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Adventskalender-Tür 21: Die Geister, die ich rief

von Fhaiye
KurzgeschichteFamilie, Fantasy / P12 / Gen
Chris "The Lord" Harms
21.12.2020
21.12.2020
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Die Geister, die ich rief
Frei nach Charles Dickens – A Christmas Carol (1843)


~~*~~


Leise rieselte der Schnee. Friedlich ruhte er an jenem Tag, unberührt und weiß.
Eine dicke und zartweiße Decke sogleich überzog den sonst so prachtvollen Pflasterstein der Hansestadt, die sich Hamburg nannte.

Ungewöhnlich, dass sich so viel dieser weißen Kälte in eben jene Stadt verirrte, doch so war es.
Gewöhnlich hingegen war das sonstige Bild, das sich den Augen eines jeden Betrachters ergab.

Ein heruntergekommenes, löchriges Haus im weniger glanzvollen Viertel der Stadt.
Eine Tür, die schief in den Angeln hing und an deren rissigen Glasscheibe sich bereits frostige Eisblumen zu aberwitzigen Gebilden zusammenfanden.
Bei genauerer Betrachtung fiel auf, dass in jener Behausung, die von innen genauso ärmlich war wie sie von außen wirkte, eine Familie wohnte.

Eine Familie, die nicht weniger als fünf Leute zu zählen vermochte.

„Papa, bitte gehe nicht! Heute ist Heiligabend!”

Der kleine Sohn hielt sich mit einer Hand am Hosenbein eines Mannes fest, der unsicher schien.
Eine Brille zierte das Gesicht des Vaters, ebenso ein Dreitagebart und seine Haare fielen ihm in dunklen, gestuften Strähnen auf seine Schultern herab.
Ein mildes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, ehe er sich zu dem Knirps hinunterbeugte und ihm sanft durch sein kurzes, stoppeliges Haar fuhr.

„Weißt du, kleiner Max, manchmal müssen Erwachsene Dinge tun, die notwendig sind, obwohl sie nicht gerne möchten. Ich verspreche dir, ich bin alsbald wieder zurück und dann verbringen wir einen wunderbaren Abend gemeinsam im Kreise der Familie.”

Der ältere Mann zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln.
Was ihm dabei entging, war, dass seine Frau, die sich im Hintergrund hielt, sich beinahe unbewegt eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.
Was hingegen den drei Kindern und eben jener Frau entging, war, dass sich auf die Gesichtszüge jenes Mannes ein dunkler Schatten legte, als er sich vom kleinen Max löste und sich seine löchrigen Handschuhe, seinen Schal und seinen abgetragenen Mantel überstreifte.

Er ging hinüber zu seiner Frau, gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange.

„Liebes, ich werde versuchen schnellstmöglich wieder zurück zu sein. Vielleicht hat der Lord an diesem heiligen Tage ein bisschen Erbarmen und lässt mich früher gehen. Und eventuell, mit viel Glück, bekommen wir ein Stück Kohle mehr, um wenigstens diesen Abend ordentlich zu heizen.”

Seine Stimme war nur mehr ein Wispern, doch seine liebe Frau entgegnete ihm auf seine gar törichte Hoffnung nur mit einem Seufzen und schüttelte niedergeschlagen den Kopf.
Der Mann ließ einen Moment seinen Blick über die trostlose Szene in seinem Haus schweifen, betrachtete seine geliebte Familie, studierte insbesondere Max, der sich untröstlich an seiner kleinen Krücke festhielt, ehe er, der erwachsene Mann, das Haus verließ und hinaus in die nasse Kälte des Heiligenabends trat.

Er war zu spät.

~~*~~


„Sie sind zu spät!”

Die grollende Stimme seines Vorgesetzten, seines gnadenlosen und kaltherzigen Arbeitsgebers, ließ den Mann kurzzeitig zusammenfahren, als er die Tür aufgestoßen und in die Schreibstube des Geschäftes getreten war.
Wärme umfing ihn, brannte auf seiner eisigen Haut, ließ ihn wohlig aufatmen und gleichzeitig zittern. Doch die schneidende Stimme machte in kürzester Zeit selbst die heißeste Glut in seinem Innern zunichte, die es gewagt hatte aufzukeimen.

„Aber der Lord, es ist doch Weih-”

Der ärmlich gekleidete Kerl kam nicht einmal dazu, den Namen des Festtages auszusprechen.
Sein Vorgesetzter, der große, kräftige und alte Mann, erhob sich von seinem Pult und kam mit erhobenem Zeigefinger auf ihn zu. Speichel sammelte sich in seinen Mundwinkeln, die bereits bedrohlich zuckten, seine langen, graumelierten Haare fielen ihm vorn über die Schultern.

„Humbug! Blödsinn! Reinste Faselei! Jaeschke, wenn Sie sich nicht sofort an die Arbeit begeben, dann können Sie sich zum Teufel scheren!“

Bengt Jaeschke schluckte schwer, als sich der Finger seines Arbeitgebers eiskalt auf seine Nasenspitze legte.
Er wusste, dass dies keine leere Drohung war. Wusste, dass sein Vorgänger, dessen Name in Vergessenheit geraten war, jenes Schicksal widerfahren war.

Der arme Tor hatte Widerstand geleistet und war vor die Tür gesetzt worden.
Zur Weihnachtszeit, bei eisiger Kälte.

Damals, als der Lord noch zusammen mit Dero Goi dieses florierende Geschäft geführt hatte.
Man erzählte sich, dass eben jener Mensch, der den Wagemut besessen hatte sich zur Wehr zu setzen, wenige Tage später nach der Kündigung tot aufgefunden worden war.
Erfroren – gemeinsam mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter, Arm in Arm.

Bengt gestattete sich einen winzigen Gedanken an seine Familie, an seine Frau, an seine Kinder, dachte insbesondere an Max.
Der Lord hatte sich trotz des Todes seines Geschäftspartners vor etlichen Jahren nicht geändert, kein Stück.
Er war – wenn überhaupt – nur noch kaltherziger, geiziger und ja, auch bösartiger geworden.

Bengt blinzelte und dann stand sein Entschluss.
Jeglicher Widerwille entwich ihm und er fügte sich seinem Schicksal.
Die Hoffnung nach einem frühzeitigen Feierabend strich er aus seinem Kopf.
Stattdessen setzte der Mann sich an sein Schreibpult und erledigte die ihm aufgetragene Arbeit.

Minute um Minute verstrich, Stunde um Stunde ging ins Land.

„Jaeschke, legen Sie Kohle nach. Mich fröstelt es etwas.“

Die spitze Stimme des Lords riss Bengt aus seiner Tätigkeit und ließ ihn wie mechanisch zum Kamin herüberwanken.
Er griff nach den Kohlen, öffnete den Ofen und stierte in die rote Glut.

„Wird’s bald!“

Was würde Bengt nur darum geben, solch ein prächtiges Feuer ebenfalls in seinem Haus willkommen heißen zu können!

Er tat, wie ihm geheißen und machte sich schwermütig wieder an die Arbeit.
Und irgendwann, irgendwann – nach vielen weiteren scheußlichen Kommentaren seines Vorgesetzten – war seine Arbeit für den heutigen Tage verrichtet und Bengt machte sich auf den Heimweg.

Ohne Kohlen.
Ohne ein Festmahl.

Aber er hatte seine Familie und das war alles was zählte.
Dennoch wurde sein Herz schwer, als er an den kleinen Max dachte und daran…

Nein, diesen Gedanken verbot er sich, als er durch den tiefen Schnee und vollkommen durchnässt heimlief.
Nein, alles nur nicht daran denken.

~~*~~


Pah, Humbug!
Was für ein vermaledeiter Nonsens!

Auch der Lord höchst selbst verweilte in Gedanken, als er nach Feierabend das Ladenlokal verließ, die Tür abschloss und sich auf den Weg zu seiner Villa begab.
Mühsam kämpfte er sich durch den Schnee, verfluchte dabei den Winter und die rührselige Duselei all seiner Mitmenschen.

