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Die Melodie des Meeres

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Fantasy / P18 / Het
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
16.12.2020
24.11.2022
52
287.571
27
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
8 Reviews
 
25.12.2020 5.502
 
Kapitel 2
Von schwarzen Spiegeln und selbstlosen Helden
༄ ♫ ༄


„Ilaria, ihr habt doch bestimmt so etwas wie Karten, auf denen deine Heimat eingezeichnet ist, richtig?“
„Ja, ja, natürlich.“

Killian befindet sich hinter mir, er sitzt an dem unordentlichen Tisch an der Wand, während ich auf der Couch sitze und mir ansehe, was sich alles um mich herum befindet. An der Wand vor mir hängt ein großes, schwarzes Bild, an der unteren rechten Ecke leuchtet allerdings ein roter Punkt. Das Bild ist etwas seltsam, im Vergleich zu den anderen, die an Killians Wänden hängen, gerade weil es nicht bunt wie die anderen, sondern nur rein schwarz ist. Nun, bis auf diesen roten Punkt natürlich. Dennoch stellt sich mir eine Frage: Wieso sollte man ausgerechnet das langweiligste Bild gegenüber der Couch platzieren? Sonderbar.

Ich senke meinen Blick. Auf dem kleinen Tisch vor mir befinden sich einige Dinge, von denen ich nicht alle kenne. Nun, da der Mensch wach ist, kann er mir endlich erklären, was ich vor mir habe. Dass es sich bei einem der Gegenstände um ein Buch handelt, ist mir klar, auch das mit Wasser gefüllte Glas, das Killian für mich auf den Tisch gestellt hat, ist mir bekannt. Was es mit dem kleinen, schwarzen Spiegel auf sich hat, verstehe ich jedoch nicht. Die ebenfalls schwarze Flüssigkeit in einer durchsichtigen Flasche interessiert mich auch sehr. Das ist zwar noch nicht alles, was auf dem Tisch liegt, doch ich lege meinen Fokus erst einmal auf den ersten Gegenstand. Der schwarze Spiegel.

Ich sehe für einen Moment zu Killian, der gerade sehr beschäftigt wirkt, und widme mich dann dem schwarzen Spiegel, um ihn selbst zu studieren. Neugierig nehme ich den Gegenstand in die Hand und betrachte ihn. Der schwarze Spiegel ist rechteckig, ziemlich langweilig und schmucklos, außerdem hat er ungefähr dieselbe Größe wie meine Hand. Er sieht ungewöhnlich aus, so ganz ohne Verzierungen und Perlen. Das einzige, das halbwegs interessant aussieht, sind die Kreise auf der Rückseite. Abgesehen davon spiegle ich mich zwar in der schwarzen Oberfläche, doch besonders viel kann ich da nicht erkennen. In dem anderen Zimmer, dem Badezimmer, hat er einen richtigen Spiegel. Wozu braucht der Mensch dann den kleinen schwarzen Spiegel? Ob Menschen sich darin besser erkennen? Vielleicht sieht Killian etwas, das ich nicht sehen kann, weil ich kein Mensch bin.

Meine Gedanken, Vermutungen und Fragen überschlagen sich. Ich muss den Menschen darauf ansprechen, sonst werde ich wohl nie die Antworten, die ich suche, bekommen.

„Killian?“
„Ja?“, antwortet der Mensch mir.
„Darf ich dich etwas fragen?“
„Selbstverständlich.“

Ich drehe mich um und lehne meinen Oberkörper gegen die Rückenlehne der Couch. Lächelnd sehe ich zu dem Menschen und halte dabei den schwarzen Spiegel hoch. „Wieso habt ihr Menschen denn schwarze Spiegel? Darin kann man sich gar nicht gut erkennen. Das kommt mir nicht besonders effizient vor.“
Der Mensch ist erst etwas irritiert, doch dann lacht er, als er den Gegenstand in meiner Hand erblickt. „Pass damit bloß auf, das ist sehr wertvoll und zerbrechlich.“
„Oh, dann lege ich es besser gleich wieder zurück. Was ist das denn, Killian?“
„Gib mir einen Moment. Ich kann es dir gleich zeigen.“

Der Mensch legt etwas in eine Schublade und steht dann auf. Ich warte, bis er zu mir auf die Couch kommt und sich setzt. Vorsichtig reiche ich ihm den schwarzen Spiegel. Killian wirft mir lächelnd einen Blick zu, ehe er sich voll und ganz auf den schwarzen Spiegel konzentriert.
„Das ist ein Smartphone. ...ein Mittel zur Kommunikation und Wissensbeschaffung, wenn du so willst“, beginnt er mit seiner Erklärung.
„Das sieht aber nicht besonders schlau aus.“
„Pass auf. Damit kann man einiges anstellen.“

Das kleine Ding in seiner Hand fängt plötzlich an zu leuchten. Aufgeregt lehne ich mich gegen Killian, um einen genaueren Blick auf die Technik der Menschen werfen zu können. Killian hält den Gegenstand so, sodass ich ihn genauer betrachten kann. Auf diesem Smartphone erscheinen nun das Bild einer Frau und einige interessante Symbole, die ich noch nie gesehen habe.

