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Seelengefährten für immer

GeschichteFamilie, Tragödie / P6 / Gen
OC (Own Character) Ran Mori Shinichi Kudo
14.12.2020
04.05.2021
9
11.275
 
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04.05.2021 3.318
 
Happy Birthday, Shinichi Kudo und Conan Edogawa!

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Kapitel 9: Beendet

Ran wartete.
Sie hoffte das Beste. Sie erwartete das Schlimmste. Die Hoffnung war da, aber sie musste realistisch bleiben. Und sie musste stark sein. Für die Kinder. Für sich selbst. Und natürlich für Shinichi.
Sie warf einen Blick hoch zum Lämpchen, das anzeigte, dass noch immer im OP gearbeitet wurde, dann schaute sie wieder auf den Boden.
[i]Die Wucht der Kugel riss seinen Körper zur Seite...[/i]
Sie brachte dieses Bild nicht mehr aus ihrem Kopf. Warum machte sie sich selbst und den Kindern etwas vor? Es war ein Kopfschuss. [i]Ein Kopfschuss.[/i] Shinichi hatte sich selbst in den Kopf geschossen und auf diese Art Selbstmord begangen. Um sie zu retten. Nur dass er den Schuss bis jetzt überlebt hatte. Aber wie konnte sie auch nur hoffen, dass alles wieder gut werden würde? Es war [i]ein Kopfschuss[/i].

Ran vergrub ihr Gesicht in den Händen und begann leise zu weinen.
Nein, es gab keine Hoffnung auf ein gutes Ende. Die Hoffnung war in dem Moment gestorben, als die Kugel in seinen Kopf eindrang.
"Mum, bitte nicht weinen", schniefte Reika und nahm sie in den Arm, doch sie weinte nun selbst. Rans Tränen waren sehr ansteckend.
"Daddy...", schluchzte Shunsaku, rutschte vom Stuhl und kauerte sich dann am Boden zusammen. Er war so sehr in seiner Trauer und Verzweiflung gefangen, dass er nicht bemerkte, wie plötzlich ein Arzt auf sie zu kam.
Trotz ihrer Verzweiflung war Ran die erste, die den Mann bemerkte, und hörte ihn dann nicht die Worte sagen, die sie bereits schon vermutet hatte.
Der Mediziner musste seine Nachricht viermal wiederholen, bis sie endlich in Rans Bewusstsein drang.
"Ihr Mann hat die Operation überstanden, sein Zustand ist im Moment stabil. Wenn Sie wollen, können Sie zu ihm."

Das liess sich die Familie nicht zweimal sagen, doch wenige Minuten später, als sie ihren Vater und Ehemann zu Gesicht bekamen, fuhren ihre Gefühle wieder Achterbahn. Sein Kopf war dick bandagiert, er hatte einen Schlauch in der Nase und zusätzlich den Schlauch, der ihn mit Sauerstoff versorgte. Regungslos lag er da.
Ran griff nach seiner Hand und drückte sie. Sie war eiskalt.
"Wann wird er aufwachen?"
"Das weiss ich leider nicht", antwortete der Arzt, bevor er die traurige Wahrheit verkündete. "Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob er es überhaupt noch tun wird."

Diese Worte verfolgten die Familie.

Die Operation hatte Shinichi zwar überlebt, sein Zustand war einigermassen stabil. Aber er wachte nicht auf. Er lag nicht im künstlichen Koma, er war schlicht und einfach bewusstlos. Er brauchte nur die Augen zu öffnen, mehr nicht.
Doch das geschah nicht. Nicht in der ersten Stunde nach der Operation. Nicht einen Tag später. Auch nicht einen Monat später.
Shinichi lag leblos da, am Tropf angeschlossen, und sah aus, als würde er schlafen.


