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Schattenseele - Outtakes

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
07.12.2020
14.05.2021
12
49.670
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31.03.2021 4.226
 
Hi zusammen!
Seit ich an der Hauptgeschichte werkel, kribbelte es mir in den Fingern, ein Haudrauf Outtake zu schreiben, weil Hicks und er seit Anbeginn dieser Geschichte aneinander vorbeireden. In meinem Hinterkopf war so viel und aufgrund eurer schimpfenden Reviews auf das Oberhaupt, habe ich dem Häuptling nicht nur ein Vergangenheits-Outtake spendiert, sondern auch eins, daß seine Sichtweise zu Kapitel 46 / Kapitel 48 zeigt.
Wie immer wünsche ich euch viel Spaß beim lesen.
*****



Haudrauf POV

„An die Waffen!“, brüllte Haudrauf und über ihm brandete tosendes Kriegsgeschrei auf, während die Dorfbewohner davon eilten. Astrid rannte aus der Arena und kam seinem Befehl nach. Er wandte sich zu seinem Sohn um und zeigte mit dem Morgenstern auf den Riesenhaften Alptraum. „Darüber reden wir noch“, grollte er und machte eine entschiedene Geste mit seiner Hand, die keinen Widerspruch duldete. „Abmarsch nach Hause.“ Und an den Schmied gewandt, der in diesem Moment an dem Gittertor vorbeikam: „Du sorgst dafür, daß er dort ankommt.“

Er war gewohnt, knappe, klare Befehle zu geben. Auf einem Schlachtfeld konnte man keine großen Reden schwingen. Zeit war kostbar und wenn sie nicht während eines Angriffs effektiv genutzt wurde, dann bezahlte man mit Menschenleben. Das wußte ein jeder Krieger auf Berk. Wenigstens gehorchte der Junge und eilte dem Schmied hinterher. Er würde Grobian jederzeit Hicks anvertrauen und sei die Lage noch so prekär. Er wußte, unter den Fittichen seines besten Freundes waren die Überlebenschancen seines Kindes enorm gestiegen. Er warf ihm einen letzten Blick zu, dann eilte er in Richtung der Katapulte.

Diese wurden bereits abgefeuert und neu bestückt. Er verschaffte sich einen Überblick, bellte Kommandos und verteilte seine restlichen Leute auf die verbliebenen Posten. Diese Prozedere waren ihm über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen, hunderter Male hatten sie bereits miteinander Seite an Seite gekämpft. Eigentlich wußte ein jeder in welcher Funktion seine Stärken lagen und wo er sich einzufinden hatte. Seine Kriegsführung war von Nöten, sobald sich auf dem Schlachtfeld die Kräfte verlagerten. Sein Blick ging zum Himmel, wo noch mehr dieser Biester aufzogen. Ein ganzer Schwarm Riesenhafter Alpträume nahm Kurs auf die linke Seite des Dorfs.

„Sämtliche Hoffersons zur östllichen Flanke!“, bellte er aus voller Kehle und sofort setzte sich ein Trupp der besten Kämpfer in Bewegung, um seinem Befehl nachzukommen.

Er orderte die Zwillinge zu den Katapulten, denen aufgrund der überwältigenden Gefahr das Lachen aus dem Gesicht gewichen war.

„Schießt sie runter! Zündet die Feuer!“, rief er und hetzte durch die Gassen, wo er jeden Drachen, der seinen Weg kreuzte, einen Kopf kürzer machte.

Hinter seinem Rücken wurden Rufe laut und wiederholten ein und denselben Namen immer wieder und versuchten ihn zurück nach Hause zu schicken. Kurz darauf stolperte auch schon ein schlaksiger Zwölfjähriger, der höchstens die Maße eines Achtjährigen hatte, mit seinem Dolch zwischen den Häusern entlang und sah nach oben. Mit einem beherzten Griff schnappte er sich den Bengel am Kragen und ließ ihn über dem Boden baumeln.

„Gustav, geh sofort wieder ins Haus!“

Wildes Kopfschütteln kam von dem schwarzhaarigen Wicht.