Seine törichten Mitmenschen, die dem sinnlosen Geiste der Weihnacht frönten.
Weihnachten! Pah!

Der Lord kam an einem Chor Menschen vorbei, die mit lieblicher Stimme Stille Nacht, Heilige Nacht sangen.
Arm an Arm standen sie dort, warm eingepackt in dicken Mänteln, ein zufriedener Ausdruck auf den vor Kälte rotglühenden Mienen, mit Gesangsheften in den Händen.
Ohne Rücksicht lief er auf die Menschenansammlung zu, auf die Sänger und Sängerinnen, auf deren Zuhörer.

Und schubste einen nach dem anderen aus dem Weg.

Die Menschen schrien erbost auf, hoben die Fäuste, schüttelten diese in seine Richtung, fluchten lauthals ob seiner Rüpelei.
Er hingegen ignorierte sie, ignorierte die wüsten Reaktionen, grinste gar ob seiner eigenen Garstigkeit.
Und lief weiter, ohne den Menschen aufzuhelfen.

Wieder gab der Lord sich dem Sinnieren hin, lief weiter auf sein Herrenhaus zu, ehe er ein weiteres Mal von einem Mitmenschen unterbrochen wurde.
Eine offensichtlich mittellose Frau sprach ihn an, ihr kleiner Säugling klammerte sich dabei an ihrem Arm fest, wimmerte beständig und leise vor sich hin.
Der Lord versuchte ihr auszuweichen, ging einen Schritt zur Seite, doch die Frau gab scheinbar nicht so leicht auf.

„Der gnädige Herr, eine kleine Spende bitte. Mein Kind braucht dringend etwas zu essen. Bitte. Seid gütig, es ist doch-”

Die Stimme der Frau war ein heiseres, raues Wispern.
Doch der Lord dachte nicht daran, ihr zu helfen.
Nicht im Geringsten.

„Geh’ arbeiten, du faules Weibsbild! Schmarotzern wie euch gönne ich nicht einmal das Schwarze unter meinen Nägeln. Und jetzt hinfort mit dir! Pah!”

Die Frau, die mittlerweile direkt vor ihm Stellung bezogen hatte, rückte erschrocken von ihm ab.
Der Lord sah, dass sich eine Träne aus deren Auge stahl, heimlich und leise ihre Wange hinab kullerte und über ihre rissigen und spröden Lippen lief, bevor sie versiegte.
Angewidert trat er einen Schritt zur Seite, rümpfte die Nase, ehe er davon stolzierte.

Er und Mitgefühl?
Pah!

Das war ihm ein ebensolches Fremdwort wie Weihnachten.

Stück für Stück kämpfte sich der große Mann durch den Schnee, wurde mit jedem Schritt griesgrämiger.
Dann erinnerte er sich an den Besuch seines Sohnes am frühen Morgen des heutigen Heiligenabends.

„Vater, wäre es nicht schön, wenn wir gemeinsam feiern würden? Ausgelassen zur Musik tanzen, angeheiterte Gespräche führen, den Wein genießen. Alles im Beisein geliebter Menschen und passend zum Feste der Liebe. Denk nur an Mutter!“

Mit großen Augen hatte sein erwachsener Sohn ihn angestarrt, Augen, die seinen so ähnlich waren.
Michael hatte seine Haare, die er genauso lang trug wie der Lord selbst, hinter seine Ohren geklemmt, ihn wohlwollend angelächelt und abgewartet.

„Humbug!“

Ohne weitere Worte, ohne Vorwarnung hatte er, Chris „the Lord“ Harms, seinen Sohn an diesem schneereichen Tag, der nichts weiter war, als jeder andere im Kalenderjahr, vor die Türe gesetzt.


Kein Bedauern, nichts.

Fest der Liebe?
Nächstenliebe?
Mit seinen Mitmenschen den Tag verbringen, sie womöglich noch beschenken?

In welcher Welt voller Idiotie, überflüssiger Romantik und Verschwendung lebte Michael bloß?

Humbug!
Nichts als Humbug!

Das hatte er definitiv nicht von seinem Vater!

Mit kräftigen Schritten stapfte der Lord durch den Schnee, ehe er an seiner dekadenten Behausung ankam und sich in seinem Ohrensessel zur Ruhe legte.
Der Tag hatte ihn erschöpft.

~~*~~


Kettengerassel.

Nein, er musste sich irren.

Grelles Geklirre, das ihn aus seinem sanften Schlaf hochschrecken ließ.
Metallisches Schaben.
Markerschütterndes Gestöhne.

Verschlafen öffnete der Lord die Augen, rieb sie sich.
Und war sich sicher, dass ihm jemand einen Streich spielen musste.
Oder hatte seine Haushälterin Scarlet gar vergessen die Fenster zu schließen?
Dann sollte sie sich auf etwas gefasst machen!

Der Lord blinzelte ein paar Mal, wurde sich gewahr, dass er sich das Flackern der Kerzen nicht einbildete. Auch nicht, dass es merklich kühler in seinem Salon geworden war.

Die Quelle der seltsamen Geräusche, sollte es sie jemals gegeben haben, war jedoch nicht ausfindig zu machen.
Mit dennoch weichen Knien stand der Lord auf, rieb sich noch einmal durch sein Gesicht, sah sich zweifelnd um.

Bis ihn das erneute Geräusch dazu brachte, hochzufahren und über seine eigenen schlotternden Füße zu stolpern.
Mit einem Satz fiel Chris auf seinen Steiß, schrie ungehalten auf.
Sein Schrei wurde umso spitzer als er die schemenhafte, wabernde Gestalt am anderen Ende des Wohnraumes erblickte.

„Nein, ausgeschlossen!”

Der Lord kniff die Augen zusammen, denn das, was er dort sah, konnte unmöglich den Tatsachen entsprechen!

Ein paar Mal blinzelte er, rieb sich fahrig die Augen, riss sie auf.
Doch der Anblick hatte sich nicht verändert.

Chriiis!

Die Stimme war ein schauriges Heulen, nicht mehr das, was sie einmal war.
Augenblicklich überzog sich des Lords kompletter Körper mit einer unangenehmen Gänsehaut, denn auch das furchteinflößende Kettengerassel hatte wieder eingesetzt.

Chriiis!

Das Heulen wuchs an, bis es die Ausmaße eines Tornados zu besitzen schien.
Der Lord war aufgesprungen und hinter seinen Sessel geflüchtet. Nur sein Schopf lugte noch hervor, starrte er vollkommen verängstigt in die Ecke seines Salons, aus dem jenes Klagen zu vernehmen war.

„Es bringt rein gar nichts, dich zu verstecken. Vor deinem Schicksal gibt es kein Entrinnen, Chris!”

Ein eiskalter Windhauch strich Angesprochenem über den Rücken, verstärkte seine Gänsehaut und sein Unwohlsein.

Und, und was sagte dieser Geist – dieses Etwas da? In Gedanken korrigierte der Lord sich.

Geist.
Es gab keine Geister!

Er sah genauer zu dem durchscheinenden Wesen, nahm deutlich deren Umrisse wahr. Und schluckte.
Was – eher wen – er vor sich sah, ließ ihn erschaudern.

Ausgeschlossen. Völlig unmöglich!

Die Gestalt sah aus… wie sein ehemaliger Geschäftspartner Dero Goi.
Der aber mit absoluter Sicherheit bereits vor sieben Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Daran gab es keinerlei Zweifel.
Er, der Lord, war immerhin derjenige gewesen, der die Gespräche mit den Totengräbern geführt hatte.
Und er war der Einzige gewesen war, der diesem Mann an jenem verregneten Tag die letzte Ehre erwiesen hatte.

