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Im Herzen der See

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P16 / Gen
21.12.2020
23.12.2020
5
9.850
4
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21.12.2020 1.477
 
Voller Vorfreude stieg ich aus der Kutsche meiner Tante Penelope aus. Die Sonne kitzelte meine Haut als ich meinen Blick zum Himmel richtete. Der wichtigste Tag meines Lebens wurde mit gutem Wetter gesegnet. ,,Komm schon Tante Poppy. Vater wartet sicher schon auf uns." ,,Charlotte, wir haben noch mehr als genug Zeit um auf dieses Schiff zu kommen. Ich möchte ungern von diesen drittklassigen Nichtsnutzen beengt werden.", rümpfte meine Tante die Nase.
Entnervt stöhnte ich auf. Meine Tante war eine sehr beschränkte und traditionstreue Dame. ,,Nun sag aber mal Charlotte, was ist das denn für ein Benehmen. Ich hatte wirklich gehofft die letzten zwei Monate bei uns haben dir die Starrköpfigkeit deiner Mutter ausgetrieben. Ich sollte dringend mit deinem Vater darüber reden." Ich reckte mein Kinn und sah benommen zu ihr. ,,Entschuldige Tante Penelope." Ich konnte es kaum erwarten meinen Vater wiederzusehen. Die letzten zwei Monate waren die reinste Hölle gewesen. Ich war nicht wie diese aufgesetzten Püppchen dieser Gesellschaft. Es widerte mich regelrecht an, wie sich über die ärmeren Menschen lustig machten, als wären sie weniger wert und ihnen in jeder Hinsicht untergeordnet.
,,Weißt du Charlotte, wenn du dich genau so verhalten würdest wie die anderen Mädchen, dann hätten wir dir schon längst einen begehrten Junggesellen ergattern können. Aber dein widerspenstiges Verhalten sagt den Männern eben nicht zu.", schimpfte meine Tante. ,,Weißt du Poppy, da bleib ich doch lieber ein widerspenstiger Trampel, als einen deiner perfekten Schnösel zu heiraten.", zischte ich.
Wütend nahm ich meinen Hut und setzte ihn auf. Niemals in meinem ganzen Leben würde ich mich unterdrücken lassen. Es wurde Zeit, dass ich wieder zurück zu meinem Vater ging. Tante Penelopes verzweifelter Versuch mich Anmut und Grazie zu lehren war gänzlich missglückt. ,,Charlotte Isabelle Andrews!", rief mir meine Tante hinterher als ich geradewegs zum Gangway lief.

Die Titanic war wirklich ein wahres Wunderwerk und ich war sehr stolz auf meinen Vater. Sie war eindrucksvoll und alles wovon ich je geträumt hatte. Ich war schon oft mit dem Schiff gereist, doch noch nie mit einem solchen Giganten. Zugegeben machte es mir etwas Angst, denn selbst wenn alle sagten dieses Schiff sei unsinkbar, das Meer sollte man niemals unterschätzen. Bei dem Gedanken an die starken Wellen und die unsagbare Dunkelheit jenes Abends erschauderte ich und zwang diese Erinnerungen zurück in die Tiefe meiner Gedanken. Ich hatte mir geschworen sie nie wieder an die Oberfläche zu lassen. Entschlossen und mutig reckte ich mein Kinn und stieg den Gangway nach oben.

,,Willkommen auf der Titanic Miss." Freundlich nickte ich dem Mann zu der mich begrüßte. ,,Kann ich ihnen behilflich sein Miss?", fragte er hilfsbereit. ,,Oh nein vielen Dank, ich weiß wo ich hin muss." Das wusste ich wirklich. Ich wollte zu meinem Vater und so viele Orte an denen er jetzt sein könnte gab es nicht. Deswegen beschloss ich hinauf aufs Deck zu gehen, denn selbst wenn ich ihn dort nicht fand konnte ich wenigstens die Titanic auslaufen sehen.

Ich lief immer weiter in Richtung Bug und ich hatte die Länge der Titanic völlig unterschätzt. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit die ich bereits auf dem Deck lief. Den Wind und die Frische des Frühlings hatte ich ebenfalls unterschätzt und war mit meinem himmelblauen Seidenkleid nicht unbedingt gut gerüstet für einen langen Spaziergang wie diesen. Ich fing langsam an vor Kälte zu frösteln und zog meinen weißen Seidenschal näher an meine Schultern. Während meine Beine mich über das Deck trugen, kamen mir immer wieder Menschen entgegen, doch je näher ich dem Bug kam, desto weniger wurden es. Mein Kleid wehte im Wind als ich mich kurz zur Reling stellte um die Wellen zu beobachten, die sich an dem Stahl der Titanic brachen. Es war faszinierend und gleichzeitig furchteinflößend, dass so ein großer Metallklotz den Atlantik bezwingen sollte. Doch kleinere und weit ältere Schiffe hatten dies auch geschafft.

Ich bemerkte erst wie lange ich dort stand, als ich langsam bemerkte das wir losfuhren. Begeistert lehnte ich mich etwas über die Reling um die vielen kleinen Schiffe zu beobachten die wir nach un nach hinter uns ließen. Es war unglaublich beeindruckend, wie riesig die Titanic im Vergleich zu den anderen Schiffen war. Doch wurde meine Bewunderung abrupt beendet als es ein kurzes Vibrieren gab und kurz darauf die New York auf uns zu trieb. Völlig entsetzt beobachte ich wie sich das Heck des Schiffes in meine Richtung bewegte. Ich war nicht fähig mich fort zu bewegen zu geschockt war ich.

,,Miss!", eine Stimme nicht weit weg von mir schlich sich in meinen Kopf und riss mich aus meiner Starre, als sich zwei große Hände um meine Schultern legten um mich von der Reling zu ziehen. ,,Sind sie des Wahnsinns Miss? Wissen sie wie tief sie fallen würden? Sie können sich doch nicht so weit über die Reling lehnen.", tadelte mich der Mann der nun vor mir stand. ,,Entschuldigen Sie.", murmelte ich kleinlaut und senkte meinen Kopf. ,,Vielen Dank, dass sie mir geholfen haben Sir?" ,,Oh ähm ich bin Mr Harold Lowe Fünfter Offizier." Erschrocken sah ich zu ihm auf und war unfähig ihm zu antworten. Ich war wie vom Blitz getroffen als ich den jungen Mann vor mir sah. Die haselnussbraunen Augen zogen mich sofort in ihren Bann. ,,Darf ich denn auch ihren Namen erfahren Miss?", er grinste mich an. ,,Oh natürlich Sir, wie unhöflich von mir. Ich bin Charlotte Isabelle Andrews.", sagte ich freundlich. Für Außenstehende musste das ziemlich ulkig aussehen. Ein stattlicher junger Offizier und ein kleines dummes Mädchen mit roten Wangen. Doch sein Lächeln verschwand sofort als ich meinen Namen erwähnte. ,,Es tut mir aufrichtig leid Miss Andrews, es war nicht meine Absicht so mit ihnen zu reden." ,,Sie müssen sich für nichts entschuldigen Mister Lowe, sie haben mir doch geholfen.", murmelte ich. ,,Es war mir eine Ehre Miss, aber ich muss jetzt gehen." Hastig drehte er sich um und lief mir davon.

Noch immer stand ich regungslos da und war unfähig mich zu bewegen. Der Offizier hatte mir ganz offensichtlich die Sprache verschlagen. Und so stand ich da, ein kleines neunzehnjähriges Mädchen, dass einem Offizier der White Star Line hinterher spähte. ,,Miss Charlotte!", keuchte Mary hinter mir. Sie war offensichtlich gerannt oder hatte einen langen Weg hinter sich. ,,Miss Charlotte, ihr Vater lässt bereits nach ihnen suchen, er ist außer sich vor Sorge." Mary war mein Dienstmädchen und gleichzeitig meine Freundin. Es war mir gleich woher sie kam und wie viele Penny sie ihr eigen nennen konnte, sie war eine unglaublich treue Seele und seit vielen Jahren meine Begleiterin. ,,Mein Vater?", rief ich aufgeregt. ,,Ja Miss Charlotte kommen sie."

Mary führte mich hinein ins Schiffsinnere und zu einem der Aufenthaltsräume der ersten Klasse. Wo ich bereits von weitem meine Tante Penelope erkennen konnte und genervt aufseufzte. Doch hinter ihr sah ich meinen Vater, der mich nun auch wahrzunehmen schien. Seine besorgten Gesichtszüge hellten sich auf und er lachte beherzt auf, als ich mich in seine Arme warf. ,,Charlotte, du meine Güte wo warst du denn?", fragte er ernst. ,,Ich hab nach dir gesucht auf dem Deck, aber ich hab dich nicht gefunden, deswegen hab ich beim Auslaufen zugeschaut und dann kam die New York auf uns zu und dann..." Ich redete mich um Kopf und Kragen bis mein Vater mich unterbrach. ,,Jetzt ist ja wieder alles gut, unsere Offiziere und der Kapitän haben alles unter Kontrolle und jetzt geht es endlich weiter." ,,Kannst du mir die Brücke zeigen und den Maschinenraum oh und die Rettungsboote?", fragte ich aufgeregt. ,,Heute nicht mehr, Lottie. Ich habe jetzt ein Dinner mit Mr. Ismay und ein paar anderen Passagieren." ,,Aber Miss Rose hat mich auch nach einem Rundgang gefragt, vielleicht hast du dann eine bessere Begleitung als Poppy.", flüsterte er. Schnell verkniff ich mir ein Lachen. ,,Da hast du Recht. Na dann Viel Spaß Vater."

,,Da sind ja unsere Suiten. Das hier ist deine Charlotte, die deines Vaters ist direkt gegenüber und meine ist am Ende des Gangs." Ich war sehr erfreut darüber Tante Penelope nicht Rund um die Uhr ertragen zu müssen sondern meinen Freiraum zu haben. ,,Komm Mary richten wir uns ein." ,,Oh Miss Charlotte, ich bin nicht bei ihnen untergebracht. Ich teile mein Zimmer mit ein paar anderen Dienstmädchen in der dritten Klasse, aber keine Sorge ich werde ganz bestimmt immer früh pünktlich bei ihnen sein." ,,Aber Mary hier ist mehr als genug Platz ich bestehe darauf dass du hier bleibst." Ich nahm ihre Hand und zog sie in die große Suite. Sie bot Platz für ein Badezimmer und zwei Schlafzimmer, sogar ein eigenes Promenadendeck hatte ich. Ich war mir sicher, dass mein Vater hier seine Finger im Spiel hatte. ,,Ein wahrer Traum Miss Charlotte." Ja das war es wirklich.
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