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Schattenseele - Outtakes

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
07.12.2020
20.04.2021
10
42.703
5
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.04.2021 4.043
 
Hi zusammen!
Das Outtake schlummerte hier noch bei mir und dann bei der Beta, aber ich reich es der Vollständigkeit nach. Bei Gelegenheit bringe ich die Outtakes mal in die richtige Reihenfolge. Es gehört zu Kapitel 10. Ja, ich weiß, lang ist´s her.
Fawkes hatte wissen wollen, ob Ohnezahn wußte, daß Hicks ihn auf der Dracheninsel fangen wollte, nun hier kommt die Antwort.
Viel Spaß beim lesen.
*****



Ohnezahn POV

„Hey, Kumpel, hattest du einen guten Tag?“ wurde er umgehend nach seiner Landung gefragt.

Die Sonne war im Untergang begriffen, während der Junge auf den Steinen thronte und seinen See mit diesem Stock und Faden leer fischte. Seit fünf Tagen hatte der Kerl sich bereits an diesem Ort eingenistet und nichts deutete darauf hin, daß er wieder gehen würde. Ein Röhren entfloh seiner Brust.

„Ich deute das mal als ja“, antwortet Hicks und lächelte zu ihm herüber. Die Geste hatte etwas kindlich Naives und Ohnezahn ergab sich der Situation. Der Kleine war harmlos und ein geselliges Kerlchen. Er plapperte jeden Abend auf ihn ein und erweiterte ihm stetig das Wissen um den menschlichen Sprachschatz.

„Hunger? Ich hab eine für dich und eine für mich.“ Er wedelte mit seinem Fang und warf ihn ihm entgegen. Da ließ sich der Nachtschatten nicht lange bitten, fing ihn in der Luft und verschlang ihn auf einmal. Ok, wo war der Rest? Er spähte zu seinen Füßen, konnte aber nur die eine winzige Forelle erkennen.

Es war Zeit, dem Burschen zu zeigen, wie es richtig ging. Anmutig lief der Drache am Ufer auf und ab, stürzte sich auf seine Beute und holte innerhalb kürzester Zeit drei Fische aus dem Wasser. Er suchte den Blick des Jungen und erforschte seine Reaktion.

„Angeber“, brummte Hicks und grinste zu ihm herüber. Er nahm die Angel und seinen mickrigen Fang und machte sich an den Abstieg. Er ging zu dem von ihm aufgestapelten Holzhaufen und winkte ihm zu. „Dürfte ich bitten, mein Freund?“

Er verschlang sein erbeutetes Mahl, dann trottete er auf ihn zu. Mit einem Plasmastrahl setzte er es in Flammen. Der kleine Mensch setzte sich auf den Boden und kümmerte sich um die eigene Nahrungszubereitung, die schrecklich kompliziert war. Statt einfach reinzubeißen, mußte das Essen erst aufgeschnitten und die Innereien rausgeholt werden, selbst den Kopf aß er nicht mit. Was eine Prozedur und Verschwendung. Jeden Abend das Gleiche.

Der Nachtschatten rollte sich neben ihm in der Nähe des Feuers ein und beobachtete sein Treiben. Etwas war anders und er forschte, was es sein könnte. Und als er eine Weile darüber nachsann, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Hicks redete nicht mit ihm. Er hatte sich so sehr an seine Stimme gewöhnt, daß sie ihm plötzlich fehlte.

Als hätte er den bohrenden Blick oder gar seinen Gedankengang bemerkt, schob der Winzling sich etwas näher heran und streckte zaghaft die Hand nach seinem Flügel aus, als müsse er sich überzeugen, daß er wahrhaft neben ihm saß. Die Berührung war vorsichtig und leicht und nicht von langer Dauer, aber es reichte aus, um eine verstörende Traurigkeit wahrzunehmen. Und dann traten Tränen in diese kleinen, grünen Augen, die Ohnezahns Empfinden untermauerten. Zwar versuchte Hicks sie vor ihm zu verbergen, doch er wandte nicht schnell genug den Kopf.

Blinzelnd richtete er sich ein Stück auf. Was war in seiner Abwesenheit geschehen? Am gestrigen Abend war noch alles in Ordnung gewesen. Hicks hatte geredet und sich wie immer benommen, jetzt war er gefangen in dieser allumfassenden Betrübnis. Hatte ihn ein Drache am Tag angegriffen? Verletzt sah er jedoch nicht aus. Was war es dann?

