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Bis zum Elfmeterpunkt

von das-ellie
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Bayer 04 Leverkusen Borussia Dortmund
19.12.2020
13.06.2021
12
55.568
19
Alle Kapitel
63 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
12.04.2021 6.049
 
HalliHallo,

und herzlich Willkommen zurück, nach dieser längeren Pause. Zu allererst auch wieder einen großen Dank für die Reviews, Favoriteneinträge und Empfehlungen. Ich bin richtig glücklich, dass die Story gut ankommt :)

Heute kommt das letzte Kapitel aus Kais Sicht, was mir persönlich nicht ganz so gut gefällt. Aber ich wusste zum Schluss echt nicht mehr, was ich verändern sollte. Und meine Schwester hat mir gesagt, das ist gut und ich soll das hochladen. Deswegen lasse ich euch jetzt darauf los und bin für konstruktive Kritik sehr dankbar.

Ansonsten habe ich zu dem Bumms hier nichts weiter zu sagen.

Viel Spaß beim Lesen.

xoxo das-ellie



xXx




Die Sommerpause war Kais persönlicher Garten Eden. Denn er musste weder Sam noch Mitch sehen und lief auch nicht Gefahr, Julian auf dem Spielfeld zu treffen.
Erst hatte er ein wenig Angst gehabt, dass ihr Trainer sie nach dem Wochenende noch einmal sehen wollte, bevor er sie in den Urlaub entließ. Doch er hatte ihnen nur eine Nachricht geschrieben, dass sie den neuen Trainingsplan per Mail bekommen würden und bis dahin ihre freie Zeit genießen sollten.
Kai genoss die Zeit, die er für sich hatte. Er besuchte seine Familie und seine Esel, traf sich mit Freunden, die er noch aus der Heimat kannte und spielte manchmal bis spät in die Nacht Fortnite. Alles war super. Fast eine Woche schaffte er es, nicht eine Sekunde an Nadine, Fußball, Julian oder diese Sache denken zu müssen.
Doch dann kam Freitag und sein Handy-Kalender erinnerte ihn feuchtfröhlich daran, dass morgen Jannis‘ große Feier steigen würde. In Julians Wohnung. Mit Julian und Sam und Mitch und noch einer Handvoll anderer Leute, die er im Moment irgendwie nicht sehen wollte.
Kurz dachte er darüber nach, aber absagen traute er sich dann doch nicht. Einen Tag vorher konnte er das nicht bringen! Außerdem konnte Jannis nichts dafür, dass es mit Julian gerade schwierig war. Es folgte ein kurzer Schweißausbruch. Und wenn Jannis Bescheid wusste? Doch Kai schüttelte den Gedanken gleich wieder ab. Er hatte vier Tage gebraucht, um sich nicht mehr schrecklich zu fühlen. Er wollte auf keinen Fall zu dem Gemütszustand von letzter Woche zurückkehren.
Aber alleine wollte er auch nicht zu Jannis‘ Feier auftauchen. Er wusste nicht wirklich warum. Vermutlich aus Angst. In letzter Zeit hatte er vor Allem und Jedem Angst. Am meisten vor Gesprächen. Selbst vor seinen Eltern war er geflüchtet, als die ihn über Leverkusen und Julian ausfragen wollten. Sie mochten ihn sehr, manchmal war es schon beängstigend wie sehr. Gerade jetzt. Als seine Mutter ihn gefragt hatte, wie es Julian ging, hätte er ihr am liebsten alles erzählt. Weil er wollte, dass sie nie wieder nach ihm fragte und es ihn gleichzeitig auffraß, dass er mit niemandem darüber reden konnte. Doch stattdessen war er ihr ausgewichen und zu seinen Eseln gefahren.
Denen hatte er alles erzählt. Er kam sich ein bisschen verrückt vor, weil er fast eine Stunde lang mit Tieren geredet hatte. Doch danach hatte er sich besser gefühlt. Viel, viel besser. Endlich auszusprechen was ihn bedrückte, war wie ein Befreiungsschlag.
So kam er auch über die Sache mit Nadine hinweg. Und er versteifte sich darauf, dass ihm das mit jeder passieren konnte und er deswegen die Hoffnung nicht aufgeben wollte. Es hatte halt einfach nicht gepasst, punkt. Er war nicht in ihrer Lage. Denn Freundschaften zwischen Mann und Frau funktionierten einfach nicht, fand Kai. So etwas endete immer damit, dass der eine sich in den anderen verliebte und danach gab es eine ganze Menge Herzschmerz.
Die Sache zwischen Julian und ihm war eine ganz andere und auch ein wenig komplizierter, wenn man die Umstände bedachte. Man konnte das einfach nicht miteinander vergleichen. Und deswegen deinstallierte Kai Tinder nicht. Aber nach einem Mädchen suchen tat er auch nicht. Er wollte dem sich finden lassen noch eine Chance geben. Eigentlich war er nur zu feige, sich wirklich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.
Er war sich noch nicht ganz sicher, ob er Nadine die Chance geben wollte, seine Freundin zu werden, weil er noch nicht wusste ob er ihr wirklich vertrauen konnte. Aber außer ihr, fiel ihm niemanden ein, den er hätte zu Jannis Party mitbringen können. Also rief er sie an.
Nadine klang ziemlich nervös, als sie dieses fragende »Hallo?« in die Leitung hauchte.
Kai fühlte sich beinahe ein wenig schlecht. Weil sie anscheinend wirklich dachte, er hätte Gefühle für sie und sie nun ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie nicht gleich ehrlich zu ihm gewesen war. Dieses Missverständnis wollte er als erstes ausräumen.
»Hi«, sagte er und klang genauso unbeschwert, wie er sich fühlte. »Wie geht’s?«
Smalltalk, die unverfänglichste Art und Weise, um Gespräche zu beginnen.
Für einen Moment war es mucksmäuschenstill in der Leitung, bis Nadine sich räusperte und antwortete: »Ganz gut und dir?«
»Super.«
»Schön.«
Stille.
Kai wusste nicht, ob er gleich mit der Tür ins Haus fallen sollte. Irgendwie fühlte sich das nicht richtig an. Und irgendwie wollte er viel lieber wissen, ob sie mit Ihrem Dilemma schon einen Schritt weiter war, als er selbst mit seinem.
»Hast du schon mit deinem Freund geredet?«
»Nein, ich hab‘ mich noch nicht getraut. Ich weiß nicht, was ich zu ihm sagen soll«, antwortete Nadine zögerlich, aber ehrlich.
Kai atmete schwer aus. Jetzt wollte er auch mal ehrlich sein. »Weißt du«, begann er und verließ seinen Balkon, auf dem er ein wenig die Sonne genossen hatte. »Ich war auch nicht ganz ehrlich zu dir.«
»Ach nein?«, hakte sie neugierig nach.
»Nein.« - Kai atmete tief durch - »Ich bin auch in jemanden verknallt, in den ich nicht verknallt sein will… denke ich zu mindestens. Das macht nämlich alles scheiße kompliziert und eigentlich sind wird Freunde. Und ich weiß ganz sicher, dass etwas Anderes als Freundschaft nicht funktionieren würde. Ich will es gar nicht ausprobieren, denn wenn es nicht klappt, dann sind wir danach auch keine Freunde mehr. Und ich will diese Person nicht verlieren! Ich kann’s nicht …« - seine Stimme wurde immer höher, klang immer spitzer und verzweifelter.
Nadine wollte nicht lachen und ihn schon gar nicht auslachen, aber alle Bemühungen halfen nichts. Es dauerte nur ein paar Sekunden, nach denen Kai fertig war und sie brach in lautes Gelächter aus. Am Telefon klang ihr Lachen so schrill, dass Kai beinahe das Trommelfell platzte. Vorsichtshalber nahm er das Handy ein paar Zentimeter weiter von seinem Ohr weg und starrte es beleidigt an.
»Hör auf mich auszulachen!«, zischte er ins Mikrofon.
Mit Nadine fühlte sich plötzlich alles seltsam vertraut an, als würde er sie schon ewig kennen. Vielleicht war das so, weil sie beide in einer ähnlichen Situation steckten. Sie könnten sich gegenseitig helfen, über diese blöden Gefühle hinwegzukommen. Denn beide machten nicht den Eindruck, als wollten sie etwas erreichen, dass über Freundschaft hinausging. Und Nadine ähnelte Julian in ihrer Art und Weise so sehr, dass es Kai schwerfiel sie nicht zu mögen.
Nadines Lachen verstummte. »Ich lach‘ dich nicht aus! Ich find’s nur lustig, dass ausgerechnet wir
beide uns genau jetzt über Tinder kennengelernt haben. Zufälle gibt’s«, sagte sie und kicherte danach leise.
Jetzt lächelte auch Kai. Sie dachte genau das gleiche wie er.
»Was hast du morgen vor?«
»Noch nichts, aber ich schätze, das wird sich gleich ändern, oder?«
»Also morgen steigt ‘nee Geburtstagsparty für Julians Bruder. Ich dachte, du willst vielleicht mitkommen?«
»Das fällt dir ja früh ein«, entgegnete Nadine missgünstig. »Ich hab‘ nicht mal ein Geschenk!«
»Das wird Jannis nicht jucken. Echt nicht, der ist da nicht so. Aber ich will da nicht alleine hingehen!«, jammerte Kai.
»Wieso?« - Nadine runzelte am anderen Ende der Leitung die Stirn - »Ich dachte, dass wären deine Freunde und Mannschaftskollegen?«
Kai könnte ihr sagen, dass es bei der Person, von der er gesprochen hatte, um einen Mann ging. Und dass dieser Mann Julian ist. Nadine würde seine Beweggründe dann bestimmt verstehen.
Aber stattdessen sagte er: »Da sind so viele Leute und die Jungs bringen alle ihre Freundinnen mit. Ich will nicht alleine herumstehen!«
Und Nadine ließ sich breitschlagen und stimmte zu, ihn morgen zu begleiten. Sie erzählten sich noch kurz von ihrer Woche, dann legte Nadine auf, weil sie noch zu ihren Eltern fahren wollte.

Kai wartete noch ein paar Stunden, bevor er Jannis anschrieb und fragte, ob es in Ordnung war, wenn er noch jemanden mitbrachte. Vielleicht hätte er fragen sollen, bevor er Nadine einlud, schoss es ihm durch den Kopf, als er auf eine Antwort wartete. Und Kai hoffte, dass Jannis ihm nicht sagte, er solle Julian fragen. Immerhin feierten sie ja in seiner Wohnung.
Jannis antwortete und schaffte es, Kai damit auch gleich ein schlechtes Gewissen einzureden. Denn er schrieb: Juli ist einverstanden.
Kai fühlte sich schuldig. Ihm wurde klar, dass er Nadine für morgen nur eingeladen hatte, um nicht mit Julian reden zu müssen. So konnte er sich sogar vorm nervigen Smalltalk verstecken. Er hätte doch absagen sollen. Dann würde er sich jetzt vielleicht nicht ganz so beschissen fühlen.



