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Kurz Vor Schluss

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / FemSlash
Chiara Nadolny Ina Ziegler
13.12.2020
11.02.2021
7
61.948
10
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29 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
13.12.2020 6.370
 
Disclaimer: RTL/TVnow und UFA Serial Drama gehören die die Rechte an "Alles Was Zählt" bzw. "AWZ" und den darin enthaltenen Charakteren. Ich hab sie mir nur ausgeborgt. Und so langsam, glaube ich, will ich die Rechte daran auch gar nicht mehr haben. Auch nicht geschenkt, und mit Schleifchen drum. Aber die Story ist mein geistiges Eigentum.

Sonstiges: 2020 su**s, Constantin-Cordula kann mich mal kreuzweise und ich finde, AWZ verdient die Leidenschaft, Hingabe und den Zuspruch der LGBTIQ-Fandom-Kommune nicht. Bei all den Klischees und langweiligen, halbherzig bis lieblos erzählten Geschichten, die die zur Zeit abliefern. *moser*
Und, nein, die Pandemie hat daran ausnahmsweise keine Schuld.

P.S.: Habe mir ausnahmsweise die Korrektur via einer großen Online-Rechtschreib-Hilfe erspart. Sorry für etwaige Fehler. Aber ich wollte sie heute noch bringen. Viel Spaß beim Lesen. VG. Dusty
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Kurz vor Schluss

Einen ganzen Monat war es inzwischen her, seit Ina mit ihr Schluss gemacht hatte. Mal wieder. Diesmal hatte sie nicht, wie sonst üblicherweise, nur indirekt damit gedroht. Nein, sie hatte ihre Be­ziehung einfach für beendet erklärt. Und, wie für Ina typisch, hatte sie wieder mal keine Zeit darauf verschwendet, Chiara die notwendige Zeit zu lassen, um darüber in Ruhe nachzudenken. Nein, sie hatte mal wieder beschlossen, die Eiskunstläuferin zu bevormunden, wie ein Kleinkind.
Chiara konnte Ina´s Wut ja durchaus verstehen. Sie wusste, sie hatte ein Wort zu viel gesagt, als sie Ina vorhielt, dass die Wettkampfrichter sie, Chiara, wegen der Beziehung zu Ina und dem Artikel in Kufe & Eis aus homophoben Motiven niedriger bewertet. Indirekt hatte sie Ina so quasi eine Mit­schuld an der Wertung zugesprochen, was natürlich vollkommener Quatsch gewesen war. Ja, es war sogar völliger Bockmist, den das temperamentvolle Frl. Nadolny da abgesondert hatte. Das wusste sie selber. Und genau das und noch so viel mehr hatte sie ihrer Ina auch eigentlich sagen wollen. Damals. Nach dem erhellenden Gespräch mit Christoph. Und nachdem die einlullende Wirkung des guten Whiskeys sich aus ihrem neuralen System verdünnisiert hatte.
Nur leider geschah ihr in Gegenwart von Ina dann das, was ihr immer geschah, wenn sie Ina sah. Absoluter Filmriss und totaler Verlust sämtlicher Denk- und Artikulationsfähigkeit. Außerdem, so konnte sich Chiara düster erinnern, war Ina von der ersten Sekunde ihres beschissenen Aufeinander­treffens so merkwürdig distanziert. Atypisch unnahbar. Fast schon kalt. Bis sie vor ihr in Tränen ausbrach, natürlich. Retrospektiv hätte die Kufenelfe da schon misstrauisch werden müssen. Und vorher einlenken bzw. sich weitere Erklärungen für später aufbewahren müssen. Das klärende Ge­spräch auf später verschieben, wenn Ina weniger stur war.
Aber die Brünette hatte nicht nachgedacht. Oder nicht genug nachgedacht. Hatte vergessen, alle möglichen Unvorhersehbarkeiten vorher zu sehen, und die daraus resultierenden Schlüsse ausrei­chend in ihre Diskussionsstrategie mit einzuarbeiten. Und als sie dann Ina´s bockiges und doch so unsagbar schönes Gesicht sah, nach zwei Wochen Funkstille, war ihre von Haus aus spärliche Kom­munikationsfähigkeit dahingeschmolzen wie ein Eis in der Sommersonne. Und alles, woran Chiara in den entscheidenden Momenten dieser verfickten Diskussion denken konnte war, dass sie diese schmollend vibrierenden Lippen unbedingt küssen wollte. Solange, bis die zu besagten Lippen ge­hörende Person endlich gewillt war, ihr, Chiara, wirklich zuzuhören. Und nicht damit beschäftigt war, ihr die Worte in den Mund zu legen, sie dann auch noch irgendwie zu verdrehen.
Hätte sie doch nur einen kühlen, klaren Kopf bewahrt.
Hätte sie doch nur ein einziges Mal in Ina´s Gegenwart die Wortgewalt, die sie sonst selbst gegen­über einer Jennifer Steinkamp, oder gar deren Mutter, immerhin Chiaras Chefin, auffahren konnte.
Stattdessen. Außer Herzchen-Brei-Wortsalat, lüsternen Gedanken und purem Stuss nix. Nada! Zilch!
Und das Ergebnis war eine weitere, zerdepperte Beziehung. Für deren Entstehung sie doch so hart gekämpft hatte. Zu allem Überfluss auch noch kurz vor der Adventszeit, auf die sich Chiara dieses Jahr ausnahmsweise mal wirklich gefreut hatte. Denn sie konnte, und wollte, diese eigentümliche Zeit das erste Mal in ihrem Leben überhaupt mit einem ganz besonderen Menschen an ihrer Seite verbringen. Mit Ina. Stattdessen würde dieses Jahr nun doch wieder so laufen wie fast immer. Sie würde die Adventszeit mit Extra-Training usw. irgendwie totschlagen, während andere verliebt und eng umschlungen über Wintermärkte schlenderten. Und an Weihnachten würde sie sich, nach dem Pflicht-Anstoßer mit der Familie Steinkamp-Lukowski, schnell wieder in ihr Gästezimmer verpie­seln. Und mit sich selbst und ein paar Flaschen Bölkstoff weiter Weihnachten feiern. Ähnlich würde dann auch ihr Silvester verlaufen. "The same procedure as every year, James."
