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Vegas, Baby

GeschichteRomance, Erotik / P18 / Het
22.12.2020
02.03.2021
11
35.452
47
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
23.02.2021 3.065
 
KAPITEL ZEHN

Ich hätte nicht gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben nochmal herkommen würde. Mein Abschluss am Montana State College ist nun mittlerweile sieben Jahre her und trotzdem fühlt sich das alles noch so vertraut an, als wäre ich höchstens ein paar Wochen weggewesen. Der Campus ist am frühen Nachmittag das blühende Leben, was vor allem am Wetter liegen dürfte. Strahlender Sonnenschein erwärmt die Rasenflächen vor den einzelnen Fakultäten und lädt zur Entspannung zwischen den Kursen, Hobbys und Hausarbeiten ein.
Nachdem ich ein paar Unterlagen im Verwaltungsgebäude abgeliefert habe, tragen mich meine Füße automatisch durch die Straßen des Uni-Geländes zu dem Viertel, das ich als Studentin unzählige Male besucht habe. Als ich bei meinem Ziel ankomme, zieht sich mein Magen schmerzhaft zusammen. Ich starre die dunkle Tür an, hinter der wahrscheinlich noch kaum etwas los sein wird um diese Uhrzeit, denn der Club macht erst zum Abend hin auf. Trotzdem wage ich es, einige Schritte vorzutreten und die Tür zu öffnen. Ganz kurz flammt die Hoffnung auf, sie wäre abgeschlossen. Dann könnte ich mein dämliches Gewissen damit besänftigen, dass ich es zumindest versucht habe. Doch die Tür geht auf und das Ziehen in meinem Bauch wird stärker.
Mit angehaltenem Atem betrete ich den Club Ellyllon. Und es sieht alles noch so aus wie früher. Die große, dunkle Bar, die unzähligen Tischgrüppchen, das schummrige Licht. Ich trete an die Theke und streiche über das lackierte Holz.
„Entschuldige, wir machen erst in zwei Stunden auf.“
Ich drehe mich ruckartig um und spüre, wie mein Herz eine Spur schneller schlägt. Vor mir steht eine Frau mittleren Alters mit pechschwarzen Haaren und einem leichten grauen Ansatz. Sie hält ein Handtuch in der einen Hand fest und in der anderen ein großes, leeres Bierglas. Ich kenne sie nicht, doch ich weiß sofort, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe. Es war der Abend vor unseren Ausflug nach Las Vegas. Sie stand hinter dem Tresen, nachdem ich aus dem kleinen Lagerraum gekommen bin, in dem Jason und ich ein kleines Stelldichein hatten.
Jason ...
„Ich suche jemanden“, sage ich leise und ihr Blick wird fragend.
Doch noch bevor sie etwas sagen kann, ertönt von hinten eine weitere Stimme, die mir prompt durch Mark und Bein geht.
„Mom, wo hast du das Paket mit den Ersatzventilen hingestellt, die heute gekommen sind? Ich wollte sie eben -“ Die Stimme bricht ab, als die dazugehörende Person durch die schmale Tür hinter der Bar tritt und ihren Blick auf mich legt.
Sieben verdammt lange Jahre sind vergangen, doch Jason sieht immer noch so jugendlich und draufgängerisch aus wie eh und je. Als wäre die Zeit hier stehengeblieben. Seine dunklen Augen weiten sich, als er mich offensichtlich erkennt. Er bleibt stehen und seine Hand fährt sich wie in Trance durch die verwuschelten Haare.
„Meghan“, sagt er schließlich und mein kleines, dämliches Herz freut sich, dass er meinen Namen nicht vergessen hat.
Ich drehe mich zu ihm. „Hallo Jason.“ Meine Stimme klingt fester, als ich mich fühle. Gleichzeitig herrscht in meinem Kopf absolute Leere. Ich habe mir für diesen Fall verschiedene Sätze zurechtgelegt, um nicht genau diese zum Bersten gespannte Stille zwischen uns entstehen zu lassen – und ausgerechnet in dem Moment, in dem ich ihn sehe, habe ich jedes dieser Worte vergessen. Und so spreche ich das Offensichtliche aus: „Lange nicht gesehen.“
„Viel zu lange“, antwortet Jason nach kurzem Zögern.
Ein kleiner Seitenblick verrät mir, dass seine Mutter mit hochgezogenen Augenbrauen zwischen uns hin und her schaut.
„Die Kisten sind noch in meinem Büro“, antwortet sie ihrem Sohn, der sie allerdings nicht weiter beachtet. Sein Blick liegt nach wie vor auf mir – und ich bilde mir ein, dass er dabei noch etwas intensiver wird.