Das Heulen verstärkte sich, ging von der geisterhaften Gestalt aus und fuhr dem Lord durch Mark und Bein. Er wusste nicht, wie ihm geschah, warum er sich bewegte, doch er spürte, wie sich ein Bein vor das andere setzte.
Dann stand er mitten in seinem Salon, zitterte wie Espenlaub.
Der Schreck fuhr ihm durch alle Glieder, als er das Wesen, das dort schwebte – wahrlich, es stand nicht, er konnte diesen Zustand nur mit Levitation beschreiben – nun in seiner ganzen Pracht erblickte.

Ein widerlicher Kloß bildete sich in seinem Halse.

Geister!

Dero Goi – oder das, was von ihm übrig war – hing wie Rauchschwaden in der Luft.
Doch als würde dieser Umstand nicht allein dazu führen, dass ein Mensch seinen Verstand verlieren könnte, war die wabernde Gestalt seines ehemaligen Geschäftspartners über und über mit schweren Ketten behangen.
Sie schlangen sich um dessen Hals, seinen Rumpf, ja, sogar um jeden Arm und jedes Bein.

„Nun schau nicht so!“

Der Lord zuckte unweigerlich zusammen.
Die Stimme Deros war kalt, herrisch. Sie hatte alles Lebendige verloren.

„Dir, Chris, wird dasselbe Schicksal zuteil werden wie mir!“

Der Geist schwebte näher an den Lord heran und es schien, als würde die Luft anfangen zu gefrieren.
Das Atmen wurde zur Herausforderung.

„Aber… wieso?“

Der Lord hatte sich gefasst, für einen kurzen Moment überwunden.
Und verstand die Welt nicht mehr.

„Du fragst, wieso?“

Die wabernde Gestalt griff nach den ektoplasmatischen Ketten um seinen Leib, rüttelte an diesen. Wieder schwoll ein grauenvoller Chor aus Kettengerassel an.
Und der Geist baute sich bedrohlich vor dem Lord auf.

„Du weißt, was ich zu Lebzeiten getan habe. Du weißt, dass ich kein guter Mensch war! Glaub mir, wenn ich sage, dass dein zu tragendes Päckchen größer sein wird!“

„Humbug! Du warst ein ehrenhafter Geschäftspartner. Unsere Kasse hat nur so geklingelt!“

Auf einen Schlag wurde es dunkel im Salon.
Von Deros Geist ging eine frostige Aura aus, breitete sich im gesamten Raum aus.
Und zugleich war dieses Wesen die einzige, dämmrige Lichtquelle, die den Raum ein wenig erhellte.

„Sei kein Narr! Ich habe die Ärmsten der Armen betrogen und das Gold mehr geschätzt als jegliches Menschenleben. Die Liebe hat mir nichts bedeutet, Spaß war mir ein Fremdwort. Jede dieser Ketten habe ich mit meiner Hartherzigkeit, meiner Gier und meinem Geiz selbst geschmiedet.“

Für einen kurzen Moment hielt der Geist inne, sah den Lord mit einem bedauernden Blick an.

„Oh Chris. Deine Ketten werden noch viel schwerer, noch viel länger sein als meine. Auf alle Ewigkeit wirst du büßen müssen für deine Taten im Hier und Jetzt. Aber es ist noch nicht zu spät. Heute Nacht besuchen dich drei Geister. Heute Nacht kannst du dein Schicksal ändern.“

Die nebulöse Gestalt war während dieses Monologs immer weiter vom Lord abgerückt, der mit vor Schreck geweiteten Augen bloß schweigend dort stand.

„Heute Nacht… drei Geister… Schicksal ändern…“

Ein weiterer eisiger Windhauch und alles war, als wäre nie etwas geschehen.

~~*~~


Unruhe zerriss ihn beinahe innerlich.

Wahrheit oder Fiktion?

Der Lord wusste nicht, wie er die Begegnung mit Deros Geist einzuordnen hatte – sollte sie überhaupt stattgefunden haben.
Nervös ging er auf und ab, an schlafen gehen war nicht zu denken. Und dennoch hatte er seinen Morgenrock übergestreift und seine warmen Hausschuhe angezogen.

Die vergoldete Kuckucksuhr in seinem Schlafgemach zeigte 23.34 Uhr.
Und bisher war nichts geschehen.

Nichts.

Seine Anspannung löste sich von Minute zu Minute, in der nichts weiter passierte als – nichts.
Draußen rieselte weiterhin beharrlich der Schnee und dunkel war es auch.
Ganz so, wie es zu dieser Uhrzeit sein sollte.

Vielleicht war es doch bloß Einbildung gewesen?
Ja, natürlich! Was auch sonst?
Der heutige Arbeitstag mit Jaeschke hatte ihn einfach geschafft.

Mit einem Grinsen auf dem Gesicht und Erleichterung im Herzen ob seiner eigenen Verschrobenheit, begab sich der Lord zu Bette.

~~*~~


„Aufwachen, Schlafmütze!“

Etwas kitzelte ihn an der Nase.

„Hörst du schlecht, Alterchen?“

Ein unerwarteter Schlag mit einem Zweig ins Gesicht, ließ den Lord Augenblick erwachen.
Schwerfällig hob er den Oberkörper von den Kissen, stützte sich ab, öffnete die Augen…
Und erschrak, als er in die vielfarbigen Augen eines kleinen Menschleins starrte.
Ein gellender Schrei entfuhr ihm.
Von seinem Gegenüber erntete er dafür lediglich schallendes Gelächter.

„Ein schreckhafter Greis also!“

Ob seines eigenen Kommentars hielt sich besagte Gestalt den Bauch, kugelte sich vor Lachen.
Auf den Beinen des Lords.

„Nun troll dich von mir herunter, du Tölpel!“

Mit aller Kraft versuchte der Lord seine Wut im Zaum zu halten, obwohl sein Geist noch im Land der Träume zu verweilen schien.

Ohne Widerrede gehorchte das kleine Geschöpf, das im Stehen nun gar nicht mehr so klein aussah, wie auf allen Vieren.
Ein Mann, ein ausgewachsener Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und einem Stechpalmenzweig in der Hand, stand nur vor seiner Schlafstätte.
Ein glockenklares Kichern ging von ihm aus und -

Was sah der Lord da?
Spitze Ohren? Lugten etwa spitze Ohren unter der gestreiften Bommelmütze hervor?

Der Lord rieb sich die Augen, riss diese dann auf.

„Herrje, Alterchen. Nun raus aus den Federn. Wir haben viel zu tun!”

Langsam drangen die Worte dieses Wesens zu seinem Gehirn vor, wurden nach und nach verarbeitet.
Und irgendwann, etliche Sekunden später, erhob der Lord sich aus seinem Bett.
Prüfend wanderte sein Blick zur Kuckucksuhr, die ihm verkündete, dass es vor wenigen Minuten erst Mitternacht geschlagen hatte.

„Heute Nacht… drei Geister… Schicksal ändern…“

Augenblicklich hatte der Lord unsägliches Heulen im Kopf, ihm wurde kalt.
Um dieses unerträgliche Gefühl abzustreifen, schüttelte er sich. Und blickte voller Entsetzen zu seinem nächtlichen Besucher.
Das entging eben diesem nicht, der noch immer abwartend vor des Lords Nachtlager stand.

„Du bist...?”

Das Wesen mit den spitzen Ohren und der aberwitzigen Mütze auf dem Schopfe nickte, blickte ernster drein.

„Fürwahr, ich bin der erste Geist, der dich diese Nacht aufsuchen wird.  Wir sollten uns sputen, die Zeit drängt. Das Schicksal ist dir auf den Fersen.”

Ehe der Lord sich versehen konnte, war die mystische Gestalt nähergekommen und hatte ihn an die Hand genommen.
Wieder zierte ein kindliches Grinsen das makellose Gesicht des Geistes, bevor sie gemeinsam abhoben.

Abhoben?

