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A Christmas Carol

von CUtopia
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dirk Matthies Regina Küppers Renate Küppers
23.12.2020
24.12.2020
2
9.401
 
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Dieses Kapitel
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23.12.2020 4.605
 
Hallo zusammen :)
Da ich bei meiner langen Geschichte “Neubeginn auf Sankt Pauli” mit der Handlung leider Weihnachten nicht ganz treffe und alle Ideen, die ich zu einem Weihnachten auf Sankt Pauli hätte, nicht wirklich in die aktuelle Storyline passen, habe ich mir gedacht dass ich lieber eine separate Geschichte für Weihnachten schreibe.

Das hier ist ein Twoshot, ihr bekommt also morgen auch noch ein Kapitel ;)

Ich hoffe es wird euch gefallen und ich wünsche euch schöne Feiertage!

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A Christmas Carol


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Kapitel 1


‘Twas The Night Before Christmas...


Regina Küppers zog fröstelnd ihren Schal etwas enger um sich als sie an einem eiskalten, trüben Dezembermorgen aus ihrem BMW stieg. Wie jeden Morgen kurz vor Weihnachten warf sie einen leicht missmutigen Blick auf die üppige Weihnachtsdekoration die Krabbe schon vor Anfang Dezember überall an der Wache verteilt hatte - sie würde sich nie daran gewöhnen wie sehr der Wachhabende immer mit seiner Weihnachtsstimmung übertreiben musste.

In allen Fenstern der Wache leuchteten Lichter - außer in jenem welches zu ihrem Büro gehörte - und dieses Jahr hatte das PK14 sogar vor der Tür einen übermäßig geschmückten Weihnachtsbaum stehen.

Sie seufzte innerlich während sie nach ihrer Aktentasche griff und sagte sich selbst dass es nur noch kurze Zeit so weitergehen würde, dann war Weihnachten schon wieder vorbei und alles würde wieder normal werden…

Und vielleicht würde ihre Stimmung dann auch mal wieder besser werden. Nicht nur das kalte, graue und regnerische Wetter machte ihr zu schaffen; wie immer um Weihnachten herum fühlte sie eine Melancholie die ihr Herz schwer machte und sie an all die Dinge erinnerte die sie verloren hatte… und dieses Jahr war es noch schlimmer als sonst.

Mit jedem Tag der verstrich, jedem Kalendertürchen das Krabbe an dem Adventskalender den er für die Kollegen gebastelt hatte öffnete, rückte ihr erstes Weihnachten ohne ihre Mutter näher, und nun war plötzlich schon der 23. Dezember.

Es war nicht so dass sie Weihnachten immer miteinander verbracht hatten - Regina hatte sich oft über Weihnachten dafür entschieden zu arbeiten damit sie abgelenkt war - doch trotzdem hatten sie mindestens einen der Feiertage in irgendeiner Weise miteinander verbracht.

Zu allem Überfluss hatte ihr Chef ihr dann auch noch ausdrücklich verboten sich für die Weihnachtsschicht einzutragen da sie noch unzählige Urlaubstage hatte die sie irgendwann auch mal nehmen musste.

Wenn sie ehrlich mit sich war, der Gedanke daran an Weihnachten alleine in ihrem Hotelzimmer zu sitzen machte ihr Angst.

Regina kämpfte gegen eine Welle von Emotionen an die drohten in ihr hoch zu kochen und sie atmete tief durch bevor sie ihr Auto abschloß und langsam auf die Wache zuging. Sie würde sich einfach ein paar Akten mit ins Hotel nehmen und ein wenig arbeiten - ihr Chef musste davon ja nichts erfahren. Ja, ein wenig Wein, Schokolade, gute Musik und Arbeit würden sie bestimmt davon ablenken dass sie die Weihnachtstage alleine verbringen würde…

In Gedanken versunken nickte sie zufrieden und schob ihren Autoschlüssel gerade in die Tasche ihres Mantels als plötzlich ihre Füße unter ihr nachgaben. Vor Schreck konnte sie nur laut nach Luft schnappen bevor sie hart auf dem Bürgersteig aufkam und statt auf den Eingang des Reviers hinauf in den grauen Morgenhimmel blickte.

