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Schutzengel

KurzgeschichteHorror / P16 / Gen
Suko
22.12.2020
22.12.2020
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Es war wie im Film. Suko sah den Hund auf die Straße laufen. Sah das Mädchen, das ihm hinterherlief. Den heranrasenden Sattelschlepper. Das Unvermeidliche, das passieren würde. Genau wie im Film.
Er reagierte spontan, rein intuitiv. Den Stab des Buddha zu zücken und seine Magie mit zwei schnell dahingehauchten Silben zu aktivieren, war eins. In der plötzlich einsetzenden Totenstille, als einziges bewegliches Element in einem zum Stillleben erstarrten Schnappschuss, sprintete Suko los, quer über die Fahrbahn, bekam die gelbe Steppjacke, die das Mädchen trug, zu fassen und riss sie mit sich auf den Grünstreifen am jenseitigen Straßenrand.
Im selben Augenblick war der Lärm wieder da, Suko hörte die Bremsen des Sattelschleppers kreischen, sah, wie sich das ganze sechsachsige brüllende Ungetüm schlitternd erst quer über beide Fahrbahnen stellte und dann, als es zum Stillstand gekommen schien, wie in Zeitlupe auf die Seite kippte. Eine abgesprengte Radkappe rollte einsam über den Asphalt auf Suko zu, kippte schließlich keinen Yard vor seiner Nase um und blieb im Gras liegen.
Suko blickte auf. Zwei, drei Yards vor ihm stand der Hund, ein Terrier, und kläffte ihn an. Neben ihm rappelte sich das Mädchen auf, kam zitternd auf die Beine. Sie griff sich an die Schulter, verzog das Gesicht. Sah den Chinesen, der vor ihr im Gras lag, an wie einen Geist.