„Ich wollte gleich noch Limetten im Supermarkt besorgen, die sind uns ausgegangen. Brauchst du irgendwas, was ich dir mitbringen könnte, Jason?“, fragt sie. In ihrer Stimme schwingt eine gewisse Ungeduld mit.
Schließlich reißt er sich von mir los und blinzelt sie an. „Was? Nein. Nein, danke, ich brauche nichts“, erwidert er langsam.
„In Ordnung.“ Sie wirft sich das Handtuch über die Schulter und geht zu ihm hinter den Tresen, wo sie das Glas abstellt. „Ich bin in einer Stunde wieder da. Schreib mir, falls dir doch noch etwas einfällt.“ Dann dreht sie sich kurz in meine Richtung und ihr Mund öffnet sich, so als würde sie etwas sagen wollen. Stattdessen wendet sie sich wortlos ab und verschwindet mit einem leichten Kopfschütteln hinter der Tür, aus der Jason eben gekommen ist.
Dann sind wir allein.
Jason räuspert sich. „Was führt dich hierher?“, fragt er und tritt an die Theke. Mein Blick gleitet zu seinem schwarzen Hemd, welches wie angegossen zu sitzen scheint und einen offensichtlich immer noch muskulösen Oberkörper verdeckt. Ob er wohl noch Football spielt?
„Ich war in der Nähe“, antworte ich lahm auf seine Frage, „und dachte, ich schau mal bei den alten Locations vorbei.“
„Ach so?“ Ich bilde mir ein, eine gewisse Enttäuschung aus dieser simplen kleinen Reaktion herauszuhören.
„Und ich habe gehofft, dich hier anzutreffen“, gestehe ich leise und seine Augen weiten sich erneut.
„Mich?“
„Ich denke, es ist eine Entschuldigung fällig.“ Mein Herz klopft wie wild bei den Worten, die mir über die Lippen kommen. „Wahrscheinlich bin ich reichlich zu spät dafür, doch dieses schlechte Gewissen begleitet mich schon seit Jahren.“
„Ich wüsste nicht, wofür du dich entschuldigen müsstest“, sagt er. „Aber wir können gerne reden, wenn dich etwas belastet. Setz dich doch.“ Er deutet auf einen der Barhocker direkt vor mir. „Kann ich dir einen Drink anbieten?“
Ich nicke und setze mich. „Gib mir bitte etwas Starkes.“
Jasons Mundwinkel zuckt, als er nickt und sich umdreht, um eine dunkle Flasche aus dem Regal zu fischen.
„Redbreast, einundzwanzig Jahre“, erklärt er und füllt den Alkohol in einen Tumbler, auf dem Ellyllon steht, „ein Single Pot Still Whiskey.“ Dann holt er ein zweites Glas hervor und füllt sich ebenfalls etwas ein, bevor er die Flasche zurückbringt und wieder an die Theke tritt.
„Cheers“, sage ich, stoß mit Jason an und nippe an dem Whiskey.
„Also“, sagt er und stützt sich mit einem Unterarm auf dem dunklen Holz der Bar ab, „was brennt dir auf der Seele?“ Der Stoff seines Hemdes spannt deutlich über dem Bizeps, den er bei seinem Auflehnen damit präsentiert.
„Ich wüsste gerne, wie es dir die letzten Jahre ergangen ist“, sage ich. Mir ist klar, dass ich damit seiner eigentlichen Frage ausweiche, doch er geht kommentarlos darauf ein.
„Puh, wo fange ich da an? Also nach meinem Abschluss hab ich kurz versucht, als Football-Spieler Fuß zu fassen, doch es sollte wohl nicht sein.“ Er zuckt mit den Schultern. „Stattdessen bin ich Co-Trainer hier am MSC geworden und könnte kaum glücklicher sein. Wenn es gut läuft, übernehme ich die RAWRcats ab dem nächsten Jahr sogar hauptverantwortlich.“
„Das klingt doch großartig“, erwidere ich lächelnd und auch auf seinen Lippen erscheint ein Grinsen. Mir fällt auf, dass ich es vermisst habe. Wie absurd.
„Und an den Wochenenden hilfst du weiterhin deiner Mom hier im Club aus?“, frage ich und nippe erneut an meinem Whiskey.