...
DER KUMMER, DER NICHT SPRICHT, NAGT LEISE AN DEM HERZEN BIS ES BRICHT.
- WILLIAM SHAKESPEARE
...




Am nächsten Tag holte Kai Nadine erst recht spät aus Wuppertal ab. Er wollte nicht der erste auf Jannis Party sein. Und außerdem war er den ganzen Tag umhergefahren, um wenigstens eine Kleinigkeit zu besorgen, die Nadine Jannis schenken konnte. Damit sie sich nicht allzu unwohl fühlte zwischen den ganzen fremden Gesichtern.
Nadine wartete vor der Haustür auf Kai. Derselbe natürliche Look, wie die Tage zuvor. Eine hochgekrempelte hellblaue Jeans, die kurz unter dem Knie endete und eine frühlingsgrüne Tunika, an die sie eine künstliche Sonnenblume gepinnt hatte. Die blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz hochgebunden und den Zopf gelockt.
Sie schwang sich elegant auf den Beifahrersitz und lächelte Kai an.
Der lächelte zurück und überreichte ihr ein Päckchen und eine Packung Pinselstifte, die aber nicht eingepackt waren.
Nadine sah ihn stirnrunzelnd an. »Wofür ist das?«
»Also die Stifte sind für dich. Du hast von malen und Terminkalender gesprochen und, dass du diese Stifte dafür brauchst … Und ja … Ich hab‘ ja diesen coolen Anhänger von dir gekriegt!«, entgegnete Kai und wurde tatsächlich etwas rot um die Nasenspitze.
Nadine lächelte dankbar, ehe sie die Stifte unter das eingepackte Päckchen schob. »Und das hier?«
»Das ist für Jannis, weil du dich beschwert hast, dass du kein Geschenk für ihn hast.«
»Was hast du gekauft?«, fragte Nadine neugierig.
Doch Kai grinste nur verschmitzt und lenkte seinen Wagen zurück auf die Straße. »Lass dich überraschen«, entgegnete er.

