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The Rarest of Feelings

von Zhongli
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Tartaglia "Graf" Zhongli
13.12.2020
13.12.2020
1
3.722
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Spoiler Warnung
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Kapitel 1 findet nach "Act I: Mighty Cyclops' Adventure!" statt.





Die Dunkelheit der Nacht ummantelte ihn, doch der Anblick des Sternenhimmels wurde ihm von dichten Rauchschwaden verwehrt. Der Geruch von überhitztem Metall und Blut kurbelte seinen Würgreflex an. Klaffende Wunden, fiebrige Atemzüge, schlotternde Beine. Das Dämonengewand war Childes Rettung in der Not gewesen, doch seine noch nicht gänzlich verheilten Verletzungen plagten ihn nun in doppelter Intensität. Zusätzlich zierten neue Wunden seinen Körper und jegliche Kraftreserven, die er über die letzten Tage angesammelt hatte, waren nun aufgebraucht worden. Vielmehr hatte er sich sogar derartig verausgabt, dass er mit absoluter Sicherheit eine neue Schmerzgrenze erreicht haben musste. Doch zu welchem Preis?

Um Teucer vor der erschütternden Wahrheit zu bewahren und um ihm noch ein wenig Kindlichkeit in Bezug auf seinen geliebten Kloppi gewähren zu können, hatte er erst kürzlich Gebrauch von seinem Dämonengewand machen müssen. Und selbst da war er noch dabei gewesen, sich vom vorherigen Kampf in der Goldstube zu erholen. Die Arbeit ließ nun einmal nicht auf sich warten und seine Familie hatte ohnehin höchste Priorität. Jede Nutzung seiner Kräfte war folglich notwendig gewesen. Auch gerade hatte man ihm keine Wahl gelassen. Anders hätte er die Horde Kryo-Schleime und dieses äußerst aggressive Exemplar von einem Ruinenjäger nicht bezwingen können. Die Einzelteile jener Bestie sprühten noch Funken, Wasserdampf stieg von der leblosen Maschine empor. Desorientiert taumelte Childe vorwärts, unwissend, wie er den Weg zurück zur Bank des Nordens finden, geschweige denn diesen bewältigen sollte. Das Adrenalin rauschte noch immer durch seine Adern und sein Herz hämmerte wild in seiner Brust. Seine Atmung war hektisch und unkoordiniert. Beinahe glaubte er, seine Lungen füllten sich ausschließlich mit Qualm und Staub. Immer wieder zuckte er zusammen, schien geradezu unter Strom zu stehen. Der Blutverlust nagte an ihm, die ausklingende Ekstase vernebelte seine Wahrnehmung. Mit verzogenem Gesicht schleppte er sich schrittweise voran, geriet stetig erneut ins Wanken. Für einen kurzen Augenblick hielt er inne, legte den Kopf in den Nacken und nahm einen tiefen Atemzug, hoffend, diesmal mehr Sauerstoff in seine hungrigen Lungen befördern zu können.

In der Regel entzückten ihn Chancen auf einen guten Kampf. Vor allem dann, wenn in Aussicht stand, dass er dadurch an Erfahrung und Stärke gewinnen würde. Zudem motivierte ihn der Geschmack der Euphorie, welcher ihm bei nahezu jedem Gefecht auf der Zunge lag. Sicher hatte der Abyss seinen Teil dazu beigetragen. Doch dieses eine Mal hätte er es besser wissen müssen. Dieses eine Mal war er zu überheblich gewesen. Er hatte sich zu viel des Guten zugemutet und die Konsequenz schmeckte bitterer als Blut. Da sein Angstgefühl in gewissen Punkten schon lange erloschen war, empfand er eher Frust über diesen einmaligen Fall von Leichtsinnigkeit. Doch auch dieses Empfinden flaute allmählich ab.

