Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Magische Papyrus

GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P16 / Het
20.12.2020
13.06.2021
5
10.135
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
10.06.2021 1.702
 
Wal, Schwan, Kater ... und ein Arsch in der Ecke



Zu allem Überfluss lief ich an diesem Morgen auch noch meinem Chef in die Arme, der mich so ansah, als sei ich ein unliebsamer Pickel auf seiner Nase. „Wo kommen Sie denn jetzt erst her?“

„Ähm, es ist gestern Abend später geworden.“

„So? Später?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Und das gibt Ihnen das Recht, mich hier allein auftreten zu lassen?“

Ich holte nur tief Luft und dachte: „Kathi, schluck es runter. Schluck alles, alles runter. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“

„Wenn ich 8 Uhr sage, dann haben Sie auch um 8 Uhr hier zu sein, ist das klar?“

Ich nickte nur.

„Denn wenn ich mich nicht auf Sie verlassen kann …“

Tja, das war mein Chef! Sofort holte er die Pistole heraus und drohte einem. Und das, obwohl ich mir selten etwas zu Schulden kommen ließ. Das letzte Mal, als ich mich verspätete, war ich krank: Mandelentzündung. Doch ich kam trotzdem an die Arbeit. Damals noch, weil es mir Spaß machte und ich gedacht hatte, dass … Heute … Ach, was sollten diese Gedanken. Ich war ja selbst schuld daran. Aber, wenn ich hier in den Sack hauen würde, was blieb mir dann? Einen neuen Job auf gleichem Niveau würde ich nicht finden. Nicht in meinem Bereich. Die Stellen wurden doch alle unter der Hand vergeben – wenn überhaupt einmal etwas frei war … Und außerdem besaß mein Chef ziemlich viel Einfluss und den wüsste er zu nutzen, wenn ich ihm „Adieu“ sagen würden. Ja, dessen konnte ich mir sicher sein. Also, was würde da noch auf mich warten? Klar, irgendeinen Job würde ich immer finden. Aber genau das war’s: ich wollte nicht irgendetwas tun, ich wollte das hier machen: forschen, meine Dissertation schreiben, Lehrveranstaltungen abhalten und wenn ich dafür ab und an in den Hintern meines Chefs kriechen musste … Und wenn schon.

„Und wie war es gestern nun eigentlich? Erzählen Sie kurz“, forderte er mich auf und sah sich hastig um.

„Na ja …“, begann ich.

„Verlief alles zu seiner Zufriedenheit?“

„Ich denke schon.“

„Sie denken oder sie wissen es?“ Er sah mich fordernd an. Genau so einen Blick setzte er auch immer in mündlichen Prüfungen auf, wenn er wusste, dass die Prüflinge nicht weiterkamen, dass es irgendwo hackte. Dann verwandelte er sich in die Schlange, die das Kaninchen anstarrte. Die zu Schlitzen verengten Augen, die schmalen, zusammengepressten Lippen. Wenn er so dreinblickte, konnte der Prüfling davon ausgehen, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte, denn gleich, ganz gleich ginge die Schlange zum Angriff über. Manch böse Zunge nannte ihn auch die bitterböse Apophisschlange, den Feind des Sonnengottes Re, den Vernichter der Welt, das absolut Böse. Und auch wenn ich diesen Vergleich am Anfang für weithergeholt glaubte, so war ich doch zunehmend davon überzeugt, dass mein Chef zwar nicht das absolut Böse verkörperte, jedoch einen ordentlichen Schwabs mitbekommen hatte. Und wie er mich jetzt so ansah, konnte ich nur wieder tief durchatmen und erwidern: „Ja, Herr Prof. Dr. Hanfnuss war zufrieden.“

„Mit dem Essen?“

Ich nickte.