Julian wohnte in einer ruhigen, wohlhabenden Gegend von Dortmund. Es gab dort eine Menge Einfamilienhäuser, meistens Stadtvillen, mit großen Grundstücken. Das Mehrfamilienhaus in dem Julian wohnte, war eins von sieben identischen Häusern, die sich wirklich in nichts voneinander unterschieden. Auf der Straße parkten teure Autos und auf den Gehwegen liefen Menschen in teuren Klamotten.
Nadine zog ständig die Augenbrauen hoch, auf dem Weg vom Parkplatz zu Julians Hausnummer.
»Was ist?«, fragte Kai. »Du schaust so komisch?«
Nadine ließ ertappt die Augenbrauen sinken und bemühte sich um ein Lächeln. »Ach nichts. Ich vergesse nur manchmal, dass ihr nicht nur bekannt, sondern auch reich seid!«
Das brachte Kai zum Lachen, aber er sagte nichts dazu. Weil er Angst hatte, dass das was er sagen würde arrogant oder überheblich klang. Und so wollte er nun wirklich nicht auf andere wirken. Eigentlich wollte er nur Fußball spielen. Das Geld und der Ruhm waren zweitrangig, aber ein netter Nebeneffekt.
»Du wirst die Wohnung mögen«, sagte Kai, bei der Erinnerung an die große Dachterrasse und die Wendeltreppe mitten im Wohnzimmer.
Nadine sah nachdenklich die Häuser an und schüttelte dann mit dem Kopf. »Nein, ich denke nicht. Die ist bestimmt voll protzig oder genauso monoton und kühl wie die Fassade!«
Bei anderen würde die Abneigung nach Neid klingen. Bei Nadine klang sie einfach nur ehrlich. Kai kannte ihre Wohnung nicht, aber sie war bestimmt mädchenhaft eingerichtet und dekoriert und strahlte eine Wärme und Geborgenheit aus, was man mit keinem Designer-Möbelstück erreichen konnte. Aber Kai fand auch, dass Mädchen beim Einrichten und dekorieren das glücklichere Händchen hatten. Seine Ex-Freundin war es auch gewesen, die aus seiner Wohnung eine Wohnung gemacht hatte. Er vergaß zwar ab und zu die Pflanzen zu gießen und störte sich manchmal an den bunten Couchkissen, aber wenigstens sah es nicht ganz so kahl und langweilig bei ihm zuhause aus.
Die Haustür stand offen. Kai atmete erleichtert aus, weil er sich der Gegensprechanlage nicht stellen musste.
Das Pärchen entschied sich dazu, den Fahrstuhl zu nehmen und keine drei Minuten später standen sie vor Julians Wohnungstür. Kai erlitt einen Schweißausbruch und traute sich nicht zu klingeln. Sein Atem ging schwerer. Es fehlte nicht mehr viel bis zur absoluten Panik. Sein Magen drehte sich auch schon.
Nadine entging sein eigenartiges Verhalten natürlich nicht. Sanft berührte sie ihn am Arm und zog die Hand wieder zurück, als Kai erschrocken zusammenzuckte und sie panisch anstarrte.
»Was ist los?«, fragte Nadine besorgt.
Kai bereute es, dass er ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Dann könnte sie ihm helfen und würde ihn bestimmt nicht anstarren, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank.
Er überlegte. Sollte er sie vielleicht doch noch schnell einweihen, bevor sie hineingingen? Wenn wenigstens sie Bescheid wusste, würde diese Veranstaltung vielleicht leichter werden für Kai. Aber er entschied sich dagegen, weil er ihre Reaktion nicht abschätzen konnte. Und er wollte nicht, dass Nadine etwas Falsches von ihm dachte.
Kai setzte sein Kameragesicht auf. Am Anfang war es ihm schwergefallen für Fernsehen und Zeitung zu lächeln. Er war jemand, dem man die aktuelle Tageslaune immer sofort ansah. Dafür musste er, weiß Gott wie oft, professionales Medientraining über sich ergehen lassen. Mittlerweile gelang es ihm sogar, seine eigene Familie zu täuschen.
Es klappte auch bei Nadine. Denn als er sie anlächelte und sagte, dass alles in Ordnung war, wandte sie sich sichtlich beruhigt wieder der Wohnungstür zu.
»Willst du dann klingeln? Oder wolltest du noch länger hier herumstehen?«
Kai klingelte und schluckte schwer. Hoffentlich würde Julian nicht öffnen. Jeder außer ihm.
Als Jascha schließlich ein paar Sekunden später die Tür aufriss, war Kai einen Moment erleichtert. Ihm entging der böse Blick des jüngsten Brandt-Bruder aber nicht.
»Hallo.« - Jascha bemühte sich wirklich um einen neutralen, freundlichen Ton. Doch jeder der ihn kannte, hörte sofort heraus das irgendetwas nicht stimmte. Und Kai beschlich das ungute Gefühl, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Doch er schluckte die Nachfrage herunter und drängelte sich gemeinsam mit Nadine in Julians Flur.
»Jannis und Getränke sind im Wohnzimmer, Julian betrinkt sich in der Küche. Viel Spaß!«, war alles was Jascha zu den beiden Neuankömmlingen sagte, bevor er sich wieder ins Wohnzimmer verdrückte.
»Wer war das denn?«, fragte Nadine. Sie klang so, als wäre sie noch nie so unhöflich begrüßt worden.
»Julians anderer Bruder. Nicht der, der heute Geburtstag hat!«, erklärte Kai kurz, während er sich die Schuhe auszog.
»Aha« - Nadine verzog das Gesicht - »Ist der immer so drauf?«
Nein, wäre die ehrliche Antwort gewesen. Aber Nadine ist nicht blöd. Sie würde Fragen darüber stellen, wenn Kai ehrlich gewesen wäre. Und Kai könnte ihr keinen plausiblen Grund für Jannis Verhalten nennen.
Deswegen zuckte er nur mit den Schultern. »Keine Ahnung, kenne ihn nicht so gut!«
»Das ist ja ein super Start!«, entgegnete sie und seufzte. »Wen begrüßen wir zuerst? Das baldige Geburtstagskind oder Julian?«
Kai hielt die Luft an. Es machte ihn verrückt, dass sein Körper jedes Mal so reagierte, sobald nur jemand Julians Namen erwähnte. Er kam sich vor wie ein vorpubertärer Teenager, der zum ersten Mal verknallt war. Dabei war er weder ein Teenager, noch verknallt. Redete er sich zu mindestens ein.