Sie blinzelte verwirrt und ein paar Sternchen flimmerten vor ihren Augen als sie versuchte zu verstehen was gerade passiert war. Ihr Hinterkopf pochte leicht und sie war gerade im Begriff darüber zu philosophieren wie dies einfach nur wunderbar zu ihrer Stimmung passte als sich das Gesicht von Dirk Matthies in ihr Blickfeld schob, eine Sorgenfalte auf seiner Stirn.

“Frau Küppers… alles in Ordnung mit Ihnen?”

“Ich… ich glaube ja,” murmelte sie resigniert und atmete tief durch; hoffentlich hatten nicht zu viele Kollegen gesehen wie sie gerade ausgerutscht und gefallen war.

Für einen langen Moment blieb sie einfach liegen, dann hob sie leicht den Kopf und ergriff die helfende Hand die Dirk ihr entgegen streckte. Ihre Wangen glühten als sie wieder auf die Beine kam und sie war froh dass anscheinend keiner außer Dirk gesehen hatte wie sie gefallen war. Auf dem Asphalt vor dem Eingang zum PK 14 glitzerte ein wenig Eis und sie verfluchte sich dafür dass sie so in Gedanken gewesen war.

“Danke, Herr Matthies.”

“Haben Sie sich weh getan?” fragte Dirk ernst, den Kopf leicht schief gelegt, und Regina schluckte schwer als sich ein wohlbekanntes Kribbeln in ihrem Bauch ausbreitete während ihr klar wurde dass er ihre Hand noch immer hielt. Seine braunen Augen waren voller Sorge und sie war sich nicht sicher ob ihr Sturz oder sein Blick der Grund dafür war dass ihre Knie sich ein wenig weich anfühlten.

Ihr Rücken tat ein wenig weh und ihr Kopf pulsierte ein wenig, doch sie würde keine Schwäche zeigen - so ein kleiner Sturz konnte ihr doch nichts anhaben! “Nein, nein, alles in Ordnung. Ich habe mich nur erschrocken.”

Sie räusperte sich und hob ihr Kinn ein wenig bevor sie ihre Hand langsam aus seiner herauszog, auch wenn sich das irgendwie falsch anfühlte. Mit so viel Würde wie möglich stieg sie über die eisige Stelle hinweg und Dirk folgte ihr, die Hände in den Taschen seiner Lederjacke vergraben. “Na gut. Aber wenn sich was ändert…”

“Ich kann selbst auf mich aufpassen, Herr Matthies,” sagte sie mit leicht genervter Stimme, obwohl sie sich eigentlich geschmeichelt fühlte dass er sich so viele Gedanken um sie machte. Unter der rauen Schale von Dirk Matthies steckte ein weicher Kern und er konnte manchmal wirklich fürsorglich sein - sie erinnerte sich noch sehr gut daran wie er sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie gekümmert und sie in ihrer Trauer nicht alleine gelassen hatte.

“Klar.”

Sie seufzte innerlich als sie sein Grummeln hinter sich hörte und sagte leise: “Aber danke.”

“Kein Problem.”

Regina war gerade im Begriff die Treppe zum Wachraum hinauf zusteigen als sie seine Hand an ihrem Arm spürte. “Warten Sie, ihr Rücken ist ganz dreckig. Nich’ dass Krabbe gleich einen Aufstand macht.”

Bevor sie etwas sagen konnte fing Dirk an vorsichtig ihren Mantel abklopfen und ein wohliger Schauer lief ihren Rücken hinab. Ein überraschtes Geräusch entglitt ihr; ihr Herz hüpfte leicht und sie schloss für einen Moment die Augen um sich selbst daran zu erinnern dass diese Gefühle, die gerade in ihr aufkamen, hier keinen Platz hatten. “Und, was machen Sie an Weihnachten?”

“Nichts,” antwortete sie leise und zuckte mit den Schultern. “Es ist doch irgendwie ein Tag wie jeder andere.”

“Joa, im Grunde schon… aber… falls Sie an Heiligabend Gesellschaft wollen, meine Nummer haben Sie ja.”

Von seinem Angebot überrascht versteifte sie sich; ein Teil von ihr war viel zu erfreut bei dem Gedanken, Zeit alleine mit ihm zu verbringen und erneut musste sie sich selbst zur Ordnung rufen.
Auf keinen Fall würde sie auch nur darüber nachdenken sein Angebot anzunehmen - sie hatte kein Problem damit Weihnachten alleine zu verbringen!

