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Chloe schwebt

von Riley J
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Chloe Price Maxine "Max" Caulfield Rachel Amber
16.12.2020
16.12.2020
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16.12.2020 1.012
 
Chloe und Rachel schwebten.
Auf ihren Rücken auf einer improvisierten Matratze aus Kissen und Decken liegend und doch etliche Meter über der Erde, eingehüllt in einer vertraut duftenden Rauch, der alles um sie herum begab, wie eine Schicht, die sie vor allem in der Welt schützte. Hier drinnen, hier oben existierten nur sie beide und in einem ewigen Tanz, den sie tanzten, ohne je auch nur mehr als einen Muskel zu bewegen blickten sie sich tief in die Augen.
Es waren keine Worte nötig, Chloe und Rachel, sie hatten so etwas wie eine telepathische Verbindung, fand Chloe, wann auch immer sie high genug war, an solchen spirituellen Mist zu glauben (so wie jetzt). Sie brauchten gar keine Worte, um zu wissen, was die andere dachte. Und sowieso sagte Rachel‘s Hand in ihrer  -Rachel‘s warme, weiche Hand, als sie mit dem Daumen in rhythmischen Bewegungen über ihren Handrücken strich- so viel mehr als Worte es jemals konnten. Eine Strähne goldenen, blonden Haares fiel ihr ins Gesicht und Chloe strich es ihr wie in Trance hinters Ohr, eine Geste die sie mit so vielem Glück durchströmte, denn sie konnte es gar nicht fassen, dass dieser Engel auf Erden hier bei ihr war und, dass es ihr Engel war. Rachel‘s rosige Lippen bildeten ein Lächeln und dann brach sie in ein herzhaftes Lachen aus, welches in ihrer Seifenblase aus Sicherheit und Glück widerschallte. Chloe wusste nicht, was lustig war, aber gerade jetzt in diesem Moment machte sowieso nichts Sinn und sie lachte in Glückseligkeit, denn Rachel lachte mit ihr.

Zurückblickend konnte Chloe nicht sagen, ob es eine wahrhaftige Erinnerung war, oder etwas, das ihr Gehirn sich schlichtweg ausgedacht hatte, aber es war auch nicht weiter wichtig.






Denn Chloe schwebte.
Zehn Meter über der Erde, über dem Aushub im immer feuchten Boden, als hätte ihr astraler Körper sie verlassen und würde die Szene von einer außenstehenden Perspektive betrachten. Eine verharrte Vogelperspektive in der die Zeit langsamer ablief, sich zog, wie alter Kaugummi unter einem Tisch, den man abzuziehen versuchte. Die Zeit wollte sich verlangsamen und aufhören, nahm Chloe am Rande ihrer Sinne wahr, als ihr tauber Körper, eingehüllt in Schock, der sich warm wie Watte anfühlte, sich unter schweren Atemzügen hob und senkte.
(War das Max‘ Werk?)
Chloe fühlte die Wärme des anderen Mädchens neben sich, aber sie konnte es nicht über sich bringen, ihr auch nur einen Bruchteil ihrer Aufmerksamkeit entgegenzubringen, denn jeder ihrer in zeitloser Endlichkeit gefangenen Sinne war auf die Lücke in der Erde fixiert. An ein Loch, etwas, das fehlte.
Ja, das war es. Als sie mit quietschenden Reifen und dem Geruch von verbranntem Gummi und Adrenalin in den Venen hier angekommen war, hatte Chloe noch gedacht, sie würden etwas finden. Eine Person, eine Existenz. Doch was sie nun vor sich hatte, war nicht das, sondern die Abwesenheit jener. Was in dem Loch in der Erde lag, war nicht Rachel Amber, sondern der Verlust von Rachel Amber.
Und als hätte eben jene Realisation etwas in Chloe‘s Selbst ausgelöst schwebte sie nach unten, zog sich wie an einer Schnur zurück zu ihrem im fahlen Gras knienden Körper, und mit jedem Zentimeter gewann sie ein Stück ihrer Wahrnehmung zurück. Sie schwebte nicht mehr, nein, schmerzhaft wurde ihr bewusst, wie sich kleine Steine unter ihr in ihre Kniescheiben bohrten, und dass sie einen Nagel abgebrochen hatte, als sie in verzweifelter Hast durch Schotter und Schmutz gegraben hatte -mehr hoffend, dass sie nichts fand, als, dass sie es tat. Ihr schwer hievender Atem blieb ihr in der ausgetrockneten Kehle stecken und gleichzeitig stieg Galle in ihr hoch, so schnell, dass sie befürchtete, sie würde sich vorwärts über die zerknitterte, schwarze Plastikplane übergeben. Denn sie konnte Rachel Amber jetzt sehen.
Ihr Gesicht direkt über ihrem und ihre Augen in ihre schauend.
Ein paar ausgetrockneter mit verblasster, grünlicher Farbe durchzogene Augäpfel, die so direkt in ihre blickten, dass sie unwillkürlich der Gedanke durchzuckte, dass Rachel in ihrem letzten Augenblick in die Zukunft geblickt hätte und gewusst hätte, dass Chloe sie finden würde. Eine stille Frage mir derselben Antwort lag auf ihren versteinerten Gesichtszügen, den geöffneten Lippen. Alles der gleiche Kleister-weiße Farbton und die Art, wie sich die Haut über die Knochen spannte.
Verwesung war bereits lange über ihre Glieder gekrochen und doch hatte Chloe das Gefühl, sie würde nur schlafen, sie könnte blinzeln und sich jederzeit aufrichten und fragen "Chloe? Bist du es wirklich? Ich habe gewusst, du wirst mich finden!" Sie müsste nur ihre Hand ausstrecken-
Im Versuch eben jenes zu tun zitterten Chloes Finger so viel mehr als erwartet und als sie sich vorbeugte, das Gewicht verlagernd, um nicht selbst in die Grube zu fallen, die Fingerspitzen nur noch Zentimeter von Rachel‘s vorstehendem, weißem Wangenknochen entfernt war (war es der blanke Knochen?)-
Da stieg die Galle ihr in den Mund, so schnell, dass sie nur noch zurückspringen und ausspucken konnte. Immer und immer wieder. Die ätzende Säure war in ihrem Rachen, ihrem Mund, ihrer Nase, überall und Tränen brannten in ihren Augen.
Adrenalin pumpte jetzt in anderer Note wieder durch ihre Adern, ihr Gehirn verlangte nach Luft aber sie konnte nur spucken, was auch immer in ihrem Magen übrig war.
Eine Hand legte sich auf ihr Schulterblatt -Rachel?- und Max‘ Stimme -Max- sprach zu ihr. Aber sie konnte sie über ihr eigenes Würgen und dann ihr Rufen und Schluchzen und Schniefen nicht verstehen.
Denn Rachel schwebte. Rachel schwebte in ihrem Grab, über dunkler Erde wie dem Vakuum des Universums selbst. Und Rachel schwebte über den schwarzen Gewitterwolken, die sich weiter westlich zusammenbrauten und der kalten Luft die auf heiße traf. Über dem Wirbel, der sich Stunden später bildete und auf Wasser traf und der sich zu einem Hurricane bilden würde, wie Amerikas Küsten ihn noch nie vorher gesehen hatten und der alles verschlingen und zerstören würde.
Und Rachel würde Chloe von weit oben sehen, wie sie an einer Klippe hoch oben stand und durchnässt und trauernden zu ihr hochblicken würde und sie würde Kurs auf sie nehmen und sagen: "Komm, Chloe, schwebe mit mir"
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