Ran war jeden Tag bei ihm und redete mit ihm, auch wenn sie nie eine Antwort erhielt. Weder Worte noch ein Kopfnicken noch sonst eine Bewegung. Nichts. Sie bekam einfach gar nichts. Es war, als würde sie mit einem Toten sprechen.
Als sie vierundzwanzig Stunden später keine Verschlechterung, aber auch keine Verbesserung feststellen konnte, kehrte sie schweren Herzens nach Hause zurück und griff zum Telefonhörer.
Sie musste endlich Shinichis Eltern informieren, ob sie wollte oder nicht. Sie musste ihnen erzählen, was geschehen war... und ihnen klarmachen, dass sie herkommen mussten, wenn sie ihren Sohn noch einmal lebend sehen wollten...
Lebend...
Was bedeutete das schon? In seinem jetzigen Zustand... Das war kein Leben, das war nur noch ein Dahinvegetieren.

Sie hoffte, dass sie Shinichis Vater erwischte, und zu ihrem Glück hatte sie tatsächlich den Schriftsteller am Apparat, dem sie alles erzählte. Wie Shinichi erneut von Alpträumen geplagt wurde, wie er versucht hatte, ihnen zu entkommen, indem er ganze vier Tage lang nicht mehr geschlafen hatte, welche Sorgen er ihnen in dieser Zeit bereitet und wie er schliesslich, um sie alle zu retten, Selbstmord begangen hatte. Nur dass er nicht gestorben war, sondern jetzt um sein Leben kämpfte.
Ran schniefte.
"Shinichi hat sich aus der Gleichung rausgenommen-"
"Ihr ohne ihn = in Sicherheit", murmelte Yusaku leise. Er hatte schon immer gewusst, dass sein Sohn alles für seine Familie tun würde, daran bestand nie ein Zweifel. Aber dass er sich selbst eine Kugel in den Kopf jagte... das musste er erst mal verdauen.
"Er liegt jetzt im Krankenhaus, sagst du? Er ist also wirklich noch am Leben?"
Ran schniefte erneut.
"Definiere 'Leben'."
"Mein Gott."
"Sein Herz schlägt noch, sein Körper funktioniert, aber was die Hirnaktivität angeht..."
"Was ist damit?", fragte Yusaku und erwartete bereits die niederschmetternde Antwort 'Hirntod', doch-
"Die Ärzte sind sich uneinig", antwortete Ran leise. "Manche sagen, sie seien vorhanden, andere sagen, dass nichts mehr zu machen wäre und wir Shinichi endgültig sterben lassen sollen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass es denen nicht mehr um Shinichi geht, sondern nur noch darum, wer Recht hat. Ich verstehe Shinichis Abneigung gegen Krankenhäuser immer besser... Ich möchte gar nicht mehr dahin..."
Ran machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr. "Jedenfalls, das ist der Stand der Dinge im Moment. Es tut mir leid, die Überbringerin solch schlechter Nachrichten zu sein, und es tut mir leid, sollte ich falsche Hoffnungen geweckt haben..."

Der Schriftsteller schwieg, auch noch nach drei Minuten.
"Yusaku, bist du noch dran?"
Ein Rascheln erklang, dann meldete er sich wieder.
"Tut mir leid, ich habe nur gerade... an meinen Alptraum gedacht, in dem ich Shinichi..."
Er brach ab.
"Ich verstehe."
Ran dachte ebenfalls an den Alptraum, den Yusaku vor einiger Zeit hatte und in dem er seinen eigenen Sohn umgebracht hatte, um ihm ein trostloses Leben voller Abhängigkeit und Schmerzen zu ersparen.
Sollte sie jetzt dasselbe tun? Sollte sie den Ärzten die Erlaubnis geben, ihn mit einer Überdosis Morphium oder was Ähnlichem zu töten? Ihn friedlich und ohne Schmerzen für immer einschlafen zu lassen?
Da Shinichi selbstständig atmete, war er an keiner Atemmaschine angeschlossen. Die einzige Maschine, an der er hing, war diejenige, die seine Hirnaktivität überwachte, aber die war nicht lebensnotwendig. Selbst wenn man die abschaltete, bedeutete das nicht automatisch Shinichis Tod.
Wieso wachte er nicht auf? Wieso um alles in der Welt wachte Shinichi nicht auf?

