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Softdrinks für die Außerirdischen

GeschichteHumor, Familie / P16
16.12.2020
20.01.2021
24
44.510
 
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13.01.2021 896
 
20. Fernsehen und Videospiele

(Die einzelnen Kapitel müssen nicht in einer speziellen Reihenfolge gelesen werden.)

Eine ganze Weile hab ich nur existiert, um Videospiele zu konsumieren. Ein Spiel nach dem anderen habe ich mir gekauft und verschlungen, während das Pferdeleben auf der Country-Ranch an mir vorbeizog.
Es ist gut möglich, dass Videospiele und Fernsehen die Fantasie eines Kindes dabei behindern können, sich frei zu entwickeln. Bei Büchern verhält es sich anders. Von den Bildschirm werden Welten vorgegeben. Von den Worten auf dem Papier wird man dazu angeregt, sich selbst eine Vorstellung von dem Geschriebenen zu machen. Fakt ist aber, dass die Fantasie eines jeden durch die bisherigen Erfahrungen beschränkt ist, was bedeutet, dass der Horror aus einem Buch nur bedingt den bereits erlebten Horror überschreiten kann. In Videospielen ist das Gefühl, in eine fremde Welt einzutauchen, viel intensiver. Man begegnet Personen und Wesen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren könnten. Ist man ein fähiger Spieler oder eine fähige Spielerin, kann man Götter töten und ganze Galaxien vor dem Untergang bewahren. Diesen Nervenkitzel bietet die Realität nur selten. Mich haben Videospiele auf jeden Fall bereichert, auch wenn sie mich zunächst ärmer machen mussten, denn sie sind nicht billig. Daher war auch das Fernsehen wichtig. Das kostet nämlich nichts.
Auch heute denke ich gerne daran zurück, wie ich jeden Samstagmorgen früh aufgestanden bin, um mir verschiedene Zeichentrickserien anzusehen. Spiderman, Batman, Gargoyls, Geschichten aus der Gruft und noch viele mehr. Eigentlich sollte ich meinen alten Fernseher aufsuchen und mir aus einem Stück Kabel eine Halskette basteln, die ich nie wieder ablege. Damit würde ich der alten Röhre, den Produzenten der Kinderserien und Rockstar-Games meine tiefe Anerkennung erweisen.

Wenn ich es mir recht überlege, müsste ich zwei alte Fernseher ausfindig machen. Den meinen und den von meinem damals besten Freund Thomas. Im Haus seiner Eltern gab es ein Zimmer, direkt unter dem Dach, das nur für das Spielen von Videospielen ausgelegt war, mit einem kleinen Fernseher einem halben Dutzend Kissen, einem Schrank mit CDs und zwei Matratzen, auf denen wir aßen, saßen, schliefen und vor allem zockten.
Kam ich nach der Schule zu ihm, legten wir nach dem Mittagessen erst einmal unser damaliges Lieblingsspiel Time-Splitters Future Perfect ein und zockten ein Death Match. Das bedeutete in unserem Fall, dass wir zu zweit eintausendmal die Gegner ermorden mussten, um die Runde für uns zu entscheiden. Dabei wurden wir beide immer wiederbelebt, genau wie unsere dreißig Gegner. Wer von uns beiden die Gegner am häufigsten getötet hatte, war der Gewinner. Ich war jedes Mal weit unterlegen, aber es machte jedes Mal riesigen Spaß, mit Thomas zu spielen. Während wir uns darauf konzentrierten, nicht zu sterben, konnten wir uns fallen lassen, und wir unterhielten uns über alles, was uns damals wichtig war: andere Freunde, Fernsehserien, Mädchen. In den Stunden, in denen ich in den Krieg gezogen bin, waren all die Sorgen vergessen, die ich zu Hause hatte. Es war großartig.
Unterbrochen wurde unsere glückselige Schießerei nur von Thomas’ Mutter, wenn sie uns rausschmiss, damit wir zur Abwechslung mal etwas an die frische Luft kamen. Meistens turnten wir dann auf einem hügligen Spielplatz herum. Thomas besaß aus irgendeinem unverantwortlichen Grund Wurfsterne. Diese haben wir meistens auf die Holzpfosten der Schaukeln und Rutschen geworfen, bis wir sie eines Tages in den Büschen hinter den Pfosten versenkt haben und nicht mehr fanden. Aus Langeweile haben wir dann einfach Holzstöcke gesammelt und uns mit diesen abgeworfen. Mit den Wurfsternen wäre das natürlich keine gute Idee gewesen. Das hätte ja ins Auge gehen können … So, oder so ähnlich, waren wohl unsere damaligen Überlegungen. Schlau wie wir offensichtlich waren, haben wir uns aus gut zehn Metern Abstand die Stöcke um die Ohren geworfen. In mutigen Momenten haben wir sogar versucht, die rotierenden Wurfgeschosse des anderen aufzufangen, was darin resultierte, dass ich Thomas mit einem besonders spitzen Stock einmal fast die halbe Fingerkuppe abgesäbelt habe.
Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, als der Stock seine Hand traf und in einem seltsamen Winkel davon abprallte. Thomas warf einen Blick auf seine Hand und wurde bleich, behielt aber sein Lächeln und kam mit einem »Was-soll-man-machen«-Ausdruck auf mich zu.
»Was ist denn los?«, rief ich. »Wir können jetzt noch nicht reingehen. Sonst schmeißt uns deine Mum gleich wieder raus.«
»Schau mal!«, rief er zurück und hielt mir seinen ausgestreckten Mittelfinger entgegen. Ich ahnte Schlimmes. Tatsächlich bilde ich mir heute ein, damals einen Knochen oder zumindest eine weißliche Sehne gesehen zu haben, was aber nicht sein kann, da Thomas von seiner Mutter nicht sofort ins Krankenhaus gebracht wurde. Was ich aber noch mit Bestimmtheit weiß, ist, dass ein Stück Haut und Fleisch von seinem Finger herabhing, das seine Mutter mit einem Verband wieder gegen die offene Stelle drückte.
Indianer kennen keinen Schmerz. Thomas schon, aber er ließ ihn sich nicht anmerken. Er war echt ein harter Kerl. Ich hätte nur noch geflennt.
Seine Mutter bestand darauf, dass wir zukünftig besser aufpassen sollten und dass ich mich von meiner Mutter abholen ließ, was ich auch tat. Thomas war mir nicht böse, aber er meinte, dass es wohl etwas dauern würde, bis er wieder einen Controller halten könne. Es dauerte genau bis zum nächsten Death Match am folgenden Wochenende.
Thomas, falls du das liest: Danke für die vielen spannenden Stunden und dass du so verdammt zäh warst. Die Zeit mit dir gehörte zu den wenigen Sternstunden meiner Jugend.
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