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Rules and Obsessions

von Varjo
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P18 / Mix
Anthony J. Crowley Dagon Erzengel Michael Erziraphael Satan Uriel
07.12.2020
12.05.2021
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07.12.2020 2.954
 
Etwas rührte sich… etwas Sinistres, Hinterhältiges, Brutales, in der tintenschwarzen Finsternis zwischen den Black Smokers. Dort, in Tiefen, die das Sonnenlicht niemals erreichte, wo der Druck so groß war und die Dichte so bedrückend, dass jedes auf Sauerstoff angewiesene, jedes halbwegs solide Wesen sofort zusammengepresst würde wie unter einer Straßenwalze, dort kämpfte sich etwas durch das klirrend kalte Wasser, das dort nicht hingehörte.
Dagon spürte es.
Dagon spürte auch, dass es mit ihr vorbei wäre, wenn das Geschöpf sie jemals finge.

Die Meeresgöttin hatte sich in der bizarren Fauna der Tiefsee ein Zuhause eingerichtet, das ihr erschien wie das Paradies, das sie immer hatte haben sollen; ein Paradies, in dem sie alleine herrschen konnte. Stand ihnen nicht allen ein derartiges Elysium zu, nach den Worten ihrer allüberall so hochgeehrten Allmächtigen? Verdienten sie nicht alle Glück und Erfüllung? Nun, Dagon hatte sich das Ihre mit Gewalt genommen, und es tat ihr nicht leid. Sie hatte nicht einmal viel verändern müssen; die Tiere und Pflanzen der Ozeane schienen ihre Anwesenheit kaum überhaupt zu bemerken.
Doch nun wurde sie gejagt. Hektisch schlängelte sie sich durch die dichten, blickundurchlässigen Wassermassen und verbarg sich in jener Spalte, hinter dieser schroffen Klippenformation, sich immerzu umblickend und doch niemals einen Verfolger ausmachen könnend; dies war keine Sache des Sehens, Augen waren hier unten ohnehin weitgehend nutzlos. Es war vielmehr eine Sache des Fühlens, der üblen Vorahnungen, ein Gefühl, etwas in ihrem sich dickflüssig dahinwälzenden Blut, etwas in ihrem hämmernden Herzen und in der Art, wie das Tiefseewasser in ihren Kiemen schmeckte.
Etwas war darin – etwas Herbes, Scharfes, wenn auch Abgestandenes, das nach Asche, Steinstaub und Salz schmeckte. Etwas, das sie an blanke Gewalt, sich spannende Muskeln und den metallischen Geschmack von Blut zwischen zugespitzten Zähnen erinnerte. Dagon wünschte, ihre Ahnung, was es bedeuten sollte, wäre weniger konkret und weniger bedrohlich.

Nichts sollte ihr hierher, in die schwärzesten, lebensfeindlichsten Tiefen des Ozeans, folgen können! Dagon hatte sich mit Absicht in die von Tiefseegräben durchfurchten Küstengebiete vor Australien zurückgezogen, damit sie ihre Herrschaft über die Wogen in aller Einsamkeit ausüben und genießen könnte, nur hin und wieder auftauchend, um sich mit den versprengten Einzelteilen ihres alten Lebens amüsieren zu können, und nun kam der hier und…
Unter seinem Einfluss erhitzte sich alles. Die Tiere dieses finsteren Niemalslandes flohen den Eindringling, doch er achtete ihrer nicht; Dagon spürte stetig seinen Blick in ihrem Nacken, drohend, fiebrig, er verfolgte sie hartnäckig, ganz egal, wo sie sich auch hinwandte, wie viele Haken sie schlug und wo sie sich verbarg. Er hing an ihrer Schwanzflosse wie ein besonders unerträglicher Blutegel und hatte schon mehr als eine Felsformation, die ihr zur Deckung gedient hatte, einfach zerrissen.

Luzifer…?

Nein. Nein, sie würde niemals mehr das Knie beugen, vor niemandem, erst recht nicht vor diesem miserablen Lügner und Ausbeuter.

Sie sollte nicht fliehen; auch das war der Meeresgöttin bewusst. Stolz und wild sollte sie sich dem Kampf stellen und, wenn nötig, reißend und zerfleischend, was in Reichweite ihrer Zähne kam, untergehen, doch ihr missfiel der Gedanke, aus dem Hinterhalt heraus gestellt zu werden und keine Taktik zu ihrer Verteidigung zu haben. Klingentanz, Speertanz, Pfeiltanz! Regensturm über ihren Widersachern! Dafür war sie bekannt gewesen, und war das denn alles nun wertlos?
Müsste sie sich eine Waffe besorgen, oder würden ihre Zähne und die Würgekraft ihrer Muskeln genügen? Die Stacheln ihrer Flossen? Müsste sie listig sein und einen Hinterhalt legen, oder wäre die beste Taktik ein Frontalangriff? Was waren die Winkelzüge und Tücken, vor denen sie sich bei ihrem Widersacher in Acht nehmen müsste?
Sie hatte versucht, ihre Vasallen, die Tiere des Ozeans, in die Pflicht zu nehmen und sie den Fremden attackieren zu lassen – was hatte schließlich der stärkste Dämon den Mäulern von aberhunderten zuschnappenden Haien, Schildkröten oder Rochen, den strangulierenden Armen tausender Tintenfische oder dem elektrischen Strom etlicher Zitteraale entgegenzusetzen? Doch die Unterwasserfauna widersetzte sich, ließ sich von dem Verfolger einschüchtern, in die Flucht schlagen, daher wusste Dagon, sie wäre auf sich gestellt, es sei denn…
Sie brauchte etwas, das kein Bewusstsein besaß – kein Konzept von Furcht oder Selbsterhaltungstrieb, das würde sich ihrem Befehl vollkommen fraglos und furchtlos beugen.

Dagon bleckte die Zähne, während sie sich um schroffe Felsen wand und Fische oder Aale aus dem Wege schob, die sie trotz ihrer empfindlichen Organe nicht rechtzeitig kommen gespürt hatten. Der Gedanke, sich kampflos zu ergeben, war blanker Hohn.
Sie musste… einen Blick auf den Verfolger erhaschen.
Auch ihre Augen waren dummerweise für den Gebrauch in den Tiefseegräben nicht unbedingt ausgestattet… sie müsste riskieren, höher zu steigen, zumindest ein wenig wassergefilterten Sonnenschein zu erhaschen, wenn sie den Verfolger in Augenschein nehmen wollte. Dies, gebündelt mit dem Gedanken, den sie eben vor einigen Minuten gedacht, brachte sie immerhin auf eine Idee. Eine merkwürdige Idee, aber… in den letzten Jahren war sehr wenig auf dem normalen, für eine Dämonin verständlichen Weg abgelaufen.

Entschlossen und sich weiter im Zickzack windend, um der höllenheißen Ausstrahlung des Verfolgers zu entkommen, warf sich Dagon nach vorne und aufwärts, dem weit entfernten Schimmer des Sonnenlichtes entgegen. Sie hörte ein Rauschen und Brummen in ihrem Hinterkopf, einen sengenden Schmerz, als wolle der Verfolger telepathisch Kontakt mit ihr aufnehmen, doch sperrte ihn mit voller Entschiedenheit aus. Nicht in diesem Leben, dachte sie verbissen – nicht auf dieser Welt.
Je höher Dagon stieg, desto weicher, heller, bunter und auch belebter wurde die Welt – das Wasser war blau, nicht mehr schwarz, erlaubte ihr, die Schwimmgeschwindigkeit massiv zu steigern. Erste anspruchslose Algen zeigten sich auf dem Meeresboden, Muscheln, Seesterne und Krabben bevölkerten Felsen und Korallen, Rochen flatterten tastend über den Meeresboden, ganze Schwärme von Fischen und Garnelen, Flanke an Flanke und Furcht in den starren, lidlosen Augen, wichen ihrem Ansturm aus. Weit, weit über ihnen ließ sich eine Gruppe Quallen von der Strömung tragen, und in der Entfernung lag ein Netz ausgeworfen im seichten Wasser… Dagon schnaubte und verzerrte unleidlich das Gesicht. Hatte sie nicht vor einigen Wochen schon ein ausreichend unmissverständliches Zeichen gesetzt, indem sie zuerst sämtliche Bojen in der Umgebung versenkt und schließlich dieses Fischerboot, das sich dennoch in dieses Gebiet vorgewagt hatte, zerstört, alle Netze geschreddert und alle Besatzungsmitglieder schlimm zugerichtet hatte? Dies war ihre Domäne. Sie würde hier keine Fischerei dulden.
Sie würde auch diesen Eindringling nicht weiter dulden…