Und überhaupt, wollte er wirklich an Weihnachten seine Chefin am Hals haben? Das sagte er doch alles nur weil er Mitleid mit ihr hatte und dachte dass sie vor ihrer Einsamkeit gerettet werden musste!

Sie drehte sich abrupt um, so dass seine Hand über ihren Arm glitt bevor er sie hastig zurück zog, und Regina gab ihm einen genervten Blick der sein Ziel anscheinend härter traf als eigentlich beabsichtigt, da er schon verletzt aussah bevor sie den Mund öffnete. “Herr Matthies, ich brauche Ihr Mitleid nicht. Ich werde einen schönen Abend haben, alleine. Und jetzt gehen Sie besser in Ihr Büro und schreiben den Bericht fertig den Sie schon vor einer Woche hätten vorlegen sollen!”

Auch ihre Worte waren viel einschneidender gewesen als sie geplant hatte und sie bereute schon nach wenigen Sekunden was sie gesagt hatte, doch sie war viel zu stur und stolz um sie wieder zurückzunehmen. Immerhin hatte sie auch irgendwie Recht - es ging ihn nicht wirklich etwas an wie sie ihr Weihnachten verbrachte, sie brauchte keine mitleidigen Angebote und dieser dumme Bericht hätte schon längst auf ihrem Schreibtisch liegen sollen. Sie arbeiteten beinahe ein Jahrzehnt zusammen und er schaffte es noch immer nicht seinen Papierkram ordentlich zu erledigen!

Bevor Dirk noch irgendetwas sagen konnte fuhr sie herum und lief schnellen Schrittes hinauf zum Wachraum. Als Krabbe ihr einen guten Morgen wünschte entgegnete sie nur bissig dass er sich darum kümmern solle dass der Gehweg vor dem Revier gestreut wurde bevor sich noch jemand verletzte und als sie ihr Büro betrat ließ sie als allererstes die Jalousie am Fenster zum Wachraum herunter. Einen Moment später schloss sie die Tür und zerrte sich den Mantel von den Schultern während sie von einer brennenden Schuld wegen ihrer völlig übertriebenen Reaktionen erfüllt wurde.

Genervt ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen und fischte eine Packung Schmerztabletten aus einer Schublade - ihr Kopf fühlte sich inzwischen an als würde er langsam auseinanderbrechen, doch sie wollte sich das nicht eingestehen. Mit einer Tablette würde sie schon über den Tag kommen…

Gerade als sie die Flasche Wasser, die noch vom Vortag auf ihrem Schreibtisch stand, aufschraubte, fiel ihr Blick auf den kleinen Stapel Papiere neben ihrer Tastatur und sie schluckte schwer als sie realisierte dass der Bericht von Dirk Matthies ganz oben auf dem Stapel lag. Darauf hatte er einen kleinen Schokoladennikolaus gelegt und einen Post It angeheftet.

‘Tut mir Leid dass es länger gedauert hat, aber vor Ihrem Urlaub wollte ich das erledigt haben. Frohe Weihnachten, Frau Küppers. DM’

Regina schluckte schwer und schloss für einen Moment die Augen; eine leise Stimme in ihrem Kopf sagte ihr dass sie eine Vollidiotin war und sie hatte nicht die Kraft ihr zu widersprechen.

oOo


Zu Reginas Leidwesen half die Kopfschmerztablette ihr nicht wirklich und der Tag verging auch noch ungewöhnlich langsam; jede Minute zog sich ewig hin und verschlimmerte ihre Schuldgefühle nur noch mehr. Hin und wieder hatte sie darüber nachgedacht sich bei Dirk zu entschuldigen, doch irgendwie schaffte sie es nicht den Mut dafür aufzubringen.

Und so vergrub sie sich einfach in ihrem Büro und erledigte noch ein wenig Papierkram den sie nicht liegen lassen konnte. Die Jalousie blieb zwar geschlossen, doch hin und wieder konnte sie im Wachraum eine wohlvertraute, tiefe Stimme hören und ihre Schuldgefühle zwickten ihr in der Magengrube.
Dirk hatte es wirklich nicht verdient dass sie ihn so anmeckerte… aber andererseits sagte sie sich weiterhin dass ihr Privatleben ihn nichts anging.

