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Hungry Eyes

von Hwanhee
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / MaleSlash
Bang Chan Han / Han Jisung Hwang Hyunjin Kim Seungmin Lee Felix Lee Know / Lee Minho
11.12.2020
07.04.2021
28
97.629
6
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Dieses Kapitel
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07.04.2021 5.028
 
Hyunjin POV

„Bin wieder da.“

Wie aus dem Nichts stand Chan plötzlich unter dem Türrahmen und hatte natürlich sofort alle Blicke wie der Solist einer Oper auf sich gezogen. Seine Augen überflogen kurz den Raum, bis sie schließlich Felix erspähten. „Felix… können wir reden?“, fragte er den Blonden neben mir. Als Felix ihn sah, rückte er ein Stück weiter ins Sofa zurück. Er saß kerzengerade da, als stände sein gesamter Körper unter Hochspannung. Irgendetwas stimmt hier nicht…

Mein siebter Sinn verriet mir, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich bekam ganz üble Schwingungen von unserem Leader. Auch wenn er äußerlich ganz normal und geordnet aussah, konnte man das nicht von seinem Inneren behaupten. Er war gestresst, seine Nerven lagen blank und er war emotional ausgelaugt, als hätte er einen heftigen Streit durchgemacht. Er ließ sich jedoch nichts anmerken, niemand durfte hinter seine perfekt aufgestellte Fassade blicken. Trotzdem schien er bemerkt zu haben, wie ich ihn analysierte und warf mir daraufhin einen warnenden Blick zu. Für gewöhnlich konnte ich nur mit den Augen rollen, wenn er dies tat, doch dieses Mal fuhr er mir damit tief unter die Haut. Ich hielt also jeden provokanten Kommentar ausnahmsweise zurück.

Schnell richtete ich meinen Blick wieder auf Felix, welcher zeitgleich hilfesuchend zu mir aufsah. Hatte er Angst vor Chan? „Lixie, du musst nicht, wenn du nicht willst…“, flüsterte ich ihm zu und nahm seine Hand. Sie war bereits ganz kalt vor lauter Angstschweiß. Ich hatte keine Ahnung, über was Chan mit ihm reden wollte, aber es schien ernst zu sein. „Ich weiß nicht, aber ich habe das Gefühl, dass ich muss…“, piepste der kleine Australier und stand auf. Noch immer hielt ich seine Hand, um ihm zu zeigen, dass er da nicht allein durchmüsse. „Felix…“, hauchte ich und wollte ihn nicht gehen lassen. Ehe der Jüngere etwas sagen konnte, hörten wir noch einmal das laute Zufallen der Eingangstür. Seungmin war nun auch zurückgekommen. Er warf kurz einen flüchtigen Blick zu uns ins Wohnzimmer, realisierte dann, dass die Situation brenzlig zu sein schien und beschloss anschließend, sich lieber aus der Angelegenheit raus zu halten. Er steuerte sofort die Küche an.

„Hyunjin, ist schon ok. Mach dir keine Sorgen, ja?“, hörte ich Felix´ beruhigend tiefe Stimme sagen. Er schenkte mir ein kleines Lächeln, woraufhin ich schließlich seine Hand losließ. Chan schlug vor, etwas mit ihm spazieren zu gehen, damit sie ihn Ruhe miteinander reden könnten. Draußen ging bereits die Sonne unter, es wurde vermutlich bald dunkel.

Solange Chan bei ihm ist, wird ihm nichts passieren, also muss ich mir keine Sorgen machen…
Oder sollte ich mir vielleicht genau deswegen welche machen?


Die beiden Australier verließen gemeinsam den Raum und es war mehr als nur eindeutig, dass alle Anwesenden im Raum ein mulmiges Gefühl bei der ganzen Sache hatten. „Bin ich der Einzige, der Gänsehaut bekommen hat?“, fragte sich Jeongin und rieb sich die Oberarme. „Mir geht´s genauso, Innie.“, gestand Changbin und fuhr sich durchs Haar. Sie hatten ebenfalls gespürt, das etwas faul war.

„Hannie, alles ok?“, fragte ich den dunkelhaarigen Vampir, der ganz nachdenklich den Boden anstarrte und sich dabei eine Hand vor den Mund hielt. „Hm? Oh, ja, alles gut.“, meinte er, schien aber gedanklich wo völlig anderes zu sein. Unser kleiner Gedankenleser hatte die Angewohnheit, dass er sich viel zu intensiv mit den Gedanken anderer beschäftige, sodass er im wahrste Sinne des Wortes sich vollkommen in ihnen verlor. Meistens hatten seine Opfer besonders düstere, traurige oder verstörende Gedanken in diesem Moment gehabt. Es war fair zu sagen, dass Jisung eher zu den Softies unter uns Vampiren zählte, weshalb ihm solche Sachen besonders zusetzten. Folglich war er auch ein eher zurückhaltender Jäger – das muss man sich mal vorstellen, selbst sein Halbblüterfreund hatte weniger Vorbehalt einen Menschen zu töten als er.

