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Die (schönste) Zeit im Jahr

von Erzsebet
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Dr. Kai Hoffmann Dr. Maria Weber OC (Own Character)
20.12.2020
01.01.2021
4
8.831
7
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
20.12.2020 1.865
 
Guten Morgen und einen schönen vierten Advent euch allen!
Sofern ihr meine Geschichte "Denn Erstens kommt es anders" aufmerksam verfolgt, wird euch die Ankündigung, dass es eine kleine Überraschung gibt, nicht entgangen sein. Et Voila hier ist sie! In diesem verrückten, schweren Jahr möchte ich euch mit dieser kurzen Geschichte (ca. 3 Kapitel) die Weihnachtszeit ein wenig versüßen.
Jeder ist herzlich willkommen, ganz egal, ob ihr meine beiden Geschichten um Kai, Maria und Nele kennt, oder eben nicht. Dieses Weihnachtsspecial kann ganz unabhängig davon gelesen werden, doch sofern ihr die beiden Geschichten kennt, dann lasst euch sagen, dass diese möglicherweise den ein oder anderen Hinweis auf Kommendes enthält.
Nun aber genug geredet. Viel Spaß mit Weihnachten bei der Familie Hoffmann-Weber!
Na ob das gut gehen kann...
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“Verdammt noch mal! Warum funktioniert das nicht?”
Konzentriert studierte Kai den Kabelsalat zu seinen Füßen. Seit einer Stunde war er nun schon damit beschäftigt die Lichterketten, die hoffnungslos ineinander verschlungen waren und trotz sämtlicher Bemühungen nicht leuchten wollten, am Tannenbaum anzubringen. Die nervenaufreibende Arbeit hatte seine Spuren hinterlassen, denn die Lippe des Arztes war vom vielen Kauen auf der Unterlippe gerötet und auf dem Boden lagen Werkzeug, Verpackungen und kleine Ersatzglühbirnen verstreut.
“So ein Mist!”, fluchte der Chefarzt der Leipziger Sachsenklinik und schleuderte die Lichterkette von sich. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis er die beiden Ketten überhaupt entknotet hatte und jetzt lag es an einer oder im schlimmsten Fall an mehreren Birnen, die nicht funktierten, sodass die 160 kleinen Lichter nicht erstrahlten. Frustriert schraubte er die nächste Birne raus und die Ersatzbirne rein, aber auch dies zeigte kein Ergebnis.
“Wozu brauchen wir diesen verdammten Weihnachtsbaum überhaupt?”
Frustriert erhob sich Kai und stolzierte in die angrenzende Küche. Er brauchte jetzt dringend eine ordentliche Tasse Kaffee. Mittlerweile war es ihm sogar gleichgültig, ob Maria jeden Augenblick nach Hause kommen und einen immer noch ungeschmückten Baum vorfinden würde. Es war sowieso alles ihre Schuld, denn wenn es nach Kai ginge, würden die beiden Ärzte gänzlich auf Weihnachten verzichten. Er bereute jetzt sogar, dass er sich ausnahmsweise nicht über die Festtage für den Dienst in der Klinik eingetragen hatte.
Jedoch erinnerte er sich dann an den Ausdruck auf dem Gesicht der Herzchirurgin, der ihm ein warmes Gefühl in die Brust gezaubert hatte und seufzte: “Sind ja nur noch 130 Lichter…”