Beherzt schubste er den Jungen an, in der Hoffnung, daß er mit ihm sprach. An dem Knirps war so wenig dran, daß er von der kleinen Berührung glatt umkippte. Dieser verzog glücklos seinen Mund zu einer leidenden Grimasse.

„Hast du schon einmal eine Dummheit angestellt?“ Hicks rieb sich mit dem Unterarm über die Augen, um den Tränensee zu beseitigen. Ohnezahn musterte ihn eingehend und verstand nicht, worauf die Worte abzielten. Der Kleine schniefte.

„Etwas, was einen anderen enttäuscht? Jemanden verletzt? Einen Fehler gemacht, den du nicht korrigieren konntest?“

Der Drache hörte ihm zu und blinzelte ihn lediglich an. Noch immer ergaben die aneinandergereihten Worte kaum Sinn für ihn. Bereute er, daß er sich hierher verlaufen hatte? Die Erkenntnis kam sowohl spät als auch überraschend.

„Ich nehme an, das heißt nein.“ Er seufzte und wischte sich erneut mit dem Unterarm über das Gesicht.

Der Nachtschatten hob die rechte Pfote, um ihm Einhalt zu gebieten. Es gab eine Menge Fehler, die er in der Vergangenheit begangen hatte. Niemand war fehlerfrei und ganz besonders nicht er. Hicks achtete nicht auf diese Geste, er schien in etwas versunken, was nur er sehen konnte.

„Natürlich nicht. Du bist perfekt. So etwas wie dich… gibt es nicht oft.“

Der Drache kniff die Augen zusammen und hob die Schnauze. Hicks hatte ein völlig verzerrtes Bild von ihm. Es mochte stimmen, daß es nicht mehr viele seiner Art gab, doch er war alles andere als perfekt. Er war wütend, stur und bereit Leben zu nehmen, um sein eigenes zu schützen. Zugegeben, auf der positiven Seite hatte er Schnelligkeit beim Flug sowie Geschicklichkeit als Jäger zu bieten und er befand sich selbst als klug, aber damit würde er seine Selbsteinschätzung abschließen.

Schweigend drehte Hicks sein Essen an dem Stock. Er wirkte winzig, noch kleiner als sonst. Die Schultern hingen und sein Rücken war gekrümmt, so wie er ihn kennengelernt hatte. Als er weitersprach, erhob sich seine Stimme kaum über den Wind und er mußte seine Ohren aufstellen, um ihn zu verstehen.

„Was würdest du einem Freund raten, was er tun soll? Wenn seine Lage aussichtslos ist? Wenn er in Gefahr ist? Wenn er, um sich zu schützen, jemanden anderen in eine Situation bringen müßte, aus der es kein Entkommen gibt? In der dieser seine Freiheit verliert?“

Seine Verzweiflung berührte einen Punkt in seinem Inneren. Er erkannte sich in allen Punkten wider. Er hatte sie durchlebt und durchlitten, hatte er doch seine gesamte Familie verloren. War geflüchtet und verletzt worden. War genötigt worden, das Leben anderer Kreaturen zu nehmen, um sein eigenes zu schützen. Aber er war ein Kämpfer und hatte sich seine Freiheit zurückerobert. Was hielt Hicks auf, dasselbe zu tun?

Der Kleine wirkte ratlos und entkräftet, den Blick starr ins Feuer gerichtet, aus den Augen quollen dicke Tränen. Er schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Der Drang, ihm beizustehen war übermächtig deshalb richtete er sich ein Stück auf und spreizte seine Flügel, um Hicks darunter aufnehmen. Der Versuch ihn zu trösten wurde abrupt unterbrochen, denn der Junge sprang auf. Inzwischen war sein ganzes Gesicht von Nässe benetzt.

„Du machst es damit nicht besser!“, klagte er. „Hör auf, so… so gut zu sein. Ich werde umgebracht, wenn ich Dagur nicht bringe, was er will. Ich muß das tun.“

Ohnezahn legte den Kopf schräg. Also verkroch er sich an diesem See, um nicht dem Tod zu begegnen und war ausgerechnet bei ihm gelandet. Was begehrte dieser Dagur, was ihm der Junge beschaffen sollte? Er blickte sich um. An diesem Ort gab es nicht viel. Eine Wasserquelle, Fische, ihn und am Tag ein paar andere Drachen. Der Nachtschatten begutachtete den humpelnden Gang, denn Hicks hatte sich aufgerappelt und raufte sich die Haare, während er um das Feuer lief.

