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Mottenköpfe

von CThomas
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte, Historisch / P16 / Het
18.12.2020
15.12.2021
21
58.688
24
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92 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
18.12.2020 4.555
 
Vorbemerkung: Diese Idee spukt mir schon seit Jahrzehnten im Kopf herum, seit ich als gerade-eben-Teenager ein Buch gelesen habe, in dem es um eine Pflegehelferin in einem Sanatorium für Verletzte des 1. Weltkrieges ging, die sich in einen Soldaten (ich glaube, er hieß Andrew) verliebt, der schwerste Senfgas-Verletzungen hat. Ich habe das Buch etliche Male gelesen und kann mich trotzdem absolut nicht an den Titel oder den Autor erinnern (erschienen vermutlich Ende der 80er Jahre, vom Cover her Loewe-Verlag, zumindest in meiner Erinnerung. Wer eine Idee hat: Gerne PN schreiben! Ich habe mir schon die Finger wundgegoogelt und finde nichts).

Neue Nahrung bekam diese uralte Idee, als ich vor etlichen Jahren "Boardwalk Empire" sah, eine sehr großartige Serie, mit einem meiner liebsten Charaktere - Richard Harrow. Ihm ist meine Hauptfigur optisch grob nachempfunden, wer also die Serie nicht kennt und ein gutes Bild von Felix bekommen möchte, der googelt einfach und guckt sich die großartige Arbeit der Maskenbildner und Tricktechniker an, die geleistet wurde, wenn Richard Harrow seine Blechmaske abnimmt. Wer Interesse an den genannten Masken hat: Anna Coleman Ladd hat da Pionierarbeit geleistet, auf youtube kann man kurze Filme ansehen, die die Arbeit dieser großartigen Frau zeigen - und die unfassbar zerstörten Gesichter der Soldaten, denen sie eine solche Maske angefertigt hat. Bei vielen frage ich mich immer wieder, wie sie sich ernährt haben, denn ohne Ober- oder Unterkiefer und einer parenteralen Ernährung, die noch nicht wirklich erfunden war, grenzt das, in meinen Augen, bei einigen an ein kleines Wunder.

In dieser Geschichte wird wieder Ausgrenzung, Missbrauch und diesmal auch Suizid (am Rande) eine Rolle spielen. Ich habe wieder recherchiert und dabei erfahren, dass die Soldaten, die "gesichtsversehrt" waren, in Deutschland kaum das Haus verlassen konnten, weil sie tatsächlich Wut und Hohn ausgesetzt waren, fast gezielt gemobbt wurden. Ganz im Gegensatz zu englischen und französischen Gesichtsversehrten, die höchstes Ansehen in der Bevölkerung genossen. Bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrages waren sogar explizit fünf gesichtsversehrte (englische) Soldaten anwesend.

Ob es regelmäßige Updates geben wird und wie schnell die Geschichte voranschreitet, kann ich leider noch nicht sagen. Ich fange nächstes Jahr einen neuen Job an und arbeite ab dann auch wieder Vollzeit, und das bedeutet natürlich weniger Zeit für meine Geschichten und meine Leser. Ich tue aber, wie immer, mein Bestes.

Und ja, ich weiß, ich hab versprochen, den Totengräber weiterzuschreiben, aber da fehlte mir die Muse. Und das hier musste jetzt so dringend raus. Sorry. Es ist nicht vergessen!

Genug der ewigen Vorrede, jetzt geht's los.







Das Mittagsläuten der Herz-Jesu-Kirche war soeben verstummt, als sich Felix Wallenstätter zurücklehnte und sich müde die Schläfen rieb. Das Halbdunkel der Kellerwohnung wirkte durch das Novembergrau, das durch die kleinen, unter der Decke liegenden Fenster fiel, noch düsterer als sonst. Die Bewohner der Souterrains sahen vom Alltagsleben der Münchner nur die Füße, die an ihren Fenstern vorbeihasteten. Er erhob sich und trat an die Küchenzeile, überlegte, ob er die Tasse Milch, die sein Mittagessen darstellte, auf dem Kanonenofen erwärmen sollte. Er entschied sich dafür und überbrückte die Wartezeit mit einigen Runden um den Küchentisch, den Blick nachdenklich auf die dort gestapelten Dokumente gerichtet.