***

"Wenn ich richtig informiert bin, Inspektor Suko, haben Sie vor einigen Tagen das Leben meiner Nichte gerettet. Abigail Leach."
Seth Goren, groß, hager, graumeliert, im Zweireiher und mit einem Gesicht wie ein Raubvogel, ließ sich in den Bürosessel hinter seinem Schreibtisch fallen. Er hatte seinem Gegenüber angeboten, auf einem Stuhl auf der anderen Seite des Tisches Platz zu nehmen. Der Chinese hatte dankend abgelehnt; er zog es vor, stehen zu bleiben.
In der Tiefgarage hatten sie auf ihn gewartet. Sie hatten Glück gehabt, denn John war nach Dienstschluss mit Glenda in eine Bar gegangen.
Vier Männer in einem schwarzen Lieferwagen. Vielleicht hatten sie auch gewusst, dass Suko an diesem Abend allein kommen würde.
Mit Vampiren, Zombies oder einem Werwolf wäre er fertig geworden.
Zwei durchgeladenen und entsicherten Maschinenpistolen hatte er bloß seine Dienstwaffe entgegenzusetzen. Zu wenig.
Er war in den Wagen gestiegen. In den Laderaum. Keine Fenster.
Sie waren gefahren, eine geschätzte viertel bis halbe Stunde. Dann waren sie wieder ausgestiegen. Wo auch immer. Suko hatte im Dunkeln die Silhouetten gewaltiger Hallen ausmachen können. Er hatte aufgeblickt. Auf einem Dach, Dutzende Yards über ihren Köpfen, ein menschlicher Schatten. Vermutlich ein Wächter, dachte Suko.
In einer der Hallen traf er schließlich seinen Gastgeber. Seth Goren.
Zweifelsohne einer der big player in der Londoner Unterwelt. Stinkreich, weil eiskalt. Suko wusste das. Und Goren wusste, dass Suko es wusste.
Goren lehnte sich vor und sah Suko eindringlich an. "Nichts als ein paar Prellungen und eine ausgekugelte Schulter. Sie haben Abigail vor dem sicheren Tod bewahrt. Und das auf eine Art und Weise, die - laut Aussage einiger Augenzeugen - schlicht unmöglich gewesen sein soll. Physikalisch unmöglich."
Suko erwiderte Gorens Blick. Da er stehen geblieben war, sah er auf den Gangster hinab.
"Was wollen Sie von mir, Mister Goren? Für ein schlichtes Dankeschön hätten Sie mir auch eine Karte und eine Schachtel Pralinen schicken können."
Goren ließ seinen Blick über die Gegenstände gleiten, die vor ihm auf der Tischplatte lagen: eine 9mm-Halbautomatik, Marke Beretta - sowie zwei unterschiedlich lange und dicke Stäbe aus Metall. Wobei der größere Stab an einer Seite eine Öffnung aufwies und hohl zu sein schien.
Der Stab des Buddha und das Griffstück der Dämonenpeitsche, das die Riemen aus Dämonenhaut barg.
"Sie sind Inspektor beim Yard, Mister Suko. Bei dieser gerüchteumwitterten Abteilung für Paranormales. Bei diesem Kauz James Powell." Goren nahm die Dämonenpeitsche, wog sie in der Hand, betrachtete sie von allen Seiten und schielte schließlich in die Öffnung hinein. "Wozu ist das hier gut? Ist das so was wie ein Zauberstab?"
Suko hätte dem Gangsterboss seine Waffen abnehmen und einfach gehen können. Er ging jedoch davon aus, dass die beiden Typen mit den MPs, die hinter ihm rechts und links der Tür standen, etwas dagegen haben könnten.
"Es ist ein Zündkörper."
"Eine Bombe?" So rasch wie behutsam legte Goren das Griffstück zurück auf den Tisch.
"Sie machen sich hier der Entführung eines Polizeibeamten schuldig, Mister Goren ..."
"Ich will, dass Sie für mich arbeiten, Mister Suko."
Suko sah Goren an, dass der Gangster es ernst meinte. Er schüttelte den Kopf. "Vergessen Sie´s."
Goren lächelte. "Nicht, was Sie denken. Keine bösen Sachen. Ich möchte, dass Sie mein Beschützer werden. Mein Leibwächter. Oder sagen wir - mein persönlicher Schutzengel."
Suko schüttelte nur den Kopf.
Goren lehnte sich zurück. "Sagen Sie mir, was Sie beim Yard verdienen - und multiplizieren Sie es mit zehn."
Suko schüttelte den Kopf.
Gorens Lächeln wurde breiter. "Zwanzig."
Suko kam sich langsam vor wie ein Wackeldackel.
Goren kniff die Augen zusammen. "Na schön. Sagen Sie mir, was Sie wollen."
Suko warf einen schnellen Blick über die Schulter. Er versuchte abzuschätzen, ob er es notfalls mit zwei Typen mit MPs gleichzeitig aufnehmen konnte - und kam zu einem negativen Ergebnis.
"Ich will nachhause und ins Bett, Mister Goren. Wenn Sie also so freundlich wären, mir mein Eigentum zurückzugeben und Ihren Leuten zu sagen, dass sie mich dorthin zurückbringen möchten, von wo sie mich gegen meinen Willen verschleppt haben, wäre ich Ihnen sehr verbunden."
Goren lächelte immer noch. Aber es lag nicht mal mehr gespielte Freundlichkeit darin. Der Gangster zuckte die Achseln. "Es ist Ihre Entscheidung." Er blickte an Suko vorbei. "Charles? Eddy? Bringt den Inspektor bis zu den Bahngleisen." Er sah wieder Suko an. "Den Rest der Strecke kann er laufen."
Suko deutete auf die Tischplatte. "Nehmen Sie meinetwegen die Munition aus der Beretta. Dann geben Sie mir meine - Sachen."
Diesmal griff Goren sich den Stab des Buddha, um ihn zu inspizieren. "Bedaure, Inspektor. Solange Sie mir nicht verraten wollen, was es mit diesen Gegenständen auf sich hat und wie sie funktionieren, kann ich sie Ihnen unmöglich überlassen." Er sah Suko an. "Schon zu meiner eigenen Sicherheit, das verstehen Sie doch. Vielleicht sind diese Dinge" - er beschrieb mit dem Stab ein paar willkürliche Zeichen in der Luft - "ja tatsächlich irgendwie magisch." Er legte den Stab zurück zu den anderen Dingen auf der Tischplatte. "Haben Sie damit Abigail gerettet? Mehrere Augenzeugen haben ausgesagt, Sie hätten das Mädchen von der Straße praktisch weggebeamt ..."
"Die Leute irren sich."
"Tun Sie das?" Goren lächelte. "Ich glaube nicht."
Suko machte einen Schritt auf den Tisch zu. Er hörte, wie die beiden MP-Typen hinter ihm ihre Waffen durchluden. Goran sagte: "Wisst ihr, Jungs, ich hab´s mir überlegt. Wenn der Inspektor schon nicht für uns arbeiten will, sollten wir besser dafür sorgen, dass er auch niemals gegen uns arbeiten wird." Er nickte Charles und Eddy zu. Seine Stimme klirrte vor Kälte. "Lasst ihn verschwinden."
Suko hatte seinen Blick nicht von Goren genommen. Daher sah er nicht, was im nächsten Augenblick hinter seinem Rücken passierte. Aber er hörte es. In allen Einzelheiten.