Er entschied, seinen aussichtslosen Fußmarsch fortzusetzen. Ob er überhaupt in die richtige Richtung lief? Plötzlich trat er auf einen ungewöhnlich nachgiebigen Untergrund, welcher sich allen Übels als schleimige Masse entpuppte und ihn mit Freuden hintenüber auf den Boden beförderte. Der Schmerz in seinem Rücken explodierte geradezu, entlockte ihm ein leidendes Stöhnen. Das Ausatmen der verdreckten Luft kitzelte unangenehm in seinem Rachen, brachte ihn zum Husten. Er verkrampfte sich, wollte sich dennoch eilig aufrappeln, bevor ihm der Boden zu gemütlich wurde, und er griff natürlich auch noch direkt in die schleimige Masse, auf welcher er ausgerutscht war. Womöglich waren es Überbleibsel von einem der Kryo-Schleime. Es musste Karma sein, dass ihn diese schwabbeligen Ekelpakete selbst nach ihrem Tod noch folterten. „Ist das widerlich...“, keuchte er mit heiserer Stimme, insgeheim froh darüber, Handschuhe zu tragen. Als er den klebrigen Schleim, welcher den dünnen Stoff benetzte, nun aus halbgeschlossenen Augen musterte, lachte er verlegen auf. Heute war er wirklich ein hoffnungsloser Fall. Die schleimige Substanz wischte er an seiner ohnehin dreckigen Hose ab, ehe er sich etwas unbeholfen aufrappelte. Sofort jagte sich ein entsetzlich qualvoller Schauder über seinen Rücken hinauf in Richtung Nacken, ließ ihn kurz Sternchen sehen. Instinktiv biss er sich auf die Unterlippe, um sich vom Schmerz abzulenken. Er wollte nicht nachgeben. Genauer gesagt, er wollte nicht aufgeben. Wenn er den Kampf an sich schon überstanden hatte, dann sollte es doch nicht am Weg zurück zur Bank des Nordens scheitern. Dieses bisschen Ausdauer müsste er doch noch zusammenkratzen können. Oder überschätzte er sich erneut? Scheinbar.

Zwei Schritte gelangen ihm noch, ehe ihn für einen Augenblick jegliches Gefühl für seine Sinne verließ. Childe fand sich diesmal bäuchlings auf dem Boden wieder. Die Spitzen der Grashalme kitzelten an seiner Haut, piekten gegen seine Wange und er konnte deutlich die Erde unter sich riechen. Obwohl er auf festem Untergrund lag, schien sich die ganze Welt zu drehen. Fast schon etwas trotzig versuchte er, die Augen offen zu halten. Der Rauch kratzte in seinem Hals, seine Augen brannten, das schwindende Adrenalin machte Platz für Kälte und Müdigkeit. Er musste aufstehen. Aber er konnte nicht. Es wäre bloß eine Frage der Zeit, bis ihn Schatzräuber fänden. Ob er eine solche Begegnung in bewusstlosem Zustand überleben würde, war fraglich. Jedoch war es wahrscheinlicher, dass ihn vorher ein anderes Monster fand und ihn von seinem Leid erlöste. Wenn er bis dahin nicht seinen Verletzungen erlegen war. Verdammt. Dass er sich solche pessimistischen Gedankengänge überhaupt erlaubte! Und doch war er zu ausgelaugt, um sich zu regen. Deutlich spürte er, wie seine Sturheit von der Müdigkeit verschluckt wurde. Der Kampf seines Geistes gegen seinen Körper wurde von ihr unterbrochen. Allmählich freundete er sich sogar mit dem Gedanken an, ein Nickerchen im Gras zu halten. Dass es in einem ewigen Schlaf enden könnte, war ihm durchaus bewusst, doch die Erschöpfung ernannte dieses Risiko zu einer temporären Belanglosigkeit.

Plötzlich schien der Boden tatsächlich zu vibrieren. Ein warmes Licht schien durch die Rauchschwaden, alarmierende Laute erweckten seine vage Aufmerksamkeit. Der Lärm zeugte von einer intakten Maschine, wie sie ihm nur zu bekannt war. Kloppi. Abermals musste er husten. Bei jeder kleinsten Bewegung wurde er mit Schmerzen belohnt. Seine Nerven schienen in Flammen zu stehen. Und doch zuckten seine Mundwinkel nach oben. Mit jedem Schritt, den der Ruinenwächter auf ihn zustampfte, wurde er bloß müder und seine Augenlider schwerer. Der Bedrohung gelang es nicht, ihm den nötigen Schub oder gar die Kraft zu geben, sich eigenständig in Sicherheit bringen zu können. Nicht der simpelste Instinkt löste sich in ihm aus. Kein Gedanke hallte durch seinen Kopf. Sein Körper war dabei, gänzlich auszuschalten und weder er, noch der sich nähernde Ruinenwächter konnten dagegen etwas tun. Der elektrisierende Rausch, in welchem er sich vor wenigen Minuten noch befunden hatte, war abgeebbt und forderte nun eine entsprechende Maßnahme ein. Eine Ruhepause.