„Nein, ich kann kämpfen. Ich habe geübt. Mit Rotzbakke! Ich kann Drachen bekämpfen!“

Er verstand den Groll, den der kleine Larson auf diese Monster hatte, immerhin hatten diese seine Eltern vor sieben Jahren in ihre Krallen bekommen und sie abgeschlachtet. Zudem wohnte er bei unerschrockenen Kämpfern, die ihre Erfolge zu zelebrieren wußten. Bescheidenheit wurde im Hause Jorgenson von jeher kleingeschrieben, kein Wunder, daß er sich beweisen wollte.

„Deine Zeit wird kommen, Gustav. Geh sofort nach Hause. Das ist ein Befehl!“

Der Kleine bebte, wollte widersprechen, doch dann fügte er sich seiner Autorität und nickte niedergeschlagen. Haudrauf ließ ihn laufen und sah ihm nach, bis er hinter einem Haus verschwand. Er streckte zwei Gronckel nieder und scheuchte einen Zipper zurück aufs Meer, als direkt hinter ihm ein Tödlicher Nadder zu Boden ging und laut aufschlug. Er hatte das Vieh nicht kommen sehen, war er doch mit dem anderen Drachen noch beschäftigt gewesen. Sein Blick mußte Bände sprechen, denn die Mundwinkel des Schmieds zuckten trotz der kritischen Lage für eine Sekunde in die Höhe.

„Hab gerade deine Überlebenschance verdoppelt.“

„Grobian!“, schimpfte er lautstark, was eine sehr unfreundliche Weise war, um sich für sein Leben zu bedanken.

„Keine Ursache, Chef“, setzte der Mann augenzwinkernd hinzu, der das bärbeißige Wesen des Häuptlings gut genug kannte, um sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

„Was machst du hier? Warum bist du nicht bei Hicks?“

Sein Freund deutete auf die Schmiede. „Hey, ich verteidige immer diese Arbeitsstätte. So wie du es angeordnet hast, Chef. Wenn diese Bude von den Viechern hochgenommen wird, dann stehen wir ohne Waffen da. Deine Worte!“

Das Oberhaupt fluchte farbenfroh, weil er recht hatte. Kotzbakke kreuzte seinen Weg, deshalb brüllte er über das Tosen hinweg dessen Namen. Der Jorgenson besiegte einen häßlichen Gronckel und schmetterte diesen mit seiner Axt mit solch brachialer Gewalt gegen ein nahestehendes Haus, daß dessen Dachlatten nachgaben und zu Boden fielen.

„Kotzbakke, schnapp dir zwei Mann und verteidige mein Haus. Hicks ist darin. Du bist mir für seine Sicherheit verantwortlich!“

Sein Schwager nickte knapp und eilte zu der Hütte. Haudrauf hingegen blickte zum Himmel, wo Unmengen dieser Monster aufzogen und diesen verdunkelten. Es waren so viel mehr als noch vor ein paar Monate, bevor er die Jagd auf die Berserker angeführt hatte.

„Mögen die Götter uns gnädig sein“, murmelte er, dann stürzte er sich in das nächste Gefecht.

*****


Vor lauter Rauch sah man die Hand nicht vor Augen und die Luft reichte kaum zum Atmen. Die letzten Stunden waren anstrengend gewesen, aber Berk und seine Einwohner waren zäh und sie hatten Widerstand geleistet, wie sie es stets getan hatten.

Haudrauf half einer Wikingerin vom Boden hoch, die sich einige Fleischwunden zugezogen hatte und stützte sie, bis sie sich auf einen Stein setzen konnte, dann legte er den Weg zu den brennenden Hütten zurück, wo zwar emsiges Treiben herrschte, es ihm jedoch zu unkoordiniert zuging.

„Fokus! Löscht diese Häuser!“ Er deutete auf drei Gebäuden, die nah an weiteren unversehrte grenzten. „Das muß schneller gehen! Bildet eine Eimerkette.“

Fischbein kreuzte seinen Weg und er hielt den Ingermann mit seiner Hand auf. „Unterstütz Gothi, besorg ihr alles was sie benötigt, um die Verletzten zu versorgen.“

Der blonde Kerl nickte und hechtete los, weit kam er jedoch nicht, da er von Rotzbakke aufgehalten wurde.

