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Last Christmas

OneshotFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Emma Norman Ray
20.12.2020
20.12.2020
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~ 2044 ~


Emma liebte Weihnachten. Sie liebte die aufkommende Festtagsstimmung im Waisenhaus, wenn die Tage kürzer und die Abende länger wurden, die Kinder Schneeflocken aus Papier bastelten und Mama Weihnachtsdekoration im Haus aufhing, bereichert durch Schätze und Kunstwerke der Kinder, die vor ihnen allen in Grace Field gelebt hatten.

Ebenso sehr freute sich das Mädchen darauf, Wunschzettel an den Weihnachtsmann zu schreiben (selbst wenn Ray ihr schon vor vielen Jahren die Illusion an selbigen genommen hatte), von Nat am Klavier begleitete Weihnachtslieder zu singen oder mit Norman Theorien aufzustellen, ob nicht doch eine Möglichkeit für den Mann in Rot bestände, jedem Kind auf dieser Welt innerhalb einer Nacht ein Geschenk zukommen zu lassen – mit bislang noch offenem Ergebnis.

Aber am meisten liebte Emma die aufgeregte, vorfreudige Stimmung am Heiligabend, wenn die Kinder mit Mama diskutierten, ob sie nicht doch einmal über Nacht aufbleiben dürften, um mitzuerleben, wie der Weihnachtsmann ihre Geschenke brachte (durften sie nicht) oder wenigstens später ins Bett müssten (durften sie nicht), denn sie seien ja so aufgeregt und überhaupt auch noch gar nicht müde (stimmte ebenfalls nicht).

Emma lag dann wie ihre Geschwister in dieser besonderen Nacht aufgeregt und zappelig im Bett, schlief irgendwann ein mit einem Kopf voller Träume von fliegenden Rentieren und fleißigen Elfen, um am nächsten Morgen Punkt sechs Uhr mit einem breiten Lächeln aufzuwachen.

„Guten Morgen! Alles aufstehen, es ist Weihnachten!“

Schlüpften die Kinder von Groß bis Klein zwar schneller in ihre Uniformen als an jedem anderen Tag im Jahr, war das Durcheinander auf Fluren und Treppen nur umso größer. Jeder wollte der Erste sein im Wettlauf in den Speisesaal, wo nicht nur ein mit glänzenden Kugeln, Kerzen und Strohsternen geschmückter Tannenbaum auf sie wartete, sondern vor allem -

„Geschenke!“

Die Augen der Kinder leuchteten geradezu auf, als sie den Stapel an Kartons und Kisten sahen, verpackt in vielerlei buntem Geschenkpapier, verziert mit Schleifen und Anhängern und natürlich Namensschildern. Auf jedes Kind wartete ein Geschenk darauf, ausgepackt zu werden, und die Jungen und Mädchen konnten es kaum erwarten, ihres in die Finger zu bekommen, jedoch -

Ding-Dong-Ding

Das Läuten der goldenen Glocke holte die Gruppe zurück in das Hier und Jetzt; erstaunt drehten sie sich um und erblickten Mama, die lächelnd hinter ihnen stand, die Glocke noch in der Hand.

„Guten Morgen, meine lieben Kinder“, sagte sie warmherzig und streichelte mehreren Kindern über den Kopf, die auf sie zugelaufen waren.
„Ich wünsche euch allen fröhliche Weihnachten. Und nun kommt, nach dem Frühstück und dem Test dürft ihr eure Geschenke auspacken.“

Die Atmosphäre während der Mahlzeit war erfüllt von Vorfreude und Geschnatter; ein ums andere Mal musste Mama die Kinder ermahnen ruhig auf ihrem Stuhl sitzenzubleiben statt sich immer wieder zum Geschenkeberg umzudrehen oder mit den Tischnachbarn über den Inhalt der Päckchen zu rätseln.

