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After All Ends

von Eidiznarf
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Arthur Morgan Dutch van der Linde John Marston Micah Bell
20.12.2020
12.01.2021
6
20.035
 
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Micahs Schläge trafen genau an den Punkten, an denen es wirklich weh tat. Ich musste meinen Körper und meinen Geist zwingen wach zu bleiben, ich rollte mich zur Seite und blieb in Embrio-Stellung liegen um mich ein wenig zu schützen. Ich sah meinen Revolver nicht weit entfernt von mir liegen und doch schien er so unerreichbar. Als ich mich ein weiteres Mal meine Kraft sammelte, schaffte ich es mit wenigen Bewegungen meinen Revolver zu ergreifen. Just in dem Moment trat mir Micah in die Seite und ich verlor meinen Revolver erneut aus der Hand. Das sollte es jetzt also gewesen sein? Ich wusste, das es hier um Leben oder Tod ging, doch irgendwie hatte ich gehofft, das Micah die letzten sechs oder sieben Monate doch etwas bedeutet hatten. Wir wussten beide, dass wir uns nicht leiden konnten. Trotzdem war ich der Meinung, dass wir irgendwie zusammen gewachsen waren.
Mein Körper kämpfte, doch mein Verstand versuchte mir die ganze Zeit zu sagen, dass ich einfach aufgeben könnte und somit alles beenden würde. Die ganze Trauer und Enttäuschung wäre dann einfach vorbei. Ich sah meinen Angreifer an, er hatte bereits seinen Revolver auf mich gerichtet. Es würde nicht mehr lange dauern bis er abdrücken würde. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob es mir Erleichterung oder einfach nur die Dunkelheit bringen würde. Ich hatte bereits vor einigen Wochen mit meinem Leben abgeschlossen, als der Arzt meinte, meine Tuberkolose wäre nicht mehr behandelbar und er könnte nichts mehr für mich tun. Fallender Adler, hatte mir ein Mittel gegeben, was den Husten ein wenig lindern sollte, allerdings blieben die Schmerzen dennoch. Wenn ich hustete war es wirklich widerwärtig, das Blut suchte sich den Weg aus meinen Lungen in meinen Mund und ließ mich kaum noch etwas schmecken. Selbst der Eintopf von Pearson schmeckte nicht mehr gut.
Ich schaute Micah an, versuchte die letzten Meter zu meiner Waffe zu kriechen, die ich bereits erneut ausgemacht hatte. „Versuch es ruhig, Teerlunge. Aber es wird dir nichts mehr bringen.“, Micah lief jeden Meter mit mir, um mich wahrscheinlich zu erschießen, sobald ich meine Hand an dem Revolver hatte. Meine Fingerspitzen berührten bereits den Schaft, als sich jedoch ein Fuß auf meine Hand stellte. „Dutch, er ist krank. Er wird eh sterben.“, Micah wendete den Blick ab. Meine Augen schossen gen Himmel, ich sah den Mann über mir, der für mich wie eine Vaterfigur war. „Lass ihn hier zurück, er wird es eh nicht mehr lange machen.“, Micah ging einen Schritt auf Dutch zu. Ich lag immer noch regungslos auf den Boden. Hatte die Hoffnung, dass die beiden mich hier vielleicht vergessen würden. Dann ging der Husten wieder los, ich hatte das Gefühl meine Lunge suchte sich den Weg an die frische Luft, die ich schon so lange nicht mehr geatmet hatte. Das Blut suchte sich seinen Weg und ich spuckte es auf den Fels unter mir. Mein Atem wich aus meinen Lungen und ich hörte mich an wie eine Dampflok. Schwer und Prustend.
Dutch schaute mir in die Augen, und wieder einmal ließ er mich einfach liegen wendete sich von der Szenerie ab und ging seinen Weg. Wenigstens nicht mit Micah der nun enttäuscht drein blickte und mich mit einem letzten angeekelten Blick ansah.
„Pah! Ich brauche Dutch nicht!“,dann wendete auch er sich ab und ging seines Weges.