»Mal sehen«, antwortete Kai ausweichend und führte Nadine ins Wohnzimmer.
Jannis saß umringt von seinen Mitbewohnern und ein paar anderen Freunden auf dem Sofa. Er sah nicht so aus, als hätte er gerade Zeit für Neuankömmlinge.
»Ich denke wir fangen mit Julian an«, sagte Kai nach einem weiteren prüfenden Blick.
Nadine ließ sich von ihm führen.
Julian war ein Häufchen Elend, wie er da an seiner Inseltheke hockte. Er wirkte irgendwie verloren und sah so aus, als wäre jemand gestorben. Er pfriemelte am Etikett seiner Bierflasche und nahm keinerlei Notiz davon, was um ihn herum geschah. Kai fühlte sich schlecht, weil er der festen Überzeugung war, dafür verantwortlich zu sein. Und trotz dieser ungeklärten Sache zwischen ihnen, war sein erster Impuls, Julian zu umarmen und ihn zu trösten. So, wie der es immer für ihn tat. Dafür waren beste Freunde doch da.
Es klingelte und Julian sah hoch, als wäre das sein Stichwort gewesen. Als er sie erblickte, veränderte sich sein Blick für einen kurzen Augenblick. Nadine sah er an, als hätte sie auf ihn geschossen. Doch dann fiel sein Blick auf Kai und war von einer Sekunde auf die andere wieder ganz weich.
»Hi Jule!«, sagte Kai, wie er es immer machte, wenn sie sich länger nicht gesehen hatten. Und er bemühte sich um ein ehrliches Lächeln, weil er sich irgendwie wirklich freute Julian zu sehen.
Doch als Julian nach fast einer Minute immer noch nicht auf seine Begrüßung geantwortet hatte, merkte Kai, dass dies die falsche Strategie war. Einfach so tun, als wäre nichts passiert, funktionierte dieses Mal nicht!
Um davon abzulenken schob er Nadine vor und stellte sie vor. Sie tauschten höfliche Begrüßungsfloskeln aus und reichten sich die Hände. Für einen Moment dachte Kai, dass Julian sich wirklich ehrlich freute sie kennenzulernen. Doch dann trafen sich ihre Blicke. Kai konnte Julians Kameralächeln schon auf einhundert Metern Entfernung von einem echten unterscheiden und ihm wurde klar, dass er ihre Freundschaft so nicht rettete, sondern beerdigte. Aber er musste es weiterhin versuchen. Vielleicht lag Julians Laune ja doch nicht an ihm, sondern daran, dass er einfach einen schlechten Tag erwischt hatte.
Er fragte ihn indirekt nach einer Umarmung und breitete die Arme aus. Julians Reaktion dauerte länger als üblich. Als müsste er sich dazu überwinden seinen besten Freund zu umarmen. Dann schloss er nur träge einen Arm um Kai, gab ihm keine Chance die Umarmung zu erwidern und machte sich mit einer komischen Begründung aus dem Staub.
Nadine sah ihm einen kurzen Augenblick nach, dann wandte sie sich wieder Kai zu.
»Liegt’s an mir oder haben sein Bruder und er ‘nee Schraube locker?«, fragte Nadine und klang ehrlich gekränkt.
»‘Nee, mit dir hat das nichts zu tun«, entgegnete Kai. Es liegt an mir.
Er lächelte seine Begleitung aufmunternd an und schob sie ins Wohnzimmer. Jannis stand mit Killian am Getränketisch. Kai nutzte die Chance und schleuste Nadine durch die anderen Gäste hindurch, um sie auch dem letzten Brandt-Bruder vorzustellen.
Der ließ sich seine schlechte Laune zwar nicht in seinem Verhalten anmerken, aber sein Blick verriet Kai, dass irgendetwas nicht stimmte.
Killian war der erste, der ihnen ehrliche Freundlichkeit entgegenbrachte.
»Was wollt ihr trinken?«, fragte er und präsentierte den Tapeziertisch einladend. »Keine Ahnung was es hier alles gibt.«
Kai griff zielstrebig nach Sprite und Wodka. Er platzierte einen Becher vor sich und schüttete beides zusammen hinein, bis der Becher fast voll war. Als er mit seinem Ergebnis zufrieden war, stellte er die Flaschen zurück an ihren ursprünglichen Platz. Die Vorfreude darauf, sich richtig abzuschießen, wurde immer größer. Doch noch bevor er den ersten Schluck nehmen konnte, spürte er Nadines Arme um seinen Rumpf. Sie kam ihm ganz nahe und flüsterte in sein Ohr: »Verrätst du mir mal, was das hier werden soll?«
Zuerst lag Kai eine fiese Erwiderung auf der Zunge. Doch dann fiel ihm siedeheiß wieder ein, dass er ja später noch Auto fahren musste.
»Du hast auch keinen Führerschein, oder? Oder nur kein Auto?«, fragte Kai, so dass nur Nadine ihn hören konnte.
Sie funkelte ihn wütend an und Kai bemühte sich um ein mitleidsheischendes Lächeln. Er bereute es, dass sie nicht mit dem Taxi hergefahren waren. Aber rückgängig konnte er das jetzt nicht mehr machen, nur noch darauf hoffen, dass Nadine wenigstens einen Führerschein hatte und sich dazu erweichen ließ, keinen Alkohol zu trinken. Innerlich schlug er sich selbst dafür, dass er daran nicht vorher gedacht hatte.
Kai versuchte es mit seinem unverkennbaren Lächeln und schlang die Arme um ihre Hüften. »Bitte?«
»Dafür habe ich mindestens zwei Gefallen bei dir gut«, grummelte sie und griff nach einem Radler, statt nach einem Bier.
»Danke«, sagte Kai, der diesen Abend ohne Alkohol nicht überstanden hätte. Er hätte Nadine knutschen können – sinnbildlich gesprochen. Aber die dankbare und innige Umarmung reichte.
Über Nadines Schultern hinweg erblickte Kai Julian, der wieder oben war. Und dieser sah sie an, als hätte Kai ihm die Freundin ausgespannt oder etwas anderes unverzeihliches angetan. Dann stürmte er an ihnen vorbei in die Küche und flüchtete sich kurz darauf alleine auf die Terrasse.
Kai löste sich von Nadine und sah seinem besten Freund nach. Er beschloss, dass sie reden mussten – jetzt! Doch genau im selben Moment kam ein ganzer Schwall Leverkusenspieler an, die Kai gleich in Beschlag nahmen, weil sie niemand anderen kannten. Chance vertan.