„Das Schlimme ist, ich weiß, daß es falsch ist. Es wäre egoistisch und niederträchtig, es durchzuziehen. Was würde ich gewinnen? Ein paar Tage mehr meiner Existenz? Ein paar Wochen? Das ist kein Leben!“

Sein Klagen war herzzerreißend, dennoch wünschte er sich, der Junge würde weniger kryptisch sprechen. Er konnte ihm nur helfen, wenn er wußte, um was es ging. Er hielt inne. Was war aus seiner Einstellung geworden, daß er nur sich selbst verpflichtet war? Hicks hielt neben ihm an und sackte auf den Boden zurück. Es war, als wich sämtliche Lebensenergie aus ihm. Neugierig neigte er den Schädel und erschnupperte den kalten Schweiß und die Furcht, die den Kerl ergriffen hatte.

Wie ein Häufchen Elend hing er da, kaum der Rede wert und schrumpfte weiter in sich zusammen. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der sich so winzig machen konnte. Er zog die dünnen Stelzen an die schmale Brust, umwickelte sie mit seinen dürren Armen und vergrub das hohlwangige Gesicht an seinen Knien. Behutsam schob sich der Nachtschatten näher und, ohne daß es der Kleine bemerkte, berührte er ihn mit der Pfote an seiner Seite.

Er spürte, daß er Angst um sein Leben hatte. Dieses Gefühl überlagerte schlicht alles. Sein kompletter Körper war angespannt  und im Überlebensmodus. Sein Herz raste, während er in absoluter Bewegungslosigkeit verharrte. Was war da nur in diesem schmächtigen Körper – in diesem Kopf – los? Er wünschte, er könnte Gedanken lesen.

Der Drache konzentrierte sich, um mehr herauszufinden, denn seine Neugier war geweckt. Als er sich endlich durch sämtliche Schichten Furcht gegraben hatte, fand er Sorgen, Schmerz und Einsamkeit. Für einen kaum nennenswerten Moment blitzte in dieser alles umfassenden Dunkelheit eine Art Licht auf, was sich wie ein Hoffnungsschimmer anfühlte, doch der Funke erlosch so schnell, daß er sich nicht sicher war, ob es ihn tatsächlich gegeben hatte.

Er ließ von dem Jungen ab, der knapp seinen Kopf schüttelte, und brachte etwas Abstand zwischen sie. Hatte er etwa doch bemerkt, daß er ihn berührt hatte? Nein, außer dieser Bewegung hielt er noch immer seine zusammengerollte Position aufrecht. War das nicht unbequem, dermaßen zusammengefaltet zu sitzen?  

Mutlos hob Hicks seinen Kopf und blinzelte ihn an. Der Blick des Burschen bohrte sich in den seinen und zog ihn in seinen Bann. Er wirkte verloren und leer. Ohnezahn kannte diesen Ausdruck von anderen Drachen aus der Arena, wenn sie entkräftet zusammengebrochen waren und auf den Todesstoß von ihm gewartet hatten.

Aber sie beide hatten so was wie einen Waffenstillstand. Mehrere Monde hatten sie an diesem See verbracht. Der Mensch sollte wissen, daß er ihn leben ließ, sofern er ihn nicht bedrohte. Hicks wandte den Blick ab.

„Was bedeutet schon ein Leben in Furcht? Mehr wird mich nicht erwarten.“ Benommen starrte der Kerl ins Feuer, zog die Beine ein Stück höher unter sein Kinn und schlang seine Hände fester um die Knie. „Ich habe alles verloren, was mir je etwas bedeutet hat und ich hätte nie gedacht, wie sich das auf dieser Insel entwickeln würde. Jemand wie dich zu finden…“ Hicks unterbrach sich und sprach nicht mehr weiter.

Oh, für so etwas hatte der Drache keine Geduld.

´Sprich es aus´, forderte er, doch es kam nur ein Gebrummel aus seiner Kehle, was der Winzling eh nicht verstand. Bevor er sich darüber aufregen konnte, löste sich doch noch seine Zunge.