Leise vor sich hin fauchend (ballungsweise stiegen die Luftbläschen von ihrem breiten, scharf bezahnten Maul auf) blickte sie sich nach etwas um, was ihr helfen könnte, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Es müsste nicht groß sein, dachte sie bei sich selbst, aber gut bewachsen und…
Ah ja.
Dagon warf einen raschen Blick über ihre Schulter, um vollkommen sicher zu sein, dass dieser Muskelprotz immer noch an ihrer Schwanzflosse klebte. Das tat er; das mörderische Funkeln in seinen Schweinsäuglein war wie der Lichtschein auf Zwillingsharpunen, seine Schwimmzüge waren grob und alles erschütternd, doch sein bulliger Körper bedeutete, dass er Dagons Geschwindigkeit und Wendigkeit nichts entgegenzusetzen hatte. Wenn seine Starrköpfigkeit bloß zulassen würde, dass er dies einsähe, hätten sie alle weniger Scherereien…
Komm nur, dachte sie. Ich habe da vorne eine feine Überraschung für dich.

In der Entfernung wiegte sich Dagons Ziel in der Strömung wie ein Weizenfeld im Wind: schlanke, individuell zerbrechliche und empfindliche Algen und Tangpflanzen, die ruhig und friedlich ihre Arme in die Wogen hinausstreckten, photosynthetisierten und sonst kleineren Fischchen als Versteck dienten. Individuell waren sie fragil und verletzlich, doch mit vereinten Kräften… darauf zumindest setzte die Meeresgöttin ihre Hoffnungen.
Den Algenwald mit den Armen vor sich teilend, tauchte sie ein, bereits ihre mentalen Fühler nach ihnen streckend und sie, Stück für Stück, unter ihre Kontrolle nehmend. Das Wasser zwischen den Algen war kühl, gehaltvoll, lebendig und schwer. Blätter und Stränge strichen beinahe liebevoll über ihren Leib, über ihr Gesicht, und glitten gelassen und vollkommen harmlos wieder ab; ihr schlug nicht der geringste Widerstand entgegen – ein Hoch auf Geschöpfe ohne eigenen Willen.
Nun müsste ihr nur noch der Unhold folgen…
Die Wasserpflanzen, mit denen Dagon nun nahezu eins geworden war, meldeten, dass er es tat – dass er sie brutal aus dem Weg stieß und riss, dass es in den Wurzeln ziepte, dass ihre Blätter eingerissen wurden und ihre Stengel ungewohnten Zug aushalten müssten…
Wie gut, dass ich hier bin, um euch zu verteidigen, dachte Dagon mit einem blutrünstigen Feixen. Wie gut, dass ich euch kontrolliere und nicht geneigt bin, euch ungerächt und ihn unversehrt davonkommen zu lassen. So, Luzifer, Verräter, wird der Jäger zum Gejagten.

Dagon spannte die Muskeln in Vorbereitung auf das, was käme.

Die Wasserpflanzen schmiegten sich um sie wie um ein Muttertier. Sie waren kalt, glitschig und schleimig, aber Dagon liebte sie in diesen Momenten – genau, wie sie waren.
Sie ballte die Fäuste, spannte jeden Muskel an.
Jetzt. Fasst ihn, meine Kinder – greift zu und lasst bloß nicht los.

