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Schattenseele - Outtakes

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
07.12.2020
15.06.2021
14
63.088
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11.12.2020 2.931
 
Ein Outtake zu  Kapitel 1 und Prolog.

Für alle, die wissen wollen, was besprochen wurde, als Hicks den Eßtisch verließ, und was sich an Bord des Schiffes abspielte, während Hicks sich die nächsten Stunden unter Deck verkroch.
*Schokolade und Kekse hinstell*
*****

„Noch mehr Huhn“, forderte Oswald der Hinterhältige. Wie jeden Tag saß Hicks mit seinem Bruder und Vater zusammen am Eßtisch und nahm mit ihnen pünktlich zur Mittagszeit ihre Mahlzeit ein. Dagur hatte den Platz rechts neben Oswald inne und sah mit einer hochgezogen Augenbraue über seinen Teller hinweg zu dem Jüngeren herüber, was nicht weniger als beweg deinen Hintern hieß.

Es bedurfte keiner weiteren Aufforderung. Hicks sprang vom Tisch auf und kam dem Befehl seines Vaters umgehend nach. Dagur beobachtete mit zusammengekniffenen Lidern die Bewegungen des Jüngeren, wie er hastig den Raum bis zur Anrichte durchquerte, die schwere Platte mit dem Fleisch anhob und zusammen zuckte. Dagur unterdrückte nur mühsam ein Knurren.

Haakons Worte hatten ihre Spuren in seinem Inneren hinterlassen, drei Tage in ihm gewütet, bis er schließlich Hicks am Vorabend aufgelauert und seinen Unmut mit einer frisch von seinem Bruder geschärften Waffe an ihm zelebriert hatte. Er war schwach, mickrig, so viel weniger als er, der Erstgeborene, der zukünftige Anführer – und das hatte er ihn spüren lassen. Dagur hatte sich mit dem Aufschlitzen seiner Haut Zeit gelassen. Mal hatte er die Klinge gleichförmig über seine Haut gleiten lassen, mal zögernd, ja, sacht. Er hatte Hicks gequält, um ihm klarzumachen, wer in der Rangfolge nach Oswald folgte. Der Wicht mußte wissen, wo sich sein Platz in der Nahrungskette befand.

Er hatte nicht geschrieen, nein, das hatte ihm dieser kleine, sture Dickschädel nicht gegönnt. Genaugenommen verwehrte er ihm diese Genugtuung seit ein paar Jahren. Mehr als ein Wimmern, Ächzen oder Stöhnen preßte er nicht hervor. Vielleicht sollte er kreativer werden, um diesen Machtkampf für sich zu entscheiden. Was jedoch Oswald auf den Plan rufen würde und dann seinen kleinen Liebling verteidigen würde. Dagur wünschte, sein Vater würde die offene Konfrontation mit ihm suchen, in ihm hatte sich unheimlich viel Frust angestaut und er lechzte danach, sie ihm entgegen zu schleudern.

Sein Blick wanderte zurück zu Hicks, der wie eingefroren mit dem Huhn auf der Essensplatte dastand und dessen Arme bebten.

„Ist er im Stehen eingeschlafen?“ kicherte er humorlos und grinste seinen Vater mit einem düsteren Lächeln an.

Oswald ließ Hicks nicht aus seinen Augen und verengte sie. Er ließ ein Räuspern ertönen, doch der Junge stand wie angewurzelt da. Nur das Zittern seiner Hände nahm kontinuierlich zu.

„Wenn du das Fleisch fallen läßt, muß ich mir eine Strafe für dich überlegen“, juxte Dagur und beobachtete ihn lauernd.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er seines Vaters tadelnder Blick, der seine übergriffige Bemerkung nicht gut hieß. Hicks erwachte aus seiner Bewegungslosigkeit, brachte das Essen an den Tisch und stellte es direkt vor seinen Vater, der den Jungen unbeirrt anstarrte.

„Alles in Ordnung, Hicks?“

Dagur kniff die Augen zusammen und warf seinem Bruder einen warnenden Blick zu, den der Angesprochene allerdings nicht wahrnahm, da er es vermied, sie beide anzuschauen. Langsam nickte der Jüngere. Es war eine miese Vorstellung, das wußte er. Wut schwoll in Dagur an. Der Kerl legte es mal wieder drauf an, seinen Zorn zu spüren. Oh, heute abend konnte er sich auf etwas gefaßt machen. Er würde es ihm heimzahlen, daß er ihn dermaßen auflaufen ließ.

Oswald hielt Hicks am Arm mit seiner Pranke fest und dieser holte zischend Luft. Dagur verdrehte die Augen. Der Bursche hatte null Selbstkontrolle. Er würde sie in ihn reinprügeln müssen. Inzwischen hatte Oswald den Ärmel mit dem Daumen hochgeschoben und besah sich die roten Schnittwunden. Hicks stand wie erstarrt da und Dagur schüttelte innerlich den Kopf. Sein Bruder war der miserabelste Schauspieler den es gab. Er legte es regelrecht drauf an, daß ihr Vater von ihrer Auseinandersetzung erfuhr. Das würde Hicks büßen müssen, so viel war klar.

„Was ist das?“ brummte Oswald und stierte Hicks aus eisblauen Augen an.