„Und sonst so?“

„Was, sonst so?“

Wollte der jetzt auch noch hören, dass mich dieses Monstrum von Mensch angefasst hatte, dass er meine Hand gehalten und … und … tja, was war dann eigentlich geschehen? Nun, selbst, wenn ich es meinem Chef hätte sagen wollen, was ihn ja nun absolut nichts anging, hätte ich ihm darüber absolut keine Antwort geben können, einfach, weil ich einen Filmriss hatte. Ich wusste in der Tat nicht, wie ich von diesem Kollos losgekommen war und was sich davor ereignet hatte. Machte mir das Angst? Nein. Aber es hinterließ ein komisches Gefühl in mir und lockerte nicht gerade meine Stimmung, denn schon wieder hatte ich den Eindruck ein wenig Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Zuerst das mit diesem Rosenstau, dann das mit diesem Fett-Mampf, der mir, hätte ich ihn gelassen … Ach, ich wollte mir das nicht ausdenken.

„Nun?“, drängte mich mein Chef.

„Herr Prof. Dr. Hanfnuss ist ein netter Gesprächspartner. Witzig, intelligent“, erwiderte ich.

„Ach so, ja, gut, dann haben Sie sich also amüsiert?“

Einen Moment lang sah ich ihm ins schlangengleiche Antlitz, dann presste ich die Lippen fest aufeinander, denn augenblicklich wurde mir klar, worauf er hinauswollte. „Über die Zuwendung für das Institut hat er nicht gesprochen.“

„Oh“, machte mein Chef und bekam dazu große Augen. „Das wird sich schon finden. Hauptsache, es war ein netter Abend.“

„Ja“, nickte ich und fühlte mich doch ein wenig wie Frischfleisch, das einem Nimmersatt vorgeworfen werden sollte. Nur gut, dass die ersten Konferenzteilnehmer gerade die Räumlichkeiten zu stürmen begannen und ich mich endlich abwenden konnte. Aber mit ihnen kamen auch die Buchhändler. Und unwillkürlich sah ich in die Ecke, in der sich gestern der Tisch dieses … dieses Rosenstraußes … befunden hatte. Noch war er nicht da. Aber wenn ich den jetzt und hier erwischen würde, dann … Da würde mich auch keine Müdigkeit lähmen, ich würde ihn ... aber so was von!

Allerdings erschien er nicht. Jedenfalls war er nicht vor der ersten Sektion da, die bis einschließlich 10h30 Uhr gehen würde. Ein ziemlich hartes Programm – noch härter für mich, da mein Chef nun auch zu seinem Vortrag schreiten würde. Und wer sollte ihn ankündigen? Und wer kannte zwar alle Lebensdaten des Holden auswendig, hatte sich aber, da die Nacht ein einziges Chaos gewesen war, nicht darauf vorbereitet, dass der Chef nun hofiert werden wollte? Wer hatte sich lieber ins Totenbuch verstiegen anstatt Prioritäten zu setzen? Wer hatte einen Anruf von einem Spinner entgegengenommen, der wohl Scary Movie zu oft gesehen hatte? Gott lob musste ich nur die Fragen stellen, die Antworten überließ ich der Rhetorik. Und außerdem war ich plötzlich wieder müde und meinte gegen eine unsichtbare Wand zu laufen. Dann erschien auch noch dieser Hanfnuss und platzierte sich ausgerechnet neben mich – so elegant, dass ich ihn, wenn ich hinauswollte, bitten musste, sich zu erheben.

„Na, wie ist es Ihnen ergangen?“, fragte er mich und lächelte dazu wie ein Stückchen Buttercreme-Torte. Ich wollte gerade antworten, als mein Chef neben uns erschien. „Guten Morgen Herr Prof. Dr. Hanfnuss. Ich hoffe, alles ist zu Ihrer Zufriedenheit.“

„Na aber natürlich, jetzt, da ich mein Plätzchen gefunden habe …“ Und er grinste ganz komisch und mir wurde flau im Magen, denn an einer Wiederholung des letzten Abends war ich nicht interessiert. Aber Hanfnuss schien das im Sinn zu haben, denn er legte seine Hand ganz ungeniert auf meine. Und mein Chef lächelte dazu. Diese Schei …

