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Adventskalender-Tür 20:  The Haunting of Irgendso'n Herrenhaus

von leeswaggy
KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12 / Gen
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge Niklas 'Nik' Kahl Pi Stoffers
20.12.2020
20.12.2020
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20.12.2020 7.103
 
Die Luft riecht nach Staub auf zu hohen Regalen und alten Büchern, die darin stehen, und es ist kühl – nicht so kalt, dass Nik eine Jacke bräuchte, aber auch nicht warm genug, als dass er sich wirklich wohl fühlen könnte.

Er weiß selbst nicht mehr, wer von ihnen die Idee hatte, Weihnachten in einem alten Herrenhaus zu verbringen, aber er ist sich sicher, dass er es nicht war. Alte Herrenhäuser neigen nämlich dazu, mindestens genauso gruselig wie schön zu sein, und Nik kann sich definitiv angenehmere Gefühle vorstellen als das, welches er hat, während er die Eingangshalle des Hauses betritt. Ganz abgesehen davon, dass es ihm wirklich ein wenig zu kalt ist – er hofft, dass es hier zumindest funktionierende Heizungen gibt.

„Boah, guckt euch mal die Lampe an!“, reißt ihn da Klaas aus seinen Gedanken, und sofort wandert auch Niks Blick in Richtung Decke. Dort hängt ein unglaublich großer Kronleuchter, der wahrscheinlich mehr kostet als Niks gesamtes Eigentum, und kurz denkt er darüber nach, wie teuer wohl die gesamte Einrichtung dieses Hauses ist, aber er verwirft diesen Gedanken sofort wieder, da er soeben etwas viel Interessanteres entdeckt hat: „Leute – da steht eine Ritterrüstung!“

Die Freude über die Ritterrüstung ist definitiv größer als die Freude über den Kronleuchter, und Chris macht sofort ein Foto davon, welches er mit den Worten „Metal, alter“ in seiner Instagram-Story teilt.

Ah, ja, das wird eine unfassbar lustige Woche.

Während sie gemeinsam das Haus erkunden, bestätigt sich eine Sorge, die Nik schon vorm Eintreten hatte: Treppen. Unglaublich viele Treppen. Die anderen mögen damit nicht so ein großes Problem haben, aber in einer großen Stadt wie Hamburg hat man ja auch erheblich mehr Kontakt mit einer so großen Menge an Treppen als in Osterode am Harz.

Vielleicht sind vier Stockwerke auch objektiv kein unüberwindbares Hindernis, aber nervig ist das Treppensteigen allemal, weshalb Nik sich direkt eins der zwei Schlafzimmer im ersten Stock sichert. Da Pi und Chris sich sowieso vorgenommen haben, auch während des Urlaubs ein wenig Sport zu machen, gehen beide freiwillig in den zweiten Stock, und Gerrit nimmt das freie Zimmer neben dem von Nik nur zu gerne an.



Klaas hingegen verbringt die Zeit, in der die anderen die Zimmer einteilen, lieber damit, das Erdgeschoss zu erkunden, weshalb er den anderen erst mit ungefähr einer halben Stunde Verzögerung nach oben folgt. Chris sieht kurz auf die absolut beeindruckende Standuhr, die ihm gegenüber an der Wand steht, und dreht sich dann zu dem Bassisten um: „Was hast du denn so lange unten gemacht?“

„Das Haus ist halt groß!“, verteidigt sich Klaas, und ehe einer der anderen erwähnen kann, dass er nicht einmal die Hälfte des Anwesens gesehen hat, schneidet er direkt ein kritischeres Thema an: „Ey, wo schlafen wir eigentlich alle? Unten gibt’s nämlich keine Schlafzimmer.“

„Also, wo du schläfst, wissen wir nicht, wir haben nämlich gerade die Zimmer unter uns aufgeteilt“, erwidert Nik mit dem Anflug eines Grinsens, obwohl er eigentlich genau weiß, wo Klaas schlafen wird – er will nur nicht derjenige sein, der diese Neuigkeit überbringt. Zum Glück nimmt Pi ihm diese Aufgabe ab: „Na komm, ich zeig dir dein Zimmer.“



Die beiden gehen also die Treppen zum zweiten Stock hoch und schließlich auch zum dritten, und dank des Halls in den Fluren kommt Klaas‘ „Alter, wie hoch ist dieses Haus denn noch?“ auch unten bei den anderen an.

Gerrit schüttelt nur grinsend den Kopf: „Vielleicht hätten wir auf ihn warten sollen, bevor wir ihm einfach das Zimmer in der dritten Etage geben.“

„Ach was, der hat da oben ne fette Dachterrasse ganz für sich alleine!“, winkt Nik ab und ignoriert gekonnt die Tatsache, dass im Moment (und wahrscheinlich auch noch die ganze Woche über, die sie hier verbringen werden) Minusgrade herrschen und ein Aufenthalt auf der Dachterrasse eines vierstöckigen Gebäudes vielleicht nicht gerade erstrebenswert ist.

Da das aber offensichtlich Klaas‘ Problem ist, geben sich die anderen mit dieser Antwort zufrieden, und kurz darauf beschließen sie, ihr Gepäck von unten zu holen und in ihre Zimmer zu verfrachten. (Bedauerlicherweise gibt es in dem alten Haus natürlich keinen Aufzug, aber auch das ist hauptsächlich Klaas‘ Problem.)





Das Erste, das Nik an seinem Zimmer auffällt, ist, dass es eigentlich viel zu groß für eine Person ist – dicht gefolgt von der Erkenntnis, dass er es außerdem viel zu gruselig findet (wie vieles in diesem Haus, aber dieses Zimmer ist wirklich unheimlich).

Alle Wände sind dunkel gehalten und das gigantische Fenster, durch das eigentlich genug Licht fallen sollte, wird von schweren Vorhängen verdeckt. An der Wand, die dem riesigen Bett gegenüber liegt, hängt ein gotisch aussehender Spiegel, durch den das ganze Zimmer irgendwie noch dunkler aussieht, und Nik ist sich sicher, dass er sich das nur einbildet, aber trotzdem läuft ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Der Gedanke daran, dass dieser Spiegel das Erste sein wird, das er morgens sieht, gefällt ihm überhaupt nicht, und kurz überlegt er, ob er ihn mit irgendetwas verdecken soll, aber irgendetwas sagt ihm, dass das keine gute Idee wäre, und er lässt es lieber.