"Ran, ich bitte dich, denk nicht daran."
"Was?"
"Wenn Shinichi sterben soll, tut er es von sich aus. Ihr müsst nicht nachhelfen. Glaub mir, ihr würdet mit der Schuld nicht leben können. Ich habe jetzt noch Gewissensbisse deswegen, und es war nur ein Alptraum. Aber jetzt ist es die Realität."
Ran strich sich die Tränen aus den Augen.
"Du hast Recht", schniefte sie leise. "Einer der Ärzte hat noch gesagt, dass Shinichi Glück gehabt hätte."
"Wieso denn das?", fragte Yusaku überrascht, und Ran räusperte sich.
"Hätte er sich in die Brust geschossen, wäre er jetzt wirklich tot, hat er gesagt."
"Das hat nichts mit Glück zu tun, Ran. Eine Kugel hat absolut nichts in einem menschlichen Körper zu suchen, egal wo sie eindringt. Auch wenn natürlich gewisse Stellen heikler sind als andere. Aber du sagst, die Kugel konnte entfernt werden? Ohne weitere Verletzungen oder Schäden zu verursachen?"
"Ja, das heisst, ich weiss es nicht. Die Kugel konnte entfernt werden, aber ich weiss nicht, ob..."

Yusaku seufzte leise.
"Na gut, Ran, ich danke dir vielmals, dass du mich informiert hast. Hätten wir das vorher gewusst, wären Yukiko und ich früher losgeflogen. Wir werden den nächstbesten Flug nach Tokyo nehmen... falls das für dich in Ordnung ist?"
Ran strich sich mit dem Ärmel über die feuchten Augen.
"Natürlich, ich... ich kann jede Unterstützung gebrauchen. Vielleicht schaffst du es, Shinichi aus seinem... Todesschlaf zu holen."
Yusaku lächelte, obwohl Ran es nicht sehen konnte.
"Ach was, wenn es jemand schafft, dann ist es die Liebe seines Lebens. Oder eines seiner unglaublich frechen Kinder", fügte der Schriftsteller hinzu, und Ran musste lachen.
Die Situation war zwar alles andere als lustig, aber diesen kleinen Aufsteller hatte sie gebraucht.
Daraufhin verabschiedeten sie sich mit der Vereinbarung, sich nicht zu Hause, sondern gleich im Krankenhaus zu treffen.

Ran wünschte sich, dass ihre Schwiegereltern jetzt schon bei ihr wären. Trotz des kleinen Lachers von vorhin könnte sie sehr gut eine Schulter zum Ausweinen gebrauchen...
Aber bis es soweit war, würden noch mindestens zwölf Stunden vergehen.
Die Kinder waren alle noch in der Schule, wenn auch widersträubend, sie hatte also Zeit, kurz ins Krankenhaus zu fahren. Vielleicht gab es ja heute endlich gute Neuigkeiten...?

Zu ihrem Leidwesen bot sich ihr derselbe Anblick wie am Vortag. Der einzige Unterschied war, dass Shinichi inzwischen nur noch einen kleinen Verband um den Kopf trug. Aber er war so bewusstlos wie in den Wochen zuvor.
Ran ertrug den Anblick nicht, sie wollte gleich wieder gehen. Ihn jedoch ohne Begrüssung zurückzulassen brachte sie auch nicht übers Herz.
Vorsichtig trat sie zu ihm, beugte sich über ihn und strich ihm über die Wange.
"Shinichi, ich weiss, dass du mich hörst. Bitte gib mir ein Zeichen, dass du mich verstehst."
Nichts geschah. "Die Kinder vermissen dich ganz schrecklich, sie wollen, dass du..."
Sie brach ab, bevor sie den Satz doch noch beendete. "Sie wollen dich zurück. Ich bitte dich, Shinichi, beende diesen Alptraum. Wach auf und... komm nach Hause. Wir vermissen dich."
Keine Reaktion.
Hatte er sie verstanden? Konnte er sie überhaupt verstehen?


Ran unterdrückte einen Schluchzer. "Ich muss nach Hause, die Kinder kommen gleich aus der Schule. Wir kommen aber heute Nachmittag nochmal vorbei und..."
Sie seufzte. "Deine Eltern sind auf den Weg hierher, wenn sie bis morgen eingetroffen sind, bringe ich sie auch noch mit."
Dann stand sie mit Tränen in den Augen auf und verabschiedete sich mit einem Kuss von ihm. "Bis später."

Ihre Hoffnung, am Nachmittag im Kreise ihrer Kinder ein Wunder zu erleben, starb in dem Moment, in dem sie sich nach einem kurzen Besuch von Shinichi verabschiedeten.
Und sie starb erneut, als Yukiko einen Tag später nach nur wenigen Augenblicken das Krankenzimmer fluchtartig wieder verliess. Sie ertrug den Anblick ihres Sohnes nicht. Nicht mit dem Wissen, was er getan hatte.
Selbst Yusaku kämpfte mit sich, aber auch er verliess den Raum vor der jungen Familie, um seiner Frau beizustehen. Ran und die Kinder kamen klar, zumindest im Moment. Seine Frau nicht. Und auch er hatte Mühe.

Das Hoffen und Bangen ging weiter... bis zum nächsten Tag.
Als die junge Familie, erneut unterstützt von Yusaku und Yukiko Kudo, Shinichis Zimmertür öffnete, konnte sie ihren Augen nicht trauen.

Mit weit geöffnetem Mund gähnte Shinichi und streckte sich durch. Es knackte laut.
"Aua..."

Das Knacken war so laut, dass sie alle es gehört hatten, dabei standen sie mehrere Meter von ihm entfernt!
Fassungslos betraten Ran und beide Zwillingspaare das Zimmer, sie blieben aber an der Tür stehen. Yusaku und Yukiko blieben im Hintergrund und beobachteten das Ganze aus sicherer Entfernung.
"Shi... Shinichi?"
"Dad?"
Der Detektiv, der nun aufrecht im Bett sass, drehte den Kopf zu ihnen – und starrte sie mit grossen Augen an.
Er öffnete den Mund, doch er brachte keinen Laut hervor, nicht mal ein Krächzen.
"Dad?"
"Shinichi?"

Sie standen da wie angewurzelt, genauso angewurzelt wie Shinichi. Aber warum eigentlich?
Sie hatten sich doch so sehr gewünscht, dass er endlich wieder aufwachte, und jetzt war er wach, aber was taten sie? Gar nichts!
Sie alle wussten nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollten, geschweige denn, was sie ihn fragen sollten. Ausser Shunsaku, von dem Angst Besitz ergriff.
"Dad?", fragte er leise. "Erkennst du uns?"
Er machte ein paar Schritte auf ihn zu und zog dabei seine Mutter und seine Geschwister mit sich, bis sie in der Mitte des Raumes standen.


Shinichi starrte sie weiterhin an, dann setzte er sich die Brille auf die Nase, schlug die Decke zurück und befreite sich vom Tropf und allen anderen Schläuchen.
Er hustete kurz, als er sich der Magensonde entledigt hatte, dann verliess er langsam das Bett und machte einen Schritt auf sie zu, als er merkte, dass seine Beine sein Gewicht tragen konnten.
"Dad?", fragte Reika mit kaum hörbarer Stimme.
Ein weiterer, wackliger Schritt folgte.
"Dad? Du machst uns Angst."
Shinichi machte noch einen Schritt.
Ran stellte sich beschützend vor ihre Kinder und wich mit ihnen zurück, bis sie mit ihnen an die Wand stiess.
"Shinichi, so überglücklich wir sind, dich endlich... wach zu sehen... aber du machst uns wirklich Angst", sagte sie und schob Shunsaku noch weiter hinter sich. "Bitte sag etwas. Erkennst du uns? Wie sind unsere Namen?"

"Komm schon, mein Junge, sag ihre Namen", sagte Yusaku und räusperte sich. Bis jetzt hatte er sich unauffällig im Hintergrund gehalten, doch jetzt wurde er unruhig.
Shinichi schaute kurz zu ihm und Yukiko, dann starrte er wieder Ran und die Kinder an.
Und machte erneut stumm einen Schritt auf sie zu.
Yusaku gefiel das gar nicht, das Verhalten seines Sohnes gefiel ihm nicht. Er setzte sich in Bewegung und wollte sich vor Ran stellen, um sie zu beschützen.

Endlich machte Shinichi den Mund auf.
"Ihr... lebt...?"
Er blieb für einen Moment stehen, dann fiel er auf die Knie. "Es tut mir alles so leid", sagte er und verbeugte sich so tief, dass seine Nasenspitze den Boden berührte.
"Dad?"
"Ich werde nie wieder gutmachen können, was ich euch angetan habe. Es tut mir schrecklich leid."
"Ähm, Dad?"
Mit dieser Reaktion hatten sie überhaupt nicht gerechnet, keiner von ihnen. Sie hatten alles erwartet, wirklich alles, selbst dass er sie nicht mehr erkennen würde, aber nicht [i]das[/i]!
Ihr Vater kniete vor ihnen wie der untertänigste Untertan und bat um Verzeihung!

Shunsaku schossen Tränen in die Augen, er schlüpfte an seiner Mutter vorbei und fiel seinem Vater um den Hals, nachdem er ihn aufgerichtet hatte.
Shinichi drückte ihn fest an sich.
"Es tut mir so leid, mein Junge. Es tut mir wahnsinnig leid."
"Alles gut, Daddy, es ist alles gut."
Shunsaku hatte tränennasse Wangen, aber er war überglücklich. "Es ist alles gut. Willkommen zurück."
Jetzt, da Shinichi Jr., Reika und Miyuki wussten, dass von ihrem Vater keine Gefahr ausging, gab es kein Halten mehr. Sie fielen ihm freudig um den Hals, aber gaben ihn wieder frei, als Ran zu ihnen trat.


Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, verpasste sie ihm eine Ohrfeige. Die Wucht des Schlags beförderte ihn seitlich zu Boden.
"Wie konntest du das tun, Shinichi?", rief sie voller Wut. "Was hast du dir dabei gedacht, dir selbst-"
"Es tut mir furchtbar leid, Ran, wirklich", sagte Shinichi, dem nun ebenfalls die Tränen kamen. Langsam richtete er sich wieder auf, er blieb aber auf dem Boden knien. "Ich weiss, ich hätte nach einem anderen Ausweg suchen müssen, aber die Zeit... Ich war so müde... Ich hatte furchtbare Angst um euch, ich-"
Ran fiel auf die Knie und zog ihn in die Arme. Sie drückte ihn fest an sich, und Shinichi vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter. "Ich ertrage es nicht, einen von euch nochmal sterben zu sehen. Ich ertrage es einfach nicht, Ran. Bitte versteh doch-"
"Shinichi-"
"Es tut mir alles so schrecklich leid", entschuldigte er sich weiter. "Ich wollte euch nie einer solchen Situation aussetzen, aber... ich weiss, werde es nie wieder gutmachen können, darum bitte ich euch inständig-"

Bevor Shinichi seinen Satz beenden konnte, wurde er von Ran geküsst und fester umarmt.
"Es ist alles vergeben", schluchzte sie und drückte ihm noch einmal einen Kuss auf die Lippen. "Es ist alles vergeben. Nur mach es bitte nie wieder, ja?"
"Es tut mir so leid."
"Lass uns neu beginnen, okay?", schluchzte sie. "Ohne Alpträume, ohne Gewissensbisse, ohne Bereuen. Vergiss den Schuss auf mich, vergiss es einfach, ja? Ich bin hier, wir alle sind hier. Und du bist auch hier, also lass uns nach vorne schauen. Lass uns einfach vergessen, was geschehen ist."
Ran nahm seinen Kopf in beide Hände und schaute ihn an.
Er sah unglaublich müde aus. Müde. Abgekämpft. Verloren. Am Ende seiner Kräfte. Und auch traurig.
"Shinichi, ich sage das nur ungerne, aber du musst schlafen-"
"Ich darf nicht schlafen..."
"Oh doch, du darfst. Der Kerl, der dich... er ist tot, verstehst du? Er scheint es irgendwie geschafft zu haben, dich unterbewusst derart unter Druck zu setzen, dass du dauernd Alpträume hattest, aber jetzt... ist er tot. Du kannst schlafen und wirst keine Alpträume haben. Du kannst schlafen, ohne Angst haben zu müssen. Du kannst schlafen. Und endlich deinen Frieden finden."

Als Shinichi nicht sofort etwas darauf erwiderte, setzte sich Ran hin, lehnte mit dem Rücken zur Wand und zog ihren Ehemann so in die Arme, dass sein Kopf auf ihrer Brust lag.
"Du hast uns allen das Leben gerettet, Shinichi. Du hast die Kinder gerettet. Und mich, indem du auf mich geschossen hast. Der Kerl hatte es auf uns alle abgesehen, aber du warst derjenige, der sich ihm wortwörtlich in den Weg gestellt hatte. Jetzt ist er fort, aber du bist hier, bei mir. Bei uns. Du bist jetzt bei den Menschen, die dich über alles lieben, du bist bei den Menschen, die du gerettet hast. Wir werden dir dafür ewig dankbar sein. Aber... ich bitte dich, Shinichi: verzeih dir selbst, werde wieder gesund und komm dann nach Hause. Komm zu uns, in den Kreis deiner Familie. Wo du hingehörst."
"Ja, Dad", meldete sich Shinichi Jr. zu Wort und kniete sich neben seine Mutter. "Vergiss einfach alles, komm nach Hause und sei wieder unser total verrückter und liebenswerter Dad. Wir haben dich sehr vermisst."
Reika, Miyuki und Shunsaku nickten. Alle hatten Tränen in den Augen.

Shinichi richtete sich so gut es ging auf, dann schloss er seinen Erstgeborenen in die Arme.
"Es tut mir so leid, was ich euch angetan habe. Ich verspreche, dass so etwas nie wieder vorkommt. Bitte verzeiht mir."
"Nur wenn du dir selbst auch verzeihst", schniefte Shunsaku leise.
"Ich versuche es."
Nun kamen auch Ran wieder die Tränen.
"Das ist ein neuer Anfang", schniefte sie, schob Shinichi Jr. zur Seite und schloss ihren Ehemann wieder in die Arme. Ihre Kinder taten es ihr gleich und erdrückten ihre Eltern in einer Gruppenumarmung.

Shinichi war dem Tod näher als dem Leben, eigentlich war er bereits tot gewesen. Doch jetzt sah es anders aus. Er kniete vor ihnen und hielt sie fest umarmt, während bei ihnen allen die Tränen flossen. Die dunklen Zeiten waren vorbei, Shinichi war aufgewacht. Und er hatte riesiges Glück gehabt, dass er keine Schäden davontrug, ausser einer Wunde an der Schläfe, die sich später in eine deutlich sichtbare Narbe verwandeln würde.
Ran drückte sich fest an Shinichi und legte ihren Kopf auf seine Brust. Sie spürte sein schlagendes Herz und auch sein funktionierendes Gehirn.
Worte konnten nicht ausdrücken, was sie in diesem Moment empfand, aber das stärkste Gefühl war mit Abstand Glück. Glück und die Liebe, die sie für ihren Ehemann empfand.
Sie schloss die Augen und genoss einfach nur den Moment.

Egal was noch kam, selbst wenn das nächste Unglück über die Familie hereinbrach, selbst wenn es eine neue Zeit der Alpträume geben sollte, was sie nicht hoffte... sie würden es gemeinsam durchstehen. Solange sie einander hatten, würden sie alles schaffen.
Sie waren schliesslich Seelengefährten.

Seelengefährten für immer.

Owari
 
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