Jason nickt. „Wie ist es bei dir? So wie du aussiehst, hast du groß Karriere im Anwaltsbereich gemacht?“
Ich schaue an mir herab. Mein dunkelblaues Kostüm mit dem engen Bleistiftrock und der blütenweißen Bluse spricht wohl eine eigene Sprache. „Ja“, sage ich langsam. „Ich habe das Angebot meines Vaters angenommen, nachdem ich ein halbes Jahr vergeblich auf Jobsuche war. Es hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass ich nicht grundlos so erfolglos war. Mein Vater hatte da seine Finger im Spiel.“ Ein bitterer Geschmack legt sich auf meine Zunge.
„Du meinst, er hat deine Bewerbungen manipuliert, damit du auf jeden Fall zu ihm kommst?“, fragt Jason und seine Stirn legt sich in Falten.
„Exakt das meine ich“, antworte ich und nehme noch einen Schluck vom Getränk. Der Alkohol brennt angenehm in meinem Rachen. „Er fand keine der Kanzleien gut genug für mich. So zumindest argumentierte er, als ich es letztes Jahr per Zufall herausgefunden habe.“
Jason stellt sein Glas auf dem Tresen ab. „Krass.“
Ich nicke. „Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm.“
„Und nun?“
„Nun habe ich einen neuen Job“, sage ich lächelnd und schaue ihm fest in die Augen. „Bei seinem härtesten Konkurrenten.“
Jason lacht auf. „Er war sicherlich sehr erfreut darüber.“
„Und wie.“ Ich grinse. „Er hat gedroht, mich zu enterben. Mal schauen, ob er es auch wirklich durchzieht zum Schluss.“
Jason schüttelt verschmitzt lächelnd den Kopf und nippt am Whiskey. Dann stellt er das Glas wieder vor sich ab und fährt mit den Fingern den Rand entlang. „Verrückt, wie grundverschieden unsere Erzeuger sind. Während deiner versucht, dein Leben zu kontrollieren, hat meiner nicht einmal daran gedacht, sein eigenes Kind kennenzulernen. Geschweige denn irgendwie zu unterstützen.“ Seine Kiefermuskulatur verspannt sich. Ich ahne so langsam, warum er wahrscheinlich keine Kinder haben möchte.
„Wir haben den Jackpot gezogen, was?“, frage ich und hebe das Glas zum Prost an. „Auf die Kontrollfreaks.“
Er stößt mit mir an. „Und die Arschlöcher.“ Als er seinen Schluck nimmt, lässt er mich keine Sekunde aus den Augen. Dann stellt er das Glas wieder auf der Theke ab. „Und sonst so? Ich hab gehört, dass du geheiratet hast?“
Ich presse die Lippen aufeinander und nicke. „Und seit zwei Monaten bin ich offiziell geschieden.“
„Oh.“
„Ja“, sage ich gedehnt und starre auf die goldbraune Flüssigkeit im Glas. „Mir hätte von Anfang an klar sein sollen, dass es nicht gepasst hat. Zwei Workaholics, die keine Zeit füreinander haben. Dafür war die Scheidung ein schönes Beispiel für einen Rosenkrieg. Ich bin nur froh, dass keine Kinder im Spiel waren.“ Ich schaue auf. „Was ist mir dir? Hast du dir deinen Traum erfüllt - Haus, Frauen, keine Kinder?“
Jason verlagert sein Gewicht und zuckt mit den Schultern. „Also statt eines Hauses habe ich eine Eigentumswohnung ein paar Straßen weiter. Und von Kindern weiß ich bisher zumindest nichts.“
„Aber das mit den Frauen klappt wunderbar, nehme ich mal an?“ Ich ignoriere den spitzen Stich in meinen Eingeweiden.
„Mal so, mal so“, antwortet Jason und wiegt seinen Kopf hin und her. „Die Frauen hier werden jedes Jahr gefühlt jünger. Da muss ich aufpassen, nicht irgendwann noch straffällig zu werden.“ Er lacht leise und dann kehrt Ruhe zwischen uns ein.
Ich lasse meinen Blick über die verschiedenen Alkoholflaschen im Regal hinter Jason schweifen und raffe schließlich all meinen Mut zusammen. Vielleicht sind es auch schon die ersten kleinen Ausläufer vom Whiskey, der auf meinen doch recht nüchternen Magen getroffen ist.
„Es tut mir leid, dass ich dir nach der Hochzeit von Gwen und Dax die kalte Schulter gezeigt habe“, sage ich leise.
Jason beugt sich wieder nach vorne und platziert nun auch seinen zweiten Unterarm auf der Theke. „Habe ich damals etwas falsch gemacht?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, mir sind nur ein paar Gefühle klargeworden, die ich mir aber nicht eingestehen wollte.“ Ich schaue ihm direkt in die Augen. „Ich hatte mich in dich verliebt, obwohl ich wusste, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben können.“
Jason senkt den Kopf und fixiert sein Glas. „Schade, dass ich es nicht vorher wusste.“
„Was meinst du?“
Seine braunen Augen treffen auf meine. „Dann hätte ich dir gesagt, dass ich genau die gleichen Gefühle entwickelt habe.“
Mein Herz setzt eine Sekunde aus und zieht sich dabei schmerzhaft zusammen. Ich presse die Lippen aufeinander.
„Du warst bis heute die einzige, mit der ich mir tatsächlich eine feste Beziehung hätte vorstellen können“, fügt er hinzu und mit jedem Wort wird mein Herz schwerer und schwerer.
„Ich habe es also verbockt“, flüstere ich und er zuckt mit den Schultern.
„Ich würde eher sagen, wir haben es beide verbockt. Kommunikation ist alles, was?“ Er lächelt traurig und irgendwas in mir zerbricht dabei. „Außerdem hatten wir klare Spielregeln: Unsere Affäre ist aus, sobald Gefühle im Spiel sind. Ich denke nur nicht, dass du dabei auch nur in Erwägung gezogen hast, welche ausgerechnet für mich zu entwickeln, aber hey ...“ Er zwinkert mir spielerisch zu. „Ich weiß ja, wie unwiderstehlich ich bin.“
Und dann lachen wir beide, auch wenn uns klar ist, dass er nur diese unangenehme Situation zwischen uns irgendwie auflösen möchte.
Ich leere meinen Whiskey in einem weiteren Zug und stelle das Glas wieder auf dem Tresen ab. „Ich denke, ich sollte langsam los. Du musst sicherlich noch irgendwas für den Club vorbereiten und ich halte dich nur auf.“
„Nein, bleib“, sagt er hastig und streckt seine Hand nach meiner aus. „Bitte.“ Seine Stimme hat einen flehenden Ton, sodass ich ihn überrascht anschaue. „Wir haben uns so lange nicht gesehen“, fährt er fort und sein Daumen streicht über meinen Handrücken. „Es wäre schön, wenn wir noch ein bisschen reden könnten.“
„Aber hast du nicht gleich noch eine Schicht im Club?“
„Nein, ich war nur wegen einer Reparatur hier. Wenn du also ein paar Minuten hättest, könnten wir gleich in Ruhe irgendwo hin und vielleicht etwas essen? Ich möchte dich einladen.“
„Das musst du ni–“
„Ich möchte es“, unterbricht er mich und fixiert mich mit einem Blick, der mich dahinschmelzen lässt.
„In Ordnung“, erwidere ich schließlich.
Jason lässt meine Hand los und stellt sich wieder gerade hin. „Gut, dann ... wartest du hier? Ich hole eben die Ersatzventile und tausche sie kurz aus. Möchtest du solange noch einen Drink?“
„Nein, danke. Ich glaube, der“, ich hebe das leere Glas an, „war für meinen leeren Magen schon genug.“
„Okay.“ Er grinst. „Dann fall mir hier nicht vom Stuhl. Ich bin gleich wieder da.“
Ich nicke und er verschwindet hastig durch die Tür, aus der er vorhin gekommen ist. Ich hole mein Handy aus der Tasche und checke die eingegangenen Nachrichten. Gwen hat mir ein neues Foto ihres gerade frisch geschlüpften Babys Timothy geschickt und beklagt sich über den fehlenden Schlaf. Meine Mutter versucht, mir mal wieder ins Gewissen zu reden, dass ich mich bei meinem Vater melden solle. Nein, danke. Außerdem habe ich noch eine Nachricht von Betty bekommen, die seit ein paar Jahren ihr Leben als Influencerin ausbaut und durch die Weltgeschichte jettet. Und ein paar Geschäftsmails aus der Kanzlei, die ich allerdings jetzt ignoriere.
Ich öffne die Nachricht von Betty. Sie hat mir den Link zu einem Artikel in irgendeiner lokalen französischen Zeitung geschickt.

[ BETTY ] – 4.23 pm – Meine Kampagne ist nun auch in Frankreich angelaufen!

Seit dem Ausflug nach Las Vegas damals und einem tragischen Vorfall einige Monate danach hat sich Betty den Kampf gegen den Drogenkonsum auf die Fahne geschrieben. Dank der großzügigen Unterstützung ihrer Eltern hat sie recht schnell eine solche Kampagne an mehreren Colleges in den Mountain States sowie an der Westküste auf die Beine stellen und ausbauen können. Jahrelang hat sie sich auf den Kampf in den USA konzentriert, nun streckt sie offenbar ihre Fühler auch nach Europa aus. Verrückt, wie sich die Dinge im Endeffekt entwickeln.