Nun lag ich hier, alleine und noch mehr enttäuscht als sowieso schon. Mein „Vater“ hatte mich einfach hier gelassen. Zum Verrecken. Alleine.
Der letzte bewusste Gedanke der mir durch den Kopf schoss, war Mary. Ich drehte mich mit meiner letzten Kraft auf den Rücken und schaute in den Sonnenuntergang. Hatte ich jemals so etwas schönes gesehen?
Dann wurde alles schwarz und mein Leben zog an mir vorbei.


Da hing er nun. Mein Revolverheld-Vater.
Lyle hatte sich nie besonders gut um mich gekümmert. Aber mit dem letzten Überfall hatte er es wirklich übertrieben. Er war in die Bank gegangen und hatte jeden Anwesenden niedergeschossen. Mein Blick wandte sich von dieser leblosen, hängenden Person ab.
Fing an einen Fuß vor den anderen zu setzen, um hier so schnell wie es ging, weg zu kommen. Ich war den weiten Weg von zu Hause zu Fuß hergelaufen. Ich musste einfach wissen, ob mein Vater mich alleine zurück lassen würde.
Egal wie oft er mich Prügelte, oder ich seinen Gürtel ins Gesicht bekam, ich wollte nicht alleine mitten in den Wäldern bleiben. Die Dunkelheit und die Einsamkeit konnten einem Streiche spielen, das wusste ich bereits durch andere Momente in denen ich gezwungen war, alleine zu Hause zu bleiben.
Die Hütte meiner Mutter, stand ganz weit draußen, völlig einsam in den dunklen Wäldern. Die beiden hatten sich in der Stadt kennen gelernt und meine Mutter hatte meinen Vater aufgenommen, nach dem er eine Kutsche überfallen hatte und dabei verletzt wurde. Er hatte sich hilfesuchend auf einer Farm gemeldet, an der meine Mutter half die Kühe zu melken. Ich kann mich allerdings kaum noch an Mom erinnern, sie verstarb als ich sehr jung war. Pa, gab mir die Schuld.

Wegen ihr habe ich angefangen Tagebuch zu führen, das Schreiben, das Lesen und das Zeichnen hatte ich mir versucht selber beizubringen. Allerdings waren in meinen Tagebüchern meist nur Skizzen zu finden. Das Schreiben ging mir einfach nicht so gut von der Hand.

Jedes Mal wenn Pa mich mit seinem Gürtel schlug und ich blutende Striemen am ganzen Körper hatte, dachte ich an Mom und versuchte ihr einen Brief zu schreiben.
Irgendwie hoffte ich auf Besserung, doch es geschah nie etwas.
Irgendwann führte ich mein Tagebuch regelmäßiger und ich fing an, jeden Tag zu schreiben oder zu skizzieren Einfach weil ich meine Gefühle und Gedanken los werden musste.
Lyle ließ mich häufig mehrere Tage oder Wochen alleine, somit musste ich früh anfangen mich selber zu versorgen. Das Schießen, Kräuterkunde und Reiten brachte ich mir weitestgehend selber bei, hier draußen in der Wildnis. Außerdem durfte ich nicht sprechen, wenn er wieder zurück war. Musste ihn bedienen, ihm gehorchen und wenn ich etwas sagen wollte muss ich ihn fragen. Und selbst das Fragen war für ihn schon manchmal zu viel und ich bekam Prügel.

Jetzt war die Zeit vorbei. Ich wanderte also zurück in meine kleine Welt und wusste nicht wie ich das alles schaffen sollte.

Als ich in der Hütte ankam, war der Kamin bereits aus und ich musste mich darum kümmern das es hier wieder warm wurde. Nachts setzte nun immer häufiger Bodenfrost ein, wenn ich mich also nicht um ein warmes Haus kümmern konnte, würde mich der Tod wahrscheinlich schneller ereilen als gewollt.