Childe wusste, wie Ruinenwächter konstruiert waren. Welche Angriffe sie vollführten, welche Defensiven sie nutzten. Er kannte ihre Schwachstellen und konnte die Laute, die sie von sich gaben, entsprechenden Aktionen zuordnen. Dazu brauchte er nicht einmal hinzusehen. Zwar war sein Gehör gerade in seiner Leistung eingeschränkt, doch er ahnte bereits, dass er in wenigen Sekunden sein Ende finden würde. Er war bereit, in die rettende Bewusstlosigkeit abzudriften und sich den physischen und mentalen Schmerz des Sterbens ersparen zu lassen. Doch bevor er sich von der Ohnmacht umarmen ließ, übermittelten seine Sinne ihm ein paar letzte und womöglich entscheidende Informationen.

Ein ohrenbetäubendes Grollen, krachendes Metall, ein dumpfer Aufschlag und ein zarter Windstoß, der Dreck und Staub aufwirbelte. Zuletzt eine tiefe Stimme, eine wohlige Wärme in sich beherbergend.

„Childe.“





Zuerst war da dieses unerträgliche Brennen. Er atmete scharf ein, bevor er die restliche Luft mit einem peinvollen Wimmern ausstieß. Der Geruch von Alkohol stach ihm in die Nase. Kurz darauf erweckte ein nasses Tuch seine Feindseligkeit. Das Stück Stoff streifte möglichst rücksichtsvoll sein Gesicht, gleichzeitig jedoch hartnäckig genug, damit das lauwarme Wasser seine Haut von Dreck und Blut befreien konnte. Childes gekränkter Stolz bat darum, sein Unbehagen auszudrücken. Aber als er anstrebte, einen knurrenden Laut von sich zu geben, verließ lediglich ein klägliches Quengeln seine Kehle. Sofort stieg Scham in ihm auf. Enttäuscht über seine Blamage verzog er das Gesicht und er könnte schwören, dass jemand amüsiert über seine Reaktion gluckste.

Tatsächlich waren seine Gedanken zu wirr, als dass er sich mit irgendwelchen Fragen auseinandersetzen konnte. Seine Sinne arbeiteten bloß bedingt und entschieden wohl selbst, was sie ihn wahrnehmen ließen. Jedoch registrierte er durchaus, dass er in Sicherheit zu sein schien. Sein Kopf kippte ein wenig zur Seite, als er dabei war, wieder einzudösen. Infolgedessen legten sich zwei fremde Finger an sein Kinn, dirigierten seinen Kopf wieder in die ursprüngliche Position zurück. Kurz darauf spürte er, wie man ihm mit dem Tuch wieder das Gesicht abtupfte. Diesmal hatte er kein Interesse daran, sich zu beschweren. Nein, er wollte einfach nur schlafen. Die Schmerzen fielen erneut über seinen Körper her, doch lange konnten sie ihn nicht mehr tyrannisieren. Das Brennen ließ nach und ein traumloser Schlaf erwartete ihn.





Zunächst bemerkte er das weiche Kissen, auf dem sein Kopf gebettet war. Ihm war angenehm warm und er lag bequem. Eine Decke stellte sicher, dass seine Körpertemperatur nicht sinken würde. Doch was ihn am meisten freute: Weder Dampf, noch Alkohol beschmutzten die wertvolle Luft.

Seine Lungen begrüßten den Sauerstoff freudig.