Andererseits. Chiara Nadolny war sicher alles andere als eine Beziehungsexpertin, schon gar nicht in Sachen Liebesbeziehung, und dann noch mit einer anderen Frau. Aber sollte Liebe nicht mehr Spaß machen? Fröhlicher und unbeschwerter sein, statt gefühlt zu 70-80 % nur aus Drama und ge­genseitigen Missachtungen?
In den Hollywood-Schinken jedenfalls, die Chiara nach ihrer Trennung und während ihres Trai­ningsaufenthalts in Finnland auf gar keinen Fall zum wiederholten Male, heulend und mit einer großen Portion Eis im Anschlag, gebinged hatte, wurde das doch immer so easy-peasy dargestellt. Liebeskandidat A gesteht Liebeskandidat B nach Streit/Ungemach/Was-auch-immer die unsterbli­che Liebe. B bricht daraufhin laut heulend in Freudentränen aus, wirft sich A um den Hals, dann wird ausgiebigst geknutscht und schließlich, je nach Romantikgehalt und Altersfreigabe des Films, entweder geheiratet oder sofort bis ins Off gebrahmst, dass der Haydn wackelt. Manchmal auch bei­des. Aber bei Frauen untereinander schien das in der Vorstellung vieler Unterhaltungsschaffender ir­gendwie viel komplizierter zu sein. Jedenfalls war Chiara bis dato so gut wie kein hollyoodreifer Film in die Hände gefallen, bei denen die Liebe zwischen zwei Frauen als in sich selbst einfach und unkompliziert dargestellt wurde. Warum war das so? Vielleicht, weil es in Wahrheit wirklich bei al­len Lesben so verzwickt war, wie bei Ina und ihr? Oder lag die überschaubare Filmausbeute doch eher an, aus naheliegenden Gründen, sehr heteronormativ geprägten Autor:innen, Regisseur:innen oder Produzent:innen, die zusätzlich ungefähr so einfallsreich waren wie eine Dauerwerbesendung in Endlosschleife? Chiara hatte aus Langeweile und auf ihrer Suche nach Ablenkung im Internet ein paar Texte zu diesem heiklen Thema gelesen. Und ihr eigenes Zuschauererlebnis schien diese Theo­rien zu bestätigen.
Wie auch immer. Was Chiara aber mit Sicherheit wusste war, das Liebe nicht so weh tun sollte, wie die Gefühle, die sie für diesen sturen Hund von Köchin hegte. Auf Dauer hatte sie einfach keine Chance gehabt gegen Ina´s Vorurteile, mit denen sie sich im Grunde schon die ganze Zeit irgendwie und teilweise auch nur sehr unterschwellig hatte herumschlagen müssen. Da war ein Fehltritt von ihr geradezu vorprogrammiert gewesen.
Und den hatte sie sich, stilecht, mit einer gehörigen Portion Empathiemangel, einer Prise Intelli­genzabstinenz und im arroganten Nadolny-Style geleistet. Keine Frage! Aber für Reue war es jetzt zu spät und Ina hörte sowieso nur, was sie hören wollte. Egal, was Chiara noch zu erklären versucht hätte. Davon ab, hatte sie in den vergangenen Wochen mehrfach versucht, mit Ina in Kontakt zu tre­ten. Aber erst ging diese nicht an ihr verficktes Telefon und dann haute sie einfach heimlich, still und leise nach Stuttgart ab. Da war ein klärendes Gespräch und eine eventuelle Versöhnung un­möglich geworden. Und ab einem bestimmten Punkt von der nun ebenfalls bockigen Eiskunstläufe­rin schlicht nicht mehr favorisiert. Warum musste eigentlich immer sie um Ina´s Liebe kämpfen? Sich beweisen und zeigen, dass sie es wert war, geliebt zu werden? Warum sollte dieser sture Muli namens Ina nicht auch mal um sie beide kämpfen müssen? Wenn doch Ina´s Unsicherheiten offen­bar das eigentliche Problem in der Gleichung waren, von gelegentlichen verbalen Aussetzern ihrer­seits mal abgesehen?
Außerdem, wenn sie zu lange über ihre desolate Beziehung mit Ina nachdachte, beschlich die Brü­nette der beklemmende Verdacht, dass Ina es so oder so zu keinem Zeitpunkt wirklich ernst mit ihr gemeint haben könnte. Hinterher war sie, wie so häufig, vielleicht nur mal wieder jemandes Mittel zum Zweck gewesen. In der Vergangenheit hatten sich zu viele Menschen, meist Männer, vorrangig an sie heran gemacht oder sie aus sonstigen Gründen angeschleimt, weil sie sich durch die Liaison mit einer Person des bedingt öffentlichen Lebens einen Push für ihr Ego und ihren eigenen Markt­wert erhofft hatten. Und es gab da die ein oder andere Handlung Inas, die Chiara bei längerem Grü­beln vermuten ließ, dass Ina vielleicht auch nur ein kleines bisschen "geil" nach Aufmerksam­keit gewesen sein könnte. Oder sich zumindest in Chiara´s Gegenwart einen Ego-Push hatte holen wol­len. Immerhin war sie die Schwester von Yannick, und der hatte auch kein allzu großes Problem da­mit, in manchen Situationen andere für seine Zwecke zu benutzen und aus bestimmten Gelegenheit­en Kapital zu schlagen. Sicher war sich Chiara bei dieser Befürchtung allerdings nicht und sie hoff­te inständig, dass dies nur eine Fehlannahme ihrerseits war. Eine giftig-bösartige Gemeinheit, die ihr enttäuschtes Herz ihr einflößte, um mit dem Verlust besser fertig zu werden.
Ohne Ina war Chiara jedenfalls frei und unbeschwert. Konnte sich auf ihre schwierige Karriere kon­zentrieren, die dank der unheimlich intelligenten Doping-Einalge von Marie "Alle anderen sind schuld!" Schmidt erst so richtig kompliziert geworden war. Alles andere war soweit in Ordnung. Also war die Trennung am Ende vielleicht doch besser für sie gewesen.
Doch, warum tat ihr dann jedes Mal das Herz so verdammt weh, wenn sie an ihr rot-blondes Frit­tenluder denken musste? Und wieso machte es jedes Mal einen freudigen Hüpfer und warum krib­belte es in ihrer Magengegend wie irre, wenn sie die Köchin von der Ferne und im schnellen Vor­beigehen in ihrem Imbiss stehend erblickte? Verräterisches Herz, verfluchtes!

