Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Lächeln der Sterne

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
19.12.2020
29.12.2020
7
28.713
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
19.12.2020 4.025
 
Nicht der gleichmäßige, melodische Ton seines Weckers, sondern der penetrante Ruf seiner Mutter aus dem Nebenzimmer schreckte Konstantin an diesem Morgen aus seinem Träumen hoch. Seit inzwischen gut fünfzehn Minuten hörte er sie immer wieder regelmäßig nach ihm rufen, hörte er ihre unablässige Bitte danach, sich endlich aus seinem Bett zu wälzen und aufzustehen, damit er bloß nicht zu spät zu seinem Termin kam.
Dabei hätte er im Grunde nichts lieber getan als einfach liegenzubleiben, als die Welt da draußen vor seinem Zimmer einfach zu vergessen und sich noch einmal gemütlich in die Kissen zu kuscheln, um den versäumten Schlaf der letzten paar Nächte zumindest ein bisschen wieder aufzuholen und auszugleichen.
Schon seit etwa zwei Wochen hatte er regelmäßig Probleme damit, richtig zu schlafen, konnte nachts fast kein Auge zumachen und drehte sich von einer Seite zur anderen. Seit zwei Wochen konnte er sich nicht mehr richtig entspannen und lag so gut wie jede Nacht stundenlang wach, anstatt sich dem Schlummer hinzugeben und sich auszuruhen. Seit zwei Wochen tanzten seine sämtlichen Gedanken in der Nacht Flamenco und machten es ihm unmöglich, irgendwie abzuschalten und ein bisschen zur Ruhe zu kommen.
Und dass das nicht nur Auswirkungen auf seinen Gemütszustand, sondern natürlich auch auf seinen gesamten Tagesablauf hatte, war wohl nur allzu verständlich. Schließlich brauchte er für seine Arbeit als Barkeeper zumeist alle Konzentration – und die fehlte ihm im Augenblick wirklich gänzlich.
Dabei wünschte er sich nichts mehr als endlich abschalten zu können, endlich zur Ruhe zu kommen und diesen ständig wiederkehrenden, immergleichen Überlegungen Einhalt zu gebieten. Wünschte sich, es einfach vergessen zu können, nicht mehr darüber spekulieren zu müssen und wieder ganz der Alte zu sein – derjenige, der er bis vor diesem einen, einschneidenden Moment vor zwei Wochen auch gewesen war.
Selbst seinen Eltern und Freunden war sein verändertes Verhalten inzwischen aufgefallen, hatten sie bemerkt, dass er in letzter Zeit immer sehr zurückgezogen und in sich gekehrt wirkte, nicht mehr so munter, engagiert und unbeschwert sie sonst. Selbst sie sahen es ihm schon an, dass da irgendetwas sein musste, dass ihn irgendetwas beschäftigte und er sich Gedanken um etwas machte, was seine sämtliche Konzentration in Anspruch nahm.
Und auch wenn bisher niemand ihn wirklich darauf angesprochen hatte, auch wenn keiner ihn danach gefragt hatte, was los war und warum er sich so anders verhielt, war Konstantin trotzdem klar, dass sie es wussten, dass sie ihm schon an der Nasenspitze ansehen konnten, wie verändert er seit einiger Zeit war.
Und natürlich lagen sie alle damit hundertprozentig richtig. Natürlich war er nicht mehr derselbe, der er bis vor kurzem gewesen war. Natürlich hatte sich in seinem Leben etwas verändert, das er selbst gar nicht für möglich gehalten hatte. Natürlich war da etwas, das ihn unaufhörlich beschäftigte und worum all sein Denken kreiste. Und wenn er ehrlich war, dann konnte er es selbst noch immer nicht so richtig fassen.
Auch wenn er sich inzwischen an das ständige Gedankenkreisen gewöhnt hatte, auch wenn er tief in sich die Tatsachen längst kannte und sich ihnen bewusst war, kam es ihm trotzdem immer noch surreal vor, hatte er nach wie vor nicht damit aufgehört, sich zu fragen, ob das alles tatsächlich sein konnte – und vor allem, warum es ausgerechnet ihm passieren musste.
Seit diesem einen Moment vor zwei Wochen hatte er sich schon hundertmal diese Frage gestellt, hatte nach Wegen und Möglichkeiten gesucht, damit umzugehen und es irgendwie abzustellen, es zu vergessen, zu beenden, begraben.
Aber ganz gleich, was er auch machte, ganz gleich, wie er sich anstrengte und bemühte, schaffte er es trotzdem beim besten Willen nicht, davon loszukommen und sich den Träumen und Fantasien, die damit einhergingen, zu entziehen.
Er konnte sich nicht davon losreißen, nicht aufhören, darüber nachzudenken und sich Dinge vorzustellen, die auf der einen Seite so wunderschön und aufregend, auf der anderen wiederum jedoch so realitätsfern und unwirklich waren. Dafür war er schon viel zu tief gefangen, zu stark in diesem überwältigenden Bann, als dass es ihm noch irgendwie gelungen wäre, sich wieder daraus zu befreien.
Und das alles nur, weil er nicht aufgepasst hatte. Weil er sich nicht zusammengerissen und in diesem einen Augenblick vor zwei Wochen nicht beherrscht hatte. Nur deswegen saß er jetzt in diesem Zwiespalt fest, der ihm den Verstand raubte und ihn sich täglich fragen ließ, wie es weiterging. Nur deswegen bekam er nachts fast kein Auge zu und dachte die ganze Zeit über sich selbst nach, über seine Wünsche, Sehnsüchte – und vor allem seine Gefühle.
Sie waren schließlich der Auslöser seiner ganzen Situation. Sie waren schuld daran, dass er sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte, dass er immer wieder in Tagträume abdriftete und seine Fantasie mit ihm durchging. Sie waren verantwortlich dafür, dass sein Herz verrückt spielte, dass es nicht mehr ein oder aus wusste und schon zu pochen begann, wenn irgendjemand nur seinen Namen sagte.
Und wenn man all das zusammenrechnete, wenn man die einzelnen Puzzleteile zu einem Gesamtbild fügte und es betrachtete, dann konnte man nur zu einer einzigen, logischen Erklärung kommen, dann war selbst für ein ungeübtes Auge ohne Zweifel zu erkennen, was dahintersteckte und warum Konstantin sich so verändert hatte: Er hatte sich verguckt. Und das wahrscheinlich so heftig wie noch nie in seinem gesamten Leben.
Wenn man es nun objektiv betrachtete, mochte man mit Sicherheit denken, dass das doch alles andere als ein Grund zur Ratlosigkeit war, dass er sich doch freuen und glücklich darüber sein konnte, dieses schöne Gefühl erleben zu dürfen. Und unter anderen Umständen hätte Konstantin diese Meinung mit Sicherheit auch geteilt, wäre er gut gelaunt und munter durch das ganze Hotel gehüpft und hätte sein Leben in vollen Zügen genossen. Hätte seine Freude darüber mit Familie und Freunden geteilt und ihnen brühwarm von seinen entflammten Gefühlen berichtet.
Doch dazu war er nicht in der Lage. Das konnte und wollte er nicht tun. Wollte niemanden einweihen, keinem davon erzählen, dass da seit einiger Zeit ein Mensch war, der ihm im Herzen herumtanzte und von dem er sich alles nur Erdenkliche wünschte. Wollte weder seinen Eltern, noch seinen Freunden gegenüber auch nur ein Wort darüber fallen lassen und sich die größtmögliche Mühe geben, dass man ihm bloß nichts anmerkte.
Der Grund dafür lag jedoch keineswegs darin, dass er sich das nicht wünschte. Oh nein, ganz im Gegenteil. Der junge Mann hätte sogar nichts lieber getan als sich irgendjemandem anzuvertrauen, mit irgendwem darüber zu reden, dass er verliebt war und sich einen Rat geholt, wie er damit umgehen sollte. Das war wirklich absolut nicht das Problem.
Vielmehr ging es darum, in wen er sich verliebt hatte, wer derjenige war, der es nach fast drei Jahren endlich wieder geschafft hatte, sein Herz zu erreichen und ihn vollkommen sprachlos zu machen, ihn mit seiner Art, seiner Freundlichkeit und seinem Charme zu verzaubern. Das war es, was ihn beschäftigte, was ihn den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten und gegenüber keinem ein Wort darüber verlieren ließ. Es ging um die Person, die dahintersteckte. Um den neuen Geschäftsführer, der vor gut drei Wochen am „Fürstenhof“ angefangen hatte.