Nach und nach rief sich das Geschehene wieder in sein Gedächtnis zurück. Während er seine Gedanken ordnete, versuchte er, seine Finger zu bewegen. Es verlangte ihm mehr Konzentration ab, als es sollte. Und dann schossen die Schmerzen wieder durch seinen Körper. Als hätte er mit dieser kleinen Regung einen Hebel umgelegt. Er konnte sich einen leidenden Seufzer nicht verkneifen, spannte sich an. Wie sehr er dieses Gefühl hasste. Er hatte kaum Kontrolle über seinen Körper, konnte nur mühsam klare Gedanken fassen und war völlig ahnungslos und vor allem hilfsbedürftig. Childe war kein schlechter Verlierer und auch wusste er, dass es menschlich war, Momente der Schwäche zu durchleben. Ebenso war es natürlich, dass andere diese verletzlichen Augenblicke bezeugen würden.

Aber er wusste ja nicht einmal, wo er war.
Ob gerade jemand bei ihm war.

Das Bett fühlte sich nicht wie seines an und so sehr er sich anstrengte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, seine Augen zu öffnen. Die Schmerzen waren unerträglich, ein ekelhaftes Druckgefühl nistete sich in seinen Ohren ein und obwohl ihm wieder schwindelig wurde und die Trägheit seinen Körper zur Ruhe animieren wollte, so konnte er nicht einschlafen. Es war ein widerliches Gefühl. Pure Folter. Folglich war der beruhigende Duft, welcher sich plötzlich in dem ihm unbekannten Raum ausbreitete, seine Erlösung.
„Ich erhaschte eine Schüssel dieses Tees bei einem Besuch in Quingce. Es ist nicht nur der hervorragende Geschmack, der diesen Tee zu einer Besonderheit macht, sondern auch seine schmerzlindernde und heilungsfördernde Wirkung. Nach dem Verzehr bedarf es ein wenig Zeit, bis der Effekt anschlägt, jedoch hat eine einzige Schüssel dieses Tees bereits eine bemerkenswerte Effizienz.“
Es gab Stimmen, die sich in Childes Gedächtnis brannten. Diese hier war süßer als Honig und wärmer als die anschmiegsamste Decke. Tief, aber sanft. Trotz des Schwindels wurde sein Kopf von Gedanken überflutet.

Zhongli.

Der Geruch des Tees wurde stärker. Der Grund dafür wurde eindeutig, als er der Rand einer Keramikschüssel flüchtig seine Lippen streifte. Childe brummte leise.

Zhongli hatte ihn an der Nase herumgeführt.
Childe hatte versucht, diese Niederlage mit Humor zu nehmen, doch es war ihm nicht gelungen, jenen Vorfall vollends zu verdauen. Zwar war Manipulation etwas, wovon er selbst nicht absehen konnte, aber Zhongli hatte seine Sympathie gewonnen und ihn anschließend am eigenen Leib spüren lassen, was es bedeutete, nichts weiter als der Teil eines Plans zu sein. Folglich hatte er Zhongli in den letzten Wochen gemieden und möglichst aus seinen Gedanken verbannt. Womöglich war es kindisch, sich verraten zu fühlen. Aber er war von Rex Lapis höchstpersönlich in die Irre geführt worden und erntete bis zum heutigen Tag noch argwöhnische Blicke auf den Straßen Liyues. Wer könnte ihm also verübeln, dass er es nicht auf die leichte Schulter nahm? Und nein, sein Herz war nicht gebrochen.

Es hatte aber vielleicht eine kleine Delle abbekommen.

In anderen Worten:
Ganz sicher würde er dieses Gesöff nicht probieren.

Seltsamerweise beruhigte ihn die Präsenz des Archons nichtsdestotrotz. Einerseits, weil er Zhongli in gewisser Weise noch vertraute. Andererseits, weil auch er es gewesen sein musste, der ihn hierhergebracht hatte. Sofort warfen sich etliche Fragen für ihn auf. Aber vorerst würde er keine von ihnen stellen.

Zhongli räusperte sich.

Als Gegenreaktion bekam er bloß ein Schnauben. Childe startete einen zweiten Versuch, seine Augen zu öffnen. Doch es wollte ihm wieder nicht gelingen und er war drauf und dran, zu fluchen. Das war doch ein Witz. Am liebsten wollte er Zhongli die Schüssel aus den Händen treten und irgendetwas zusammenschlagen. Diese ganze Situation war schlichtweg ätzend.
„Du wirst schmerzfrei weiterschlafen können, nachdem du ausgetrunken hast“, versicherte man ihm nun. Angespornt von dieser recht vielversprechenden Aussicht, öffnete er nach kurzem Zögern doch den Mund.

Childe ließ sich leichter ködern, als ihm lieb war. Aber wenn die Möglichkeit bestand, dass er für eine Weile vor dieser Misere flüchten konnte, dann würde er sie nutzen.

Die Keramikschüssel rückte ein Stück näher an seine Lippen heran und er konnte den warmen Tee fast schon schmecken. Erst fürchtete er, sich gleich die Zunge zu verbrennen, doch als man die Schüssel ein wenig kippte, sodass er einen scheuen Schluck probieren konnte, stellte er fest, dass die Temperatur der Flüssigkeit perfekt abgestimmt war. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Und das Gesöff hatte tatsächlich einen akzeptablen Geschmack.

Zwar war er langsam, aber er trank den Tee Schluck für Schluck und Zhongli achtete stetig darauf, die Schüssel ein wenig mehr zu neigen.
„Es ist besser, deinen Körper nicht mit zu vielen Aromen zu konfrontieren. Dein Magen wird leichte Speisen begrüßen, die deine Erholung fördern. Juwelensuppe ist ein Gericht, welches keinerlei scharfe Zutaten enthält. Neben den Lotussamen und dem Tofu ist lediglich noch Gemüse ein Bestandteil. Du hast nur leichtes Fieber, keine Grippe und keine Magenverstimmung. Ich bin mir sicher, dass-“
Childe unterbrach ihn: „Dein Geschwafel tut in den Ohren weh.“
Zhongli atmete hörbar aus.
Oh. Hatte er etwa jemanden verärgert? Welch ein entzückender Erfolg. So angenehm Zhonglis Stimme auch klang - Childe war noch immer zu wütend auf ihn, als dass er sich diesem Schein hingeben wollte. Dem Schein, dass alles zwischen ihnen in Ordnung war.

Zhongli sprach mit ihm, als wäre nie etwas passiert.

Aber es war viel passiert.

Zu viel.

„Ich verstehe schon“, kam es kühl über Zhonglis Lippen. „Aber möchtest du mir zumindest anvertrauen, wer oder was Kloppi sein soll?“

Mit einem Mal fand Childe die Kraft, seine Augen zu öffnen. Und er tat es so schnell, dass all die Farben und das Licht ihn beinahe ausknockten.
„Was?“, hauchte er, fast schon etwas kleinlaut.
„Kloppi“, wiederholte Zhongli, gelassen, „Als du das erste Mal aufgewacht bist, hast du von Kloppi geredet.“
Childes Herzschlag beschleunigte sich. Ihm wurde heiß.
„Ach, habe ich das? Was habe ich denn gesagt?“

Childe war sich sicher, dass er diese Frage bereuen würde. Und Zhongli schien ebenfalls dieser Überzeugung zu sein, denn statt zu antworten, schwieg er.

Allmählich wurde seine Sicht klarer. Childe blickte direkt in die bernsteinfarbenen Augen des Geo-Archons, wurde kurz von seinen zartgelben Pupillen gefesselt. Rasch unterbrach er den Blickkontakt, wanderte ein wenig mit seinen Augen umher. Er konnte sich vielleicht nicht aufrichten, aber auch liegend war einiges zu erkennen, selbst wenn es bloß aus dem Augenwinkel war. Die Einrichtung des mittelgroßen Raumes war überwiegend in Braun- und Rottönen gehalten. Weiß und Schwarz wurden gekonnt eingesetzt, um der Atmosphäre des Zimmers den Feinschleif zu verleihen. Goldene Verzierungen schmückten die dunkelroten Bezüge von Kissen und Decke. Der dunkelbraune Holzboden war makellos und kein einziges Staubkorn benetzte die fast schon edlen Möbel. Ein Strauß Seidenblumen ruhte auf einem der niedrigeren Schränke. Die Stängel fanden Unterkunft in einer kunstvollen Vase. Dichte Vorhänge verhinderten, dass zu viel Licht in den Raum fiel. Der goldene Schimmer verriet ihm jedoch, dass die Sonne bereits unterging. Wie lange er wohl bewusstlos gewesen war?

Fast wäre er erschrocken, als Zhongli sich erhob. Der Geo-Archon hatte die ganze Zeit über auf der Bettkante gesessen. In seinen Händen hielt er die leere Schüssel. Wie auch sonst trug er dunkle Handschuhe.

„Gehst du?“, fragte Childe instinktiv nach, als Zhongli auf die Tür zusteuerte. Der Geo-Archon hielt inne, blickte wieder zu ihm. „Ich erledige nur ein paar Besorgungen“, antwortete man ihm anschließend. Childe befeuchtete seine Lippen, merkte, dass Zhongli Recht hatte, was den Tee betraf. Die Schmerzen wurden mit jeder Sekunde erträglicher und er selbst etwas schläfriger.

„Was ist passiert?“, wollte Childe schließlich wissen.
„Das wirst du dir selbst besser beantworten können, als ich es kann“, erwiderte Zhongli etwas nüchtern. „Du hast dich in letzter Zeit zu viel verausgabt. Ich sah, wie du zusammengebrochen bist. Ich habe den Ruinenwächter aus dem Weg geräumt und dich zurück in die Stadt gebracht. Wie es aber überhaupt dazu kam, weißt du wohl besser als ich.“
Childe schnalzte mit der Zunge, sah starr zur Decke. „Hast du mir nachspioniert?“, wollte er wissen. „Nicht direkt. Aber man hat mir einiges zugetragen.“
Nun sah Childe doch zum Geo-Archon herüber. „Und woher wusstest du, wohin mich mein letzter Auftrag führte? Hat man dir das auch zugetragen?“ Zhongli brummte ertappt. „Nein. Ich denke, meine Neugier und ein mulmiges Gefühl haben mich dir folgen lassen. Ich sah, wie du die Stadt verlassen hast.“

Es war irritierend.

Während Childe versucht hatte, so wenig wie möglich an Zhongli zu denken, hatte dieser versucht, über ihn informiert zu bleiben. Zugegeben, daraus wurde der Fatui alles andere als schlau.

„Du scheinst in deinem Element zu sein. Situationen dieser Art sind dir sicher vertraut“, behauptete Childe schließlich.
„In der Regel tätige ich eher die Vorbereitungen für Zeremonien. Hier widmet sich meine Pflicht vielmehr der Unterstützung deiner Heilung, anstatt der Verabschiedung. Und um ehrlich zu sein, empfinde ich das als Erleichterung.“
- „Deine Pflicht?“ Childe schmunzelte bitter über jene Wortwahl. „Ich bin niemand, dem du Schutz schuldig bist.“
Zhongli brummte verstehend. „Aber du bist ein Freund“, erwiderte er dann.
Childe musste zugeben, dass ihn diese Aussage durchaus verblüffte. Ferner brachte sie ihn sogar ein wenig aus dem Konzept. Jegliche Missgunst, die Childe gerade noch empfunden hatte, schwand dahin. „Ein Freund“, wiederholte er, blinzelte überrascht.

Dann kicherte er amüsiert.

Er hoffte, so verdecken zu können, wie verwirrt er eigentlich war. „Freundschaften waren nie meine Stärke. Womöglich pflege ich sie deswegen primär im Kampf“, gab er schließlich zu. Zhongli nickte, ehe er seinen Blick zu den Fenstern wandern ließ. „Diese hier nicht“, schlussfolgerte er. Beinahe war es ihm gelungen, Childe ein Lachen zu entlocken. Doch stattdessen hoben sich seine Mundwinkel bloß ein minimales Stück weiter an. Diese hier nicht.
„Mir ist nicht entgangen, dass du mich in letzter Zeit gemieden hast. Um ehrlich zu sein, kann ich es dir auch nicht übel nehmen. Für mich hingegen gab es keinen Grund, dich zu meiden. Aber ich merkte auch, dass es besser sein würde, dir vorerst Freiraum zu lassen“, fuhr der Geo-Archon fort. „Vor ein paar Tagen sah ich den Reisenden. Er steuerte auf die Bank des Nordens zu, begleitet von einem Kind. Dein kleiner Bruder, nehme ich an. Auch hörte ich, dass du an jenem Tag mit schweren Verletzungen in die Stadt zurückgekehrt bist. Wenn man so durch Liyues Straßen wandert, findet man oft den Rat oder eine Information, die man sucht.“

Stumm zupfte Childe am Zipfel der Decke herum. Er war gerade noch wach genug, um Zhonglis Worte einsickern zu lassen. Er hatte sich Sorgen gemacht. Das wollte er ihm sagen, indem er so um den heißen Brei redete.
Der Groll, den er die letzten Wochen gegenüber Zhongli gehegt hatte, enthüllte sich als eine verzichtbare Last, die er all die Zeit mit sich getragen hatte. Grundlos. Oft hatte er versucht, sich einzureden, dass sein gekränkter Stolz Ursache für diese selbstzerstörerische Einstellung war. Jedoch hatte er immer genau gewusst, dass vielmehr die Sorge, dass auch ihr eigentlich gutes Verhältnis miteinander ein Bluff gewesen war, ihn so betrübt und verärgert hatte.

Und seinem Herzen diese Delle zugefügt hatte.

Auch wenn sein Geldbeutel unter Zhonglis Gesellschaft an Gewicht verloren hatte, so hatte er ihre gemeinsame Zeit genossen. Und ja, er hatte sie vor allem auch vermisst. Doch reichte diese eine Aussage, um den Groll loszulassen? Waren sie denn wirklich Freunde? Konnte er verzeihen und die Last ziehen lassen? Ein prüfender Blick in Zhonglis Richtung gab ihm die Antwort.

Verdammt, es gab nur eine einzige Antwort.

Dieser Mann hatte ihn bis zur Innenstadt Liyues zurückgetragen und verarztet. Er hatte aus den Fetzen an Informationen wichtige Schlussfolgerungen gezogen und im Geheimen über ihn gewacht, während er versucht hatte, ihn zu vergessen. Und als er ihn dann gebraucht hatte, war Zhongli da gewesen. Die Sorge, die, wenn auch etwas versteckt, in Zhonglis Augen funkelte, war aufrichtig. Es gab ihm die Gewissheit, die er brauchte. Ihre Freundschaft war in der Tat komplex, aber sie war anders. Sie war gut. Und sie war es wert, von den schlechten Erinnerungen loszulassen.

„Besorgungen also, hm?“, meinte Childe schließlich. „Sicher die Juwelensuppe, von der du vorhin so viel geschwafelt hast, nehme ich an?“

„Exakt.“

Ein Schmunzeln schlich sich auf Childes Lippen. Mittlerweile war er der festen Überzeugung, dass Zhongli irgendetwas in den Tee gemischt hatte. Die Schmerzen waren kaum mehr spürbar und die Müdigkeit flüsterte ihm ins Ohr, dass es Schlafenszeit war. Bedingt war das sicher auch ein Resultat des vielen Nachdenkens. Doch bevor er ein weiteres Nickerchen machte, wollte er diese Unterhaltung angemessen beenden. Positiv. Er wollte einen Schlussstrich ziehen. Zeigen, dass die Zeit des Meidens vorüber war. Dass er keinen Freiraum mehr brauchte.

„Weißt du, der wahre Vorteil an Juwelensuppe sind nicht die Zutaten, sondern die Konsistenz“, erweckte er also direkt Zhonglis Interesse.
„Wenn ich das richtig verstehe, werde ich nur wenig Gebrauch von Stäbchen machen müssen“, erklärte Childe dann fast schon tonlos, während er allmählich in den Schlaf abdriftete. Jedoch vernahm er noch deutlich den belustigten Laut, den Zhongli von sich gab. Childe musste nicht zu ihm sehen, um zu wissen, dass ein warmes Lächeln seine Lippen zierte. Und die Vorstellung allein reichte vollkommen aus, um ihm nicht nur einen erholsamen Schlaf, sondern auch süße Träume zu bescheren.








Vielen lieben Dank an meine Beta-Leserin, Xahali

Eine englische Version dieser Geschichte habe ich auf AO3 hochgeladen.

Danke an diejenigen, die bis hierhin gelesen haben! :)
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