»Betrachte es anders, Wallenstätter. Welchen Nachteil hätte der Birkenbacher, wenn er nicht auf einer sofortigen Eröffnung beharren würde ...«, murmelte er und störte sich nicht an der undeutlichen Aussprache, die ein Grund dafür war, dass er nicht mehr als Rechtsanwalt arbeiten konnte.
Statt sich wie früher für seine eigenen Mandanten zu engagieren, nahm er jetzt recherchefaulen Kollegen die Detailarbeit ab. Der Lohn entsprach kaum mehr als einem Almosen und doch war es besser, als den ganzen Tag an die Wand zu starren und nichts zu tun. Das Kellerloch, das ihm seit fast zwei Jahren ein Zuhause war, kostete schließlich auch Geld und so schwierig es war, er musste essen und trinken. Felix nahm das kunstvoll um den Kopf gewickelte Handtuch ab, das feucht von seinem Speichel war und die Dokumente vor Tropfen schützte, und hängte es zum Trocknen an einen Haken. Dann band er sich den Latz um, mit dem er bei der Nahrungsaufnahme seine Kleider bedeckte und nahm die Tasse mit der warmen Milch vom Ofen. Felix kippte den Kopf nach rechts, nahm den Schnabel der Tasse in den Mund und trank langsam. Er wollte auf keinen Fall etwas verschütten, zu wertvoll war jeder Schluck. Nachdem er ausgetrunken hatte, nahm er den Latz ab und faltete ihn ordentlich zusammen. Eine ganze Woche benutzte er ihn schon, trotzdem war er noch sauber. Vielleicht konnte er bald ganz darauf verzichten, er wurde immer besser und geschickter, hatte offenbar eine funktionierende, kleckerfreie Technik gefunden. Fast ein kleines Wunder, nach mittlerweile drei Jahren. Er streckte sich, massierte sich den Nacken und wickelte ein trockenes Handtuch um die zerstörte Gesichtshälfte.
»Vielleicht«, sagte er in die Stille der Wohnung, »gibt es ein zweites, jüngeres Testament und der Birkenbacher weiß davon, weiß auch, was drinsteht. Und das ist noch weniger zu seinen Gunsten, als das, welches er jetzt so dringend eröffnet haben will.«
Felix runzelte die Stirn und beschloss, die Papiere des Verblichenen noch einmal durchzugehen und nach Hinweisen auf eine aktuellere Nachlassverfügung zu suchen. Dann konnte er sich dem zweiten Fall widmen, der deutlich spannender war, denn es ging um Raub, um Unzucht und Heiratsschwindel. Bei Einbruch der Dunkelheit wollte er dann zu einer Einkaufsrunde aufbrechen und die erworbenen Lebensmittel an seine Leidensgenossen verteilen.
»So wird's gemacht«, sagte er in die Stille der Wohnung und setzte sich zurück an den Küchentisch. »Los gehts.«

Fünf Stunden später verließ Felix sein Kellerquartier, die Ballonmütze auf dem Kopf, einen Schal bis über die Nase gewickelt. Die leere, linke Augenhöhle wurde von einer ledernen Augenklappe bedeckt. Das alles, unterstützt von der hereinbrechenden Dämmerung, führte dazu, dass er unbehelligt durch München laufen konnte, ohne hämische, böse oder angeekelte Kommentare zu hören. Niemand mochte an den verlorenen Krieg erinnert werden, an die Schmach und die Schande, an die Toten. Die Krüppel und die Kriegszitterer, die zurückgekehrt waren, erschienen den Menschen als wandelnde Mahnmale, insbesondere die, denen die Niederlage ins Gesicht gestanzt worden war. So wie bei Felix, der Auge, Ohr und Mundwinkel eingebüßt hatte, dessen linke Gesichtshälfte eine einzige Brandnarbe war. Einen Arm oder ein Bein konnte man auch bei einem Unfall verloren haben, doch das Ausmaß der Entstellungen, die Gas und Granaten in den Gesichtern der Soldaten angerichtet hatte, konnte kein tragisches Unglück erklären. Die meisten Betroffenen trauten sich nicht auf die Straße, aus Angst vor den Blicken, den Worten, dem Hass. So wie Leopold, Josias, Barthel und Moritz, die Felix mit Lebensmitteln versorgte, die er wie in dunklen Löchern hausten. Eine gute Dreiviertelstunde brauchte er bis zum Hof der Angerers in Laim, wo er alle paar Tage Eier und Milch kaufte. Die Bäuerin behandelte ihn immer freundlich und packte ihm manchmal ein Stück Brot, eine Karotte oder eine Flasche Apfelsaft dazu. Den Milch-und-Eier-Gang nach Laim nannte er das. An anderen Tagen erwarb er einen kleinen Sack Kartoffeln oder ein Brot in Pasing, Mehl, Haferflocken, Brühwürfel, Nährbier, ein paar Äpfel, was eben angeboten wurde und die Männer bezahlen konnten.
