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Es war einmal Heiligabend

GeschichteDrama / P18 / Gen
09.12.2020
21.12.2020
5
7.567
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09.12.2020 1.954
 
Die Prärie war schneebedeckt. Ein einsamer Cowboy ritt durch die Schneewüste. Weder vor noch hinter ihm ritt irgendjemand. Die Gegend war menschenleer. Immer wieder blickte er etwas hoch, um mit zusammengekniffenen Augen die Prärie im Auge zu behalten. Frost und Eis zierten seine buschigen Augenbrauen und seinen Vollbart, die mal in jungen Jahren schwarz gewesen waren. Nun waren sie mit grauen Strähnen durchzogen.Sein Kopf wurde durch einen schwarzen Stetson bedeckt, der einige Spuren aufwies, die viele Geschichten erzählten. Ein brauner Mantel schützte ihn vor der Kälte. Eine Hand hielt die Zügel seines braunen Hengstes, während die andere Hand in der Nähe des Revolvers ruhte.
Der Atem wurde in Form einer Rauchwolle sichtbar und zeigte, wie kalt es war. Selbst der Atem des Pferdes verdampfte in der Luft. Es schüttelte den Kopf und wieherte kurz auf. Beruhigend strich der ältere Mann den Hals des Tieres und sprach mit seiner verraucht dunklen Stimme: »Alles gut, Ringo! Bist ein guter Freund. Wir haben es bald geschafft.« Ja, das hatten sie. Er, Cheyenne, war auf dem Weg zur alten Farm. Er kehrte an den Ort zurück, wo sein größtes Unglück geschehen war. Dorthin, wo seine Frau und sein Baby ermordet worden waren.

Seine Mimik verdunkelte sich. Noch immer schmerzte es ihn, obwohl es zehn Jahre her waren. Zehn Jahre, dachte er und blickte gen Himmel, spürte den kalten Wind, der sein Gesicht streifte. Fröstelnd zog er den Kragen des Mantels hoch und zog den Kopf etwas ein. »Scheiß Kälte!«, fluchte er und zog eine Zigarre aus der Tasche. Diese steckte er sich an und rauchte sie, während seine Gedanken in die Vergangenheit reisten.

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Flashback


Cheyenne war noch zwei Meilen von seinem Hof entfernt und guter Laune. Der fünfundvierzig Jährige Mann hatte gerade das Geschäft seines Lebens getätigt und die Farm endlich abbezahlt, so wie ein Konto für seine frischgeborene Tochter eingerichtet. Dabei hatte er noch einige Leute getroffen, die ihre Schulden bei ihm beglichen hatten. Viele erkannten ihn. Er war, wie viele sagten, eine lebende Legende. Darüber schüttelte er aber nur den Kopf, denn er war keine Legende, sondern ein Kopfgeldjäger und begnadeter Schütze, was der Umgang mit dem Revolver betraf.
Unter den Menschen gab es natürlich auch Neider und solche, die ihn hassten. Aber das interessierte ihn nicht. Er hatte das Beste aus seinem Leben gemacht und dabei die Liebe seines Lebens getroffen, zu der er nun unterwegs war.

Von weitem sah er den kleinen Punkt, dort wo seine Farm stand. Das Lächeln gefror ihm förmlich im Gesicht, als er dicke schwarze Rauchwolken aufsteigen sah. An seinem ganzen Körper bildete sich Gänsehaut. Sein Herz klopfte ihm bis zum Halse und Schweiß drang aus allen Poren. »Sonnenschein!«, schrie er auf, gab dem Pferd die Sporen und ließ es galoppieren. So schnell er konnte, ritt er auf die Farm zu, die lichterloh in Flammen stand. Er hörte das Knistern und Rauschen des Feuers. Abrupt bremste er ab, sprang noch im Bremsvorgang vom Pferd, fiel fast hin. Cheyenne riss die Arme hoch, um sein Gesicht vor der Hitze zu schützen. Während sein Pferd wieherte und scheute, hustete der ehemalige Kopfgeldjäger. Immer wieder schrie er nach seiner Frau. »Sonnenschein! Wo bist du?«

Hustend kämpfte er sich durch durch den immer dicker werdenden Rauch. Immer hastiger lief er durch die Rauchwand, bis er eine schemenhafte Gestalt wahrnehmen konnte. Ohne darüber nachzudenken, stürzte er darauf zu. Entsetzt schrie er: »Sonnenschein! Meine Rose!«
Im Staub lag sie. Blutüberströmt, mit blauen Flecken im Gesicht. Ihr pechschwarzes Haar war zerzaust und ihr Kleid zerrissen. Mit seinem Mantel bedeckte er ihre Blößen. Cheyenne schluckte schwer. Sein Herz blieb fast stehen, als er neben ihrer Leiche die Leiche seiner noch nicht mal ein Monate alten Tochter erblickte. Sie wies Würgespuren am Halse auf. Cheyenne drohte umzukippen. Er konnte sich fast nicht abwenden, aber das Unterbewusstsein steuerte seinen Körper und er drehte sich um. Beide Hände vor das Gesicht geschlagen, die Tränen schluckend, schritt er auf sein Pferd zu.

