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Slices of Life

GeschichteRomance / P16 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
08.12.2020
30.01.2021
4
2.223
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.12.2020 590
 
Lauer Sommerwind lässt die prachtvollen Baumkronen über Ringos Kopf rascheln. Am Rande seines Sichtfeldes huscht ein Eichhörnchen über eine gepflegte Rasenfläche und verschwindet dann im Dickicht eines Busches. Vögel singen voller Inbrunst. Goldgelber Sonnenschein taucht die Szenerie eine friedliche, beinahe märchenhafte Stimmung. Dieser Ort ist so malerisch, als sei er direkt einem Bildband entsprungen und lebendig geworden.

Ringo kann sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt etwas derart verabscheut hat.

„Tja.“

Er verschränkt die Hände hinter dem Rücken.

„So sieht man sich wieder.“

Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, das vom Blätterrauschen davongetragen wird.

„Schön hast du’s hier.“

Er kann sich nicht helfen – so ernst er es auch meint, seine Worte sind von Bitterkeit durchtränkt.

„Aber glaub nicht, dass ich gern hergekommen bin.“

Er leckt sich über die spröden Lippen. In der Tat würde er sich am liebsten umdrehen und flüchten, weg von diesem unsäglichen Ort, der eigentlich kein Recht dazu hat, so hübsch und idyllisch zu sein.

„Ich hab dir nämlich immer noch nicht verziehen, dass du uns allein gelassen hast. Einfach so. Ohne uns zu fragen. Das war nicht nett von dir.“

Ringo lacht humorlos. Er starrt auf den großen, glattpolierten Stein, der sich vor ihm aus der sorgfältig geharkten und bepflanzten Erde erhebt. Seine Inschrift schimmert metallisch, ein bisschen wie Messing. Sein Herz hämmert dumpf in seinem Brustkorb.

„Weißt du. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die ganze Welt verrückt geworden ist, seit du nicht mehr da bist.“

Hinter ihm knirscht der weiße Kiesweg; eine Frau mit einer Gießkanne in der Hand eilt mit gesenktem Kopf an ihm vorbei, wobei sie immer wieder kleine Wasserpfützen auf dem Boden hinterlässt. Ringo wartet, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwunden ist.

Dann fährt er fort: „Natürlich ist nicht alles schlecht.“

Ringo befühlt seinen Ehering mit der Daumenspitze; eine Bewegung, die ihm mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ein zaghaftes Lächeln umspielt seine Mundwinkel.

„Es ist schade, dass du nicht dabei gewesen bist. Du hättest Easys Jackett geliebt.“

Er lacht erneut, aber nun ist es unverfälscht und ehrlich und nimmt ihm zumindest einen kleinen Teil jener Last, die seine Schultern zuvor so hartnäckig nach unten gedrückt hatte.

„Und auch wenn du’s mir jetzt nicht glaubst, ich hab geheult. Wie ein Schlosshund.“

Seine Stimme vibriert vor Stolz, und jeder, der den Ringo von vor ein paar Jahren gekannt hat, wüsste genau, worauf er so unglaublich stolz ist.

„Wobei – das hast du ja wahrscheinlich mitbekommen. Hast schließlich zugeguckt. Von oben.“

Er schluckt trocken. Sein Blick bleibt festgeklebt an dem großen Stein. Er überfliegt die eingemeißelte Inschrift wieder und wieder; natürlich versteht er, was er dort liest, doch ein stures Etwas in ihm weigert sich noch immer beharrlich, die ganze Tragweite der sanft geschwungenen Buchstaben zu begreifen.

„Mensch Elli“, presst er dann hervor, „du fehlst.“

Ohne darüber nachzudenken streckt er den Arm aus – der Stein ist unerwartet sonnenwarm unter seinen Fingerspitzen. Ringo ist kein übermäßig sentimentaler Mensch, doch als er die Augen schließt, fühlt er sich beinahe lebendig an.

* * * * * * *

Author’s notes:

* Dieses Kapitel war ursprünglich als Teil einer sehr umfangreichen, Ringo-zentrierten Geschichte gedacht, die ich allerdings schon aufgrund ihres schieren Ausmaßes wieder ad acta gelegt habe.

* Es hat mir keine Ruhe gelassen, dass Ellis Tod in der Serie bis auf ein kurzes Abkapseln keine wirklichen Auswirkungen auf Ringo hatte, obwohl sich die beiden stets gut verstanden haben und Elli lange Zeit eine der wenigen Personen war, auf die Ringo nicht voller Verachtung herabgesehen hat. Schade, da hätte so viel mehr draus gemacht werden können.
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