Am frühen Nachmittag hielt sie es nicht mehr aus - inzwischen hatte sie nicht nur Kopfschmerzen, nein, ihr Nacken schmerzte auch und sie konnte sich kaum noch auf ihre Arbeit konzentrieren da ihre Gedanken ständig zu Dirk Matthies und seinem traurigen Dackelblick abschweiften.

Es widerstrebte ihr zwar die Arbeit früh zu verlassen und in den Urlaub zu gehen, doch es brachte auch wirklich nichts mehr auf der Wache zu sitzen wenn sie eh nichts mehr erledigen konnte. Kurzentschlossen fuhr sie ihren PC herunter, packte einige Akten in ihre Tasche, genauso wie ihren Dienstlaptop und schlüpfte in ihren Mantel; sie hatte schon beinahe das Büro verlassen als ihr Blick auf den Schokoladennikolaus und den Post It fiel. Beides lag noch gemeinsam neben ihrer Tastatur und sie ging schnell zu ihrem Schreibtisch zurück um den Nikolaus in ihre Manteltasche zu stecken.

Mit einem Mal fühlte sie sich ein klein wenig besser und sie schaffte es sogar leicht zu lächeln als sie durch den Wachraum schritt und ihren Kollegen schöne Feiertage wünschte und sich offiziell abmeldete. Dirk war allerdings nirgendwo zu sehen und so war sie irgendwie enttäuscht als sie in ihren BMW stieg um zu ihrem Hotel zu fahren, auch wenn sie versuchte sich einzureden dass es ihr egal war ob sie sich vor den Festtagen nochmal sahen oder nicht.

Auf dem Weg zu ihrem Hotel machte sie noch kurz an einem Supermarkt Halt um sich mit Schokolade und ihrem Lieblingswein einzudecken und war heilfroh als sie wieder in ihrem Auto saß - der Laden war brechend voll gewesen und sie hatte beinahe Platzangst bekommen inmitten der Masse an Menschen die noch schnell ihre Weihnachtseinkäufe erledigten.

Mit ihrer Aktentasche und ihren Besorgungen im Arm schritt sie durch die Hotellobby, vorbei an den üppig geschmückten Weihnachtsbäumen, und sagte sich dass sie es schon schaffen würde diese Tage rum zubekommen. Sie war schließlich eine selbstständige Frau und sie konnte gut mit sich alleine sein; es war doch wie jeder andere Urlaub auch!

In ihrem Zimmer angekommen ließ sie den Wein, ihre Tasche und die Schokolade auf ihr frisch gemachtes Bett fallen und kickte mit einem optimistischen Gefühl ihre Schuhe von den Füßen bevor sie beinahe liebevoll den kleinen Schokonikolaus aus ihrer Manteltasche fischte und auf ihrem Nachttisch platzierte.

Ja, sie würde sich in den nächsten Tagen einfach ein bisschen entspannen, die Akten durcharbeiten, vielleicht endlich das Buch lesen das schon seit einer halben Ewigkeit in der Schublade ihres Nachttisches lag und sich mit dem guten Essen vom Zimmerservice verwöhnen. Es würde bestimmt nicht so schlimm werden wie sie es sich in den letzten Wochen ausgemalt hatte - manchmal hatte sie wirklich einen Hang zum Pessimismus.

Als sie sich ihres Mantels entledigt hatte rollte sie ihre Schultern und stöhnte auf als etwas in ihrem Nacken unschön knackte. Ein leiser Fluch entwischte ihr und sie beschloss erstmal eine heiße Dusche zu nehmen in der Hoffnung dass ihr das helfen würde.