„Hast du Gustav gesehen?“

Entschuldigend schüttelte Fischbein seinen Schopf. „Ich war beim Schuppen und habe geholfen das Tierfutter zu verteidigen. Da war er nicht.“

„Gustav!“, schrie der junge Jorgenson. Aus seiner Stimme triefte Sorge und eine Spur Panik, während er weiterrannte und sich suchend umblickte.

Haudrauf hoffte, daß es den Kleinen nicht auf dem Rückweg erwischt hatte. Es wäre nicht das erste Mal, daß Drachen Menschen rissen und sie verschleppten. Weitere Namen von Vermißten wurden gerufen, bei zehn hörte er auf zu zählen, da es ihn zu sehr schmerzte. Er eilte zu seinem Haus und wollte sich versichern, daß Hicks unversehrt war. Kotzbakke kam ihm entgegen. Blut klebte ihm im Gesicht, auf seinen Armen und auf seiner Waffe.

„Es war schlimmer als sonst, Haudrauf.“

„Ja“, bestätigte er grimmig, verzog den Mund und fühlte sich unendlich müde. Aber Ausruhen schied aus, es gab noch Unmengen zu erledigen.

„Ich danke dir“, raunte er seinem Schwager zu, dann nickte er Richtung Dorfmitte. „Gustav wird vermißt. Rotzbakke sucht ihn bereits.“

Alarmiert setzte sich der Jorgenson in Gang und als dieser glaubte aus seiner Sicht zu sein, begann er zu rennen. Dieser kleine Schussel war sowohl ihm als auch seinem Sohn ans Herz gewachsen, auch wenn keiner der beiden Sturköpfe es zugab.

Haudrauf inspizierte sein Heim, was dem Angriff dank seiner fähigen Männer getrotzt hatte und atmete tief durch. Das, was in der Arena geschehen war, mußte thematisiert werden. Der Junge sah mit völlig verzerrtem Blick auf diese Wesen. Nannte sie Freunde! Retter! Welch ein Unfug! Das war lebensgefährlich und wenn er alles wollte, dann sein Kind nicht sofort wieder zu verlieren. Hicks aus all dem fernzuhalten, war blanke Notwehr gewesen. Die vergangenen Stunden mußten Hicks´ Meinung geändert haben! Tief einatmend öffnete er die Tür und trat ein. Entgegen seiner Vermutung, brannte keine Flamme in der Feuerstelle, auch hörte er keinen Mucks.

„Hicks!“, donnerte er hervor und lauschte auf Schritte.

Nichts.

Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit.

„Hicks?“ schrie er erheblich lauter und erglomm die Treppe. Mit einer schwungvollen Geste öffnete er weit die Tür zu einem leeren, überaus ordentlich aufgeräumten Zimmer. Eine fröstelnde Kälte eroberte sein Herz und zerquetschte es.

„Hicks“, drang es halblaut aus seiner Kehle, als er begriff, daß sein Haus leer war.

*****


„Hat jemand Hicks gesehen?“

Die Dorfbewohner, an denen er vorbei kam, schüttelten ihren Kopf. Das dumme Ding in seiner Brust schmerzte und er fühlte sich hilflos. Jedem der ihm begegnete, stellte er die Frage und die Antwort fiel stets gleich aus. Ohne sein Zutun, hatten seine Füße ihn zur Schmiede gebracht, wo Grobian leere Kisten vor die Werkstatt stellte, um beschädigte Waffen einzusammeln.

„Hast du Hicks gesehen?“

Seine Worte klangen leise und verzweifelt. Er klammerte sich an die Hoffnung, daß sein Sohn sich an diesem Ort nützlich machen wollte.