Frustriert über sich selbst seufzte Chiara laut auf, erhob sich von ihrer Eckbank im Park, wo sie ihre verlängerte Mittagspause verbracht hatte, um Ina im Imbiss aus dem Weg zu gehen und ein paar warme Sonnenstrahlen an diesem insgesamt eher zugezogenen aber zu warmen Dezembertag zu er­haschen.
Außerdem hatte sie hier, fernab neugieriger Steinkamp-Vasallen-Blicke, noch ein wichtiges Tele­fonat führen müssen, welches sie nicht bei Steinkamp Sport & Wellness oder in der Villa entgegen nehmen wollte. Immerhin sprach sie hier mit der sportlichen Konkurrenz aus Köln. Der dort ansäs­sige Eissportkader hatte ihr eine Möglichkeit offeriert, doch wieder ins Geschehen um die Deutsche Meisterschaft im Einzellauf eingreifen zu können. Da ihr Dopingtest nach den NRW-Meisterschaf­ten negativ ausgefallen war und auch ihre B-Probe, die sie vor ein paar Tagen hatte abgeben müs­sen, keinen Doping-Befund aufwies war sie, theoretisch, berechtigt, weiter ihren Sport auf Wett­kampfebene auszuüben. Nur eben nicht unter dem Banner von Steinkamp Sport & Wellness, denn deren Kader blieb als Ganzes immer noch gesperrt. Da blieb der BDE seltsamerweise stur. Eigent­lich eine Lächerlichkeit, wie Chiara befand. Weil bei einer Sportlerin ein positiver Test gemacht wurde, des Weiteren ein Tablettenblister gefunden wurde und weil Wiebrecht aka Mr. Pornobalken, wie die Eiskunstläuferin ihren verhassten ehemaligen Ekel-Trainer insgeheim nannte, ohne stichhal­tige Beweise eine Behauptung von systematischen Doping im Steinkamp-Kader in den Raum ge­worfen hatte, konnten die doch nicht ernsthaft eine ganze Mannschaft sperren. Zumal ihre anderen Teamkolleginnen inzwischen auch alle getestet worden waren, um die Vorwürfe zu entkräften. Und nicht ein Test war positiv gewesen. Außer eben der der amtierenden Weltmeisterin und Lügnerin vor dem Herrn, Marie Schmidt.
Chiara verstand bei dieser Sache auch Simone Steinkamp nicht so ganz. Warum ging sie nicht in al­ler Härte gegen das Flunker-Mariechen vor, anstatt ihr noch eine Perspektive für die berufliche Zu­kunft zu offerieren? Wäre die Täterin eine andere gewesen, zum Beispiel Chiara, wären die Stein­kamps ausgerastet, hätten sie aus der Villa geworfen und sie ohne Zukunftsaussichten abserviert. Mit Recht! Aber, so erkannte die Eisheilige mehr und mehr, in Essen-Schotterberg wurde eben min­destens mit zweierlei Maß gemessen. Blonde, blaue Doping-Mariechens wurden gehätschelt und getätschelt. Brünette, braun-grünäugige und sich abrackernde Chiaras wurden bei jeder sich bieten­den Gelegenheit geächtet. Oder man entzog ihnen, obwohl man es ausnahmsweise nur positiv ge­meint hatte, Liebe, Schlüssel und einen Grund zu existieren. "Überdramatisch? - Leck´ mich doch! - Nah, dass sollte wohl besser eine andere machen."
Augen rollend, dabei leise über sich selbst schimpfend, zupfte Chiara ihr Mobiltelefon aus der Ja­ckentasche, um die Uhrzeit zu überprüfen. Dann schob sie es mürrisch seufzend zurück in die Ta­sche und setzte sich in Bewegung. Zurück Richtung Steinkamp Leistungszentrum. Auf dem Weg grübelte sie weiter über die verzwickte Lage des Steinkamp-Eissportkaders nach. Denn es gab einen weiteren Punkt, der Chiara nicht in den Kopf wollte. Warum hetzte die Steinkamp nicht ihre Anwäl­te auf den BDE? Sie war doch sonst nicht so zurückhaltend wenn es darum ging, das Zen­trum aka ihr Heiligtum zu schützen. Glaubte sie am Ende den Anschuldigungen des BDE und denen von Por­nobalken? Nein, dass kam ihr dann doch zu abwegig vor. So dumm und leichtgläubig war Simone Steinkamp nicht. Wahrscheinlicher war, dass es Richard Steinkamp und diesem Justus Al­brecht mal wieder nur um die Kohle ging und sie deshalb nicht beherzt für den Kader kämpften. Die Erbsen­zähler aus der Buche eben, die überhaupt keinen Sinn für den Sport hatten.
Soweit Chiara wusste, war zwar ein Anwalt von Simone an der Sache mit dem BDE dran und hatte erneut Widerspruch gegen die Sperre eingelegt. Aber so ein Sportgericht-Prozess dauerte für ge­wöhnlich ewig. Und mit jedem Tag, an dem Chiara nicht Wettkämpfe laufen und für diese trainieren konnte, wirklich zielgerichtet trainieren, verlor sie an Boden gegenüber der Konkurrenz, die weder schlief und zudem auch immer jünger wurde.
Und nachdem Ina sie so eiskalt abserviert hatte, wieder mal, beschlich Chiara wieder die eine Frage, die sie seit dem Tod ihres Vaters im Grunde weggedrückt hatte.
"Was soll ich eigentlich noch hier in Essen? Hier ist nichts mehr, was mich noch hält. Nichts! Und nach diesem Skandal, den ich nicht zu verantworten habe aber mit auslöffeln soll, wäre eine Neu­anfang irgendwo anders vielleicht die beste Wahl. Am Liebsten natürlich irgendwo im Ausland. Aber so spät in der Saison ist es schwierig, überhaupt einen anderen Kader zu finden, der neue Sportler aufnahm. Und dann noch eine aus dem skandalumwitterten und wegen Dopings gesperrten Steinkamp-Kader. Köln ist die einzige Option zur Zeit, weil die Trainerin und deren Ko-Trainer mich noch von früher kennen. - Und was ist mit der Liebe? - Die ist tot! Es sei denn, Du meinst meine Liebe zum Eis. Die [...] - Ist ewig, ich weiß! Nein, ich meinte was anderes. Hochgewachsen. Enge Hosen. Lederjacke oder Kochuniform in schwarz. Knackiger Hintern. Kupferfarbenes Haar. Bandana darin. Grübchen. Magische Lippen. Und geschickte Hä- [...] - Hör auf, mich kirre ma­chen zu wollen! Ina ist Vergangenheit. Ach, was sage ich. Nie passiert! Wir waren nur zwei bzw. drei Monate irgendwie zusammen. Hatten ein paar Mal Sex. Ja, gut, auch ein paar Mal öfter. Und ja, er war meist erschütternd grandios. Das war´s aber auch schon. Wir hatten Spaß! Eine etwas längere Affäre, mehr nicht. Hast ja gesehen, wie schnell sie mich vergessen hat. Und jetzt Ruhe im Puff! - Dein Herz ... - Ist ein mieser Verräter. Ich muss nach vorne sehen. Ina will mich nicht. Wollte mich im Grunde vermutlich nie. Ich musste sie ja förmlich dazu nötigen, es überhaupt mal mit mir zu versuchen. Sie will ein perfektes Heimchen am Herd, das ihr beim Kochen assistiert, ihr ständig sagt wie toll sie zweifelsohne ist, ansonsten nicht widerspricht und bestenfalls einen Job hat, der es von 9 bis 15 Uhr "beschäftigt", bevor es die holde Prinzessin auf der Erbse wieder bespaßen darf. Das kann ich ihr leider nicht alles bieten. Und manches davon werde ich ihr sogar niemals bieten können. - Quatsch mit scharfer Ingwer-Chili-Soße, Nadolny! Sie wollte nur, dass Du sie nicht wie­der verleugnest. - Das hatte ich doch auch gar nicht vor. Ich wollte sie nur von der Klatschpresse fernhalten. Die mich schon überfordert, und ich kenne diese gierige Meute seit meiner Kindheit. Ich wollte uns beschützen. So, wie sie es sonst tut. Denn ich wollte sie. Ich wollte uns! Wenn Ina etwas "beschützen will" ist das toll, stets legitim, und die beste Idee ever. Aber wehe, wenn ich etwas schützen will. Dann bin ich selbstsüchtig, karrieregeil und grundsätzlich böse. Die Scheinheiligkeit, die Doppelmoral mancher Leute. Sie kotzt mich an!"

Aber was soll´s. Sie konnte Simone Steinkamp nicht vorschreiben, wie sie ihre Firma zu führen hat­te. Und sie konnte Ina nicht davon überzeugen, bei ihr zu bleiben. Also hatte Chiara sich in Eigenre­gie andere Optionen gesucht. Perspektiven. Wege, die sie ihrem Ziel wieder näher führen würden. Einem großen Titel im Eiskunstlauf. Mindestens! Nachdem ihre kleinen Ziele, Freunde, ein echtes und liebevolleres Zuhause, Liebe, alle mehr oder weniger jäh implodiert waren, war dieses Ziel nun noch ihr einziges Licht am Ende des Tunnels. Ihr Rettungsanker. Das Erreichen der Deutschen Meisterschaften, sie erhoffte sich so viel davon. Und vielleicht half ihr der Trainingsstress usw. dann auch, endlich vergessen zu können. Den Verlust ihrer besten Freundin, den unerwarteten Tod ihres Vater. Alles wollte sie vergessen. Vor allem aber wollte sie nicht mehr an eine süße, verführeri­sche Foodtruckerin denken müssen, die ihr ständig nur das Herz brach, als wäre es nichts.
"Ugh! Und schon sind wir wieder bei Ina. - Du bist gefrustet, Nadolny! 4 Wochen keinen Sex und ... - Jetzt hör´ aber mal auf! Ich bin kein Sex-Maniac. Nie gewesen. - Ay! Das mochte gestimmt haben vor Deiner heißen Bulette. Aber die schiere Menge an Matratzensport mit Ina, dann die Zeit, die Du seit Eurer Trennung mit Dei- ... - Ja, is´ ja schon gut! Vorher wusste ich halt nicht, wie viel Spaß das machen kann. Und wie gut es sich mit der richtigen Person anfühlen kann. Deswegen bin ich jetzt aber nicht gefrustet, nur weil ich seit 4 Wochen, 3 Tagen und 14 Stunden nicht mehr gepimpert habe. - Wir zählen heute aber wieder sehr genau. Aber gut. Ausschließlich deswegen sicher nicht. Doch 4 Wochen ohne Deine Liebste ... - Ich weiß, dass ich Liebeskummer habe. Brauchst Du mich jetzt nicht dran erinnern. - Ich tue es aber. - Und warum? Sadistisch veranlagt? - Eher masochis­tisch! Natürlich damit Du Deinen Stolz endlich in die Tonne trittst, zu Ina rennst, sie um Vergebung anbettelst und ihr beide danach die nächsten 2 Wochen nicht mehr aus dem Schlafzimmer heraus kommt, außer zum stillen natürlicher Bedürfnisse wie Pinkeln, Essen usw. sowie für die ein oder andere gemeinsame Dusche. - Ich habe mehr als ein Mal versucht, mit Ina zu reden. Sie hört mir nicht zu. Da kann ich nichts mehr machen. Es ist vorbei! - Dein Herz sagt mir da was anderes. - Ugh!"
Chiara ließ geräuschvoll ihren Atem entweichen, während sie die Reste ihres Mittagsmenüs, den leeren Getränkebecher, die Frittenschale und den Burgerwickel einer kleinen, regionalen Fast-Food-Kette, grimmig grinsend im Vorbeigehen in einem Mülleimer im Park versenkte. Scheiß doch auf Wettkampfdiät! Das fettig-klebrige Zeug hatte sie jetzt einfach gebraucht. Und vor allem, wenn der Kölner Eissport Klub sie nicht wenigstens vorübergehend aufnahm, war es mit Wettkämpfen für die nächsten 1,5 Jahre sowieso erst mal Essig. Und auf biederen Paarlauf, die grandios bescheidene Idee von der eigentlich sehr netten, aber etwas unerfahrenen Malu Santos, der neuen Balletttrainerin des Kaders, hatte sie mal so gar keine Lust. Sie erinnerte sich noch mit Schaudern an ihre früheren Ausflüge in diesen Teil ihres Sports. Sie war einfach nicht dafür gemacht, für dieses Syn­chron-Gehüpfe und das durch die Luft geworfen werden. Und dann immer diese lästige Klatschpresse, die es irgendwie nicht begreifen konnte oder wollte, dass Weiblein und Männlein neben einander laufen konnten, trainieren konnten usw., und trotzdem nicht gleich ihr Leben miteinander teilten. Paarlauf war ein vielleicht etwas ungewöhnlicher Beruf, aber sicher keine Dating-App.
Wenn sie also aller Voraussicht nach die nächsten 1,5 Jahre ohnehin zum mehr oder weniger Nichts­tun verdammt war, konnte sie genauso gut auch das peinlich genaue Essen nach Zahlen aussetzen. Vielleicht. Oder wenigstens etwas gnädiger mit sich selbst sein, diesbezüglich. Natürlich erst, sofern der KEK ihr absagen sollte. "Hoffentlich sagen sie nicht ab! Ich brauch´ ´n guten Grund für ´ne Diät. Und einen Umzug. Hab´ in Finnland schon viel zu viel Kummerspeck angesetzt. - Wo? Un­term großen Zehennagel? Chiaralein, das könnte auch einfach nur ordinärer Dreck ... - Halt´s Maul! Außerdem ... ich will eislaufen, so lange mein Körper mich noch lässt und ich mithalten kann.Ich kann nicht´s anderes als das. Ich habe nicht´s anderes!"

Die brünette Eiskunstläuferin vergrub ihre Hände in ihren Pelzmanteltaschen. Tuffiges Rosa. Wie­der so ein verzweifelter Versuch von Chiara, dem Schönheitsideal und dem Prinzessinnen-Traum des Eiskunstlaufsports zu entsprechen. So sehr sie die Klamotte von Sabatoni einerseits mochte, so einfallslos fand sie sie halt manchmal doch auch. Sie überlegte nun schon seit längerem, ob nicht mal wieder ein kleiner Imagewechsel fällig wäre. Nach ihrem etwas unfreiwilligen aber trotzdem nicht erzwungenen Coming-Out war sie so voller positiver Energie gewesen. In einem Anfall von Endorphin-Rausch hatte sie sich schon ein paar neue Stil-Ideen durch den Kopf gehen lassen und in den Online-Styling-Apps ihrer bevorzugten Modelabel mehrere Outfits erstellt und gespeichert, die sie zu gegebener Zeit mal hatte probetragen wollen. Gerne auch, wenn sie es wollte, in enger Rück­sprache mit Ina. Für die Hashtags "Pärchenlook" und "Couplegoals", aber auch für ihrer beider Wohlbefinden. Das hatte sich ja nun leider erledigt. Aber vielleicht, so dachte sich Chiara, während sie den Mantel wegen der schneidenden Kälte etwas enger an sich zog und auf den Pfad Richtung Leistungszentrum einbog, vielleicht wäre der dann wohl bald anstehende Umzug nach Köln die Ge­legenheit für einen kompletten Wandel. Einen vielleicht dringend notwendigen. Um die Vergangen­heit endlich hinter sich lassen zu können. Ihre lieblose Kindheit. Ihre gleichgültigen, karrieregeilen und herzlosen Eltern. Die obsessive Susanne. Letztlich auch irgendwie Nathalie und ihre doch zer­brochene Freundschaft. Und um Ina endlich ziehen zu lassen. Für immer.
Während sie so Richtung Zentrum zurück schlenderte verdüsterte sich Chiaras Miene schlagartig, als sie erneut an Ina denken musste. Erinnerungsfetzen an die rot-blonde Köchin und sie selbst, so­wie ihre gemeinsame Zeit zogen wie ein etwas zu blumig geratener Fan-Videoedit mit unpassender Musikuntermalung auf DuQuetschpack vorbei.
"Egal was passiert, ich werde immer für Dich da sein!" - "Wenn wir beide ein Problem haben will ich es gemeinsam lösen, und nicht gleich Schluss machen!" - "Diese Fake-Beziehung ist die ideale Lösung. Vertrau mir!" - "Doch nicht von Dir, Du Nuss!" - "Ich kann es gar nicht abwarten, mein Leben hier mit Dir zu verpassen." - "Wenn ich aus Stuttgart zurück bin, stehen wir das gemeinsam durch!"
Die Eiskönigin lachte leise ein bisschen zynisch auf. Im Phrasen dreschen und leere Versprechun­gen machen war Ina fast so gut, wie als Köchin. Und sie war naiv genug und so verzweifelt auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit gewesen, dass sie ihr die wohlfeilen Lügen eine zeit lang sogar blind abgekauft hatte. "Wie dumm von mir! Ich bin doch nur liebenswert, wenn ich den Erwartun­gen der anderen entspreche. Und da ich Ina´s Erwartungen nicht erfüllen kann ... Wie ausgespro­chen dumm von mir! - Hey, Nadolny! Sei nicht so streng. Nicht mit Dir und auch nicht mit Ina. Sie liebt Dich! - Nein! Sie liebt das Traumbild, dass sie sich von mir gemacht hat. Das hat aber mit mir, der wahren Chiara, nicht all zu viel gemeinsam, außer vielleicht der Optik. - Sie hat Dich im besof­fenen und vollgekotzten Zustand zu sich nach Hause geschleppt, weil Du sonst in der Gosse hättest nächtigen müssen. Meinst Du echt, sie liebt nur eine Traum-Chiara? - Die Chiara, die Du be­schreibst liebt sich nicht. Sie findet sie allenfalls "echt schräg". Und sie glaubt bis heute, ich hätte ihre und Lucie´s wenig schmeichelhaften Auslassungen über mich nicht mitbekommen. - Na gut! Mag sein. Aber was ist mit dem Ar- ...? - Ina liebt ein Zerrbild von mir. Nicht mich. Mit mir kommt sie nicht klar, und von daher ist es vermutlich wirklich besser so, wie es ist. Und hat sich bald, hof­fentlich, so oder so für immer erledigt. Ende der Diskussion!"
Die junge Frau bog forschen Schrittes auf die Zielgerade zum Vorplatz vor dem Leistungszentrum von Steinkamp Sport&Wellness ein. Sie hatte den Eingang im Blick, aus dem gerade Moritz und Lucie heraus traten. Vermutlich auf dem Weg zu ihrer eigenen Mittagspause. Lachend, strahlend, Händchen haltend. Chiara seufzte schwer. Warum eigentlich waren Ina und ihr diese leichten Mo­mente nicht vergönnt gewesen? Außer ein paar Mal miteinander kochen, einmal zusammen tanzen gehen und dem Tag am Rheinufer hatten sie, gefühlt, mehr Dramen durchzustehen gehabt als schö­ne Zeiten. War "einfach nur glücklich sein" etwa nur ein exklusives Privileg für Hetero-Paare? Oder hatten die Soap-Autoren ihres Lebens einfach nur den falschen Lack gesoffen und fanden es furcht­bar lustig, unterhaltsam und originell, sie atemlos von einer Krise in die nächste schlittern zu lassen? Aber mal ehrlich. So einen unausgewogenen Mist wollte doch niemand sehen, geschweige denn real erleben. Oder waren ihre Lebens-Schreiberlinge gar alle Masochisten?
Nein! Nein, das musste aufhören. Sie würde sonst daran kaputt gehen, und das war nicht gut. Nicht für sie und nicht für ihre Ziele. Es wurde Zeit, diese Dilettanten, die ihr Drehbuch des Lebens ver­hunzt hatten, an die frische Luft zu setzen, und ihr eigenes Skript zu schreiben. Dann würden man­che Dinge hoffentlich besser laufen, als bisher. Ina hatte ihr, vermutlich unbewusst, den richtigen Weg aufgezeigt. Es wurde Zeit, dass sie sich auf machte. In ein neues Leben!

Wie auf´s Stichwort fing ihr Mobiltelefon in ihrer Tasche heftig zu brummen an. Ein Anruf kam rein, während Chiara´s Blick wehmütig vom Eingang des Leistungszentrums hinüber glitt. Hinüber zum Imbiss, wo Ina gerade freudig grinsend eine etwas älter anmutende Kundin bediente, die diese unverschämt und selbst für die Abseits stehende Chiara unübersehbar anflirtete. Der Brünetten drehte sich bei diesem Anblick der Magen um. Und ihr wurde richtig gehend schlecht, als sie er­kannte, das Ina den Flirt erwiderte.
"So schnell also bin ich vergessen und vergilbt. Soviel zum Thema Liebe! Wie hat es Tolstoi so schön gesagt? Liebe gibt es nicht. Es gibt nur den Wunsch nach fleischlicher Vereinigung, und den vernünftigen Wunsch nach einer Gefährtin für sein Dasein. Jupp, alter Leo. Da hattest Du leider recht."
Beinahe hätte Chiara über den stechenden Schmerzes in ihrer Brust, den der Anblick der fremdflir­tenden Ex-Liebe ihres Lebens bei ihr verursacht hatte, ihr immer noch ärgerlich vibrierendes Tele­fon in der Manteltasche vergessen. Hastig zwang sich Chiara dazu, sich zumindest so weit zu sam­meln, dass sie am Telefon nicht klang wie eine zittrige Frau kurz vor der Ohnmacht. Dann nahm sie das eingehende Telefonat entgegen, indem sie den grünen Hörer auf dem Touchdisplay zur Seite wischte und das Gerät an ihr Ohr hielt.

"Nadolny.", meldete sie sich kurz angebunden, während sie immer noch ungläubig und zutiefst ge­demütigt Ina beobachtete. In ihren Augen schimmerte Tränenwasser. Es tat so unbeschreiblich weh. Immer noch.
"Chiara! Gut, dass ich Dich endlich erreiche. Ich bin´s, Kryztina Netrevka vom Kölner Eissport Klub.", drang die aufgeregte Stimme ihrer alten Bekannten aus Köln an ihr Ohr. Sie hatte sie in ih­rer Jugendzeit in einem Internat in Schweden trainiert und war irgendwann, der Liebe wegen weg­gezogen. Was die junge Eiskunstläuferin damals sehr traurig gestimmt hatte. Als Chiara dann hier in Essen angekommen war und beim Inka-Kraft-Cup gelaufen war, hatte sie in einer kleinen Auf­wärmpause unerwartet ein bekanntes Gesicht im Betreuer-Stab eines Konkurrenz-Teams ausge­macht. Und fassungslos in die nicht weniger überraschten Augen ihrer Ex-Trainerin geschaut. Sie hatten sich dann noch kurz aber freudig begrüßt und ein wenig geplaudert, doch für mehr war beim IKC einfach keine Zeit. Erst ein paar Tage später hatte Kryztina sie dann überraschend angerufen. In der Folge waren die beiden in Kontakt geblieben, hatten sich auch ein paar Mal abseits zu neu­gieriger Steinkamp-Augen getroffen und über alte Zeiten geschwatzt. Bereits mehrfach hatte Net­revka dabei versucht, Chiara nach Köln zu lotsen. Doch immer wieder hatte Chiara dankend und mit einem minimalen Bedauern abgelehnt. Zu sehr gefiel es ihr in Essen-Schotterberg. Bei einem zwar jungen, aber wirklich guten Trainer namens Deniz Öztürk oder beim coolen Freestyle-Choreo­grafen Moritz Brunner. Auch die Steinkamp´s konnte Chiara inzwischen ganz gut leiden. Vor allem aber wollte sie bei Ina bleiben. Köln war zwar beileibe nicht aus der Welt. Aber bei den Trainings­zeiten, die ihr Sport so mit sich brachte, den ganzen Wettkampfreisen und so weiter wäre ihre Be­ziehung dazu verdammt gewesen, nur noch mit Ach und Krach zwischen Samstag Spätabend und Sonntag Vormittag stattzufinden. Das hatte sie weder sich noch Ina zumuten wollen, auch wenn das Angebot von Kryzstina verlockend, und vor allem deutlich besser als das war, was ihr die Stein­kamps machten. Ina hatte von dieser Entscheidung Chiaras zugunsten ihrer Liebe nie etwas erfah­ren. Es hatte sich nicht die Gelegenheit ergeben, ihr davon zu erzählen und außerdem hatte sie sich ja bereits selbst zum Verbleib in Essen entschieden. Wozu also Ina über Dinge informieren, die kei­ne Relevanz mehr hatten?
"Oh! Hey, Kryztina! Schön, von Dir zu hören. Und vor allem so rasch.", erwiderte Chiara die Be­grüßung mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Die quirlige, aufgekratzte Deutsch-Weißrussin war selbst am Telefon immer aufgedreht und leicht überspannt. "Was kann ich für Dich tun?"
"Was Du für mich tun kannst? Mit Deinen Noch-Chefs sprechen, anschließend Deine Sachen pa­cken und selbige mitsamt Deinen kräftigen Waden und dem daran befindlichen Rest hierher nach Köln verfrachten. Denn ab 01.01.2021 hast Du einen neuen Vertrag mit dem KEK. Das heißt, ab dann darfst Du für uns trainieren. Und ein-zwei kleinere Wettkämpfe, als Vorbereitung auf die DM, für uns laufen. Wenn Du denn immer noch wechseln willst?" Die Netrevka war offensichtlich sehr gut drauf.
Chiara atmete geräuschvoll aus. Das klang zu schön, um wahr zu sein. "E-echt? Der KEK nimmt mich auf, trotz des Doping-Skandals und der Lesben-Sache?" Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Noch vor ein paar Tagen hatte sie ihre ausweglose Lage bedauert. Zu unrecht des Dopings verdäch­tigt und gesperrt. Die Frau verloren, die sie von ganzem Herzen liebte. Von der Klatschpresse als "Doping-Lesbe" in die Mangel genommen. Die Aussicht auf einen großen Titel auf Jahre in die Fer­ne gerückt. Und nun diese Kehrtwende. Ja, ist denn heute schon Weihnachten?
"Diese "Lesben-Sache", wie Du es so unschön nennst, ist hier absolut kein Problem. Hier in Köln wird jährlich der sogenannte "Pinke Karneval" gefeiert. Der besucherstärkste und größte CSD Deutschlands. Diese Stadt ist weltoffen. Der KEK begrüßt diese Offenheit und hat absolut kein Pro­blem damit, dass Du auf Frauen stehst. Und es auch nicht groß verstecken willst. Keine Sorge, Chi­ärchen!", neckte sie ihre alte Bekannte mit ihrem verhassten Kosenamen aus Kindertagen.
Die Eiskunstläuferin grinste schief und humorlos. Verstecken? Es gab ja nicht´s mehr, was zu ver­stecken sich lohnte. Ina und sie waren Geschichte. Und so schnell würde sich Chiara auch nicht wieder auf eine neue Liebelei einlassen. Egal, wie heiß die Frau auch sein mochte. Sie hieß ja nicht Ina "Lückenhascherl-Pimp" Ziegler, die es offenbar nicht vertragen konnte, länger als einen Monat "frauenlos" zu sein.
"Und das mit dem Doping-Skandal kriegen wir schon geregelt. Wäre doch gelacht. Der Justiziar beim KEK und ein paar andere Fachanwälte für Sportrecht haben sich Deinen Fall bereits ober­flächlich angesehen. Und sind vor Lachen fast vom Stuhl gefallen, so löchrig und substanzlos, wie der ist. Wenn Du hier anfängst, spätestens aber Mitte Januar wirst Du wieder laufen dürfen und der BDE wird sich offiziell bei Dir entschuldigen müssen. Und diesen Enddarmfortsatz namens Wieb­recht, dessen Machenschaften die Spatzen von den Dächern pfeifen, wird der KEK ebenfalls einhei­zen. Niemand legt sich mit einem der größten Eissportvereine Deutschlands an und glaubt, unge­schoren davon zu kommen. Du musst nur ja sagen und hier unterschreiben. Oh, und natürlich vor­her noch bei den Steinkamp´s kündigen. Falls es da Probleme gibt, melde Dich bei unserer Rechts­abteilung. Die lösen Dich schon aus, Fristen hin oder her. Am Ende wird Steinkamp Sport&Well­ness vermutlich froh sein, Dich kostengünstig los zu werden, in der prekären Finanzlage, in der sie sich dank dem ganzen Doping-Skandal befinden.", führ Kryztina aufgeregt am anderen Ende der Telefonleitung fort.
Chiara lächelte nun sichtlich erleichtert. Sie hatte durchaus etwas Sorge gehabt, vom KEK eine Ab­sage wegen der ganzen "Skandale" zu bekommen. Skandalnudeln waren nicht gerade beliebt im Profi-Sport. Erst recht nicht im etwas arg konservativen Eiskunstlaufsport. "Das klingt fantastisch. Und gleichzeitig unglaublich.", hauchte sie etwas atemlos in den Hörer, während sie, inzwischen langsamen Schrittes, weiter Richtung Zentralplatz vor dem Zentrum schlenderte, das Telefon im Anschlag.
"Wann redest Du mit der Steinkamp?", fragte Kryztina neugierig.
"Ich hatte für heute Nachmittag um einen Termin gebeten und ihn für 15:30 Uhr bekommen. Dann weiß ich, ob die Steinkamp´s mich gehen lassen und falls nicht, unter welchen Bedingungen eine Ablöse stattfinden könnte. Bin da aber zuversichtlich. Wie Du schon sagtest. Die Finanzlage. Von meiner Wohnsituation ganz zu schweigen.", erwiderte die brünette Eisdiva, während sie ihre durch den Wind etwas widerspenstigen Haare zu ordnen versuchte, indem sie sie mit ihrer freien Hand auf die rechte Seite kämmte. Bei dieser Bewegung fiel ihr Blick erneut auf Ina, die zwischenzeitlich ih­rer unbekannten Flirtpartnerin verlustig gegangen war, und nun hinter der Bedientheke ihres Food­trucks stand und mit einem bunten Lappen den gläsernen Thekenaufsatz polierte, während Lucie und Mo am Stehtisch davor ihr Mittagessen vertilgten, irgendetwas offenbar leidlich komisches in Richtung Ina riefen und auch sonst gut drauf zu sein schienen. Chiara musste erneut wehmütig schmunzeln. "Wischend oder Gemüse schnibblend, so wirst Du mir für immer in Erinnerung blei­ben, mein Schatz. Schade, dass es so ... lieblos ... und vollkommen grundlos ... mit uns enden muss­te."
"Und, Frau Nadolny? Wirst Du es machen? Wirst Du diesem Stümper-Kader, der Dein Talent gar nicht verdient hat, endlich den Rücken kehren und Dich einer Erfolgsgeschichte anschließen? Du hattest bei meinem letzten Versuch, Dich abzuwerben, noch kategorisch abgelehnt. Und säuselnd und total verknallt von einer Ina gestammelt, die Dich in Essen hielt. Was sagt die Liebe dazu?" Kryztina Netrevka zog wirklich alle Register der Scouting- und Vertragsanbahungskunst. Vermut­lich, weil sie spürte, das Chiara immer noch leichte Zweifel an der Richtigkeit ihres Schrittes hatte.
Chiara blickte nachdenklich und gleichzeitig traurig weiter in Richtung Imbiss. Sie hatte zwischen­zeitlich ihren Gang in Richtung Zentrum unterbrochen, um nicht versehentlich gegen einen Later­nenpfahl oder etwas vergleichbares zu laufen. Daher stand sie nun ziemlich mittig auf dem Platz vor dem Haupteingang von Steinkamp Sport & Wellness. In direkter Sichtlinie zum Imbiss, sollte Ina ihre Putzaktion unterbrechen und aufschauen. Was sie wie auf´s Stichwort auch tat. Als ob sie Chia­ras Blicke gespürt hätte.
Die rot-blonde Köchin schaute zunächst leicht desorientiert, dann nonchalant und ein bisschen neu­gierig, direkt in Chiaras Richtung. Ihre Augen taxierten die Eiskunstläuferin dabei abschätzend. Was war los? Oder hatte Chiara sie am Ende gar nicht bewusst angeschaut, sondern starrte nur zufällig in ihre Richtung? Andererseits kannte Ina den Ausdruck in Chiaras Gesicht nur zu gut. Er bedeutete "schicksalsschwanger" und war sehr anziehend für neugierige Menschen, wie die Ziegler´s es im Allgemeinen nun einmal waren. Die Foodtruckerin hob fragend eine Augenbraue, verzog den rech­ten Mundwinkel zu einem etwas schüchternen, schiefen Grübchen-Grinsen und nutzte den Um­stand, dass Lucie gerade gut von Moritz abgelenkt wurde, um unbemerkt der wachsamen Geschwis­ter-Augen vorsichtig die Hand zu heben und in Richtung Chiara zu winken. Nur, weil man Ex-Lieb­haber war, musste man sich ja nicht ewig angiften oder dauernd ignorieren. Außerdem hatte Ina, ihrem gesteigerten Puls und dem heftig klopfenden Herzen nach zu Urteilen, noch lange nicht abge­schlossen mit der Idee einer dauerhaften Liebesbeziehung mit der manchmal etwas schwierigen Eis­kunstläuferin Chiara Nadolny. Nur hatte sie bislang weder die Gelegenheit gehabt, noch den Mut zusammenkratzen können, das Objekt ihrer Begierde abzupassen, auf ein Wasser einzuladen und über ihre komplizierte Beziehung zu reden. Erst war sie feige weggelaufen, dann kam Yannick und seine gesundheitlichen Probleme dazwischen. Und zwischendrin ließ Lucie nichts unversucht, um mit Ina über Chiara zu lästern. Warum auch immer. Ina würde hier auch mal bald ein Machtwort sprechen müssen. Derlei Respektlosigkeiten konnte sie sich vielleicht Mo gegenüber erlauben, aber das Liebesleben von Ina ging sie nun wirklich gar nichts an. Und Chiara hatte Lucie nichts böses getan. Ganz im Gegenteil, wie Mo Ina vor ein paar Tagen etwas kleinlaut gebeichtet hatte. Und Ina über Chiaras Rolle in der Kuss-Sache zwischen Mo und Marie aufgeklärt hatte. Und zum Erstau­nen, aber auch zum Stolz von Ina, hatte Chiara Lucie vor großem Kummer geschützt, indem sie Mo dazu überredet hatte, die Wahrheit nicht zu verschweigen. Auch die jüngste der Ziegler-Geschwister natürlich trotzdem zunächst wenig begeistert von dieser Offenbarung gewesen war. Chiara zeigte Ina so, wenn auch unabsichtlich, dass ihr andere Menschen, besonders Ina´s Geschwister, ganz und gar nicht egal waren. Wer hätte das von der Eisdiva je vermutet? Ina hatte noch Hoffnung für sie beide, auch wenn der Weg zu einem neuen "Wir" sicher sehr steinig sein würde. Ein kleines, schie­fes Grinsen, welches Chiara nach eigener Aussage so unverschämt süß fand und eine Geste der Freundlichkeit in Form eines Händewinkens war vielleicht der Eisbrecher, der es vermochte den Eispanzer anzubrechen, der sich auf dem Fluss der Liebe zwischen den beiden Ex-Partnerinnen ge­bildet hatte. Ina lächelte versonnen in Richtung Chiara.

"Hey, Nadolny! Lebst Du noch? Bist Du noch dran?", brachte sich Kryztina Netrevka bei ihrer Ge­sprächspartnerin Chiara wieder in Erinnerung. Letzterer war, beim Anblick der so ungeheuerlich süß und gleichzeitig total schüchtern lächelnden und ihr zuwinkenden Ina, beinahe das Herz laut und heftig klopfend in die Hose gerutscht. Das altbekannte flaue Gefühl im Magenbereich hatte sich wieder bemerkbar gemacht. Ein zartes Lächeln wuchs auf ihren Lippen. Und ihre Handflächen fin­gen an zu schwitzen. Beinahe hätte die Eiskunstläuferin vergessen, dass sie mitten auf dem Platz vor dem Leistungszentrum stand und am Telefon jemand war, der eine Zukunftsentscheidung von ihr erwartete. Der ihr aber auch gleichzeitig wieder eine Zukunft bot. Wenn auch eine andere als die, die sich Chiara bis vor einem Monat selbst erträumt hatte.
"Äh ... ja. Ja. Ich bin noch dran.", antwortete Chiara verunsichert.
"Und? Was sagt die Liebe nun? Machst Du es?", wiederholte die Netrevka ihre Frage von vorhin.
Chiara seufzte leise, während sie Ina klar und verknallt wie eh und je anschmachtete und diese die­sen Blick erwiderte.
"Die ... die Liebe ... die Liebe ist tot. Ich mach´s! Ich melde mich nachher, nach dem Gespräch mit Simone Steinkamp, wegen der restlichen Details. Ich freue mich auf einen Neuanfang beim KEK."
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