Mit einem wirren Gefühl in den Eingeweiden starrte der Lord gen Boden und kam nicht umhin festzustellen, dass seine flauschigen Schlappen wahrhaftig nicht mehr die Dielen seines Schlafgemachs berührten.
Übelkeit machte sich in ihm breit, dazu der Gedanke, dass das alles der reinste Irrsinn war!

„So glaube mir, nichts von alledem ist Humbug, wie du es immer so schön nennst. Mein Besuch ist die bittere Realität.”

Mit vor Schreck geweiteten Augen sah der Lord hinüber zu seinem Besucher, der noch immer ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen trug.
Allein die Berührung ihrer Hände hielt ihn, den Lord, davon ab, wie ein nasser Sack gen Grund zu fallen.

Er schluckte hart, sah noch aus den Augenwinkeln, wie der Geist den Stechpalmenzweig schwang, ehe er verängstigt die Augen schloss.
Der Lord spürte, dass er vorwärts gezogen wurde. Wärme umfing ihn.
Dann plötzlich - Kälte.
Der Lord fror. Er fror unsagbar.
Und schlug die Augen auf, die er bis dato noch immer fest zusammengekniffen hatte.

Seine Schule? Seine unendlich verhasste Schule?

Irritiert sah er sich um, erblickte noch mehr, das ihm bekannt, aber unendlich fern vorkam.

Zitternd watete er - bloß in Hausschuhen und seinem dünnen Morgenrock gekleidet – auf das wenig einladende Gebäude zu.
Neben sich hörte er Schritte im Schnee, drehte dann den Kopf.
Der Geist folgte ihm.

„Wo... wo sind wir?”

Diesmal war es ein trauriges Lächeln, das sich auf die Züge des Geschöpfes schlich.
Es schüttelte trübselig den Kopf.

„Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht. Und das -”

Der Geist zeigte auf die Fensterfront, die schmutzig und unbeleuchtet, vor ihnen lag.

„- ist deine Geschichte.”

Es waren genau die Worte, vor denen er sich fürchtete, seit er die Augen an diesem Ort geöffnet hatte.
Doch nun, wie ferngesteuert, lief er die letzten Schritte auf die dreckigen Glasscheiben zu, wischte sich mit seinem Ärmel ein Stück frei und erblickte die niederschmetternde Wahrheit.

Er sah sich, sein jüngeres Ich.
Alleine, traurig, verlassen.
An jenem Tag, an dem er niemals hatte allein sein wollen.

Es hatte geschneit – etwas, das hier in Hamburg so selten war und...

Der Lord begann zu stottern, weiße Kondenswölkchen bildeten sich vor seinem Munde, als er diesen öffnete, aber kein Laut über seine Lippen kam.
Die Erinnerungen holten ihn ein. Er kämpfte mit aller Macht, um nicht auf die Knie zu fallen.
Gegen die Kälte hatte er weniger Chancen. Das Zittern verschlimmerte sich.

„Aber...”

Der vielfarbige Blick des Geistes legte sich auf ihn, durchbohrte ihn regelrecht.

„Ja, alter Mann?”

Der Lord rang nach den richtigen Worten, aber nichts fiel ihm ein.
Nichts, außer...

„Es war... es war doch Weihnachten?”

Wieder ertönte das glockenhelle Gelächter des Geschöpfs neben ihm.

„Als würde es dich scheren, wann welcher Festtag wäre. Oder irre ich mich?”

Bevor der Lord den leisesten Ton erwidern konnte, veränderte sich die Szenerie vor seinen Augen.
Ein Strudel aus Farben, die Kälte verschwand für einen Augenblick, Wärme umfing ihn.
Bloß, um erneut von Frost vertrieben zu werden.

Auch diesen Ort erkannte er.
Es war...

„Nein, nicht hier!”

Der Lord sah den Geist der vergangenen Weihnacht flehentlich an, doch dieser zeigte nicht für eine Sekunde Erbarmen.
Das Wesen schüttelte bloß schweigend den Kopf.
Der Lord hingegen versuchte sich innerlich zu wappnen, doch insgeheim wusste er, dass das unmöglich war. Das Kommende war seine Achillesferse.

Der ältere Mann ignorierte die Kälte, die gnadenlos an ihm zerrte, versuchte das Zittern zu kontrollieren, als er sich auf den Weg zu dem prachtvollen Haus aufmachte.

Sein Haus.
Sein altes Haus, korrigierte er sich unverzüglich.

Jetzt, jetzt wohnte seine ehemalige Ehefrau in diesem prunkvollen Gebäude.
Genoss ihr Leben womöglich mit einem neuen Partner.

Der Lord räusperte sich.

„Sehe ich da eine Träne in deinen Augen, Alterchen?”

Sein Zorn war wie von Zauberhand entflammt.

„Humbug! Nichts als Humbug! Was soll das?”

Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, ging er auch hier zum Fenster und starrte hinein.
Hinein in seine frühere Wohnstube, sein früheres Leben.
Es kam ihm vor, als wäre all das Jahr Millionen her.

Der Lord erblickte Ronja, seine über alles geliebte Frau.
Er sah Michael, wie er um den Weihnachtsbaum herumtollte, ein Steckenpferd zwischen den Beinen klemmend.
Und er sah sich selbst, wie er am Kamin stand, seine Familie beobachtend, glückselig.
So viel Glück hatte er nur damals verspürt.

Nun verspürte er nur Leere und einen Stich im Herzen.

„Sie wartet noch immer auf dich.”

Entsetzt schoss der Kopf des Lords in die Richtung, aus der das Gesprochene gekommen war. Unglaube machte sich in ihm breit.
Das war unmöglich!

„Nein, ist es nicht. Aber es liegt an dir. Einzig und allein an dir.”

Hatte er etwa laut gesprochen?
Offensichtlich.

Der Lord erinnerte sich noch genau an die Trennung. Es war seine Schuld gewesen, das wusste er.
Er hatte sich schon früh an sein Geschäft gemacht und irgendwann, als dieses begann zu florieren, war die Gier in ihm immer weitergewachsen.
Dero Goi und er wollten immer mehr, immer weiter. Alles andere war nebensächlich.
Selbst die eigene Familie.
Es war ein trüber Tag im Frühjahr gewesen, als Ronja ihn im Laden besucht und nach Gold für Wechselkleidung für Michael gefragt hatte – und er, der mächtige Lord, war so dreist gewesen ihr an den Kopf zu werfen, sie möge arbeiten gehen, wenn sie dem Balg andere Kleidung kaufen will.

Dieser Satz hatte das Fass zum Überlaufen gebracht und er war wieder alleine gewesen.
Wie zuvor als kleiner Junge.
Das sah er nun ein.

Damals jedoch hatten er und Dero sich köstlich darüber amüsiert und die frei gewordene Zeit in noch mehr Arbeit und Schikane der Angestellten und aller anderen Menschen investiert.

„Wir müssen gehen. Die Zeit ist nun um.”

Der Lord bekam von der Heimreise nichts mit, war er in Gedanken noch immer in seiner Vergangenheit, verweilte in seiner heilen Familienwelt.
So lange es ging.

Als er das nächste Mal bewusst etwas wahrnahm, stand er wie benommen in seinem Schlafgemach. Eine einzelne Träne lief ihm die Wange hinab.

„Geist der vergangenen Weihnacht? Bist du noch da?”

Doch niemand antwortete.

~~*~~


Die Zeiger der prunkvollen Kuckucksuhr kündigten 1 Uhr nachts an.

Noch immer stand der Lord in seinem Schlafgemach, vollkommen unbewegt.
Einzig die Tränen waren versiegt, der Schmerz jedoch war geblieben.

„Na, was ist denn hier los?”

Eine warme, dunkle Stimme ließ ihn zusammenfahren.
War das nun etwa der zweite Geist?

Langsam und gefasst drehte sich der Lord zum Ursprung der Stimme um.
Und wurde überrascht.

