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distant memories

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Akiko Yosano Michizou Tachihara
20.12.2020
20.12.2020
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◣    distant memories.    ◥















Du bist vier Jahre alt und du liebst deinen Bruder über alles.

Und wer tut es nicht? Dein Bruder ist schlau und nett und einfach toll – er findet immer Zeit, um mit dir zu spielen; er besucht mit dir Feste und Freizeitparks und lästige Kindergartenevents, für die deine Eltern oft keine Zeit haben. Und gleichzeitig ist er wahnsinnig begabt, hat eine unglaubliche Fähigkeit, die es ihm erlaubt, rote und pinke und blaue Blumen aus Büchern in deine Hände zu bringen, und wird von deinen Eltern als ihr Wunderkind, von deinem Onkel als der intelligenteste junge Mann seiner Generation betitelt. Manchmal wunderst du dich, ob sie über dich dasselbe sagen werden, aber das dumpfe Gefühl in deinem Magen verschwindet, als du dich an die Worte deines Bruders erinnerst. »Keine Sorge. Du bist der klügste kleine Bruder auf der Welt.«

Und es muss stimmen, denn dein Bruder hat immer recht.

Manchmal fragst du dich auch, ob du seine Gutmütigkeit nicht etwas zu sehr ausnutzt. Schließlich muss er heute ganz viel für die Schule tun, und dennoch stehst du in seinem Zimmer, mit verschränkten Armen und zusammengezogenen Augenbrauen und Dreck auf der neuen Hose, der irgendwie nicht zum viel zu blank polierten Zimmer zu passen scheint, und mit vorwurfsvoller Stimme wiederholst du: »Aber du hast es versprochen! Morgen fahren sie schon wieder weg!«

Dein Bruder legt den Kugelschreiber zum zweiten Mal auf dem Tisch ab, fährt sich durch die schwarzen Haare, scheint nachzudenken. Du kannst sein Gesicht nicht sehen, aber dann dreht er sich um und grinst breit. »Na gut. Aber dafür räumst du dein Zimmer morgen selbstständig auf.«

Du nickst, wenn auch mürrisch. Wenn du das selber erledigst, haben deine Eltern anschließend immer etwas auszusetzen. Aber du hast dein Ziel erreicht und bald fällt jeglicher Missmut von dir ab.

Spät abends kommst du zurück, deine Gedanken noch voller Jongleure und Clowns und Akrobaten, das erst halbleere Popcorn deines Bruders mampfend und voller Vorfreude auf den nächsten Tag, wo du in der Schule mit deinem Erlebnis angeben kannst. Du beschließt, dass du den besten großen Bruder auf der Welt hast.









Du bist sechs Jahre alt und du liebst deinen Bruder.

Er ist immer noch so schlau und nett und einfach toll wie immer; er hilft dir bei deinen Hausaufgaben – bei denen du eigentlich keine Hilfe brauchst, du bist schließlich der klügste kleine Bruder, den es gibt! – und erzählt dir die aufregendsten Geschichten vor dem Schlafengehen. Und als du zum ersten Mal deinen Schlüsselanhänger zu dir bewegst, ihn dabei ausversehen verformst, strahlt er dich an, ein Sommerlächeln voller Wärme, und schwärmt davon, wie toll du doch bist. Es ist nicht das Lächeln deiner Mutter, in welchem sich hundert Erwartungen spiegeln, oder das Lächeln deines Vaters, welches gar nicht dir zu gelten scheint. Dieses Lächeln fühlt sich an wie Schmetterlingsfangen und Zirkusbesuche.

Mit einem breiten Grinsen und heißen Wangen lässt du dir ausnahmsweise durch die schwarzen Haare fahren, denn obwohl er für seine guten Schulnoten viel mehr gelobt wurde als du es jetzt wirst und bei Familientreffen immer als erster umarmt wird, ist dein Bruder immer noch der Beste, den man haben kann.









Du bist acht und du liebst deinen Bruder nicht mehr.

Irgendein Teil von dir fühlt sich schuldig, weil du so fühlst. Schließlich gibt es so viele Dinge, für die du ihm dankbar bist, dankbar sein solltest, dankbar sein musst. Wann immer du an deine glücklichsten Erinnerungen zurückdenkst, findet sich neben Achterbahnen, Popcorn und Feuerwerken auch das breite Lächeln deines Bruders.

Aber ein anderer Teil von dir ist klüger. Denkt an die dumpfe Leere in deinem Magen, als deine Mutter dir dein Zeugnis kommentarlos wiedergibt, während sie ihn mit Lob und Umarmungen überhäuft hat. Denkt an deine zusammengepressten Lippen, als dein Vater dein selbstgebasteltes Schiff kurz betrachtet, während seine Augen wie von selbst zu seinem Kunstwerk, eine perfekte Wiedergabe einer Landschaft, huschen, das seit Jahren im Wohnzimmer hängt, während deine Zeichnungen es gerade mal auf die weißen Wände deines Zimmers geschafft haben. Denkt an deine brennenden Augen, als du überhörst, wie deinen Eltern all den Verwandten erzählen, wie unglaublich begabt dein Bruder ist und was er alles schon erreicht hat und dass er irgendwann zu den bedeutendsten Männern dieses Landes gehört wird.

Als nach deiner Zukunft gefragt wird, folgt nur Seufzen.

Sicher ergibt es Sinn, dass du deinen Bruder nicht mehr liebst. Denn wenn man etwas liebt, macht es einen glücklich. Aber wenn du Zeit mit ihm verbringst, schmerzt deine Brust und unsichtbare Hände scheinen deine Innereien auszuringen. Deswegen ist es okay. Du darfst deinen Bruder abweisen, wenn er versucht, dein schwarzes Haar zu verwuscheln. Du darfst ihn mit einer energischen Handbewegung wegschicken, als er fragt, wie es in der Schule läuft und wie es deinem Freundeskreis geht. (Er wird doch sowieso wieder auf seinen eigenen zurückkommen, der sich über jeden Einwohner in seinem Alter erstreckt.)

Und dir darf es egal sein, dass er für einige Zeit, für einige Jahre weggeht, verschwindet – sich irgendwo niederlässt, um für den Frieden der Nation zu kämpfen, so dein Vater. Vielleicht darfst du sogar spüren, wie der Druck auf deiner Brust nicht mehr ganz so schlimm ist und wie die unsichtbaren Hände langsam von dir ablassen. Es ist schließlich dein Bruder, der auch nach hundert Pistolenschüssen noch aufrecht und unverletzt steht, so deine Mutter.

Wenn du es dir nur fest genug einredest, darfst du das alles.

Mit Schmollmund und geballten Fäusten entziehst du dich seiner Umarmung, ignorierst seine Abschiedsgrüße und siehst, wie er aus der Tür geht. Seine Uniform ist frisch gebügelt und makellos. (Natürlich ist sie das.)

Du schaust kurz auf die sich schließende Tür, dann rennst du hoch in den Zimmer, um an einer deiner Kreationen weiterzubasteln.









Du bist neun und dein Bruder ist tot.









Plötzlich bist du älter und nicht mehr der Bruder eines Helden, sondern der Bruder eines Märtyrers. Kaum hast du es realisiert, bist du gealtert und zum Kriminellen geworden, und ein Augenblinken später sitzt du im Hauptquartier der Hunting Dogs, hörst, wie sie Glaubensweisen von sich geben, denen dein Bruder augenblicklich zugestimmt hätte, während dein Puls rast. Du magst offiziell ein Mitglied dieser Truppe sein, aber obwohl der Bauer eine Trumpfkarte in jedem Spiel sein kann, wird auch er geopfert, sobald seine Rolle erfüllt ist.

Aber hättest du erneut die Wahl zwischen einem Leben als Ersatz für einen Märtyrer, Trost für Mutter und Hoffnung für Vater, und einem Leben voller Gefahr und Grausamkeit, aber als eigene Person, fiele deine Entscheidung noch immer identisch aus.

Dass du auch hier nicht deine eigene Person bist, ignorierst du. Wenigstens hast du hier Befehle, denen du blind folgen kannst, und das genügt.

Und das Leben hier ist nicht einmal schlecht. Ja, du hast Angst vor deinen sogenannten Kameraden und ja, die nimmerendenden Spioniermissionen sind anstrengend, aber es hätte schlimmer kommen können. Außerdem kämpfst für du das Gute, das Richtige. All die Dinge, für die dein Bruder auch gekämpft hätte.

(Vielleicht kannst du die Erinnerungen deswegen nicht verdrängen. Denn egal, wie oft du dir ausmalst, wie du all die Überbleibsel und Gespenster der Vergangenheit packst, sie in einen abgelegenen Ort deines Gehirns wirfst, die schwere Tür ins Schloss fallen lässt und abschließt – manche Erinnerungen sickern immer und immer wieder durch. Das Grinsen deines Bruders. Die Erzählungen von einem Todesengel, der für so viel Leid und Schmerz und Folter verantwortlich ist.

Vielleicht nimmst du deswegen den Auftrag, dich in die Port Mafia einzuschleusen, ohne zu zögern an.)









Du bist erst wenige Wochen in Yokohama, als du sie zum ersten Mal siehst. Das Blut in deinen Ohren pocht so laut, dass dir schwindlig wird.

Alles zu verlieren, nur, um ihr eine Metallkugel durch den Schädel zu jagen, hört sich verlockend an.









Nur wenige Monate später wird dir – an deinen Händen klebt mittlerweile so viel Blut, doch das eines Engels ist nicht dabei – der Hut der Hunting Dogs aufgesetzt. Der Boss der Mafia schaut dich an, grinsend und kalkulierend. Erneut hast du die Wahl und erneut entscheidest du dich für das Klügere, triffst die Entscheidung aus eigennützigen Gründen, nicht aufgrund sentimentaler Beziehungen.

Nicht aufgrund eines alten Kauzes, dessen Lunge tabakverseucht ist und der dich immer wieder über den wahren Weg eines Mafiosos belehrt, während dir eine Hand zeitgleich auf die Schulter klopft; nicht aufgrund einer Partnerin, die kaum ein Wort von sich gibt und dir liebend gerne ein Messer gegen den Hals drückt, nur, um dich in der nächsten Sekunden vor einer Klinge im Rücken zu retten.

Du wagst es nicht, solchen Menschen Einlass in dein Leben zu gewähren, denn dein Bruder hat dir eins gezeigt – egal, wie oft du dich an sie erinnerst, letzten Endes werden diese Erinnerungen schwächer und schwächer, bis sie so flüchtig sind, dass du das Gefühl bekommst, diese Menschen seien nichts weiter als Charaktere aus einem Buch, welches du irgendwann als Kind gelesen hast. Vergessen kannst du sie dennoch nicht.

Aber du möchtest du leben und du möchtest Rache und nur deswegen schwörst du der Port Mafia deine Treue.

(Das redest du dir ein.)









Du bist neunzehn Jahre, als du sie vor dir knien siehst.

Sie sieht fertig aus. Erschöpft. Erbärmlich. Die Situation ist ohnehin schon brenzlig gewesen, doch im letzten Kampf hat sie sich komplett verausgabt, dabei ernsthaft denkend, deine kleine Kreation wäre ein Mensch aus Fleisch und Blut, perfekt zum Töten und Wiederbeleben, zum Auseinandernehmen und Zusammenstricken. Du kannst nicht anders, als eine Welle von Stolz zu empfinden, obwohl deine Fähigkeit der Grund dafür ist, dass du dich die letzten Jahre deines Lebens in einer solchen Situation befunden hast.

Nein. Falsch. Nicht deine Fähigkeit ist schuld daran. Der Tod deines Bruders trifft es schon genauer. Seine Geburt trifft ins Schwarze.

Und nun kniet die Frau, das Mädchen, welches für das Leid und die Qual und den Untergang von ihm verantwortlich war, vor dir. Und du stehst, siehst auf sie hinab, in einer Hand eine Pistole, Umhang und Hut der Hunting Dogs aufgesetzt, Mitglied der Organisation, die für Gerechtigkeit kämpft. Und siegt. Und plötzlich ist dein Bruder nicht länger eine Figur aus einem lang vergessenen Roman, sondern ein Mensch, der spricht und atmet und lebt, oder es irgendwann einmal getan hat.

Am liebsten möchtest du sie mit dutzenden von Metallkugeln durchbohren. Eine für jeden Strich auf der Platte. Eine für jedes Leid, das sie deinem Bruder zugefügt hat.

Deinem Bruder, der in allem so viel besser war. Deinem Bruder, dem die Welt zu Füßen lag. Deinem Bruder, der von deinen Eltern stets gelobt wurde, während du im Dunkeln standst und dich fragtest, wieso sie sich dazu entschieden hatten, noch einen Nachwuchs in die Welt zu setzen.

Deinem Bruder, der deine Hausaufgaben für dich erledigte, wenn deine Freunde dich zum Spielen einluden, obwohl er selber noch so viel erledigen musste. Deinem Bruder, der dir spannende Piraten- und unheimliche Geistergeschichten erzählte, während kleine Figuren durch ihn zum Leben erwachten und dich mit neugierigen Blicken betrachteten. Deinem Bruder, der dir Zuckerwatte kaufte und mit dir den Zirkus besuchte und deine Fähigkeiten mit strahlenden Augen lobte, ohne etwas von dir zu erwarten.

Deinem Bruder, der dir immer und immer wieder durch die Haare fuhr, die genauso schwarz wie seine eigenen waren, bis du irgendwann beschlossest, ihn als Ursache allen Übels zu betrachten.

Deinem Bruder.

Vielleicht tust du nichts, weil irgendein Teil von dir weiß, dass es nur einer von vielen sinnlosen Morden sein wird, an die du dich nicht mehr erinnern kannst. Vielleicht, weil er sinnloses Töten verabscheut hat. Vielleicht, weil du die gierigen Blicke der Ungeheuer neben dir spürst und ihnen einmal in deinem Leben trotzen willst. Vielleicht, weil die Schuld in dir, als du aus dem Augenwinkel deine schwarzhaarige Partnerin auf dem Boden liegen siehst, so groß wird, dass du dich nicht bewegen kannst. Vielleicht, weil das Mädchen vor dir ihr Schicksal so widerstandlos akzeptiert, dass es weniger wie Rache und mehr wie das Erlösen eines Engels von seinen Todesqualen wirkt.

Vielleicht, weil du Tachihara Michizou und ein riesiger Vollidiot bist.

Ja, das muss es sein.

Du drehst dich weg.

»Keine Sorge. Du bist der klügste kleine Bruder auf der Welt.«

Dein Bruder hatte unrecht.







✧✧✧








ich wollte schon seit ewigkeiten etwas zu tachi schreiben, weil er zu meinen absoluten favoriten in bsd zählt, und jetzt bin ich endlich dazu gekommen. es ist zwar nur etwas kleines und die altersangaben können so eigentlich nicht stimmen, aber ich bin trotzdem ganz zufrieden mit dem ergebnis. und mehr manga-content ist immer gut, es gibt eindeutig zu wenig davon. :D

lg  <3
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