...
DER KUSS IST EIN LIEBENSWERTER TRICK DER NATUR, EIN GESPRÄCH ZU UNTERBRECHEN, WENN WORTE ÜBERFLÜSSIG WERDEN.
- INGRID BERGMAN
...




Kai ließ Julian den ganzen Abend nicht aus den Augen. Was aber auch nicht wirklich schwierig war, wie er sich selbst eingestehen musste. Denn der Blonde hockte regungslos und alleine auf seiner Dachterrasse.
Kai wollte zu ihm gehen, doch konnte man auf einer Dachterrasse, während einer Party, wirklich ein ernstes und ruhiges Gespräch führen? Vielleicht wollte Julian heute auch gar nicht reden? Vielleicht gab es auch gar nichts zu bereden; vielleicht war schon Gras über die Sache gewachsen und Kai machte sich einfach zu viele Gedanken.
Er stand gerade mit Sam, Mitch, deren Freundinnen und Nadine in der Nähe der provisorischen Selbstbedienungsbar, als er Jascha beobachtete, wie er hinaus zu Julian ging. Es fiel Kai schwer sich auf das Gruppengespräch oder die Musik zu konzentrieren. Alles worum sich seine Gedanken drehten, war das Gespräch zwischen Jascha und Julian.
Worüber zum Teufel unterhielten die sich da draußen? Über ihn? Über sie? Wusste Jascha etwa Bescheid?
Was auch immer der jüngste Brandt zu seinem Bruder gesagt hatte, schien Julian dazu zu bewegen wieder an der Party teilzunehmen. Denn nach ein paar Minuten Diskussion betrat er sein Wohnzimmer zum ersten Mal nach Stunden wieder. Er sah sich um. Kai bildete sich für einen kurzen Moment ein, Julian würde mit den Augen nach ihm suchen. Dann trafen sich ihre Blicke. Auf Kais Körper breitete sich in nanosekundenschnelle eine Gänsehaut aus. Er konnte Sehnsucht und Verwirrung in Julians Blick erkennen. Kai wollte auf ihn zugehen, sie ihm ausreden. Das klären, was es zwischen ihnen zu klären gab, damit sie wieder Freunde sein konnten. Er vermisste ihn so schrecklich.
Der Blickkontakt hielt noch ein paar Sekunden, dann wandte Julian sich um und stieg die Wendeltreppe hinauf.
Impulsiv wollte Kai ihm folgen, war sogar schon den ersten Schritt gegangen, bemerkte jedoch einen Widerstand: Nadine hielt seinen Arm fest. Sie hatte Angst alleine gelassen zu werden, weil sie sich sichtlich unwohl fühlte zwischen all den fremden Gesichtern. Kai musste ihr wirklich dankbar sein, dass sie ihn begleitet hatte. Und er wusste, dass es unfair war sie jetzt alleine zu lassen. Aber so eine Gelegenheit bekam er in der nächsten Zeit vielleicht nie wieder. Denn er selbst war zu feige, um Julian um ein Gespräch zu bitten.
Kai befreite seinen Arm sanft aus Nadines Griff und lächelte sie entschuldigend an, als ihr Kopf zu ihm herumruckte. Dann glitt er an den anderen Gästen vorbei und folgte Julian die Treppe hinauf.
Er atmete tief durch und straffte die Schultern. Er wollte alles richtig machen und Julian nicht vor den Kopf stoßen, aber er wusste nicht wie. So ein Gespräch hatte er noch nie geführt und er wusste auch nicht, wer ihm Tipps dafür geben sollte. Am Ende machte er grundlos aus einer Mücke einen Elefanten und damit alles nur noch schlimmer. Kai wünschte sich so sehr, dass er ihn nie geküsst hätte! Dann gäbe es jetzt nichts Ernstes, worüber sie reden müssten. Dann würde sie unten trinken und tanzen und den Abend genießen, statt sich aus dem Weg zu gehen und so zu tun, als würden sie sich nicht kennen.
Er blieb auf der obersten Stufe stehen, um sich selbst noch ein bisschen Zeit zu verschaffen. Am Ende traf er eine kindische und dämliche Entscheidung. Denn es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Aber etwas Besseres fiel Kai auf die Schnelle nicht ein. Bei Julian hatte er sich vorher nie Gedanken darüber machen müssen, ob und wie er etwas ansprach. Julian hatte ihm nie etwas übelgenommen, egal wie unglücklich Kai sich ausgedrückt hatte. Also konnte Kai bloß hoffen, dass Julian ihn auch dieses Mal nicht missverstand.
Kai klopfte nicht, was wirklich etwas unhöflich war, aber zwischen Julian und ihm eigentlich so normal wie atmen. Das Wort „eigentlich“ war das einzig komische daran.
Kai bemühte sich um eins von seinen typischen Kai-Grinsen. Vielleicht, wenn er Julian signalisierte, dass alles ganz normal zwischen ihnen war, würde es das ganz schnell auch wieder werden.
Aber mit seinem »Kann’s sein das du mir aus dem Weg gehst? Du benimmst dich total komisch!« hatte er es dann doch etwas übertrieben und die Normalität zu sehr erzwungen. Denn Julian sah ihn an, als wäre er im falschen Film. Und er sagte kein Wort.
»Julian ist alles in Ordnung mit dir?« - Kai machte einen Schritt auf ihn zu.
Julian schwieg und plötzlich tauchte das auf seinem Gesicht auf, was Kai so sehr hasste: Das Kameralächeln. Kai würde es ihm am liebsten aus dem Gesicht schlagen.
»Ja klar, was soll sein?«