Er war der Traum seiner schlaflosen Nächte. Er war es, der allein durch seine Anwesenheit das Herz des jungen Argentiniers in Flammen setzen und ihm nur mit einem Blick sämtliche Worte rauben konnte. Leonard Stahl.
Zugegeben, dass auch Männer in sein Beuteschema fielen, war für Konstantin nicht wirklich eine Neuigkeit oder gar eine Überraschung. Schon vor sehr langer Zeit, als er noch in Argentinien gelebt und dort regelmäßig das Nachtleben unsicher gemacht hatte, war ihm bewusst geworden, dass Frauen und Männer gleichermaßen sein Interesse wecken konnten, dass er definitiv nicht abgeneigt war, wenn so ein feuriger, leidenschaftlicher Flamencotänzer mit ihm flirtete und ihm schöne Augen machte.
Und es war ihm auch nie schwer gefallen, ebenjene Flirts zu erwidern, sich darauf einzulassen und ein paar reizvolle, aufregende Stunden zu verbringen. Aber zu mehr als einem One Night Stand oder einer kurzen Affäre hatte es trotzdem niemals ausgereicht. Mehr als eine schnelle Nummer, eine flüchtige Befriedigung des eigenen Verlangens war dabei noch nie daraus entstanden. Maximal hatte er mal ein Verhältnis zu einem DJ gehabt, bei dem es vorrangig jedoch auch nur um Sex gegangen war, nicht um etwas Festes, Ernsthaftes und Beständiges. Und das natürlich auch nur im Verborgenen, gänzlich ohne das Wissen seiner damaligen Freunde und seines Umfelds, ohne dass irgendwer etwas davon geahnt oder mitbekommen hätte, was Konstantin manche Nacht so trieb, während er angeblich durch die Straßen zog.
Schön gewesen war es natürlich trotzdem, das stand völlig außer Frage. Und er hätte auch niemals behaupten können, dass er irgendeine Sekunde davon bereute oder sich dafür schämte. Denn das war definitiv nicht der Fall.
Aber trotzdem hatte es nie zu mehr gereicht, hatten beim Thema Liebe und Beziehung immer nur Frauen eine Rolle für ihn gespielt und waren an seiner Seite gegangen – häufig sogar, ohne etwas davon zu wissen, dass er auch Erfahrungen mit Männern besaß. Und warum hätte er das auch thematisieren sollen? Warum hätte er ihnen etwas davon erzählen sollen, dass er sich ab und zu auch mit Männern amüsierte, dass er Spaß mit ihnen hatte und eine gute Zeit erlebte? Das hatte in seinen zwei Beziehungen bisher niemals eine Rolle gespielt.
Er hatte schließlich niemals jemanden betrogen, war immer treu und aufrichtig gewesen und hatte die Frauen an seiner Seite immer aus vollem Herzen geliebt. Was davor, dazwischen oder danach gelaufen war, das hatte darauf doch keinen Einfluss. Wozu es also richtig stellen, wenn er als hetero wahrgenommen wurde? Das machte absolut keinen Unterschied. Also hatte er es nie erwähnt, in keiner seiner beiden Liebschaften – und geschadet hatte es niemandem. Denn Konstantin war treu. Und wenn er jemanden liebte, wenn er mit jemandem zusammen war, dann voll und ganz. Ohne Kompromisse.
Aus diesem Grund wusste es auch fast niemand, hatte so gut wie keiner eine Ahnung davon, dass er für Frauen und Männer gleichermaßen etwas empfinden konnte. Lediglich zwei Ausnahmen gab es, die darüber in Kenntnis gesetzt waren, zwei Menschen, denen er es erzählt und die er eingeweiht hatte in dieses Geheimnis. Zum einen seine Tante Pilar, die engste Vertrauensperson, die er damals in Argentinien gehabt hatte – und durch die er überhaupt erst auf die Spur seiner leiblichen Eltern hier in Deutschland gekommen war. Und zum anderen Miguel, ein alter und langjähriger Freund, mit dem er schon so einiges erlebt und durchgestanden hatte. Zu ihm hatte er genau wie zu seiner Tante eine tiefe, sehr enge Bindung, sowie das nötige Vertrauen, um solche privaten Details mit ihm zu teilen.