„Wie hast du das gemacht? Das ist ja fast wie Magie“, frage ich aufgeregt nach.
Killian grinst mich stolz an, er richtet dieses Smartphone mit der dunklen Seite in meine Richtung. „Du siehst so hübsch aus, wenn du dich über etwas freust, Ilaria.“ Killians Kompliment trifft wieder genau mein Herz. Ich lächle ihn an. „Sieh mal.“
Ich staune, als er mir das Smartphone noch einmal zeigt.
„Oh! Das bin ja ich? Das ist ja aufregend, wie hast du das gemacht?“, frage ich nach, wobei ich Killian freudig ansehe.
„Das nennt sich Fotografie. Mit nur einem kleinen Knopf kann man einen Moment für immer digital speichern. Man kann nicht nur Fotos, also Bilder, sondern auch bewegte Bilder, sogenannte Filme, machen.“
Ich schmiege mich an Killians Arm, während ich die Fotografie von mir betrachte. „Deine Welt ist aufregend, Killian. Es gibt so vieles zu entdecken.“
„Apropos Welt… Ich hab dich doch vorhin auf die Karte angesprochen.“
Ich nicke. „Ja.“
Killian beugt sich nach vorne, worauf ich von ihm ablasse. Er legt den schwarzen Spiegel, das Smartphone, auf den Tisch und greift nach etwas, das wie ein dünnes Buch aussieht. Als er es aufschlägt, kommt jedoch noch ein größeres Smartphone zum Vorschein.
„Wieso brauchst du ein großes und ein kleines Smartphone?“, frage ich überrascht nach. Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet.
„Oh, das ist ein Tablet. Es kann im Prinzip dasselbe wie ein Smartphone, nur das es… größer ist. Wenn man sich Videos ansehen möchte oder etwas herzeigen möchte, ist ein großer Bildschirm immer praktisch.“
„Bildschirm“, wiederhole ich leise.
Killian gestikuliert auf das Tablet. „Die leuchtende Fläche ist der Bildschirm oder auch das Display.“ Ich nicke verstehend und sehe Killian dabei zu, wie er das Tablet benutzt. Mit flinken Fingern tippt er einige Male gegen die leuchtende Oberfläche. Er lehnt sich auf der Couch zurück und ich folge ihm sofort. Interessiert haftet mein Blick auf der leuchtenden Oberfläche, dabei lehne ich mich an Killians breite Schulter.

Es erscheint ein Bild, offensichtlich eine Landkarte. Killian deutet auf den Bildschirm. „Kommt dir da irgendetwas bekannt vor?“

Ich betrachte die eingezeichneten Länder auf der Karte sehr genau, doch ich erkenne nichts wieder. Selbst wenn die Karten, die ich von meiner Welt gesehen habe, bereits seit langem veraltet wären, hätten sie nichts mit dieser Karte gemein. Die Welt, die ich kenne, besteht aus einem großen Kontinent, umrandet von Meer und einigen kleinen Inselgruppen. Die Karte, die Killian mir zeigt, ist mir vollkommen unbekannt.

„Was ist das?“, frage ich ihn irritiert.
„Das ist die Karte unserer Welt, der Erde.“ Mit zwei Fingern vergrößert er einen Punkt auf der Karte. „Wir sind hier. Auf dem Kontinent Amerika, in den vereinigten Staaten von Amerika, im Bundesstaat Kalifornien, in der Stadt San Francisco.“
Fasziniert sehe ich auf Killians Finger, dann auf die sich vergrößernde Karte. „Oh, ist das Blaue das Meer?“, frage ich interessiert.
„Ja, das ist der Pazifische Ozean.“
„Dann sind wir vom Meer umgeben, wie schön. Wir könnten zusammen schwimmen gehen“, schlage ich glücklich vor. „Ich liebe das Wasser. Du musst mit mir zusammen schwimmen, Killian.“
„Ähm… Ich weiß nicht, ob das so klug ist.“
„Wieso nicht? Könnt ihr Menschen nicht schwimmen?“
Killian reibt sich über den Nacken. „Doch das schon.“ Er zögert, bevor er weiterspricht. „Aber hör mal. Ich habe recherchiert, weil ich wissen wollte, woher du kommst. In unserer Welt gibt es eigentlich keine magischen Wesen, verstehst du?“
„Keine magische Wesen“, wiederhole ich nachdenklich.
„Das Wetter war in den letzten Tagen ziemlich ruhig, kein starker Wellengang, keine Tsunamis und schon gar keine grünen Blitze. Es hätte noch irgendwie Sinn ergeben, wenn du bei einem Unwetter an Land gespült worden wärst und wir Menschen euer Reich noch nicht entdeckt hätten. Aber wenn dir jetzt nicht einmal die Weltkarte bekannt vorkommt, dann bin ich ziemlich sicher, dass du wortwörtlich aus einer anderen Welt stammst. Erinnerst du dich denn an gar nichts, das uns helfen könnte?“

Ich überlege still. Um meiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, schließe ich die Augen. Ich versuche mich in die Situation zurückzuversetzen. Um mich herum war das Meer. Ich weiß, dass ich zum Strand wollte. Normalerweise gehen wir nicht alleine an Land, wir sind immer in Gruppen unterwegs, doch ich wollte nicht warten…

