, dass selbst die vielen Lichter, der Gesang und die vielen schönen Dinge es nicht schafften, den Touristen auf andere Gedanken zu bringen. Er gab die Idee, ihn mit dem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt aufzumuntern, schließlich auf.
»Ich habe Hunger. Wollen wir etwas essen?«, brach er schließlich das Schweigen. Osamu hatte eigentlich keinen Hunger oder zumindest Appetit. Allerdings verspürte er kaum jemals Hunger, meistens aß er einfach nur, wenn die anderen aßen und wollten, dass er bei ihnen saß und mit ihnen aß.
»Ich will nichts, aber lass dich davon nicht abhalten...«
»Bin gleich wieder da.«
Eilig verschwand Fjodor irgendwo zwischen den anderen Menschen, die sich um die verschiedenen Marktstände versammelt hatten.
Erst jetzt bemerkte der Tourist, dass der Regen irgendwann stark nachgelassen hatte. Es fielen nur noch wenige, dicke Tropfen von den Wolken, die sich in der Nacht versteckt hielten. Osamu spürte kaum mehr, wie der kalte Regen auf sein Haar tropfte und seinen Mantel durchnässte, doch die Kälte war dennoch unbarmherzig geblieben. Sie war schon lange unter die Schichten aus Stoff, Daunen Wolle gekrochen und hielt ihn nach wie vor in einer eisigen Umarmung gefangen.
Dennoch verspürte er nicht den Wunsch, nachhause zu gehen. Ihm war, als würde ihn etwas mit Fjodor verbinden… Obwohl er den russischen Jungen vorhin noch selbst loszuwerden versucht hatte, um sich in seinem Pessimismus zu bestätigen, fühlte er sich jetzt seltsam verlassen. Und je länger Fjodor wegblieb, desto stärker wurde die Unruhe, die sein Herz erfasste. Als sie sich gerade zu einer regelrechten Furcht, sein neuer Freund würde nicht mehr zurückkommen, entwickelte, trat Fjodor zwischen den Menschen hervor, direkt vor ihn.
»Danke, dass du gewartet hast«, sagte er leise. Zwischen seinen behandschuhten Fingern hielt er den dünnen Stab auf dem ein kandierter Apfel aufgespießt war.
»Stört es dich, wenn wir uns wo hinsetzen?«
Fjodor ging an ihm vorbei und wie als wäre er von einem Magneten angezogen, folgte sein neuer Freund ihm blind durch die Menschen, bis sie von den Marktständen etwas abseits eine vom kalten Regen nasse Parkbank erreichten, auf die sich der russische Junge einfach fallen ließ und interessiert nach vorne blickte.
Direkt vor ihnen stand ein großes Karussell mit geschnitzten und bunt bemalten Holzpferden. Eltern setzten ihre kleinen Kinder auf die bunten Sättel der weißen Holzpferde, durch deren Schultern goldene, gezwirbelte Stangen gingen, die die Statuen mit dem Karussell verbanden. Schließlich ertönte feierliche Trompetenmusik, das Karussell begann sich zu drehen und die Pferde an ihren Stangen bewegten sich hoch und runter, als würden sie springen.
Osamu warf einen Seitenblick zu Fjodor, der das Karussell interessiert beobachtete und dabei gelegentlich von dem knallroten, kugelrunden kandierten Apfel abbiss.
In den Lichtern der Glaslaternen wirkten seine Wangen rosig und seine Gesichtszüge ganz weich. Wie seine Lippen und seine Zunge den Apfel berührten… sein Mund schimmerte glänzend feucht von dem roten Zuckersirup, in den der Apfel getaucht worden war.  
»Es hat etwas Sinnliches, wenn Menschen essen, oder?«, fragte er leise, doch als Fjodor schließlich den Kopf hob und ihn verständnislos anblickte, bereute er ein wenig, seinen Gedanken ausgesprochen zu haben.
»Nichts, nichts«, tat er hastig ab.
Was waren das nur für Gedanken, die ihm durch den Kopf geisterten?
Sicher lag es an all dem Süßen, all dem Schönen, all dem Ergreifenden und diesem Hauch eines alten Zaubers, der diesem Ort innewohnte, dass sein Herz weiter aufriss und sein Kopf verrückt spielte… War es richtig gewesen, sich von diesem Ort fernzuhalten, um an der Brücke zu stehen und zu überlegen, es dem Regen gleichzutun?