Vor ihm stand eine große männliche Gestalt, mit langen Haaren und einem langen Bart, dick eingepackt in einen festlichen Mantel und einem Mistelzweigkranz auf dem Kopf.
In der einen Hand hielt eben jene einen gläsernen Humpen, in der anderen einen köstlich duftenden Geflügelschenkel.

Ein tiefes Lachen erklang.

„Ich bin der Geist der gegenwärtigen Weihnacht, doch bevor wir uns an die Arbeit begeben, werden wir uns zunächst stärken. Jeder weiß: ohne Mampf, kein Kampf.“

Komischer Kauz.

Just in diesem Moment, bevor der Lord noch weitere Gedanken verschwenden konnte, drehte sich die Welt um ihn herum, sein Schlafgemach verschwand.
Plötzlich stand er in einem Meer aus den köstlichsten Leckereien, von denen ein Mensch nur zu träumen wagte!
Speisen über Speisen stapelten sich, bildeten Türme, die lange Schatten warfen.
Unzählige Weinfässer und Bierkrüge reihten sich auf, vollendeten den dekadenten Anblick.

„Nimm‘ dir, nimm‘ dir! Weihnachten ist das Fest der Liebe, das Fest des Gebens.“

Der Geist hielt sich das Wohlstandsbäuchlein, lächelte gar gutmütig, als er sich an die Tafel setzte, die wie von Zauberhand aufgetaucht war. Sogleich tat er sich allerlei auf und begann mit dem Verzehr.

„Keine falsche Scheu. Ich bitte dich, bediene dich. Dann kann es auch alsbald losgehen.“

Doch der Angesprochene stand wie angewurzelt an Ort und Stelle, sah dem wohlgenährten Geist bloß zu.
Als er sich nach einiger Zeit doch dazu entschloss, sich an den Speisen gütlich zu tun und einen Schritt wagen wollte, traf sein Hausschuh… nichts.
Der Lord kippte vornüber, fiel in einen Strudel aus Schnee und Mistelzweigen, ehe er wieder festen Boden unter den Füßen spürte.
Erleichtert atmete er auf.

„Zu spät, mein Lieber. Manche Angebote sollte man annehmen, wenn sie gemacht werden. Hadern bring einen nicht voran, die reinste Zeitverschwendung. Genieße das Hier, das Jetzt.“

Die Stimme des Geistes hatte sich bei den letzten Worten verändert.
War sie zuvor vergnügt gewesen, wies sie nun einen kalten, harten Ton auf. Die Gestalt wies mit ausgestrecktem Finger auf die Hütte hin, vor der sie gelandet waren.

„Manchen Menschen bleibt überhaupt nichts anderes übrig als genau das zu tun. Liebe ist das höchste, das größte Gut. Und manchmal auch das Einzige, das man anderen zuteilwerden lassen kann.“

Der Lord verstand nicht, wusste nicht, wo er sich befand.
Er wusste nur, dass es bitterlich kalt war und er sich in der Gegenwart befinden musste.
Um seiner Unwissenheit ein Ende zu bereiten, tat er, wie ihm geheißen und suchte sich mühsam und frierend seinen Weg durch den Schnee hin zu diesem verfallen aussehenden Gebäude.
Die Tür hing schief in den Angeln, die Fassade wies vielerlei Löcher auf und die Glasscheibe der Eingangstor war rissig.

Unmöglich, dass darin ein Mensch leben konnte!

Doch je näher der Lord dieser ärmlichen Behausung kam, desto sicherer wurde er, dass er sich täuschen musste.

Hörte er etwa Gesang?
Vernahm er die heimeligen Töne einer Fidel?
Das Gelächter von Kindern?
Geklatsche?

Gewiss, so war es.

Mit aufeinanderschlagenden Zähnen stand er also vor dem dünnen Fensterglas jener Behausung und blickte hinein.

„Das ist doch…“

Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht nickte.

„Korrekt, hier wohnt dein Angestellter Bengt Jaeschke mit seiner Familie.“

Der Lord runzelte die Stirn und beobachtete die Szenerie eindringlicher, nahm alles in sich auf, schüttelte dann den Kopf.

„Wieso wohnt er hier? Wieso sieht sein Haus so aus? Ich bezahle doch-”

Eine Hand, die sich jäh in sein Gesichtsfeld schob, unterbrach ihn.

„Ich hoffe sehr, du wolltest nicht ‚anständig‘ sagen. Das tust du nicht, du Geizkragen. Siehst du das da? Diese jämmerlichen Vögel neben dem Ofen? Zu fünft essen sie zwei Tauben, die sie auf den Straßen Hamburgs gefangen haben. Tauben, an Weihnachten! Für mehr reicht das Gold nicht.“

Die mystische Gestalt schüttelte betrübt den Kopf, sah dann zum Lord.

„Sie wollten den Kindern nicht das Kaninchen wegnehmen.“

Ein tonnenschwerer Kloß bildete sich im Hals des Lords. Die gesamte Situation wirkte so surreal.
Keine Nahrung, kein annehmbares Haus…

War er so ein schlechter Mensch, so ein geiziger Arbeitgeber?

Wieder fielen ihm die anfänglichen Worte des Geistes ein.
Wieder ließ er den Blick über die Familie schweifen, die trotz der Situation glücklich wirkte.
Glücklich, weil sie sich hatten.
Glücklich, weil die Liebe stärker war als Reichtum es jemals sein konnte.

Schnell schaute der Lord gen Boden, als er spürte, dass sich erneut eine Träne aus seinen Augen stahl. Er wischte sie fort, ehe sie eine kalte Spur auf seiner Haut hinterlassen konnte.
Kälte, das war es, was sein Innerstes am besten beschrieb.

Eine Sache jedoch war ihm aufgefallen, ließ seinen Kopf emporschnellen und erneut einen Blick auf die Szene in dem ärmlichen Hause werfen.
Während sein Angestellter Bengt wundersame Melodien auf der Fidel spielte, zwei der Kinder mit der Mutter gemeinsam vor dem dunklen Kamin tanzten, saß das dritte Kind auf einem Hocker neben Bengt und klatschte.
Neben ihm lag eine kleine, hölzerne Krücke.

„Geist, sag mir, was ist mit dem Jungen?“

Der Geist sah erst zu dem alten Mann, dann zu dem Jungen, nach dem gefragt worden war.
Und schnaubte.

„Abgesehen davon, dass ihm bitterkalt ist, weil sein Vater von seinem Arbeitgeber keine Kohlen bekommen hat?“

Der Blick des Geistes wanderte zurück zum Lord und dieser spürte, wie die sonst gütigen Augen ihn durchbohrten.

„Der kleine Max ist krank und wird sterben. Schon bald, wenn er keine Hilfe erfährt.“

Für einen Moment setzte des Lords Herz aus!
Er dachte an seinen Sohn, sah ihn dort stehen.
Sah Michael dort, als er so alt gewesen war.

„Nein, das darf nicht sein!“

Der Blick des Geistes lag noch immer auf ihm.

„Nein, dem Jungen darf nichts geschehen, versprich’ es mir!“

Doch der Geist der gegenwärtigen Weihnacht schüttelte mit verhärteter Miene den Kopf.

„Das liegt nicht in meiner Macht.“

~~*~~


Konnte es schlimmer kommen?
Hatte er nicht genug erlebt und gesehen?

Der Lord stand aufgebracht in seinem Schlafgemach, schritt auf und ab.
Lief Furchen in seine Dielen.

Die Kuckucksuhr schien ihn zu verhöhnen, so langsam bewegten sich deren Zeiger.
Doch allmählich wurde es Zeit. In wenigen Sekunden würde sie 2 Uhr nachts schlagen und der letzte Geist käme, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Sollte er Anspannung fühlen?
Der alte Mann wusste es nicht.
Statt nervös zu sein, regte sich etwas anderes in ihm.
Etwas, das er schon längst dachte, vergessen zu haben.