„Sie werden morgen kommen und mich mitnehmen“, flüsterte er unheilvoll hervor. „Dagur wird mich foltern, das weiß ich. Er ist kreativ in der Wahl seiner Methoden. Er besitzt eine stattliche Sammlung an Waffen und er wird sich nicht abhalten lassen, eine nach der anderen an mir auszutoben.“

Ohnezahn kniff die Augen zusammen. Da waren sehr viele Begriffe in Hicks´ Erklärung, die er wahrlich haßte: Folter, Waffen, an jemanden austoben. Davor grauste es ihm also. Aber warum ließ er das zu? Er konnte sich verstecken, fliehen, sich ihnen entziehen oder kämpfen. Er beäugte das kleine Kerlchen. Nein, letzteres schied aus. An ihm war nichts dran, die Wikinger, die er kennengelernt hatte, waren gewalttätige Monster, die ihm zigfach überlegen waren.

Abwesend schob der Junge den rechten Ärmel nach oben und ließ sein Blick über die Narben an seinem geschundenen Arm wandern. Der Nachtschatten starrte auf die ihm zugefügten Wunden. Es waren etliche. Viel zu viele, um sie zu zählen. Er legte den Kopf schräg. Was war ihm zugestoßen? Gab es Menschenkämpfe in die er geschickt worden war? Aber warum lebte er dann noch? So wie er wirkte, würde ein einziger sein letzter sein. Das ergab alles keinen Sinn.

„Aber ich kann dir das nicht antun“, sprach er leise weiter. „Du bist so… du. Alles an dir. Viel mehr als ich es je sein könnte.“

Tränen eroberten seine Augen und rollten ihm über die blassen Wangen. Ohnezahn hatte geglaubt nach all den Jahren in den Arenen abgehärtet und abgestumpft zu sein, so daß er gedacht hatte, kein Mitgefühl mehr zu besitzen, doch dem war nicht so. Hicks berührte diesen verloren geglaubten Punkt in seinem Inneren und erweckte ihn zum Leben.

Vorsichtig näherte er sich dem Jungen und schob sanft die Schnauze an dessen Brustkorb. Anstatt zurückzuweichen, umarmte ihn der Bursche schluchzend mit beiden Armen und nahm den Trost an, den er zu schenken bereit war.

Die Trauer überflutete ihn förmlich, bis Ohnezahn zu ertrinken glaubte. Da war so viel Verzweiflung, daß es ihn zu schmerzen begann. Wie konnte dieser dürre Leib das nur aushalten?

Eine kleine Ewigkeit klammerte sich Hicks an ihn, während Sturzbäche aus ihm flossen, er schließlich entkräftet auf dem Boden zusammensackte und am Feuer kauernd einschlief. Ohnezahn sah auf ihn herunter und schüttelte seinen Kopf. Dieser Mensch war ein Mysterium.

Schnaubend trottete er zum See, schnappte sich drei Fische, schlang sie hinunter und stillte seinen Durst, während ihm die Worte des Knaben durch den Kopf wanderten.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine schnelle Bewegung wahr und sah einen Kammsäbler im Sturzflug auf sein Areal zukommen. Diese Art jagte vornehmlich in der Nacht und offensichtlich sah der Typ Hicks als seine Beute an. Eilig erhob er sich in die Luft und gab einen Warnschuß auf den ungebetenen Gast ab. Dieser Platz gehörte in der Nacht ihm, und er war nicht bereit diesen zu teilen – ok, mit niemandem außer Hicks.

Der lilafarbene Drache mit den überschaubaren Flügeln und der kleinen Schwanzkeule veränderte seine Flugbahn und hielt nun in der Luft mit flatternden Schwingen inne.

´Verschwinde! Dieser Platz ist der meine!´ Ohnezahns Grollen machte Eindruck auf ihn, aber sein Blick wanderte dennoch zu dem Feuer, wo der Junge lag. Sein Horn auf der Stirn zuckte unruhig von links nach rechts.

´Deins?´ gurrte er mit spitzem Ton.

Der Nachtschatten rollte mit den Augen. Diese Spezies war weder besonders klug noch großartig kommunikativ. Aber sie waren gute Jäger, das mußte man ihnen lassen.