Normalerweise zeigte er keine Schwäche. Schließlich war er das Oberhaupt und als solcher führte er, spendete er Zuversicht und beschützte die Seinen. Aber wem wollte er etwas vormachen? Ihm ging es miserabel. Inzwischen wurden ein Dutzend Menschen vermißt und er weigerte sich, Hicks mit auf diese Liste zu setzen. Er litt stille Qualen, während er sich ausmalte, daß der Bursche sich ähnlich wie Gustav hatte beweisen wollen. Vielleicht war er auch geflohen, das wußte er nicht zu sagen. Er wurde nicht schlau aus diesem Knirps. Wie denn auch, wenn er nicht mit ihm sprach? Fakt war, an Hicks war kaum etwas dran und ein Drache hatte leichtes Spiel, ihn in die Luft zu entführen.

„Sag bloß der Junge ist ausgebüchst?“ riet sein Freund und schüttelte dann trübsinnig den Kopf.

„Was mach ich nur falsch? Kannst du mir das verraten?“ Haudrauf schlug gegen die Hauswand und ließ die selbige erbeben.

Mit einer Kopfbewegung gab ihm Grobian zu verstehen, daß er ihm in die Schmiede folgen solle. Er schloß hinter ihm die Tür, füllte einen Krug mit Wasser und stellte ihn auf den Tisch. Haudrauf brummte ungehalten.

„Ich wollte eine Antwort, kein Stelldichein.“

Seufzend setzte sich der Schmied an den Tisch und deutete auf den freien Platz, wo für gewöhnlich Hicks saß, wenn er den Knirps denn mal zum sitzen bekam. Warum waren diese Haddocks nur so stur und arbeitswütig?

„Genaugenommen, Chef, hast du mehrere Fragen und wenn du darauf Antworten möchtest, dann mußt du dir die Zeit nehmen, sie dir anzuhören.“

Haudrauf entfloh ein Grollen, aber immerhin nahm er Platz. „Die Kurzfassung, Grobian!“

Dieser ließ sich weder durch Tonfall noch Gebaren des Oberhauptes aus der Ruhe bringen. Wenn er in all den Jahren eins gelernt hatte, dann daß Kopflosigkeit fatal war und sie alle dem Wohlwollen der Götter unterlagen, deren sie sich fügen mußten.

„Wenn du meine bescheidene Meinung hören möchtest, dann ist euer Timing mehr als mies. Ihr redet aneinander vorbei, wenn ihr denn miteinander sprecht. Dir fehlt Geduld, Hicks fehlt das Vertrauen. Soll ich weitermachen?“

Haudraufs Gesichtsfarbe eiferte mit seinem Bart um die Wette. Sein Nervenkostüm stand kurz vorm zerreißen. Ohne es zu wollen, sprang er auf und hämmerte seine zu Fäusten geballten Hände auf die Tischplatte. Der Schlag war dermaßen brachial, daß er es tatsächlich schaffte, den Lärm der Aufräumarbeiten, die im Dorf jenseits der Wände vonstatten gingen, für die Dauer eines Wimpernschlags zu übertönen. Vorgebeugt stemmte sich das Oberhaupt auf das Holz. Er war kurz davor etwas auseinanderzunehmen.

„Ja, das Temperament ist auch etwas, was du bei Hicks zügeln solltest. Das da“, der Schmied machte eine ausladende Geste, die ihn in Gänze einschloß, „geht gar nicht.“

„Du deutest auf alles an mir“, knurrte Haudrauf und erdolchte seinen Freund mit Blicken.

„Genau“, erwiderte Grobian langgezogen. „Atme mal tief durch, bleib ruhig und vermittle dem Kleinen nicht nach drei Sekunden das Gefühl, daß du ihn zerlegen willst. Der Knabe ist sensibel und hat viel mitgemacht. Du weißt um die Zeichen auf seiner Haut.“

Nur widerstrebend entspannte der Häuptling seine Finger und ließ sich zurück auf die Bank sinken. Eine seltsame Kraftlosigkeit ergriff ihn. Was auch immer man seinem Kind angetan hatte, er hatte es alleine durchstehen müssen.

„Wir wissen nichts darüber“, stieß er hervor. Eine Erkenntnis, die Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung in ihm freisetzte.

„Was die Sache nicht besser macht“, entgegnete Grobian sanft und schüttelte knapp seinen Kopf. „Haudrauf, er braucht Zuspruch. Er braucht Sicherheit.“ Eine kurze Pause folgte, dann setzte er hinzu: „Er braucht eine Vergangenheit.“

Mit zusammengezogenen Brauen fixierte ihn das Stammesoberhaupt. „Was meinst du damit?“

„Wie ich es gesagt habe. Er will wissen, wie es dazu gekommen ist. Weshalb er entführt wurde. Ein abendfüllendes Thema, will ich meinen.“

Unter seinem Bart wurde der Anführer blaß. Seinem eigenmächtigen Verhalten war es zu verdanken, daß es soweit gekommen war. Aber wäre er nicht seinen Gefühlen gefolgt, gäbe es seinen Sohn nicht. Der Kleine war neben wundervollen Erinnerungen alles, was von Valka geblieben war.

„Er hat ein Recht drauf“, setzte Grobian leise hinzu, stand auf, um die Distanz zu ihm zu überbrücken und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Als Freund rate ich dir, nimm dir ein paar Minuten. Denk drüber nach. Ich übernehme für dich dort draußen.“

Mit diesen Worten ließ er ihn allein.

Haudrauf rieb sich grob über das Gesicht und vergrub es schließlich in beiden Händen.

*****


Nachdem er sich ein paar Minuten erlaubt hatte, in einem Tief zu versinken und sich widerwillig daraus befreit hatte, stand er auf und verließ die Schmiede. Er koordinierte das Krankenlager in der großen Halle, ließ Bänke zur Seite räumen und half die Verwundeten hineinzubringen, die sie direkt auf die Tische legten. Helfer vergaben Decken, reinigten Wunden und holten Wasser. Die Heilerin hatte alle Hände voll zu tun, während Fischbein ihr Gekritzel übersetzte und mit seiner Mutter die Medizin verteilte. Sein Onkel machte sich unterdessen auf den Weg zu Gothis Hütte, um weitere Tinkturen, Salben und Leinenwickel zu holen. Mindestens drei Menschen würden an diesem Abend eines ihrer Gliedmaße verlieren.

Er verließ das steinerne Gebäude und setzte seinen Weg über den verrauchten Dorfplatz fort, als er eine schmale Gestalt erspähte, nach der er seit einer gefühlten Ewigkeit suchte.

„Hicks!“

Sein Junge zuckte zusammen und zog den Kopf regelrecht zwischen die Schulter.

„Wo warst…? Was ist mit deinem Rücken passiert?“

Er zeigte auf Hicks´ Gilet, das zerfetzt und blutig an dessen Rücken haftete. Offensichtlich war er verletzt. Also hatte er sich gegen seine Anweisung ins Gefecht gestürzt, um sich ihm zu beweisen.

„Ein Tödlicher Nadder hat mich angegriffen“, murmelte er und wich seinem Blick aus.

„Und diese Kratzer?“ Haudrauf beäugte die frischen Striemen in seinem Gesicht und wollte ihn am liebsten umgehend in die große Halle zerren, damit die Heilerin ihn untersuchen konnte.

„V… Vater, es ist halb so schlimm.“

Oh, das sah er anders. Hinter Hicks trugen zwei Frauen eine dritte blutüberströmt die steinernen Treppen zur großen Halle hinauf. Haudrauf realisierte, das sein Sohn recht hatte. Immerhin stand er noch auf zwei Beinen… Nun, auf einem und einer Prothese. Dank ihm und seines Angriffs auf ihn.

„Du solltest im Haus bleiben. Warum folgst du nicht meinem Wort?“ knurrte er wütend über sich selbst hervor. Er konnte sich nicht zweiteilen, gleichzeitig ein Dorf und Hicks beschützen. Nicht, wenn dieser sich zusätzlich in Gefahr begab.

„D… Du hast gesagt, ich soll nach Hause gehen – nicht daß ich drin bleiben muß.“

Eine dreiste Frechheit, die der Knirps sich anmaßte. Hatte er auch nur die leiseste Ahnung, welch Seelenqualen er in der letzten Stunde durchgestanden hatte? Welche Sorgen ihn aufgefressen hatten?

„Spitzfindigkeiten“, brummte Haudrauf düster, nicht im Stande, seine aufgewühlten Emotionen zu unterdrücken.