„Gerrit“, ruft er stattdessen, da er weiß, dass das Zimmer des Allrounders direkt neben seinem liegt, und tatsächlich steht dieser kaum eine Sekunde später im Türrahmen: „Was gibt’s?“

Bevor Nik allerdings antworten kann, sieht Gerrit sich im Zimmer um und zieht eine Grimasse: „Als ob du ein eigenes Badezimmer hast! Ich muss durch den ganzen Flur rennen, wenn ich muss!“

Überrascht folgt Nik dem Blick seines Freundes, und tatsächlich besitzt sein Zimmer ein eigenes Bad, das er bis zu diesem Moment noch gar nicht richtig wahrgenommen hat. Gut, wenigstens muss er dann nachts nicht alleine durch den Flur laufen.

„Eigentlich wollte ich mich gerade beschweren, wie gruselig dieses Zimmer ist, aber das ist tatsächlich ziemlich cool“, erwidert er also, und ehrlich gesagt nimmt er den belustigten Blick, den Gerrit ihm daraufhin zuwirft, sehr persönlich.

„Ehrlich, beschwer dich nicht über dein Zimmer – meins ist ungefähr die Hälfte hiervon, und außerdem hast du da drüben eine echt schicke Sitzecke, die ich nicht habe. Komm mal mit rüber, ich zeig’s dir!“, bietet Gerrit an, und natürlich geht Nik mit – schließlich ist das Haus nicht nur unheimlich, sondern auch unheimlich schön, und er will zumindest jedes Zimmer einmal gesehen haben.



Das von Gerrit ist wirklich um einiges kleiner als sein eigenes, aber dafür ist das Bett noch gigantischer, was Nik bis vor ein paar Sekunden nicht einmal für möglich gehalten hat; wahrscheinlich könnten darin alle fünf von ihnen bequem Platz finden, und es ist ihm ein Rätsel, wie irgendjemand denken könnte, eine Person bräuchte so ein riesiges Bett.

Dasselbe gilt für den Sessel, der in einer Ecke des Zimmers neben einem kleinen runden Tisch steht und mit dunkelrotem Samt überzogen ist: „Alter, Gerrit, hast du nicht gerade gesagt, du hättest keine Sitzecke? Das da zählt definitiv!“

Demonstrativ lässt sich Nik auf den Sessel fallen und hat sofort das Gefühl, an Ort und Stelle einschlafen zu können. Vielleicht, wenn er sein eigenes Zimmer im Dunkeln für zu furchterregend befinden wird, vielleicht wird er dann hier einziehen. Auf dem riesigen Sessel. Ja, das klingt nach einer großartigen Idee, denkt Nik und schließt die Augen.





„Erde an Niklas Kahl! Na los, aufstehen! Wer sich nicht an der Diskussion über das Abendessen beteiligt, darf auch nicht mitessen!“, ist das erste, das Nik hört, als er langsam wach wird. Verwirrt kneift er die Augen zu, dann blinzelt er zweimal: „Hm?“

Als sich seine Augen an das Licht gewöhnt haben, sieht er sich einem grinsenden Pi gegenüber: „Guten Morgen! Oder eher guten Abend, es ist fast acht Uhr. Und wir haben alle Hunger.“

Nik hat wohl wirklich länger geschlafen, als er beabsichtigt hatte (was auch nicht wirklich schwierig ist, wenn man nicht beabsichtigt, überhaupt zu schlafen), und die Frage nach dem Abendessen stellt gerade eine enorme Überforderung für ihn da, weil er es nicht einmal unter normalen Umständen schafft, sich für ein Abendessen zu entscheiden.

Weil die anderen ihn aber so erwartungsvoll ansehen, zuckt er verschlafen mit den Schultern und sagt: „Hat nicht jemand Spaghetti mit Tomatensoße mitgebracht?“





Es werden also Spaghetti mit Tomatensoße gekocht, und zwar von Chris und Klaas, die sich freundlicherweise freiwillig gemeldet haben. Ursprünglich wollte Chris lieber mit Pi zusammen kochen, aber da Letzterer absolut keine Lust hat, hat Klaas sich dazu bereiterklärt, einzuspringen – wenn Pi morgen eine Erdbeerrolle für ihn macht. Pi scheint nicht bedacht zu haben, dass eine Erdbeerrolle eindeutig mit mehr Aufwand verbunden ist als Spaghetti mit Tomatensoße, was unter anderem daran liegen könnte, dass auch er mittlerweile in den Genuss von Gerrits Sessel gekommen ist und sich weigert, wieder aufzustehen, was wohl auch der Grund ist, weshalb er Klaas Bedingung schließlich zustimmt.

Nik hofft einfach nur, dass Klaas morgen etwas von der Erdbeerrolle abgeben wird, obwohl er nicht bezweifelt, dass der Bassist mehrere davon am Stück verdrücken könnte.



Da er keine Lust hat, Chris und Klaas beim Kochen zuzuschauen, schnappt sich Nik jetzt Gerrit, um mit ihm das Haus genauer zu erkunden. Natürlich tut er das nur, weil es alleine zu langweilig wäre, und nicht wegen all der dunklen Ecken, aus denen das Haus irgendwie zu bestehen scheint. Außerdem ist er sich sicher, dass er schon die eine oder andere Maus entdeckt hat – zumindest hofft er, dass es sich bei den vorbeihuschenden Schatten um Mäuse handelt.

Letztendlich endet er aber trotzdem bei Chris und Klaas in der Küche, weil Gerrit dem Flügel, der im Flur vor seinem Zimmer steht, nicht widerstehen kann, und Nik nicht im kalten Flur bleiben möchte. In der Küche ist es sowieso viel lustiger, weil irgendjemand das falsche Verhältnis von Spaghetti zu Soße gekauft hat und jetzt so viel Soße übrig ist, dass sie bestimmt noch zwei Tage davon essen könnten. Während Chris sich ein wenig darüber ärgert, weil es sich bei Spaghetti mit Tomatensoße in seinen Augen nicht um ein wertiges Gericht handelt, winkt Klaas nur ab und betont, wie oft er sich in seinem Leben schon ausschließlich von Nudeln ernährt hat (und so energisch, wie er dabei ist, hat Nik irgendwie das Gefühl, dass er genau weiß, wer den Fehler beim Einkaufen gemacht hat).