´Ja! Meiner. Verschwinde!´

Er hielt seine Antwort knapp, damit dessen beschränkte Auffassungsgabe hinterher kam. Um seine Forderung zu untermauern, öffnete er sein Maul und ließ sein Plasma auflodern. Mehr Überzeugungsarbeit war nicht von Nöten. Der Unbekannte verschwand in die Dunkelheit. Ohnezahn flog noch ein paar Runden, suchte nach weiteren Störenfrieden, konnte jedoch keine weiteren entdecken. Als er zurück an seinem See ankam, war das Feuer zum größten Teil niedergebrannt. Hicks lag zusammengerollt am Boden, der Mund wirkte verzerrt, die Stirn lag in Falten. In den Knaben kam Leben, er wälzte sich herum, die Augen fest verschlossen.

„Nein“, murmelte er, „bitte nicht.“

Er setzte sich vor den sich windenden Burschen und lauschte seiner wispernden Stimme.

„Kein Skrill… Nein… Bitte nicht… Laß mich…“ Er drehte sich zur anderen Seite und rollte sich zu einer winzigen Kugel zusammen. „Ich wollte… Ich konnte nicht… Ohnezahn ist… mein Freund… mein… Freund...“

Die Worte verstummten, es blieb ein Wimmern. Der Drache lief um ihn herum und realisierte, daß Hicks trotz des Gemurmels immer noch schlief. Die letzten Nächte hatte der Junge stets viel geplappert, ihm zig Fragen gestellt und ständig Zustimmungen und Verneinungen ins Maul gelegt, wobei er meist mit seinen Vermutungen recht behalten hatte. Als wäre ihm das Gespräch mit ihm immens wichtig. Manchmal war der Kleine auch eingeschlafen, er hatte ihn dann zurückgelassen und war zu seiner eigenen Höhle geflogen. Dabei hatte er völlig ausgeblendet, daß Hicks schutzlos anderen seiner Art ausgeliefert sein könnte, wenn diese ihn fanden. Erst mit dem heutigen Angreifer, verschwendete er an ein solches Szenario einen Gedanken. Diesmal blieb er und studierte ihn, weil zu viele Fragen in seinem Kopf herumgeisterten.

„Bitte… nicht… Dagur“, stöhnte der Junge, „nicht die Peitsche.“

Was, wenn diese Träume wahr waren? Was waren die Fakten, überlegte er, setzte sich auf sein Hinterteil und überdachte die verwirrenden Informationen des Abends. Es gab da einen Dagur. Ob das ein Mensch oder Drache war, wußte er nicht. Er hatte was von einem Skrill gemurmelt. Vielleicht war er an so einen geraten. Allerdings agierten diese Gesellen nicht mit Peitschen. Was die Menschentheorie nährte. Er sollte ihm etwas bringen – und er hatte davor Angst, es diesem jemand zu versagen. Ihm drohte Folter, wenn er nicht… ja, was? Ohnezahn blickte sich um und kam nicht drauf.

Frustriert knurrte er auf. Er mochte es nicht, im Dunkeln zu tappen. Er hatte gern den Durchblick und die Kontrolle über die Lage. Er sah auf Hicks, der sich einmal mehr auf die andere Seite rollte. „Ohnezahn… mein Freund… Tu´ ihm nichts.“

Wem sollte er nichts antun? Er schnaubte genervt.

„Hab Gnade“, wisperte Hicks, rollte sich auf den Bauch und blieb mit den Armen über seinem Kopf liegen.

Flüsterleise schlich er zu ihm hin und besah sich das halb vergrabene Gesicht. Er hatte noch nie eine solch leidgeplagte Seele wie die seine kennengelernt. Sie werden morgen kommen und mich mitnehmen, erinnerte er sich an seine Worte. Es klang nicht danach, daß er das wollte. Blieb die Frage, warum er nicht abhaute? Zugegeben die Insel war nicht riesig, aber es gab immer Möglichkeiten.

Seine Lippen blieben stumm, der Knabe hatte endlich Frieden gefunden. Der Nachtschatten erhob sich in die Luft, sondierte die Lage und stellte keinen Feind fest. Er flog größere Kreise und nutzte sein Sonar. Weder in den Wolken noch auf dem Meer gab es Unregelmäßigkeiten. Als der Mond den Zenit überschritten hatte, entschied er, er sollte sich aus dieser Sache raushalten und sich wie immer in seine Höhle zurückziehen. Doch als er in dieser ankam, um sich zur Ruhe zu legen, überkam ihn Unruhe, die sich nicht abstreifen ließ.