Nicht nur einmal jagte mir durch den Kopf, dass hier etwas komplett schieflief und dass ich das Weite suchen sollte, solange ich noch Zeit dazu hatte. Aber dann nahte der Vortrag meines Chefs und ich war dran – wie im Grunde den ganzen Vormittag über auch. Gott sei Dank konnte ich mich auf meiner Vorarbeit verlassen. Gestern noch hatte ich die Karteikarten mit den Daten der Redner wohlweißlich in einem Fach am Rednerpult platziert, sodass ich nur zuzugreifen und meinen Text abzulesen hatte. Und das tat ich, abgesehen von einigen Schlingern, recht gut, bis, ja bis … ich konnte es nicht fassen … dieser Ulrich Hensel an der Reihe war, und das noch vor meinem Chef. Stolz wie ein Schwan erhob er sich aus seiner Reihe und glitt empor zum Rednerpult – ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich holte einmal, zweimal tief Luft und begann dann meinen Text abzulesen. Ein wenig taumelig fühlte ich mich dabei. Dieser Ulrich Hensel, gleichwohl so einen ältlichen Namen tragend, war im gleichen Alter wie ich und interessierte sich auch für ähnliche Dinge wie ich: Tod und Jenseitsglauben der alten Ägypter. Er hatte zu den Sargtexten des Mittleren Reiches gearbeitet, ich zum Totenbuch, das erst im Neuen Reich aufgekommen war. Im Grunde hätten wir uns schon längst einmal unterhalten sollen, aber wer tat das denn gerne mit so einem … aufgeblasenen, wichtigtuenden – ja, genau, wichtigtuenden Hempfling. Gut, für den Hempfling konnte er nichts, aber ansonsten … ansonsten … Kaum hatte ich mit der Vorstellung seiner Person geendet, schnappte er sich das Wort und fegte mich somit von der Rednerbühne. Doch kaum hatte ich mich setzen können, was ja durch Hanfnuss’ äußerst einnehmende Präsenz als nicht ganz so leicht herausstellte, ja, aber kaum hatte ich es geschafft und Hanfnuss wieder Platz genommen, sah Hensel recht hilflos in die Runde: der Videobeamer hatte seinen Geist aufgegeben und da ich auch für die Technik zuständig war … trallalla … musste ich wieder raus. Wer konnte denn auch ahnen, dass so etwas geschah? Hanfnuss wuchtete sich also wieder hoch, was an sich schon eine gefühlte halbe Stunde dauerte. Im Saal wurde es bereits unruhig und ich fing einen verärgerten Blick meines Chefs auf, der nun schon mit den Hufen scharrte, weil er um seine eigene Redezeit bangte. Ja, aber was sollte ich tun, wenn sich Hanfnuss wie ein Walfisch an Land fortbewegte …? Ich konnte ihn ja schlecht schubsen. Hätte im Übrigen auch nichts gebracht.

Mein Gott war ich froh, als das Ding wie durch Zauberhand wieder ging und Hensel seine Bilder über den Schirm jagen lassen konnte. Mein Gott – und dann flimmerte das Ding plötzlich wieder, just in dem Moment, da mein Chef loslegen wollte. Im normalen Zustand, gut, was hieß normal?, wäre ich deswegen schon fast zusammengeklappt, so aber … Und dass mein Chef, in technischen Dingen eine absolute Niete, nun wie ein getretener Kater neben mir stand, machte es nicht besser. Ich konnte ja auch nicht hexen. Jedenfalls nicht bewusst. Was sollte ich denn tun? Noch dazu sah er mich so an, als würde nur ich die Lösung kennen und sie böswilligerweise geheim halten. Sollte ich …? Einen Moment lang überlegte ich, dann wandte ich mich an ihn. „Sollen wir nicht die Pause vorziehen und ich besorge einen neuen Beamer? Und dann …“, flüsterte ich ihm direkt ins Ohr.

„Gut“, schnaufte er. „Gut!“

Gesagt, getan, die Pause war vorverschoben und ich befand mich wieder auf dem Flur vor dem Konferenzsaal und mit einem Blick wusste ich ihn, diesen Rosen … bla …, in seiner Ecke. Wieder lehnte er über seiner Zeitung, gerade so, als könne er gar nicht anders. Oder, als sei er die Coolness in personam. Und dabei … dabei … Leider hatte ich keine Zeit, zu ihm zu gehen, aber mir zog’s den Hals fast zu, als ich ihn dort in seiner Ecke sah. Dieser Arsch! Traute der sich tatsächlich noch einmal her!
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast