Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

⊰ The First Nobodies ⊱

GeschichteDrama, Fantasy / P12 / MaleSlash
OC (Own Character)
15.12.2020
15.12.2020
1
791
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
15.12.2020 791
 
Prolog


Alles, was ich über das Leben gelernt habe, kann ich in drei Worten zusammenfassen: Es geht weiter.
- (Robert Frost)


November 1899 – Boston


»Als Gott erkannte, dass ihr Weg zu lang, der Hügel zu steil war, legte er seine Arme um sie und schenkte ihnen Frieden.«
Mit zusammengekniffenen Augen starrte Juniper auf den Wacholderstrauch in ihrer rechten Hand. Sie kniff deshalb die Augen zusammen und unterband ihre Tränen, weil sie die Trauer ihrer kleinen Schwester nicht noch mehr verstärken wollte, denn diese hielt sie an der linken Hand und weinte bittere, glänzende Tropfen – weniger jedoch, als am Morgen. Denn allmählich versiegten die Tränen des kleinen Mädchens, schließlich waren seit dem Unglück bereits fünf Tage vergangen. Hazel hatte also mehr als genug Zeit gehabt, sich dem Weinen unendlich scheinender Tränen zu widmen und sich in den Schlaf zu schluchzen.
Mr und Mr Bradbury waren bei einem tragischen Zugunglück ums Leben gekommen. Sie hatten eine alte Freundin besucht, dessen Kinder an einer unbekannten Krankheit gestorben waren. Als gute Freunde war es ihre Pflicht gewesen, in der Zeit dieser schweren Trauer Beistand zu leisten und an der Beerdigung teilzuhaben. Auf dem Weg nach Hause war der Zug unerklärlicherweise entgleist und einen Hang hinabgefallen – überlebt hatte keiner seiner Passagiere und Juniper und Hazel wurden zu Waisen. Nun, im Grunde genommen machte diese Tragödie lediglich Hazel zu einer, denn Juniper war bereits im Erwachsenenalter. Doch obgleich sie bereits erwachsen war, fühlte sie eine Trauer wie sie nur ein Kind spüren konnte, das seine Eltern verloren hat.
»Es wird alles gut werden, Fannie«, murmelte sie, ihre Schwester bei ihrem Zweitnamen nennend und drückte die kleine Hand in der ihren. Es war kalt, doch keiner der beiden trug Handschuhe und so waren ihre Hände bereits rot vor Kälte. Hazels Nase lief wie ein Wasserfall, doch Juniper wollte die Trauerpredigt des Pastors nicht durch das Schnauben in ein Taschentuch unterbrechen und so ließ sie zu, dass das kleine Mädchen sich regelmäßig mit dem Handrücken über die Nase fuhr.
»Ganz bestimmt nicht«, schniefte Hazel und fing noch mehr an zu weinen.
Zu ihrem Glück hatte der Pastor seine letzten Worte gesprochen und die Särge ihrer Eltern wurden in die kalte, harte Erde gelassen. Ein Gemisch aus Schnee und Erde türmte sich neben den Löchern auf und Juniper schluckte bei dem Gedanken, dass diese Erde gleich auf die Holzkästen, in welchen ihre Eltern schliefen, geschaufelt werden würde.
Mrs Zora, eine nette Dame und gute Freundin von Mrs Bradley, nahm nach der Beerdigung die Mädchen beiseite und erklärte ihnen, dass sie bereits eine frühere Passage nach England hatte ergattern können. Dank des hervorragenden Vermächtnisses ihrer Eltern hatten sie genug Geld, sich eine Überfahrt erster Klasse zu kaufen.
Es sollte nach London gehen, zu Tante Winifred Shanley, die Schwester ihres Vaters. Sie war, abgesehen von ein paar entfernten Cousins und Cousinen, die einzige Verwandte, zu welcher Juniper Hazel bringen konnte.
Der Gedanke, Boston zu verlassen und auf einem Schiff über das Meer zu segeln, missfiel ihr zwar, doch es war am besten so. Für diese Reise hatte Juniper ihr Studium aufgeben müssen, welches sie in wenigen Wochen hätte abschließen können. Doch für Hazel war sie bereit, ein solches Opfer zu bringen. Mit etwas Glück würde sie es in London weiterführen können und eines Tages an einer Schule unterrichten – die Aussichten waren zwar minder hoffnungsweckend, doch daran versuchte Juniper nicht allzu oft zu denken.
Das Haus, in welchem sie ihr ganzes Leben verbracht hatten, gehörte eigentlich einem zuvorkommenden Kollegen ihres Vaters und so stand es ihnen nicht zu, es zu verkaufen oder gar darin wohnen zu bleiben. Sie würden ohnehin nicht genug Geld haben, um dort länger als ein Jahr zu verweilen. Da war es sehr viel einfacher und vorteilhafter, in Tante Winifreds großes Anwesen zu ziehen.
Das Schiff, welches sie fortbringen würde, ließ um sechs Uhr am Abend ab und Juniper tat sich schwer, an Deck zu gehen, ohne einen letzten, wehmütigen Blick auf ihr geliebtes Boston zu werfen. Kaum hatten sie ihre Kabine gefunden, legte das Schiff ab und für die beiden Schwestern gab es kein zurück mehr.
»Du wirst sehen, Fannie. Sieh es als ein Abenteuer. Wir befinden uns auf dem Wasser, ist das nicht aufregend?«, halbherzig versuchte Juniper, ihre kleine Schwester aufzumuntern. Es gelang ihr nicht.
Also entschied sie, ihr etwas vorzulesen, um zu verhindern, dass Hazel sich weinend ins Bett begab.
Sie teilten sich ein Bett, also saßen sie wenig später eng aneinander gekuschelt auf der weichen Matratze und wurden sanft hin und her geschaukelt. Juniper hatte befürchtet, der Wellengang würde ihnen zum Problem werden – Mrs Zora hatte ihr genug über Seeübelkeit erzählt – doch sie spürten nicht mehr, als wohliges Wiegen und sie stellten sich vor, es wäre ihre Mutter, welche sie in den Schlaf wiegen würde.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast