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Adventskalender - Türchen 11: Oma knutscht den Weihnachtsmann

GeschichteHumor, Romance / P12 / Gen
Chris "The Lord" Harms OC (Own Character)
11.12.2020
11.12.2020
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Ihr Lieben, ich habe die Ehre Euch ein Türchen zu befüllen. Ich hoffe sehr, die Geschichte erhellt Euch die trüben Tage diesen Jahres. Bleibt alle gesund und macht das Beste aus den Weihnachtstagen!
Euer Traumtänzerchen

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„Ich hätte kurzfristig einen für Sie. Trotz Corona!“ die freundliche Stimme am anderen Ende des Telefons rettet unser Weihnachten.
Alles ist schwerer, anders dieses Jahr. Am Geld liegt es nicht, wir haben ein altes Familienunternehmen, das sehr gut läuft. Und auch wir in einer Villa an der Elbe leben, in Buxtehude, die seit – ja, ich kann es getrost sagen – Jahrhunderten im Familienbesitz ist, führen wir ein bescheidenes Leben. Keine hochmodernen nagelneuen Autos jedes Jahr, vor allem nicht zig Autos, keine überteuerten Luxusgüter, keine Weltreisen jedes Jahr dreimal. Ja, die Kinder besuchen Privatschulen. Aber das ist auch der einzige Luxus. Sie haben nicht jedes Jahr das modernste Handy. Ich auch nicht. Aber ich schweife ab.
„Entschuldigung… wie bitte?“ hinterfrage ich den letzten Satz meines Gesprächspartners.
„Ich sagte, ich bürge für den Herren! Es ist kein unzuverlässiger Student, sondern ein Künstler, der schon viele Jahre freiberuflich tätig ist. Er würde sich am 18. bei Ihnen vorstellen, wenn das ok ist.“
„Ja, gut. Dann nehme ich ihn.“ Stimme ich zu. Corona heißt Ausnahmesituation.
„Viele Künstler müssen sich anderweitig betätigen, weil ja ihr berufliches Standbein wackelt. So ohne Konzerte und so.“ erklärt die Dame von der Agentur, die unter anderem Weihnachtsmänner vermittelt.
„Sie haben den Kindern das Fest gerettet!“ bedanke ich mich, bevor ich auflege. Das Faxgerät rattert kurze Zeit später, der Vertrag wird gesendet. Schnell fülle ich ihn aus, unterschreibe und faxe ihn zurück. Meine Arbeit habe ich schon erledigt. Da wir unbekannt bleiben möchten, arbeite ich überwiegend zu Hause. Als Vorstandsvorsitzende und Eigentümerin eines großen und sehr alten Handelsunternehmens ist mir das möglich. Dieses Unternehmen wird immer an das jüngste Kind vererbt. Die Geschwister sind zur Geheimhaltung verpflichtet, auch ihre Kinder erfahren davon nicht. Allerdings haben die älteren Geschwister auch ausgesorgt und gutbezahlte Positionen im Unternehmen. Erst bei Testamentseröffnung nach meinem Tod werden meine Kinder und die Kinder meiner Geschwister davon erfahren. Zweck dieser Tradition sind die Tugenden, die wir den Kindern mitgeben möchten – Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Warmherzigkeit und ähnliches. Mit dem Wissen um Reichtum wäre das sehr sehr schwer. Auch mein jüngstes Kind, ich habe Drei, weiß noch nichts davon. Sie wird studieren, was sie möchte – nachdem sie eine betriebswirtschaftliche Ausbildung oder ein entsprechendes Studium absolviert hat. Familientradition. Sie weiß das und will, in zwei Jahren, ein duales Studium beginnen: Sozialarbeit und Wirtschaft. Heute ist das ja kein Problem. Ich musste noch Betriebswirtschaft studieren, bevor ich meinen Wunsch, ein Kunststudium, erfüllen konnte. Die Haushaltshilfe reißt mich aus meinen Gedanken. Sie ist jeden Vormittag im Hause und unterstützt mich, wenn ich im Homeoffice arbeite.
„… fertig. Wir müssten noch über die Feiertage sprechen.“ Vernehme ich.
„Ja gerne, bei einer Tasse Tee?“ die Perle des Hauses nickt lachend. Sie hat längst aufgegeben, den Tee kochen zu wollen. Das mache ich selber. Sie ist schließlich nicht meine Dienerin! Sondern eine Haushaltsperle. So eine historische Villa will auch gepflegt und geputzt werden. Ihr Mann erledigt die Handwerklichen Sachen, sie hilft im Haushalt. Irgendwie alles Tradition. Ihre Familie hilft uns schon seit Generationen.
Wir sitzen noch gemütlich in der Wohnküche beim Tee, die Sitzecke ist in einem Erker mit hohen Fenstern und bietet einen grandiosen Ausblick auf den gepflegten Garten, als meine Jüngste heim kommt. Erwähnte ich, dass sie ein Nachzügler ist? Ein Nesthäkchen? Ihre Geschwister, Zwillinge, sind 10 Jahre älter. Gerettet hat mich das auch nicht, der Mann hat mich verlassen, als ich mit Luisa schwanger war. Aus den Augen aus dem Sinn – weder André und Annika interessieren ihn, noch Luisa. Mit meinen 46 Jahren bin ich also alleine. Klar gab es ab und an einen Mann in meinem Leben… aber nie wieder die große Liebe. Das Haus glänzt im Angesicht des vorweihnachtlichen Schmucks, der die Fenster, Kommoden und Türrahmen schmückt. Auch unser Vorgarten ist festlich geschmückt, allerdings alles nicht zu bunt. Die Lichter sind in weiß und gelb gehalten. Lediglich die überdimensionalen Zuckerstangen, eine Neuerwerbung diesen Jahres, leuchten rot. Wer unser Haus betreten möchte, läuft unter einem dicken Mistelstrauß hindurch, der an das Vordach gebunden wurde.
„Mama, wer kommt denn alles zu Weihnachten? Sind ja nur noch 13 Tage! Und ich bin nachher mit Marvin und Marianna verabredet.“ Marvin und Marianna sind die Kinder meines älteren Bruders. Sie sind 15 und 17 Jahre jung und passen somit gut zu meiner 16 jährigen. Meine Schwestern, Zwillinge und die Ältesten von uns Vieren, haben bereits erwachsene Kinder und Enkel.
„Wie immer, mein Schatz, Deine beiden Tanten mit ihren Männern, Kindern und Enkeln, Dein Onkel mit Frau und Kinder.“ Informiere ich sie zwischen zwei Schlucken Früchtetee, der einen sanften Zimt- und Orangenduft verströmt.
„Ahhh das ist gut!“ freut sich Luisa, nach der Schale mit Keksen greifend. Sie erzählt von der Schule, auf die auch Andre und Annika gingen und jetzt auch Marvin und Marianna. Wie Pech und Schwefel sind die Drei. Das ist schön. Aber auch Anstrengend.
„… einen Eintrag, Mama. Nur, weil wir auf einen Baum geklettert sind!“ beschwert sie sie sich. Wieder habe ich nur die Hälfte gehört, ganz in Gedanken versunken.
„Wann denn?“ frage ich spontan. Und liege total richtig:
„Naja, im Sportunterricht… Aber ehrlich, Mama! Wir können keinen Fußball! Und es ist doch so schrecklich laut, wenn drei – DREI! – Klassen auf einmal Sport haben!“
Ich seufze.
„Louisa… das ist doch nur solange, wie der zweite Lehrer krank ist!“
„Ja Mama, ich weiß doch… aber das Jahr ist so beschissen! Wir waren nur auf einem einzigen Konzert im Februar! Sogar unser Festival fiel aus!“ murrt sie, „Kein ASP, kein Samo, kein Lord oft he Lost, kein Faelder, kein nichts!“
„Du hast ja recht, Töchterchen. Mir fehlen die Konzerte doch auch…“ stimme ich zu. So zieht sich das Gespräch noch etwas in die Länge, bis der Tee alle ist. Die Haushaltsperle lacht leise vor sich hin und verabschiedet sich als Erste. Gefolgt von Louisa, die es eilig hat.
„Wir wollen zu den Pferden, Mama.“ Bescheidet sie mich und macht sich auf den Weg zum Stall. Mietpferde, denkt sie. Denken alle unsere Kinder. Nur wir Geschwister wissen, dass der Pferdestall Familienbesitz ist. Genauso wie das Handelshaus, das inzwischen ein Großunternehmen ist vom Umsatz her. Lächelnd gehe ich meinen Arbeiten nach.
Die Zeit verrinnt. Wie immer viel zu schnell. Zur Betriebsweihnachtsfeier übergebe ich, traditionell, jedem Mitarbeiter einen Umschlag mit Weihnachtsgeld. Egal ob Reinigungskraft, Büroangestellte oder Vorstandsmitglied – jeder bekommt die gleiche Summe an Weihnachtsgeld. Traditionell. Fast schon habe ich vergessen, dass morgen der 18. ist. Und sich der Weihnachtsmann am Vormittag vorstellen wird.
Pünktlich um 13 Uhr, ich habe Stolle aufgeschnitten und den Kaffeevollautomaten bemüht in der Hoffnung, dass der Weihnachtsmann Kaffee trinkt, läutet es. Eva, die Haushaltsperle ist schneller als ich und öffnet die Tür.
„Ah, Sie sind der Weihnachtsmann, was?“ plaudert sie fröhlich los. „Kommen Sie, ich führe Sie zu Anna!“
Schritte nähern sich. Ich gehe ihnen entgegen.
„Eva, ich sagte doch, ich öffne…“ murre ich und reiche dem hochgewachsenen, schlanken Mann die Hand.  Eva kichert. Verwirrt schaue ich sie an. Ihre Zeichen begreife ich nicht und schulterzuckend führe ich den Weihnachtsmann – Verzeihung, zukünftigen Weihnachtsmann – in die Wohnküche.
„Setzen Sie sich.“ Bitte ich den Mann, der einen Undercut trägt und eine Brille. Er wirkt so vertraut. „Kaffee?“
„Ja, sehr gerne.“ Nickt er und greift nach dem Becher.
„Kennen Sie Eva?“ möchte ich wissen.
„Nein, aber vielleicht kennt sie mich…?“ das verstehe ich nicht. Aber er geht nicht weiter darauf ein.
„Erzählen Sie mir, wie das Fest bei Ihnen abläuft und über die Kinder.“ Bittet er. Immer noch starre ich ihn verwirrt an, dann reiße ich mich los von dem Anblick. Beginne zu erzählen. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer und hinterfragt, was wichtig ist. Begeistert lobe ich ihn.
„Man, das ist ja mal ganz anders als mit den schussligen Studenten, die nie Zeit haben!“ er lacht leise. Ein melodisches, schönes Lachen.
„Ja… was machen Sie denn sonst beruflich?“ möchte ich interessehalber wissen.
„Ich unterrichte Cello, schreibe Lieder und singe.“ Erklärt er mir kurz und bündig. Ich höre aufmerksam zu. Die Zeit vergeht, schneller als gedacht. Wir sind noch am Plaudern, als die Tür aufgeht und noch vor dem Sehen meine Tochter zu hören ist.
„… Mathe wieder eine Eins, Mama! Oh, wir haben Besu… Chris Harms?“ Ihre Stimme wird lauter und schriller, als sie den Weihnachtsmann identifiziert.
„Bitte was?“ kreische ich schon fast.
„Mama, dass Du Menschen auf der Straße nicht erkennst, weiß ich ja. Aber Chris Harms, ich bitte Dich...“ und zu dem Weihnachtsmann gewandt… „...Louisa! Ich liebe Deine Musik!“ Mir fällt der Kaffeebecher aus der Hand.
„Also wirklich, Mama!“ tadelt Louisa mich, als sie die Sauerei beseitigt. Ich werde knallrot, die Hitze schießt mir ins Gesicht. Ja, jetzt wo meine Tochter das sagt… stimmt, das könnte… das ist… Deshalb also die hektischen Handzeichen von Eva! Entnervt klatsche ich meine Hand an die Stirn. Begleitet von dem Gelächter zweier anwesender Personen.
„Wie kann ich das nur wieder gut machen…“ jammere ich. Warme Finger legen sich auf meinen Arm.
„Morgen mit einem gemeinsamen Frühstück!“ erklingt die wohlige Stimme von Chris Harms. Beschämt nicke ich mechanisch, ohne nachzudenken.
„Ich muss dann auch los.“ Verkündet er, mir eine Visitenkarte hinlegend. „Morgen dann um 9 Uhr, einverstanden?“
Erneut nicke ich. Geistesabwesend. Louisa, immer noch lachend, meint nur:
„Bleib mal sitzen, Mama, ich lasse ihn schon raus!“ Immer noch fassungslos nicke ich.
„Bis morgen!“ meint Chris zum Abschied und folgt meiner Jüngsten lachend.
„Ganz schön zerstreut, Deine Ma, was?“ höre ich noch und möchte im Boden versinken. Doch der bleibt fest und stabil. War ja klar!
„Komm Mama, wir müssen doch schauen, was Du morgen anziehst!“ reißt mich meine Tochter aus meiner Schämerei heraus.
„Was wie hä? Morgen?“ frage ich bedäppert.
„Du bist zum Frühstück verabredet! Schon vergessen? Alzheimer oder was?“ stöhnt Louisa genervt auf. Ich schiebe den Stuhl beiseite und trete zu ihr.
„Du glaubst doch nicht, dass ich… das ich…“ irritiert starre ich auf die Visitenkarte.
„Oh doch! Du wirst, Mama!“ belehrt mich mein Töchterchen. Mechanisch folge ich ihr. In mein Schlafzimmer. Es befindet sich im Obergeschoss und ist ein Eckzimmer. Zwei Fenster lassen die trübe Wintersonne hinein. Das große Bett, mit einem Himmel versehen, steht an der fensterlosen Seite. Das Bett ist ein modernes Doppelbett, der Himmel darüber, zumindest das reich verzierte Holzgestell, ist alt. Wer wohl hier alles schon gelegen hat… Meine Tochter ist eher praktisch veranlagt. Sie geht zielstrebig zum Kleiderschrank, öffnet ihn und schiebt die auf Bügeln angereihten Kleidungsstücke beiseite.
„Das hier ist zu konventionell. Das hier zu altmodisch. Das zu aufreizend… hier. Das Kleid ist perfekt!“ Zwischen all meinen Sachen, die überwiegend modisches Schwarz aufweisen, zieht sie ein figurbetonendes Kleid hervor. Vorne kürzer, hinten fast Bodenlang, großzügiger Ausschnitt.
„Oh nein! Nein, nein, nein….“ Protestiere ich lautstark.
„Mama! Du hast genug Oberweite, bist nicht dick, das sieht klasse bei Dir aus! Dazu diese Stiefel hier, den Mantel, die Halterlosen da und voila!“ lässt Louisa keinen Protest zu.
„Bei solch einer Tochter brauche ich keine Feinde!“ murre ich und nicke die Kleiderwahl ab. Bin ja schon froh, dass sie nicht noch ein Mieder wählt…
Am Abend habe ich die Verabredung schon längst vergessen. Und beim Frühstück am Morgen bemerkt mein liebes Kind nebenbei:
„Denk dran, du fährst gut 30 Minuten bis Pauli. Eher noch mehr!“
„Hä? Was soll ich auf Pauli?“ will ich wissen, am Kaffee nippend. Der ist heiß, ich verbrenne mir die Lippen.
„Dein Date, Mama!“ stöhnt Louisa, schon genervt von meiner offenbaren Vergesslichkeit. „Ich stecke Dich doch ins Pflegeheim, bei Deinem Alzheimer!“
„Jetzt werde mal nicht frech, ja? Welches Date denn bit…. Oh. Ah. Oha!“ fällt mir wieder ein,
„Chris Harms! Da war ja was!“ Töchterchen lacht. Herzhaft, laut.
„Viel Spaß, Mama!“ und schon ist sie aus der Türe raus. Zur Schule. Ich höre noch wie ihr Handy klingelt und sie fröhlich hineinbrüllt:
„Jaha, bin unterwegs! Schaffe den Bus noch!“ Aha. Sie trifft sich also mit André und Annika. Ruhig trinke ich den Kaffee aus. Versinke in Träumereien, während im Radio Musik der 80er läuft. Mein Handy reißt mich unsanft aus der Träumerei. Der Wecker. Bitte, ich habe den doch nicht…? Nein. Ein Blick auf die Weckanzeige verrät mir: ‚Mama, Anziehen! Chris wartet!‘ An alles denkt mein missratenes Kind! Unwillig stelle ich den halbvollen Kaffeebecher ab und trotte nach oben. In mein Schlafzimmer. Betrachte die zurechtgelegte Wäsche und überlege kurz. Aber dann zucke ich mit den Schultern. Na gut, dann eben so!
Fünf Minuten nach 9 Uhr stehe ich vor der Adresse, die auf der Visitenkarte in schwarzen verzierten Lettern prangt. Ich zögere kurz, dann betätige ich die Hausklingel. Es ist ein typisches Mehrfamilienhaus, wie es viele auf dem Kietz gibt. Altbau. Hat durchaus seinen Charme. Ich knöpfe meinen Mantel auf, als der Summer für die Haustür erklingt und öffne diese. Meine Haare habe ich lose im Nacken mit einem schwarzen Samtband zusammengebunden. Diese wilde Mähne ist kaum zu bändigen, vor allem weil sie so lockig ist. Da ich wie alle Frauen in meiner Familie früh grau wurde, habe ich sie gefärbt. Schwarz, die Spitzen gehen in einen weinroten Ton über.  Misstrauisch beäuge ich die Treppe. Ob ich bis in den fünften Stock hoch muss? Seufzend steige ich empor. Aber schon im Obergeschoß ist eine der zwei Türen geöffnet. Hochgewachsen steht Chris mit einem breiten Grinsen im Gesicht in ihr, sich lässig an den Rahmen lehnend. Ich muss ja zugeben, er sieht gut aus in dem Shirt und der engen Jeans. Kurz betrachte ich die Tätowierungen an seinen Armen, dann lächle ich nervös.
„Ja. Moin. Hier bin ich.“ Murmel ich wenig einfallsreich. Er lacht leise, herzhaft.
„Dann mal herein in die Junggesellenbude!“ meint er, bleibt aber im Türrahmen stehen. Zögernd blicke ich ihn an. Langsam fast in Zeitlupentempo, löst er sich von dem Rahmen und streckt seine Hände aus. Genauso langsam greift er nach meinen Armen und zieht mich an sich heran. Dann umschließen mich seine kräftigen Arme und er zieht mich in eine warme Umarmung. Soviel zum Thema Corona, denke ich noch, als ich mich kurz an ihn anlehne. Er schiebt mich in den Flur, der wie in vielen Altbauten geräumig ist.
„Für eine Junggesellenbude aber ganz schön aufgeräumt und … hübsch.“ denke ich. Harms lacht laut auf.
„Äh... hab ich ausversehen...? Laut?“ murmel ich, peinlich berührt.
„Ja, genau.!“ lacht der schlanke, hochgewachsene Mann amüsiert. Seufzend folge ich ihm in sein Wohnzimmer. Leise klassische Musik läuft im Hintergrund. Das Wohnzimmer ist gemütlich eingerichtet, eine bequeme Sofaecke lädt zum Verweilen ein. Ich sehe dort keine Bilder der Band, aber massig CDs und Venyls.  An den Wänden hängt ein alt aussehendes Gemälde zwischen dekorativen Wandkerzenhaltern. Alles in allem wirklich keine typische Junggesellenbude.
„Bekomme ich keine Antwort?“ will Chris, immer noch amüsiert lächelnd wissen. Hatter er eine Frage gestellt?
„Ähm worauf eine Antwort?“ frage ich gedehnt.
„Na was Du trinken magst....? Ein Gläschen Sekt ist doch ok? Und einen Kaffee oder lieber Tee?“
„Ah verzeih. Ich war ganz in das betrachten der Junggesellenbude vertieft.“ Entschuldige ich mich. „Ja, ein Tee wäre schön.“
Er reicht  mir, nachdem er kurz in der angrenzenden Küche verschwunden war einen Kristallglaskelch mit sprudelndem Hell darin. Setzt sich neben mich auf das Sofa und lächelt immer noch. Kann er auch was anderes als lächeln, denke ich, als sein Kelch leise klirrend an meinen stößt. Ein heller, sauberer Klang. Gute Gläser.
„Zum Wohle. Chris.“ auffordernd sieht er mich an. Kurz weiß ich nicht, was er möchte. Dann..
„Ah. Zum Wohle. Marianna.“ erwiedere ich, nehme wahr, dass er seinen Arm in meinem verhakt und dann trinkt. Ich trinke ebenfalls, dann fällt mir ein, was das wird. Doch bevor ich etwas sagen kann, nähern sich seine Lippen bereits und ehe ich reagiere, bekomme ich einen zarten Kuss. Dann lösen sich unsere Arme.
„Viel zu schnell!“ denke ich und bemerke, als von Chris ein
„Was ist zu schnell?“ kommt, dass ich wiedermal laut gedacht habe.
„Die Röte steht dir.“ stellt er lapidar und ernsthaft fest. „Genauso wie dieses tolle Kleid!“ Meine Wangen glühen vor Hitze.  Um abzulenken frage ich ihn:
„Wie kommt ein Musiker wie Du dazu, Weihnachtsmann zu spielen?“ und er geht darauf ein, erzählt von den Schwierigkeiten in Coronazeiten, als Musiker zu überleben. Gebannt höre ich zu. Er redet nicht nur einfach, er erzählt farbig, interessant, fesselnd. Ab und an stellt er zwischendurch Fragen, interessiert sich für mich, mein Leben. Ich weiß bis heute nicht, warum ich ihm von dem Verlassenwerden in der Schwangerschaft mit Louisa erzähle, dass der Vater nicht auffindbar ist. Von den Zwillingen, die mir sehr geholfen haben, meinen Geschwistern. Nur das Unternehmen erwähne ich nicht. Er ist ein guter Zuhörer. Nach einiger Zeit schweigen wir. Es ist dieses angenehme Schweigen, in dem man die Präsenz des Gesprächspartners einfach nur erfühlt, genießt. Leicht und unaufdringlich dringt sein Parfum in meine Nase. Sehr angenehm, denke ich noch, als er mich plötzlich sanft zu sich zieht.
„Darf ich...?“ flüstert er. Und ich habe nichts dagegen.
Abends grinst mich meine Tochter beim Essen frech an.
„WAS?“ fauche ich schon fast.
„Mama, Du bist ja verliebt!“ kichert sie. Ich verdrehe genervt die Augen. Sie hat einfach recht, was soll ich da noch sagen?
„Siehst Du ihn bald wieder?“ beiläufigt kommt die Frage später von ihr. Auch hier nicke ich. Wir haben uns erneut verabredet.
Bis Weihnachten treffen wir uns noch dreimal. Es wird intensiver, beim dritten Mal auch intimer. Dass ich etwas älter bin, stört ihn keineswegs. Töchterchen ist zumindest diskret, sie erzählt davon nichts den Geschwistern, Cousins und Cousinen.
„Das ist doch Deine Angelegenheit, Mama. Du wirst das schon erzählen, wenn es ernst wird....“
Es ist der 24. Alle Geschenke sind verpackt. Der Baum steht im Esszimmer groß, prächtig. Ich habe ihn mit Louisa,  Marvin und Marianna geschmückt. Wie die letzten Jahre schon.  Es leutet. Meine Geschwister kommen mit ihren Kindern, meine großen Kinder mit Familien. Fröhlich springen mir die Enkel in die Arme, meine Neffen, meine Nichten. Ich wirbel  die jüngeren Kinder umher, drücke die Größeren liebevoll an mich.
„Kommt, der Tisch ist gedeckt.“ lade ich ein. Es riecht verführerisch nach Entenbraten mit Apfel gefüllt, Klößen, Rotkohl – unser traditionelles Weihnachtsessen. Als Dessert gibt es gebackenen Apfel mit Vanillieeis und Vanilliesoße, mit einem Hauch Zimt. Lauthals redend setzen sich alle. Die Gespräche verstummen dann von selber. Wie immer hält einer von uns Geschwistern eine kurze Rede, eine Art Rückblick auf das Jahr. Diesmal ist es mein Bruder, der über das Jahr und die Familie redet. Auch die Jüngsten lauschen ihm, bevor wir alle die Gläser erheben – die Erwachsenen mit Rotwein, die Kinder mit Saft. Wir stoßen an auf das Verganene und lassen es gehen. Dann stoßen wir an auf das Kommende und heißen es willkommen. Familientradition.
Später, es ist früher Abend, klingelt es an der Tür. Als Gastgeberin gehe ich lächelnd öffnen.  Es ist mein Liebster.    Es ist der Weihnachtsmann. Er sieht grandios aus! Dass der lange weiße wallende Bart nicht echt ist, sieht man nicht. Das weiße, silbrig glänzende Haar sieht auch echt aus und liegt lang und schwer auf der großen roten Kapuze. Der Mantel ist aus schwerer Wolle. Einen großen Sack schleift er mehr hinter sich her, als dass er den trägt. Einige Geschenke liegen unter dem Baum, aber einige Geschenke sind auch im Sack.
„Hohoho!“ dröhnt die volle Stimme von Chris durch die Räume, etwas tiefer als seine gewohnte Stimme. Die Kleinsten stehen mit offenen Mündern da. Selbst meine Geschwister staunen. Die Studenten tragen meist lieblos gestaltete billige Kostüme.
„Wau...“ flüstert meine Jüngste begeistert.
Lange noch sitzen die Kleinsten auf dem Schoß des Weihnachtsmannes, hängen an seinem Arm, lauschen seinen Geschichten, die er erzählt.  Ihre Geschenke haben sie begeistert, aber die sind vergessen, sobald der Weihnachtsmann erzählt. Es dauert, der Abend wird später, bis der Weihnachtsmann endlich sich von den kleinen Plagegeistern befreit.
„Nun muss ich aber endlich wei ter!“ dröhnt seine tiefe Stimme gutmütig grollend. Die Kinder lassen lautes
„Oooooch!“ hören und „Nein, bitte bleilb noch!“
„Ich habe Kekse gegessen, die Ihr gebacken habt, liebe Kinder. Habe Kakao getrunken. Jetzt warten noch andere Kinder. Nächstes Jahr bin ich ja wieder hier!“ verabschiedet er sich geschickt.
Ich begleite ihn zur Tür. Umarme ihn stürmich.
„Mensch, Du warst der beste Weihnachtsmann, den wir jeh hatten!“ bin ich begeistert und küsse ihn. Der Kuss geht schnell in einen leidenschaftlichen innigen Kuss über. Ein entsetztes:
„MAMA! PAPA! Die Oma knutscht den Weihnachtsmann!“ reißt uns aus unserer Innigkeit.
 
 
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