Ich schreibe ihr ein „Das klingt großartig! Herzlichen Glückwunsch“ zurück und stecke das Handy weg, als Jason wiederkommt. Er trägt ein kleines Paket in der einen und einen großen Werkzeugkoffer in der anderen Hand. Außerdem hat er die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und abermals muss ich gestehen, dass er mit den Jahren absolut nichts von seiner Attraktivität eingebüßt hat. Ganz im Gegenteil wirkt er mit seinem Auftreten und vor allem mit der Art, wie er mit mir spricht, viel erwachsener und noch anziehender, wenn das überhaupt möglich sein sollte.
„Ist etwas?“, fragt er, als er meinen gaffenden Blick offenbar bemerkt.
Ich schüttle den Kopf. „Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“, erwidere ich stattdessen und er verneint.
Dann macht er sich an die Arbeit und tauscht ein paar Ventile an der Bar aus. Ich versuche indessen, ihn dabei nicht zu auffällig weiter zu beobachten.
Es ist verrückt, aber in seiner Nähe habe ich das Gefühl, in der Zeit zurückversetzt zu sein. Auch wenn wir uns offensichtlich verändert haben – ich dabei scheinbar mehr als er –, sind da wieder diese Schmetterlinge im Bauch, die ich schon seit vielen Jahren nicht mehr verspürt habe. Es ist wohl der letzte Nachhall einer schönen Zeit. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mal am Anfang meiner letzten Beziehung derartiges verspürt. Eigentlich sehr traurig, wenn ich das so Revue passieren lasse.
Nach einigen Minuten packt Jason das Werkzeug zurück in den Koffer und holt sein Handy heraus.
„Ich bin fertig und sage nur kurz meiner Mom Bescheid, dann können wir los, okay?“, sagt er und tippt auf dem kleinen Gerät herum.
„Hmhm“, mache ich und erhebe mich vom Barhocker. „Hast du schon eine Idee, wo wir hin können?“
„Ich habe da an ein Restaurant etwas außerhalb vom Campus gedacht“, antwortet Jason. „Kennst du das Asura?“
„Ja, da war ich schon mal. Der Laden ist doch abends immer ausgebucht, oder nicht?“
Er nickt. „Ich kenne den Inhaber und kann mal versuchen, dort noch einen Tisch zu ergattern.“ Mit den Worten wählt er eine Nummer auf seinem Handy und zwinkert mir dabei zu. „Hey, Sawath, hier ist Jason. Ja, hi!“, sagt er nur wenige Sekunden später ins Telefon. „Wie sieht es heute Abend bei euch aus? Kannst du zwei Personen irgendwo unterbringen?“ Er lauscht der Antwort und gibt ein paar zustimmende Geräusche von sich. „Okay, absolut nichts zu machen? Schade.“
In dem Moment beuge ich mich vor und lege meine Hand auf seinen Oberarm, den er auf dem Tresen abgelegt hat. Seine dunklen Augen fixiert meine.
„Wir können auch etwas abholen“, flüstere ich, „und dann bei ... dir essen?“
Sein Blick durchdringt mich, bevor er nickt. „Alles klar, Sawath, wir kommen dann vorbei und bestellen zum Mitnehmen. Ist das in Ordnung? ... Prima, dann bis gleich.“ Daraufhin legt er auf.
Meine Hand liegt immer noch auf seinem Arm und irgendwie widerstrebt es mir, ihn loszulassen. Seine Haut ist warm und die Berührung lässt meine Fingerspitzen kribbeln.
„Ist es wirklich okay für dich, wenn wir zu mir gehen?“, fragt er und klingt dabei sehr ungläubig.
Ich lache. „Hätte ich es vorgeschlagen, wenn ich ein Problem damit hätte?“ Ich beuge mich leicht vor und sage leise: „Oder hast du Angst, dass ich über dich herfallen könnte?“
„Angst nicht.“ Ein leichtes Grinsen zupft an seinen Mundwinkeln und lässt mein Herz dabei stolpern. „Aber vielleicht die Hoffnung …“

~~~~~~~~~

Sieben Jahre später, so schnell kann’s gehen!
Wir haben noch ein Kapitel vor uns :)

Danke für eure Rückmeldungen, die neuen Sternchen und einige neue Favoriteneinträge nach dem letzten Kapitel. Und ein besonderes Danke an Earenya, die dem Eisbären gestern Abend noch fix einen Namen verpasst hat. Peanut <3

Habt noch eine schöne Restwoche!

Liebste Grüße
Tanja
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