Etwas in ihm wehrte sich dagegen, Hicks sich seinen Dämonen allein stellen zu lassen. Seine Seele war rein. Beschützenswert. Er war ein seltenes Exemplar der Guten. Grummelnd verließ er seinen Zufluchtsort und kehrte zurück zu seinem See. Hicks lag immer noch auf dem Bauch, die Arme schützend über das Haupt gewickelt.

´Was soll´s?´ murrte der Drache, legte sich an die verebbende Glut und wachte über den Kleinen, der ihn als Freund bezeichnete.

*****


Er war eingeschlafen. Wie hatte ihm das passieren können? Träge hob er den Kopf und sah sich um. Wo war der Mensch? Er konnte ihn nirgends sehen. Der Drache war stolz auf seine Sinnesorgane, doch wie leise mußte der Kleine gewesen sein, wenn ihm sein Verschwinden entgangen war? Er hatte sich dazu entschieden bei ihm zu bleiben und ihn zu beschützen. Was, wenn sie ihn sich geholt hatten und er in Gefahr schwebte?

Blinzelnd sah er in das freche Gesicht eines Schrecklichen Schreckens, das sich ihm in sein Sichtfeld schob.

´Bist du ein echter Nachtschatten?´ fiepte der gelbe Winzling und hüpfte vor ihm auf und ab. ´Es heißt, die Menschen haben deiner eins ausgerottet. Das glaubt mir niemand, daß…´

Ohnezahn knurrte die Nervensäge an. Hatte er schließlich ganz andere Sorgen, als sich mit dem Kerlchen abzugeben.

´Ich sag es nur einmal, zisch ab!´

Ein tiefes Grollen unterstrich die Warnung, die den gelben Farbfleck zusammenzucken ließ.

´In Ordnung, Großer, versteh schon. Ich will keinen Ärger. Aber sag, wo ist der Mensch? Dieser eine, der immer Fischköpfe für mich hat?´

Der Störenfried entdeckte die auf dem Stock aufgespießte Forelle, die Hicks am Vorabend nicht angerührt hatte, schoß drauf zu, schnappte sich das Fressen und flog eilig davon. Ohnezahn hingegen suchte den Jungen, der anscheinend sein spärliches Mahl mit anderen Drachen geteilt hatte. Verrückt! Von so etwas hatte er noch nie gehört. Und mit wem hatte der Knabe noch Freundschaft geschlossen? An dem Wicht war nichts normal. Wo war er? Mit dem verletzten Fuß kam er mit Sicherheit nicht weit. Wobei… Er wußte ja nicht einmal, wann er verschwunden war. So viele Fragen! Ihm schwirrte der Kopf.

Er sah zu dem See, doch da konnte er ihn nicht finden. Mißtrauisch blickte er sich um und tapste ein paar Schritte in verschiedene Richtungen. Nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Er rannte Richtung Schlucht, wo sich die Felsen auftaten, doch da war er auch nicht. Frustriert schlug er die Schwanzflosse auf den Boden, als er etwas in einer Nische entdeckte.

Menschenwaffen, gefertigt aus Seil und Stein sowie ein Netz.

Ein Knurren entfuhr ihm, als ihm bewußt wurde, daß ihn der Wicht belogen hatte. Er war kein Freund, sondern ein Feind. Wo auch immer er sich verkroch, er würde ihn das Fürchten lehren und ihm die Feuerkraft seines Plasmas demonstrieren. Ruhelos wanderte er auf und ab, bereit dem Wikinger sein Leben zu rauben, doch er ließ sich nicht blicken. Die Sonne war ein Stück weiter gewandert und erhellte seinen Lieblingsplatz, wo sich inzwischen etliche Drachen tummelten. Viele schenkten ihm Gemurmel und blinzelten irritiert zu ihm herüber. Kein einziger von ihnen hatte je einen Nachtschatten gesehen und ihre Neugier war kaum zu ertragen.

Schnaubend erhob er sich in die Luft und floh vor all der Aufmerksamkeit. Er wußte schon, warum er für sich allein blieb. Er schoß über die Baumwipfel und wollte zu seiner Höhle zurückkehren, als er auf hoher See Schiffe erkannte. Es waren unzählig viele.