Aber abgesehen davon hatte niemand eine Ahnung von seiner Bisexualität, weder in Argentinien, noch hier in Deutschland. Bis auf diese beiden hielten ihn alle für einen Durchschnittstypen ohne Besonderheiten, kamen wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee, sich Gedanken darüber zu machen, dass es anders war, geschweige denn, dass er sich auch in Männer verlieben konnte.
Und zugegeben, das hatte Konstantin bis vor kurzem selbst nicht gewusst. Dass er wirklich Zuneigung, wirklich Liebe für einen Mann empfinden konnte, hatte er trotz seines offenen Verhältnisses zu sich selbst nicht wirklich eingeplant. Schließlich waren es bisher fast immer One Night Stands gewesen, die er mit ihnen gehabt hatte – sowie natürlich nicht zu vergessen diese etwas längere Affäre mit Valencio, der damals in einem Nachtclub als DJ gearbeitet hatte. Aber wirklich verliebt gewesen war er in ihn auch nicht. Zumindest hatte sich das nicht danach angefühlt. Natürlich war es schön gewesen, Zeit mit ihm zu verbringen, natürlich hatte er die Nähe zwischen ihnen genossen und sich auch wohl mit ihm gefühlt – aber als wirkliche Liebe hatte man das nicht bezeichnen können. Vielmehr so eine Art Freundschaft plus, ein gegenseitiges Vertrauen mit gewissen Vorzügen, die nicht jeder bekam. Aber richtig geliebt hatten sie sich nicht.
Und Konstantin hatte auch gar nicht recht gewusst, ob er das überhaupt konnte, ob er fähig war, für einen Mann gefühlsmäßig dasselbe zu empfinden wie für eine Frau – oder ob da einfach mehr die optische Komponente im Vordergrund stand, die körperliche Anziehung und das Verlangen nach Leidenschaft. Darüber war es sich nie so ganz im Klaren gewesen.
Erst jetzt, seit zwei Wochen, seit Leonard seine ganze Welt auf den Kopf gestellt hatte, da wusste er endlich, dass er es konnte, dass er sehr wohl in der Lage war, romantische Gefühle gegenüber Männern zu entwickeln und mit ihnen eine feste, beständige und dauerhafte Beziehung einzugehen. Denn er hatte sich definitiv verschaut. Und zwar viel, viel mehr als nur ein bisschen.
Aber herrje, war das so verwerflich? Leonard hatte ganz einfach etwas an sich, das ihn faszinierte. Er war so herzlich, so zuvorkommend und humorvoll, hatte eine Art an sich, wie der Schwarzhaarige es noch bei keinem anderen gesehen hatte, eine ganz besondere Magie, die er sich nicht erklären konnte. Und ganz nebenbei gesagt war er auch optisch ein ziemlicher Hingucker.
Oh ja, das musste Konstantin ohne den geringsten Zweifel zugeben. Der neue Geschäftsführer war verflucht attraktiv. Und hätte er sich nicht offen eingestanden, dass diese Anziehung, die von ihm ausging manchmal seine Fantasie anregte, dann hätte er definitiv gelogen. Nicht umsonst war er nach so manch aufregendem Traum von ihm mit einem Zustand aufgewacht, den pubertierende, hormongesteuerte Jungs nur allzu gut kannten. Aber Himmel: War das etwa verwerflich? War es nicht völlig normal, dass das auch mit dazugehörte?
Schließlich ging es Konstantin bei Leonard ja alles andere als nur darum. Natürlich übte er zweifellos eine sexuelle Anziehung auf ihn aus – aber das bedeutete doch nicht, dass er es nur darauf anlegte, mit ihm ins Bett zu gehen. Oh nein. Bei Leonard war es etwas vollkommen anderes.
Von ihm wünschte er sich so viel mehr als nur Sex, wünschte sich Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeit, so wie er sie bei den Frauen, mit denen er liiert gewesen war, erlebt hatte. Bei ihm wollte er mehr als einen Rausch, suchte nach Treue, nach Herz und Gefühl. Mit ihm wollte er zusammen sein, wollte etwas Festes, Echtes, das von Bestand und Dauer war. So wie man es sich eben von jemandem wünschte, den man aus ganzem Herzen liebte.
Und Konstantin wusste, dass er das tat. So unbegreiflich es am Anfang auch gewesen war, so oft er es auch hinterfragt und darüber gegrübelt hatte, war ihm mittlerweile klargeworden, dass alle Anzeichen in dieselbe Richtung wiesen, dass es nur diese eine, schlüssige und sinnvolle Erklärung dafür gab, warum er so oft an den jungen Geschäftsführer dachte, warum ihm schon das Herz in die Hose rutschte, wenn er ihn nur grüßte oder ihm flüchtig zulächelte. Er war verliebt. Bis über beide Ohren. Da hatte Amor oder wer auch immer da oben für solche Sachen zuständig sein mochte, wirklich haargenau ins Schwarze getroffen.
Und so schön es sich anfühlte, davon zu träumen, so wild ihm das Herz auch bei jeder Begegnung mit Leonard hüpfte, mindestens ebenso sehr wusste Konstantin, dass diese Liebe mit großer Wahrscheinlichkeit aussichtslos war, dass es so viele Dinge gab, die dem im Weg standen, die es nicht zuließen, dass er seine Gefühle auch zeigen und herausfinden konnte, ob da überhaupt jemals eine Möglichkeit bestand, sie zu leben.
Zum einen natürlich die Tatsache, dass er Leonard kaum kannte, so gut wie gar nichts über ihn wusste und nicht einmal ansatzweise einschätzen konnte, wie er so drauf war. Er hatte überhaupt keine Ahnung, wie er tickte, ob er überhaupt Single war oder nicht, geschweige denn, ob Männer in sein Beuteschema fielen. Aber selbst wenn ersteres gegeben war, so lag die Wahrscheinlichkeit für letzteres bei einem so verschwindend geringen Prozentsatz, dass es sich gar nicht lohnte, einen Gedanken daran zu verschwenden.
Zum zweiten stand aber auch noch die Gegebenheit im Raum, dass niemand etwas von Konstantins Bisexualität wusste, dass weder seine Eltern, noch seine Freunde hier am „Fürstenhof“ eine Ahnung davon hatten – und gerade das war ein Punkt, den Konstantin als noch wesentlich schwieriger einschätzte.
Nicht etwa deshalb, weil er sich irgendwie schämte oder nicht dazu stehen wollte, dass er bisexuell war. Oh nein, absolut nicht. Wenn es nach ihm ging, durfte das ruhig jeder wissen, das war ihm vollkommen gleichgültig. Schließlich gab es da nichts, wofür er sich schämen oder was er bereuen musste. Er stand dazu, ganz offen, ohne jegliche Zweifel und Hemmungen. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten. Das kümmerte ihn nicht.
Nein, die eigentliche Schwierigkeit, die Hürde, die ihm Kopfzerbrechen bereitete, war seine Mutter Doris, die noch nicht einmal im Ansatz etwas von den heimlichen Gedanken und Wünschen ihres Sohnes ahnte – und bei der mit großer Wahrscheinlichkeit eine Welt in sich zusammenstürzte, wenn sie es erfuhr.
Um Werner, seinen Vater, machte er sich da weniger Gedanken. Ihn hatte er als sehr offenen, aufgeschlossenen Menschen kennengelernt und erlebt. Und mochte er auf diese Kundgebung vielleicht auch überrascht reagieren – ein Problem würde er ganz bestimmt nicht damit haben. Aber bei Doris sah die Sache vollkommen anders aus. Sie würde das nicht einfach so wegstecken, streng gläubig wie sie nun einmal war – und mit nicht zu unterschätzender Wahrscheinlichkeit Schnappatmung bekommen, wenn sie hörte, dass ausgerechnet ihr gut erzogener und dem Glauben ebenso vertrauter Sohn sich auch für Männer interessierte. Oder besser gesagt sein wildes, argentinisches Herz an einen verloren hatte.
