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Celly's One-Shot Sammlung

Kurzbeschreibung
SammlungKrimi, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
20.12.2020
25.02.2021
12
51.853
17
Alle Kapitel
65 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
28.12.2020 2.354
 
Triggerwarnung für Suizid-Gespräche, Mobbing

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Ich sitze auf dem Beifahrersitz meines Wagens vor dem Bochumer Polizei-Präsidium und warte. Eigentlich sollte sie schon längst hier sein. Es ist bereits dunkel, doch das ist vor allem der Jahreszeit geschuldet. Ich sehe auf mein Handy, checke die Uhrzeit. Halb sieben. Sie hat wieder länger gearbeitet, vielleicht weil auch sie Angst davor hat, in ihre Wohnung zu kommen und mit all den Erinnerungen konfrontiert zu sein. Ich bleibe auf dem Messenger hängen, lese unseren Chatverlauf durch und muss schmunzeln. Plötzlich höre ich ihre Schritte und kurz darauf, wie sie ihren Wagen aufschließt. Ich werfe einen Blick nach draußen und da steht sie in ihrem grauen Wintermantel, einen dicken Schal um den Hals geschlungen und tippt etwas in ihr Handy, unsere Staatsanwältin Ellen Bannenberg.
Mein Blick wandert zurück zu unserem Chat, in der vagen  Hoffnung, dass dort ein "schreibt" auftaucht. Was natürlich nicht passiert.
Fast hätte ich den eigentlichen Grund vergessen, warum ich auf meine Staatsanwältin gewartet habe. Ruckartig öffne ich die Tür und steige aus.
Erschrocken zuckt sie zusammen, wirbelt herum. "Gott, Heldt, habn' Sie mich erschreckt!"
"Tschuldigung. Könn' wir reden?" Ich setze meinen Unschuldsblick auf. Ellen erholt sich von ihrem Schrecken, blinzelt mich an und nickt schließlich.

Wir setzen uns in ihren Mercedes und ich erzähle ihr von meinem Ausflug in die Zeugenschutzwohnung des BKA's und Anne Lerchs Bedingung.
"So eine Garantie kann ich nicht geben, das ist weit jenseits meiner Zuständigkeit", dringt ihre sanfte Stimme gedämpft, wie durch Watte, an mein Ohr.
Abwesend starre ich ins Leere. "Wer könnte es denn?"
"Der Generalstaatsanwalt, denke ich. Ich werd' da Mal nachfragen." Nachdenklich sieht sie über den Hof.
Mein Puls steigt. Endlich habe ich die Aussicht auf eine reale Chance, diese Odyssee zu beenden und zu erfahren, wer der Jurist ist. "Würden Sie das für mich tun?"
Sie dreht den Kopf zu mir und sieht mir direkt in die Augen. "Klar."
Ich lächle berührt.
"Was sagt denn der Innenminister?", fragt Ellen im nächsten Moment. Sie klingt skeptisch, als traue sie dem Ganzen nicht über den Weg.
"Er weiß es nicht..." Meine Stimme verschwindet, mein Blick springt unruhig hin und her. "Das BKA will die Sache unter'm Radar halten. Andererseits bemüht er sich seit Monaten um ein Treffen mit Anne Lerch für mich." Fragend sehe ich Ellen an, doch sie guckt nach unten auf ihre Hände.
"Soll ich's ihm sagen?"
"Nein", sie hebt den Kopf, betrachtet das Treiben auf dem Platz vorm Präsidium und schüttelt kaum merklich den Kopf. "Nein, ich würd' erstmal schauen, ob Frau Lerch das wirklich ernst meint." Wieder guckt sie mich abwägend an. "Nachher erzählen Sie's ihm und dann macht sie 'nen Rückzieher und dann haben Sie ihren Joker verspielt."
"Mhm." Wahrscheinlich hat Ellen Recht. Ich werde erstmal die Füße ruhig halten, bis sie mit dem Generalstaat gesprochen hat. Ein wenig unruhig rutsche ich auf dem Ledersitz hin und her.
Ellen atmet hörbar aus, schmunzelt, nein, es ist eher liebevolles Lächeln, mit dem sie mich bedenkt.
"Was?"
Sie lässt mich nicht aus den Augen. "Naja, es gab eine Zeit, da waren Sie immer gleich kurz vor der Explosion, wenn es Neuigkeiten von Ihren Eltern gab und jetzt? - Sind sie fast beunruhigend ruhig." Sie bewegt den Kopf, das soll wohl die Andeutungen eines anerkennenden Nickens sein.
"Aha, bin ich das?" ungläubig mustere ich sie. Macht sie sich gerade über mich lustig?
"Mhm", bestätigt sie und wirkt erleichtert, fast zuversichtlich.
"Man wird wahrscheinlich geduldig, wenn man so lange auf etwas wartet. Sonst geht einem am Ende ja noch die Puste aus."
"Mensch, Heldt, Sie werden ja noch ein weiser Mann." Ihre Mundwinkel ziehen sich nach oben, ihre Augen funkeln in der Dunkelheit ihres Wagens.
Was gäbe ich dafür, sie jeden Morgen so lächeln zu sehen? Dafür, von ihr jeden Tag so angesehen zu werden, wie sie es jetzt gerade tut? "Ist ja nicht das einzige, worauf ich warte", deute ich an.
Sie sagt nichts, sieht mich schlicht weiter so an.
Ich schlucke, überlege, ob ich zu deutlich war. Eindringlich erwidere ich den Blickkontakt, warte auf ihre Reaktion.
Immer noch nichts. Ihre Miene wird zusehends neutral, während meine Augen langsam an ihrem Gesicht entlang gleiten.
Schließlich ist Ellens Ausdruck bei "ernst" angekommen. Sie hebt ihre Hand, legt sie sanft an meine Wange und streichelt über meine Bartstoppeln.
Dankbar für diese vertraute Berührung senke ich den Kopf und lächle in mich hinein.
"Gut' Nacht, Heldt." Sie sieht mich zärtlich an.
Ihre Augen blitzen auf, ihre Lippen sind zu einem leichten Lächeln gekräuselt.
Schweren Herzens steige ich aus, sie steckt den Schlüssel ein, sieht mir nach. Durch die Fensterscheibe der Fahrertür erkenne ich, wie Ellen glücklich lächelt, während sie den Motor startet.
Einen Moment noch bleibe ich hier draußen stehen, um Ellens Wagen nachzusehen.
Als der silberne Mercedes aus meinem Blickfeld verschwunden ist, beschließe ich, den Abend im Carlos ausklingen zu lassen.

ELLEN

Ich stelle mein Auto in der Straße vor unserer Wohnung ab, schließe die Haustüre auf, eile die Treppenstufen nach oben und begrüße Emily, die noch über ihren Schulaufgaben hockt.
"So gute Laune, Mama?", bemerkt diese gleich skeptisch, als ich durch die Küche wirble, mir ein Glas Burgunder zum Feierabend einschenke und mich damit aufs Sofa setze.
"Ja, schließlich muss ich keine Mathehausaufgaben mehr machen." Mein Blick fällt auf den leeren Teller neben Emy's Platz. "Hast du dir schon was zu Essen gemacht?"
"Ja hab ich. Und du bist gemein!"
"Quatsch, freu dich doch lieber, dass deine alte Mutter auch mal Grund zur Freude hat."
"Ach, und was wäre dieser Grund, wenn ich fragen darf?"
"Darfst du nicht, Emy!", flöte ich und nehme einen großen Schluck. "Außerdem musst du jetzt mit Schulsachen weitermachen."
"Mhm." Mäßig begeistert beugt sich meine Tochter wieder über ihre Hefte.
Ich stelle mein Weinglas auf dem kleinen Beistelltisch ab und denke an mein Gespräch mit Nikolas auf dem Parkplatz zurück.
Sein Versprechen, auf mich zu warten, ist der Grund für meine gute Laune. Er hatte Recht, es war zu früh, kurz nach Stefans Tod über uns zu sprechen. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen?
In den letzten Monaten habe ich gemerkt, wie ich selbst innerlich mit diesem Kapitel abgeschlossen habe.
Für Emily ist es schwerer als für mich, in ihrem Leben war ihr Vater eine ganze Zeit lang noch präsent. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie er mir morgens Kaffee ans Bett gebracht hat, doch ich habe unsere gemeinsame Zeit schon so weit verdrängt, dass meine Erinnerungen daran nur noch verschwommen sind.
Ich denke an Nikolas Worte.
Wahrscheinlich wird man auch mit sich selbst geduldig, so lange, bis man merkt dass man soweit ist. Bin ich so weit?
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, vibriert mein Handy.
Es ist eine Nachricht von Nikolas.
"Nochmal Danke für deine Hilfe. Das bedeutet mir wirklich viel." Grinsend halte ich das Display vor mein Gesicht.
"Achso, vielleicht ist das ja der Grund für deine gute Laune", ertönt es aus Emilys Richtung.
"Bist du schon fertig mit Mathe?", fertige ich sie rasch ab und tippe:
"Das mache ich gerne. Dafür sind Freunde doch da." Ich schicke die Antwort ab. Sind wir das, Freunde? Wir haben in seinem alten Mercedes unsere Freundschaft mit einen Schluck Wein besiegelt, er ist immer für mich und Emy da und ich für ihn. Wir respektieren uns, unterstützen uns gegenseitig, haben unglaublich viel Spaß miteinander, kurzum, wir mögen uns einfach. Mögen ist ein sehr dehnbarer Begriff. Mein Handy vibriert erneut.
"Lust auf einen Feierabenddrink unter Freunden? Bin noch im Carlos." Er ist immer noch online.
Ich schmunzle. Sollte ich ihn warten lassen? Ich entscheide mich für Nein und schreibe ihm zurück:
"Sonst immer gerne, aber ich kann Emily ja nicht einfach hier allein lassen."
Bedauernd drücke ich auf Senden und postwendend erscheint eine Antwort auf meinem hell aufleuchtenden Display.
"Emily kann gerne mitkommen, im Carlos gibt's auch Anti-alkoholische Getränke und ganz so spät ist es auch noch nicht."
Wie aufgeregt er klingt! Meine Geste vorhin bei mir im Auto scheint ihm neue Hoffnungen gegeben zu haben, dass aus uns vielleicht doch noch mal was wird.
"Emily muss noch Matheaufgaben machen." In der Sekunde, in der ich die Message abschicke, ruft meine Tochter "Fertig!" durchs Esszimmer, packt ihre Sachen zusammen und stopft sie in ihren Schulranzen.
Ich starre auf unseren Chat, er hat meine letzte Nachricht gelesen, doch er ist nicht mehr online. Das war's dann wohl mit unserem kleinen Flirt. Hab ich ja wirklich charmant beendet, indem ich meine Tochter vorgeschoben habe.
"Was, immer noch? Schade, dann richte ihr viel Erfolg dabei aus!", antwortet Nikolas ein paar Minuten später. Ist er beleidigt?
Ich feile an den richtigen Sätzen herum. Ich tippe: "jetzt nicht mehr. Wir kommen gleich...", lösche die Wörter jedoch wieder. Was soll ich denn jetzt antworten? Soll ich überhaupt antworten?
Da erscheint der kleine Online-Stempel wieder unter seinem Namen. Jetzt oder nie, denke ich mir, schicke ihm ein Foto von meinem Weinglas und schreibe dazu:
"Wir können den Feierabenddrink auch gerne zu mir verlegen, aber Bier musst du mitbringen." Ich füge noch einen Zwinkersmiley hinzu und schicke das ganze ab.
Ich erhalte ein Foto von einem ungeöffneten Bochum-Bräu. Wahrscheinlich hat Nikolas es gerade bestellt, als er offline gegangen ist, denke ich beruhigt.
"Freue mich! Mache mich sofort auf den Weg!" antwortet er euphorisch mit sehr vielen gelben Emojis.
"Ach übrigens Emily, Nikolas kommt gleich vorbei", informiere ich meine Tochter und räume den Tisch etwas auf.
"Wusste ich es doch!", kommentiert sie meine Ankündigung, während sie untätig neben mir steht.