Es klang so künstlich und aufgesetzt, dass Kai sofort klar war, dass er mit seinem Plan nicht durchkommen würde. Sie mussten über das reden, was vorgefallen war. Anders würden sie nicht weiterkommen. Mit wir tun so als wäre nichts gewesen war ihnen nicht geholfen.
Kai senkte den Blick, weil er so sehr gehofft hatte, er müsste dieses Gespräch nicht führen. Aber leider konnte man sich im Leben nicht immer um alles drum herum schummeln. Durch manche Dinge musste man geradewegs durchlaufen.
Kai kam sich so dämlich vor. Am liebsten würde er umdrehen und verschwinden, nochmal drüber nachdenken und wiederkommen, wenn ihm ein besserer Plan eingefallen war. Aber gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er dadurch nichts besser machte. Vielleicht wurde es sogar noch schlimmer.
Also nahm er seinen ganzen Mut zusammen. »Wegen dieser Sache vor zwei Wochen, also ich-«
»Bitte halt‘ die Fresse!«
Kai war so erschrocken über Julians schroffen Tonfall, dass sein Kopf in die Höhe schnellte. Wut breitete sich so schnell in seinem Körper aus, dass er sie nicht mehr unterdrücken konnte. Er ballte die Hände zu Fäusten, weil er es unfair fand, dass sein Mut so behandelt wurde. Und außerdem-
»Du warst es doch, der darüber reden wollte!«, fauchte er rechthaberisch.
Julian starrte ihn vom Boden aus böse an. »Aber doch nicht, während mein Bruder unten seinen Geburtstag feiert!« - Julian atmete tief durch - »Ich wollte letztes Wochenende reden!«
»Entschuldige, dass ich verabredet war! Hättest mir sagen müssen, dass ich jetzt jede freie Minute für dich reservieren muss, nur, weil wir einmal im Bett waren!«, warf er seinem besten Freund vor, ohne darüber nachzudenken, was er sagte.
Als er Julians angegriffenen Gesichtsausdruck war nahm, wurde Kai erst wirklich bewusst, wie falsch das geklungen hatte.
Julian wandte den Blick ab, zog Jannis‘ Geschenk unter dem Bett hervor und stand auf. Kai wusste, dass es besser wäre, wenn er jetzt verschwand, bevor es zwischen ihnen eskalierte. Aber als Julian langsam auf ihn zukam und dabei so ungewohnt bedrohlich aussah, wusste Kai, dass das zwischen ihnen heute noch nicht vorbei war.
Julian kam ihm so nahe, dass Kai sein Parfum riechen und sein atmen hören konnte. Der Begriff persönliche Distanz schien für Julian ein Fremdwort zu sein. Und Kai fiel es schwer sich zu konzentrieren. Vor allem wenn er Julians Bett, mit all den Erinnerungen, im Augenwinkel sehen konnte. Denn als sie sich das letzte Mal so nah gekommen waren, endete das nicht gut für sie beide.
»Warum hast du mich geküsst?«, flüsterte Julian und brachte Kai damit wirklich aus dem Konzept. »Du hast damit angefangen alles komisch zu machen!«
Kai schluckte. Er wusste, dass Julian recht hatte. Und er bereute es. Außer jetzt gerade. Da wollte er es am liebsten nochmal machen. Weil es sich so richtig angefühlt hatte.
Kai schielte für den Bruchteil einer Sekunde auf Julians Lippen. »Keine Ahnung.« - es war die Wahrheit. Kai wusste es wirklich nicht. Er verstand sich und seinen Körper momentan selbst nicht.
»Kannst du einmal in deinem fucking Leben ehrlich sein und mir sagen, warum du das getan hast?«, zischte Julian.
Es war ein Impuls aus seinem Gehirn, dem Kais Körper folgte, als er sich ein Stück vorlehnte, Julians Gesicht mit den Händen umfasste und wieder tat, was er nicht tun sollte: Ihn küssen!
Sein Kopf war plötzlich wie leergefegt. Er drängte sich näher an Julian, wollte das es ihm genauso ging, wie ihm selbst. Verloren, verfallen, verliebt.
Irgendwo in der hintersten Ecke, wusste Kai das sich das falsch anfühlen sollte. Doch das tat es nicht.
Kai merkte in dem Moment, in dem er seine Hände tiefer gleiten ließ, dass Julian das Geschenk von Jannis beinahe aus den Händen rutschte.
Genau in diesem Moment startete sein Gehirn neu. Er drückte Julian von sich weg und fing das Päckchen im letzten Moment auf.
Als er die Hand ausstreckte und es zurückgab, trafen sich ihre Blicke.
Plötzlich war das Bereuen wieder da und Kai war der Schreck über die letzten Sekunden anzusehen.
»Sorry«, murmelte er geistesgegenwärtig. »Tut mir echt voll leid!«
Und dann verließ er Julians Schlafzimmer, ließ die Tür offenstehen und polterte die Treppen hinunter.
Er schob sich grob an den anderen Gästen vorbei, zog Nadine von der Selbstbedienungsbar zu Jannis.
»Sorry, ich muss los, ein Notfall! Happy Birthday!«, schrie er Jannis schon beinahe ins Ohr.
Der mittlere Brandt sah einen Moment verwirrt aus, bevor er zu einem High-Five ansetzte und Nadine zum Abschied zu winkte.
Kai zog Nadine in den Flur, zwang sie mit einem harschen Befehl sich die Schuhe anzuziehen und zog sie anschließend aus der Wohnung.
Welche geisteskranke Synapse hatte da bloß die Kontrolle übernommen? Was hatte Kai da bloß geritten, dass er ihn schon wieder geküsst hatte? Wie konnte man bloß so bescheuert sein?