Es war bereits stockfinster, als er an der Tür des Bauernhauses in einer schmalen Seitenstraße klopfte.
»Grias di, Felix. Ich hab mir gedacht, dass du heut’ kommst«, sagte Agnes, als sie öffnete. »Wie immer?«
Er nickte und nahm die beiden leeren Milchflaschen, die er mitgebracht hatte, aus dem Rucksack.
»Ein Momenterl, gell?« Agnes nahm die Flaschen, drehte sich um und verschwand im Haus.

Nur zwei Minuten später war Felix wieder unterwegs, mit sechs Flaschen Milch, einem Dutzend Eier und drei winzigen, roten Rüben, die die Bäuerin dazu gepackt hatte. Die erste Station machte er bei Josias, der nicht weit entfernt wohnte, nur drei Straßen weiter. Der jüngste ihres kleinen Kreises war 22 Jahre alt und im Juli 1917 bei der Schlacht um Kalusz frontal in das Feuer eines Flammenwerfers geraten. Vom Scheitel bis zum Bauchnabel war die Haut verbrannt, ein Wunder, dass er überlebt hatte, wie bei ihnen allen. Felix nannte ihre Gemeinschaft im Stillen deswegen oft »die Wunden-Wunder«, weil sie alle so schwer verletzt worden waren, dass niemand in den Lazaretten auch nur einen Pfennig auf ihr Überleben gesetzt hätte.
Josias lebte in einem Dachgeschoss-Verschlag in einem der Arbeiterhäuser, im Sommer in brütender Hitze, im Winter bei eisiger Kälte. Seine Verbrennungen waren verheilt, hatten groteske Narben gebildet, die die Beweglichkeit seiner Arme und Schultern einschränkten und sein Gesicht zu einer furchterregenden Fratze verformt hatten. Alleine die leeren Augenhöhlen konnten eine zarte Seele zu Tode erschrecken. Felix versorgte ihn mit Lebensmitteln, leerte seinen Nachttopf aus, kochte ihm die eben erworbenen Eier, unterhielt sich eine Viertelstunde mit ihm und ging dann weiter zu Leopold, der, genau wie er selbst, in einer Kellerwohnung hauste. Er war der Älteste, 35 Jahre alt, und ebenfalls 1917 im Osten verwundet worden. Ein faustgroßes Loch, dort, wo andere Menschen Oberkiefer und Nase hatten, verunstaltete sein Gesicht. Das bedingte, dass er nur schlecht sprechen und essen konnte, Leopold ernährte sich hauptsächlich von flüssiger Kost, kauen war ohne die obere Zahnreihe und ohne Gaumen einfach nicht möglich. Auch bei ihm blieb Felix eine gute halbe Stunde und machte sich dann, durch die zunehmend leerer werdenden Straßen, auf den Weg zu Moritz, der im März 1917 Grünkreuz eingeatmet hatte, in der Schlacht bei St. Quentin. Er war derjenige, der äußerlich unverletzt war, seine Lunge jedoch war schwer geschädigt, sodass er ständig Atemnot hatte und mit Erstickungsängsten lebte. Die zwei Schritte von seinem Bett zur Tür des kleinen Raums brachten ihn so außer Atem, dass er hinterher minutenlang nach Luft japste. Eine Unterhaltung war immer erst nach ungefähr zehn Minuten möglich, wenn sich Moritz’ Atmung beruhigt hatte. Aus diesem Grund besaß Felix einen Schlüssel für das Zimmer seines Kameraden, damit der nicht aufstehen musste, um die Tür zu öffnen. Auch bei ihm leerte er den Nachttopf aus, stellte ihm eine Flasche Milch ans Bett und spülte dann noch das benutzte Geschirr, zwei Gläser, eine Schale, zwei Teller. Während er dem Freund die drei ihm zustehenden Eier kochte, berichtete er ihm von den Fällen, für die er die Recherche übernommen hatte. Moritz war Jurist, genau wie er, und tauschte sich liebend gerne über rechtliche Probleme aus. Nach einer knappen Stunde verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zu Barthel, dem letzten auf seiner Runde, der auf halbem Weg zu Felix’ Kellerwohnung in einem Schuppen auf einem schmalen Gartengrundstück wohnte. Im Sommer versorgte er seine Freunde mit ein wenig Obst und Gemüse. Jetzt gab es nur die ungeliebten Steckrüben, doch auch die waren besser als nichts. Der gelernte Gärtner war Mitte 20, und hatte bei der Schlacht am Argesch im Dezember 1916 mehr als die Hälfte des Unterkiefers eingebüßt, sodass auch er sich hauptsächlich flüssig ernähren musste. Ebenso wie Leopold fiel ihm das Sprechen schwer, durch den Verlust eines Teiles der Zunge lallte er stark und konnte einige Buchstaben nicht mehr bilden. Auch mit ihm sprach Felix eine halbe Stunde, sodass es bereits auf 23 Uhr zuging, als er die Tür zu seiner eigenen Wohnung hinter sich schloss. Die Versorgung der vier Freunde kostete ihn jede Woche viele Stunden, doch nachdem er sonst kaum etwas zu tun hatte, konnte er sich die Zeit nehmen.
Felix bereitete sich ein Abendessen zu, bestehend aus einer Schale Haferbrei, einem gekochten Ei und einer kalten, zerdrückten Kartoffel vom Vortag und räumte die Papiere vom Küchentisch. Er sah sich um und beschloss, dass am nächsten Tag ein Wohnungsputz fällig war. Es war der zweite in dieser Woche, doch morgen stand kein Einkauf an, und Felix musste sich mit irgendetwas beschäftigen, um nicht wahnsinnig zu werden. Wenn er sich langweilte, trieb es ihn häufig auf die Straße, wo er ziellos durch die Stadt spazierte, und die Menschen beobachtete. Insbesondere interessierten ihn diejenigen, die ein helles, offenes Heim hatten, Familien, die man aus einer dunklen Ecke heraus in der Küche oder der Wohnstube beobachten konnte. Das war falsch und irgendwie gruselig, doch wenn ihn Langeweile und Sehnsucht packten, kam er nicht dagegen an. Seinen eigenen Sohn hatte er zuletzt vor der Verwundung gesehen, vor knapp vier Jahren. Veronika hatte die Scheidung verlangt, bei ihrem zweiten Besuch in dem Sanatorium, in dem er das erste Jahr nach der Entlassung aus dem Lazarett verbracht hatte. Felix erinnerte sich lebhaft an diesen Tag, der durch und durch ebenso grausam wie demütigend gewesen war.
Sie hatte ihn nicht ansehen können, sich angeekelt abgewandt und ihn angefleht, nach dem Trennungsjahr der Scheidung zuzustimmen, auch zum Wohle der Kinder, denen es ohne Vater sicherlich besser ging als damit. Sie hatte auf sein Gesicht gezeigt und war in Tränen ausgebrochen.
Anton war damals drei Jahre alt gewesen, Elisabeth erst einen knappen Monat vor seiner Verwundung geboren worden. Bis zum heutigen Tag hatte er seine Tochter nicht kennengelernt, Veronika hatte sich geweigert, den Säugling ins Sanatorium oder zu den Scheidungsterminen mitzunehmen. Es schmerzte, der Verlust der Liebe, die Sehnsucht nach den Kindern. Vielleicht war das das Grausamste an seinem Schicksal und er entfloh seiner Hölle manchmal für ein paar Minuten, wenn er in aller Heimlichkeit andere Familien beobachtete.
Veronika hatte ein Jahr nach der Scheidung noch einmal geheiratet und war nach Nürnberg gezogen, sodass ausgeschlossen war, sich zufällig auf der Straße zu begegnen. Seine Kinder waren also fort und wuchsen in dem Glauben auf, ihr Vater hätte den Krieg nicht überlebt. Seine ehemalige Schwiegermutter hatte ihm zum letzten Weihnachtsfest eine Fotografie ihrer Enkel zukommen lassen, und er hoffte, auch in diesem Jahr ein Porträt der beiden zu erhalten. Er drehte den Kopf, sodass er das Bild auf dem schmalen Küchenbüfett sehen konnte, und verzog den Mund zu einem Lächeln.