Vielleicht hätte auch er gleich vom Himmel in den Fluss stürzen sollen, hätte es lieber gleich tun sollen… aber wenn Fjodor ihm wirklich hinterher gesprungen wäre?
»Probier doch mal«, riss ihn Fjodors sanfte Stimme aus den Gedanken. Anbietend hielt er seinem Freund den Stab mit dem kandierten Apfel entgegen, doch Osamu zögerte, ihn anzunehmen.
Er betrachtete einen Moment lang den kandierten Apfel, in dessen glänzender, roter Oberfläche ein paar Bissstellen das weiße Fruchtfleisch offengelegt hatten… Die Stellen, die Fodor mit seinen Lippen und seiner Zunge berührt hatte…
Mit einem Mal doch ein wenig hungrig biss der Japaner schließlich ebenfalls von dem kandierten Apfel ab – dicht an einer Stelle, von der bereits sein Freund abgebissen hatte.
… Wie ein indirekter Kuss? …
Der säuerliche Geschmack des Apfels und ein Aroma von Zitrone begannen sich gleichzeitig mit der Süße der Zuckerglasur in Osamus Mund auszubreiten. Während er den Geschmack auskostete und sich einzuprägen versuchte, gab er lächelnd Fjodor seine Süßigkeit zurück.
Er versuchte es sich zu merken, wie der kandierte Apfel geschmeckt hatte, schließlich würde Fjodors Mund jetzt genauso schmecken…
Das schmerzerfüllte Jaulen eines Hundes durchbrach plötzlich die festliche Stimmung und übertönte die feierliche Musik. Während Fjodor ungerührt weiter von seinem kandierten Apfel abbiss, schreckte Osamu ein wenig hoch und entdeckte schließlich etwas abseits des sich drehenden Karussells, wie ein dicker, älterer Mann auf einen zotteligen Hund schimpfte und eintrat. Der Hund jaulte herzerweichend und duckte sich voller Todesangst unter den Tritten.
»Das geht doch nicht!«, fand Osamu entrüstet. Er war aufgestanden, bevor er überlegte, wie er am besten einschreiten sollte, doch die Finger seines neuen Freundes an seinem Handgelenk hielten ihn entschieden zurück.
»Lass es gut sein. Was willst du denn dagegen tun?«, fragte Fjodor so ruhig, dass es Osamu noch mehr schauderte als vor dem leidenden Jaulen des gequälten Tieres, »Am Ende fängst du dir selbst ein paar Schläge!«
»Und wenn schon. Besser, als wenn der Hund getreten wird…«, schnaubte er.
»Das ist der Betreiber des Karussells… und der Hund ist seiner. Er ist schon sehr alt, deswegen hört er nicht mehr… Der Betreiber nimmt den unfreiwilligen Ungehorsam des Hundes als Anlass, all seine Wut auszulassen.«
»Er wird den Hund töten, wenn wir nichts tun«, warf Osamu entsetzt ein und machte Anstalten, sich dem Griff des anderen Jungen zu entziehen. Doch als er sich zwei Schritte von Fjodor entfernt hatte, hatte der Karussellbetreiber bereits von dem Tier abgelassen. Winselnd und geduckt hinkte es davon, während der Betreiber seine Hände an den Hosenbeinen abklopfte und wieder in die Nähe des Karussells trat, als wäre nichts gewesen. Und auch die Eltern der Kinder, die auf dem Karussell fuhren, schienen so zu tun, als ob sie nichts mitbekommen hätten.
Sichtlich verärgert über dieses Unrecht ballte Osamu die Hände zu Fäusten. Er sah mit unverhohlener Wut zu, wie das Karussell schließlich anhielt und der Betreiber den Kindern half, von den prunkvollen Holzpferden abzusteigen. Er hörte den Dank und die Festtagswünsche der Menschen, als der eisige Wind ihre Stimmen bis hierher hinüber wehte, und drehte sich angewidert um zu Fjodor, der immer noch auf der Parkbank saß, seine kurzen Beine über dem Boden baumeln ließ und von seinem kandierten Apfel abbiss.
»Das ist doch unglaublich, dass er vor so vielen Menschen ein wehrloses Tier quält und damit ungeschoren davonkommt«, murmelte er in der Hoffnung, von seinem neuen Freund eine Bestätigung zu erhalten. Doch als der russische Junge schließlich antwortete, sagte er etwas ganz anderes: »Ja, es ist traurig. Aber meinst du nicht, dass der alte Hund ihn trotzdem braucht? Wer sonst würde ihn füttern? Wo sonst könnte er schlafen? Liebt er seinen Herrn nicht trotzdem?«
»Hä?« Osamu erschien durch die Frage wie aus dem Konzept gebracht, doch als er zu Fjodor sah, lag in dessen Blick etwas Unergründliches, etwas Finsteres, das seinem neuen Freund einen kalten Schauer den Rücken hinunter jagte.
»…Ich weiß nicht recht… Vielleicht sollte ich den Betreiber fragen, ob er mir den alten Hund verkauft, oder… ich bringe ihn heimlich in ein Tierheim, oder…«
»Aber was würden deine Eltern sagen, wenn du plötzlich mit dem alten Hund aufkreuzt und ihn behalten willst?«
»Nichts. Sie lassen mich immer tun, was ich will.«
Fjodor lächelte düster und biss danach erneut von dem kandierten Apfel ab. Noch während er kaute, stand er auf und hielt Osamu seinen angebissenen Apfel hin.
»Kannst du mal halten?«, fragte er, nachdem er geschluckt hatte, »Ich muss nämlich kurz aufs Klo.«
»Klar.« Ein wenig verwundert nahm Osamu den kandierten Apfel an sich. Er spürte, wie Fjodor ihn erneut musterte, aber dieses Mal war der Blick seiner klugen Augen wesentlich weicher und gütiger.
»Denk immer daran, nur solange du lebst, können sich all deine Wünsche erfüllen.«
»Ich habe doch gar keine Wünsche, schon ganz lange nicht mehr«, meinte Osamu sanft und spürte Fjodors bekümmerten Blick auf sich.
»Aber es sind die Dinge, die wir von ganzen Herzen begehren, die uns in dieser Welt halten… Irgendwas musst du dir doch wünschen. Glück, Liebe, Freiheit, Macht, Reichtum…«
»Die Schwachen fürchten sogar das Glück*. Liebe wird überbewertet. Freiheit existiert nicht. Macht verdirbt den Charakter… und Reichtum, der kümmert mich am allerwenigsten. Gold ist schwer, Perlen sind kalt, Diamanten sind hart…«
»Ich will damit nur sagen, dass du deine Erfüllung nur finden kannst, solange du lebst. Zu leben ist die Voraussetzung für alles«, erwiderte Fjodor mit einer seltsamen Eindringlichkeit, »Also denk nicht mehr an den Tod, ja? Du solltest nicht über den Tod nachdenken, egal, was passiert.«
»Was redest du denn da?«, fragte Osamu im gleichen Maße verwirrt und amüsiert, »Wieso sagst du das jetzt so? Du kommst doch gleich wieder…«
»Selbstverständlich!«
Der Japaner schüttelte mit heimlicher Beunruhigung den Kopf.
»Du bist wirklich sonderbar…«, meinte er.
»Du doch auch!«
Fjodor lächelte ihm aufmunternd zu, bevor er sich immer weiter von seinem neuen Freund zu entfernen begann und schließlich in der Menge aus anderen Menschen unterging.
Osamu wusste nicht, woher es kam, aber plötzlich war ihm zum ersten Mal an diesem Tag so kalt, dass er fror. Und er wusste nicht, wieso, aber plötzlich war ihm, als sei alles trübe geworden. Selbst der kandierte Apfel, dessen feuerrote Farbe vorhin wie eine Christbaumkugel geglänzt hatte, wirkte nun verblichen.
Der Japaner hatte plötzlich Kopfschmerzen und ein Gefühl des Schwindels, als würde sich ein Fieber anbahnen, also ging er zurück und setzte sich wieder auf die Parkbank. Dabei schien sein schnell schlagendes Herz bereits zu wissen, was sein Kopf noch nicht wahrhaben wollte…
Er aß wieder von dem Apfel, doch was vorhin noch so süß geschmeckt hatte, war nun nur noch ein schweres Gefühl auf seiner Zunge und in seinem Bauch, als hätte er einen Stein geschluckt.
Wie er erwartet hatte, kam Fjodor lange nicht zurück, doch länger blieb er wartend sitzen.