Emma derweil rührte, sich über die Lippen leckend, in ihrem Kakao, bis dieser endlich trinkfertig abgekühlt war. Jedes Jahr bekamen die Kinder zum Weihnachtsfrühstück eine heiße Tasse Kakao mit Sahne, Zimt und Zucker obendrauf. Das Mädchen hätte sich hineinlegen können! Laut schlürfend kostete sie vom Getränk und strahlte über beide Wangen ob des herrlichen Geschmacks, selbst als Norman darüber leise kicherte und Ray sie missmutig fragte, ob er für sie eine Schnabeltasse von den Babys ausleihen sollte.

„Lass mich doch“, erwiderte sie und stellte ihre Tasse wieder vor sich, eine nachdenkliche Miene ziehend.
„Was meint ihr: Ob Gary bei seiner neuen Familie heute auch so einen leckeren Kakao bekommen hat?“

Ray, der sich in ebendiesem Moment ein Stück Wurst in den Mund gesteckt hatte, machte plötzlich große Augen und spuckte das Essen wieder aus, hustend und nach Luft ringend. Emma klopfte ihm fest auf den Rücken und fragte besorgt: „Alles gut? Hast du dich verschluckt?“

Der Junge nickte knapp, doch weder Emma noch Norman entging, wie blass ihr Freund auf einmal geworden war und den Rest seines Frühstückes nur noch auf dem Teller hin- und herschob, als wäre er angeekelt davon.
Dennoch dachte sich Emma nichts weiter dabei. Bestimmt war Ray auch traurig darüber, dass Gary heute nicht hier mit ihnen frühstücken konnte, selbst wenn er es nur ungern zugab. Ihr erging es ja ebenso; gleichzeitig freute sie sich für ihren Bruder, der vor fünf Tagen adoptiert worden war und nun bei einer liebevollen Adoptivfamilie ein neues Zuhause gefunden hatte. Zwar hätte sie noch gerne gemeinsam mit Gary Weihnachten gefeiert, doch solange er aber ebenfalls ein tolles Geschenk und einen leckeren Kakao von seinen neuen Eltern bekommen hatte, war alles in bester Ordnung.

Emmas Festtagsstimmung konnten nicht einmal die schwierigen Fragen in ihrem täglichen Test trüben, noch dass sie mal wieder ganz knapp am Full Score vorbeigeschlittert war. Kaum hatte Mama Norman nämlich zu seinem üblichen Spitzenergebnis gratuliert, eilten die Kinder auch schon zum Geschenkeberg, um eben jenen zu plündern.

Zugegebenermaßen stellten sich die Jungen und Mädchen nicht dumm an bei der Verteilung. Emma, Don, Hao und Anna lasen laut den Namen auf dem Geschenk vor, die anderen reichten ebenjenes nacheinander weiter an den Empfänger, bis alle einen Karton in den Händen hielten. Erst dann begann das Rupfen und Zupfen des Geschenkpapiers, das Öffnen und Umstülpen der Verpackung, das Staunen und Freuen über das Geschenk vom Weihnachtsmann.

Emma ihrerseits konnte es kaum glauben – Rollschuhe! Hellblaue Schnürschuhe mit gelben Rollen daran, genau in ihrer Größe! Schon flogen ihre Allwetterstiefel in die Ecke, ihre Füße schlüpften in die Rollschuhe hinein und es ging es los!

Zuerst jedoch mit einem Plumps auf den Allerwertesten. Emma rieb sich die grummelnd schmerzende Stelle, hörte sich Rollschuhfahren in Theorie leichter an als es in Wirklichkeit wohl war. Nichtsdestotrotz versuchte sie es abermals, eierte sich daran festhaltend von Stuhl zu Stuhl, immer wieder das Gleichgewicht verlierend, aber weiterhin hochmotiviert.

Gerade hatte das Mädchen einige Meter zurückgelegt, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen, als Thoma und Lani mit ihren neuen Spielzeugraketen um sie herumrasten, sie vollkommen aus der Bahn warfen, sodass sie nur noch hilflos mit den Armen rudern konnte, rücklings nach hinten fiel – und aufgefangen wurde.

„Hoppla!“

Norman schaffte es gerade noch im letzten Moment Emma vor einem Sturz zu bewahren. Besorgt musterte er sie von oben bis unten.
„Geht es dir gut? Hast du dir wehgetan?“, fragte er, als er ihr aufhalf.

„Nein nein“, lachte Emma.
„Ich muss nur noch ein bisschen üben, dann klappt das auch besser mit dem Laufen statt dem Fallen.“

„Rollschuhe also.“ Ihr Freund musterte ihr Geschenk eingehend, ehe er sich wieder aufrichtete.
„Da hast du ja ein tolles Geschenk bekommen.“

„Was war denn in deinem Paket?“

„Ein Teleskop zum Beobachten der Sterne.“

„Ein Teleskop? Ein richtig echtes Teleskop? Wie cool!“ Emma schnappte Norman bei den Händen.
„Los, schieb mich zu deinem Geschenk. Ich will‘s mir auch mal anschauen!“

Norman nickte lächelnd und tat wie befohlen; kurze Zeit später schon rollte Emma zum Tisch und ließ sich von dem Jungen auf einen Stuhl bugsieren, um weitere Stürze vorerst zu vermeiden.
Ihnen gegenüber saß Ray, der bei Emmas Anblick gerade mal eine Braue hob. „Rollschuhe, hmm?“, war das Einzige, das er von sich gab, bevor er sich wieder über ein seltsames, ihr unbekanntes Ding beugte.

Eine ganze Weile lang ließ sich Emma von Norman erklären, wie das Teleskop aufgebaut war und nach welchen physikalischen Prinzipien es funktionierte. Nachdem sie dann einmal quer durch das ganze Zimmer geschaut hatte, das längliche Metallrohr vor der Nase, wandte sich das Mädchen ihrem anderen besten Freund zu.

„Was hat dir denn der Weihnachtsmann gebracht, Ray?“, fragte sie mit zuckersüßer Stimme, wohl wissend, was gleich passieren würde.
Und in der Tat, der Blick des dunkelhaarigen Jungen wurde noch eisiger als die winterliche Dezemberluft, als er das Wort Weihnachtsmann vernehmen musste.

„Du glaubst doch nicht ernsthaft immer noch an den Schwachsinn?“, empörte er sich.
„So naiv kannst ja nicht einmal du sein!“

„Zeig mir lieber, was du bekommen hast“, forderte Emma ihn auf, sich einmal quer über den Tisch streckend, doch Ray zog den ominösen Gegenstand gerade noch rechtzeitig fort, ehe sie ihn in die Finger bekam. Einen Sekundenbruchteil lang schien er zu überlegend, ob er seine Freunde das Geschenk sehen lassen sollte; dann gab er sich geschlagen. Norman und Emma machten große Augen, als Ray das Objekt zwischen sie auf den Tisch legte – einen etwa handbreiten, hellgrauen Plastikkasten mit mehreren Knöpfen auf der Oberfläche und einem mittig platzierten dunklen Bildschirm.

„Was ist das?“, erkundigte sich Norman, selbst darüber erstaunt nicht zu wissen, was das für ein Gerät war.

„Eine Spielekonsole. Steckt man eine Spielediskette in diese Öffnung“, Ray drehte den Kasten, um einen längeren, leeren Schlitz zu zeigen, „und Batterien in ein anderes Fach, kann man ein Videospiel darauf spielen lassen.“

„Wow“, staunten Emma und Norman gleichzeitig, wuchsen sie schließlich beinahe ohne elektronische Geräte auf und hatten dergleichen noch nie zu Gesicht bekommen. Ray zog die Spielekonsole wieder zu sich und zuckte lässig mit den Schultern, scheinbar weniger beeindruckt von seinem Geschenk.

„Darauf spielen könnt ihr aber nicht, ehe ihr euch wundert. Ich habe weder Diskette noch Batterien.“

„Was?! Das ist doch doof!“ Emma blies empört die Backen auf bei dieser Bemerkung.
„Bist du dir wirklich ganz sicher? Vielleicht stecken sie ja noch im Karton!“

„Nein, das tun sie nicht. Ich habe schon nachgesehen.“

„Was willst du dann damit anfangen?“, fragte Norman stirnrunzelnd.

„Das Ding auseinander nehmen. Wer weiß, was es alles für Schätze verbirgt“, erwiderte der Junge mit einem spöttischen Grinsen.

„Aber warum?“

„Weil...“ Ray verstummte, sah sie beide mit einem komischen Gesichtsausdruck an, den er ihnen nur selten zeigte – und nur ihnen ganz allein. Besorgt, wie Emma empfand, fast schon schuldbewusst, wie Norman dachte, aber auch glücklich, auf eine merkwürdige Art und Weiße glücklich.
Dann lächelte er und schüttelte den Kopf. „Nur so. Ich nehme halt gerne Elektronik auseinander.“

„Du willst dein neues Weihnachtsgeschenk gleich wieder auseinandernehmen?“

Ray zuckte vor Schreck zusammen, als Mama von hinten an ihn herantrat und die Hände auf seine Schultern legte. Auch Norman und Emma schauten verblüfft auf zu ihr, hatten selbst sie die Erwachsene gar nicht kommen sehen.

„Mama, der Weihnachtsmann hat mir Rollschuhe geschenkt!“ Emma hüpfte auf und wäre um ein Haar gleich wieder auf die Nase gefallen, wenn Norman sie nicht ein zweites Mal an diesem Tag aufgefangen hätte. Lächelnd sah Mama zu, wie das Mädchen zu ihr geschoben wurde und umarmte dann beide Kinder fest.

„Frohe Weihnachten, Emma und Norman. Ich hoffe, ihr habt das bekommen, was ihr euch gewünscht habt.“

Derweil die drei darüber redeten, wie Emma wohl am besten Rollschuhfahren lernen konnte und dass Norman auf gar keinen Fall nachts auf das Dach des Waisenhauses klettern sollte, um mit seinem Teleskop die Sterne zu beobachten, bemerkte niemand von ihnen Ray. Nicht den dunklen Blick, mit dem er seine Freunde musterte, nicht seine zusammengebissenen Zähne und bebenden Fäuste ob Mamas guter Ratschläge.

Er hatte noch nicht bekommen, was er sich aus tiefsten Herzen wünschte.

Nur noch ein Jahr.

Nur noch etwas mehr als ein Jahr, ein weiteres Weihnachten, und...



~ ~ ~




Hallo!


Ich melde mich mit einem kleinem, feinem und vor allem (vor)weihnachtlichen Oneshot zurück! ^^

Kleiner Hintergrund zu dieser Geschichte: Im Anime konnte man mitbekommen, dass eines der Kinder namesn „Gary“ am 20.12.2044 ausgelie- ähem, hüstel, „adoptiert“ wurde. Das arme Kerlchen wurde garantiert zum Festtagsbraten für irgendeinen adligen Dämon verwustet, oh je…

Jedenfalls, normalerweise versuche ich englische Titel zu umgehen (das Lied hat ja auch gar nichts mitder Fanfiktion zu tun), aber so gesehen ist Weihnachten 2044 das letzte gemeinsame Weihnachten von Emma, Norman und Ray gewesen. Alle darauffolgen verbrachten sie getrennt voneinander oder, in Emmas Fall, ohne jegliche Erinnerungen an die vorherigen :(

Trotzdem hoffe ich hat euch der Oneshot gefallen und ich würde mich wirklich über ein Review freuen! Solange wünsche ich euch noch einen schönen vierten Advent und bleibt gesund und munter!



OfficerSnickers




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