Er nahm am Küchentisch Platz, band sich den Latz um und aß das karge Mahl mit Genuss. Die Bewegung an der frischen Luft machte hungrig und müde, genau das richtige, um in der Nacht gut zu schlafen.


»Guten Morgen«, sagte Georg und nahm am Küchentisch Platz. »Verdammt kalt draußen.«
Amrei nickte, murmelte einen Gruß und stellte die Kanne mit Getreidekaffee auf den Tisch.
»Ist Albin schon unterwegs?«, fragte Georg und nahm sich eine Scheibe Brot.
»Nein. Der Herr Wiesgartl schläft noch, glaub ich.«
»Schau an. Hat ja auch gesoffen wie ein Loch, gestern Abend«, antwortete er und grinste breit. »Was machst du heute?«
»Ich wollte ...«, Amrei räusperte sich und nahm allen Mut zusammen, um weitersprechen zu können. Sie richtete den Blick fest auf den leeren Teller vor sich und fuhr mit fester Stimme fort: »Ich wollte mich bei der Königlichen Lehrerinnen-Bildungsanstalt vorstellen. Dort sucht man eine ledige Frau, die Pförtner-, Hauswirtschafts- und Putzfrauendienste übernimmt. Könnten Sie mir wohl ein Zeugnis ausstellen, Herr Schafgruber? Bitte?«
Für einen Moment war es still, dann brach Georg in fast schon brüllendes Gelächter aus.
»Was ist denn hier los?«, fragte Albin Wiesgartl und betrat die Küche. »So eine ausgelassene Stimmung am frühen Morgen findet man heutzutage nicht oft. Ich will mitlachen, was ist passiert?«
»Unsere Magd möchte uns verlassen und fortan den feinen Frauenzimmern in der Lehrerinnen-Bildungsanstalt den Arsch hinterhertragen. Sie bat mich um ein Zeugnis.«
Amrei hielt den Kopf gesenkt und verfluchte den Tag, an dem ihr Vater sie bei Georgs Familie in Lohn und Brot gegeben hatte. Seit dem Tod der Eltern Schafgruber benahm sich der Junior wie ein Kaiser von Gottes Gnaden, hatte seinen besten Freund einziehen lassen und tat, wonach ihm der Sinn stand. Bis auf die Hühner hatte er alle Tiere verkauft und arbeitete, genau wie Albin, im Sägewerk an der Landsberger Straße. Amrei, die als Magd von Georgs Eltern angestellt worden war, hatte er als Haushälterin behalten. Das Sägewerk zahlte gut und der Schnaps, den die beiden Männer schwarz in der Scheune brannten, verkaufte sich wie warme Semmeln. An Geld mangelte es nicht, vor allem, weil man der Magd nur ein Taschengeld bezahlte und den Rest verspielte und versoff, wie Amrei oftmals bitter dachte.
»Ein Zeugnis? Sehr gerne. Lass mich kurz darüber nachdenken, was man dort hineinschreiben könnte«, erklärte Albin, schenkte sich Getreidekaffee ein und ließ sich auf den Stuhl fallen.
»Dumm und faul kommen mir da als Erstes in den Sinn«, sagte Georg.
»Vergiss nicht willig und mannstoll«, ergänzte Albin und grinste Amrei anzüglich an.
»Das stimmt nicht«, antwortete sie leise und schüttelte den Kopf. »Hören Sie auf damit. Ich bitte Sie um ein gerechtes Zeugnis, das sind Sie mir schuldig.«
»Wir sind dir gar nichts schuldig, Täubchen. Du hast Geld gestohlen, du bleibst hier, bis der Betrag abgearbeitet ist, und wie lange das dauert, hängt von deinem Einsatz ab.«
»Ich habe nichts gestohlen«, flüsterte Amrei und fühlte die Tränen kommen.
»Sicher. Also, was haben wir? Dumm, faul, willig, mannstoll, diebisch, lügt gewohnheitsmäßig. Die Leitung der Lehrerinnen-Bildungsanstalt wird sich vor Begeisterung kaum beruhigen können, meinst du nicht?«, sagte Georg feixend und Albin ergänzte: »Undankbar kannst du noch dazunehmen. Das Täubchen will uns verlassen, anstatt dankbar auf dem Boden herumzurutschen, weil wir ihren Diebstahl nicht gemeldet haben.«
»Ich habe nichts gestohlen«, wiederholte Amrei und wischte sich die Tränen ab.
Versoffen habt ihr das Geld, wollte sie am liebsten schreien, versoffen und verspielt. Doch sie wusste, das würde nur Prügel bedeuten, also hielt sie den Mund.
»Stur, rechthaberisch und verstockt«, sagte Georg und zuckte mit den Schultern. »Du bekommst dein Zeugnis heute Mittag.«
»Und die Quittung heute Abend«, ergänzte Albin und grinste böse. »Guten Appetit alle miteinander.«
»Guten!«, wünschte Georg und griff nach dem Marmeladenglas.

Am späten Nachmittag betrat Amrei die kleine Scheune, stellte die Stalllaterne auf den Boden und zog die Scheunentür ein Stück zu. Die Gelegenheit war günstig, Georg und Albin waren mit zwei Rucksäcken voller Schnapsflaschen losgezogen. Der Moser-Wirt hatte eine Großbestellung aufgegeben und so wie sie die beiden Männer kannte, würden sie das Abendessen beim Moser einnehmen und das eine oder andere Maß Bier hinterherkippen. Sie sah sich um. An einem Haken an der Wand hingen die alten Kälberstricke, ein paar Schritte davon entfernt stand die lange Leiter. Wenn sie es schaffte, einen Strick über einen Querbalken zu werfen und festzuzurren, dann konnte sie auf die Leiter steigen, sich auf den Balken setzen, die Schlinge um den Hals legen und ihr Elend beenden. Das Seil musste dazu ungefähr eineinhalb bis zwei Meter lang sein, schätzte sie und begann, die Kälberstricke zu sortieren. Amrei nahm sich das längste und stärkste der Seile, band ein Holzstück ans Ende und warf es nach oben. Beim dritten Versuch gelang es und sie lehnte die Leiter an den Balken, um das Seil oben fest zu verknoten.
»Dumm trifft es ganz gut«, murmelte sie. »Ich hätte ja auch gleich hochsteigen können, anstatt mich mit dem blöden Holzstück abzuplagen.«
Sie überprüfte die Länge des Seils, knüpfte einen Knoten und schlang es zur Sicherheit noch einmal über den Balken. Dann band sie eine Schlinge und legte sie sich probeweise um den Hals. So musste es gehen. Amrei sah nach oben, bekreuzigte sich, sprach ein Gebet und schloss die Augen.
Sie dachte an die neu gebaute, großzügige und moderne Lehrerinnen-Bildungsanstalt, zu der sie trotzdem gefahren war, einfach nur, um zu sehen, was ihr entging. Die Leiterin war freundlich und zuvorkommend gewesen, so als sei Amrei kein dummes Mädchen, das sich um eine Dienerstelle bewarb. Sie hatte ihr das Haus gezeigt, die winzige Dienstbotenwohnung unter dem Dach mit Blick auf die Isar. Es war wie ein wunderschöner Traum, doch die Leiterin hatte bedauernd den Kopf geschüttelt, als Amrei ihr erklärte, sie habe kein Zeugnis und würde auch keines bekommen. Ohne eine Beurteilung ihres jetzigen Dienstherren könne sie nicht eingestellt werden, sagte die Frau und sprach ein paar ermutigende Worte, bot sogar an, mit Georg zu reden. Doch Amrei wusste, dass das ein unkluger Schachzug wäre, einer, den sie bitterlich bereuen würde. Deswegen lehnte sie ab, verabschiedete sich und entschied sich auf dem Heimweg für den einzig verbleibenden, finalen Ausweg aus ihrer hoffnungslosen Situation.
Noch einmal atmete Amrei tief ein, ein letztes Mal. Bestimmt war es schlimm, doch es dauerte nicht lange. Bliebe sie, würde ihr Leid Jahrzehnte andauern. Georg hatte nach dem Frühstück erklärt, er ginge zur Polizei, sollte sie den Schafgruber-Hof verlassen, egal wohin. Man würde sie finden und einsperren, der Diebstahl, die Hurerei, das verschwundene Kind, das alles wog schwer und Zeugen gab es genug. Nichts davon entsprach der Wahrheit, doch Amrei wusste, dass sie alleine dastand, während die beiden Männer in ihrer unheiligen Allianz zusammenhielten. Die Menschen sahen nur das, was sie sehen wollten, und eine oberflächliche Betrachtung der Dinge warf wahrlich kein vorteilhaftes Licht auf die Magd des Schafgruber-Hofes.
