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Funkenflug - die Funkensaga Teil 4

von Roskva
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12 / Gen
Banshee / Sean Cassidy Beast / Henry "Hank" Philip McCoy OC (Own Character) Professor X / Professor Charles Francis Xavier Storm / Ororo Munroe
15.12.2020
30.05.2021
8
14.050
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22.12.2020 2.256
 
Tesla spürte es unverkennbar. Etwas war plötzlich anders. Sie streckte ihre feinen Antennen nach den elektrischen Impulsen, die sie und Newton schon immer umgaben.
Ihre Haut kribbelte und ihr Mund war mit einem Mal ganz trocken. Sie spreizte die Finger voneinander, fühlte die Elektrizität bis in die Fingerspitzen und fand etwas fremdes. Etwas neues. Tausende neuronale Impulse geformt zu einem feinen Netz, sie waberten wie eine Wolke um Newton herum. Eine andere Signatur. Ein anderer Geist.
„Jemand ist hier!“ zischte sie und sprang instinktiv im nächsten Moment auf Newton zu.

Da war etwas, eine fremde Person in Newtons Kopf. War sie das? War das Ariel? Hatte sie es geschafft?
Tesla hasste sich dafür, dass sie für einen Moment nicht mehr auf ihre Verteidigung geachtet hatte.
Der Streit mit Newton hatte sie erschöpft. Neben all den Fähigkeiten, die sie sich bereits hatte aneignen können, war die ständige Abschirmung vor fremden Impulsen die kräftezehrendste. Der fein flimmernde Schutzschirm, den sie dauerhaft um sich selbst aufrecht hielt, damit nichts und niemand an sie heran kam, ging ihr zwar geübt von der Hand, aber jetzt musste sie zusätzlich Newton auch vor Übergriffen schützen. Ihn abzuschirmen war ihr zwar gelungen, doch noch nicht so einfach.
Aber heute Abend war sie nachlässig gewesen. Als das warme Wasser über ihren Körper lief, wollte sie sich entspannen. Wollte einen Moment loslassen. Dabei dachte sie wieder an das Gespräch mit Newton, an seine eigenmächtige Entscheidung, Charles zu kontaktieren. Und dann war die Angst gekommen. All ihre Mühen, ihn aus allem herauszuhalten, waren jetzt gescheitert.
So sehr sie sich an die Gegenwart von Newton gewöhnt hatte, und so froh sie auch darüber war, nicht ganz allein zu sein. Sie durfte nicht vergessen, weshalb sie hier waren. Sie musste fokussiert bleiben und durfte nicht hinnehmen, was hier alles ohne ihr Wissen geschehen war. Sobald Newton eingeschlafen war, würde sie verschwinden. Sie würde die Suche allein fortführen. Es war eine schwere Entscheidung, aber eine notwendige. Tesla wußte, dass sie keine Alternativen hatte und dennoch liefen ihr die Tränen in Strömen über das nasse Gesicht, während sie daran dachte, erneut allein zu sein.
Sie hatte es gar nicht bemerkt, dass sie all ihre Verteidigung hatte fallen lassen.

Und schlussendlich erhielt sie die Quittung für ihre Nachlässigkeit. Da war er. Der Angriff, den sie so lange gefürchtet hatte.
Ariel!
Es konnte niemand sonst sein. Wer konnte sonst versuchen, sich eines anderen Geistes zu bemächtigen?

***

Newtons Körper riss - von Charles noch immer gesteuert - die Arme hoch, um sich gegen sie zu verteidigen, doch sie war mit der geschmeidigen Eleganz einer Katze hervorgesprungen, packte ihn mit einer Hand im Nacken und drückte die andere Hand gegen seine Stirn.
In der nächsten Sekunde feuerte eine Flut an Impulsen durch ihn hindurch. Mit voller Kraft darauf bedacht, alles, was Newton Geist vergiftete, zu eliminieren. Endgültig!

***

Charles schrie vor Schmerz auf. „Melody!“ keuchte er und sie stoppte.
Für einen Moment hielt sie inne und sah ihn mit zitternden Augen an.
Charles wollte nicht aufgeben. Die elektrischen Ströme ebbten ab und er versuchte sich zu erklären. „Ich bin es, Charles!“

***

Vor Teslas Augen verschwamm, alles und plötzlich sah sie nicht mehr Newton vor sich stehen sondern Charles Xavier. Seine Augen waren matt, aber noch immer so blau, wie sie es in Erinnerung hatte.
„Aber wie?“ hauchte sie bestürzt.
Was tat er hier? Nein! Nein! Er sollte nicht hier sein. Er durfte es nicht! Ihr entglitt die Kontrolle.
„Newton hat mich angerufen. Ich will euch helfen.“
Nein!
Alles in ihrem Körper sprang auf Verteidigung um. Sie hatte geglaubt, Ariel hätte sie gefunden, aber das hier war sogar noch schlimmer. Wochenlange Bemühungen in einem Moment vernichtet und zerschlagen. Sie hatte ihn vergessen wollen. Seine leuchtenden Augen, seine Grübchen am Kinn, die mittlerweile von einem Drei-Tage-Bart bedeckt wurden, seine weiche Stimme, sogar die skeptische Stirnfalte war ihr so quälend gut vertraut. Aber jetzt…
Zorn übermannte sie.
„Verschwinde Charles!“ knurrte sie gefährlich leise, um Beherrschung bemüht.
„Aber Melody, ich will doch nur…“
„Ich heiße Tesla!“ giftete sie und funkelte ihn zornig an. Er hatte doch keine Ahnung, was er hier gerade alles in Grund und Boden stampfte. Er glaubte zu helfen, aber genau das Gegenteil war der Fall. Er musste doch verstehen, dass sie eine andere war und erst dann zurückkehren würde zu Melody, wenn sie ihre Aufgabe erledigt hätte.
Charles zwinkerte verwundert. Er blieb zu Teslas großem Unmut ruhig.
„Gut, Tesla! Bitte lass uns reden. Ich habe mir Sorgen gemacht und bin so froh, endlich Kontakt zu euch bekommen zu haben.“ Er lächelte unverschämter Weise sogar.
Das war zu viel. Glaubte er wirklich, dass sie sich wochenlang vor ihm versteckt hatte, um jetzt so mir nichts dir nichts alles aufzugeben? Sie würde an ihren Überzeugungen festhalten. Wieso nur konnte niemand ihre Entscheidungen akzeptieren?
„Aber ich will dich nicht hier! Versteh das doch!“ schrie sie ihn an und aktivierte erneut ihre Fähigkeiten. Ihre Impulse feuerten in einer so hohen Taktzahl, dass es nur zwei Sekunden dauerte, bis das fremde Signalmuster, dass über Newtons Gehirn lag, verschwand. Funken sprühten und Newtons Körper erzitterte unter ihrer Berührung. Sie konnte sehen, dass es getan war. Charles war fort.
Schwer atmend und erschöpft nahm sie die Hände wieder herunter und sah zufrieden in das mies gelaunte Gesicht von Newton.

***

Außer sich vor Zorn stieß Newton sie von sich. „Was sollte das? Willst du mich umbringen, du Verrückte?“
Tesla aber hatte ein zufriedenes, wenn auch leicht gehetztes Lächeln auf den Lippen. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie zwar vor Wut schäumte, aber die Genugtuung, ihn und auch Charles gerade einen gehörigen Dämpfer verpasst zu haben, schien sie momentan in ein verstörendes Hochgefühl zu versetzen. Sie legte den Kopf schief und zog die Augenbrauen grinsend nach oben.
„Vielleicht.“
Newton schnaufte. War das für sie alles ein Spiel? Sie hätte ihn ernsthaft verletzen können. Diese Kraft war immens und er bekam es mit der Angst zu tun, wenn er versuchte sich vorzustellen, wieviel Unheil sie damit anrichten konnte.
Tesla allerdings richtete sich wieder gerade auf und wandte sich ab, um in ihrem Rucksack zu wühlen. „Dann sind wir jetzt quitt.“ brummte sie mürrisch.
Das war jetzt auch für Newton zu viel. Er wurde ungern an seinen Ausbruch in der Schule erinnert, nachdem sie Melody gerettet hatten. Er war so außer sich gewesen, dass er sie tatsächlich beinahe umgebracht hätte. Einzig Cassandra, das Mädchen, das ihm von Beginn an den Kopf verdrehte, hatte ihn stoppen können. Zu allem Überfluss aber hatte sie dafür ihre Fähigkeiten als Sirene einsetzen müssen, eine Tatsache, die ihn selbst jetzt noch beunruhigte.
Aber konnte Tesla das alles wirklich ernst meinen? Sie waren über diesen Punkt doch eigentlich schon lange hinweg, dachte er. War er wirklich so weit über ihre Grenzen gegangen, dass sie ihn tatsächlich aus dem Weg haben wollte? Sie machte ihm zusehends Angst, wie sie da völlig ruhig in den Tiefen ihres dunklen Rucksackes herumkramte.
Er ballte die Hände zu Fäusten. „Ist das dein Ernst? Du würdest meinen Tod hinnehmen, um deinen Willen zu bekommen?“
„Ich wollte dich nur beschützen“ blaffte sie ihn an.
Newton schnappte nach Luft. „Beschützen?!“
„Da war jemand in deinem Kopf, du Egomane!“ Sie warf den Pullover, den sie gerade in der Hand gehalten hatte, zurück aufs Bett und kam um das Bett herum, um ihn wütend anzufunkeln. „Es hätte Ariel sein können.“
„War es aber nicht!“ sagte er. Sie stand direkt vor ihm und obwohl sie deutlich kleiner war als er, wich sie keinen Millimeter vor ihm zurück.
„Nein,“ zischte sie „es war Charles! Was beinahe genauso schlimm ist.“
Newton sah sie verwundert an und spürte im nächsten Moment schon, wie es um ihn herum knisterte. Sie war sogar noch wütender als vor ein paar Minuten. Winzige blaue Fünkchen zuckten an ihren Fingerspitzen. Ihre Haut flackerte für die Dauer eines Augenaufschlages und Newton blieb keine Zeit, um in Deckung zu gehen. Der Blitz traf ihn direkt aus nächster Nähe an der Brust und er taumelte mit einem Schmerzensschrei rückwärts.
„Was soll das?“ rief er.
„Du hast mich hintergangen!“ keifte sie zurück und Newton sah schon den nächsten Blitz auf sich zufliegen. Diesmal konnte er ausweichen und wollte zurückschlagen. Ohne Umschweife aktivierte er auch seine Kräfte und alles um ihn herum geriet in Vibration.
„Was soll das, Newton?“ lachte sie. „Willst du Stühle kreisen lassen?“
Er presste die Kiefer aufeinander und knurrte gefährlich, da sie ihn an seine offensichtlichen Grenzen erinnerte, dass er ohne technische Hilfe keine einzelnen Punkte anvisieren konnte. Alles, was er tun konnte, war alles von sich abzustoßen oder anzuziehen. Gravitation und Antigravitation - sie funktionierten nur konzentrisch. Also was wollte er erreichen?
Er sah Tesla bereits, den nächsten Blitz abfeuern und sprang zur Seite. Ein Brandfleck hinter ihm in der Wand blieb da zurück, wo der Blitz getroffen hatte. Er dachte angestrengt nach. Er konnte nichts gegen ihre Blitze tun. Sie entlud immer mehr. Das blaue Funkeln um sie herum wurde stärker und stärker.
Frustriert entlud er einen Stoß seiner Kraft und das ganze Zimmer erzitterte um sie herum. Tesla geriet ins Wanken, woraufhin Newton zu ihr lief und sie bei den Handgelenken packte.
Alles um sie beide herum vibrierte. Tesla hörte das düstere Knistern in ihren Ohren und sah die kleinen tanzenden Funken.
„Hör auf!“ brüllte Newton.

***

Teslas Handgelenke taten weh. Sie sah in Newtons wutverzerrtes Gesicht. Sie wollte ihn doch nur in die Schranken weisen, ihm zeigen, dass sie genau wußte, was sie tat.
Aber jetzt war etwas anders. Sie sah ihn direkt vor sich und sie wußte, dass sie aufhören musste. Ganz gleich, wie ignorant er ihr gegenüber gewesen war, es war genug. Sie konnte einfach gehen. Musste ihm nicht noch mehr zusetzen.
Er schrie sie an, dass sie aufhören sollte, aber so sehr sie sich anstrengte, es klappte nicht. Sie spürte die Elektrizität durch ihre Nerven wallen. Ein unendlicher Kreislauf, der sich immer weiter auflud.
Sie war bis zum Bersten gefüllt mit Elektrizität.

***

Newton spürte, dass sie nicht zurückweichen würde und aktivierte seine ganzen Kraftreserven, um ihr irgendetwas entgegenzusetzen. Da entluden sich mit einem Schlag ihre beiden Kräfte zeitgleich.
Es zerriss die Luft um sie herum. Fliegende Gegenstände kreisten ebenso wie die heftig zuckenden Funken in einer steten Umlaufbahn um die beiden Mutanten. Das alles hing wie schwerer Nebel um sie.
Sowohl Newton als auch Tesla sahen sich erstaunt um. Die fein blitzenden Fünkchen standen beinahe reglos in einer perfekten Symmetrie und verbanden sich zu einer Art Netzmuster. Newton folgte den winzigen leuchtenden Fädchen des Netzes mit den Augen und endete schließlich bei Teslas Fingerspitzen. Fasziniert starrte er auf ihre Hände, die noch immer dicht vor ihm festgehalten wurden.

Er atmete tief ein und sah Tesla an. „Du bist verrückt, weißt du das?“ brummte er.
Sie hingegen, vor Sekunden noch so schlagfertig, sagte nichts, sondern nickte nur.
„Und was jetzt?“ fragte er.
„Ich…“ begann sie, „… ich denke, dass du jetzt loslassen kannst.“
„Und du wirst mich nicht gleich wieder angreifen?“ Er hatte die Stirn zu tiefen Falten gezogen. Irgendwie war es ihm gelungen, ihre Attacke zu stoppen. Er hatte keine Lust darauf, dass das hier gleich genauso weiterging.

***

Tesla seufzte und schüttelte den Kopf. Sie konnte es spüren. Die Energie war verpufft. Sie fühlte sich wieder ganz normal. Erleichterung ergriff sie, wobei sie allerdings versuchte, das vor Newton nicht so direkt zu zeigen. Nachdem er sie losgelassen hatte, ließ sie die Hände sinken. Die Möbelstücke, Klamotten, Schuhe und kleinen Dekoartikel fielen mit einem lauten Knall zu Boden. Die Fünkchen sanken ganz unschuldig zu Boden und verpufften dort auf dem Teppich. Während Tesla ihnen dabei zusah, konnte sie sich nur noch schwer vorstellen, was für eine Energie sie gerade noch verheißen hatten. Es jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Und einmal mehr sah sie sich in ihrer Entscheidung bestätigt, allein zu gehen. Wer weiß, was diese Reise noch alles für sie bereithalten würde.
Seufzend sah sie sich um und begann, die vielen Gegenstände aufzuheben und an Ort und Stelle zu bringen. Einen Stuhl hatte es zerlegt. Die zwei Vasen und die Fensterscheibe waren zerbrochen. Ebenso der Bildschirm des Fernsehers. Nachdem das meiste gerichtet war, griff sie in ihren Rucksack, um nach Geld zu suchen, damit der Schaden bezahlt werden konnte.
Newton hatte kein weiteres Wort gesagt, während sie das Zimmer wieder versuchten, in einen annehmbaren Zustand zu bringen.
Jetzt aber trat er noch einmal zu ihr.

„Also, wegen des Professors…“ begann er, doch Tesla unterbrach ihn gleich und fiel ihm ins Wort.
„Keine Sorge, er wird uns nicht mehr finden können.“
„Wie meinst du das?“
Sie hielt inne, ihre Klamotten in den Rucksack zu stopfen. „Ich meine, dass ich unsere Abschirmung wieder aktiv halten werde. Zumindest bis morgen.“
„Wieso bis morgen?“
„Weil du morgen zurück fahren wirst. Ich mache allein weiter.“
„Was? Du spinnst doch!“ sagte er.
„Nein.“ Sie drehte sich zu ihm und sah ihn an. „Unsere Abmachung ist hinfällig. Ich will dich nicht mehr dabei haben.“

***

Newton glaubte, sich verhört zu haben. Das konnte nicht ihr Ernst sein. Jetzt, wo sie so nahe dran waren dank des Professors, machte sie dicht?
„Du kannst mich mal! Ich werde nicht aufgeben. Und erst Recht werde ich morgen nicht zurück nach hause fahren.“
„Sondern?“
Newton hatte nicht übel Lust, sie einfach stehen zu lassen und allein weiter zu suchen. Aber er wußte doch eigentlich, warum sie diesen ganzen Affentanz veranstaltet hatte. Auch wenn es verrückt war,  er verspürte irgendwie das Bedürfnis, es mit ihr gemeinsam zu schaffen. Vermutlich würde er sich spätestens morgen eine runterhauen wollen für das, was er jetzt tat, aber er entschloss sich, sie mitzunehmen und sagte mit einem überlegenen Lächeln.
„Nach Roanoke!“
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