Letztendlich beschwert sich absolut niemand über das Essen, und bis auf Chris hat auch niemand ein Problem damit, sich tagelang davon zu ernähren – auch, wenn Nik ihn durchaus verstehen kann, da man sich mit Kindern im Haus definitiv mehr Mühe dabei gibt, ausgewogene Mahlzeiten zu kochen, und eine Woche lang Nudeln zu essen gehört nicht dazu. Solange man allerdings nicht dafür sorgen muss, dass einige kleine Menschen vernünftige Nahrung zu sich nehmen, damit sie zu etwas größeren Menschen werden können, ist das allerdings relativ egal, befindet Nik, und schließlich verbringt er ja auch nicht jede Woche mit seinen Freunden in einem coolen Haus.



Das ist wohl auch der Grund dafür, dass die Fünf sich die halbe Nacht um die Ohren schlagen, indem sie über alle möglichen Serien reden, die die meisten von ihnen neulich angefangen und/oder durchgeschaut haben, und schließlich dabei hängen bleiben, bei einer Tasse heißer Schokolade vorm Kamin an Erlebnisse zurückzudenken, die sie mit der Band in den letzten Jahren hatten und die irgendwie immer großartige Geschichten abgeben, egal, wie oft alle sie schon gehört haben. Als Pi später noch versucht, den anderen das Konzept von Unusual Memes näher zu bringen, lehnt sich Nik lächelnd zurück und ist unglaublich dankbar dafür, diese Zeit mit seiner kleinen Wahlfamilie verbringen zu können.





Wofür er allerdings nicht dankbar ist, ist die Tatsache, dass es ihm definitiv nicht gut tut, zu spät schlafen zu gehen, und als er irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens endlich in seinem Bett liegt, schafft er es trotz der Müdigkeit nicht, einzuschlafen.

Als der Schlaf schließlich kommt, ist es außerdem kein guter Schlaf, da Nik die großartige Idee hatte, sich kurz vorher noch einmal im Zimmer umzuschauen, weshalb er jetzt von gruseligen Schatten träumt.



Sogar beim Aufwachen glaubt er, aus dem Augenwinkel einen Schatten zu sehen, und sofort wandert sein Blick zum Spiegel – in dem er eine dunkle Gestalt erblickt, die auf der anderen Seite des Bettes steht.

Später schiebt Nik es auf seine Müdigkeit, dass er einfach nur ein ersticktes Kreischen von sich gibt und sich dann unter seiner Bettdecke versteckt, aber sind wir mal ehrlich – jeder würde so reagieren, oder? Jedenfalls tut Nik es, und als er sich nach einigen Sekunden wieder traut, einen Blick unter der Decke hervor zu riskieren, ist die Gestalt verschwunden.

Nik atmet auf und schüttelt den Kopf, wahrscheinlich hat er sich das alles nur eingebildet, weil er noch im Halbschlaf war (auch, wenn sein immer noch viel zu schnell schlagendes Herz etwas anderes sagt). Ohne weiter als unbedingt nötig aus der Decke hervorzukommen, greift Nik nach seinem Handy und schaut auf die Uhr – es ist viertel vor Neun am Morgen. Er stößt ein tiefes Seufzen aus, steht aber dann auf, da an Schlaf sowieso nicht mehr zu denken ist. Einbildung oder nicht, Nik ist jetzt so aufgeregt und vor allem so paranoid, dass er kein Auge mehr schließen kann, weshalb er schnell die Vorhänge zur Seite schiebt, bevor er irgendetwas anderes macht. Durch das Licht, das nun ins Zimmer fällt, wirkt dieses nicht mehr ganz so böse, und Nik muss sich nicht komplett abhetzen, als er sich etwas anzieht, um anschließend nach unten zu gehen.



Natürlich ist außer ihm noch niemand wach, und eigentlich haben sie beschlossen, immer zusammen zu frühstücken, aber Nik braucht gerade wirklich etwas für seine Nerven. Er beschließt, einfach nicht ganz so viel zu essen, damit er sich später noch zu den anderen gesellen kann, und macht sich hintereinander drei Schüsseln Unicorn Froot Loops (es ist ein Rätsel, wer die wohl gekauft hat). Anschließend schaut er nachdenklich auf den kleinen Rest übrig gebliebene Milch in seiner Schüssel und überlegt, ob diese drei Schüsseln wirklich eine gute Idee gewesen waren, weil jetzt definitiv kein Platz mehr in seinem Bauch ist, aber im Grunde kennt er die anderen und weiß, dass vor zwölf Uhr wahrscheinlich niemand aufstehen wird.





„Niklas, altes Haus, du siehst ja heute frisch aus!“, begrüßt ihn Klaas, als dieser um punkt zwölf Uhr mit Gerrit nach unten kommt, und Nik kann sich das darauf folgende Grinsen auf Gerrits Gesicht wirklich nicht erklären. Während er versucht, ein Gähnen zu unterdrücken, behauptet er sehr überzeugend: „Schlaf ist für die Schwachen.“

Gerrits Grinsen wird noch breiter, aber er sagt nichts dazu, sondern durchsucht die Schränke in der Küche nach einem Teller, bis Klaas empört dazwischen geht: „Ey, wir haben doch abgesprochen, dass wir alle zusammen frühstücken!“

„Ich hab aber voll Hunger“, erwidert Gerrit, und ohne weiter auf Klaas‘ Einwand zu achten, macht er sich ein Brot. Auch der Bassist gibt irgendwann auf, da auch er nicht abstreiten kann, dass er keine Lust hat, noch auf Pi und Chris zu warten. Die beiden werden es wohl verkraften, heute alleine frühstücken zu müssen.



Nik bekommt davon allerdings nicht viel mit, da er sich kurze Zeit später Klaas schnappt und mit ihm nach draußen geht, um die Gegend zu erkunden. Zu einem großen Herrenhaus gehört nämlich meistens auch ein großes Grundstück, und da das Wetter heute einigermaßen mitspielt, wollen sie sich einen Spaziergang natürlich nicht entgehen lassen.

Klaas beschwert sich aber schon nach ein paar Minuten, dass ihm viel zu kalt ist, und Nik seufzt – eigentlich hat er gedacht, dass ihm sowas erspart bleibt, wenn er mal eine Woche ohne Kinder wegfährt, aber Klaas hört nicht auf zu jammern, weshalb Nik irgendwann aufgibt und dem Bassisten seine Mütze überlässt.

In den nächsten paar Stunden stellt Nik fest, dass er das Grundstück mindestens genauso schön findet wie das Haus selbst, denn auch, wenn es noch nicht geschneit hat, bringt ihn die Landschaft sofort in Weihnachtsstimmung. Hinter dem Haus befindet sich ein kleiner Wald, durch den ein halb vereister Bach fließt, dessen Eis allerdings bricht, als Klaas versucht, darüber zu laufen.

Auf dem Boden liegen überall Tannenzapfen, von denen Nik einen aufhebt, um ihn auf Klaas zu werfen, was natürlich zu einer sofortigen Schlacht führt. Irgendwie geht niemand siegreich aus dieser Schlacht hervor, weil beide am Ende lachend auf dem Boden sitzen, bis sie bemerken, dass der Boden ziemlich kalt ist.

„Klaas“, sagt Nik also, während er aufsteht und beiläufig noch einen Tannenzapfen nach seinem Freund wirft, „lass uns mal wieder rein gehen, hinterher werden wir noch krank!“

„Wir können doch nicht Weihnachten krank im Bett verbringen!“, findet auch Klaas und folgt Niks Beispiel, um sich auf den Rückweg zum Haus zu machen.



Dort angekommen, treffen sie auf Chris, der mittlerweile auch aufgestanden ist und sich mit Gerrit vor den Kamin gesetzt hat. Kurz gesellen sich Nik und Klaas dazu, um von dem Wald zu erzählen, bis Klaas irgendwann nach der Erdbeerrolle fragt, die ihm ja heute zusteht. Chris seufzt nur: „Ich war vorhin mit Pi einkaufen und er war komplett überfordert, weil er sowas noch nie gemacht hat. Er hat aber zu mir gesagt, dass er das bestimmt schafft.“

„Ich geh mal gucken“, entscheidet Nik, da er zumindest ungefähr weiß, wie man eine Erdbeerrolle backt, und macht sich auf den Weg in die Küche. Chris ruft ihm aus dem Wohnzimmer noch hinterher: „Ach was, Pi hat das im Griff!“



Pi hat es nicht im Griff.

Als Nik die Küche betritt, hat der Gitarrist den Kopf in die Hände gestützt und beugt sich über sein Handy, welches auf der Arbeitsplatte liegt. Verzweifelt hebt er den Kopf und sieht den Drummer an: „Nik, ich hab keinen Pürierstab dabei!“

Nik muss sich ein Grinsen verkneifen und stellt sich neben Pi: „Für die Erdbeeren bestimmt, oder? Zeig mal das Rezept.“

Ohne ein weiteres Wort schiebt Pi ihm sein Handy rüber und setzt sich auf den Boden, während Nik konzentriert das Rezept durchliest. Im Grunde ist das ziemlich einfach, und das einzige Problem ist, wie Pi bereits richtig bemerkt hat, das Fehlen eines Pürierstabs oder Mixers. Probehalber öffnet Nik jeden Schrank in der Küche mindestens ein Mal, und dabei findet er ein paar wirklich interessante Dinge, aber natürlich nicht das, wonach er sucht. Stattdessen legt er schließlich ein Messer und einen Kartoffelstampfer auf die Arbeitsplatte: „Biddeschön!“

„Boah, Nik, du bist meine Rettung, echt!“, freut sich Pi und wirft Nik einen Luftkuss zu, woraufhin dieser nur lacht: „Das hättest du aber auch selber geschafft!“

Trotzdem beschließt er, Pi bei der Erdbeerrolle zu helfen, da er sich denken kann, dass diese heute sonst nicht mehr fertig wird – und wenn er in mehreren Jahren mit Lord of the Lost eine Sache gelernt hat, dann ist es, dass man Klaas seine Erdbeerrolle nicht länger vorenthalten sollte als unbedingt nötig.

Nachdem Klaas ungefähr sieben Mal nachgefragt hat, bekommt er schließlich seine Erdbeerrolle und freut sich so sehr darüber, dass auch Pi nicht mehr aus dem Grinsen herauskommt. Weil Nik so nett fragt, darf er sogar probieren, und auch er findet, dass sich die Mühe definitiv gelohnt hat und dass er öfter Erdbeerrollen machen sollte – allerdings in Zukunft nur noch mit einem Pürierstab, da ihm das alles mit dem Kartoffelstampfer doch deutlich zu lange gedauert hat.



So neigt sich ein weiterer Tag dem Ende zu, und nach dem gestrigen Abend entscheiden alle, heute zumindest ein wenig früher schlafen zu gehen, nachdem sie zusammen viel zu viele Runden Halt Mal Kurz gespielt haben.

Ehrlich gesagt hat Nik gehofft, dass er sich mit jeder Nacht besser fühlen wird, aber irgendwie scheint das nicht der Fall zu sein. Der Spiegel an der Wand lässt ihn immer noch unbehaglich fühlen und das Wissen, dass Gerrit direkt nebenan ist, beruhigt ihn aus irgendeinem Grund auch nicht.

Gerade, als er nach Ewigkeiten fast eingeschlafen ist, hört er von irgendwo im Haus ein lautes Scheppern und sitzt im Bruchteil einer Sekunde aufrecht im Bett. Gehetzt sieht er sich in seinem Zimmer um, nur um erleichtert festzustellen, dass sich, soweit er das beurteilen kann, alles noch an seinem Platz befindet. Trotzdem steht er auf, denn von irgendwo muss das Geräusch ja gekommen sein. Von oben hört er nun auch das Poltern von Schritten, als Chris die Treppe herunter sprintet: „Ey, wer von euch war das? Ist irgendwas passiert?“

Als Nik in den Flur kommt, stehen dort schon Gerrit, Chris und Pi versammelt, nur Klaas scheint irgendwie nichts mitbekommen zu haben. Pi sieht komplett übermüdet aus und reibt sich die Augen: „Alter, wenn einer von euch irgendwas rumgeschmissen hat, werde ich sauer, ich will schlafen.“

„Von wo kam das denn überhaupt?“, fragt Gerrit, erhält als Antwort aber nur ahnungsloses Schweigen. Vielleicht hat ja Klaas im Schlaf irgendwas umgesemmelt, überlegt Nik, aber nicht einmal der Bassist hat einen so festen Schlaf, dass er das überhören könnte. Ansonsten ist Nik auch einfach zu müde, um darüber nachzudenken, von wo das Geräusch gekommen ist, aber Chris hat scheinbar zumindest eine Ahnung: „Also, für mich klang das, als wäre es von hier irgendwo gekommen. Sicher, dass bei euch alles gut ist?“

Gerrit muss grinsen, und auch Nik findet es ein bisschen süß, dass Chris sich so viele Sorgen um sie alle macht, aber abgesehen davon, dass Niks Herz vorhin fast stehen geblieben wäre, geht es ihm ja gut. Also beschließen sie, dass ja scheinbar nichts Dramatisches passiert ist und sie alle wieder schlafen gehen können, um sich eventuell morgen mit dem Problem zu befassen, falls tatsächlich irgendwas zu Bruch gegangen sein sollte.

Nik legt sich also wieder ins Bett, in der Hoffnung, zumindest ab jetzt halbwegs durchschlafen zu können, aber erst träumt er von der komischen Gestalt, die letzte Nacht an seinem Bett stand, und wacht deshalb schweißgebadet auf, und kurz darauf fällt noch mal irgendetwas runter. Auch dieses Mal hat Nik das Gefühl, gleich tot umzufallen, aber zumindest kann er jetzt einschätzen, dass das Geräusch von dieser Etage gekommen sein muss. Schnell steht er auf, und während er noch auf dem Weg zur Zimmertür ist, ruft er: „Gerrit, du Heini, das warst du!“

„War ich überhaupt nicht!“, kommt prompt die Antwort, und kaum eine Sekunde später stehen sich die beiden im Flur gegenüber und schauen sich verwirrt an. Wenn Gerrit das nicht gewesen ist, dann… Nik will gar nicht darüber nachdenken, was das mit der Gestalt aus seinem Traum zu tun haben könnte. Kurz überlegt er, Gerrit davon zu erzählen, aber im Grunde würde der das nur gegen Nik verwenden, um ihn noch mehr zu erschrecken, also lässt er es lieber bleiben.

Auch Pi und Chris stehen nach kurzer Zeit wieder unten bei Nik und Gerrit, und dieses Mal sieht auch Chris ziemlich unglücklich aus: „Boah, Leute, es ist fünf Uhr früh, ich will eigentlich echt schlafen. Aber ich will auch nicht, dass einer von euch sich aus Versehen umbringt, deshalb müssen wir jetzt gucken, wer im Schlaf mit Sachen wirft.“

„Vielleicht gibt’s hier ja einen Geist“, witzelt Gerrit, aber Nik findet das irgendwie nicht so richtig lustig und bekommt eine Gänsehaut. Gerrits Grinsen, als dieser Niks Unwohlsein bemerkt, findet er allerdings fast noch schlimmer, und er fragt sich, warum der Keyboarder das alles so lustig findet. Chris und Pi scheinen sich allerdings auch nicht so wohl zu fühlen, denn keiner von beiden lacht mit Gerrit, und Chris seufzt nur leise: „Hoffentlich ist es ein netter Geist, ich will nämlich eine schöne Woche hier verbringen. Und vor allem will ich gerade schlafen.“

Mit diesen Worten dreht er sich um und läuft die Treppe zu seinem Zimmer hoch. Nik versteht ihn sehr gut; auch er fühlt sich, als könnte er sich genau jetzt auf den Boden legen und drei Wochen schlafen. Im Gegensatz zu Chris bleibt er allerdings wo er ist und sieht sich im dunklen Flur um: „Bin das nur ich oder ist dieses komplette Haus irgendwie saugruselig?“

„Ich weiß gar nicht, was du meinst. So Freunde, ich bin müde, gute Nacht“, erwidert Gerrit nur mit einem Gähnen und verschwindet in seinem Zimmer. Nik stößt ein verzweifeltes Seufzen aus – warum nimmt ihn eigentlich nie einer ernst? Naja, außer Pi scheinbar: „Puh, nee, ich find’s auch etwas stressig, ehrlich gesagt. Wenn keiner von uns schlafwandelt, hab ich auch keine Ahnung, was das sonst sein soll, aber irgendeine Erklärung muss es ja geben.“

Nik bereut es wirklich, nicht das Zimmer auf derselben Etage wie Pi genommen zu haben, auch wenn das mit mehr Treppen verbunden wäre – dann hätte er wenigstens die Gewissheit, dass sein Zimmernachbar genauso viel Schiss hat wie er selbst. Mit Gerrit hingegen ist das Risiko groß, dass dieser Niks Aussagen gegen diesen verwendet und ihm irgendwie noch mehr Angst macht, obwohl Nik ein bisschen darauf hofft, dass sein Bandkollege zumindest ein bisschen Empathie und Anstand besitzt.

Er verbringt also noch ein wenig Zeit mit Pi im Flur, bis es zu kalt wird und bis sie beide vor Müdigkeit fast umfallen. Bevor Pi sich verabschiedet und Nik eine gute Nacht wünscht, wuschelt er diesem noch durch die Haare und nuschelt irgendetwas, das entfernt klingt wie „Lass dich mal nicht fressen von dem Geist“.

Ah, beruhigend, denkt sich Nik und geht zum dritten Mal in dieser Nacht schlafen.



Aber hält der Schlaf an? Nein, natürlich nicht. Man sollte eigentlich meinen, dass Nik sich mittlerweile daran gewöhnt hat, von gruseligen Geräuschen aus dem Schlaf gerissen zu werden, aber die Töne eines Flügels zu hören, während jeder im Haus schlafen sollte, ist nichts, an das sich Nik unter irgendwelchen Umständen gewöhnen kann oder will. Er zieht sich die Decke über den Kopf und hofft, die Melodie so ausblenden zu können, aber natürlich funktioniert das nicht, und letztendlich steht er doch wieder auf. Fröstelnd zieht er sich eine Strickjacke über, was aber nicht gegen den kalten Schauer hilft, der ihm über den Rücken läuft.

Gerade will er sich auf den Weg zu seiner Zimmertür machen, da wird die Melodie des Flügels von etwas anderem übertönt, und nach dem Bruchteil einer Sekunde erkennt Nik das Intro von Gimme! Gimme! Gimme! von ABBA.

Reichlich verwirrt öffnet er die Tür zum Flur und sieht Pi die Treppe herunter tanzen, während er „half past twelve!“ ruft und dabei irgendwie viel zu verzweifelt aussieht. Sofort muss Nik grinsen – Pi hat soeben die effektivste Methode gefunden, Angst zu bekämpfen.

Auf einmal steht auch Gerrit neben ihnen, und neben der Musik kann man sein leises Lachen nur erahnen. Auch er scheint nichts gegen Pis Idee zu haben, und so hüpfen die drei ein wenig im Flur herum, während sie schief zu dem Lied mitsingen. Zwar bekommt Nik die Situation von eben auch so nicht aus dem Kopf, aber in Horrorfilmen tanzen die Charaktere doch auch nicht auf peinliche Art und Weise zu ABBA, bevor sie sterben, oder? Also sind sie sicher.

An irgendeinem Punkt schaltet sich Niks Gehirn einfach aus (was ganz vielleicht am Schlafmangel liegen könnte) und er bekommt nur am Rande mit, wie Chris irgendwann nach unten kommt, nur um kurz darauf mit Gerrit nach oben zu verschwinden und Nik mit Pi alleine zu ABBA abgehen zu lassen. Ungeachtet der Tatsache, dass er eigentlich dringend Schlaf braucht, hat der Schlagzeuger den Spaß seines Lebens – er würde die Situation sogar als ~vibe~ bezeichnen. Auch das könnte am Schlafmangel liegen, aber das stört ihn ehrlich gesagt nicht so richtig.



Zumindest, bis der Punkt kommt, an dem die Müdigkeit wiederkommt wie ein sehr fester Schlag ins Gesicht, und zufällig ist das genau der Punkt, an dem Pis kleine ABBA-Playlist zu Ende ist. Auch Pi sieht man die Müdigkeit definitiv an, und er ist es, der nach ein paar Sekunden Stille sagt: „Ich penn gleich im Stehen ein.“

„Ja, ich auch“, entgegnet Nik, und er braucht einen Moment, um zu realisieren, dass das ja gar nicht notwendig ist – sie haben Betten, in denen sie schlafen können. Pi scheint das schon bemerkt zu haben, denn er hat sich ohne ein weiteres Wort umgedreht und geht die Treppen hoch. „Schlaf schön“, murmelt Nik noch, und er bezweifelt, dass es bei Pi angekommen ist, aber das ist ihm gerade egal, und auch er begibt sich auf direktem Wege in sein Bett.





Als er morgens aufwacht (zumindest ist er sich relativ sicher, dass es morgens ist), fühlt er sich, als wäre er von mehreren Baggern überfahren worden, aber er weigert sich, nochmal einzuschlafen. Er ist mit seinen Freunden hier, also wird er auch Zeit mit seinen Freunden verbringen, beschließt er und steht auf – nur, um wenige Sekunden später wieder aufs Bett zu fallen, weil sein Kreislauf aufgibt. Seufzend setzt er sich auf die Bettkante und wartet, bis er ohne Probleme aufstehen kann, bevor er sein Zimmer verlässt.

Im Flur kommt ihm ein viel zu gut gelaunter Gerrit entgegen, der mit seiner Tardis-Kaffeekanne in der Hand auf dem Weg nach unten ist: „Einen wunderschönen guten Morgen!“

„Moin“, seufzt Nik und folgt seinem Freund, obwohl er diesem am liebsten die Kaffeekanne ins Gesicht werfen würde. Wie kann man nach so wenig Schlaf so gut gelaunt sein? Nik schüttelt den Kopf und beschließt, sich einfach nicht von Gerrit ärgern zu lassen.

Heute schaffen sie es sogar, alle gemeinsam zu frühstücken, da alle anderen schon unten sind und die beiden Nachzügler mehr oder weniger euphorisch begrüßen. Der Einzige, der absolut fit aussieht, ist Klaas, welcher jetzt auch sofort aufspringt, um den Tisch zu decken und sogar Rührei zu machen. Nik versteht nicht, wie man um so eine Tageszeit so motiviert sein kann, und er sieht Pi und Chris an, dass es ihnen genauso geht, aber nichtsdestotrotz ist er dankbar für das Frühstück, das Klaas ihnen macht.

„Wie habt ihr eigentlich so geschlafen? Also, mein Bett ist ja der absolute Oberhammer“, bemerkt Klaas irgendwann beim Essen, womit er vier ungläubige Blicke auf sich zieht – der hat wohl echt nichts mitbekommen. So einen tiefen Schlaf hätte Nik auch gerne.

Der Bassist sieht unterdessen einfach nur noch verwirrt aus, und Pi klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter: „Ach, Klaas, wir freuen uns einfach alle, dass du gut geschlafen hast. In den Genuss ist außer dir leider keiner gekommen.“

Kurz werden Klaas die Ereignisse der letzten Nacht erklärt, und dieser schüttelt nur ungläubig den Kopf: „Nee, hab ich echt nix von mitbekommen. Vielleicht doch gar nicht so schlecht da oben!“

Und wieder bereut Nik die Wahl seines Zimmers. Wieso hat er sich ausgerechnet das Zimmer neben Gerrit ausgesucht, das außerdem noch unglaublich gruselig ist? Gut, er hat ein eigenes Bad, aber das ist es gerade echt nicht wert. Alles, was er will, ist, so gut zu schlafen wie Klaas.



Der Tag ist grau, regnerisch und auch sonst einfach nur eklig, weshalb sie beschließen, zum Großteil drinnen zu bleiben und Spiele zu spielen. Pi und Klaas gehen zwischendurch eine Runde spazieren, um zumindest ein bisschen an der frischen Luft zu sein, und als sie zurückkommen, sind sie so durchgefroren, dass sie sich erstmal zwei Stunden vor den Kamin setzen und Kaffee trinken müssen, um sich aufzuwärmen.

Einmal mehr ist Nik dankbar für seine Freunde, mit denen selbst der langweiligste Tag noch irgendwie cool wird, obwohl sie nicht einmal etwas besonders Cooles machen. Die meiste Zeit sitzen sie einfach nebeneinander auf der riesigen Couch, scrollen durch Social Media und zeigen sich zwischendurch mehr oder weniger lustige Bilder, über die dann gemeinsam gelacht oder der Kopf geschüttelt wird.

Chris ist von letzter Nacht noch so müde, dass er irgendwann auf Gerrits Schoß einschläft, und auch Nik kommt aus dem Gähnen gar nicht mehr heraus. Er weiß aber, dass er, wenn er jetzt in sein Zimmer geht, sowieso nicht schlafen kann, weshalb er den anderen weiterhin beim Nichtstun Gesellschaft leistet.



„Ey, sagt Pi irgendwann, „lasst uns mal alle in einem Zimmer pennen heute, ich will endlich mal durchschlafen, ohne mir vor Angst in die Hose zu machen.“

Nik ist sich sicher, dass er in seinem Leben noch keinen auch nur annähernd so guten Vorschlag gehört hat, und er stimmt sofort zu. Nachdem auch Chris geweckt wurde, sind sich alle einig, dass Pi da eine sehr gute Idee hat, und laufen zielstrebig auf Gerrits Zimmer zu. Ganz kurz will dieser protestieren, aber er merkt, dass er sowieso keine Chance hat, weil sein Zimmer am coolsten ist (und außerdem das größte Bett und einen fast genauso großen Sessel hat).