Nachdenklich nehme ich etwas Abstand von Killian, sehe ihn allerdings an. „Ich erinnere mich daran, dass ich aufgetaucht bin. Das Licht war seltsam, aber das ist mir schon unter Wasser aufgefallen. Der Himmel sollte nicht dunkel sein, aber er war es trotzdem, aber nicht so, als würde es dämmern oder als wäre es Nacht, eben ganz anders. Die Luft hat sich auch nicht wie sonst angefühlt, irgendwie… heißer als gewöhnlich. Ich erinnere mich an einen Sturm, an die grünen Blitze und daran, dass die Vögel panisch Richtung Land geflogen sind.“ Ich lege eine Hand an meinen Kopf und senke meinen Blick. „Ich erinnere mich noch an eine große Welle, die plötzlich auf mich zukam. Ich wollte entkommen und bin untergetaucht, ich war allerdings nicht schnell genug…“ Mein Blick richtet sich wieder auf Killian, außerdem lasse ich meine Hand in meinen Schoß sinken. „Dann bin ich aufgewacht und du hast mich gefunden. Das ist alles, woran ich mich erinnere.“

Killian überlegt. „Well… Okay, in den meisten Filmen, Serien ober Büchern, in denen ein Wesen von einer Welt in die Welt der Menschen kommt, gibt es eine Möglichkeit, dieses Wesen zurück nach Hause zu schicken. Ein Zauber, der gewirkt werden muss, oder ein Gegner, der geschlagen werden muss. Wir finden heraus, was wir tun müssen und bringen dich wieder nach Hause.“
„Und du hilfst mir dabei?“, frage ich freudig.
„Jede Geschichte braucht ihren Helden“, antwortet Killian mit einem ziemlich frechen Grinsen. An seinen Wangen bilden sich Grübchen, doch noch auffälliger sind seine strahlenden Augen. Ich fasse es nicht, dass ein Mensch so etwas Nettes für mich tun möchte.
Ich lege meine Hand an Killians Oberschenkel und komme ihm etwas näher. „Du willst also mein Held sein und mich nach Hause bringen, ja?“ Das Grinsen verschwindet, der Mensch macht den Eindruck, als würde ich ihn mit meiner Frage in Verlegenheit bringen. Diesen Blick habe ich gestern schon bemerkt. Der Mensch nimmt ein wenig Abstand von mir, indem er sich zurücklehnt. Dennoch berühre ich ihn weiterhin. „Mache ich dich nervös, Mensch?“
Killian räuspert sich, seine Nervosität ist ihm klar und deutlich anzusehen, leugnen kann er sie jedenfalls nicht. „Ein wenig, um ehrlich zu sein.“
„Wieso? Ich tue dir nichts, versprochen.“
Killian schüttelt den Kopf. „Das ist es nicht, aber du bist eine schöne Frau, Ilaria. Ich… bin es nicht gewohnt, dass mir so schöne Frauen derart nah kommen.“
„Vielen Dank.“ Killians Kompliment bringt mich zum Lächeln. Er ist auf eine interessante und vollkommen neue Art charmant. Der Mensch gefällt mir immer besser.
„Weißt du, es ist mir ein wenig zu viel. Körperkontakt ist nicht immer angebracht, vor allem, wenn man sich nicht kennt.“ Killian deutet auf meine Hand, die immer noch auf seinem Oberschenkel ruht. Ich nehme sie gleich weg, rutsche jedoch wieder ein Stück auf ihn zu, um ihn noch genauer zu betrachten.
„Entschuldige, vielleicht bin ich ein klein wenig zu neugierig, aber ihr Menschen seid faszinierende Wesen. Du gefällst mir, Killian.“

Ich sehe Killian in die Augen. Dass Menschen eine bunte Iris haben, ist äußerst interessant. Für mein Volk ist es üblich, dunkelgraue, beinahe schwarze Augen zu haben. Bei uns gibt es keine farblichen Unterschiede. Es ist schwer, sich an etwas so Außergewöhnlichem satt zu sehen. Dieses Blau in Killians Augen erinnert mich an eiskaltes Wasser, an das Meer, nach dem ich mich bereits jetzt wieder sehne.

„Ich würde mich gerne dafür erkenntlich zeigen, dass du mich bei dir aufgenommen hast, Mensch.“ Wieder rücke ich ein wenig nach, soweit, bis sich unsere Oberschenkel berühren. Killian meidet meinen Blick. Als ich meine Hand hebe, um sein Gesicht wieder zu mir zu drehen, fängt er sie ab.
„Ich-ähm-das ist nicht nötig.“ Killian räuspert sich. „Und schon gar nicht auf diese Weise, okay? Ich habe dich nicht mitgenommen, um deine Situation auszunutzen, sondern weil da draußen ziemlich viele Verrückte herumlaufen und ich nicht wollte, dass dir etwas passiert. Ich wollte dir nur helfen, so wie ich dir weiterhin helfen möchte. Ich will keine Gegenleistung dafür.“

Der Mensch lässt meine Hand los, außerdem steht er auf und nimmt Abstand von mir und der Couch. Er geht zurück in die Küche. Ich sehe ihm nach, dafür klettere ich über die Couch und stütze meine Arme gleich wieder an der Lehne ab. Mein Blick bleibt auf den Bogen gerichtet, während Killian die Küche betritt und somit aus meinem Blickfeld verschwindet. Meinen Kopf lege ich an meiner Hand ab. Mir ist zwar nicht ganz klar, was Killian mir sagen wollte, da er die Worte so seltsam betont hat, doch fürs Erste nehme ich hin, dass er nicht möchte, dass ich mich bedanke.

