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Funkenflug - die Funkensaga Teil 4

von Roskva
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12 / Gen
Banshee / Sean Cassidy Beast / Henry "Hank" Philip McCoy OC (Own Character) Professor X / Professor Charles Francis Xavier Storm / Ororo Munroe
15.12.2020
30.05.2021
8
14.050
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29.05.2021 2.072
 
Charles Xavier saß in seinem Rollstuhl und blickte auf die Arbeitsplatte vor ihm. Es war noch früh und er wußte, dass er, wollte er Newton heute noch kontaktieren, es bald tun sollte, bevor seine Informationen nicht mehr aktuell sein würden. Er hatte erst vor einer halben Stunde den Blick nach Roanoke gelenkt, um sich zu versichern, dass Ariel noch immer dort war. Seitdem saß er einfach nur da und starrte vor sich hin. Es würde das letzte Mal gewesen sein, dachte er wehmütig, aber er hatte es Newton versprochen, wenigstens heute noch einmal.
Aber würde er ihn überhaupt erreichen oder wieder attackiert werden? Charles rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Frustration war mittlerweile zu einem allgegenwärtigen Begleiter geworden. Wo waren die Zeiten hin, in denen er sich nur um seine Schüler sorgen musste?
Es war alles durcheinander geraten. Mittlerweile hatten sich sogar einige Schüler von ihm abgekehrt, nachdem die Gefahren der letzten Monate bekannt geworden war. Hatten die Schule verlassen und wollten sich lieber allein durchs Leben schlagen. Ohne seine Führung.

So wie Raven. Charles sah das Bild seiner Ziehschwester vor sich. Wie sie ihn angesehen hatte, als sie sich das letzte Mal an diesem schicksalhaften Strand gesehen hatten, bevor sie sich entschieden hatte, mit Eric mitzugehen. Bevor er allein zurück blieb.
Diese Schule war zwar sein Zuhause, aber irgendwie fühlte es sich nicht mehr richtig an. Nicht mehr so wie früher.
Seine Zweifel, ob er das hier wirklich tun konnte, wuchsen, aber die Hoffnung, Newton und Tesla helfen zu können, überwog all das noch immer. Er atmete tief durch und konzentrierte sich.

***

Er kam nicht durch. Da war eine schwirrend knisternde Barriere, ohne Zweifel von Tesla erschaffen, die ihm keine Sicht auf sie oder Newton gewährte. Charles ließ den Kopf hängen und wußte nicht, was schlimmer war. Dass er nicht wußte wo sie waren und ob sie sicher waren, oder dass sie ihn wissentlich ausschloss.
Er griff nach dem Helm und wollte ihn schon absetzen, als er etwas hörte.
„Professor?“
Newtons Stimme war leise, aber deutlich.
„Bitte. Professor! Bitte lassen Sie mich nicht hängen.“
Charles war mit einem Mal hellwach und konzentriert. „Newton!“ antwortete er. „Wo bist du?“
„Am Bahnhof. Wir sind gerade angekommen. Bitte können Sie mir schnell sagen, wo wir hin müssen?“
Charles lächelte und antwortete schnell. „Ich konnte sie zu einem Zeitungsladen zurückverfolgen.  Sie hatte einen Kaffee in der Hand und kaufte sich eine Tageszeitung. Gar nicht weit weg vom Bahnhof. Vermutlich ist sie irgendwo in der Nähe.“
„Dann wohnt sie vielleicht in einem Motel hier in der Nähe?“ überlegte Newton. „Danke, Professor. Ich muss jetzt zurück, bevor sie misstrauisch wird.“
„Ja.“ brummte Charles. Er würde von nun an keinen Kontakt mehr zu Newton aufnehmen können, wenn er Teslas Wunsch respektieren wollte … und sich noch ein bißchen Stolz bewahren wollte. „Pass auf dich auf. Und…“. Er schluckte hart. Mehr konnte er nicht sagen.

***

Newton war unsagbar erleichtert, als er die Stimme des Professors in seinem Kopf hören konnte. Also waren sie ganz nah dran. Das war gut. Jetzt war es wichtig, keine Zeit zu verlieren. Tesla wartete. Er musste dringend los und verabschiedete sich von Charles Xavier.
„Pass auf dich auf. Und…“ Der Professor stockte. Newton wußte, was er noch sagen wollte und er wußte auch, weshalb er sich nicht traute, es zu sagen. Die Beziehung zwischen ihm und Tesla war ziemlich kaputt, aber das änderte nichts daran, dass er sich um sie genauso sorgte, wie um jeden anderen.
Newton nickte und antwortete. „Das werde ich. Und auf sie auch.“
Er wartete keine Antwort mehr ab, sondern durchquerte schnell wieder das Bahnhofsgebäude und trat auf die Straße. Tesla hatte sich schon wieder mit ihrem Rucksack beladen und war gerade in seine Richtung unterwegs, als er sie entdeckte. Also war es genau richtig gewesen, schnell zurückzukehren.

„Da bist du ja endlich.“ begrüßte sie ihn sichtlich genervt.
Newton zuckte die Schultern und erklärte sich schnell. „Ja, sorry. Hab die Toiletten nicht gleich gefunden.“
„Also los. Wohin sollen wir gehen?“
Während Tesla den Blick in Richtung der Stadt lenkte, wollte Newton seinen Einwand zu ihren eventuellen Plänen gleich vorbringen.
„Lass uns ein Motel hier in der Nähe suchen.“ schlug er also vor.
„Bist du sicher?“ Sie sah ihn misstrauisch an.
Newton nickte. „Hier anzufangen ist genauso gut wie an jedem anderen Ort, findest du nicht?“
Sie fixierte ihn noch einen Moment, nickte dann aber und sah sich in der Umgebung um. Menschen strömten in alle Richtungen davon. Und nicht weit weg erkannte Tesla ein kleines Motel. Die Leuchtreklame hing etwas schief, aber ansonsten machte es einen einladenden Endruck.
„Na dann.“ sagte sie und deutete mit dem Kopf auf das Gebäude. Newton atmete auf und gemeinsam überquerten sie die Straße.

***

Etwa eine halbe Stunde später stand Newton am Fenster ihres neu bezogenen Motelzimmers und sah hinaus auf die Straße. Tesla suchte gerade ein paar Sachen aus ihrem Rucksack heraus und er überlegte, was sie als nächstes tun sollten.
Sie ließ ihn über ihre Pläne völlig im Dunkeln. Vermutlich weil sie fürchtete, er könnte alles an Charles weiter geben. Wahrscheinlich würde er es auch, wenn er die Möglichkeit dazu bekäme. Aber sie ließ ihn nicht mehr aus den Augen, nach dem Zwischenfall in Washington.
Gut, dachte er. Dann musste er jetzt also jeden Schritt zusammen mit ihr machen.

Nachdem Newton das Klicken von Teslas Rucksackschnalle vernommen hatte, drehte er sich um und kam auf sie zu.
„Ok“, begann er. „Wir brauchen einen Plan, um weiter zu kommen. Was schlägst du vor?“
Sie verengte ihre Auge zu Schlitzen. „Wir werden uns auf jeden Fall nicht trennen. Diesen Fehler mache ich bestimmt nicht nochmal.“
Natürlich, dachte er. Sie traute ihm nicht mehr über den Weg. „Alles klar. Dann bleiben wir zusammen.“ Das war auf jeden Fall besser, als allein zu sein.
Sie nickte, obwohl er genau erkennen konnte, dass sie noch immer daran zweifelte, dass er es wirklich ernst meinte. Dennoch entspannten sich ihre Schultern etwas und sie teilte ihre vorläufigen Pläne mit ihm. „Wir gehen zuerst in die Geschäfte hier in der Nähe. Sie ist mit dem Zug gekommen und womöglich erinnern sich die Leute an sie. Dann sehen wir weiter.“
Das klang vernünftig. Newton nickte.
„Was machen wir, wenn wir ihr plötzlich gegenüber stehen?“ fragte er, woraufhin Tesla jetzt zum Fenster sah, bevor sie ihm antwortete.
„Dann müssen wir sie so schnell es geht aus der Stadt rausbringen. Hier inmitten all der Menschen ist es zu gefährlich.“
Gefährlich? Newton zog die Augenbrauen hoch. Er kannte die Kräfte seiner Schwester gut und sie waren wirklich beeindruckend. Aber jemanden verletzen konnte sie damit eigentlich nur schwer. Allerdings kannte Tesla Ariel besser und wußte, zu was dieses Biest alles im Stande war, weshalb er nicht weiter nachfragte.
Er seufzte. „Das wird nicht leicht, oder?“
Tesla schüttelte den Kopf, wartete noch einen kleinen Moment und griff den Türknauf. Doch im letzten Moment hielt sie inne und sah hinauf in Newtons Gesicht. „Irgendwo da drin ist noch immer deine Schwester.“
„Denkst du das weiß ich nicht? Nur deshalb mache ich das alles hier mit.“
„Was ich sagen will. Wenn wir Glück haben, dann kann sie dich noch immer hören.“ Tesla sah zu Boden und dachte an die Erinnerung ihrer verlorenen Jahre, die sie nach der Konfrontation mit Ariel zurückgewonnen hatte. „Stella schläft nicht. Sie ist nur eingesperrt. Und ganz sicher will sie ausbrechen. Vielleicht ist das unsere einzige Chance.“
Da stimmte Newton mit ihr überein. Also verließen sie gemeinsam das Motel und begannen ihre Suche.

***

Den ganzen Tag waren sie umhergelaufen und hatten bei verschiedenen Ladenbesitzern und in Supermärkten sowie Tankstellen nach Stella gefragt, doch niemand konnte ihnen einen konkreten Hinweis geben. Ein Mann hinter einem Zeitungskiosk konnte sich an eine auffallende Rothaarige heute morgen erinnern. Aber wohin sie gegangen war, das wußte er nicht mehr.  
Mit hängenden Schultern stand Newton an einer Straßenecke und blickte in jede Straße hinein, in der Hoffnung, leuchtend rotes Haar zu entdecken. Langsam ging die Sonne unter und die Straßenlaternen nahmen ihren Dienst auf. Mehr und mehr verschwanden die Farben hinter dem Grau des Abends. Newton seufzte. Sein Blick fiel zuletzt auf Tesla, die jetzt mit zwei Kaffeebechern aus der Tür hinter ihm trat. Sie reichte ihm einen der beiden Pappbecher und nahm dann einen beherzten Schluck aus ihrem eigenen.
„Also“, begann sie, „entweder ist sie nicht hier gewesen oder die Menschen hier sind verdammt vergesslich.“ Wieder schlürfte sie an ihrem Getränk.
„Vielleicht hält sie sich tagsüber versteckt“, überlegte Newton. „Dann hätten wir heute Abend eine Chance.“
Tesla zuckte mit den Schultern. „Die Frage ist doch, was sie überhaupt hier will.“
Er sah sich um. „Keine Ahnung. Ob sie hier irgendwelche Verbindungen hat, die sie nutzen kann?“
„In einem Körper, den niemand außer Cedrick als ihren kannte?“ Sie klang skeptisch. „Nicht sehr naheliegend.“
„Also was dann? Es kann doch nicht purer Zufall sein? Niemand kommt zufällig nach Roanoke.“

Schweigend nippten beide an ihrem Kaffee. Newton spürte ein leisen Kribbeln vom Koffein, das seine Muskeln ein bisschen lockern konnte. Er hatte fast vergessen, wie müde er eigentlich in den letzten Tagen gewesen war.
Die Frustration über diese erfolglose Suche hatte ihn voll im Griff gehabt. Dennoch hatte er geglaubt, mit den Hinweisen des Professors würden sie heute endlich einen Durchbruch erlangen. Doch wieder standen sie mit fragenden Gesichtern in einer fremden Stadt und wußten nicht weiter.
Was nun?

„Was wissen wir über Ariel?“ sagte er.
Tesla sah auf. „Sie ist ein durchtriebenes Biest, das uns unser Leben stehlen will.“
„Ja natürlich, aber das meine ich nicht. Was weißt du über sie persönlich? Was könnte sie hierher getrieben haben? Die Schönheit der Straßenzüge kann es wohl kaum gewesen sein.“
Tesla stellte sich gerade hin und dachte nach. Sie verstand, worauf er hinaus wollte. Sie hatten eine heiße Spur und mussten jetzt nur noch die letzten Puzzleteile zusammen setzen.
„Über ihr Leben vor unserer Begegnung weiß ich kaum etwas. Sie war lange mit Cedrick zusammen. Dadurch dass er ein Hypnot war, konnte sie einfach in den Geist verschiedener Menschen springen. Sie hat so etwas zum Spaß gemacht. Sie hat gern mit dem Feuer gespielt. Der einzige, der ihr dabei nicht egal war, war Cedrick.“
Newton nickte. „Fällt dir noch mehr ein?“
Tesla dachte nach. „Sie hat eine Zeit lang in London gelebt. Dort hat sie sich dann auch von Cedrick in den Schlaf versetzen lassen und ich bin wieder da gewesen.“
„London?“ Newton blinzelte. „Hat Charles dich nicht dort getroffen?“
Es versetzte ihr einen Stich, dass Newton von Charles sprach, aber sie nickte und konzentrierte sich weiter auf alle Erinnerungen, die sie zu Ariel finden konnte.
„Aber sonst. Ich weiß nichts über Verwandte oder Freunde. Da war eigentlich immer nur Cedrick.“
Newton nickte, während sie schweigend zur Seite sah. Das war weniger, als er geglaubt hatte. In all den Jahren, die sie unter Ariel gelitten hatte, konnte sie nicht mehr erkennen als Cedrick. Was muss das nur für ein Leben gewesen sein? Nur diese beiden. Und Melody.

Newton sah Tesla von der Seite her an. Wie weit waren sie wohl gegangen, während Ariel in fremden Körpern steckte? Er empfand plötzlich unendlich viel Mitleid für die Frau neben ihm. Schlimm genug, dass sie ihre Lebenszeit verloren hatte. Was war ihr wohl noch alles genommen worden?
„Wie nah …“ er schluckte „… war er dabei eigentlich dir?“
Tesla sah zu Boden und dann mit einem gezwungenen Lächeln zu ihm. „Nicht so nah.“ antwortete sie ihm und er atmete erleichtert auf. „Dafür hasste Cedrick mich zu sehr.“ fügte sie hinzu. „Er konnte meinen Anblick kaum noch ertragen. Ich habe Erinnerungen daran, wie er Ariel in meinem Körper angesehen hatte. Das hatte nicht mehr viel mit Liebe zu tun, glaub mir.“
Er nickte. „Eine seltsame Beziehung.“
„Ja, das war sie.“
Er nahm einen weiteren Schluck und konzentrierte sich wieder auf das wesentliche.
„Okay, dann finden wir also nichts neues zu Ariel. Was ist mit Cedrick? Was wissen wir von ihm?“
Tesla holte tief Luft und drehte den Kaffeebecher in der Hand. Er war mittlerweile leer.
„Er hatte einen Onkel, dem das Waldgrundstück gehört hatte, was wir ja bereits kennen. Aber er ist gestorben, bevor ich aus England zurück gekommen war. Ihn kenne ich aber auch nur aus der Zeit, die er und Ariel bei ihm verbracht hatten. Er hatte einen Fable für alte Sprachen, Antiquitäten und lateinische Schriften. Sonst ist da nichts.“
„War er auch aus New York?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, er kam aus irgendeinem Kaff in Virginia.“
Gleichzeitig sahen sie sich an.
„Virginia!“
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