Selbst der Weg in ihr Elternhaus war für immer versperrt. Die Familie Lohbichler hatte sie verstoßen, als sie zwei Jahre zuvor zum Weihnachtsbesuch mit einem Siebenmonatsbauch anreiste. Niemand wollte ihr zuhören, das Einzige, das zählte, war, dass sich ihre Tochter einem Mann hingegeben hatte, ohne verheiratet zu sein. Das war inakzeptabel und beschämend, weswegen man sie bereits zwei Stunden nach ihrer Ankunft des Hauses verwies und ihr verbot, jemals wiederzukommen.
Ihr kleines Mädchen war dann tot geboren worden, in einer kalten Februarnacht. Albin hatte es genommen und weggebracht. Offiziell hatte es das Kind, ihre süße Luise, nie gegeben, obwohl die ganze Straße von der Schwangerschaft gewusst hatte, doch niemand verlor ein Wort darüber. Vermutlich war es besser, dass die Stelle in der Lehrerinnen-Bildungsanstalt unerreichbar war, denn immer, wenn sie auf die Isar blickte, dachte sie an ihr totes Kind. Sie war sich sicher, dass Albin den kleinen Körper in den Fluss geworfen hatte.
»Ich bin bald bei dir, meine süße Luise«, flüsterte sie und wischte sich die Tränen von den Wangen, während die Angst vor dem Sprung ihr bereits jetzt die Luft nahm.


»Ich hab bloß noch Milch«, sagte Agnes vom Angerer-Hof, als Felix am Dienstag an ihre Tür klopfte. »Der Koch vom Goldenen Schwan hat alle Eier gekauft. Tut mir leid.«
»Macht nichts, manchmal hat man Pech und kommt zu spät«, antwortete er und packte die Milchflaschen ein.
»Probier’s doch mal beim Schafgruber-Hof. Die Amrei verkauft auch Eier, gleich um die Ecke.«
»Danke. Wo muss ich da hin?«
»Gehst da vorne in die Waldersteinstraße rein, dann die erste rechts. Ist das dritte Haus auf der linken Seite. Ist nicht weit.«
»Gut, dann bis Freitag, ja?«, sagte Felix, hob die Hand zum Gruß, schulterte den Rucksack und ging den Schafgruber-Hof suchen.
Wenige Minuten später drückte er das offenbar kaputte Hoftor auf und versuchte, sich zu orientieren. In der Scheune brannte ein kleines Licht, das Haus lag im Dunkeln. Felix ging auf das Nebengebäude zu und lauschte. Kein Hund, kein anderes Geräusch. Es war fast unheimlich still. Er betrat die Scheune durch das halb offen stehende Tor und blieb stehen, als er die Frau auf der Leiter sah. Dann nahm er die Schlinge wahr, die um ihren Hals lag, das Seil, das nach oben ins Dunkle führte, zu den Querbalken.
»Tun Sie das bitte nicht«, sagte er und bemühte sich um eine deutliche Aussprache.
Die Frau schrie erschrocken auf und klammerte sich an der Leiter fest.
»Nehmen Sie das Seil ab. Ganz langsam und vorsichtig. Kommen Sie, ich helfe Ihnen.« Er trat auf die Frau zu und streckte den rechten Arm nach oben.
Die Frau blickte über die Schulter nach unten. »Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«
»Mein Name ist Felix Wallenstätter. Ich wollte fragen, ob Sie mir ein Dutzend Eier verkaufen können, Frau Schafgruber. Die Frau Angerer hat mich zu Ihnen geschickt.«
»Es gibt keine Frau Schafgruber. Ich heiß’ Amrei Lohbichler. Ich bin nur die Magd.«
»Entschuldigung. Aber dann sind Sie ja genau die, die ich suche. Die Frau Angerer sagte, ich solle zur Amrei gehen. Bitte, nehmen Sie die Schlinge ab und kommen Sie herunter.«
Zögernd entfernte die Frau, die ungefähr Mitte zwanzig sein musste, das Seil von ihrem Hals und legte die Schlinge nach oben auf den Balken. Dann kletterte sie langsam von der Leiter, ohne seine immer noch angebotene Hand zu nehmen.
»Gott sei Dank«, murmelte Felix und atmete tief durch.