“Frohe Weihnachten!”, flötete die dunkelhaarige Frau der Krankenschwester zu, bevor sie aus dem Gebäude in die kühle Abendluft hinaus eilte. “Danke, Frohe Weihnachten”, erwiderte Schwester Miriam und sah der Ärztin sehnsüchtig hinterher.
An der frischen Luft schlang Maria die Jacke ein wenig enger um ihren Körper und die Mütze tiefer ins Gesicht. Es war in den letzten Tagen wirklich eisig geworden und bei jedem Atemzug stiegen Maria kleine Dunstwölkchen aus Nase und Mund.
Schnellen Schrittes hastete die Frau zur Haltestelle der Straßenbahn, denn wenn sie noch in die Innenstadt wollte, musste sie sich beeilen. Zuhause würde Kai zwar sicherlich schon wegen des Weihnachtsbaums fluchen, aber er musste sich wohl noch ein wenig gedulden, denn die Ärztin hatte vor ein paar Tagen ein passendes Weihnachtsgeschenk entdeckt, dass sie heute hoffentlich noch ergattern konnte.
Im Zentrum Leipzigs angekommen, schoben sich die Mengen durch die Straßen. Scheinbar waren sie alle unterwegs, um auf den letzten Drücker noch Geschenke für ihre Liebsten zu besorgen. Zahlreiche Menschen tummelten sich auf dem Weihnachtsmarkt und schoben sich von Stand zu Stand. Der Duft von Glühwein mischte sich mit Zimtwaffeln und Maria lief das Wasser im Mund zusammen, doch sie hatte keine Zeit, um eine Pause einzulegen. Allerdings konnte sie nicht widerstehen, an einem Stand mit Zimtwaffeln stehen zu bleiben und sich eine Tüte des herrlichen Gebäcks zu kaufen. Dann schlängelte sich die Ärztin weiter durch die Menge, vorbei an Geschäften, Buden mit Schmuck, Weihnachtsdekoration, Handarbeit und den unzähligen Essensständen. Nach einer kleinen Ewigkeit hatte sie allerdings ihr Ziel erreicht und schlüpfte rasch in den Laden, in dem es wunderschön warm und verhältnismäßig leer war.
Suchend sah sich die Ärztin um. Während Maria für alle anderen schon lange ein Geschenk gefunden hatte, war ihr die Suche nach etwas passendem für ihren Lebensgefährten schwer gefallen. Kai fiel es immer noch nicht leicht, sich zu öffnen und Maria als festen Bestandteil in seinem Leben zu akzeptieren. Hin und wieder wurde Maria das Gefühl nicht los, dass sich Kai noch immer vor ihr verschloss, vieles lieber mit sich selbst ausmachte und sie daher manchmal so schroff behandelte. Doch dann dachte sie an die schönen gemeinsamen Momente und wie sehr sich der Arzt bereits zum Guten verändert hatte.
"Kann ich Ihnen behilflich sein?"
Ein blonder, freundlicher lächelnde Verkäufer war Maria gegenüber zum Stehen gekommen und musterte die Frau fragend. Ein freundliches Lächeln umspielte die Lippen der Ärztin, als sie nickte und auf das Schaufenster deutete. "Ich würde gerne die Uhr aus Ihrem Schaufenster kaufen!"
"Sehr gerne", erwiderte der Mann und begab sich auf den Weg zu der Uhr, auf welche Maria wies. Der dünne silberne Rahmen des Gehäuses der Holzkernuhr glänzte im Licht der kleinen Scheinwerfern und bildete eine harmonische Einheit mit dem aus hölzernen Gliedern bestehenden Armband.  Auf dem dunkelblauen Zifferblatt schimmerte eine silberne Windrose und Anstelle der Ziffern waren die unterschiedlichen Himmelsrichtungen angebracht,  auf die ein großer silberner und ein kleiner roter Zeiger deuteten.  
"Da haben Sie wirklich Glück, das ist das letzte Modell!", verkündete der Verkäufer strahlend, als er die Uhr aus dem Schaufenster nahm.
Anschließend folgte Maria dem Mann zur Kasse. "Darf ich es Ihnen als Geschenk verpacken?"
"Das ist sehr freundlich, vielen Dank!"
Während sich der Verkäufer daran machte, die Uhr in eine Schmuckschachtel zu legen und im Anschluss einzupacken, kramte Maria aus ihrer Handtasche den Geldbeutel hervor.
Während sie nun wartete, bis der Verkäufer fertig war, malte sich Maria aus, wie Kai wohl auf das Geschenk reagieren würde.  Schließlich bezahlte sie, verabschiedete sich und schlug sich weiter durch die Menschen auf den Straßen.

Durchgefroren steckte Maria den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür. Zu ihrer Überraschung wurde die Tür in eben diesem Moment von Innen vorsichtig geöffnet. Erschrocken ließ Maria die Türklinke und den Schlüssel los, der noch immer im Schloss stach. Es ertönte ein kurzes, schrillen Quietschen, dann schlangen sich zwei Arme um die dunkelhaarige Frau, zogen sie in die Wohnung und erdrückten sie fast.
"Nele?", stieß Maria nach Luft ringend und an die junge Frau gepresst mit Überraschung in der Stimme hervor.
"Maria! Da bist du ja!"
Endlich lockerte Nele ihre Umarmung und löste sich behutsam von der Ärztin.
"Was machst du denn hier? Ich meine, du bist ja gar nicht in Hamburg!"
Verdutzt musterte Maria die Tochter ihres Lebensgefährten als sei diese eine Halluzination.
"Nö, ich konnte dich mit diesem Grinch einfach nicht alleine lassen", erwiderte Nele grinsend und mit einen Nicken in die Richtung, in der sie ihren Vater vermutete. Ein Kichern entwich Maria, jedoch wurde die schon wieder ernst. "Aber wolltest du Weihnachten nicht ursprünglich mit deiner Mutter in Hamburg feiern?"
"Hab es mir anders überlegt", antwortete Nele knapp und mied den Blick der Ärztin, doch Maria kannte die junge Frau mittlerweile gut genug und so musterte sie sie skeptisch.
"Na gut, ich wollte lieber hier bei euch sein. Ich muss ein paar Weihnachtsfeste mit meinem Vater nachholen", gestand Nele mit übertriebener Fröhlichkeit. Maria beließ es jedoch dabei, denn sie wusste, dass es Nele in letzter Zeit alles andere als einfach gehabt hatte. Es war noch nicht lange her, da hatten Vater und Tochter keinen Kontakt zueinander gehabt. Es war ein steiniger Weg gewesen, doch beide hatten die Scherben der Vergangenheit zu einer neuen Basis ihrer Beziehung gekittet. Aber im Leben der Zweiundzwanzigjährigen hatte sich noch mehr verändert, denn ein Unfall, den sie und ihr Vater nur knapp überlebten, hatte ihre Zukunftspläne durchkreuzt, weshalb sie nun nicht wie geplant bei der Polizei studierte. Und auch in jüngster Zeit war es für die junge Frau nicht einfacher geworden.