Eine Stunde später hatte sie es sich frisch geduscht mit einem Glas Wein und in ihrem Pyjama auf ihrem Bett gemütlich gemacht; normalerweise war es nicht ihre Art schon am Nachmittag Alkohol zu trinken und in ihrem Bett zu sein, doch irgendwie fand sie dass sie auch mal eine Ausnahme machen konnte… und irgendwie war sie auch schon ein wenig müde…

Regina nahm einen Schluck von ihrem Wein und stellte das Glas dann auf ihrem Nachttisch ab, wobei ihr Blick auf den Nikolaus fiel. Sollte sie Dirk vielleicht anrufen und sich entschuldigen? Er müsste bald Dienstschluss haben…

Doch dann schüttelte sie den Kopf und klappte ihren Laptop auf - sein Urlaub begann auch heute und das letzte was er da wollte war ein Anruf von seiner Chefin.

Sie würde einfach mit ihm sprechen wenn sie beide wieder auf der Arbeit waren, obwohl sie beide den Streit bis dahin sicherlich vergessen haben würden.

Ihre eigenen Zweifel daran dass ihr Vorgehen richtig war ignorierend fing Regina an ein wenig im Internet zu surfen, doch schon nach einigen Minuten merkte sie dass ihr die Augen immer wieder zufielen und ihr noch immer leicht pochender Kopf immer schwerer wurde. Regina konnte sich nicht erklären warum sie plötzlich so müde war und kämpfte mit aller Kraft dagegen an, aber es hatte keinen Zweck; kurze Zeit später spürte sie wie sie langsam abdriftete...

oOo


Regina wusste nicht wie lange sie geschlafen hatte als sie aus dem Schlaf aufschreckte, doch es war schon komplett dunkel in ihrem Zimmer, bis auf das Licht von der Straße das durch die offenen Vorhänge fiel. Der Laptop war anscheinend irgendwann von ihm Schoß gerutscht und sie saß in einer etwas ungemütlichen Position gegen das Kopfteil ihres Bettes gelehnt. Ihr Nacken fühlte sich steif an und ihre Kopfschmerzen waren wieder stärker geworden; mit einem leisen Stöhnen setzte Regina sich auf und legte ihren Laptop auf den Nachttisch bevor sie sich ein wenig streckte und ihren Blick durch das dunkle Zimmer wandern ließ.

Im spärlichen Licht von draußen konnte sie die Umrisse der anderen Möbelstücke erkennen und sie wollte sich gerade unter ihre Decke kuscheln um einfach weiterzuschlafen - vielleicht würde dass ihre Kopfschmerzen endlich verschwinden lassen - als ihr ein Schatten auffiel der eindeutig nicht normal war.

Der Sessel in der Ecke sah irgendwie anders aus als sonst… Sie schaute mehrmals hinüber, doch die seltsame Form des Schattens blieb unverändert.

Mit gerunzelter Stirn tastete Regina nach dem Schalter für ihre Nachttischlampe, drückte ihn herunter und in dem Moment als die Lampe das Zimmer in sanftes Licht tauchte hätte Regina beinahe laut aufgeschrien.

Dort in der Ecke, in dem Sessel, saß Renate Küppers.

Regina stand der Mund offen als sie ihre Mutter anstarrte und sie fragte sich ob sie sich bei ihrem Sturz am Morgen möglicherweise den Kopf doch stärker gestoßen hatte als sie gedacht hatte - ganz offensichtlich hatte sie Halluzinationen! Mit klopfendem Herz zwickte sie sich selbst in den Arm, doch Muddel blieb an ihrem Platz, worauf Regina leise fluchte.

“Begrüßt man so seine Mutter, Rübchen?” fragte Renate mit einem missbilligenden Kopfschütteln und Regina schnappte leise nach Luft - was ging hier nur vor?!
Träumte sie vielleicht noch? Ja, bestimmt, sie schlief noch und hatte einfach einen sehr realistischen Traum…

“Rübchen, jetzt starr mich nicht so an. Ich bin heute Nacht zu dir gekommen um mit dir zu reden.”

“R-reden?” stammelte Regina leise und rieb sich die Augen - noch immer verschwand ihre Mutter nicht. “Du… wie… das ist nicht real… du bist tot…”

“Ja, ich bin tot, aber das heißt noch lange nicht dass ich dir nicht einfach mal einen Besuch abstatten kann. Vor allem da jetzt Weihnachten ist und es wirklich dringend nötig ist dass ich dich davon abhalte einen großen Fehler zu machen!”

