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Doch dein Platz ist leer

von Mr Moony
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
10.12.2020
10.12.2020
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Ich sitze in der Aula auf einem der Stühle neben der Treppe und lese ein Buch. Plötzlich schaue ich auf und nach links zum Platz neben mir. Du sitzt dort, mit Kopfhörern, der gebeugten Haltung, der schwarz-grauen Fleecejacke, der engen roten Hose und den klobigen Schuhen. Und du lächelst mich an. Du bist gekommen, mich zu besuchen und ich freue mich sehr darüber. Ich will dir meine Schule zeigen, doch plötzlich stocke ich, halte inne. Der Platz ist leer. Obwohl ich dich sehen kann, sehe ich auch den leeren Platz. Die anderen sehen dich nicht, jemand könnte sich sogar auf dich draufsetzen, ohne es zu merken. Manche von ihnen denken vielleicht, dass ich verrückt wäre, doch das bin ich nicht. Du bist kein Geist, du bist wirklich hier - ob in meiner Erinnerung oder als deine Seele, ich weiß es nicht - aber ich kann dich sehen, ich weiß, dass du da bist. Egal sind die wies und wie ofts und warums. Du bist da, das ist alles, was zählt - doch dein Platz ist leer.
Geographie-Stunde, ich sitze vorne in der ersten Reihe. Allein - scheinbar. Denn du sitzt neben mir, erzählst mir Witze, bist stolz auf meine Noten. Ich freue mich unheimlich, doch es ist Freude mit einem bitteren Nebengeschmack. Denn ich weiß, wenn ich zu dir sehe, ist dein Platz leer. Du bist nicht da. Trotzdem kann ich dich sehen.
Wir laufen zum Bus, ich erzähle dir viel und singe unsere Lieder für dich. Du freust dich darüber, doch der Weg ist leer. Es fühlt sich jedes Mal an wie ein Messerstich.
Ich sitze im Bus und denke nach. Es kann nicht sein, und doch ist es so. Ich bin nicht verrückt. Du bist kein Geist.
Und doch sitzt du eine Reihe schräg links vor mir, hörst Musik, wippst mit dem Kopf zum Takt dazu. Dann bist du plötzlich weg und wo du warst ist eine traurig-leere Sitzreihe.
Es sollte nicht so sein. Du solltest noch leben, dich auf Weihnachten freuen. Frei sein. Oder war dein ganzes Leben verflucht und dein früher Tod vorbestimmt? Ich wende mich von der Sitzreihe ab, kann den Anblick der Leere - die schreckliche Wahrheit - nicht mehr sehen.
Stattdessen schaue ich aus dem Fenster.
Die Sonne scheint hell für einen Dezembernachmittag - ein Zeichen des Trosts von dir?
Ich laufe nach Hause, du läufst vor mir. Mit großen Schritten und ein wenig eckig. Ich bin nicht so schnell wie du, deshalb wartest du auf mich. Und dann ist da nur wieder der leere Parkplatz.
Ich gehe durch eine Feuergasse, du stehst am Ende, ich will auf dich zurennen, dich umarmen, doch bevor ich irgendetwas tun kann, lächelst du mich noch einmal an und verschwindest - der Platz ist leer.
Ich gehe durch den Garten, du kommst auf mich zu, fragst mich: "Moony, wie geht es dir?", doch der Zauber bricht, weil ich weiß, dass es nicht sein kann, weil ich weiß, dass du hunderte von Kilometern von mir entfernt für immer ruhst, nie hier warst. Und doch sehe ich dich.
Ich sitze auf meinem Bett, lehne den Block gegen meine Knie und schreibe diese Geschichte. Doch plötzlich schaue ich auf, zum Bild von dir mir gegenüber, und du stehst in meinem Zimmer und lächelst mich an. Ich lächele zurück, schaue nach links - dein Platz ist nicht leer. In der Ecke meines Bettes sitzt dein Teddy.
Dort ist sein Platz, dort ist dein Platz.
Wir feiern Advent, ich habe deinen Teddy mitgeschmuggelt, damit du mitfeiern kannst. An Halloween habe ich ihn als Gespenst verkleidet.
Während der Feier schaue ich zu dem Stuhl mit den Kuscheltieren - dein Teddy lächelt glücklich von seinem Platz aus zu uns. Ich lächele, denn dein Platz ist nicht leer.
Ich schlafe schon fast, habe die Augen geschlossen. Plötzlich spüre ich deine Hand in meiner eigenen. Mit einem Lächeln schlafe ich ein und träume von dir. Denn dein Platz ist nicht leer - du hast einen in meinem Herzen. Und dort darfst du immer leben - bis in alle Ewigkeit.
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