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Das Meer und sein Sturm

von Ilea
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
16.12.2020
18.12.2020
4
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16.12.2020 1.259
 

Kein Schwellen erzählt von glücklichen Seen,
Worüber heitere Lüfte wehen.
Kein Wallen erzählt, daß es Meere gibt,
Weniger grauenhaft ungetrübt.
Da regt sich etwas im trägen Meere,
Als wären die Türme plötzlich versunken
Und hätten die Flut auseinandergeschoben;
Die Woge färbt sich, als ob ein Funken,
Ein wärmender Sonnenfunken von oben,
Auf sie herniedergeglitten wäre.
Und wenn nun durch den geöffneten Spalt
Der trägen, melancholischen Flut
Die seltsame Stadt versinkt - dann zahlt
Ihr die Hölle selber Tribut.


~ Die Stadt im Meer. Edgar Allen Poe. ~


D A S   M E E R   U N D   S E I N   S T U R M


1. Kapitel
Kapitol
vier Wochen vor der Erne


„Wir sind live in 3 … 2 …“ Die Hand von Tiberius Macholl schoss in die Luft und im großräumigen Hauptstudio des Übertragungsgebäudes verstummten die dumpfen Gespräche.

Hinter den Kameramännern und Tontechnikern schweiften zwei grelle Scheinwerfer durch den Raum. Der geteilte Bildschirm flackerte kurz auf, am Rahmen flammten kleine Lampen in warmen Farbtönen auf. Tiberius gab Caesar Flickermann ein Zeichen, sich auf seine Position zu bewegen. Der Mann mit der aalglatten Haut ließ sich noch von seiner Stilistin einzelne Strähnen seiner diesjährigen flammenroten Haare an den Kopf festsprayen. Die Frau verschwand hinter den Kameras, Caesar schaltete den Schimmer seines nachtblauen Anzugs an. Ein kurzer Blickwechsel zwischen ihm und Tiberius, dann trat er auf die beleuchtete Fläche. Mit einer eleganten Drehung  empfing er das Publikum vor den Bildschirmen in ganz Panem. Einer der Scheinwerfer fing ihn ein. Musik dröhnte aus den Lautsprechern und schließlich setzte Caesar am Pult sein prunkvolles Lächeln auf.

„Los“, flüsterte Tiberius leise.

„Meine Damen und meine Herren, alle Hungerspielbegeisterten vor den Bildschirmen. Mein Name ist Caesar Flickermann und wir senden live aus dem Kapitol“, rief Caesar, seine Stimme schallte durch das Studio. „Lange haben wir alle darauf gewartet und in wenigen Wochen ist es endlich soweit: Die alljährlichen Hungerspiele stehen an! Dieses Jahr – können Sie es glauben – sind es bereits die 70. Spiele in Panem.“

Caesar verneigte sich, dann erschien hinter ihn auf den Bildschirmen das Kapitol und leise dröhnte durch Lautsprecher die Hymne Panems durch den Raum.

Caesar behielt sein Lachen bei. Er öffnete die Augen erst wieder nachdem der letzte Ton verebbt war und fuhr mit seinen einstudierten Worten fort: „Ich habe noch immer die atemberaubenden Szenen der 69. Hungerspiele vor mir. Ich meine, wer könnte dieses phänomenale Finale vergessen? Haben wir nicht alle die Luft angehalten, als unser Sieger Everest Ly’mon sein Schwert verlor und er dann dem Tributen mit seinen bloßen Händen den finalen Schlag versetzte?“

Im Hintergrund wechselte das Bild, Staub wirbelte umher und eine Kameraperspektive fing das Finale der letzten Hungerspiele ein. Ein Junge in zerschlissener Kleidung und Schrammen am ganzen Körper lehnte bedrohlich über einem Mädchen, das den Mund weit aufgerissen hatte. Es war ein Keuchen und Schreien zu hören, als das Mädchen das Schwert von Everest wegschlug. Everest schien für einen Moment inne zu halten, dann ließ er von dem Mädchen ab, nur um wenige Augenblick später mit Wucht gegen ihren Kopf zu schlagen.
Caesar drehte sich verzückt zu einer der drei Kameras, während Tiberius schnell nickte und andeutete, er sollte vorfahren. Präsident Snow hatte ihnen nur einen kleinen Zeitraum in seinem Abendprogramm gegeben. Sie hatten sich an einen strammen Zeitplan zu halten.

„Everest Ly’mon“, rief Caesar und der Bildschirm schaltete auf eine scheinbare Liveschaltung aus Distrikt 7. In echt war ein Team nach Distrikt 7 gereist und hatte unter den Anweisungen von Tiberius Macholl mehrere Interviews mit Everest gedreht.

„Wie geht es dir? Ich habe gehört, du hast in deinem Distrikt einen großen Sprung gemacht und hast dich dem Schnitzen wieder mehr gewidmet?“

Everest nickte lächelnd, er hob eine Baumstammscheibe mit einem eingeschnitzten Panemmotiv in die Kamera. „Ja, Caesar. Mir geht es gut, ich erhole mich gerade von meiner Grippe. Nach meiner Siegertour habe ich mein altes Handwerk wieder aufgenommen und verbessere mich seither.“

Caesar lachte. „Es ist gut dich zu sehen und das du dein Leben als Sieger genießt. Möchtest du den zukünftigen Tributen noch etwas ans Herz legen, Everest? Oder den Zuschauern, die gebannt auf die diesjährigen Hungerspiele warten?“

Der Bildschirm wechselte zu einer Nahaufnahme von Everest Gesicht. Feine Narben zierten dort, wo das Mädchen aus dem Finale mit ihren Messer zugestochen hatte. Er blinzelte und nickte abermals. „Ich freue mich schon sehr auf die Hungerspiele und das große Fest am Ende mit dem Sieger. Möge das Glück stets mit euch sein.“

„Danke, Everest. Das Festessen ist immer das Schönste am Ende der Hungerspiele und damit direkt in das Nachrichtenstudio.“ Caesar blieb noch einigen Augenblick stehen, dann wechselte die Übertragung zum Studio mit den Nachrichten. Es blieben exakt 11 Minuten, in denen Tiberius sich von seiner Assistenz ein Glas Wein bringen ließ, während Caesar sich ein wenig lockerte. Stimmen erhoben sich und das Licht flaute ab, während Tiberius immer weiter durch sein Skript blätterte und schaute, ob alles nach Plan verlief. Er war noch nicht lange Aufnahmeleiter, aber auf das Team und Caesar war stets Verlass. Die Hungerspiele waren seine ersten großen Events. Alle s

Die Pause war viel zu kurz, schon wenige Augenblicke später und mindestens zwei Weingläser leichter, setzte sich Tiberius zurück auf seinen Regiestuhl und gab das Startzeichen. Das Studio erstrahlte wieder und Caesar schaltete sprunghaft auf Entertainment-Laune um.


„Die letzten drei Jahre haben die Arenen der Hungerspiele die Handschrift von Spielmacherin Ruby Evans getragen, dieses Jahr steht ein Wechsel bevor. Ihre Assistenz Odin Howlan wird die 70. Hungerspiele gestalten, Odin – was können wir erwarten?“

Odin Howlan, ein Mann in seinen frühen Zwanzigern)mit einer Vorliebe für übermäßig klobige, dicke und extravagante Brillen, erschien auf dem Bildschirm im Zentralgebäude der Spielmacher.

„Nun, Caesar, Ruby zu toppen erwartet viel Kreativität. Ich will nicht zu)viel verraten, aber wir haben einige Überraschungen in die Arena gepackt und wenn die Menschen da draußen das zu sehen bekommen, werden sie sich nicht mehr von den Bildschirmen losreißen können“, erklärte Odin überzeugend.

„Wenn das nicht noch mehr Lust auf die Hungerspiele macht! Was denken sie, was hat in diesem Jahr höchste Priorität? Was ist Ihnen am wichtigsten?“

„Wichtig? Ein gutes Auge bei den Ernten, der Auftritt von Tributen kann viel verraten. Ich habe letztes Jahr auf die beiden Finalisten gewettet – bei der Ernte haben sie mich bereits vollkommen überzeugt.“ Odin lächelte und schob seine Brille zurück auf die Nase. Tiberius kannte einige Spielmacher, Odin schien ihn zwar gewissenhaft und kreativ. Tiberius wusste aus Erfahrung, dass Odins Herz lediglich an Ruhm und Gold interessiert war. Er war ziemlich käuflich. Trotzdem respektierte er die Arbeit jedes Spielmachers.

Caesar bewegte sich hinter dem Pult hervor, straffte seinen Anzug und hob die Hände in die Luft, während er sich direkt an die Hauptkamera wandte, hinter der Tiberius gebannt lauschte, wie Caesar seine Floskeln einsetzte. „Das verspricht doch ein aufregendes Jahr zu werden – und noch viel aufregende Hungerspiele! Möge das Glück stets mit euch sein.“

Der Bildschirm flackerte kurz auf, dann zogen Bilder der vergangenen Hungerspiele vorbei. Es war eine Erinnerung daran, wie grausam die Aufstände waren, die diese Spiele heraufbeschworen hatten. Tiberius lächelte und schloss sein Skript. Er erwartete die kommenden Spiele mit Spannung. Dann würde er seine Berichte zum Besten geben können. Nichts hatte es Tiberius Macholl so angetan wie die Hungerspiele, von der Ernte bis zum Sieger war es das, was einem Mann wie ihm im Blut lag.

Zum Glück versprach es ein gutes Jahr zu werden.

Und gute Hungerspiele.




*Anmerkung der Autorin [17.12.2020] : Ein ausgesprochenen Dank an Raidn Neil Reat für die Anregungen zur Überarbeitung.
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