»Ringo«, schluchzte er und umarmte seinen Hengst, der seinen Kopf leicht senkte und diesen dem Mann auf die Schulter legte. Es sah aus, als ob der Hengst das Leid des Mannes spürte und verstand, was er brauchte.
In Cheyennes Kopf lief das Gehirn auf Hochtouren. Seine Gedanken ordneten sich und zeigten ihm ein Bild des Schreckens. Hier war ein Verbrechen geschehen, das auch ihn hätte treffen sollen. Es war kein normaler Überfall, denn er hatte zuvor Streit mit einem Großgrundbesitzer gehabt, der das Grundstück haben wollte, auf dem die Farm stand, die Cheyenne gebaut hatte. Beweisen konnte er es nicht, aber er würde die Leute jagen und sie zur Rechenschaft ziehen. Ich weiß schon mal Folgendes: Die Farm wurde angezündet. Meine Frau vergewaltigt, geschlagen und ermordet. Meine Tochter wurde erdrosselt. Ich kenne den Mann, der gerne würgte und über jede Frau herfiel. Grizzly Joe.

Stunden vergingen. Cheyenne hatte zwei Gräber ausgehoben und seine Frau, so wie das Baby begraben. Dabei Gebete gesprochen und auch ein paar irische Lieder gesungen, die seine Frau gerne gehört hatte.
Am Ende der Zeremonie und seiner Gedenkzeit, die er sich gegeben hatte, stieg er auf sein Pferd und ritt davon. Aber nicht als Chester. C Warren, wie er mit vollem Namen hieß, sondern als Cheyenne, den Kopfgeldjäger und Revolverhelden.

Flashback Ende

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Am Horizont tauchte die Silhouette der Farm auf. Seine Farm. Cheyennes Herz verkrampfte sich leicht. Die Rückkehr hatte er gar nicht eingeplant gehabt, aber scheinbar wollte der Herr dort oben ihn noch nicht zu sich rufen. »Was willst du noch von mir, Herr? Habe ich dir nicht schon alles gegeben, was ich habe? Frau, Tochter? Mein Versprechen? Oder hätte ich die Rache sein lassen sollen?« Cheyenne war wütend. Er hatte alles verloren, Gott noch ein Versprechen gegeben und jetzt hatte dieser nicht einmal den Anstand ihm eine Antwort zu geben. Am Ende wusste er, dass er keine Antwort erwarten durfte. Murrend ritt er auf die Farm zu. Daran führte für ihn, für heute, keinen Weg vorbei. Es wurde langsam dunkel und die Kälte nahm zu. Ringo sträubte sich immer mehr und bevor ihn der Hengst noch aus dem Sattel hob, wollte er lieber doch eine Rast einlegen.

»Ringo! Wir sind bald da, alter Junge! Wir halten beide durch!« Mit diesen Worten stieg der ältere Mann vom Pferd. Hustend schritt er neben seinem treuen Hengst weiter. Das Pferd wieherte und schüttelte den Kopf. Cheyenne schaute mit leuchtenden Augen zu seinem treuen Ringo und lachte. Das erste Mal seit zehn Jahren lachte er wieder vor wahrer und aufrichtiger Freude.
Sie liefen und näherten sich der Farm. Fest entschlossen, mit neuem Mut traten sie darauf zu. Cheyenne atmete tief ein, als er das hängende Schild sah, das mit Einschusslöcher übersät war und nur noch an einer Kette hing. Sein Farmhaus war nur noch eine Brandruine. Er hatte da auch nichts anderes erwartet. Er blieb abrupt stehen! Da! Die Scheune! Wer hat die Scheune wieder aufgebaut? Vorsichtig führte er seine Hand an den Knauf seines Colts. Ringo wieherte. Cheyenne beruhigte das Tier und führte es zur Scheune. Dort trat er die Tür auf, nach dem er die Zügel losgelassen hatte. Ringo wartete brav.

Frischgestrichener Holzduft drang in seine Nase, auch den Geruch von Heu und geräuchertem Fleisch. Wachsam blickte er sich um. Vorsichtig lief er in der Scheue umher. Nichts war zu hören, außer dem Klirren der Sporen, dem Heulen des Windes und dem Knarzen des Holzes, das arbeitete.
Der Kamin und der Ofen zeigten, dass dies hier mehr als nur eine Scheune oder Stall war. Es war ein Rückzugsort für eine Armee. Dies zeigten auch die Decken, die auf einem Stapel bereitlagen. Gähnend streckte sich Cheyenne und kratzte sich am Bart. Dann holte er Ringo herein, sattelte ihn ab und striegelte den Hengst, der wohlig wieherte und schnaubte. »Das gefällt dir, mein Freund«, lachte er und klopfte seinen Hals. »Es ist noch kalt, aber ich werde gleich ein Feuer machen, Ringo.« Dann hob er ächzend Heu hoch und trug es zu Ringo, der vor einer Tränke stand und legte es ihm daneben in die Futterkrippe. Schwer atmend drehte er sich weg, stolperte fast Richtung Kamin. Er japste nach Luft. Atmen, Cheyenne! Ruhig atmen! Er blieb stehen und tat das, was er sich gedanklich selber zusprach. Der Doktor hat Recht! Es ist eine Lungenkrankheit. Werde ich daran sterben? Oder lebe ich weiter und werde richtig alt? Er wusste es nicht und er würde es erst erfahren, wenn es zu spät war. Wie immer. Innerlich lachte er über sich. Ja, er war ein Glücksvogel, aber auch ein Unglückswurm. Wenn etwas geschah, dann überlebte er, aber er musste hart dafür kämpfen, verlor dabei die Menschen, die ihm am meisten bedeuteten.

Eine Weile später saß er vor dem Kamin. Das Feuer flackerte schon und in seiner Hand hielt er eine Tasse heißen Kaffee. Ringo schnaubte zufrieden und fraß das Heu. Cheyenne konnte das Rascheln hören. Zufrieden lächelte er. Langsam wurde es warm. Das Tor knarzte. Cheyenne drehte sich zu dieser um, seine Hand ruhte am Kolben seines Colts. Er war bereit. Egal wer jetzt mit einer Waffe kam, er würde ihn niederschießen. Heilig Abend hin oder her.
Der ältere Mann staunte nicht schlecht, als ein junger Mann den Stall betrat. Seine Augen fixierten sich auf Cheyenne. Sein Blick wirkte kühl und seine Hand zuckte zur Waffe, die er an seiner Hüfte trug.

Gelassen schnalzte Cheyenne mit der Zunge und schwenkte seinen erhobenen Zeigefinger. »Nicht doch, mein Sohn! Muss denn das sein?«, fragte er mit seiner verrauchten dunklen Stimme. Erstaunt und doch misstrauisch sah der Fremde Cheyenne an. »Willst du hier Wurzeln schlagen, oder dich am Feuer wärmen?« Die Augen des Bärtigen leuchteten und sein Mundwinkel zuckte. Als der Fremde noch immer keine Anstalten machte sich zu nähern, schüttelte Cheyenne den Kopf. »Mach die Tür zu, Kleiner. Ich heize hier nicht für die Natur!«
Der junge Mann öffnete den Mund und wollte was sagen, aber da war Cheyenne schneller. »Bevor du was sagst, hol doch dein Pferd herein! Alles andere hat noch Zeit.« »Wer garantiert mir, dass Sie mir nichts tun?«, fragte der Fremde und seine Stimme klang zögerlich und die Worte waren fast geflüstert. »Wenn ich dich hätte umbringen wollen, Kleiner, dann wärst du jetzt tot! Du brauchst also keine Angst zu haben.«

Während Cheyenne sprach, zog er eine Zigarre aus der Tasche und steckte sie sich an.Als er daran zog, hustete er. Das passierte ihm in letzter Zeit immer wieder, wenn er rauchte. Aber die Ärzte wussten nur, dass mit seiner Lunge was nicht in Ordnung war. Ansonsten hatten sie keine Ahnung. Quacksalber! Wissen auch nicht, was einem Mann gut tat und was nicht! Scheiße, ich bin doch keiner, der im Bett stirbt! Er lächelte bei dem Gedanken und sah der Rauchwolke hinterher, die verdunstete.
Das Wiehern des fremden Pferdes riss ihn aus den Gedanken. »Nur ein Narr reitet einen Schimmel! Gott verdammt, Kleiner! Hat dir das noch niemand erklärt?« Der junge Mann fing an zu lachen, während er den Schimmel ab rieb. »Doch, Sir, aber ich dachte, das würde keine Rolle spielen.« »Wer hat es dir versucht auszureden?« Es interessierte ihn sehr, wer dem Kleinen erfolglos einen Rat erteilt hatte. »Mein Vater, Richard Johnson! Er ist General...« »Ich kenne ihn sehr gut«, unterbrach er ihn, »er ist ein guter Freund!« Es amüsierte ihn sehr, dass sein Freund, der für seine Härte bekannt war, nicht schaffte, seinem Sohn so was Wichtiges klar zu machen, wie die Wahl des richtigen Pferdes.

Nach einer Weile saßen sie zusammen bei einer Tassen dampfendem Kaffee. Inzwischen hatte der junge Mann seinen Hut vom Kopf gezogen und diesen auf seinen Sattel gelegt. »Du siehst deinem Vater ähnlich, Kleiner«, murmelte der Ältere. Dieser lächelte verlegen und schlürfte schnell einen Schluck des heißen Gebräus und zögerte so eine mündliche Reaktion auf diese Feststellung heraus.
 
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