Es lief Tag ein Tag aus immer gleich, ich ging in den Wald suchte Zweige und Äste um mich warm zu halten, dann griff ich mir den Revolver den Pa hier gelassen hatte und ging auf die Jagd. Mal lief es gut und ich fing einen Hasen oder vielleicht auch ein Reh, wenn ich jedoch keine Beute hatte musste ich auf die Suche nach Beeren oder Pilzen gehen. Es war meistens nicht viel zu Essen, ich war dünn, sehr dünn und doch überlebte ich.
Ich fürchtete mich vor dem Winter, denn der machte alles schwieriger, hier oben wurde es sehr kalt und durch die dichtstehenden Bäume auch schnell dunkel. Dann war es nur möglich innerhalb von zwei Stunden draußen alles nötige zu erledigen. Wenn ich könnte, würde ich auch im dunkeln Jagen, allerdings hatte ich Angst vor der Dunkelheit, die dann nicht nur den Wald übermannte sondern auch mich. Ich ertappte mich häufig, dass ich schweißgebadet von draußen herein gestürmt kam, sobald die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume verschwand.
Ich hatte kaum mehr Kleidung, als das was ich an mir trug.
Als der Schnee nach einigen Wochen sehr hoch lag, verschanzte ich mich über zwei Wochen, ohne zu Essen. Allerdings blieb es mir noch, den Schnee von Draußen zu holen und zu schmelzen. Denn Wasser war wichtig, das wusste ich. Dennoch, wenn es zu kalt draußen war oder ich mich morgens schon an den Alkohol-Vorräten meines Vaters vergriff und zu betrunken war um raus zu gehen, schlief ich meistens den ganzen Tag. Mir ging es wirklich schlecht. Vier lange Jahre lang, ich kämpfte mich irgendwie durch diese missliche Lage.
Allerdings änderte dieser eine Tag, an dem diese zwei Männer zu mir kamen, alles.


Es war Sommer als ich schon in der Ferne zwei Reiter sah. Es sah für mich so aus, als würden sie direkt zu meiner Hütte kommen. Ich hatte vier Jahre lang, keinen Kontakt zu Menschen gehabt. Hatte nur geschrieben. Viel geschrieben. Mittlerweile war mein viertes Buch angefangen.
Das Geld für neue Bücher stahl ich mir meistens in der Stadt. Von Betrunkenen oder Leuten die einfach unvorsichtig waren. Als Taschendieb war ich gar nicht so übel. Dennoch reichte es auch nicht alleine zum überleben und meine neuen Bücher zum Schreiben machten mich schon glücklich genug. Ab und zu warf mir jemand auch mal ein paar Pens zu wenn ich am Straßenrand hockte.

Die Männer kamen immer näher. Der eine hatte ein schneeweißes Pferd, ein Albino und er selber hatte pechschwarze Haare und einen Schnauzer auf seiner Oberlippe, dieser Kontrast von ihm und seinem Pferd faszinierte mich sofort. Sein Blick wirkte nicht böse, sondern eher väterlich.
Der Andere, hatte blonde Haare, ich fand er sah nicht so aus, als würde er hier aus der Gegend kommen.
Beide waren besonders ordentlich zurecht gemacht und ihre Kleidung passte ihnen perfekt.
Ich öffnete vorsichtig die Tür, in den Händen meinen Revolver, auf dem Kopf trug ich den Hut meines Vaters.
Der Mann mit den schwarzen Haaren begutachtete mich.
Der blonde Mann stieg vom Pferd und kam langsam auf mich zu.

Im Gegensatz zu ihnen, musste ich aussehen wie der letzte Dreck.
Ich hatte mich seit Monaten nicht gewaschen und meine Kleidung nur zum Schlafen ausgezogen und selbst das nur, wenn es warm genug war.
„Guten Tag, mein Junge.“, der Blonde lächelte mich fürsorglich an: „Bist du der Sohn von Lyle Morgan?“
Ich traute ihm nicht, wenn er meinen Vater kannte, dann musste er auch ein Dieb sein.
„Ich heiße Hosea und wir haben dich schon sehr lange gesucht.“, er lächelte und irgendwie fing ich an ihm zu vertrauen. Ob es seine Augen waren, wusste ich nicht, aber ich hatte noch nie in meinem Leben so ehrliche Augen gesehen. Ich nickte langsam, trotzdem richtete ich den Revolver auf ihn.
„Ganz ruhig mit den jungen Pferden. Ich weiß, du bist schon sehr lange alleine und du hast jeden Grund uns nicht zu vertrauen. Aber wir wollen dir wirklich nichts Böses.“, der Mann, der sich selbst Hosea nannte näherte sich vorsichtig, bis er nur noch wenige Meter von mir entfernt war. „Darf ich den haben?“, er zeigte auf den Revolver in meiner Hand.
Ich schüttelte den Kopf. Diese Waffe ließ mich zumindest ein bisschen Sicherheit fühlen, auch wenn ich kein besonders guter Schütze war, aber ohne ihn, wäre ich wirklich hilflos.
„Na komm, Junge. Wie heißt du denn?“, er lächelte wieder so freundlich und doch wollte ich eigentlich nicht das er hier war. Ich war die letzten vier Jahre alleine zurecht gekommen, da würde ich es auch weitere Jahre schaffen.

Dann auf einmal meldete sich der schwarzhaarige zu Wort:
„Mein Sohn, wir tun dir nichts. Vertrau uns doch, bitte. Wir nehmen dich mit zu uns und du musst nie wieder alleine sein.“
Wie er sprach, so ruhig und so gehoben. Als wäre er aus einer anderen Welt. Ich schätze ihn auf etwas älter als zwanzig. Er wirkte so majestätisch und ich war sofort von ihm in einen Bann gezogen. Ich konnte es nicht erklären, aber so wie er sprach, so würdevoll hatte noch nie Jemand mit mir gesprochen. Ich senkte den Revolver und zielte nun nicht mehr auf Hosea.
„Nun, Sohn. Wie heißt du?“, auch der dunkelhaarige stieg von seinem Pferd ab und kam aufrecht auf mich zu.
„Arthur.“, ich flüsterte, nicht mehr und nicht weniger. Ich erschrak mich ein wenig selber vor dem Klang meiner Stimme. Sie war so dunkel geworden, so männlich.
„Ah, er kann sprechen.“, der schwarz Haarige blickte zu dem anderen Kerl und lächelte. Meine Gedanken kreisten im Moment nur um ihn. Wer war er und wieso war er hier? Was wollte er?
„Was wollen Sie?“, ich sprach erneut und langsam fingen meine Stimmbänder wieder an mit zu spielen, meine Stimme wurde kräftiger und noch tiefer als vorher.
„Wir würden dich gerne mitnehmen zu uns. In unser Camp. Es ist nicht weit von hier. Wir möchten nicht verantworten das so ein junger Mann wie du, hier draußen alleine um sein Überleben kämpfen muss.“, der Kerl begutachtete mich von oben bis unten. Vielleicht machte er das, ob zu wissen ob ich für irgendetwas gut war.
„Zu allererst, müssen wir dir aber mal ein bisschen Muskeln beschaffen. Du bist ja nur Haut und Knochen. Außerdem brauchst du andere Kleidung, so wirst du doch nie ein Mädchen abbekommen.“, der Mann, der so eine unfassbare autoritäre Ausstrahlung hatte, nahm mich bei der Hand:
„Na komm, mein Sohn. Wir tun dir wirklich nichts.“

Nie wäre ich darauf gekommen, einfach mit Wildfremden mitzugehen, doch bei diesen beiden Männern, war es irgendwie anders. Mir fielen meine Bücher ein, die ich im Haus hatte und riss mich los um noch einmal darin zu verschwinden. Ich hatte ein wenig Angst, dass wenn ich wieder hinaus komme, die beiden Männer verschwunden wären. Aber sie waren noch da, als ich meine Bücher endlich bei mir hatte und ich ließ mich von den Beiden in ihr Camp bringen. Schlimmer als zu Hause könnte es niemals sein. Die Jahre die ich alleine überstanden habe, haben mich erwachsen werden lassen und haben mich gelehrt das es immer Veränderungen im Leben gibt, an die man sich anpassen müsste.

Die Sonnenstrahlen die durch das Fenster huschten, kitzelten mich an der Nasenspitze. Ich wusste nicht wo ich war und doch war es hier bereits schöner, als auf dem Berg, an dem ich mein altes Leben verloren hatte.
„Guten Morgen!“, eine weibliche Stimme klang aus der Ferne zu mir.
Ich musste mich erst einmal berappeln und realisieren wo ich gerade war. Meine Augen öffneten sich einen Spalt und ich konnte meine Umgebung ein bisschen wahrnehmen.
Ich bin bereits hier gewesen, doch zuordnen an welchem Ort ich mich befand konnte ich nicht.
„Vielen Dank, Sir. Wozu ich das brauche? Das ist eine lange Geschichte. Aber vielen Dank das sie hier heraus gekommen sind.“, die Frau war nicht weit entfernt.
Die Stimme kam mir wirklich bekannt vor, doch ich wusste sie nicht zuzuordnen.
Dann ging eine Tür auf und Schritte waren zu hören, welche sich auf die Zimmertür zu bewegten. Ich wusste nicht genau, was ich machen sollte. Ich war noch zu schwach um mich jetzt in Deckung zu bringen oder mich zu verteidigen. Also entschied ich mich dafür, so zu tun, als würde ich immer noch schlafen. Diese Person wollte mir nichts böses, redete ich mir ein, sonst wäre ich jetzt nicht hier.
Die Tür öffnete sich und ich konnte hören wie etwas neben mir auf dem Nachtschrank platziert wurde, ich tat so als würde ich träumen und brummelte etwas vor mich hin und drehte mich dann auf die Seite.
Die Frau setzte sich auf die Bettkante und legte ihre kalte Hand auf meine Stirn, fühlte nach meiner Temperatur.
„Die haben dich ganz schön zugerichtet. Was ist nur passiert?“, die kalte Hand wanderte weiter abwärts. Langsam strich sie über meinen Hals und endete dann an meinen Rippen. Sie tastete vorsichtig, doch das war schon zu viel.
Mein Körper reagierte abrupt und wich von der Berührung zurück. Ich zog scharf die Luft ein, worauf hin meine Lunge gleich wieder das rebellieren anfing. Der Schmerz beim Husten war unmenschlich, wieso war ich nicht einfach auf diesem verfluchten Berg gestorben, wieso musste ich noch weiter unter meiner Krankheit leiden?

„Scheiße.“, die Frau schreckte auf und eilte hinaus.
Als sich meine Lunge wieder ein wenig beruhigt hatte entschied ich mich die Deckung auffliegen zu lassen und versuchte mich ein wenig aufzurichten, doch auch hier wollte mein Körper nicht wirklich gehorchen.
„Verdammte Scheiße!“, rief ich voller Verzweiflung, wenn meine Lunge mir keinen Strich durch die Rechnung machte, dann waren es meine gebrochenen Rippen. Micah, dieser Idiot, hatte mich ganz schön vermöbelt.
Ich drückte mich vorsichtig ein wenig nach oben, ganz langsam, um meinen Körper nicht zu sehr zu beanspruchen. Dann kam die Frau wieder zurück. Mit einer Tasse in ihrer Hand und einem verlegenen Blick im Gesicht.
„Hallo Arthur, hier trink erst mal einen Schluck, das wird dir sicherlich helfen.“, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das war die Witwe, die ich vor einigen Wochen auf dem Weg nach Annesburg getroffen hatte. Charlotte Balfour.
„Charlotte?“, mein Blick traf ihren und wir schauten uns einfach einen Moment an.
Bis sie sich in Bewegung setzte und zu mir herüber kam um mir die Tasse zu geben.
„Trink das, bitte. Es wird dir helfen.“, sie drückte sie mir regelrecht in die Hand. Scheiße war das heiß. Meine Finger brannten unter der Hitze, versuchte mich aber zusammen zu reißen um nicht noch mehr Mitleid zu erregen.
Meine Lippen berührten vorsichtig den Rand und ich ließ die Flüssigkeit vorsichtig in meinen Mund laufen, es schmeckte widerlich.
„Pah! Was ist das für ein Zeug?“, ich verzog mein Gesicht und ekelte mich bereits vor dem nächsten Schluck.
„Das sind einige Kräuter, extra gegen deine Krankheit. Ich habe sie hierher liefern lassen, aus Valentine. Es gibt dort einen Arzt, der mit den Indianern zusammen arbeitet. Seine Medikamente helfen wunder. Außerdem hat er sich auch um dich gekümmert, nach dem ich dich da oben gefunden habe.“, Charlotte lächelte mir leicht entgegen.
Erst jetzt realisierte ich richtig, wie schön sie eigentlich war. Ich nahm noch einen vorsichtigen Schluck, ehe ich wieder anfing zu sprechen.
„Du hast mich gefunden? Wie?“
„Du hast mir doch gezeigt, wie ich richtig Schieße, erinnerst du dich? Nun ich habe mein Jagdgebiet ein wenig ausgebreitet. Jedoch hattest du doch ziemliches Glück, normalerweise komme ich nicht in diese Gegend. Die Menschen die dort in der Höhle gelebt haben, haben mir immer Angst gemacht.“, sie legte ihre Hände in ihrem Schoß übereinander. Sie wirkte jetzt so selbstständig und doch saß sie da wie eine echte Lady.
Um irgendwie zu reagieren nickte ich einfach nur, ich fühlte mich immer noch nicht wirklich wach und ich wusste auch nicht wie ich darauf reagieren sollte. Es wirkte alles so surreal.
„Wieso lebe ich noch?“, ich starrte aus dem Fenster und meine Stimme wirkte abwesend, doch die Frage schoss mir schon die ganze Zeit durch den Kopf. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, wie ich dieses ganze Scheiße überlebt habe.

„Wie fange ich am besten an. Ich war Jagen und war seltenerweise in diesem Gebiet unterwegs. Zugegebenermaßen waren meine Gedanken die letzten Tage eh häufig bei dir, weil du dich schon so lange nicht mehr hier oben blicken lassen hast, da ich wusste wie es um deine Gesundheit steht, dachte ich du wärest von uns gegangen.“, sie unterbrach kurz und schaute traurig zu Boden, bis sie sich wieder zu fassen schien und mich wieder leicht anlächelte.
„Nun ja, auf jedenfall war ich nun dort unterwegs und konnte schon von weitem Schüsse wahrnehmen, außerdem noch viel Geschrei und dann war auf einmal alles irgendwie still. Es hätte auch ein Fehler sein können, der Sache auf den Grund zu gehen, aber wie du dir sicherlich schon denken kannst, wäre nicht eines zum anderen gekommen, wärest du nun nicht hier.“, sie stoppte erneut und holte tief Luft um ihre Lungen dann gleich wieder zu entleeren. Sie wirkte sehr angespannt, aber glücklich, während sie mir erzählte wieso ich noch hier war.
„Ich bin also mit Bounty den Hügel hoch geritten und konnte dann schon die Pinkertons hinter einigen Männern hinterher eilen sehen. Mein Blick huschte dann ein wenig umher und ich konnte drei Männer sehen, ein dunkelblonder, muskulöser Mann der oben auf dem Berg stand, noch einen blonden, etwas stämmigen Mann und einen schwarzhaarigen mit Schnauzer. Dann habe ich alles gesehen. Der Dunkelblonde schien zu husten und brach zusammen, der Blonde fing dann an auf ihn einzuschlagen und zu treten. Der Schwarzhaarige hielt sich allerdings bedeckt und schien nicht mit dem Gedanken zu spielen in die ganze Szenerie einzusteigen. Ich hätte geholfen, aber was sollte ich tun?“
Meine Erinnerungen kamen wieder zurück. Diese scheiß Kerle. So hatte uns Dutch nicht erzogen. Wir hatten immer Regeln, an die wir uns hielten, diese galten anscheinend aber nicht für Micah oder Dutch.
„Der Blonde hielt dem Mann am Boden seinen Revolver direkt vor´s Gesicht und ich hatte wirklich Angst. Mein Blick wandte ich ab, weil ich mir das nicht mit ansehen wollte. Doch es kam kein Knall. Es war dann wieder einfach nur still und als ich wieder hinsah waren die anderen Beiden verschwunden.
Bounty ist dann beinahe von alleine in die Richtung geeilt, er schien zu wissen das wir dem einen Mann helfen mussten. Ja, und dann habe ich dich da oben gefunden. Frage mich bitte nicht wie ich dich auf Bounty gehieft habe, ich weiß es selber nicht. Weiß nur, dass wir es hier her geschafft haben und ich dann in die Stadt gegangen bin um nach einem Arzt zu suchen. Und zufälligerweise, oder eher gesagt glücklicherweise, war der Spezialist ausValentine gerade auf der Durchreise und hatte einen kurzen Stop in Annesburg gemacht.“
„Danke Charlotte. Wirklich, vielen Dank.“, ich schaute ihr tief in die Augen.
Sie erwiderte meinen Blick kurz und erzählte dann weiter.
„Dokor Miller hat dann regelmäßig nach dir geschaut. Er erzählte mir dann irgendwann, dass er vermutet, dass du vielleicht unter Tuberkolose leidest. Der Doktor wollte aber noch einige Tests durchführen um wirklich sicher zu sein, dafür bräuchte er aber seine Ausrüstung. Dann verschwand er für einige Tage und kam dann wieder. Ich hatte in der Zeit, in der er nicht hier war Angst, dass ich dich nicht am Leben halten könnte, denn dein Husten war wirklich schlimm und deine Verletzungen immer noch nicht wirklich besser.
Als er dann die Tests durchgeführt hatte, frag mich bitte nicht was er genau machte, kam er dann am Montag zu mir und sagte: Keine Tuberkolose, sondern eine ziemlich heftige Bronchitis.“
Ich traute meine Ohren kaum, ich hatte doch eigentlich schon mit meinem Leben abgeschlossen, der Arzt in Saint Denis hatte also unrecht gehabt. Ich kippte nach vorne und nahm Charlotte in den Arm. Normalerweise hatte ich keine Gefühlsausbrüche, aber bei so einer Nachricht konnte ich einfach nicht anders und trotz dessen das sie nicht genau wusste, über die wenigen Tage in denen der Arzt nicht hier war, ob ich Tuberkolose habe hat sie sich so um mich gekümmert. Es hätte also auch ihr Todesurteil sein können.
„Ich stehe in deiner Schuld, noch nie hat Jemand so etwas für mich getan. Wie kann ich das je wieder gut machen?“, ich drückte mich ein wenig ab und bereute sofort diese hastigen Bewegungen denn meine Rippen erinnerten mich sofort wieder an diesen schrecklichen Tag an dem mich alle im Stich gelassen hatten.
„Ist schon gut, du hast mir doch auch geholfen. Das Jagen hat mich über Wasser gehalten und wie du siehst, lebe ich noch.“, sie lächelte verlegen und begann ihren Ehering an ihrem Finger zu drehen.
Ich lehnte meinen Rücken wieder vorsichtig gegen das Kopfende des Bettes und nahm nun den letzten Schluck aus meiner Tasse.
So schlimm schmeckte es nach einigen Schlucken dann doch nicht mehr, man musste sich nur an den bitteren Nachgeschmack gewöhnen.
Also hieß das, ich hatte die Möglichkeit Dutch zur Rede zu stellen und Micah zu erledigen. Dieser Bastard hatte es nicht anders verdient.
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