„Erschreck dich nicht, ich mache mir einen Kaffee“, warnt Killian mich freundlicherweise vor, worauf ich nur nicke. Er kann das Nicken zwar nicht sehen, aber bei dieser Information geht es ohnehin nur darum, dass ich vorgewarnt bin. Als das quietschende Geräusch erklingt, verziehe ich dennoch das Gesicht. Menschentechnik ist so unnötig laut…

Ich widme meine Aufmerksamkeit schnell wieder dem Tisch, der vor der Couch steht. Natürlich ist mir nicht entgangen, dass der Mensch sich viel wohler in meiner Nähe fühlt, wenn er mir etwas erklären kann, doch genau das spielt mir in die Hände. Es gibt unendlich viele Dinge, die ich ihn fragen möchte. Mit den Dingen, die auf dem Tisch liegen, würde ich gerne weitermachen. Das Tablet und das Smartphone sind mir nun bekannt. Was sich in der Flasche befindet, habe ich immer noch nicht gefragt.

Ich greife danach und hebe sie an. Sie ist leichter, als ich erwartet habe. Das Material ist so ähnlich, wie die Gefäße in dem Badezimmer, dem Raum, in dem die Wanne steht. Um die Flasche ist ein dünnes, aber breites, rotes Band gewickelt, über das ich nun streiche. Es fühlt sich glatt an, die Schrift kann ich nicht lesen, doch es scheint einiges auf dem Band aufgeschrieben zu stehen. Die meisten der Worte sind winzig klein geschrieben.

„Oh, entschuldige, bist du durstig?“
Ich sehe auf, als Killian mich anspricht. „Nein“, antworte ich und deute auf mein halbvolles Glas. „Ich war nur neugierig. Was ist das? Schwarze Flüssigkeit ist für gewöhnlich verschmutzt. Aber du trinkst auch diesen Kaffee, der ist auch schwarz. Ist das üblich? Trinkt ihr Menschen gerne schwarze Getränke?“
„Wow“, antwortet Killian, dann lacht er. Er stellt seinen Kaffee ab und nimmt wieder Platz. Ich versuche, die Flasche zu öffnen, doch so einen Verschluss habe ich noch nie gesehen, also weiß ich nicht recht, wie ich ihn handhaben soll. „Lass mich dir helfen.“ Killian nimmt mir die Flasche ab und öffnet den Verschluss, indem er ihn dreht.
„Oh, ein Drehmechanismus“, stelle ich überrascht fest und nehme Killian gleich den kleinen, roten Verschluss ab. „Wie spannend.“ Ich schnuppere nur kurz an der Flüssigkeit, doch dann bin ich vollkommen von dem Verschluss der Flasche fasziniert. Ich lege den Verschluss auf die Flasche und teste das Öffnen und Schließen einige Male.
Der Mensch schnaubt amüsiert, als ich mich mit der Flasche beschäftige. „Das nennt sich Schraubverschluss. Dreh den Deckel mal um und sieh dir das Innere und den Hals der Flasche an.“ Killian deutet auf die Öffnung, an der sich einige Rillen befinden. „Das Gewinde und die Dichtung im Deckel machen es möglich, dass die verschlossene Flasche nicht ausläuft, wenn sie umfällt.“
„Faszinierend“, antworte ich erstaunt. „Ich liebe die Welt der Menschen, ihr besitzt so viele tolle Dinge.“
Killian schüttelt belustigt den Kopf. „Zu deiner anderen Frage: Bei uns Menschen gibt es viele Getränke in verschiedenen Farben und mit verschiedenen Geschmacksrichtungen. Außerdem schmecken nicht alle schwarzen Getränke gleich, genauso wie nicht alle gelben Getränke gleich schmecken.“
Mit einem Lächeln sehe ich Killian an. Es gibt also noch viel mehr zu entdecken, als ich ursprünglich vermutet habe. „Darf ich das hier kosten?“ Ich hebe die Flasche an.
„Selbstredend. Warte einen Moment, ich bringe dir ein Glas.“