Ich wusste, dass er log. Während er versucht, mich mit seiner billigen Version der Wahrheit abzuspeisen, konnte sein Körper nicht lügen. Er musste mehr wissen, als er eigentlich zugab. Vielleicht hatte unser Eichhörnchen im entscheidenden Moment die finsteren Gedanken unseres Leaders gelesen und war deswegen so beunruhigt? Vermutung hin oder her – Jisung war treu Chan untergeben und würde mir nie freiwillig so etwas Wichtiges anvertrauen. Jedoch kannte ich jemanden, der die Wahrheit aus ihm herauskitzeln konnte und der nun auf Grund seines Beschäftigungszustandes alle Zeit der Welt dafür zur Verfügung hatte.

Bevor ich mich um diese Punkt kümmerte, wollte ich Seungmin noch einen kleinen Besuch in der Küche abstatten.


/derweil auf der Straße vor dem Haus/

Felix POV

Zügig liefen Chan und ich vom Haus weg, immer weiter in Richtung der untergehenden Sonne. Er hatte mich am Handgelenk gepackt und zog mich, ohne ein Wort zu sagen, hinter sich her. Sein Griff war grob, es tat ein bisschen weh und durch das gehobene Tempo befürchtete ich, jede Sekunde Bekanntschaft mit dem asphaltierten Boden zu machen. „Chan? Wo wollen wir überhaupt hin?“, fragte ich den Älteren, der fast schon willkürlich immer wieder die Richtung änderte. Er gab mir keine Auskunft über unser Ziel und zerrte mich einfach weiter mit sich.

Chan schien total aufgelöst zu sein. Ab und zu kam es mir so vor, als würden zwei zerrissene Seelen in ihm wüten. Während er mich weiß Gott wohin führte, sah er sich immer wieder hektisch in der Gegend um. Diese Art von Paranoia war ich gar nicht von ihm gewöhnt. Als wir irgendwann ein gut besuchtes Einkaufsviertel erreichten, stoppten wir kurz und er ließ endlich mein Handgelenk los. Er schien zu überlegen, wo wir als nächstes hingehen sollten. „Chan, ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte ich den Vampir, der mich noch vor ein paar Stunden zu seiner tanzenden Marionette gemacht hatte. Auch wenn ich eigentlich stinksauer auf ihn hätte sein sollen, konnte ich nicht anders, als mich um ihn zu sorgen.

Als Antwort auf meine Frage sah er mich nur stillschweigend an. Ich zuckte ein wenig zusammen, als ich in seine rotglühenden Augen sah und bemerkte, dass er mich bereits wie ein Raubtier seine Beute ins Visier genommen hatte. Ich spürte, wie mich meine Kräfte verließen und ich unter seinem observierenden Blick ganz schwach wurde. Da waren sie wieder – die messerscharfen, feinen Fäden, die sich um meinen Körper schlangen und tief in mein Fleisch schnitten, sobald ich versuchte, mich von ihnen zu lösen.

„Komm.“, befahl er und führte mich wieder an der Hand aus der Menschenmasse heraus. Einige dubiose Seitenstraßen später befanden wir uns an dem Ort, wo alles angefangen hatte – dem Stadtpark.

„Was wollen wir hier?“, fragte ich ihn verwirrt und bekam erneut keine hilfreiche Antwort. Wir spazierten ein wenig den Pfad entlang, der nun von den alten Laternen schön beleuchtet wurde. Die Sonne war inzwischen untergegangen, doch ihr rot-orangener Schleier erstreckte sich über das dunkle Himmelblau, in welchem bereits vereinzelt Sterne aufblitzten. Es waren nur noch wenige Menschen im Park, es wäre also der perfekte Zeitpunkt für ein ungestörtes Gespräch unter vier Augen gewesen. „Setzten wir uns?“, Chan deutete auf eine nette Bank am Wegesrand und führte mich sogleich zu ihr. Wir ließen uns auf ihr nieder und betrachten die vorbeigehenden Pärchen, die verliebt und Hand in Hand durch ihre eigene rosarote Welt spazierten.

Wie sehr hatte ich mir auch nur einen Bruchteil dieser Zärtlichkeit von Chan in diesem Moment gewünscht, doch ich machte mir nur selbst falsche Hoffnungen. Dennoch sah icherwartungsvoll zu ihm herüber und bemerkte, wie dieser wieder sein Umfeld ganz genau unter die Lupe nahm. War dieses Verhalten der Anzahl an Menschen geschuldet oder hielt er nach etwas – oder vielmehr nach jemand speziellem – Ausschau?

„Felix, wir müssen reden.“, fing er endlich an. Ich nickte und war gespannt auf das, was nun folgen sollte. „Die Sache mit dem Telefonat mit deiner Mutter tut mir aufrichtig leid, wirklich, aber es war notwendig, um sie zu schützen.“, meinte er und ich wusste nicht, ob ich ihm das wirklich so einfach verzeihen konnte. Das ich nicht mit ihr reden konnte, war ein Thema für sich. Das, was mich aber am meisten verletzte, war die Tatsache, dass Chan offenbar keine Hemmungen hatte, seine und Changbins Kräfte gegen mich einzusetzen. „Ich denke, dieses Ereignis hat mir- … nein, es hat uns noch einmal deutlich gezeigt, dass das alles nicht normal ist.“, seine Stimme klang bedrückt, „Felix, ich weiß, dass alles hier allein meine Schuld ist, ich habe dich in so große Gefahr gebracht… wenn dir je etwas meinetwegen zustoßen sollte, könnte ich mir das nie verzeihen.“
Er krallte sich mit einer Hand an der hölzernen Bank, auf welcher wir saßen, fest. Seine Finge bohrten sich in das morsche Holz und es begann zu splittern. Es war fast so, als wollte Chan noch einmal untermalen, was für ein Wesen er wirklich war.

„Chan, … was willst du mir damit sagen?“, fragte ich ihn völlig planlos.

„Felix, es hat einen Grund, warum ich dich ausgerechnet hierhergeführt habe, weißt du? Wenn du diesem Weg folgst, bist du im Nu wieder bei deinem Studentenwohnheim.“, er zeigte auf die Dächer einiger Gebäudekomplexe, die man in der Ferne erkennen konnte. Bevor er weiter sprach sah er mir tief in die Augen. „Hier hat alles angefangen und hier soll es auch enden.“

W-was?

Ich traute meinen Ohren nicht, hatte Chan das eben wirklich gesagt? Ich lachte verzweifelter als mir lieb war und meinte, er solle keine Scherze machen. Er schüttelte nur leicht seinen Kopf und wurde etwas ausführlicher: „Ich meine das ernst, Felix. Es ist einfach viel zu gefährlich für dich. Das hier ist vermutlich deine letzte Chance, wenn du jetzt gehst, wird dir niemand folgen. Wenn du keinem etwas von uns erzählst, wirst du in Sicherheit sein.“ Ich konnte nicht glauben, dass das gerade wirklich passierte. Ich dachte oft über eine Flucht nach, und obwohl die Freiheit in diesem Moment zum Greifen nah, fühlte es sich einfach falsch an. Wie von allein schüttelte ich wild meinen Kopf. „Wenn du bei mir und den anderen bleiben würdest, müsstest du deinem alten Leben Lebewohl sagen. Könntest du das? Könntest du dich von all denjenigen verabschieden, die dir wichtig sind? Eins weiß ich sicher, ich könnte das nicht. Felix, ich kann dich nicht verwandeln, ich kann und will dir dein Leben nicht ruinieren.“ Man hörte deutlich heraus, dass ihm das Ganze ebenfalls nicht leichtfiel.

Seine Worte waren erdrückend, meine Brust fühlte sich schwer an und mein Herz schmerzte. Die Tränen sammelten sich bereits in meinen Augen, da stand Chan plötzlich auf. Er stand mit dem Rücken zu mir und starrte in die Richtung, aus welcher wir gekommen waren. „Chan, warte, geh nicht, bitte…“, bettelte ich den Älteren an und stand ebenfalls auf. Er sah mich nicht einmal mehr an, er meinte nur resigniert: „Felix, es ist besser so. Du hast das, was die anderen nie hatten: eine Wahl.“

Du sagst, ich hätte eine Wahl, doch warum nimmst du mir dann die Entscheidung?

Tief im Inneren ist mir bewusst, dass er recht hat. Das zwischen ihm und mir – nein - absolut alles was mit diesem Mann zu tun hat, ist nicht normal. Auch wenn es nicht der Norm entsprach und eigentlich auch gar nicht möglich sein sollte, fühlt es sich trotzdem erstaunlich… richtig an. Als hätte irgendeine höhere Macht entschieden, dass ich mein Leben mit ihnen verbringen solle. Es war dieses Gefühl, dass etwas exakt so vom Schicksal gewollt war, es fühlte sich einfach richtig an.


„Besser so? Was ist besser so? Du willst mich nicht von denen, die mir am Herzen liegen trennen, aber siehst du nicht, dass du genau das gerade versuchst zu tun?!“, warf ich ihm entgegen und wurde immer lauter. Da ich ja in letzter Zeit nicht schon oft genug geheult hatte, hatte ich dementsprechend keine Hemmungen mehr, meine Gefühle offen zu zeigen. „Du kannst mir doch nicht einfach all die schönen Erinnerungen nehmen und sie in traurige Nostalgie verwandeln…“, schluchzte ich und zupfte am Saum seiner Jacke, als würde das helfen, ihn vom Gehen abzuhalten.

„Lix… du bist mir einfach viel zu wichtig, verstehst du das nicht?“, er drehte sich endlich wieder zu mir um und ich konnte in seine dunkelroten aber wässrigen Augen blicken. „Ich habe Angst, verdammt viel Angst, das kannst du dir nicht einmal vorstellen. Sieh mich doch an…“, er zeigte auf seinen Körper, „Ich bin ein Monster, Felix! Wenn du nur ansatzweise wüsstest, zu was ich alles in der Lage bin, würdest du hier nicht mehr so ruhig vor mir stehen. Du weißt auch nicht, wie verflucht verlockend dein Duft gepaart mit deinem unschuldigen Engelsantlitz für Vampire wie mich ist. Ich bin nicht gut für dich, ich werde dich nur verletzen.“, behauptete er und fletschte seine spitzen Zähne. Ich war so frei und stellte die Hypothese auf, dass er niemanden so sehr fürchtete wie sich selbst. Chan ließ es so klingen, als gäbe es zwei von ihm und als hätte er keine Kontrolle über beide Seiten - er war sein eigener Nemesis.

„Chan…“, hauchte ich und nährte mich dem aufgebrachten Vampir. Auch wenn er es vielleicht anders sah, hatte ich keine Angst vor ihm. Ich nahm sein eiskaltes aber wunderschönes Gesicht in meine Hände und lehnte meine Stirn an seiner an. Sofort schien er sich wieder etwas zu beruhigen. Er legte seine Hände auf meine, als wollte er, dass ich noch ein Weilchen bei ihm blieb. „Fe-Felix, … es tut mir alles so unendlich leid. I`m such a mess right now…“. es brach mir das Herz, ihn schluchzen zu hören. Er kniff seine Augen zu, doch die Tränen hörten nicht auf zu fließen. Ich schloss ebenfalls meine Augen und meinte sanft: „Shh~ ist schon gut~“. Keine Sorge, du bist nicht der erste Unsterbliche, der sich an meiner Schulter ausheult. Vielleicht sollte ich anfangen, dafür Geld zu verlangen?

„Die Leute sagen immer, wenn man sie liebt, solle man sie loslassen, aber wissen die auch, wie scheiße schwer das eigentlich ist?“, schluchzte Chan und wusste dabei nicht, welchen Schwarm an Schmetterlingen er durch diese Worte in mir herbeirief. Bedeutet das etwa, dass Chan mich wirklich… liebt?

Meine Wangen erröteten und ich zog meinen Kopf rasch zurück. Chan öffnete langsam wieder seine Augen, welche wieder ihr natürliche, braune Farbe angenommen hatten. „Chan, auch wenn es gegen jegliche Vernunft spricht, ich werde nicht davonlaufen. Ihr seid mir ebenfalls verdammt wichtig, Chan, du bist mir wichtig. Die Ereignisse deiner Vergangenheit sind deine Sache, sie sind passé und ich kann nichts an ihnen ändern. Aber ich möchte gerne das Hier und Jetzt mit dir genießen und gemeinsam mit dir in unsere Zukunft blicken.“, flüsterte ich und schenkte ihm dabei ein aufrichtiges Lächeln. Mit großen Augen sah er mich ganz überwältigt an, meine Aussage schien ihm zudem wohl die Sprache verschlagen zu haben.

Inzwischen spannte sich die dunkle Nachthimmeldecke über den Horizont und nur der Mond lauschte unserem Gespräch. „Chan, schau mal da!“ Neben den unzähligen Sternen über uns, glitzerten auf einmal winzige, grüne Lichtlein um uns herum. Es waren Glühwürmchen! Ich wusste, dass ein kleiner Fluss den Park durchzog, aber ich hatte dort noch nie Glühwürmchen gesehen. Sie wanderten um uns herum und verliehen der Szene etwas Fabelhaftes. Ich freute mich wie ein Kind über unsere kleinen Freunde, die um uns herumschwirrten. „Du bist so süß, wenn du so bist…“, hörte ich Chan plötzlich kichern und bemerkte, wie er seine Arme um meine Hüfte gelegt hatte. Er zog mich etwas näher an sich heran und gemeinsam beobachteten wir die wandernden Lichter über uns.

Der Moment war absolut einzigartig und romantisch, es fehlte nur noch eine Kleinigkeit, die ihn vollenden würde. Ich sah wieder zu Chan, welcher ganz verträumt auf meine Lippen starrte – er dachte an dasselbe wie ich. Ich legte meine Arme um seinen Hals und das nächste, was ich spürte, waren seine weichen Lippen auf meinen. Die Berührung prickelte und eine vertraute Wärme machte sich in meinem Körper breit. Dieser Kuss fühlte sich ganz anders an als die Küsse davor. Er war so rein und voller Ehrlichkeit, die Welt schien für einen Augenblick stehen zu bleiben. Mein Herz pochte wie verrückt, ich dachte, es würde jede Sekunde explodieren. Aus Luftmangel mussten wir uns kurz voneinander lösen. Ich sah in das Gesicht des Mannes, dessen Seite ich nicht mehr verlassen wollte und konnte nicht anders, als zu lächeln. Dieser Kuss hatte es noch einmal bewiesen, ich war über beide Ohren in ihn verliebt.

Wir küssten uns noch einmal, um wirklich jede Sekunde dieses magischen Moments auszukosten. Wenn auch nur für wenige Minuten, vergaßen Chan und ich all die verzweigten Konsequenzen, die meinen Entscheidung mit sich bringen würde. Wir genossen einfach unsere Zweisamkeit im Mondschein.

Nach einer Weile beschlossen wir den Heimweg anzutreten. „Lass uns lieber gehen, sonst erkältest du dich hier draußen noch.“, meinte er fürsorglich und ging bereits einige Schritte vor. Ein letztes Mal sah ich in die Richtung meines Campus und fragte mich, ob ich nun tatsächlich alles aufgeben musste. „Felix? Kommst du?“, fragte Chan und streckte mir seine Hand entgegen.

Chan, ich weiß nicht, wie das alles für dich oder mich ausgehen wird, aber bei einer Sache bin ich mir felsenfest sicher…

Ich lächelte, griff nach seiner Hand und lief gemeinsam mit ihm zurück.

Mein Herz gehört dir.


/Was zwischenzeitlich im Haus geschah/

Seungmin POV

Nachdem ich in die Küche geflüchtet war, um unnötigem Drama aus dem Weg zu gehen, wollte ich mir etwas zu essen zubereiten. Mein Plan beinhaltete eine gute Nudelsuppe und später noch einen heißen Tee, damit ich den Abend gemütlich und in Ruhe ausklingen lassen konnte.

Jedoch wurden mir nur wenige Minuten der ungestörten Ruhe gegönnt, da die Dramaqueen höchstpersönlich um eine Audienz bei mir bat. „Minnie~“, hörte ich Hyunjins erhöhtes Stimmchen mich rufen, nachdem er sich in die Küche geschlichen hatte. „Was willst du?“, fragte ich genervt, da ich die Nase voll von dieser Schose hatte. Es war jedes Mal dasselbe Prinzip, er lag mir solange in exakt diesem Ton in den Ohren, bis er schließlich bekam, was er wollte – mein Blut. Er lugte mir über die Schulter und fragte, ob er mir beim Kochen helfen könne. „Du willst mir beim Kochen helfen, habe ich das richtig verstanden?“, wollte ich noch einmal sichergehen, da es sich selbst aus meinem Mund komisch anhörte. Er nickte eifrig und wartete wohl auf irgendeine Art Anweisung von mir.

„Hyunjin, das zieht bei mir schon lange nicht mehr.“, behauptete ich, „Sag doch einfach, was du willst und rede nicht wieder um den heißen Brei herum.“ Er kaute nervös auf seiner Unterlippe herum und sah sich unschlüssig in der Küche um. „Lass mich raten, du hast Durst, aber Felix hat dich abblitzen lassen, also bin ich dir jetzt wieder gut genug, stimmt´s?“, vermutete ich und hätte wetten können, dass genau das der Fall war. „Mhh, nicht ganz, Watson.“, meinte der Größere und sah mir dabei zu, wie ich die Suppe umrührte. „So? Ein Fünkchen Wahrheit scheint aber doch dran zu sein. Wo war denn der Fehler in meiner Deduktion, Sherlock?“, wollte ich von unserem Prinzen wissen und drehte mich zur Seite, damit ich ihm direkt gegenüberstand.

„Lix hat mir tatsächlich einen Korb gegeben.“, lachte er leicht verlegen. Wow, muss ja mal ein riesiger Schock für dich gewesen sein, sonst liegt deine Erfolgsquote doch laut Eigenaussage immer bei 100%, oder?

Ich gab ihm den „und wie betrifft das jetzt mich?“- Blick. Er atmete tief durch und kam einen Schritt auf mich zu. „Seungmin, können wir reden? Es geht nicht um dein Blut oder so, ich will einfach ein paar Dinge aus der Vergangenheit klarstellen und mich für meine Dummheit entschuldigen.“, meinte er und klang ungewohnt seriös dabei. Ich traute ihm jedoch nicht, er hatte doch sicher irgendeinen eigennützigen Hintergedanken dabei. „Ah ja, nach all den Jahren willst du endlich darüber reden und dann was? Ratterst du kurz ein belangloses sorry, dass ich dein Leben ruiniert habe herunter und gut ist´s? Oder eher ein sorry, dass ich dir im Moment deines Todes einfach so mein widerliches Vampirserum verabreicht habe?“, warf ich ihm zynisch an den Kopf und hatte sichtlich keine Lust auf irgendwelche Spielchen. Sobald ich nur an dieses Teufelsgift dachte, dass er mir in den Mund träufelte kurz bevor ich meinen letzten Atemzug nahm, fuhr es mir eiskalt den Rücken hinunter. Die Verwandlung tat höllisch weh – kein Wunder, dass man danach als lebender Toter dazu verdammt war, auf der Erde weiter zu wandern, denn jeder normale Mensch hätte unter so extremen Schmerzen sowieso ins Gras gebissen.

Zuerst schien er etwas abgeschreckt von meinem harschen und direkten Tonfall gewesen zu sein, doch dann erwiderte er: „Also erstens war ich nicht der Einzige, der das Thema totgeschwiegen hat. Du bist auch nicht ganz unschuldig, mein Lieber. Das ist jetzt aber nicht der Punkt, ich will mich nicht für die Verwandlung entschuldigen- halt, doch! Also es tut mir natürlich schon leid, dass du meinetwegen so leiden musstest, aber – argh - eigentlich wollte ich mich für etwas ganz anderes entschuldigen!“ Hyunjin legte eine Pause ein, ehe er sich den Mund noch fusseliger redete.
Normalerweise war jedes seiner Worte wohl bedacht und seine Intentionen waren stets klar aus ihnen herauszuhören, doch dieses Mal hatte ich absolut keine Ahnung, was er von mir wollte.

„Hyunjin, was willst du mir sagen?“

„Es geht um diese Nacht im Motel, … ich habe dir nicht ganz die Wahrheit gesagt.“, gestand er mir. Diese verfluchte Nacht verfolgte mich bis zu diesem Zeitpunkt, obwohl ich nie wieder einen Gedanken an sie verschwenden wollte. Ich hatte den Teufel an die Wand gemalt und einige hässliche Dinge Hyunjin an den Kopf geworfen, die ich im Nachhinein bereute, auch wenn er sie irgendwie verdient hatte.

Er wollte eben weiter ausholen, doch ich wollte mir nicht mit diesen alten Geschichten den Abend verderben und wimmelte ihn ab. „Hyunjin, lass stecken, ich kann und will jetzt nicht an diese schreckliche Zeit erinnert werden. Findest du es selbst nicht etwas lächerlich, jetzt wieder angekrochen zu kommen, nur weil dein geliebter Lixie dir eine Abfuhr gegeben hat?“, fauchte ich. Tief im Inneren hoffte ich aber, dass das nicht sein einziger Grund gewesen war. Hyunjin schwieg und sah mich ausdruckslos an. Klar konnten seine schnippischen Bemerkungen einen ab und zu echt auf die Palme bringen, doch eins war noch viel schlimmer – wenn er schwieg. Ich hasste es. Diese dunkle Ahnungslosigkeit, in der er mich tappen ließ, machte mich wahnsinnig.

Plötzlich kam er auf mich zu und stand so nah bei mir, dass ich bereits seinen Atem in meinem Nacken spüren konnte. Eine seiner Hände fuhr an meiner Taille vorbei und mit der anderen stützte er sich an der Arbeitsfläche hinter mir ab. Sein Gesicht war so nah, dass ich fast nicht mehr klar denken konnte, mein ganzer Groll hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst. „Hyunjin, was-“, dann hörte ich ein Klack und stellte fest, dass er lediglich den Herd zurückgedreht hatte. „Vorsicht, die Suppe war kurz vor dem Überkochen.“, flüsterte er und entfernte sich wieder. Er schien mich nun wieder ungestört kochen zu lassen. „Es tut mir leid, ich wollte nicht alte Narben wieder aufreißen. Falls du doch irgendwann bereit dazu bist, darüber zu reden, weißt du ja, wo du mich findest.“, meinte er erstaunlich verständnisvoll und nickte in die Richtung unseres Zimmers. Ich bekam nicht einen Mucks aus mir heraus, schon hatte er die Küche wieder verlassen.

Ganz ehrlich - so zurückhaltend hatte ich ihn noch nie erlebt. Für gewöhnlich fand Hyunjin immer einen Weg an das zu kommen, was er gerade wollte. Doch dieses Mal… gab er einfach nach?

Völlig perplex nahm ich den Kochtopf von der Herdplatte und stellte zwei Schüsseln bereit – eine für mich und eine für Jeongin, ich kochte immer für ihn mit. Ich portionierte das dampfende Gericht, nahm zweimal Besteck heraus und schlürfte mit den Schüsseln in den Händen ins Esszimmer. „Innie~! Es gibt Essen!“, rief ich den Jüngeren. Sofort erschien der blauhaarige Junge zusammen mit Changbin, der uns offenbar Gesellschaft leisten wollte. „Mhhmm~ das duftet gut!“, schwärmte Innie und bedankte sich bei mir für das Essen.

Während wir aßen, berichtete Changbin mir von dem Vorfall mit Chan und Felix. Als er Chans mysteriöse Aura schilderte, fühlte ich mich zunehmend schlechter, da ich einfach die Augen verschlossen hatte und Felix nichts zur Seite stand. Ich konnte mir gut vorstellen, wie viel Angst er gehabt haben muss.

„Leute, ihr tut ständig so, als wäre Chan Hyung-“, mitten im Satz stoppte Jeongin und krümmte sich nach vorne. „Innie? Was ist los?“, fragte ich den Jüngere, der scheinbar plötzlich immense Schmerzen verspürte. Er schlug mit seiner geschlossenen Faust mehrmals auf den Tisch und meinte verkrampft, dass er keine Luft mehr bekommen würde. Hektisch sprang ich von meinem Platz auf, warf den Stuhl dabei um und versuchte dem Jüngeren irgendwie zu helfen. „Scheiße, Changbin, was ist mit ihm?“, fragte ich den dunkelhaarigen Vampir neben mir panisch. Er schien ebenfalls völlig überfordert zu sein. Während wir nutzlos in der Gegend herumstanden, musste Jeongin durch die Hölle gehen. Mist, was sollen wir nur tun?!


/ 10 Minuten zuvor, in Minsungs Zimmer/

Minho POV

Ich konnte es nicht fassen, dass es doch tatsächlich Kreaturen gab, die zu dumm waren, um den Satz „ich will heute nicht mehr gestört werden“ zu verstehen. Zu den eben genannten Kreaturen zählte wohl oder übel Hwang Hyunjin, Störenfried meiner Nachtruhe.

Normalerweise ging ich auf Stand-by, sobald ich das unerwünschte Geschwafel anderer mitanhören musste, jedoch wurde ich hellhörig, als Jisungs Name fiel. Hyunjin meinte, dass mein süßer Freund uns irgendetwas von großer Bedeutung vorenthalten würde. Es wurde spannend, als er noch hinzufügte, dass es etwas mit den Gedanken unseres Leaders zu tun hätte. Kein Wunder, dass Jisung dann dichthielt und ihnen nichts erzählte. Ich sah Hyunjins Bitte, ihnen zu helfen, als eine Art persönliche Challenge an – würde mein über alles geliebter Lover mir die Wahrheit erzählen, oder würde er Chan loyal bleiben? Diese Frage hatte sich schon vor Jahren in meinem Kopf eingenistet gehabt und nun würde ich endlich eine Antwort auf sie bekommen. Mich reizte außerdem der Gedanke, für etwas Anarchie unter den Vampiren sorgen zu können.
Hyunjin, Gratulation, du hast einmal was richtig gemacht, indem du dich an den Richtigen gewendet hast.

Also begab ich mich noch einmal ins Wohnzimmer, wo laut Hyunjin mein Geliebter immer noch verweilte. Ich kam gerade passend, da Seungmin Jeongin zu sich rief und Changbin ebenfalls den Raum verließ. Nun konnte ich ungestört Jisung dazu verführen mir die Wahrheit zu beichten.

„Babe~“, säuselte ich vergnügt, als ich vor dem Eichhörnchen, welches seinen Kopf hängen ließ, stand. Er sah zu mir hoch und sofort drückte ich ihm einen Kuss auf. Er war brav und erwiderte ihn auch sofort. Nach einigen Sekunden lösten wir uns wieder von einander und ich stieß seinen Oberkörper leicht an, sodass er zurück ins Sofa fiel. Mit einem Grinsen im Gesicht machte ich es mir auf seinem Schoß bequem. Zunächst sah er etwas verwirrt aus, legte aber zeitgleich seine Hände auf meine Oberschenkel.
„Minho…“, hauchte er, kurz bevor ich seine Lippen wieder in Beschlag nahm. Ich biss leicht auf seine Unterlippe, während wir uns küssten, da ich wusste, dass ihm das gefiel. Ich sorgte für etwas Abwechslung, indem ich nun begann seinen Hals zu liebkosen. Er warf seinen Kopf zurück und gab mir so die Freiheit, nach Belieben jede Stelle seines Nackens zu küssen. Bevor ich einen Schritt weiter ging, wanderte ich zu seinem Ohr und raunte: „Süßer, du willst doch sicher mehr, oder?“ Ich richtete mich wieder auf und warf ihm einen extra charmanten Blick zu, welchem er nicht widerstehen konnte. Er nickte und ließ seine Hände zu meinem Hintern wandern.

„Gut. Aber zuerst will ich wissen, was hier vorhin los war.“, stellte ich als Forderung auf und neigte meinen Kopf abwartend zur Seite. „Chan Hyung wollte mit Felix reden.“, antwortete er mir knapp. Er wusste aber, auf was ich eigentlich hinauswollte, ich sah es ihm an. „Unsere Prinzessin meinte, Channie sei etwas seltsam drauf gewesen.“, erzählte ich, „Du weißt doch sicher, warum das so war, oder?“ Jisung schwieg und sah schräg an mir vorbei. Ich nahm sein Gesicht in eine meiner Hände und zwang ihn so mir wieder in die Augen zu schauen.
„Baby, die anderen und ich machen uns Sorgen. Willst du mir nicht verraten, was in dem kleinen Köpfchen unseres Leaders so vorgeht?“, fragte ich ihn noch einmal und sah, wie sich seine Augen verengten. „Ich kann nicht, Baby…“, meint er nur. Ich hob eine Augenbraue, da ich nicht zufrieden mit dieser Antwort war. „Es geht wirklich nicht.“, betonte er noch einmal. Da er es freiwillig nicht zugab, musste es sich wirklich um etwas Ernstes handeln. Ich seufzte, da es nicht so wirkte, als würde er einfach so nachgeben. Ist das die Antwort, auf dich ich all die Jahre so sehnsüchtig gewartet habe?

Ich stand wieder auf und überlegte mir bereits, was ich als nächstes tun könnte, da hörten wir laute Aufruhr im Esszimmer. Jisung und ich sahen uns kurz an und gingen anschließend dem Tumult auf den Grund.

Als wir das Esszimmer betraten, fanden wir einen vor Qualen stöhnenden Jeongin, einen hysterischen Seungmin und einen ratlosen Changbin wieder. Ich wollte eben fragen, was passiert war, da fing Jeongin plötzlich an Blut zu spucken. „Ach du scheiße.“, entwich es meinen Lippen, als ich die rote Flüssigkeit in den Händen des Jüngsten sah. Instinktiv sah ich zu Jisung, welcher blitzschnell die Lage analysierte und zu Changbin nickte. Seine Augen hatte wieder diesen stechenden Rotton angenommen, er ballte seine Hände zu Fäusten und knurrte wütend. Alles passierte blitzschnell und auf einmal stand er am Fenster. Mein Blicke sprangen hin und her, während Jisung irgendetwas zu suchen schien, hatte Changbin scheinbar seine Kräfte eingesetzten und beendete, was auch immer in Jeongin vorging. Der Jüngste atmete zwar noch schwer, aber der Schmerz schien nachgelassen zu haben. „Und?“, kam es von Changbin und funkelte zum Fenster. Jisung schüttelte nur seinen Kopf und stellte sich wieder neben mich. Seungmin und ich verstanden zwar nur Bahnhof, aber wir waren froh, dass es Innie wieder besser ging.

Jisung legte einen Arm um mich und zog mich nah sich, als würde er mich beschützen wollen.
Er wollte etwas sagen, verstummte aber sofort, als er die beiden Australier in der Tür sah.



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Dam, damm, daaaa... xD

So das war's wieder. Wie ihr seht, verzweigt sich die Story jetzt ein bisschen, aber sie haben eine gemeinsame Wurzel. ;)

I hope you liked it <3

Ah und im nächsten Chapter gibt's wieder etwas juice for the thirsty ones unter euch~ ;))))

Bis dahin STAY tuned
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