Nadine zog und zerrte an seinem Arm. Sie versuchte sich mit aller Macht von ihm loszureißen, aber er hielt sie umklammert wie ein Schraubstock.
Sie mussten aus diesem Haus raus. Kai brauchte einen klaren Kopf. Doch als sie auf dem Gehweg standen, reichte Kai aus dem Haus raus sein nicht mehr. Er wollte noch mehr, noch weiter weg von Julian und all diesen komischen Gefühlen.
Nadine hinter ihm protestierte halblaut und die Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite starrten sie an. Kai, der sonst immer darauf bedacht war, keine Aufmerksamkeit zu erregen war das momentan egal. Von hier wegzukommen, hatte die oberste Priorität.
Sie schafften es fast bis zu Kais Auto, da stemmte Nadine sich plötzlich so sehr in die Bewegung, dass Kai beinahe das Gleichgewicht verlor. Sie blieb stehen und schaffte es endlich, ihren Arm aus seinem festen Griff zu befreien.
»Spinnst du eigentlich?«, herrschte sie ihn an. »Was sollte das?«
»Tut mir leid, es ist nur … ich …« - er stockte - »Ich kann’s dir nicht erklären. Ich versteh‘s selbst nicht, es ist so kompliziert!«
Die drückende Abendluft und das Rennen trieben ihm Schweiß auf die Stirn und ein überwältigendes Schwindelgefühl in den Kopf. Er musste sich setzen, sofort. Ansonsten würde er kotzen. Also fackelte er nicht lang und ließ sich im Schneidersitz auf den Gehweg fallen. Es wunderte ihn, dass sein Körper so reagierte. Viel hatte er nicht getrunken und der Wodka in seiner Mische war von Becher zu Becher weniger geworden.
Nadine sah sich um, als wäre sie mit einem Geisteskranken unterwegs und wollte nicht gesehen werden, bevor sie vor Kai in die Hocke ging.
Sie biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Sie wollte nachfragen, weil sie fand, dass sie eine Erklärung verdient hatte. Aber Kai sah aus, als würde er gleich eine Panikattacke bekommen und sie wollte es für ihn nicht noch schlimmer machen, als es eh schon war. Vermutlich würde er ihr sowieso nicht die Wahrheit erzählen, dafür kannten sie sich zu wenig.
Kai fing an zu weinen. Nadine dachte, er hatte vielleicht doch tiefer ins Glas geschaut, als sie vermutet hatte. Aber ihre Wut verrauchte augenblicklich. Sie hatte Mitleid mit ihm.
»Na los«, sagte sie und packte ihn an den Händen. »Lass uns nachhause fahren!« Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass sie nicht zur Party zurückkehren würden.
Kai ließ sich von ihr nach oben ziehen und gab ihr bereitwillig die Autoschlüssel, als Nadine die Hand ausstreckte. Er stellte das Navi für sie ein und Nadine betonte immer wieder, dass sie noch nie so viel Technologie in einem Auto gesehen hatte. Dann fuhr sie los.
Nadine war eine gute Autofahrerin, auch wenn sie dabei kein Radio hören wollte, weil es ihr schwerfiel sich auf die Straße zu konzentrieren. Aber man merkte ihr an, dass sie nicht oft fuhr. Weil sie häufig anfuhr und bremste, vor jedem ausscherenden Auto Panik hatte und im halbdunkeln jedes Verkehrszeichen für eine Blitzersäule hielt. Vielleicht lag diese Unsicherheit auch nur daran, dass sie Kais teures Auto nicht zu Schrott fahren wollte. Auf der fast leeren A1 wurde sie etwas ruhiger, aber nicht schneller. Sie fuhr konsequent 80 auf der rechten Spur.
Nadine traute sich aber jetzt wieder, auch über etwas Anderes nachzudenken. Sie warf Kai einen schnellen Seitenblick zu, der im Beifahrersitz zusammengesunken war, wie ein Häufchen Elend. Er schniefte und sah starr aus der Frontscheibe, als gäbe es vor ihnen etwas ganz Interessantes zu sehen.
Nadine ließ den Abend Revue passieren, versuchte sich an das Verhalten von allen Beteiligten zu erinnern. Sie wollte verstehen, warum Kais Laune so plötzlich umgeschlagen war. Warum er plötzlich gehen wollte, obwohl der eigentliche Geburtstag noch gar nicht angefangen hatte. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Sie räusperte sich. »Julian, stimmt’s?«
Kai fuhr hoch, als hätte jemand ein unaussprechliches Wort benutzt. Er sah, nein stierte, Nadine aus weit aufgerissenen Augen an. Sie musste es nicht sehen, sie spürte den brennenden Blick auf ihrer Haut. Es war die unausgesprochene Bestätigung für ihre Vermutung.
Für Nadine ergaben die Dinge die Kai in den vergangenen Tagen gesagt und getan hatte, plötzlich viel mehr Sinn. Sie dachte, sie würde ihn jetzt besser verstehen.
»Wir leben im 21. Jahrhundert. Es ist nicht schlimm sch-«
»Du hast keine Ahnung!«, unterbrach Kai ihren Tröstungsversuch harsch. »Fußball ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Und außerdem sind wir Freunde. Es würde nicht funktionieren und dann würde ich ihn verlieren. Ich kann das nicht, ich brauche ihn!«
»Ich weiß wie du dich fühlst, aber-«
»Du hast keine Ahnung wie ich mich fühle! Du kannst das nicht verstehen!«
Nadines Mund klappte wieder zu und sie schwiegen den Rest der Fahrt.
   