„I… Ich fühlte mich nicht sicher“, gestand Hicks zögerlich und wurde zusehends winziger vor seinen Augen. „E… es tut mir leid, Vater“, wisperte er.

Jetzt fing er auch noch damit an, ihn mit diesem untertänigen Gehabe zu provozieren. In Haudrauf bahnte sich eine Explosion an.

„Spar dir deine Entschuldigung!“, brach es aus dem Oberhaupt hervor und der Junge zuckte unter jeder einzelnen Silbe zusammen, was die Sache keinen Deut besser machte. „Ich erwarte, daß du meinen Anordnungen Folge leistest!“

Er wußte nicht, wie der Knabe es hinbekam, aber er machte sich noch kleiner als eh schon. Der Kopf senkte sich und die Schultern sackten ab.

„Ja, Vater“, rollte es ihm mit einem Tonfall über seine Lippen als sei er ein Sklave.

Haudrauf haßte den Umstand, daß Oswald bereits tot war. Zu gerne hätte er ihn in Scheiben geschnitten für das, was er Hicks angetan und anerzogen hatte. Sein Kind benahm sich wie eine Marionette ohne eigenen Willen. Ein wütendes Grollen erklang und zu seiner Überraschung erkannte er, daß es aus ihm gekommen war. Umgehend duckte sich sein Kind noch tiefer. Bei Thor, er bekam eine direkte Sicht auf die tiefen Risse in seiner Wollweste und wollte nicht wissen, wie schmerzhaft diese gekrümmte Haltung für ihn sein mußte, die er vor ihm angenommen hatte. Es zerfetzte ihm sein Herz. Er wollte schreien! Weinen! Seinen Sohn verstehen!

„Geh nach Hause, bleib dort und warte auf mich“, ordnete er knapp an, und schaffte es nur mühsam seine hochkochenden Emotionen zu unterdrücken.

Scheu hob Hicks den Blick, dann hastete er davon. Haudrauf sah ihm hinterher. Kotzbakke lief in sein Sichtfeld und wirkte außer Atem.

„Wir haben zwei finden können. Ank und Gustav sind wieder aufgetaucht. Verletzt, aber sie leben.“ Der Jorgenson stockte in seinem Bericht. „Hey, weinst du?“

Haudrauf rieb sich grob mit der Hand über die feuchten Augen. „Blödsinn!“ donnerte er. „Der elende Rauch ist Schuld. Seht endlich zu, daß die Häuser gelöscht werden.“ Er ergriff einen herumliegenden, rußgeschwärzten Kübel und stapfte zum nächstgelegenen Brunnen.

*****


So sehr sich seine Leute und er anstrengten, nicht jede Hütte konnte durch ihren Einsatz gerettet werden. Aber immerhin konnten sie unter Schutt noch eine weitere vermißte Person ausfindig machen. Er trug die bewußtlose Agnuss zusammen mit den Zwillingen in die große Halle, wo sich die beiden um die rothaarige Thorston kümmerten, bis Gothi für sie Zeit finden würde.

Ansgar trat auf ihn zu, informierte ihn über die Anzahl der vernichteten Katapulte, die endgültige Zahl der Vermißten, der Verletzten und der beschädigten Häuser. Zumindest äußerlich ertrug er das Gesagte mit stoischer Ruhe. Innerlich sah es ganz anders in ihm aus. Ein tosender Sturm wütete in ihm, der seine Nerven aufzufressen drohte.

„Danke“, murmelte er seinem Freund zu und wandte sich von ihm ab.

Haudrauf verschaffte sich einen Überblick über die Lage und kratzte sich an der Stirn. So viele Verwundete. So viel Zerstörung. Wo sollte das noch hinführen? Zögerlich wandte er sich um und schritt in die junge Nacht. Stille und Dunkelheit hatten sich wie ein düsterer Schleier über das Dorf gelegt. Nur noch wenige waren zu sehen, die in gespenstiger Ruhe provisorisch ihr Zuhause sicherten und sich dann in ihre vier Wände zurückzogen. Dünne Rauchschwarten stiegen in den Sternenhimmel, während er den Weg zu seinem Heim antrat.

Anstatt sofort einzutreten, beobachtete er seinen Jungen durchs Fenster wie er hochkonzentriert auf der Bank nah des Feuers saß und sein Hemd flickte. Der Lichterschein der Flammen tanzte über seine blasse, gezeichnete Haut und verhüllte nichts von dem an ihm ausgeübten Grauen. Der Bursche hielt kurz inne und besah sich seine Arbeit. Haudrauf wich vom Fenster weg und verharrte vor der Tür. Der Anblick versetzte sein Innerstes in Aufruhr, wie die Male zuvor als er ihn unbekleidet gesehen hatte. Hinzu kam der Kampf mit all dem Leid samt seiner Verluste. An diesem Abend rückten die Familien näher zusammen, betrauerten die Verwundeten, die um ihr Leben bangten, gedachten ihrer Opfer und dankten den Göttern, daß sie und ihre Liebsten überlebt hatten. In den letzten Jahren war er stets in ein leeres, kaltes Haus zurückgekehrt, sofern es noch intakt war, und war einsam in sein Bett gekrochen, um am nächsten Morgen seine Pflichten erfüllen zu können.

Jetzt wartete sein Sohn auf ihn. Er spähte einmal mehr durchs Fenster. Alles an dieser zierlichen Gestalt drückte einen nicht greifbaren Kummer aus. Er war so bedrückend, daß es auf ihn überging und von ihm Besitz ergriff. Vergessen war die Standpauke wegen der Arena und seines Ausreißens. Er wollte ihn in seine Arme schließen und den Göttern danken, daß er da war. Er hatte keinen Schimmer, wie der Knirps das aufnehmen würde. Es war nicht auszuschließen, daß er vor Furcht in Ohnmacht fiel.

Haudrauf seufzte. Es war Zeit, er hatte ihn lange genug warten lassen. Tief einatmend wappnete er sich für die Konfrontation und öffnete die Tür. Wie er befürchtet hatte, schrumpfte der Kleine vor Angst vor ihm zusammen, stach sich sogar in den Finger und preßte sein Hemd vor die Brust. Sein Oberkörper bebte und die grünen Augen weiteten sich vor Schreck. Jedes Mal wenn er so vor ihm kauerte, stieg Haß gegen die Berserker in ihm hoch. Viel zu fest schmetterte er die Tür zu, weil er nicht wußte, wohin mit seinem Frust. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, die er einem jeden dieser verdammten Mistkerle in ihre Gesichter rammen wollte. Er hatte fünfzehn Jahre Zorn in seinem Leib, dem es nicht gestattet gewesen war, sich zu entladen. Bei Odin, er würde einen jeden Berserker töten, der ihm in seinem verbleibenden Leben vor sein Antlitz trat. Er würde Hicks rächen, so sehr er Haudrauf Haddock hieß.

Der Kleine zitterte wie Espenlaub und kauerte mit geschlossenen Augen und rundem Rücken auf seinem Sitzplatz. Hilflos stand er da, nicht fähig sich ihm zu nähern, um ihn nicht noch mehr zu verschüchtern. Haudrauf war Realist und kein Träumer, dennoch versuchte er sich vorzustellen, wie Hicks empfand und was er in ihm sah. Er überragte ihn um Längen und auch sein Körperbau hatte das zehnfache an Muskeln. Mindestens. Er zählte die Tage, die sie seit seiner Rückkehr zusammen verbracht hatten, dann überschlug er die Minuten, die sie tatsächlich miteinander verbracht und gesprochen hatten. Es war verschwindend gering. Seine Erscheinung mußte ihn einschüchtern. Eine Erkenntnis, die ihm zusätzlich zusetzte. Er zwang sich seine Finger zu entspannen und gab ihnen eine Aufgabe, in dem er seinen Fellumhang von den Spangen löste.

„Beende deine Arbeit“, seufzte er und legte ihn über eine Stuhllehne. Hölzern bewegte er sich vorwärts und nahm seinen behornten Helm ab. Vielleicht schuf dies mehr Zuversicht in dem dürren Kerlchen, wenn er lediglich seine normale Kleidung trug. Da er schrecklich durstig war, füllte er sich einen Krug mit Wasser und setzte sich an den Tisch. Mit Absicht spähte er nicht zu Hicks herüber, um ihm einen Rückzugsort zu ermöglichen. Er wollte ihn nicht länger als nötig anstarren und ihm ein ungutes Gefühl geben. Er hatte schon genug gelitten.

Er trank von seinem Wasser und übte sich in Geduld. Mental rief er sich Grobians Ratschläge in Erinnerung: Atmen und ruhig bleiben, zudem Sicherheit vermitteln. Für seine Verhältnisse hielt er sich hervorragend. Er hoffte, daß das der Bursche auch erkannte. Eine gefühlte Ewigkeit wartete er auf eine Reaktion, doch die kam wider Erwarten nicht. Er hob seinen Blick und sah hinüber. Bebend verharrte der Junge und hielt sich schützend mit beiden Armen das Stück Stoff an sich gedrückt.

„Worauf wartetest du? Zieh dich an.“

Er hatte sanft klingen wollen, dennoch hatte Schärfe mitgeschwungen. Noch mehr atmen, noch mehr Ruhe, ermahnte er sich stumm. Hicks schlüpfte in sein Hemd und verweilte zappelig auf seinem Platz. Die wenigen Meter zwischen ihnen erschienen Haudrauf wie eine unüberwindbare Schlucht. Er wollte sie überbrücken, egal wie. Keiner von ihnen würde diesen Raum verlassen, bevor sich zwischen ihnen nicht etwas Grundlegendes geändert hatte.

„Hol dir etwas zu trinken und setz dich zu mir“, forderte er sein Kind auf, was unverzüglich seinem Wort folgte.

Kaum saß sein Sohn ihm gegenüber, verfiel er in eine Art Ganzkörperstarre. Selbst das Zittern war ihm abhanden gekommen.

„Hicks…“, begann Haudrauf, unterbrach sich und musterte ihn dann über den Krug hinweg. Er wirkte wie eine leblose Puppe, die man ihm gegenübergesetzt hatte. Die Erkenntnis keimte in ihm, daß der Kleine unverzüglich jeden Befehl von ihm in die Tat umsetzen würde, aus Furcht vor Konsequenzen. Einmal mehr sah er sich meilenweit von einem normalen Gespräch entfernt. Wie sollte das nur jemals etwas werden? Er erinnerte sich an die Empfehlungen des Schmiedes: Hicks brauchte eine Vergangenheit.

Haudrauf schloß für einen Moment die Augen. Das würde unangenehm werden und alte Wunden aufreißen, die nur unzureichend verheilt waren. Aber wo beginnen? Er konnte schlecht mit der Tür ins Haus fallen. Er brauchte einen Schlüssel, irgend etwas, um Zugang zu dem Burschen zu bekommen.

Er dachte an die Zeit, als sie noch eine Familie gewesen waren. An die Wärme, die dieses Haus ausgestrahlt hatte, wenn er nach einem langen Tag Arbeit heimgekommen war, an das kindliche Gequietsche, wenn Hicks auf Valkas Armen gekitzelt wurde und sie Küsse auf seinem Schopf verteilt hatte, nur um ihn dann anzulächeln. Vor seinem inneren Auge sah er sie, wie sie näher kam und ihre Lippen die seinen bedeckten. Die Emotionen waren noch dieselben wie damals. Diese Liebe verblaßte nicht. Genausowenig wie das Glück, das er hatte erleben dürfen. Vielleicht war das die Antwort auf all seine Fragen. Er wollte das wieder fühlen und er wollte es seinem Sohn schenken.

„Bist du glücklich, Hicks?“ rollte die Frage wie selbstverständlich über seine Lippen und in dem Moment wo er sie aussprach, wußte er, daß dies ein guter Pfad war, den er verfolgen wollte.



*****
Bin mal gespannt, ob ihr das hinter seiner Fassade erwartet hättet.
Teilt doch einfach eure Gedanken mit mir. Ich würde mich freuen.
*Schokokekse hinstell*
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