Que miseria, dachte Konstantin still und leise für sich, während er sich ein Stückchen in seinem Bett aufsetzte und durchatmete. Das würde sie wahrscheinlich total aus der Fassung bringen. Und anders als seine Tante Pilar, würde sie vielleicht nie ganz akzeptieren können, dass ausgerechnet er so sein musste, dass ausgerechnet der neue Geschäftsführer ihm schlaflose Nächte machte und ihm keine ruhige Minute ließ.
Das war auch der Grund dafür, warum er stetig so tat, als würde er sich für die Bardame interessieren, für Natascha Schweitzer, mit der er sich schon das ein oder andere Mal richtig gut unterhalten hatte. Um zu verbergen, wem sein Herz eigentlich gehörte, um seine Mutter nicht vor den Kopf zu stoßen und den äußeren Schein weiterhin zu wahren. Denn das war besser so. Zumindest so lange, bis er wirklich den Mut dazu fand, es ihr zu erklären.
Denn Konstantin wusste, dass er das irgendwann tun musste. Er musste mit Doris reden, ihr klarmachen, was Sache war – und dass sie darauf gefasst sein musste, dass er ihr irgendwann möglicherweise keine Freundin, sondern einen Freund vorstellen würde. Und das würde er auch. Eines Tages und irgendwie, da würde er sie einweihen.
Aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen, musste er sich selbst erst darüber klarwerden, wie es weiterging, wie er seine Gefühle für Leonard besser kontrollieren konnte und nicht bei jedem noch so kleinen Gruß oder Blick von ihm wie Wachs zu zerschmelzen.
Oh Mann, dachte er seufzend und ließ sich noch einmal rückwärts in sein Kissen sinken. Diesmal hatte es ihn aber wirklich voll erwischt. Noch bei niemandem war es so gewesen wie jetzt, noch keiner hatte ihm mit einem einzigen, kleinen Lächeln den Atem rauben können wie Leonard.
Das Lächeln der Sterne nannte Konstantin es immer still und heimlich für sich, weil es genau das war, was er sah, wenn Leonards Blick dem seinen begegnete – ganz gleich, wie flüchtig es auch sein mochte. Seine Augen waren wirklich so schön wie Sterne, übten eine ganz besondere, geradezu hypnotische Anziehungskraft auf ihn aus, gegen die er mit keiner Waffe der Welt ankämpfen, geschweige denn, sich ihr verwehren konnte. Und seine gesamte Art, sein freundliches, zuvorkommendes Wesen unterstrich das noch zusätzlich und machte das Bild von Konstantins persönlichem Traummann rundherum perfekt.
Zwar hatte er mit Leonard bisher noch nicht wirklich viel gesprochen, mal abgesehen von ein paar geschäftlichen Belangen oder einem kleinen Small Talk hier und da an der Bar – aber das war im Grunde auch schon alles, was er an Kontakt zu dem heißen Geschäftsführer vorzuweisen hatte.
Doch für ihn hatte das definitiv ausgereicht, um sich Herz über Kopf in ihn zu verlieben. Um Gefühle auszulösen, die Konstantin so noch nicht gekannt hatte, die völlig neu, aufregend und besonders für ihn waren. Und so wenig er auch von ihm wusste, so sicher war er sich, dass er für einen einzigen, flüchtigen Moment mit seinem Angebeteten sogar eine Horde wilder Stiere bezwungen hätte, dass er für die Chance, ein einziges Mal ganz allein mit Leonard zu sein, völlig privat und ohne seinen Job oder den „Fürstenhof“ dabei im Hinterkopf zu haben, absolut jedes Hindernis in Kauf nehmen und überwinden wollte.
Aber dazu war es bis jetzt noch kein einziges Mal gekommen. Bisher hatten sich all ihre Gespräche lediglich um belanglose, allgemeine Themen gedreht – oder eben um rein geschäftliche Angelegenheiten. Und so gerne Konstantin auch wollte, fand er einfach nicht den Mut dazu, irgendetwas daran zu ändern, den attraktiven Geschäftsführer näher kennenzulernen und zumindest ein bisschen mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Das war wirklich die perfekte Basis für seine Fantasien und Wünschen.
Doch die würden sowieso immer unerfüllt bleiben. Leonard war sein Vorgesetzter, der Sohn des aktuellen Mehrheitseigners Friedrich Stahl – und damit war der Fall erledigt. Mehr als zusammen arbeiten würden sie nie, sich maximal an der Pianobar ein bisschen über dies und das unterhalten – aber das war dann auch schon das Höchste der Gefühle.