Regina war sich nicht sicher was hier vorging, doch da sie schon beim Verkauf ihres Elternhauses im Herbst ihre Mutter gesehen und sich auch mit ihr unterhalten hatte, war sie nicht ganz so zögerlich die Situation zu akzeptieren wie vor einigen Monaten. Aber natürlich war es immer noch extrem irritierend - ihre Mutter konnte nur ein Produkt ihrer Fantasie sein, ein Weg ihres Gehirns um mit emotionalem Stress fertig zu werden, also führte sie im Grunde einfach nur Selbstgespräche.

“Was für einen Fehler? Wovon redest du bitte, Muddel?”

“Erstens, ich finde es wirklich beschämend dass du denkst dass ich eine Halluzination bin. Zweitens, ich bin hier um dafür zu sorgen dass du nicht in diesem schrecklichen Hotelzimmer vereinsamst und dir all deine Chancen darauf verbaust endlich glücklich zu werden!”

“Bitte was?” fragte Regina verwirrt und setzte sich auf, die Stirn in Falten gelegt. Wovon redete ihre Mutter da? "Ich bin zufrieden so wie mein Leben ist, und ich bin eindeutig nicht einsam!"

Renate winkte ab und machte ein abwertendes Geräusch. "Ach, ich bitte dich. Du hast diese Lüge inzwischen so oft wiederholt dass du sie dir selbst schon abnimmst! Schau dich doch mal um! Du sitzt hier alleine in einem unpersönlichen Hotelzimmer mit ein paar Flaschen Wein und hast vor Weihnachten ganz alleine zu verbringen! Ich sage dir was das ist, Rübchen. Traurig! Vor allem wenn dort draußen jemand ist der dir sehr gerne Gesellschaft leisten würde!"

Regina verschränkte schnaubend die Arme vor der Brust - sie hatte diesen Vortrag schon öfter in den verschiedensten Ausführungen gehört, vor allem den Teil darüber dass sie doch endlich nach dem mysteriösen Fremden suchen sollte der angeblich die Lösung all ihrer Probleme war. Sie hatte wirklich genug von diesem Humbug!

"Muddel, jetzt fang doch nicht schon wieder mit diesem Hirngespinst der Seelenverwandtschaft an, das führt doch zu nichts! Und da ist niemand der…"

"Rübchen, seit wann bist du so vergesslich? Heute Morgen hat Dirk dir angeboten dass du Weihnachten mit ihm verbringen kannst!" schimpfte Renate und warf ihre Hände dramatisch nach oben um ihrer Frustration sichtbar Luft zu machen. Ihre scharfen Worte ließen Regina leicht zusammenzucken, doch während ihre Wangen bei dem Gedanken an das Angebot anfingen zu glühen, gab sie ihr bestes weiterhin ein Pokerface zu tragen.

"Geht das schon wieder los? Das war doch nur aus Höflichkeit! Wer will schon Weihnachten mit seiner Vorgesetzten verbringen. Seit Jahren lässt du mich nicht damit in Ruhe wie toll du Herr Matthies findest, obwohl du irgendwann mal bemerkt haben müsstest dass wir trotz deines Geredes nicht zusammenkommen!”

“Und wessen Schuld ist das, hm? Deine!”

Regina schnappte empört nach Luft und setzte sich auf; Wut kochte in ihr hoch und am liebsten hätte sie etwas nach ihrer Mutter geworfen, doch zum Glück konnte sie sich noch rechtzeitig stoppen - der einzige Gegenstand in Griffweite war ihr Weinglas und die Rechnung vom Hotel war es ihr nicht wert. “Du ignorierst mal wieder den Punkt um den es hier geht! Wir kommen nicht zusammen weil wir es beide nicht wollen!”

“Falsch. Ihr kommt nicht zusammen weil du zu stur bist um ihn wirklich an dich heranzulassen und dir einzugestehen dass du Gefühle für ihn hast!”

Etwas zog sich in Regina zusammen - sie würde es natürlich niemals vor ihrer Mutter zugeben, doch ihre Worte hatten einen wunden Punkt getroffen - weil sie die Wahrheit waren. Schon seit Jahren war ihr klar dass sie in Dirk Matthies verliebt war, aber sie hatte diese Gefühle immer von sich geschoben weil sie sich sicher war dass es für sie, auch wenn er ihre Gefühle erwidern sollte, keine Zukunft haben konnten. Oder genauer gesagt hatte sie Angst davor was passieren könnte wenn sie das Risiko eingehen und dann alles schief laufen würde.