Die Zeiger setzten zur Bewegung an, schoben sich auf ihre korrekte Position.
Just in diesem Moment geschah es.

Schwärze.
Ein langer Schatten, der sich seinen Weg quer durch des Lords Schlafgemach bahnte.
Der alte Mann keuchte auf, schlug sich die Hand vor den Mund.
Nervlich war er mittlerweile mehr als bedient.
Als er sich umdrehte, traf ihn beinahe vollends der Schlag. Es war als durchführe ihn der Blitz!

Vor ihm schwebte ein Geist, aber dieser… dieser ängstigte ihn wirklich.

Der Tod, der Schnitter!
Er war gekommen!

Er, der Lord, hatte seine Chance vertan.
Es war zu spät.

Oder nicht?

Er besann sich auf seinen Verstand, trat Schritt für Schritt näher an das kapuzengekleidete Geschöpf heran.

„Bist du der letzte Geist?“

Schweigen.

Der Lord überlegte.
Wenn man ihm seine Vergangenheit und seine Gegenwart vor Augen geführt hatte, dann musste dies hier der Geist der zukünftigen Weihnacht sein!

Er versuchte es erneut.

„Bist du der Geist der zukünftigen Weihnacht?“

Mit Argusaugen beobachtete er das Geschöpf.
Und wenn er sich nicht vollkommen irrte, dann bewegte sich das Gewand, ganz so, als hätte das Wesen genickt.

Vollkommen in seiner Analyse versunken, erschrak er sich beinahe zu Tode, als der Geist sich bewegte.
Die Gestalt hob ihren Arm, entblößte dabei eine vollkommen skelettierte Hand.
Der Lord kam nicht umhin, diese mit vor Ekel aufgerissenen Augen zu mustern.
Sekundenlang starrte er die fleischlose Extremität an.
Bis der Geist seinen skelettierten Finger ausstreckte und der Lord irritiert aufsah. Er folgte dem Fingerzeig und runzelte die Stirn.

„Aber… du zeigst auf das Fenster. Was soll ich tun?“

Wieder blieb das Geschöpf still. Der Fingerzeig hingegen wurde eindringlicher, der Finger bewegte sich unaufhaltsam und rhythmisch in Richtung des Fensters.
Im stolpernden Gang begab sich der Lord zur Fensterfront und blieb verunsichert davorstehen.

„Was soll ich tun? Oh Geist, sag’ doch irgendetwas.“

Von dem sonst so herrischen Mannsbild war in diesem Moment nichts weiter übrig.
Doch auch auf diese Bitte hin, blieb der Geist stumm.
Er schwebte jedoch näher an den Lord heran, wuchs auf seine doppelte Größe an und verschreckte den großen, alten Mann, sodass dieser mit fahrigen Händen das Fenster entriegelte und ins Freie sprang.
Doch ein Aufprall auf festem Grund erfolgte nicht.
Stattdessen stand der Lord erneut in seinem Schlafgemach, die Hände über den Augen, das Herz schmerzhaft pochend in der Brust.

„Ich-”

Erneut wurde er jäh unterbrochen, diesmal jedoch, als der Geist der zukünftigen Weihnacht mit seiner Sense auf das Bett zeigte.

Schauten dort etwa Füße heraus?
Schlief er?
Immerhin war das hier unverkennbar sein Zuhause.

Der alte Mann ging näher an das Bett heran und blieb dann mit angehaltenem Atem stehen, als die Tür hinter ihm mit lärmendem Geräusch aufflog und zwei gackernde Gestalten hereinmarschierten.

Zwei Menschen, die er kannte.
Totengräber.

Nein, unmöglich!

Sein aufgebrachter Blick folgte dem Tun der Männer, als sie sich dem Bett näherten und die Decke zurückschlugen.
Dort lag er, unbewegt, aschfahl, in Schlafsachen.
Die gleichen, die er just in diesem Moment auch trug.

Er war tot!
Er!

Er, der Lord, stand neben seinem eigenen Leichnam!

Wieder erklang das Gackern der Männer.

„Meinst du, wir können uns an seinem Hab und Gut bedienen?“

Schallendes Gelächter.
Nicken.

„‘türlich, ‘türlich. Er braucht’s ja nich’ mehr.“

„Ihr werdet doch nicht, ihr Taugenichtse!“

Der Lord sah dabei zu, wie die Totengräber die Münzen von seinen Augen nahmen, seine Taschen durchwühlten und sich dabei gierig die Lippen leckten.

„Ihr gierigen, schmutzigen Tölpel! Schert euch von dannen!“

Die Schläge, mit denen er die Männer bedachte, verpufften im Nichts.
Es war, als wäre er nicht hier, eine Illusion, nichts weiter als Rauch.

Erneut ging die Türe auf und eine rothaarige Gestalt trat ein.
Scarlet, seine Haushälterin.

„Meine Herren, aber nicht doch! Bedienen Sie sich ruhig, Sie müssen es nicht verhehlen. Nehmen Sie mit, was Sie für sich und Ihre Familie brauchen. Der Lord wird es nicht mit ins Grab nehmen können.“

Die Totengräber hatten zunächst innegehalten, doch nach dieser Aufforderung steckten sie alles ein, was nicht mehr niet- und nagelfest war.
Das irre Gegacker schwoll wieder an.

„Scarlet, wie kannst du nur? Du…“

Dann besah er die beiden Männer, schluckte seinen Groll hinunter.
Und wurde alsbald aus seinem Haus befohlen, hinaus auf die Straßen Hamburgs.

Sein Tod war in der Zukunft offenkundig kein Geheimnis.
Überall tratschten die Menschen, lachten, hielten sich mit Schmähungen nicht zurück.

„Geschieht dem Griesgram recht. Keiner wird um ihn trauern.“

„Selbst mit seinem Buben hat er es sich zu Lebzeiten verscherzt. Ein Wunder, dass der gute Michael zu dieser Beisetzung gehen wird.“

„Geiziger, grausamer Mensch. Möge er auf ewig in der Hölle schmoren!“

Gelächter und noch mehr Gelächter.

Der Lord hielt sich die Ohren zu, fiel auf die Knie.
Zu viel, es war zu viel!

Seinen Tod so vorgesetzt zu bekommen, seinen eigenen kalten Körper ansehen zu müssen.
Das Gerede, die hämischen Sprüche.
Der Satz über Michael...

Das Zittern, das seinen Leib erfasste, war bedingt von der Kälte.
Der emotionalen Kälte, nicht wegen der eisigen Temperaturen, die hier herrschten.
Träne um Träne bahnte sich ihren Weg.
Es gab keine Chance, sie zu unterdrücken.

„Es reicht. Ich habe es verstanden! Geist, oh, quäle mich doch nicht so! Siehst du nicht, wie sehr es mich foltert?“

Und irgendwann, nach etlichen Momenten der Qual, wurde der Lord stutzig ob des Untergrundes, der sich so anders anfühlte.
Kniete er plötzlich auf Schlamm, gar Morast?

Verängstigt schlug er die Augen auf und bereute seine Tat zutiefst.
Er befand sich auf dem Friedhof.
Der kurze Blick auf die vielen Grabsteine vor ihm hatte genügt.

„Nein! Nein, ich will nicht mehr. Bring mich sofort nach Hause! Ich flehe dich an!“

Er wimmerte wie ein kleines Kind, doch es war ihm gleich.

Minutenlang saß er da, seine Glieder wurden allmählich taub.
Irgendwann hob er den Kopf, öffnete die Augen.
Bloß um festzustellen, dass er sich noch immer auf dem Friedhof befand. Lediglich seine genaue Position hatte sich verändert – hatte sich zuvor eine Reihe alter und verwitterter Grabsteine vor ihm befunden, kniete er nun vor einem einzelnen, mit Blumen bedeckten Grab.

Offensichtlich war die Person erst vor kurzem bestattet worden.