***

Es begann damit, dass zaghaft gegen die Tür geklopft wurde. Dann splitterte Holz. Ein feuchtes Schmatzen und Reißen. Ein erstickter Schrei. Etwas Schweres fiel dumpf zu Boden. Dann würgende Laute, die abrupt abbrachen. Ein Knacken wie von einem brechenden Ast. Noch ein dumpfer Aufschlag. Dann Ruhe. Kein einziger Schuss war gefallen.
Suko sah, wie sich Gorens Augen weiteten und ihm der Mund aufging. Dann hörte er eine Stimme hinter sich, tief, rau und unbeschreiblich weiblich.
"Ist spät, Chinese. Zeit für´s Bettchen. Du weißt, du musst morgen früh raus."
Suko drehte sich um. Er hatte die Frau, die hinter ihm im Rahmen der zertrümmerten Tür stand,bereits an der Stimme erkannt. Sie war von den Stiefeln bis zum Hals in hautenges pechschwarzes Leder gekleidet. Die blonde, leicht gewellte Mähne fiel bis über die Schultern. Zu ihren Füßen lagen die beiden MP-Typen. Der eine mit zerfetztem Hals; der andere mit offensichtlich gebrochenem Genick.
"Hallo, Justine."
Justine Cavallo betrachtete kurz ihre bluttriefende Hand. "Pack´ dein Spielzeug ein, und dann lass´ uns von hier verschwinden." Die Vampirin blickte auf, sah Goren hinter seinem Schreibtisch an und grinste. Goren starrte auf die Blutzähne, die schimmerten wie poliertes Elfenbein. "Falls Mister Goren nichts dagegen hat."
Suko sah Goren an. Der schüttelte langsam den Kopf.
"Falls du glauben solltest", hörte Suko Justine sagen, "dass du mit diesem kindischen Tand, mit Silberkugeln und in Streifen geschnittenem Dämonenbalg, irgendetwas gegen mich ausrichten kannst, liegst du eh falsch, kleiner Seth. Für dich gibt es kein Mittel gegen mich. Also hüte dich, mir jemals wieder in die Quere zu kommen."
Suko wartete, ob noch was kam. Doch Goren nickte nur, und Justine schwieg. Also ging er zum Tisch und sammelte seine Waffen ein.
Auf dem Weg an die frische Luft kamen Justine und er an gut einem Dutzend Leichen vorbei. Alles Männer.
"Was machst du hier?", fragte Suko, als sie das Gebäude verließen und in die Schatten der Umgebung eintauchten.
"Eigentlich nichts." Die Vampirin hatte einen derartigen Schritt drauf, dass der Chinese sich anstrengen musste, mitzuhalten. "Sagen wir, ich war zufällig in der Nähe. Und da sehe ich prompt einen kleinen Angestellten von Scotland Yard aus einem Wagen steigen, zusammen mit ein paar von Gorens Leuten. Und so ganz ohne seinen großen, blonden Beschützer. Da hab´ ich mir gedacht, Justine, altes Mädchen, das schauen wir uns doch mal genauer an."
"Du bist schizophren. Und du hast an der Tür gelauscht."
"Ich hör´ einen Furz auf hunderte Yards. Ich hab´s nicht nötig zu lauschen."
Justines schwere Honda war im Schatten zwischen zwei Hallen geparkt.
"Wo sind wir hier eigentlich?", fragte Suko, in die Finsternis ringsum spähend, während die Cavallo sich auf den Bock schwang und den Ständer hochkickte.
"Tiefstes Eastend. Industrieland", sagte die Schwarzblüterin, die nicht nur unter ihresgleichen auch als blonde Bestie verschrien war, während sie dem Inspektor den einzigen Schutzhelm zuwarf.
"Du und Seth Goren ..."
Justine winkte ab. "Wir hatten schon mal das Vergnügen. Wobei Vergnügen vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Ich hab´ ihm damals seine Grenzen aufgezeigt. Genau wie heute."
Suko starrte die Vampirin an. Dann setzte er den Helm auf.
"Und?" Justine präsentierte grinsend ihr Blutsaugerinnengebiss und klopfte auf den Sattel des Motorrads. "Vorne sitzen oder hinten sitzen?"

***

"Hätte nicht gedacht, dass ich einen Schutzengel habe." Suko schwang sich hinter Justine vom Bock, nahm den Helm ab und gab ihn der Frau in Schwarz zurück.
"Zufall", sagte sie. "Wie schon gesagt."
"Mag´ sein." Suko deutete eine Verbeugung an. "Trotzdem danke."
Die Cavallo zuckte die Achseln. "Beim Yard bist du nützlicher."
Sie zog sich den Helm über, betätigte den Starter, rollte die Straße hinunter und bog in falscher Richtung in eine Einbahnstraße ab. Suko sah ihr nach.
Er dachte an Shao und John und blickte die Hausfassade hinauf. Dort oben brannten noch Lichter.
Während er auf den Hauseingang zuging, dachte er an Seth Goren. Die Sache war noch nicht vom Tisch.


Ende
 
 
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