“Pass ja auf, wenn du ins Wohnzimmer gehst, dort herrscht das reinste Chaos”, flüsterte Nele eine Warnung an Maria, die gerade ihren Mantel abgelegt und die Straßenschuhe gegen bequeme Hausschuhe eingetauscht hatte.
“Lass es mich so ausdrücken”, begann Nele, als sie den fragenden Blick der Lebensgefährtin ihres Vaters sah. “Jemand hat überraschend seine bisher unentdeckte Weihnachtsstimmung ausgegraben und versucht, den Tannenbaum aufzustellen”, kicherte Nele, als sie fortfuhr.
Neugierig folgte Maria der jungen Frau durch den kleinen Flur in den Wohnbereich. Der Anblick, der sich ihr dort bot, ließ die Ärztin für einen kleinen Moment innehalten und schmunzeln. Kreuz und quer hatte jemand Schachteln mit Schmuck für den Weihnachtsbaum, Werkzeug und kleine Glühbirnen verteilt. Der Weihnachtsbaum, der in der Ecke des Raumes stand, erstrahlte in hellem Licht der zahlreichen kleinen Lichter der Lichterkette. Während die kleinen Leuchten an den unteren Ästen noch akkurat aufeinander folgten, zeugten die oberen Zweige davon, dass der Schmückende die Lust verloren hatte, denn die kleinen Lichter waren wirr in den unterschiedlichsten Abständen angebracht worden. Inmitten des Chaos saß Kai auf dem Boden und hatte den Kopf zwischen den Zweigen der Tanne vergraben.
“Was bitte machst du da?”
Erschrocken zuckte Kai zusammen. Fluchend kam der Kopf des Mannes zum Vorschein, der über und über mit Tannennadeln bedeckt war.
“Ich habe nachgesehen, ob der Baum genügend Wasser hat”, verkündete Kai mit einem strafend Blick und schüttelte die Nadeln ab.
“Und ich dachte schon, du hättest nachgeschaut, ob zufällig ein Eichhörnchen im Baum sitzt”, lachte Maria, doch Kai stimmte nicht in das Lachen der Frau ein, sondern betrachtete diese mit hochgezogenen Augenbrauen.
“Er hat den Film Schöne Bescherung noch nie gesehen. Er kann also nicht wissen, dass in dem Weihnachtsbaum der Familie ein Eichhörnchen saß und absolutes Chaos angerichtet hat, etwa so wie hier”, verkündete Nele grinsend.
“Macht euch nur über mich lustig”, erwiderte Kai grimmig und machte sich schweigend daran das Werkzeug und die kleinen Glühbirnchen einzusammeln.
Kaum hatte Kai das getan, öffnete er eine Schachtel mit Christbaumkugeln.
“Vorsi….”, rief Maria, doch es war bereits zu spät, denn die kleine rote Kugel glitt aus der Hand  des Mannes und zersprang klirrend auf dem Fußboden.
“Jetzt reicht es mir aber wirklich!”, fluchte Kai, drückte Maria die Schachtel in die Hand und wollte schon davon brausen, doch die Ärztin hielt ihn zurück.
“Das ist doch alles halb so wild. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht mindestens eine Kugel zu Bruch geht und normalerweise bin immer ich diejenige, die das schafft”, sprach Maria mit ruhiger, liebevoller Stimme.
“Weihnachten und ich passen einfach nicht zusammen!” Grimmig erwiderte Kai den Blick seiner Lebensgefährtin, doch er wurde das Gefühl nicht los, dass diese Aussage eine Lüge war. Vor einem Jahr noch hatte Kai gegenüber Maria verkündet, dass er Weihnachten einfach nicht mochte und damals hätte er felsenfest darauf geschworen, dass sich daran niemals etwas ändern würde. Aber stimmte es wirklich, dass er Weihnachten verabscheute? War Weihnachten am Ende vielleicht doch nicht so übel, wenn man es mit den richtigen Menschen feierte, oder warum hatte er sonst auf einmal diesen Drang verspürt, den Baum zu schmücken und heimlich der Weihnachtsmusik zu lauschen?
Eines stand für Kai jedenfalls fest: In diesem Jahr würde alles anders werden - ihretwegen.
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