Geduldig warte ich, bis der Mensch wieder zurückkommt. In der Zwischenzeit tippe ich rhythmisch mit meinen Fingern gegen die Flasche. Killian legt ein Stück hartes Papier auf den Tisch, darauf stellt er dann das Glas. Das hat er bei dem anderen Glas und auch bei seinem Kaffee schon gemacht. „Was ist das?“, frage ich nach und zeige auf das harte Papier.
„Das ist ein Untersetzer. Damit verhindert man, dass das Glas, sollte es nass werden, Abdrücke auf dem Tisch hinterlässt. Außerdem kann man das Zerkratzen der Tischplatte verhindern“, erklärt Killian mit einem Lächeln. „Es ist bemerkenswert, wie sehr du dich für Kleinigkeiten begeistern kannst. Das sieht man nicht besonders oft.“ Der Mensch nimmt mir die Flasche ab und füllt ein wenig der schwarzen Flüssigkeit in das Glas. „Oh, ich sollte dich vorwarnen. In Coke-“ Er deutet auf das Getränk. „-befindet sich Kohlensäure.“ Gespannt sehe ich auf das Glas. An der Oberfläche des Getränks hat sich Schaum gebildet, der nach und nach wieder verschwindet. „Du trinkst sozusagen eine Flüssigkeit, in der sich Gas befindet, das kleine Blasen bildet. Es ist ungefährlich, könnte sich aber etwas seltsam und ungewohnt anfühlen, wenn du es zu dir nimmst.“
Ich nicke. „Und wie schmeckt das?“
„Das gilt es herauszufinden“, antwortet Killian mit einem Zwinkern.

Etwas skeptisch, aber zu neugierig, um mich verschrecken zu lassen, hebe ich das Glas an. Ich rieche noch einmal an der Flüssigkeit und nehme einen Schluck. Bereits in meinem Mund spüre ich, dass sich das Getränk sich zu bewegen scheint, außerdem schmeckt es süß, ganz anders als ich erwartet hätte. Als ich hinuntergeschluckt habe, schmatze ich.

„Interessant“, fasse ich meine Eindrücke in einem einzigen Wort zusammen.
„Im guten oder im schlechten Sinne?“
„Ich weiß es nicht, aber ich mag, dass es süß schmeckt“, antworte ich und stelle das nun leere Glas zurück auf diesen Untersetzer, den Killian auf den Tisch gelegt hat. Meine nächste Frage brennt mir bereits, ähnlich wie die Kohlensäure, auf der Zunge. Ich deute auf ein seltsames, glänzendes Ding, das ein wenig wie die weichen Kissen auf Killians Couch aussieht. „Was ist das?“
„Oh das? Eine Chipstüte. Da sind Chips drinnen. Die kann man essen, so als Snack. Die schmecken salzig und etwas würzig.“
„Ich dachte, ihr Menschen bewahrt euer Essen in der Küche auf?“, frage ich nach und greife bereits nach der Chipstüte.
„Im Normalfall schon, aber das ist keine fixe Regel, man kann sein Essen natürlich überall liegen lassen.“ Als ich die Tüte berühre, gibt sie ein meiner Meinung nach unangenehmes und viel zu lautes Knistern von sich. Ich ziehe meine Hand wieder weg. „Alles okay?“, erkundigt sich Killian sofort bei mir.
„Das Geräusch ist mir unangenehm.“

Ich fixiere die Chipstüte. Mich interessiert der Inhalt sehr, auch wenn es heißt, mich mit diesem Geräusch konfrontieren zu müssen. Im Augenwinkel sehe ich, dass Killian mich mustert, also drehe ich mich zu ihm. „Deine Ohren sind wohl ganz schön empfindlich.“
„Ich bin die Geräusche der Menschenwelt noch nicht so gewohnt, das legt sich bestimmt noch“, erkläre ich optimistisch.
„Darf ich mir deine Ohren mal ansehen? Nur so aus Neugierde. Sorry, falls das eine blöde Frage ist.“ Killian kratzt sich am Hinterkopf. „Es interessiert mich einfach.“ Anstatt Killian eine Antwort zu geben, hebe ich meine Zöpfe und zeige ihm mein rechtes Ohr. „Sieht ziemlich menschlich aus.“
„Was hast du erwartet?“, frage ich nach, schmunzle dann.
Killian lacht. „Ich habe keine Ahnung, aber weil sie so versteckt liegen, war ich doch etwas neugierig. Je nachdem, welchen Geschichten und Bildern man Glauben schenken will, seid ihr ja anders beschrieben.“
Diese Antwort überrascht mich. „Ihr Menschen kennt unser Volk also?“
„Naja… Kennen. Bei uns seid ihr eher… Wie drücke ich das jetzt aus, ohne dich zu beleidigen? Ihr kommt in verschiedenen Geschichten, Sagen und Märchen vor. Wir haben uns eure Existenz sozusagen ausgedacht. Wenn ich jetzt meinen Bekannten erzählen würde, dass eine Meerjungfrau auf meiner Couch sitzt, würde mir niemand glauben.“
„Hm, ich verstehe.“
„Ich schätze, dass es sogar besser wäre, wenn niemand weiß, dass du hier bist.“
„Warum?“, frage ich nach, worauf Killian etwas das Gesicht verzieht. Er legt seine Stirn in Falten.
„Wenn Menschen etwas nicht verstehen, dann reagieren sie oft nicht besonders nett. Ich will dir keine Angst vor der Menschheit machen, Ilaria, aber manchmal sind Menschen schon sehr grausam.“
„Oh…“ Ich zögere, bevor ich meinen Satz fortführe: „Denkst du, dass mir ein anderer Mensch etwas antun würde?“
„Naja, du bist offenbar sehr vertrauensselig und naiv. Wer weiß, was dir passiert wäre, wenn ein anderer dich gefunden hätte.“ Killians Mimik verrät mir, dass er sich ernsthafte Sorgen um mich macht. „Wie gesagt: Es gibt grausame Menschen da draußen. Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe. Bei mir bist du sicher. Ich verspreche, dass ich auf dich aufpasse, bis wir herausfinden, wie du wieder nach Hause kommst.“
Ich lehne mich seitlich an die Rückenlehne und lächle Killian an. „Ich fühle mich auch sicher, wenn du hier bist. Mir war ein klein wenig langweilig, als du so lange geschlafen hast.“
„Menschliche Eigenschaft, die ich leider nicht ablegen kann“, antwortet Killian lachend. „Schlaf ist notwendig, sonst dreht man irgendwann durch.“