Was Osamu schließlich endlich dazu brachte, von der Parkbank wieder aufzustehen, waren die entsetzten Schreie von Menschen, die eine kleine Traube am Fußende des Karussells bildeten. Wie von einer unsichtbaren Macht angezogen erhob sich Osamu und trat langsam näher. Trotz seines beginnenden Fiebers und seines Schwindels gelang es ihm, sich zwischen den Menschen hindurch zu bewegen, ohne einen von ihnen zu berühren. Schließlich stand er in der ersten Reihe der Ansammlung und blickte ohne Gefühlsregung hinunter, wo zu seinen Füßen der dicke, ältere Herr, der vorhin noch seinen armen Hund getreten hatte, leblos auf dem Straßenpflaster lag. Unter seinem Kopf ergoss sich in einer großen werdenden Lache sein eigenes Blut und an seinen Füßen stand der arme, alte Hund, der aufgeregt und ängstlich nach seinem Herrn sah und sich schließlich neben ihm einrollte.
Dass der widerliche Mann von einem Todesengel berührt worden war, war mehr als offensichtlich, doch voller Kummer dachte Osamu an Fjodors Worte: ›So einen Todesengel, wie du ihn suchst, gibt es nicht.‹

Von dem Tag an, als sich ihre Wege getrennt hatten, lebte Osamu mit einem qualvoll bittersüßen Schmerz in seinem Herzen. Er kümmerte sich um den alten Hund, bis auch der einfach von ihm ging.
An jedem einzelnen Tag, der mit allen anderen einzelnen Tagen zu eintönigen, verschwendeten Jahren verschwommen war, erschien es Osamu, als wäre die Welt nur noch ein trüber, kalter und dunkler Ort.
Suchend und wartend verbrachte er seine einsamen Tage und begegnete Fjodor auch tatsächlich immer wieder, um für ein paar Stunden lang, manchmal sogar für eine Nacht lang, mit ihm zusammen zu sein, aber jedes Mal kam danach der Morgen und mit ihm die Trennung.
Nichtsdestotrotz lebte Osamu für diese weißen Nächte, in denen er seinen alten Freund treffen konnte, diese Nächte, in denen ihm vorkam, als würde plötzlich der Mond aufgehen und die Dunkelheit und die Schatten vertreiben, um eine Herrschaft des Lichts einzuläuten.

Sein Gesicht hatte er im Schoß des Russen vergraben, der mit seinen feingliedrigen Fingern gedankenverloren durch die Locken streifte, die gewellten Strähnen in die Länge zog, um sie dann erneut um seine Finger zu wickeln. Mit glasigem Blick starrte er durch seine halbgeschlossenen Lider geradeaus, während sein zurückhaltendes Stöhnen und seine abgehackten Atemzüge die erstickten Laute seines Partners übertönten.
Osamus Augen waren geöffnet und fixierten trotz der stetigen Bewegungen seines Kopfes den Körper seines Geliebten direkt vor ihm. Er beobachtete das Spiel von Fjodors schlanken Muskeln, das gelegentliche Anspannen des flachen Bauches, das Krampfen der linken Hand in die Matratze, das Zucken des Rumpfes…
Etwas länger, nur noch ein kleines bisschen länger, sollte der Russe sich noch seine Beherrschung bewahren, damit sein Freund den Moment noch ein wenig auskosten konnte…
»Hah…«
Die schmalen Beine, die links und rechts neben Osamus Oberkörper angewinkelt waren, zitterten und bebten unter der ganzen Lust, die Fjodor verspürte und gleichzeitig noch zurückzuhalten versuchte, während der Japaner schamlos und unschuldig zugleich immer wieder mit dem Kopf in seinen Schoß tauchte.
Fjodor konnte den feuchten, heißen Atem des anderen Mannes auf sich spüren und fragte sich, ob sein Partner im Gegenzug das wilde Schlagen seines Herzens wahrnehmen konnte.
Aber es tat gut, ihn so zu sehen, denn nie sah Osamu schöner und lebendiger aus als in Augenblicken wie diesen, mit seinen glänzenden, rosigen Wangen und dem glasigen Blick, der seine Verzweiflung nicht durchscheinen ließ…
Es war dem Russen ganz und gar unmöglich, den Blick von ihm zu nehmen, zumindest, bis sich von selbst sein Rücken durchbog, als hätte er einen Stromschlag bekommen. Sein Becken zuckte und streckte sich seinem Partner entgegen, während sein Kopf zur Seite fiel.
»Ahh... Mhh-ahh...«
Unbeirrt fuhr Osamu fort, mit seinen Lippen und Händen seinen Geliebten zu verführen, er legte immer mehr Leidenschaft und Gefühle in seine Berührungen und schloss die Augen, als sich der schlanke Körper vor ihm immer stärker anspannte…
Er hielt sich an Fjodors zuckenden Hüften fest, ja klammerte sich förmlich an ihn, als wäre er ein Ertrinkender, der endlich einen Rettungsring zu fassen bekommen hätte. Nur für eine Sekunde hielt er inne, als der Russe plötzlich die Augen aufriss und leise seinen Namen flüsterte…
Fjodor starrte ins Dunkel, während der ganze Druck, der sich in seinem Unterleib aufgestaut hatte, von ihm genommen wurde und sein Körper erschöpft in die Matratze zurücksank.
Wie sein sonst so scharfsinniger Kopf mit einem Mal ganz leer wurde… Er hatte schon fast vergessen, wie gut es sich anfühlte, für einen Moment lang alles zu vergessen und an gar nichts zu denken, sondern einfach nur zu atmen, ganz tief ein und dann wieder aus.
Er zuckte leicht zusammen, als Osamu seine etwas erschlaffte Männlichkeit aus seinem Mund gleiten ließ. Anschließend kniete sich der Japaner über ihn und beugte langsam seinen Kopf hinunter zum Gesicht seines Partners, um ihn so zärtlich auf die noch geöffneten Lippen zu küssen.
Seine Finger streiften eine verirrte Haarsträhne aus Fjodors Gesicht zurück hinters Ohr, ein ruhiges, zufriedenes Lächeln lag in seinen sonst so entlegenen Zügen.
Ein zufriedenes Lächeln, weil nur er und niemand sonst Fjodor so zu Gesicht bekam.
Ein wenig zittrig hob der Russe seine Hand, streifte über die Wange seines Partners, während er seine Schenkel noch weiter spreizte, sodass er Osamus Gewicht noch intensiver auf seinem prickelnden, gereizten Unterleib fühlen konnte. Die dunklen Augen des Japaners waren geschlossen, während Fjodor mit seinen abgeknickten Fingerknöchelchen über dessen Gesicht streichelte und seine Finger nach einer Weile in Osamus lockiges Haar tauchen ließ. Sanft hielt er seinen Kopf in Position, ehe Fjodor sich nach vorne beugte, um seinen Partner erneut zu küssen.
Auch er machte die Augen zu, als Osamu ihm schließlich endlich entgegenkam.
»Ich liebe dich, Fjodor«, flüsterte der Japaner und plötzlich nahm seine Miene einen gequälten Ausdruck an, »Ich liebe dich zu sehr… Es macht mir fast ein wenig Angst, wie sehr ich dich will, weißt du? … So ein Hunger, so ein Verlangen, war mir bisher unbekannt.«
»Gut… Hunger ist eng verknüpft mit Lebenskraft«, lächelte sein Geliebter düster, »Also lieb mich noch mehr. Begehre mich noch verzweifelter…«
»Wie grausam du bist«, sagte Osamu mit einem abgekämpften Lächeln, »Schließlich war ich bisher wunschlos… Und ich wollte mir nie wieder etwas wünschen vom Leben.«
Er wollte einfach nie wieder enttäuscht werden, sich nie wieder falsche Hoffnungen machen, die nur zu neuem Kummer führten. Doch wie sollte er verhindern, dass er Fjodor begehrte?
Der Russe drückte ihre Lippen noch einmal flüchtig gegen einander, ehe er sich zurückzog, indem er sich wieder aufsetzte. Sein Blick fixierte seinen Geliebten willensstark, während er mit der rechten Hand auf der Bettdecke tastete, bis seine Finger endlich die glatte, kühle Oberfläche der Tube und die kleine Schachtel zu fassen bekamen, die er daraufhin näher zu seinem Partner schob. Osamu blickte zu ihnen hinunter und errötete kaum merklich. Leicht zuckte er zusammen, als er spürte, wie sein Gegenüber sich nach vorne beugte, ihm eine Hand auf die Schulter legte und das Gesicht zuneigte. Der Japaner konnte den feuchten Atem des anderen Mannes auf seiner errötenden Wange spüren und hielt gebannt den eigenen an.
»Was störst du dich daran, dass du mich willst?«, hauchte Fjodor dicht an seinem Ohr, »Das ist doch in Ordnung? Schließlich kannst du mich doch ganz leicht haben… Du brauchst mich einfach nur zu nehmen und ich gehöre dir...«
Die Worte, die kaum lauter waren als ein Atemzug, waren dennoch so mächtig, dass Osamu ein eisiger Schauer über den Rücken jagte. Er zögerte nicht mehr, als er seine Hand an die Schulter des Russen legte und ihn sachte nach hinten drückte, ihn mit seinem Körper dazu drängte, sich mit dem Rücken auf die Bettdecke zu legen. Fjodor zeigte sich gefügig. Seine Augen, die im bleichen Mondlicht feucht schimmerten, verfolgten jede Bewegung von Osamus zittrigen Fingern, die eben hektisch versuchten, die kleine Plastikverpackung aufzureißen.
»Mhmm... So ist es recht, mein Freund«, meinte er schließlich zufrieden, als sein Partner seinen in dünnem rotem Latex getauchten und mit Gleitmittel versehenen Finger zwischen ihren Körpern vorbei führte und zwischen seine Backen gleiten ließ.
Osamu legte sich schwer auf den Russen und schloss genießend die Augen. Er war glücklich, als er die warme Haut des anderen Mannes auf seiner eigenen spürte und seinen Geruch wieder einatmen konnte.
»Bitte entspann dich…«
Schon lähmte sein Geliebter Fjodor mit seinem Finger, den er plötzlich in dessen Leib eindringen ließ. Langsam, gebannt auf den Körper unter sich starrend, mit dem Blick seinem Verlauf folgend bis ins gerötete Gesicht.
Fjodor atmete brüchig aus, entspannte sich voller Vertrauen in seinen Partner, dessen Finger an seinem Inneren entlang streifte.
Seine Hand tauchte wieder in Osamus weiche Locken und streichelte seinen Kopf, während der Japaner schließlich noch einen weiteren Finger in den Körper seines Geliebten einführte und ihn vorsichtig Stück für Stück weiter öffnete. Trotz seiner steigenden Ungeduld, ließ er Fjodor viel Zeit, sich daran zu gewöhnen und sich weiter zu entspannen. Sanft küsste Osamu immer wieder die Brust seines Geliebten und leckte ihm das Salz von der bleichen Haut.
»Das ist genug…«, keuchte der Russe leise, bevor ihm sein Partner dieses Mal die Finger komplett entzog. Ein wenig fröstelte er, als sich Osamus warmer Körper plötzlich von seinem erhob und wieder neben ihm aufragte.
Schließlich hatte die Wärme seines Geliebten längst angefangen, das Eis in seiner Seele zu tauen…
Nun aber wirkte Osamu konzentriert, als er das Kondom von seinen Fingern abstreifte und stattdessen ein neues über seine Männlichkeit rollte und es anschließend sorgfältig mit Gleitmittel benetzte.
»Endlich… kann ich dir wieder so nah sein, wie man sich nur nah sein kann«, lächelte er.
Vorsichtig platzierte sich der Japaner wieder über seinem Geliebten, dieses Mal aber stützte er sich mit seinen Armen über Fjodors Schultern, um ihn wenigstens nicht mit seinem Gewicht zu belasten, wenn er ihm schon auf andere Weise ein wenig Schmerz zufügen würde…
»Alles in Ordnung, du wirst mir auch heute nicht wehtun«, versprach der Russe, als ob er die Gedanken seines Partners an der sorgenvollen Miene erkannt hätte. Er war es schließlich selbst, der Osamus Männlichkeit näher zu seinem Körper heranführte, damit sie ihn erobern konnte.
So sanft, wie Osamu sich in seinen Leib zog und sich gegen ihn schmiegte, war es überwältigend. Obwohl sich ihre Oberkörper nicht berührten, fühlte Fjodor, wie der wilde Herzschlag seines Partners seine Brust erschütterte.
Er schlang die Arme um Osamus Rücken und zog ihn stöhnend dichter an sich, nur das Innere seines Körpers wich vor der Männlichkeit seines Geliebten zurück.
Der Japaner gab seinem Partner lange Zeit, sich an den Druck in seinem Inneren zu gewöhnen. Schweißperlen standen ihm schon auf der Stirn, als er begann, sich ein wenig zurückzuziehen, um sich dann gleich wieder in seinen Geliebten zu drängen.
»Tut es dir weh?«
»Nein…«
»Gottseidank.«
»Nnhmm...«, seufzte der Russe gelegentlich zufrieden, ließ seine gespreizten Beine noch weiter auseinander fallen, um Osamu mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren. Gleichzeitig hielt er sich an seinen Schultern fest. Die kurzen Fingernägel schlugen Kerben in seine weiche Haut, doch der süße Schmerz konnte den Japaner nur zum Lächeln bringen.