»Was ist mit Ihrem Auge?«, fragte sie, als sie vor ihm stand und das wenige, das man von seinem Gesicht erkennen konnte, musterte.
»Hab ich an der Westfront verloren.« Er drehte sich ein Stück, sodass sein Gesicht etwas mehr im Dunkeln lag, und fuhr fort, als wäre nichts gewesen: »Also, ich bräuchte ein Dutzend Eier. Frau Angerer war ausverkauft. Habe ich bei Ihnen mehr Glück?«
»Warum sprechen Sie so seltsam undeutlich?«, fragte Amrei und nahm die Laterne vom Boden auf, versuchte, ihm ins Gesicht zu leuchten.
»Tun Sie das nicht, Sie erschrecken sich bloß«, antwortete er, drehte ihr den Rücken zu und zog den Schal, der die untere Hälfte seines Gesichts verbarg, fester und ein Stückchen höher. »Ich rede so, weil mein Mund verletzt wurde. Die Lippen, die Wange. Warum wollten Sie sich erhängen?«
»Das geht Sie nichts an. Wie ist das passiert?«, erkundigte sich Amrei und ging auf das Scheunentor zu.
»Meine Geschichte gegen Ihre. Oder ein Dutzend Eier gegen 2,70 Mark. Wie Sie wollen«, antwortete er und folgte ihr über den Hof zum Haus.
»Ich hole die Eier, warten Sie hier.« Amrei öffnete die Haustür, schaltete das Licht über der Tür an, verschwand im Haus und kam eine Minute später wieder heraus, ein Körbchen mit Stroh in der Hand. »Drei Mark krieg ich, 30 Pfennig für das Körbchen. Die bekommen Sie zurück, wenn Sie es mir wiederbringen.«
»Einverstanden.« Felix zählte ihr drei Mark in die Hand und nahm ihr den Eierkorb ab.
Vor dem Tor waren Stimmen zu hören, gleich darauf betraten zwei Männer den Hof.
»Bitte sagen Sie nichts von der Scheune«, flüsterte Amrei. »Ich flehe Sie an, kein Wort!«
Er nickte und trat einen Schritt von ihr zurück.
»Guten Abend«, grüßte Felix an die Männer gewandt und fügte, für Amrei, ein »Auf Wiedersehen und vielen Dank« hinzu.
»Wer sind Sie denn?«, fragte der Größere der beiden und kam näher, versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Felix Wallenstätter. Ich habe ein Dutzend Eier erworben und wollte soeben wieder gehen. Frau Angerer hatte mir den Schafgruber-Hof empfohlen, weil sie ausverkauft war.«
»Ich bin der Schafgruber Georg, mir gehört der Hof. Kommen Sie mal ins Licht, ich guck mir die Leute, die meine Waren kaufen, gerne mal an.«
Felix trat einen Schritt vor und hob den Kopf.
»Das ist ein Mottenkopf, siehste das, Albin?«, sagte Georg und lachte abfällig. »Eine Kriegsfratze. Senfgas, hab ich recht? Deswegen redet der auch so komisch. Hat ihm vermutlich die Fresse verätzt, das Zeug.«
»Schäm dich, du hässlicher Hund, und verpiss dich!«, brüllte der Mann namens Albin. »Wegen Saubeuteln wie dir haben wir den verdammten Krieg verloren!«
»Servus«, murmelte Felix, schluckte angestrengt eine heftige Entgegnung hinunter, schlug einen Bogen um die Männer und trat durch das Hoftor auf die Straße.
»Hab ich dir nicht schon hundert Mal gesagt, dass wir die Eier lieber verkommen lassen, als an die Kriegskrüppel zu verkaufen, du dumme Pute?«, hörte er Albin brüllen, dann drang das Geräusch einer schallenden Backpfeife an sein Ohr.
Die Magd schrie auf, dann knallte die Haustür zu und es war still. Felix atmete tief durch und fragte sich, ob sich die junge Frau der beiden Männer wegen das Leben nehmen wollte. Andererseits zwang sie doch auch niemand, auf dem Schafgruber-Hof zu bleiben. Auf dem kurzen Weg zu Josias dachte er über die Begegnung mit der verzweifelten Frau nach und überlegte, ob es richtig gewesen war, ihrer Bitte zu folgen und zu den Männern nichts zu sagen. Was, wenn sie es wieder versuchte?
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