„Moment, ich hol noch schnell was“, fällt Pi da noch ein, und wenige Minuten später ist er mit zwei Flaschen Wein und einem Tablet im Arm zurück: „Damit wir noch einen Film gucken können!“

Sofort muss Nik grinsen – das kann nur ein guter Abend werden.

Aus diversen Gründen fällt die Filmauswahl schließlich auf Frozen, da alle einfach mal ein bisschen Ruhe brauchen, und was gibt es da Besseres als einen Disney-Film, den man schon viel zu oft gesehen hat? Richtig, nichts.

Bevor es losgeht, ziehen sich alle noch etwas Bequemes an, dann kuscheln sie sich alle zusammen auf Gerrits Bett, während Pi auf seinem Tablet den Film startet. Nik stellt fest, dass es wenig Dinge gibt, die so gemütlich sind, wie mit seinen besten Freunden zu kuscheln, während man Frozen schaut und Wein trinkt, und er ist wirklich froh, dass er heute nicht alleine in seinem Zimmer ist. Es wird viel gelacht, und obwohl Frozen ein Kinderfilm ist, rollt am Ende das eine oder andere Tränchen.

„Ich hab euch so lieb alle“, seufzt Pi, nachdem er sein Tablet vom Bett geräumt und sich wieder hingelegt hat, woraufhin er zustimmendes Gemurmel und ein „Wir dich auch, Pi“ von Gerrit bekommt. Gerrit setzt sich auf, um einen großen Schluck Wein zu trinken, während Pi sich in einer sehr emotionalen Rede dafür bedankt, dass alle zusammen hier schlafen, weil er sonst vor Angst alleine schon gestorben wäre. Sofort fängt Gerrit ein wenig an zu lachen und lässt sich wieder aufs Bett fallen: „Ihr seid so süß, wie ihr euch die ganze Zeit gruselt, echt! Glaubt ihr wirklich ganz ehrlich, hier wäre ein Geist oder so?“

„Ja klar!“, ruft Nik empört und guckt Gerrit beleidigt an – macht er sich gerade wirklich darüber lustig, dass einige Leute hier in den letzten Nächten nicht schlafen konnten? Was für eine Gemeinheit! Auch Pi nickt zustimmend, und Chris, der als Einziger nichts von dem Wein getrunken hat, muss jetzt auch ein wenig grinsen. Nik fühlt sich mal wieder nicht ernst genommen und will gerade etwas sagen, da wird er vom noch immer lachenden Gerrit unterbrochen: „Leute, ich war das! Ich hab die Sachen geworfen gestern.“



Niks Kinnlade klappt herunter. Wirklich, er hat Gerrit viel zugetraut, aber das? Das war absolut grausam von ihm und am besten sollte die ganze Woche lang keiner von ihnen mehr mit ihm reden! Er schnappt sich ein Kissen, um es Gerrit ins Gesicht zu werfen, aber dem empörten „Hallo, ich kann doch auch nichts dafür!“ nach zu urteilen, hat er stattdessen Chris getroffen. Dieser hat Niks Plan aber offensichtlich verstanden, denn er nimmt sich das Kissen aus dem Gesicht und schlägt damit halbherzig nach Gerrit: „Warum machst du sowas? Ich brauch Schlaf, mann!“

„Ihr hättet euch sehen sollen, wirklich, das war es wert! Ich hatte den Spaß meines Lebens“, grinst Gerrit, aber jetzt schaltet sich auch Pi ein: „Hallo?? ´tschuldigung? Du warst überhaupt nicht gruselig, wirklich, ich wusste die ganze Zeit, dass du das warst! Du bist einfach nur blöd!“

Natürlich klingt das sehr überzeugend. Nik will gerade sauer auf Gerrit sein, will er wirklich, aber die Situation lässt es einfach nicht zu. Auch er muss jetzt schmunzeln und dreht sich zu Pi: „Hast du sehr gut erkannt, Pi, wirklich.“ Der Gitarrist dreht sich nur beleidigt weg und nuschelt irgendetwas darüber, wie undankbar hier alle seien.

Als Einziger, der nichts mit der ganzen Misere zu tun hat, sieht sich Klaas jetzt wohl in der Verantwortung, die Situation aufzulösen: „So, Freunde, es ist schon ganz schön spät, und ihr solltet echt mal den Schlaf nachholen, den Gerrit euch geklaut hat!“

Und genau das war der Moment, auf den Nik gewartet hat, denn jetzt steht er so schnell er kann auf (was gerade nicht besonders schnell ist, aber der Wille zählt), macht das Licht aus und wirft sich mit dem Ausruf „Meiner!“ auf den Sessel. Scheinbar hat niemand etwas dagegen, da das Bett mehr als genug Platz für die vier Personen bietet, die sich darin aneinander kuscheln.



„Nacht“, murmelt Chris noch mit einem Gähnen, dann fordern die letzten beiden Nächte ihren Preis und alle schlafen innerhalb von wenigen Minuten ein.

Obwohl der Abend so ziemlich genau das gewesen ist, was Nik gebraucht hat, träumt er schon wieder von der gruseligen Gestalt aus der ersten Nacht, und schon wieder wacht er deswegen mit einem Schreck auf. Er blinzelt ein paar Mal und sieht sich etwas verwirrt im Zimmer um, bis er sich daran erinnert, dass er ja bei Gerrit ist und dass nichts passieren kann, weil er es war, der die Sachen geworfen hat. Gerade will Nik sich im Sessel umdrehen und weiterschlafen, da fällt ihm etwas ein und er ist sofort hellwach: „Gerrit!“

„Hmmmm?“, kommt eine sehr gedämpfte Antwort aus der Richtung des Bettes, und es tut Nik fast schon ein wenig leid, die anderen jetzt wecken zu müssen, aber das ist wichtig.

„Hier ist doch ein Geist!“

„Es gibt doch aber gar keine Geister…“

„Doch! Vorgestern stand so eine gruselige Gestalt in meinem Zimmer! Mit so schwarzen Haaren und-…“

„Nik, das war ich“, seufzt Gerrit, und damit ist das Gespräch für ihn beendet und er schläft weiter.



Oh, denkt Nik, das ergibt Sinn.





Bis auf ein erbostes „Bah, Pi, nicht auf meine Haare sabbern!“ seitens Klaas verläuft die Nacht ohne weitere Zwischenfälle.