Sie werden morgen kommen und mich mitnehmen, hallte es in seinen Kopf. Dagur wird mich foltern. Der Drache ließ sich das Gespräch und sämtliche aufgeschnappten Wortfetzen noch einmal durch den Sinn gehen und mit einem Mal begriff er, was der Junge ihm hatte sagen wollen.

Hicks mußte diesem Dagur einen Drachen bringen, sonst würde man ihm sein Leben nehmen. Er sollte ihm… Ein Nachtschatten wäre eine angemessene Trophäe! Deshalb die Waffen. Aber er hatte es nicht über sein Herz gebracht, obwohl er alle Möglichkeiten dazu gehabt hatte. Mühelos hätte er ihn im Schlaf überwinden können, aber das hatte er nicht! Unbenutzt hatte er das Teufelszeug zurückgelassen! Warum?

Mein Freund…

Ernsthaft? War die Antwort so simpel? Er hatte noch nie einen anderen Drachen als Freund angesehen und diese Bestien von Menschen waren schon mal grundsätzlich von einer solchen Bezeichnung ausgeschlossen. Aber er… Hicks war anders. Rasch flog er höher in die Luft, hielt sich nah der Wolken und eilte Richtung Strand, um seine Theorie bestätigen zu lassen.  

Kaum hatte er sein Zielort erreicht, entdeckte er zwei Boote, eine Handvoll Männer und Hicks, der von einem rothaarigen Zottelkopf mit Bolas bedroht wurde. Ohnezahn spürte selbst auf diese Distanz die Furcht, welche in dem dürren Leib innewohnte und die Bösartigkeit seines Gegenübers. Die Waffe schlang sich um Hicks´ Brustkorb, eine zweite fesselte seine Beine und beförderte ihn in den Sand. Ein Seil wurde um die Füße geschlungen und sein feines Gehör hörte die flehenden Rufe nach Gnade und das Lachen seiner Widersacher. Das waren keine Träume gewesen, das waren Prophezeiungen. Er hatte dies kommen sehen und hatte sich dennoch in diese Lage begeben?

Ich werde umgebracht, wenn ich Dagur nicht bringe, was er will. Aber ich kann dir das nicht antun. Du bist so… du. Alles an dir. Viel mehr als ich es je sein könnte.

Er lieferte sich diesen Kerlen aus um ihn zu schützen? Das mußte erst mal in seinem Drachenschädel sacken. Inzwischen hatten sie Hicks gefesselt ins Wasser gezerrt, welches seinen knochigen Körper verschlang.

„Hilfe!“

Ein einziges Wort, so durchtränkt voller Panik, dann wurde der Kleine vom Naß verschluckt. Der Drache konnte nicht anders, im Sturzflug hielt  er auf die lachende Meute zu und schoß sein Plasma ab. Er durchschlug die Wasseroberfläche, tauchte ab, griff sich Hicks und zerrte ihn aus dem gefräßigen Meer. Heute würden sich ihn die Wellen nicht einverleiben. Waffen wurden auf ihn gerichtet, Pfeile flogen ihm entgegen, als er sich in die Luft erhob. Jähzorn entfesselte sich und er richtete seine Vernichtung auf die Männer, die Hicks umbringen wollten und ihn gleich mit. Umgehend setzte er die Boote in Flammen. Geschrei ertönte und mit Genugtuung erkannte er, daß die meisten nicht schwimmen konnten. Sollten sie doch erbärmlich ersaufen! Nichts anderes hatten sie verdient für eine solch scheußliche Tat! Daß Wikinger Drachen einsperrten und sie quälten, war ihm zur Genüge bekannt  und verhaßt, aber dieses wehrlose Kerlchen umzubringen, nur weil es eine reine Seele hatte und eine Brücke zu Drachen schlug, das entzog sich seiner Akzeptanz.

Niemand hatte sie zu bedrohen!

Niemals.

Immer höher erhob er sich Richtung Wolkendecke und brachte Hicks weg von diesen Monstern. Kurz bevor er diese Insel gefunden hatte, war er an einem von Menschen bewohnten Felsen vorbeigekommen. Vielleicht erwartete den Kleinen dort ein besseres Leben.
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