Ohne dass Killian es berührt, leuchtet das Display seines Smartphones auf, wodurch es sofort meinen Blick auf sich zieht. Sekunden später ertönt außerdem Musik, die immer lauter zu werden scheint. Ich schrecke hoch und zeige sofort darauf. „Killian, es leuchtet und es macht Musik.“
Der Mensch greift nach dem Smartphone und blickt auf das Display. „Ja, das wird öfter passieren.“ Die Musik verstummt. „Ich habe dir ja erklärt, dass man das Smartphone zur Kommunikation verwendet. Wenn mich jemand anruft, also mit mir sprechen möchte oder mir eine Nachricht zukommen lässt, dann leuchtet das Display, um mir zu zeigen, dass sich jemand bei mir meldet. Verstehst du?“
Ich nicke. „Ich verstehe. Das ist echt sehr ausgeklügelt. Ihr Menschen seid so schlaue Wesen.“
„Danke.“ Killian lacht. „Aber bei dir klingt das immer so, als würdest du ein Tier loben, das gerade einen Trick gelernt hat.“ Der Mensch sieht wieder auf das Display. „Da muss ich rangehen. Bin gleich wieder bei dir.“

Killian verlässt den Raum und lässt mich alleine zurück. Ich sehe ihm nach und blicke für einen Moment auf die Tür, hinter der der Mensch verschwindet. Es ist die Tür, die in das Zimmer führt, in dem ich mich ausgeruht habe.

Nun bin ich alleine im Wohnzimmer. Meine Neugierde ist immer noch nicht erloschen, also widme ich mich ein weiteres Mal der Chipstüte. Vorsichtig und langsam greife ich wieder danach, dieses Mal bin ich allerdings ganz vorsichtig. Die Chipstüte ist an einer Seite geöffnet und zusammengerollt, wie ich feststelle. Ich bewege mich langsam, um die Tüte nicht wieder zum Knistern zu bringen, ganz gelingt es mir jedoch nicht, das Knistern zu vermeiden. Äußerst vorsichtig greife ich hinein und ziehe etwas heraus. Neugierig betrachte ich das flache, nicht ganz runde Ding. Chips. Der Grundton scheint gelb zu sein, allerdings ist wohl eine hellgrüne Schicht aufgetragen. Da Killian mir schon gesagt hat, dass man das essen kann, stecke ich es in den Mund und beginne zu kauen. Für die geringe Größe ist dieses Nahrungsmittel erstaunlich hart. Ich kneife etwas die Augen zusammen, der Geschmack sagt mir nicht zu, ganz im Gegenteil, Chips schmecken furchtbar. Ich verziehe mein Gesicht und spucke alles, was ich im Mund habe, in meine Handfläche.

„Au, das tut ja richtig weh“, beschwere ich mich leidend. Mit meiner sauberen Hand greife ich nach meinem Glas Wasser und trinke es aus, in der Hoffnung, den brennenden Schmerz lindern zu können. Mir laufen Tränen die Wangen hinunter. Mein Mund und mein Hals fühlen sich an, als würde ich innerlich verbrennen, doch das Wasser lindert diesen Schmerz nicht im Geringsten.

Als der Mensch wieder in den Raum kommt, blicke ich hilfesuchend zu ihm. „Killian, das brennt.“
Der Mensch sieht mich erschrocken an. „Oh, fuck. Hast du alles ausgespuckt?“
„Ja…“
„Entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass dir das zu scharf sein könnte.“ Besorgt kommt Killian auf mich zu, er legt eine Hand an meine Schulter.
„Es tut so weh…“
„Keine Panik, ich hab schon eine Lösung dafür.“

Der Mensch hilft mir hoch, er bringt mich in die Küche, in der ich mir die Hände waschen kann, außerdem bekomme ich ein Tuch, mit dem ich meine Tränen trocknen kann. Die Anweisung, jetzt kein Wasser zu trinken, ist schwer umzusetzen, mein Mund und mein Hals fühlen sich nach wie vor an, als würde ein Feuer in mir lodern. Solche Schmerzen habe ich noch nie in meinem Leben gespürt.