Wenig später klingelt es an der Tür. Aufgeregt eile ich zum Eingang und mache ihm auf. Wir umarmen uns zur Begrüßung, was wir normalerweise nie tun, aber gerade wird mein Bedürfnis, ihm nahe zu sein, übermächtig, sodass ich nicht anders kann. Oder liegt es am Wein?
Erst ist Nikolas überrascht, doch dann zieht er mich nur noch enger an sich heran.
Ich spüre seinen Herzschlag an meiner Brust. Wir lösen uns voneinander und lächeln uns unsicher an.
Er streift seine Schuhe ab, dann setzen wir uns mit unseren Getränken an den Esstisch und stoßen an. "Auf eine erfolgreiche Woche!" Ich stimme mit ein und führe das Glas an meine Lippen.
"Oh hey Nikolas!" Emily huscht auf ihr Handy starrend durchs Esszimmer in die Küche, holt sich einen Apfel und verschwindet wieder in ihrem Zimmer, ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen.
"Die Jugend von heute", wirft Nikolas ein.
"Ich will gar nicht wissen, wo sich Emily mit ihrem Handy überall runtreibt." Ich seuftze. "Aber als ihre Mutter muss ich da nunmal ein Auge drauf haben, sonst passiert Emily womöglich eines Tages das gleiche, wie unserem Opfer. Im Internet ist es so viel leichter, jemanden anonym fertig zu machen. Ohgott, wenn Emily... Wenn meine Tochter sich wegen dieser perfiden Art des Mobbings versucht hätte, umzubringen..." Allein der Gedanke ruft bei mir Migräne hervor. Ich massiere meine Schläfen und Nikolas und ich tauschen betroffene Blicke aus.
"Bist du jemals in deinem privaten Umfeld mit dem Thema Suizid in Berührung gekommen?", fragt Nikolas vorsichtig nach.
Ich schüttel den Kopf. "Nein, Gottseidank nicht. Das Leben ist ein viel zu großes Geschenk. Auch wenn ich die einzelnen Gründe bei den Betroffenen durchaus nachvollziehen kann. Aber gibt es nicht immer irgendwo noch Hoffnung, einen weiteren Grund, nicht aufzugeben, sondern am Leben festzuhalten?"
Nikolas Blick wird leer.
"Wie war das denn bei dir?", frage ich nun ihn.
"Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich selbst darüber nachgedacht."
Erschüttert greife ich nach seiner Hand. Das hätte ich nicht erwartet. Aber da sieht man wieder, dass es jeden treffen kann, dass niemand daran schuld ist, von solchen Gedanken geplagt zu werden, so überhaupt keinen Ausweg mehr zu sehen. "Etwa damals, nach dem Tod deiner Eltern?" Zaghaft streichle ich über sein Handgelenk.
Nikolas legt seine freie Hand auf meine.
"Ab da ging es los, aber auch danach, ich weiß nicht..." Er verstummt.
Eine Weile schweigen wir beide, das muss ich erst einmal verdauen.
"Ich könnte verstehen, wenn du nicht darüber reden möchtest, aber falls doch, dann bin ich immer für dich da, ja?", gebe ich ihm mein Versprechen.
"Danke" Nikolas nimmt meine Hand, beugt sich nach vorne und streift mit seinen Lippen sanft über meinen Handrücken.
"Du bist mir echt verdammt wichtig geworden, Ellen, und ich finde es gut, dass wir es nicht überstürzen. Wir nehmen uns einfach die Zeit, die wir beide brauchen und gucken, wohin das mit uns führt, okay?" Seine Finger streichen immer noch über meine Hand.
Ich versinke in seinen braunen Augen und muss wohl genickt haben, denn auf seinem Gesicht erscheint ein breites Lächeln. Sein Blick wandert auf meine Lippen. Ich halte den Atem an, beiße mir leicht auf die Unterlippe und fixiere seinen Mund, an dem noch ein kleiner Tropfen Bier hängt.
Sekunden vergehen, in denen sich keiner von uns auch nur einen Millimeter bewegt, bis wir uns endlich beide gleichzeitig nach vorne lehnen.
Sein Atem streicht über meine Haut, sein Duft steigt mir zu Kopf. Ich spüre Nikolas Hand unter meinem Ohr.
Er zieht mich weiter zu sich über den Tisch, unsere Lippen treffen aufeinander, all unsere verdrängten Emotionen explodieren in diesem längst überfälligen Kuss.

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Ich hoffe, ihr hattet Spaß mit diesem kleinen One-Shot. Ich freue mich sehr darüber, wenn ihr mir eure Gedanken dazu schreibt!
Alles Liebe
Eure Celly
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