Und vielleicht war es ganz einfach sein Schicksal, von diesem tollen Mann zu träumen, vielleicht musste er durch das Labyrinth dieser unerfüllten Liebe durch, um am Ende wirklich glücklich zu sein und den Menschen zu finden, der wirklich zu ihm passte. Aber das war eine Frage, die alleine die Zeit beantworten konnte.
Vorerst, so beschloss Konstantin für sich, würde er einfach das Beste daraus machen und das nehmen, was er bekommen konnte. Selbst dann, wenn es nur eine kurze, geschäftliche Unterhaltung oder ein Small Talk an der Bar war. Denn das war schließlich immer noch wertvoller und schöner als gar nichts.
„Konstantino?“. Die Stimme von Doris riss ihn schließlich aus seinen Gedanken und holte ihn zurück in die Wirklichkeit, ließ ihn all seine Überlegungen von einem Moment zum anderen vergessen und sich auf das Wesentliche besinnen. „Konstantino, wie lange willst du noch schlafen? Es ist schon fast elf Uhr. Und denk daran, dass du in zwei Stunden einen Termin im Büro hast“.
Que porqueria!, dachte Konstantin leise für dich und ballte dabei wie automatisch seine Hand zur Faust. Was für ein Mist! In seinem ganzen Gedankenkreisen hatte er ja völlig vergessen, dass er mit Leonard und der stellvertretenden Geschäftsleitung abgemacht hatte, sich gemeinsam mit ihnen um die Organisation eines größeren Events zu kümmern und die passenden Cocktails und Getränke dafür auszusuchen.
Üblicherweise fiel das eigentlich in den Aufgabenbereich der Küche und damit in das Metier seines Halbbruders Robert, zu dem er mittlerweile ein wirklich gutes Verhältnis aufgebaut hatte. Aber da das Restaurant vollkommen überbucht war und das Personal mit den Bestellungen und Sonderwünschen der Gäste nicht mehr hinterherkam, hatte er zugesagt, ihm diese Aufgabe abzunehmen und sich um die Zusammenstellung einer passenden Auswahl zu kümmern. Und das wiederum bedeutete, dass er ein weiteres Mal mit Leonard zusammenarbeiten würde, dass eine weitere Begegnung mit ihm unausweichlich war und er sich wohl oder übel mit ihm auseinandersetzen musste. Na wunderbar!
Grummelig und unausgeschlafen murrte er schließlich eine Antwort an Doris zurück, bevor er sich aus dem Bett hievte und kurz verschnaufte, darüber rätselnd, ob er nicht einfach irgendwen anders fragen sollte, der sich statt ihm mit Leonard zusammensetzte. Denn dass ihn das ein weiteres Mal ins totale Gefühlsdurcheinander stürzen würde, war ihm bereits in diesem Augenblick klar.
Auf der anderen Seite wiederum war die Chance dazu, dem jungen Geschäftsführer ein bisschen nah zu sein so verlockend und sündhaft schön, dass Konstantin sie unbedingt nutzen und auf keinen Fall verstreichen lassen wollte. Denn wenn er schon nicht das von ihm bekommen durfte, was er sich so sehr wünschte, dann wollte er wenigstens das nehmen, was man ihm gab. Und wenn es nur ein routinemäßiges, belangloses Gespräch über Cocktails war.
Mit dieser Selbstmotivation im Hinterkopf raffte er sich schließlich auf und machte sich zurecht, überlegte unterdessen, vorher noch rasch bei seinem Halbbruder in der Küche vorbeizuschauen und bei der Gelegenheit vielleicht auch eine Kleinigkeit zu essen. Immerhin musste es doch ein paar Vorteile haben, wenn man mit dem Chefkoch verwandt war, oder?
Und danach würde er einfach versuchen, sich abzulenken, würde sich auf das Gespräch mit Leonard vorbereiten und das Beste daraus machen.
Besser als nichts, dachte er leise, während er in seine Klamotten schlüpfte und dabei wie automatisch wieder Leonards Bild vor Augen hatte. Besser als nichts.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast