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Stille Nacht, göttliche Nacht

von Fin-chan
OneshotLiebesgeschichte / P12 / Het
Hiyori Iki Yato
20.12.2020
20.12.2020
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1.664
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20.12.2020 1.664
 
Ein lieber kleiner, kitschiger Adventsgruß an die liebe yassi-chan, die uns hier immer so fleißig mit wunderbarer Yatori-Romantik versorgt. Viel Spaß dabei!

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Yato lehnte an einem eisbedeckten Geländer und schaute deprimiert auf die halb zugefrorene Wasseroberfläche des künstlich angelegten Kanals, der sich quer durch seinen Lieblingsfreizeitpark schlängelte. Seine Hände waren bereits rot gefroren und vor seinem Mund bildeten sich weiße Atemwölkchen, so kalt war es jetzt geworden. Außerdem zog es ihm wirklich frisch um seine Beine aber das Gefühl ignorierte er, so gut er konnte.

Auch, wenn er mittlerweile jeglichen Glauben an die Echtheit der flauschig niedlichen Bewohner dieser Fantasie-Welt verloren hatte, so war es und würde es wahrscheinlich für immer ein ganz besonderer Ort für ihn bleiben.

An so vieles hatte er mittlerweile den Glauben verloren.

Heute war Heiligabend. Ein Tag des Selbstmitleides. Nicht, dass der Heilige Abend für ihn jemals irgendeine besondere Bedeutung gehabt hätte, doch heute hatte er eine bekommen. Am Nachmittag hatte er einen Job bei einer Familie angenommen, die erst kürzlich aus den USA nach Japan emigriert war. Der Vater – Inhaber einer namhaften Baumkuchenmanufaktur - hatte sich eine große Villa nach westlichen Maßstäben umbauen lassen und alles, was noch gefehlt hatte, um das christliche Fest der Liebe begehen zu können, war die Grundreinigung des Schornsteines plus Überprüfung der Funktionalität des Kamines gewesen. Denn schließlich musste sichergestellt werden, dass Santa Claus ohne Probleme unter den Weihnachtsbaum finden würde.
Als Yato also seine wohlverdienten 5 Yen in die Hand gedrückt bekommen und in die strahlenden Kinderaugen der beiden kleinen Mädchen vor dem großen Lichterbaum gesehen hatte, da war ihm schmerzlich bewusst geworden, was er niemals selbst würde haben können.

Er war ja so unendlich neidisch… Auf Santa Claus, der in Takamagahara ein Grundstück in der Größe dieses Freizeitparks sein eigen nannte, auf diesen Familienvater, der als Fabrikant der beliebtesten Kuchen Japans sicher jeden Tag mindestens ein Kilo dieses leckeren süßen Gebäcks verdrücken durfte, aber als erstes und vor allem auf alle Bewohner dieser Erde, egal ob Gott, Geist oder Mensch, die diesen Abend gemeinsam mit ihren Familien verbringen durften. Mit den Menschen, die sie liebten.

Er seufzte tief in die beinahe gespenstische Stille des Capypalandes hinein.
So viele Wochen lang war er tapfer gewesen, so viele Wochen der Kämpfe, der Ungewissheit und der Sehnsucht, doch heute konnte er nicht mehr tapfer sein. Heute wollte er sich endlich einmal erlauben, sich in seinem Elend zu suhlen und ganz und gar der Trauer hinzugeben. Er hatte sie verloren – seine einzige Anhängerin, seinen Lichtblick und damit zwangläufig und tragischerweise auch das einzige Mädchen, in das er jemals verliebt gewesen war… und immer noch liebte und vermutlich auch immer lieben würde. Hiyori Iki – braunes, glänzendes Haar, beinahe violett schimmernde Augen, eine Haut, so rein und hell wie Sahne, mutig, klug und ein Herz aus Gold. Eine wahre Schönheit, von innen und von außen.
Sie war zu gut für ihn gewesen, von Beginn an – ihre unendliche Güte hatte ja überhaupt erst dazu geführt, dass die Fäden ihrer Schicksale miteinander verwoben worden waren. Damals, als sie ihn vor dem herannahenden Bus weggestoßen hatte, war sie diese Verbindung zum Jenseits eingegangen, die sie letztendlich Stück für Stück viel zu weit auf die andere Seite gezogen hatte.
Er hatte keine Wahl gehabt. Schon so lange hatte er gewusst, dass er eines Tages nicht mehr darum herum kommen würde, die Verbindung zu kappen. Dass ihm Tenjin mindestens genauso lange ins Gewissen geredet hatte, war nur das Zünglein an der Waage gewesen. Es war schlicht und ergreifend zu gefährlich geworden. Er hatte sich zu viele Feinde gemacht und dass ihr frecher Geist immer in seiner Nähe war, wenn er in Schwierigkeiten steckte, war wieder und wieder den falschen Leuten aufgefallen. Gerade weil er sie liebte hatte er Sekki benutzen und die Verbindung kappen müssen. Zu ihrem Wohl. Natürlich redete Yukine seitdem kein Wort mehr mit ihm und Kofukus Tempel hatte er gemieden, um den ganzen schmerzhaften Erinnerungen aus dem Weg zu gehen. Und so war er seit dem, im wahrsten Sinne des Wortes von allen guten Geistern verlassen. Allein. Mal wieder. Er stützte sich mit den Unterarmen ab und schürzte die Lippen. Ja, heute wollte er sich selber leid tun.

Im Anschluss an seinen Job hatte er jeden Ort aufgesucht, den er in irgendeiner Weise mit ihr in Verbindung brachte. Hatte sich ganz und gar der bittersüßen Erinnerung hingegeben und war nun schlussendlich hier gelandet – im verlassenen und über die Wintermonate geschlossenen Capypaland. Dieser lächerliche kleine Zaun war nun wirklich kein Hindernis für den ehemaligen Unheilsgott gewesen, der er nun einmal war. Die sollten das Gelände hier wirklich besser überwachen lassen.
Hier war er einst mit Hiyori gewesen und hatte ein paar wirklich glückliche Stunden verlebt. Sie waren Karussell gefahren, hatten Süßigkeiten genascht, Souveniérs gekauft, Fotos mit einem Capyper gemacht. Okay – es war vielleicht kein perfekter Tag gewesen, wenn er an all die kleineren und größeren Katastrophen dachte, die ihnen passiert waren, aber am Ende bei der Elektroparade, da hätte sie gerne noch etwas mehr Zeit mit ihm allein verbracht… Nachdem sie das genaue Gegenteil behauptet hatte… Und bevor die Hölle über den Park hereingebrochen war… ABER dieser Moment – als sie ihn bei der Hand genommen und festgehalten hatte – der gehörte ihm ganz allein, für immer. Er lächelte schwach.

„OH MEIN GOTT!“

„Ja?“
Erschrocken fuhr er herum und sah in zwei wirklich bedrohlich funkelnde violette Augen.

„Yato! Ich wusste doch, dass du meine fehlende Schuluniform geklaut hast! Weißt du, wie lange ich die gesucht habe?“

Er riss seine Augen auf und konnte gar nicht fassen, was hier gerade passierte.
„Hiyori? Wie…“

„Wie ich dich gefunden habe? Wie es sein kann, dass ich dich noch sehen kann? Dass ich noch immer weiß, wer du bist?“

Er nickte schwach und schluckte hart. Außerdem konnte er das Zucken seiner Mundwinkel nicht unterdrücken. Es tat so gut, sie wiederzusehen. Am liebsten hätte er sie umarmt.

„Ich war gerade in der Nähe, als mir dein... Als ich merkte, dass du hier sein musst.“, murmelte sie und sah auf ihre Schuhspitzen, „Außerdem bist du nicht der Einzige, der heimlich Pläne schmieden kann. Ich habe mir von dir gewünscht, dass ich immer bei euch sein kann, weißt du nicht mehr? Seit wann ignoriert ein Gott die Wünsche seiner Anhänger, nachdem sie ihre Opfergaben dargebracht haben? Bin ich dir so zuwider?“

Er trat ein Stück näher an sie heran und strich ihr zärtlich die Haare aus der Stirn. Als sie mit großen Augen zu ihm aufsah, lächelte er sie warm an.

„Es war genau hier, als ich dich dasselbe gefragt habe, weißt du noch?“ Er atmete tief ein und aus. „Hiyori, wie könntest du mir zuwider sein? Ich… ich konnte nur einfach nicht mehr zulassen, dass du dich für uns in Gefahr begibst. Du bist ein Mensch und meine Aufgabe als Glücksgott ist es, dich glücklich werden zu lassen. Und das geht nur, wenn ich dich loslasse.“

„Tja, da haben wir jetzt ein Problem. Denn ich bin nicht bereit, dich loszulassen.“, sagte sie und sah ihm fest in die Augen.

Er runzelte irritiert die Stirn.
„Hiyori, ich verstehe nicht…“

„Tenjin hat auch mit mir gesprochen, weißt du? Immer und immer wieder. Als du begonnen hast, dich so zurückzuziehen, da konnte ich mir schon denken, was du vorhattest. Also habe ich Kofuku um Hilfe gebeten.“

„Kofuku? Aber…“

„So ist es. Kofuku. Ich habe mit ihr gewettet, dass sie es nicht schafft, meine Erinnerungen an euch alle zu bewahren.“

„Du hast mit ihr gewettet? Aber Hiyori…“

„Ganz genau, ich bin sehr viel Geld losgeworden.“ Sie nickte heftig, um ihre Aussage zu unterstreichen und ihr Gesicht nahm für einen Augenblick einen etwas schmerzlichen Ausdruck an. „Und ich werde noch sehr viel mehr loswerden, wenn sie auch den zweiten Teil unserer Wette gewinnt.“

„Sie ist die Armutsgöttin. Natürlich wird sie dich arm machen! Was hast du dir dabei gedacht?“ Er suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort und bemerkte, wie sie in der kalten Winterluft zu zittern begann. Einem inneren Impuls folgend überbrückte er das letzte bisschen Distanz zwischen ihnen und zog sie in seine Arme, um ihr etwas Wärme zu spenden. Als er sie so nah bei sich hatte, konnte er nicht anders, als seine Nase in ihrem seidigen Haar zu vergraben.

„Hmmm…“, seufzte sie und schmiegte sich noch etwas näher an ihn, „Wie kann jemand, der nur eine Schulmädchenuniform und eine Trainingsjacke trägt, so wunderbar warm sein?“

„Wie kann jemand, der so klug wie du ist, Geschäfte mit einer Armutsgöttin machen wollen?“, fragte er leise.

„Wenn das der letzte Weg ist, um bei dem zu bleiben, der mir alles bedeutet?“

Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Sein Herz blieb stehen, er wagte es beinahe nicht mehr zu atmen, so große Angst hatte er, diesen Moment zu zerstören.

„Du sagst ja gar nicht mehr?“, fragte sie schüchtern und hob vorsichtig ihren Kopf.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich gehört habe, was du gesagt hast oder ob es nur das war, was ich mir wünsche.“, hauchte er und verlor sich in ihren Augen, während sich seine Wangen zartrosa färbten.

„Dann werde ich wohl auch den Rest meines Vermögens einbüßen.“, flüsterte sie lächelnd und sah auf seine weichen Lippen.

„Was war der zweite Teil eurer Wette?“, wisperte er.

„Dass sie es nicht schafft, das Schicksalsband, das sie zwischen uns geknüpft hat, mit ihrer göttlichen Kraft zu schützen.“

„Das willst du? Mich an deiner Backe haben? Für immer?“, fragte er ungläubig.

„Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Das wünsche ich mir, Yato! Bitte lass uns für immer zusammenbleiben, ja?“ Etwas ängstlich sah sie zu ihm nach oben und konnte kaum fassen, dass die Tränen in seinen Augen schimmern sah.

„Hiyori Iki, deine Gebete wurden erhört.“ Er beugte sich zu ihr hinunter und unter dem klaren Sternenhimmel und dem Reich unzähliger Götter verschmolzen ihre Lippen endlich, endlich an diesem Heiligen Abend zu einem zärtlichen Kuss.
 
 
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