„Hier, trink das.“ Killian reicht mir ein Glas mit weißer Flüssigkeit.
„Was ist das?“
„Milch. Trink, das hilft gegen die Schmerzen.“ Ich nicke und tue, was der Mensch mir aufträgt. Das weiße Getränk fühlt sich etwas weicher als Wasser an, der Geschmack ist mild und meine Schmerzen werden tatsächlich gelindert. Als es mir wieder etwas besser geht, wasche ich mir mein Gesicht und trockne mich ab. „Jetzt wissen wir wenigstens, dass du kein scharfes Essen magst…“

Ich bin alles andere als begeistert, diese Erkenntnis hätte ich mir zu gerne erspart. Meine Lippen brennen immer noch etwas. Ich lege eine Hand über meinen Mund, den anderen Arm schlinge ich um meinen Bauch. Dass Killian diese Chips tatsächlich essen kann, ohne Schmerzen zu verspüren, stimmt mich nachdenklich. Menschen scheinen ganz schön robust zu sein. Sie sind zumindest robuster als ich es bin.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigt sich Killian nach meinem Wohlbefinden. Ich nicke. Der Mensch hebt zögerlich seine Hand und streichelt über meinen Oberarm. „Bist du dir sicher? Hast du noch Schmerzen?“
„Es ist schon besser, danke“, murmle ich in meine Handfläche.
„Willst du noch etwas Milch haben?“
Ich schüttle den Kopf und lasse meine Hand sinken. „Komm, wir setzen uns wieder, ich muss dir nämlich etwas erzählen“, bittet Killian mich.
„Was denn?“, frage ich, wobei er mich schon zurück zur Couch manövriert.

Wir kommen wieder im Wohnzimmer an und setzen uns auf die Couch. Kaum sitzt Killian, lässt er schon einen tiefen Seufzer los. „Ich weiß nicht recht, wo und wie ich anfangen soll, aber ich muss heute Abend weggehen und ich fürchte, dass ich dich da nicht mitnehmen kann.“
„Wohin gehst du?“, frage ich interessiert nach.
„Arbeiten.“
„Und wann kommst du zurück?“
„Irgendwann nachts, beziehungsweise morgens.“ Killian sieht mich eindringlich an.

Der direkte Augenkontakt gefällt mir sehr gut. Der Mensch bekommt sofort meine volle Aufmerksamkeit, als er mich so ansieht. In meinem Volk ist es üblich, sich durch direkten Augenkontakt kennenzulernen und eine Bindung zueinander aufzubauen. Ich richte mich auf und sehe den Menschen lächelnd an. Seine eisblauen Augen faszinieren mich nach wie vor, ich fixiere sie regelrecht. Es ist schwer, sich daran sattzusehen. Sie sind so anders als alle Augen, die ich jemals erblicken durfte.

Mit ruhiger Stimme erklärt Killian: „Ich kann dich wie gesagt nicht mitnehmen, das heißt, dass du ganz alleine hier bleiben musst, bis ich wieder zu Hause bin.“
„Aber wieso kann ich denn nicht mitgehen?“, frage ich etwas beleidigt nach.
„Dir würde es überhaupt nicht gefallen. Es ist sehr laut, es ist heiß, es ist stickig und ich kann beim besten Willen nicht auf dich aufpassen. Es geht nicht. Ich kann dich auch unmöglich an der Bar sitzen lassen. Kaum auszudenken, wer dich da anquatschen könnte…“
„Aber…“
Killian nimmt meine Hand. „Du musst mir in diesem Punkt vertrauen, okay? Du kennst die Menschen und unsere Welt noch nicht, du würdest auffallen. Ich will dich nur beschützen, Ilaria.“
„Das heißt, dass du mich wie eine Gefangene hier einsperrst, während du weggehst…“
Killians Augen weiten sich, sein Blick wird schnell wieder sanfter, dennoch legt er seine Stirn wieder einmal in Falten. „Ja, aber nein. Ich verspreche dir, dass ich mir für alles eine Lösung einfallen lasse, aber der Zeitpunkt ist noch nicht passend. Du hast beispielsweise gar keine Kleidung und ohne Schuhe kann ich dich draußen auch nicht herumlaufen lassen. Es ist auch nur für ein paar Stunden. Nach meinem Gig komme ich so schnell wie möglich nach Hause.“
Ich nicke, werde aber sehr nachdenklich. „Ich… Ich darf aber wieder raus, richtig? Du hältst mich hier nicht wirklich gefangen, oder Killian?“
Der Mensch lässt einen weiteren Seufzer los. „Ich fühl mich so mies. Glaub mir, ich will dich nicht einsperren, aber wir brauchen einen Plan, bevor ich dich mit nach draußen nehme. Auch wenn du fast menschlich aussiehst, gibt es da ein paar Dinge, die anderen Menschen sofort auffallen.“
„Ach ja?“
Killian hebt unsere Hände, seine Augen richten sich ebenfalls darauf, ich tue es ihm gleich. „Sieh mal, wie blass deine Haut ist, eigentlich ziemlich gräulich, fast schon blau. Für einen Menschen wäre das eine sehr ungesunde Farbe.“ Killian sieht wieder in mein Gesicht. „Und deine Augen sind auch anders als meine. Versteh mich nicht falsch, du bist wunderschön, Ilaria, aber eben kein Mensch und das sieht man dir an.“ Ein wenig traurig macht mich das schon, doch Killian drückt aufmunternd meine Hand. „Hey, lächle wieder. Es gibt keinen Grund, traurig zu sein, okay? Ich weiß schon, was wir tun können, um dich ein wenig an meine Welt anzupassen.“
„Was denn?“, frage ich zögerlich nach.
„Wir besorgen dir erst einmal Kleidung, die eine Frau tragen würde und Schuhe. Mit einer Sonnenbrille kannst du deine Augen schützen, das ist bei dem Wetter ohnehin angebracht.“
„Wie du meinst.“

Killian lässt meine Hand los und greift nach seinem Tablet. Er macht es sich bequem und hebt seinen Arm. Ich deute diese Geste wohl richtig, denn als ich mich neben ihn setze, legt er seinen Arm um mich und streichelt meine Schulter.