Der Morgen (oder wohl eher Vormittag) sieht da ganz anders aus, denn Nik und die anderen werden von einem empörten „Ich glaub’s ja nicht!“ von Gerrit geweckt. Leise seufzend öffnet Nik die Augen und streckt sich einmal, bevor er sich aufsetzt und nachschaut, was denn Gerrits Problem ist. Dieser steht mitten im Raum, hat die Hände in die Hüften gestemmt und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen, wobei er sich nicht sicher zu sein scheint, ob er etwas suchen oder seine Freunde böse angucken will.

„Dir auch einen guten Morgen“, grummelt Klaas und dreht sich um, wobei er Pi aus Versehen seinen Ellbogen in die Rippen schlägt. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut springt dieser auf und funkelt den Bassisten kurz an, wendet sich aber dann Gerrit zu: „Was gibt’s denn?“

„Meine Weihnachtssocken sind weg!“



Und so beginnt die Suche. Natürlich müssen alle aufstehen und helfen, aber auch zu fünft sind sie nicht erfolgreich – Gerrit ist sich sicher, dass er die Socken gestern Abend hier in den Raum gelegt hat, aber sie sind nirgendwo auffindbar. Langsam aber sicher wird der Keyboarder wirklich sauer, und obwohl die anderen wirklich versuchen, ihn zu besänftigen, kommt irgendwann der Ausbruch: „Okay, wisst ihr was, ich verstehe, dass ihr sauer seid, und ich verstehe, dass ihr euch an mir rächen wollt, aber das waren die einzigen warmen Socken, die ich dabei hatte! Ich habe kalte Füße!“

Nik versucht, ein Grinsen zu unterdrücken, er versucht es wirklich, aber es bringt nichts – Gerrit wütend zu machen, ist normalerweise nicht so einfach, und die Tatsache, dass jetzt ausgerechnet verschwundene Weihnachtssocken dafür verantwortlich sind, ist wirklich ein bisschen lustig.

„Wer von euch hat die genommen? Versucht gar nicht erst, euch rauszureden! Ich weiß, dass es einer von euch war, weil ihr alle die ganze Zeit hier wart!“, regt sich Gerrit auf, dann geht ihm ein Licht auf und er zeigt auf Nik: „Du!“



Entschuldigung, denkt Nik empört und will gerade etwas Gemeines sagen, aber da er Gerrit nicht noch wütender machen will, lässt er es und fragt stattdessen: „Warum denn ich?“

„Weil du auf dem Sessel warst! Ich hätte gemerkt, wenn die anderen aufgestanden wären!“

„Kollege, ich habe geschlafen, genau wie alle anderen hier auch“, seufzt Nik und fragt sich, ob es nicht auch sein kann, dass Gerrit die Socken einfach verloren hat, aber er traut sich nicht, nachzufragen.

Chris ist schließlich derjenige, der ausspricht, was vermutlich alle denken: „Gerrit, Hasi, bist du sicher, dass du die hier hingelegt hast? Vielleicht sind die ja noch unten.“

Man sieht Gerrit an, dass er gerade zu einer sehr unfreundlichen Antwort ansetzt - da ertönt ein ganz leiser Ton aus dem Flur, der nur von dem dort stehenden Flügel kommen kann.

Gerrit klappt seinen Mund wieder zu und sieht sich im Zimmer um, um sich zu vergewissern, dass auch alle hier sind. Alle scheinen den gleichen Gedanken zu haben: Wenn sie alle hier sind, woher kommt das Geräusch? Ein Flügel kann sich ja schlecht selbst spielen.

„Äh…?“, sagt Chris, und wieder spricht er damit exakt das aus, was alle denken.

Gut, Niks Gedanken gehen sogar ein bisschen weiter, da er schon wieder an die Gestalt aus seinem Zimmer denken muss (ja, auch wenn er jetzt weiß, dass das Gerrit war), aber „Äh“ fasst es in der Essenz doch ziemlich gut zusammen. Ein bisschen kämpft er mit sich, ob er nachgucken gehen soll, aber Pi nimmt ihm die Entscheidung ab: „Na los, wir gehen mal gucken! Vielleicht hat sich ja ein Eichhörnchen verirrt und wir müssen es jetzt retten.“

Eine Eichhörnchenrettungsaktion klingt zwar nicht unbedingt verlockend, aber alles ist besser, als gerade alleine zu sein, also folgt Nik Pi und den anderen in den Flur.



Dort ist alles ruhig, und zwar nicht so ruhig, wie es normalerweise ist, sondern viel zu ruhig, als würden selbst die Staubkörner die Luft anhalten. Nik erschreckt sich fast schon vor seinem eigenen Atem.

Eine Diele knarrt, als jemand von ihnen darauf tritt, und alle zucken gleichzeitig zusammen. Wäre die Situation nicht so gruselig, hätte Nik bestimmt gelacht, aber so wartet er nur ab, was als nächstes passiert.

Kurz denkt er, sie hätten sich den Ton nur eingebildet, aber da fällt eine Vase vom Bücherregal und zerbricht klirrend am Boden. Sofort schnellt sein Blick zu dem Regal, und dort sieht er…



Einen Kobold? Nein, nein, einen Wichtel!

Auf jeden Fall sieht er eine winzige Person, die auf dem Regal steht und peinlich berührt den Blicken der Musiker ausweicht. Und was hält diese Person in den Händen? Natürlich Gerrits Weihnachtssocken. Nik entweicht ein leiser Seufzer, denn da er noch nicht realisiert, wie absurd diese ganze Situation ist, ist er gerade einfach nur froh, keinen Geist gefunden zu haben.

Dem Wichtel scheint unterdessen wieder eingefallen sein, dass er sich auch bewegen kann, und er verschwindet mit Gerrits Socken in der Hand blitzschnell zwischen den Büchern.



„Ey!“, kommt da auf einmal Leben in den Keyboarder, welcher ein paar große Schritte auf das Regal zu macht, nur um festzustellen, dass der Wichtel mitsamt seinen Socken wirklich weg ist. Mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck dreht er sich zu seinen Freunden um, die alle mit genau derselben Miene zurückstarren.

„Was war das denn?“, fragt Gerrit schließlich, und irgendwie weiß darauf niemand so richtig eine Antwort, weshalb Klaas irgendwann vorsichtig vorschlägt: „Ein Kobold?“

„Nein, Mann, zu Weihnachten heißen die doch Wichtel!“, protestiert Nik sofort, da er mittlerweile genug Kinderbücher gelesen hat, um so etwas zu wissen.



„Aha, ein Wichtel also“, murmelt Pi und schüttelt ein wenig verzweifelt den Kopf, „das macht die Sache natürlich besser.“
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