Alles war ihm recht, solange er seinem Geliebten so nahe sein konnte…
Er versuchte, noch mehr Öl in Fjodors Feuer zu gießen, erhöhte stetig das Tempo und die Kraft seiner Bewegungen, änderte in regelmäßigen Abständen leicht die Position seiner Hüften… Auch, wenn er erst vor einigen Minuten damit angefangen hatte, sich mit seinem Geliebten körperlich zu vereinen, ging ihm vor Anstrengung und Aufregung der Atem keuchender und schwerer.
Auch Fjodors Lippen bebten, gelegentlich stöhnte er herzhaft, schloss immer wieder kurz die Augen und streckte sich dem Körper über ihm entgegen. Er hatte sich längst von dem Rhythmus des Japaners gefangen nehmen lassen und schien keine Hemmungen zu haben, ihm seinen Wohlgefallen deutlich zu zeigen.
Für Osamu, einen Menschen einer anderen Kultur und Erziehung, war es faszinierend und wunderschön zu beobachten, wie der Europäer unter ihm sich nicht zurückhielt und seiner Leidenschaft freien Lauf ließ – und warum sollte er sich auch zügeln, jetzt, in dieser Situation, in der Gegenwart seines Geliebten?
Ihr tiefstes Inneres, ihre stärksten Gefühle, die innigste Nähe - das war es doch, was sie einander von Anfang geben wollten und miteinander teilen wollten, oder etwa nicht?
Osamu wollte es seinem alten Freund gleichtun. Er öffnete seinen Mund, keuchte ungehemmt und spürte, als er freier atmen konnte, wie die Kraft in seinen Körper zurückkehrte. Seine Hüften pressten sich tiefer in den Schoß seines Partners und seinen Partner tiefer in die weiche Matratze. Seinen Körper konnte er jetzt nur noch auf den linken Arm gestützt über Fjodor halten, sodass die rechte Hand frei war, um zwischen den verschwitzten Körpern nach dem Glied des Russen zu fassen, es mit etwas Druck zu streicheln und mit dem Daumen über die Spitze zu reiben.
Fjodors ganzer Körper spannte sich plötzlich an, geriet aus dem Takt und während er ungehalten stöhnte, drang auch ein leidenschaftliches Keuchen über die Lippen seines Partners.
Osamu verlor jedes Gefühl für seinen Körper, in den viel stärkeren Empfindungen seiner hungernden Seele…
Es war überraschend erleichternd, seine wahren Gefühle aus sich hervorbrechen zu lassen… und am meisten überwältigte den Japaner wohl das strahlende Lächeln, mit dem sein Geliebter ihn bestätigte. Dieses Gefühl, ganz entblößt, offen und verletzlich zu sein und dennoch nicht verletzt, sondern sogar noch liebkost und begehrt zu werden, erleuchtete selbst die finstersten Abgründe in ihm für einen Augenblick.
»Osamu… Ich…«
Außer Stande, dem überwältigenden Verlangen noch etwas entgegen zu setzen, ließ Fjodor sich fallen und merkte gerade noch, wie er Osamu mit sich riss…
Sie fielen gemeinsam.
Die Stimme des Japaners brach, er legte den Kopf in den Nacken, während sein Körper von seinen Glücksgefühlen geradezu geschüttelt wurde. Erst, als sich die Hochstimmung allmählich in Zufriedenheit zu verflüchtigen begann, kehrte langsam wieder Ruhe in sein wild schlagendes Herz, in seinen keuchenden Atem, in seine aufgewühlte Seele, ein.
Fjodor streckte seine eiskalte Hand nach dem Gesicht seines Partners aus und legte sie an dessen glühende Wange. Er lächelte so ruhig, wie er es in der Situation noch zustande brachte.
Als Osamu wieder zu Sinnen kam, erwiderte er das Lächeln des Russen sacht.
Erschöpft legte er sich neben seinen Partner auf die Matratze und ließ sich von Fjodor sorgfältig zudecken.
»Du solltest dich besser warmhalten, lieber Freund, um diese Jahreszeit sind die Nächte hier in Russland sehr frostig. Nicht, dass du dich erkältest«, sagte er dabei, dann sank er zurück in die Kissen.
»Mir ist nicht kalt. Ich brauche nur dich, darum geht es mir gut, solang du bei mir bist…«, murmelte Osamu, legte einen Arm um seinen Geliebten und zog ihn näher zu sich heran, bis sich unter der Bettdecke ihre Beine ineinander verflochten.
Er wollte, er könnte Fjodor immer so festhalten, obwohl er wusste, dass es nicht ging.
»Ich werde über dich wachen, bis ich gehen muss, aber du solltest ein wenig schlafen, Osamu. Oder kannst du nicht?«
»Ich will auch nicht schlafen…«, antwortete er sanft, mit dem warmen Gefühl der Melancholie in seinem Herzen, »Ich will einfach nur hier liegen, dich ansehen und alles andere vergessen. Das darf ich doch, oder?«
Ihm graute vor der Stunde, in der vom anbrechenden Morgen der Himmel am Horizont langsam heller würde und der Moment des Abschieds von seiner großen Liebe käme. Aber obwohl das leise Ticken der Standuhr verriet, wie die Zeit unaufhaltsam verrann, war jetzt noch alles gut, schließlich lag Fjodor dicht an ihn geschmiegt, er konnte ihn fühlen. Fjodor streichelte sanft über seinen Rücken und sah ihn aus halbgeöffneten Augen liebevoll an.
»Mir geht es auch so, lieber alter Freund.«
»Dann weich nie wieder von meiner Seite!«, erwiderte Osamu sofort und küsste den Scheitel des Russen, »Du hast selbst gesagt, dass ich dich haben kann, aber… schon bald werde ich dich trotzdem wieder verlieren müssen.«
»So traurig das ist, so ist es doch mit fast allem im Leben. Man kann es haben, aber nicht lange behalten«, erwiderte der Russe.
»Wir könnten doch zusammen bleiben.«
»Das geht leider nicht… und es täte dir nicht gut. Niemand sollte den Tod zum Freund haben, am allerwenigsten du«, meinte Fjodor ausweichend.
»Woher willst du das denn wissen?« Verzweiflung schwang in Osamus Stimme mit.
»Ich weiß es eben. Ich weiß doch alles über dich«, entgegnete der Russe, während er seinem alten Freund ins Gesicht sah. Er bemühte sich um ein Lächeln, doch in seinen schimmernden Augen war die Traurigkeit zu erkennen.
»Oder wirst du, wenn du mich so ansiehst, lieber Freund, wirst du dann glauben, dass ich tatsächlich denjenigen, den ich so liebe, niemals gekannt habe? Sind wir denn nicht in Wirklichkeit so viele Jahre unseres Lebens hindurch Hand in Hand gegangen, wir beide allein?***«
Osamu schwieg darauf. Er wollte widersprechen, aber er konnte es nicht, denn in Wahrheit wusste er es besser.
So, wie Fjodor überzeugt war, alles über ihn zu wissen, genauso war er überzeugt, alles über den Russen zu wissen. Deshalb wusste er auch, dass Fjodor den Tod, der an ihm haftete, von seinem lebensmüden Geliebten fernhalten wollte. Und Osamu wusste, dass Fjodor versuchte, in der Seele seines Freundes Gefühle, Wünsche und Träume zu sähen, deren Kraft ihn am Leben halten sollte.
›Denk immer daran, solange du lebst, können sich all deine Wünsche erfüllen‹, hatte Fjodor ihm bei ihrer ersten Begegnung doch eingebläut und tatsächlich hatte Osamu immer daran gedacht. Doch gewünscht hatte er sich tatsächlich nie etwas.
Wann immer ich gefragt wurde, was ich mir wünschte, war mein erster Impuls zu antworten ›Nichts‹. Mir ging immer der Gedanke durch den Kopf, dass es keinen Unterschied machen würde, dass nichts mich glücklich machen würde.*
Aber jetzt… Wenn sie sich in seltenen Nächten trafen, sie einander begegneten, wie in einem süßen Traum…
»Fjodor, alles, was ich mir wünsche ist, dass du mich nicht alleine lässt und an meiner Seite bist, wenn ich diese Welt verlasse.«
Der Russe lächelte niedergeschlagen.
»Das weiß ich doch schon längst...«, sagte er ruhig, »Und ich werde dir deinen Wunsch erfüllen, aber nicht heute. Du wirst also noch ein Weilchen am Leben bleiben und auf mich warten müssen...«


* aus „No Longer Human“ von Osamu Dazai
** aus „Schuld und Sühne“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewski
*** aus „Weiße Nächte“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewski
 
 
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