In Leverkusen angekommen, zeigte Kai Nadine wo sie parken konnte. Sie stiegen aus.
»Wie willst du jetzt nachhause kommen?«, fragte Kai zögerlich.
Er würde ihr ja sein Sofa anbieten, aber irgendwie wusste er, dass sie dieses Angebot selbstbewusst ausschlagen würde. Vielleicht hätte sie das Angebot angenommen, wenn er sie gerade nicht so angezickt hätte.
»Mit dem Zug, der fährt noch«, sagte Nadine ausweichend und vollführte eine einstudierte Handbewegung.
»Sicher? Ist das nicht viel zu gefährlich? Willst du auf dem Sofa schlafen oder soll ich dir ein Taxi bezahlen?«
Nadine schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. So spät ist es noch nicht. Außerdem hab‘ ich Pfefferspray!«
Sie war wirklich überredungsresistent.
»Na gut«, gab Kai nach. »Aber meld‘ dich, wenn du zuhause bist!«
Sie nickte und drückte ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange, ehe sie in der Nacht verschwand.
Kai wartete noch, bis sie um die nächste Straßenecke verschwunden war, dann traute er sich in seine Wohnung zu gehen.
Er kickte sich im Flur die Schuhe von den Füßen und fiel dann so wie er war ins Bett. Er bekam eine Nachricht von Instagram. Nadine hatte ein Foto gepostet und ihn darauf markiert. Als wollte sie ihm damit sagen, dass alles gut zwischen ihnen ist, obwohl Kai so schroff zu ihr gewesen war. Sie hatte ihm das Foto auch per WhatsApp geschickt. Also postete er es auch auf seinem Account. Dann legte er das Handy wieder aus der Hand.
Viel zu müde, um noch über irgendetwas anderes nachzudenken schlief er ein und träumte davon, wie diese Feier eigentlich hätte ablaufen können.
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