Der Lord befürchtete schlimmes, als er genauer hinsah. Denn etwas anderes würde der Geist nicht zulassen.
Es war dunkel, gewiss, doch wie von Zauberhand war die Inschrift des behauenen Steines beleuchtet.

Der Lord schluckte, die Angst vernebelt seine Sinne.
Als er dann endlich die Lettern auf dem Stein ins Auge fassen konnte, war es noch schlimmer, noch grauenhafter als befürchtet.

Denn dies hier war nicht seine letzte Ruhestätte, es war die des kleinen Max!

Der alte Mann konnte nicht mehr an sich halten. Es war, als würde ein Staudamm brechen.
Der Lord fiel auf die Knie, zum wiederholten Male in dieser Nacht, und weinte hemmungslos.
Sein Herz war schwer, gebrochen.

„Nein, nicht der kleine Max! Nicht er, lieber ich!“

Mit seinen Fäusten hämmerte er auf den Gaben der Menschen umher, die Abschied von dem kleinen Jungen nehmen wollten. Er hämmerte solange, bis seine Hände den gefrorenen Boden berührten, er sich daran verletzte.
Ganz gleich, der körperliche Schmerz war kein Vergleich zu dem, den er tief in seiner Seele verspürte.
Und dann, als würde man ihm den Boden unter den Füßen wegreißen, öffnete sich der Erdboden unter ihm, den er eben noch so hart und erbarmungslos gespürt hatte.
Nun war dort nichts mehr, außer feurige Glut, die ihn verzehren würde.

Der Lord fiel und fiel. Seine Schmach nahm kein Ende.
Und er schrie als gäbe es kein Morgen.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht stand dabei bedrohlich am Rande des Erdlochs und beobachtete ihn.
Noch immer schweigend, ohne einzugreifen.

Er war verloren.

~~*~~


Schweißgebadet wurde der Lord wach.

Er lebte!
Wunderbar, er atmete!

Und müffelte noch obendrein wie ein Iltis.

Er musste dringend ein Bad nehmen, ehe er seine heutigen Angelegenheiten regelte.
Mit beschwingten Schritten ging er zur Tür seines Schlafgemachs, ein Grinsen im Gesicht.

„Scarlet? Scarlet?“

Er trat hinaus in den Flur und wartete auf die kleine, rothaarige Frau, die alsbald den Kopf aus der Küche im Untergeschoss steckte.

„Verzeihen Sie, das Frühstück-”

Vergnügt tänzelte der Lord zur Treppe, setzte sich auf das Geländer und glitt darauf hinunter.

„Aber… werter Lord! Ich…“

Der Angesprochene ging auf seine Hausangestellte zu, nahm sie in den Arm, summte ein Weihnachtslied und tanzte mit ihr einen ungestümen Tanz.
Seine schmerzenden Glieder und das Knacken jedes einzelnen Wirbels ignorierte er.

„Nichts da, Teuerste. Ich brauche ein Bad-”

„In der Tat, das brauchen Sie.“

Der Lord kicherte, was Scarlet nur die Augen aufreißen ließ.

„- aber essen werde ich auswärts. Und du, du nimmst dir den Tag frei, ja? Bezahlt natürlich. Heute ist Weihnachten. Du solltest bei deiner Familie sein!“

Er nahm die Frau bei der Hand, drehte sie um sich selbst.
Ehe Scarlet stehen blieb und ihn misstrauisch musterte.

„Geht es Ihnen gut, werter Lord?“

Eifrig nickte der Angesprochene, ein vergnügtes Lächeln auf den Lippen.

„Besser als all die Jahre zuvor!“

~~*~~


Weihnachtslieder pfeifend stiefelte der Lord durch die Gassen Hamburgs, sein Ziel permanent vor Augen.

Bevor er das Bad genommen hatte, hatte er einen zufällig an seinem Haus vorbeilaufenden Jungen beauftragt, Spielzeug und die größte Gans zu kaufen, die er finden konnte.
Gold hatte er ihm mitgegeben, viel mehr, als der Knirps brauchen würde.

In seiner Großzügigkeit hatte er, der Lord, verkündet, dass der Bub den Rest behalten könne, sollte dieser zurück sein, ehe er selbst aus dem Badezuber gestiegen sein sollte.
Er hatte sich Zeit gelassen, viel Zeit mit seinem Bad, und der Junge hatte es tatsächlich geschafft.

Nun stiefelte er also vollgepackt durch Hamburg, mit einer Mission im Geiste.

Der Lord kam an der Bettlerin vorbei, die er noch einen Tag zuvor mies behandelt hatte.
Sie erkannte ihn wieder, wich ihm aus, duckte sich gar.
Doch dieses Mal, dieses Mal würde es ganz anders verlaufen.

„Gnädigste. Ich bitte vielmals um Vergebung.“

Er verbeugte sich vor ihr, so tief es sein schmerzender Rücken erlaubte und warf ihr ein Säckchen voller Goldmünzen vor die Füße.

„Ein gesegnetes Weihnachtsfest, meine Liebe.“

Mit Genugtuung sah er dabei zu, wie die Frau um Worte rang.
Tränen stiegen ihr in die Augen, sie drückte ihren Säugling enger an sich, ehe sie sich bückte, um das Geschenk entgegenzunehmen.

„Vielen Dank, edler Herr. Euch auch ein gesegnetes Weihnachtsfest. Vergelt’s Gott.“

Vergnügt ging er weiter, das Herz voller Wärme.
Vorbei kam der Lord auch an dem Chor, den er am Tag zuvor noch geschubst und verhöhnt hatte.
Wieder sangen sie voller Leidenschaft und mit lieblichen Stimmen, diesmal Leise rieselt der Schnee.

Er gesellte sich dazu, zog seinen Hut, verbeugte sich, ehe er anfing ebenfalls zu singen.
Einige Zeit verblieb er bei den Fremden, erfreute sich an der Liebe, die er an diesem Ort spürte.
Dann machte er sich wieder auf seinen Weg, obwohl er diesen gar nicht kannte.
Er kannte lediglich sein Ziel.

Und dieses hatte er alsbald erreicht.

In friedlicher Ruhe lag das heruntergekommene Wohnhaus seines Angestellten nun vor ihm, der Kamin war von einer dichten Schneedecke bedeckt.
In dem Gebäude musste es bitterlich kalt sein.
Trübseligkeit machte sich in dem Herzen des alten Mannes breit.

Was hatte er Bengt bloß all die Jahre angetan?

Kurz blitzten die Bilder der vergangenen Nacht vor seinen Augen auf.
Die zwei Tauben neben dem erkalteten Ofen.
Die Glückseligkeit der Familie, weil sie sich hatten.
Der kleine Max, der mit seiner Krücke nur indirekt am Geschehen beteiligt war.

Schwer lastete die Schuld auf seinen Schulter, doch zugleich wusste er, dass nun eine neue Zeit anbrechen würde.
Die Zeit der Liebe.

Der Lord setzte seine grimmigste Miene auf, ging hinüber zur Tür, überprüfte ein letztes Mal, ob er all seine Gaben am Mann führte.
Dann hob er die Hand, ließ seine Faust donnernd auf das knarzende Holz der Tür fallen.

Einmal, zweimal, dann dreimal.

Und dann wurde auch schon die Türe geöffnet.
Vorsichtig, nur einen Spalt breit.

„We-werter Lord, was machen Sie denn hier?“

Bengts Gesichtszüge entglitten ihm, Fassungslosigkeit war ihm deutlich ins Antlitz geschrieben.

„Pah, lassen Sie mich herein!“

Der Lord stieß beinahe grob die Tür auf und damit seinen Angestellten derb zur Seite.

„A-aber…“

Dieser hatte sich noch immer nicht gefasst, rang um Worte, sah entsetzt zu seiner Frau, die schützend die Arme um die Kinder gelegt hatte.
Der Lord hingegen stolzierte in die ärmliche Behausung, inspizierte den kargen Raum genau.
Und augenblicklich wurde ihm gewahr, dass das, was er hier tat, schon längst überfällig war.

Seine eiserne, kalte Miene behielt er bei, hatte Mühe, ein vergnügtes Glucksen zu unterdrücken, als sich der Ausdruck auf dem Gesicht seines Angestellten keinen Deut erhellte.

„Wissen Sie, Jaeschke…“

Der Lord seufzte, kostete den Moment aus, spannte die gesamte Familie auf die Folter.
Gewiss erwarteten sie schlimme Nachrichten.

„Wissen Sie… Das, was ich jetzt mache, das hätte ich bereits vor Jahren tun sollen.“

Wieder hielt er inne, beobachtete, wie sich die Augen von Bengt weiteten.

„Nein, Lord. Es ist Weihnachten, bitte, seien Sie gnädig!“

Der Mann, der in karge Kleidung gehüllt war, fiel vor ihm auf die Knie.
Und da war es vorbei mit dem grausamen Spiel.

„Jaeschke, ich befördere Sie. Sie bekommen den Lohn, den Sie verdienen, der Ihnen zusteht.“

Der Kopf seines Angestellten schnellte in die Höhe, eine Träne lief ihm durchs Gesicht.

„Wie bitte? I-ich habe mich wohl verhört!“

Grinsend schüttelte der Lord den Kopf.

„Nein, das haben Sie nicht, mein Guter. Sie bekommen genug Gold, um Ihre Familie zu ernähren.“

Von Bengts Frau war ein spitzer Schrei zu vernehmen.

„I-ich weiß nicht, was ich sagen soll…“

Das Grienen des Lords wurde breiter.

„Aber, aber! Ich bin noch nicht fertig! Sie werden umziehen. Und hier, sehen Sie sich das an. Alles für Sie und Ihre Familie!“

Nun hielt er Bengt den prallen Jutebeutel entgegen, in welchem sich all seine Gaben befanden.
Sein Angestellter zögerte jedoch.

„Nun kommen Sie, ich beiße nicht!“

Bengt warf einen Blick zu seiner Frau, die träge nickte.
Dann umschloss seine Hand den Sack und er öffnete ihn.
Ein Keuchen durchfuhr die Stille, die eingekehrt war.

„Ein besinnliches Weihnachtsfest, Bengt!”

Der Lord setzte einen weichen, warmen Blick auf, doch der Angesprochene nahm ihn nur am Rande wahr.

„Unmöglich! Unglaublich!“

Wieder schaute Bengt hinüber zu seiner Frau, ignorierte seinen Vorgesetzten vor lauter Freude und Überforderung.

„Liebes, feure den Ofen an! Heute gibt es einen besonderen Schmaus! Und Kinder, für jeden ist etwas dabei! Frieren müssen wir auch nicht mehr! Kohlen haben wir nun auch!“

Zu mehr war Bengt nicht fähig. Mehrere heftige Schluchzer suchten sich ihren Weg, schüttelten den Mann.
Dann verfiel er in hysterisches Gelächter, holte seine Fidel und stimmte ein fröhliches Weihnachtslied an.

Gemeinsam feierten sie, Familie Jaeschke und der Lord, sangen und tanzten, als gäbe es kein Morgen.

~~*~~


Stunde um Stunde war vergangen, ehe der Lord das Haus der Jaeschkes verlassen hatte.

Voller Liebe, Wärme und den Geiste der Weihnachten in der Seele tragend.
Diese Gefühle gaben einem Menschen so viel.

Er hatte gemeinsam mit den Kindern die Geschenke ausgepackt und eine Ewigkeit mit dem kleinen Max verbracht.
Ihm viel Zeit gewidmet, dem kleinen Jungen, dem er so viel zu verdanken hatte.

Und nun, nun gab es nur noch eine Sache, die erledigt werden musste.
Und vor dieser graute es ihm mehr als vor den Begegnungen mit den Geistern.

Der Lord hatte sich fein herausgeputzt, seine beste Kleidung angezogen und nun, am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages, auf den Weg gemacht, um seine Familie zu besuchen.
Es war Zeit, sich endlich seinen Sorgen und Nöten zu widmen.

Die Zeit der Verdrängung war vorüber.

Die Musik war bereits von weitem zu hören.
Schon, als er das Tor passierte, dem Weg hinauf zur Türe folgte.

So lang her, doch niemals vergessen.

Der Lord verlor sich im Anblick der schneebedeckten Landschaft, jagte all die trüben, grauen Gedanken fort.
Es zählte das Hier und Jetzt.

Und dann erreichte er die Haustüre, nahm zögernd den Türklopfer in die Hand und machte sich bemerkbar.
Schon bald wurde ihm geöffnet und niemand anderes als sein Sohn stand vor ihm.

„Vater, du bist gekommen!“

Der Lord schluckte schwer, war die Stimme von Michael nicht zu deuten.

„Nur… nur wenn ihr mich hier haben wollt, ja.“

Ein Grinsen auf dem Gesicht seines Sohnes vertrieb die letzten Zweifel.
Umgehend wurde er hereingebeten, sein Mantel wurde ihm abgenommen.

„Erzähl‘ keinen Unfug. Darauf warten wir seit Jahren!“

Das Fest war bereits in vollem Gange, als die beiden Männer den prunkvollen Salon betraten.
Menschen über Menschen tanzten zur heiteren Musik, es wurde gesungen und geklatscht.
Dicker Pfeifenrauch hing in der Luft, dazu der verführerische Duft eines guten Festmahls.
Die allgemeine Fröhlichkeit war augenblicklich ansteckend.

Und dann erblickte der Lord sie.

Seine geliebte Frau.
Seine ehemalige Frau.

Auch ihr Blick fiel auf ihn.
Ehe der Lord es sich anders überlegen konnte, war er auf sie zugegangen.
Und sie auf ihn.

Sekunde um Sekunde verging, der Moment war magisch.
Ihre Blicke hingen ineinander, alles war beinahe wie damals.

„Chris, du bist hier? Nach all der Zeit?“

In ihrer süßen Stimme klang unverhohlener Schmerz mit.
Der Lord nickte.

„Nach all der Zeit. Es tut mir unendlich leid.“

Er schloss sie in die Arme, wollte sie nie wieder loslassen.

„Ich wünsche mir für dich, nein, für uns ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest. Vielleicht…“

Seine Stimme war mehr ein Flüstern und er ließ den Rest des Satzes ungesagt.
Doch seine liebe Frau verstand, nickte spürbar in der engen Umarmung.

Aus den Augenwinkeln heraus sah der Lord, dass scheinbar jeder im Saal sie musterte.
Doch eine Person schien besonders glücklich zu sein: Michael.
Er strahlte bis über beide Ohren, in seinen Augen glitzerte es feucht.

Dann jedoch erregte etwas anderes die Aufmerksamkeit des Lords.

Etwas hatte sich bewegt.
Etwas im besinnlich dekorierten Weihnachtsbaum.

Er musterte den Christbaum genauer, kniff die Augen zusammen.
Hatte sich gerade eben der Schmuck bewegt?

Nein, unmöglich!
Oder… oder etwa nicht?

Als er erneut eine Bewegung wahrnahm, war er sich sicher: das glitzernde Einhorn im Weihnachtsbaum hatte ihm zugezwinkert.

Ein Gruß?
Ganz gleich.

Der Lord spürte unendliche Dankbarkeit, ließ sie durch jede Faser seines Körpers strömen.
Er glühte förmlich vor Liebe und Wärme, als er erneut zu wispern begann.

„Fröhliche Weihnachten.“


ENDE


~~*~~



Trotz dieser wirren Zeiten, wünsche ich euch ein frohes Weihnachtsfest!
Bleibt gesund.

Ich hoffe, ich konnte euch die Vorweihnachtszeit mit dieser Geschichte ein wenig versüßen.
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