In beinahe elektrischer, jubilierender Ekstase spürte Dagon, wie ihrem Befehl Folge geleistet wurde, wie die so nachlässig aus dem Weg geschobenen Algen ihren Willen annahmen, sich strängeweise um Luzifers Arme, Beine, seinen Torso und Hals legten und ihn, so sehr er auch strampelte und sich wehrte, umklammerten, festhielten, erdrückten, würgten. Die Flüchtige spürte, wie die Muskeln ihres Gefangenen sich spannten und sträuben gegen seine Fesseln, als wären diese Fesseln ein Teil von ihr, doch in Gemeinschaft waren die Algen zu fest, zu widerstandskräftig, um sie zu zerreißen, und der Teufel konnte bloß zappeln und um sich schlagen. So ein Pech, dass der Herr der Hölle nicht ertrinken konnte – wie gerne würde Dagon ihn einfach an Ort und Stelle hängen lassen, um ihn miserabel ersaufen zu lassen und hin und wieder vorbeischwimmen, um seine sich langsam zersetzende Leiche zu betrachten. Die Leiche desjenigen, der sie betrogen. Doch auch ihn hier fixiert und wehrlos zu halten, einige Ewigkeit lang, hatte sicherlich seinen Reiz…
Das hast du davon, Morgenstern, dachte sie, als sie sich langsam aus dem Algenwald herauswand und in das Gesichtsfeld ihres Meisters schwamm, der wehrlos und in einer durchaus ungemütlich aussehenden Haltung zwischen den Algen hing. Das hast du davon, mich verfolgen oder einfangen zu wollen, in meiner Domäne, wo ich Herrscherin bin, und all der Hass in deinem Blick wird dir auch nicht helfen, dich loszuwinden.
Was wolltest du überhaupt von mir, du übergroßes, hirnloses Stück Muskelmasse?

Luzifer nahm stechenden, bohrenden Blickkontakt zu Dagon auf, und die Meeresgöttin musste all ihre Frechheit und Resilienz zusammennehmen, um nicht zurückzuzucken. Es sah aus, als könnte dieser Blick allein durch ihre Augen in ihr Innerstes fahren und ihr lebenswichtige Organe herausreißen. Doch das konnte er nicht, versicherte sich Dagon; er war sicher und fest in Gewahrsam, sie würde achtgeben, dass sie ihn erst losließ, sobald er sie weder riechen noch fühlen würde können…
In diesem Moment jedoch machte der Morgenstern seinen Zug: er spannte sich und zerrte mit aller Kraft an seinen Fesseln, und während diese an sich festhielten – so dicke Stränge an zähen, gummiartigen Algen, wer würde sie schon zerreißen können? – gab der Meeresboden, in dem sie verankert waren, durchaus nach. Mit einem Ruck hatte der Teufel genug Algenstränge entwurzelt, dass der Rest ihn nicht mehr halten konnte, und warf sich mit aller Macht eines Bulldozers auf seine ehemalige Untergebene zu, die kaum die Zeit hatte, auch nur die Augen aufzureißen.
Luzifers Klauenhand fand ihre Flanke und krallte sich hinein; Dagon wimmerte leise, dünnes Blut tropfte in den Ozean, und sie schlug mit Armen und Schwanzflosse nach ihm, doch der Herr der Hölle störte sich nicht an den Wunden, die sie schlug. Mit einem verbissenen Ausdruck auf dem bulligen, ungeschlachten Gesicht zerrte er sie auf die Oberfläche zu. Dagon wand und wehrte sich, versuchte, auch nur einen Teil des Widersachers zwischen ihre Zähne zu bekommen, doch erfolglos. Das Schlachtenglück hatte sich unwiederbringlich gewendet.

Die dünne Erdenluft war eine Qual für Dagons rudimentäre Lungen, als Luzifer sie an die Luft zerrte und halb auf, halb gegen eine schroffe, felsige Küste warf. Viel zu dünn, viel zu warm, all dieser Sauerstoff… und dann das ungefilterte Sonnenlicht, das Dagons empfindliche, fischbauchbleiche Haut, ihre starren Fischaugen verletzte! Wasser perlte an ihm ab, der Teufel kämpfte, um schwimmen zu bleiben, doch hatte irgendwie immer noch genug Energie, sie anzuweisen: „Nimm eine Lunge und Stimmbänder an, Dagon – wir haben etwas Wichtiges zu diskutieren“.

Dagon fauchte, mit ihren knubbeligen, für anderes als Schwimmen lächerlich ungeeigneten Fingern an Luzifers Klammergriff zerrend, doch er, sich nun ebenfalls auf diese winzige Insel zerrend (das Fischerboot, das sie versenkt hatte, war größer gewesen, es war kaum mehr als ein einzelner Fels mitten in der Gischt) gab keinen Millimeter nach.
„Ändert es etwas“, grunzte er, kaum dass er sicher dem Ozean entstiegen war, „wenn ich sage, dass es um die kleine Thron geht?“

Dagons Widerstand erlahmte; sie blinzelte ungläubig und immer noch wutentbrannt zu Luzifer auf, gegen die gleißende Sonne. Woher sollte er davon wissen?
„Ich hätte dir Lilith schicken sollen. Ich bin mir sicher, sie hätte dich effektiver und sanfter locken können. Nicht, dass ich viel auf Sanftheit gebe…“
Mürrisch leistete Dagon Luzifers Forderung Folge und arrangierte ihren Stimmapparat so, dass sie eine irdische Unterhaltung führen könnten. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, gurgelte sie abweisend zwischen ihren haarfeinen und nadelspitzen Zähnen hindurch. Sie war inzwischen so aus der Übung, was sprechen anging, dass sie stetig das Gefühl hatte, sich auf die Zunge oder in das weiche Zahnfleisch stechen zu müssen.
Ihre Schwanzflosse hing immer noch teilweise ins Meer hinaus; immerhin das war beruhigend.
„Du weißt genug davon, dass du es der Kraft und Zeit für wert befandest, ihr nachzustellen“.

Dagon schwieg, peitschte die Wogen mit ihrer Schwanzspitze. In der Tat war es richtig, dass in der Zeit, in der sie die Gefahr von dem Morgenstern hatte abflauen fühlen, alte Erinnerungen wieder in den Vordergrund gerückt waren – ekstatische Erinnerungen vom Krieg im Himmel, da Dagon sich mit wütender Entschlossenheit und in rauschhafter Einheit hackend und schlagend um die Thron gedreht hatte – und dass sie, in Besinnung auf dies und mit einer unbestimmten, hungrigen Besessenheit begonnen hatte, sie zu beobachten, zu verfolgen, ihre Gedanken und Begierden in ihre Richtung wandern zu lassen. Einmal war es so weit gekommen, dass sie entdeckt worden und aus dem Wasser gestiegen war, um die hübsche kleine Ratte in offenen Widerstreit zu verwickeln – doch nichts war dabei herausgekommen, und Luzifer, woher sollte er dies wissen?
Woher konnte er ahnen, dass die Erinnerung an die elektrisierende Einheit, die sie damals mit der Süßen gepflegt hatte, ein zwängender Druck in ihrem Hinterkopf ebenso war wie ein knisternder, sacchariner Geschmack des Verlangens auf ihrer Zunge?
Wie konnte er wissen, dass sie bereits dieses eine Mal raffgierig die Klauen nach der Unteroffizierin ausgestreckt hatte?
Verfolgte er sie ebenso?

„Woher…“, zischte sie, doch der Teufel winkte ab. „Ich behalte meine Schwester im Auge. Da kam ich nicht umhin, zu bemerken, dass du zumindest einmal versucht hast…“
Dagon unterbrach ihn mit einem unruhigen Prusten. Sie stemmte sich auf die Ellbogen hoch; Luzifer hielt wohltuenden Abstand. Zwar war sich die Meeresgöttin bewusst, dass er sie sofort wieder an der Kehle haben würde, sollte sie einen Fluchtversuch beginnen, doch dieses Arrangement gab ihrem Stolz Gelegenheit, sich zu erholen.
Die kleine Thron…

„Du kannst sie besitzen“.

Dagon verzerrte das Gesicht, als Luzifer dies aussprach. Nonsens, dachte sie. „Die lebende Leiche, mit der sie sich stetig umgibt, wird es niemals zulassen“, fauchte sie.
„Ah“. Luzifer zerrte diese Silbe genießerisch in die Länge. „Und was ist, wenn ich sage, ich kümmere mich um die lebende Leiche?“

Stille kehrte ein. Dagon zuckte unter der sanften, salzigen Brise, die über die beiden Dämonenkörper strich, und blickte hinaus über den ebenen Horizont – kein einziges Schiff war zu sehen. Dann hatte sie wohl doch ganze Arbeit geleistet.
„Ich will mit dir ehrlich sein“, setzte Luzifer fort, ein bösartiger Tremor in seiner Stimme, der beinahe so weit kam, Dagons eigenen Blutdurst wieder anzuheizen. „Und endlich zum Punkt kommen. Mein reinweißes Gegenstück hat mir einmal zu oft die Stirn geboten – sie bettelt um ihre Zerstörung, seitdem sie mich aus dem Himmel verdrängt hat, und ich werde nicht länger als unbedingt nötig dulden, dass sie existiert. So existiert, wie sie ist, soll das heißen. Wer weiß – wenn das Gleichgewicht so empfindlich gestört ist, vielleicht können wir dann endlich unsere Apokalypse haben“. Er gab ein Schnaufen von sich, das auf halbem Weg zwischen einem Kichern und einem Fauchen verloren gegangen zu sein schien. „Ich brauche allerdings jemanden, der mir dieses kleine Fünkchen vom Pelz hält, während ich meine vermaledeite Schwester ihrer Strafe zuführe. Mit meiner Kraft und deiner Hinterlist, Dagon, sehe ich unsere Chancen gut, dass wir sie bekommen können – sie beide, da ich nicht glaube, dass sie irgendwohin gehen ohne einander – und sobald ich sie losgeworden bin, werde ich es dir freistellen, zu bestimmen, was mit der kleinen Thron geschieht. An ihr habe ich keinerlei Interesse. So…“, Luzifer feixte, „so haben wir beide etwas davon“.
„Ich sage, du bist wahnsinnig“. Dagon grunzte und spreizte ihre Flossen ein wenig. „Aber wenn irgendjemand mit der Eisstatue fertig wird, dann bist es wohl du“.
„Ich bin von Anfang an so gemacht worden, dass ich mit ihr fertigwerde“, erwiderte der Morgenstern düster. „Alles, was wir brauchen, ist ein Plan. Etwas, das sie übervorteilt, das sie wehrlos macht… dann kann ich sie vernichten“.
„Und du denkst, gerade ich sollte so eine Engelsfalle legen können?“ Dagon schnaubte in nur halbherzigem Amüsement.
„Ich denke, du hast die Motivation, es zumindest zu versuchen“.

Und die hatte Dagon – ja, durchaus. Schwarzes Haar. Dunkle Haut, gesprenkelt von Gold. Eine athletische Figur. Wenn sie nur daran dachte, wie diese Hände zupacken könnten! Tiefe, schwere, trügerisch warme Augen. Ein Mund, der nur mit einigem Zucken ganze Welten an Herablassung und Sarkasmus auszudrücken vermochte, zwei Regungen, die Dagon nur allzu große Lust hatte, mitsamt der Heiligkeit aus ihrem Seelenkern hinauszubrennen…
Unendliche Schlingen und Windungen, in die es sie werfen würde, einander in unendlichen Widerstreit zu verstricken, Bestimmung, Hochgefühl…

„Du hast meine Aufmerksamkeit“, knurrte die Dämonin.
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