„Mein Budget ist zwar nicht besonders groß, aber wir werden bestimmt trotzdem etwas finden. Das Internet macht es möglich.“
Ich habe keine Ahnung, wovon der Mensch spricht, also stelle ich gleich eine weitere Frage: „Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?“
„Oh, natürlich, entschuldige. Im Internet kann man sich unendlich viele Dinge ansehen. Wenn sie einem gefallen und man sie brauchen kann, dann kauft man sie und die Sachen werden einem zugeschickt. Du erinnerst dich bestimmt noch an das laute Geräusch an meiner Tür, vor dem du dich so erschreckt hast.“
„Mhm.“ Bei der Erinnerung verziehe ich sofort meine Lippen. „Wie könnte ich das vergessen? Das war grauenvoll.“
„Das war ein Mann, der mir die Sachen gebracht hat, die ich mir im Internet ausgesucht habe.“
„Oh, verstehe. Wie ein Markt nur… anders.“
Killian nickt. „Ganz genau.“ Ich lehne mich etwas an den Menschen, um auf den Bildschirm sehen zu können. Killian lässt seine Hand an meiner Schulter ruhen. „Das sind heute schon ziemlich viele Informationen gewesen, was?“
„Ja, aber das macht mir nichts aus. Eure Welt ist so faszinierend, wie sie kompliziert ist.“
„Vielleicht sollten wir nachher trotzdem eine Pause einlegen. Du solltest dich ausruhen und das alles erst einmal verarbeiten. Du kannst dich auch wieder in die Badewanne legen, wenn du das möchtest.“ Ich richte meinen Blick wieder in das Gesicht des Menschen. Killian zieht einen Mundwinkel hoch. „Wie lange hältst du es denn ohne Wasser aus?“
„Wochen, Monate… So genau weiß ich es nicht, aber je länger ich mich dem Wasser fernhalte, desto dringender ist das Verlangen danach. Bis jetzt war ich noch nie so lange an Land, dass ich mich dadurch schlecht gefühlt hätte.“
„Das ist beruhigend. Reicht dir die Badewanne in den nächsten Tagen noch aus?“
„Ich würde eigentlich gerne schwimmen, um ehrlich zu sein“, antworte ich dem Menschen, dabei merke ich selbst, dass ein wenig Verzweiflung in meiner Stimme mitschwingt.
„Das bekommen wir hin, versprochen. Es wird zwar ein paar Tage dauern, aber das hier ist der erste Schritt Richtung Meer.“ Killian nimmt seinen Arm von mir und widmet sich voll und ganz seinem Tablet. Ich sehe auf das Display, aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht genau, was ich da sehen soll, Killian macht jedoch dein Eindruck, als würde er wissen, was er tut. „Die Frage nach Schuhgröße und Kleidergröße kann ich mir sparen, aber bei deinen kleinen Füßen finden wir bestimmt etwas.“
„Wenn du meinst.“
„Du bist die erste Frau, die vom Online-Shoppen unbegeistert bleibt. Traumfrau.“
Ich schmunzle bei Killians Bemerkung. „Noch kenne ich es nicht, vielleicht finde ich ja noch Gefallen daran.“
„Ein Glück, dass ich schon arm bin.“ Killian wirkt amüsiert, doch für mich spricht er schon wieder in Rätseln. Ich versuche allerdings, mich davon nicht verwirren zu lassen, sondern sehe ihm weiterhin zu. Mein Blick richtet sich von seinem Finger zu seinen eisblauen Augen.

„Also… Was könnte dir gefallen…“, überlegt Killian brummend. „Mein erster Impuls wäre die Farbe Blau.“
„Blau klingt gut“, stimme ich dem Menschen zu. Er bemerkt wohl meinen Blick, denn er sieht von seinem Tablet auf und direkt in meine Augen.
„Würde zu deinen Haaren passen“, antwortet er mit einem Zwinkern. Ich nicke zustimmend. „Hilf mir bei der Auswahl, Ilaria. Frauenkleidung ist nicht unbedingt meine Spezialität.“
„Ich verstehe“, antworte ich lächelnd und richte meinen Blick wieder auf den Bildschirm.

Ich wähle also Kleidung aus einem Markt, den man nur auf einem Display sieht. Diese Kleidung wird dann an die Tür des Menschen gebracht. Es scheint fast so, als gäbe es in der Welt der Menschen nichts, das unmöglich wäre. Ich werde von Stunde zu Stunde immer beeindruckter.
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