Nein, lieber hatte sie ihn als Kollegen und in gewisser Weise auch als Freund in ihrem Leben statt ihn gegebenenfalls ganz zu verlieren.

Sie holte tief Luft und gab ihr bestes um selbstbewusst zu klingen als sie antwortete, doch trotzdem schwankte ihre Stimme leicht. “Wie gesagt… wir wollen beide nicht, und überhaupt… das ist doch ganz allein meine Sache!”

“Hast du ihn denn überhaupt schonmal gefragt ob er dich will?” fragte Renate mit einem genervten Augenrollen und Regina runzelte die Stirn. Konnte ihre Mutter nicht endlich dieses leidige Thema ruhen lassen?! Selbst nach ihrem Tod ging sie ihr damit auf die Nerven!

“Nein, Muddel, und das werde ich auch nicht tun!”

“Oh doch, das wirst du!”

“Wie bitte?”

Regina starrte die Erscheinung ihrer Mutter mit großen Augen an und wunderte sich ob man im Tode auch noch den Verstand verlieren konnte, während Renate laut aufseufzte. “Rübchen. Ich liebe dich und deshalb will ich dass du glücklich wirst! Und nein, du brauchst nicht nochmal zu sagen dass du das doch bist, ich glaube dir noch immer nicht. Dirk fühlt genauso wie du, aber er ist kurz davor aufzugeben. Wenn du nicht bald etwas tust wird deine letzte Chance mit Dirk glücklich zu werden einfach verstreichen! Und dann ist es zu spät!”

Eigentlich wollte Regina eine bissig-trotzige Antwort geben, doch irgendwie blieben ihr die Worte im Hals stecken und sie war über sich selbst geschockt als Angst ihre eisige Faust um ihren Magen schloss. Ihr Mund öffnete und schloss sich, doch kein einziger Ton entkam ihr während sie ihre Mutter anstarrte.

Sie wusste gar nicht so recht wieso die Worte ihrer Mutter sie so aus der Bahn warfen - seit Jahren redete die alte Dame gefühlt von nichts anderem, sie war es also eigentlich gewohnt zu hören was Renate Küppers über Dirk und Regina dachte. Und dennoch… diesmal trafen die Worte sie hart genug um die Schutzbarriere, die sie sich über die Jahre aufgebaut hatte, einfach zu durchschlagen.

Vielleicht war es das Ultimatum dass sie implizierte das sie so in Panik versetzte, der Gedanke dass Dirk sich von ihr abwenden könnte weil sie ihm einfach zu oft aus Angst vor Nähe die kalte Schulter zeigte…

Renates Gesichtsausdruck wurde sanfter; sie stand von dem Sessel auf und kam zum Bett herüber, wo sie sich auf die Kante setzte. Die Matratze bewegte sich nicht, aber Regina war als könnte sie das Parfum von Chanel riechen dass ihre Mutter immer benutzt hatte. “Ach mein kleines Rübchen. Ich weiß, du bist stark und stolz und so bist du auch genau richtig, nur… ich will dass du glücklich wirst. Bitte, versprich mir dass du aufhörst so hart zu dir selbst zu sein und endlich begreifst dass es nicht gut ist die Augen davor zu verschließen dass alles was du brauchst direkt vor deiner Nase ist!”

“Aber… aber wie?” wisperte Regina, ein wenig irritiert als sie merkte dass sie ihren Kopf kaum noch gerade halten konnte und ihre Augenlider auch immer schwerer wurden.

Was wer denn plötzlich los? Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, immer wieder entglitten sie ihr…

Zwischen den Blinzlern konnte sie sehen wie ihre Mutter lächelte und die Hand hob als wollte sie ihr über die Haare streichen, wie damals als Regina noch ein Kind gewesen war das nach noch einer weiteren Gute-Nacht-Geschichte bettelte.

“Ruf ihn morgen früh einfach an. Manchmal machen wir es uns im Leben viel zu kompliziert, Rübchen.”

Regina versuchte sich mit all ihrer Kraft auf ihre Mutter zu konzentrieren, doch ihr Körper schien ein Eigenleben entwickelt zu haben. Langsam sank sie zurück in die Kissen und wollte noch was sagen, doch ihr Kopf war plötzlich seltsam leer und sie spürte wie sie abdriftete…

Dunkelheit umschloss sie und gerade als sie vollkommen in sie eintauchte hörte sie noch ihre Mutter leise sagen: “Vergiss nicht was ich dir gesagt habe, Rübchen.”

oOo


Es war schon hell als Regina langsam wach wurde und sogar ein paar Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster in ihr Hotelzimmer. Ihr Nacken war ein wenig steif da sie ein seltsam verdreht gelegen hatte, doch immerhin waren ihre Kopfschmerzen endlich verschwunden.

Allerdings drehte sich in ihrem Kopf trotzdem alles - lebhaft konnte sie sich daran erinnern wie ihre Mutter auf ihrer Bettkante gesessen und ihr gesagt hatte dass sie ihr Weihnachten nicht alleine verbringen sollte.

War dies nur ein wirrer Traum gewesen, verursacht durch ihren Sturz und den leichten Schlag auf den Kopf den sie dabei offensichtlich bekommen hatte? Es war die logische Erklärung, doch irgendwie hatte es sich auch so real angefühlt und sie konnte sich an jeden Moment des Gesprächs erinnern…

Regina schluckte schwer als sie daran dachte was ihre Mutter ihr geraten hatte zu tun und sie warf einen Blick hinüber zu ihrem Handy. Wenn dieses nächtliche Gespräch nur ein Produkt ihrer eigenen Fantasie gewesen war dann war es durchaus möglich dass sie sich absolut lächerlich machte wenn sie Dirk nun anrief - dann war es für ihre Würde besser wenn sie ihr Handy einfach auf dem Nachttisch liegen ließ und nichts tat.

Doch was wenn Muddel Recht hatte und dieser Anruf die letzte Chance war um in ihrer Beziehung den Schritt zu machen, vor dem sie im Grunde seit einigen Jahren schon standen und den Regina bisher aus Angst nicht zugelassen hatte?

Sie hatte sich immer viele Gedanken darum gemacht was für einen Einfluss eine romantische Entwicklung der Dinge zwischen Dirk und ihr auf ihre Karrieren, ihre Zusammenarbeit und auf das ganze Kommissariat haben könnte. Ihre Vorgesetzten erwarteten schon seit Dirks Zeiten als Revierleiter dass Regina ihn unter Kontrolle hielt; wenn sie eine Beziehung hätten könnte man vielleicht entscheiden dass sie nicht mehr die richtige Person für den Job der Kommissariatsleitung auf dem PK14 war.
Außerdem waren bisher alle Beziehungen, die sie gehabt hatte, irgendwie in die Brüche gegangen und Dirk war ihr wichtig, sie wollte nicht das aufs Spiel setzen was sie hatten.

Das war der Grund weshalb sie ihn, trotz aller auf Gegenseitigkeit beruhenden Flirtereien und den Dingen die sie füreinander schon getan hatten, immer auf Abstand gehalten und nie zugelassen hatte dass die unsichtbare Grenze zwischen ihnen überschritten wurde.
Und wenn sie ganz ehrlich mit sich war dann hatte es sich gut angefühlt zu wissen dass er in gewisser Weise auf sie wartete, ihr Zeit gab… wenn Muddels Worte wahr waren dann hatte sie es sich mit diesem Wissen vielleicht zu gemütlich gemacht.

Etwas zog sich in Regina zusammen als sie sich vorstellte wie Dirk entschied dass er es Leid war darauf zu warten dass sie sich endlich traute ihre Gefühle offen zuzugeben.

‘Du weißt was du jetzt zu tun hast,’ flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf und Regina streckte ihren Arm aus; ohne sich die Gelegenheit zu geben noch einmal darüber nachzudenken ergriff sie ihr Handy und drückte die Kurzwahltaste.

Ihr Herz raste in ihrer Brust und ihre Hände zitterten während sie darauf wartete dass er das Gespräch annahm und ihr fiel beinahe das Handy aus der Hand als sie seine raue, tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung hörte. “Herr Matthies… ich hoffe ich störe Sie nicht, ich… ich wollte Sie nur etwas fragen…”
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