„Ni… nichts“, stotterte dieser hastig und versuchte den Ärmel runterzuziehen. „Ha… hab mich beim Schleifen geschnitten. Meh… Mehrmals.“

Dagur wollte am liebsten laut loslachen. Diese Lüge war abgrundtief schlecht. Selbst für Hicks´ Verhältnisse. Wie zum Beweis entwich aus der Brust ihres Vaters ein Grollen. Der Junge setzte sich an den Tisch, wich gekonnt seinem Blick aus und schlang sein Essen in sich. Dagur wäre ihm am liebsten sofort an die Gurgel gegangen. In den letzten Tagen hatte er sehr viel über die Worte seines Freundes nachgedacht. Und je länger er es tat, desto mehr setzten sich Zweifel und Unmut in ihm fest.

Dieser Tolpatsch stieß nun auch noch sein Becher voll Wasser um. Eine stattliche Pfütze ergoß sich auf dem Tisch und Dagur wartete zurückgelehnt und voller Vorfreude auf das Donnerwetter, daß jeden Moment auf Hicks niederprasseln würde. Oswald haßte Unordnung, Unruhe und Unfälle solcher Art. Wundersamer Weise blieb der Ausbruch aus und Hicks flüchtete mit den Worten, einen Lappen holen zu wollen. Fassungslos starrte Dagur seinen Vater an und wedelte mit seinen Händen in Richtung des verwaisten Platzes.

„Du läßt ihm wirklich alles durchgehen.“

Oswald wandte ihm sein Gesicht zu. „Mir gefällt dein Tonfall nicht. Zügel dich, Sohn.“

Dagur schnaubte. „Hicks versaut gerade unser Mittagessen und ich bin der Böse? Ernsthaft?“

Die eisblauen Augen richteten sich durchdringend auf ihn. „Sag du es mir. Hast du seine Wunden zu verantworten?“

Dagur hob stolz sein Kinn an. „Was, wenn er es verdient hätte? Er verweichlicht unter deinen Fittichen, Vater. Ich habe ihm einen fairen Kampf geliefert, was kann ich dafür, wenn er…“

Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Dagur unterdrückte nur unzureichend seine Wut, die wie ein tosendes Feuer in ihm aufstieg.

„Genug“, grollte Oswald und ballte die Finger zu Fäusten. Doch der Jüngere war nicht bereit, sich dem unterzuordnen.

„Keinen einzigen Angriff hat er je bestritten, während ich mit unseren Männern Sieg um Sieg heim trage. Warum ziehst du ihn mir vor?“

Oswald neigte sich ihm voller Zorn entgegen. „Meine Beweggründe habe ich dir gegenüber nicht zu rechtfertigen.“

„Also habe ich recht!“, stieß Dagur unheilvoll hervor. „Dieses Findelkind darf sich alles erl…“

Oswalds Dolch an seiner Kehle gebot ihm Einhalt.

„Ich mag alt sein, aber ich bin immer noch schnell“, grollte der Mann. „Bezeichne Hicks nie wieder als Findelkind. Er ist mein! Verstanden?“

Dagur knurrte und bekam das Messer nur noch fester an seinen Hals gedrückt.

„Verstanden“, ächzte er widerwillig hervor.

Mit hochgezogenen Brauen ließ Oswald von seinem Sohn ab und ließ den Dolch in seinem Gürtel verschwinden. Um Ausgeglichenheit bemüht, nahm er einen tiefen Atemzug. „Fakt ist, er hat ein Herz, Dagur. Vergiß das nicht. Niemals.“

„Sagt der Mann, der ihn mit Ketten an die Wand fesselt, bis er sich einnäßt“, knurrte Dagur mit verengten Augen.

„Diskussion beendet“, entgegnete ihm sein Vater mit einem schneidenden Tonfall, der jedes weiteres Wort zu einem Todesurteil erklärte.

Das Machtwort war keine Sekunde zu früh ausgesprochen worden, denn Hicks betrat mit bangem Blick den Raum und machte sich sogleich dran, sein Mißgeschick zu beseitigen.

*****


Dagur hatte im Lagerraum gewütet und ein Dutzend Kisten klein geschlagen, um sich halbwegs zu beruhigen. Er fühlte sich benachteiligt und gedemütigt. Am liebsten hätte er Hicks geschnappt und ihn für seine elende Parade grün und blau geschlagen. Aber so lange er unter Oswalds Schutz stand und dieser sich an Bord dieses Schiffes befand, würde ihm dieses Vergnügen nicht gewährt werden. Diese halbe Portion würde bitter dafür bezahlen, daß er sich zwischen seinen Vater und ihn drängte. Am liebsten würde er ihm in die Waffenkammer folgen, wo er sich direkt nach dem Essen verkrochen hatte, und sein Innerstes nach Außen krempeln. Aber zuerst ließ er ihn bibbern. Sollte er sich doch vor Angst noch mal in die Hose machen. Und wenn er sich später in seiner Schlafstätte sicher fühlte, würde er ihn sich vornehmen und seinen Unmut an ihm austoben. Oh, in seinem Kopf tobte ein Ideenreichtum von Grausamkeiten, die Hicks das Fürchten lehren würde.

„Hier bist du“, brummte eine bekannte Stimme. Haakon begutachtete das Chaos, was der Sohn des Anführers angerichtet hatte, lehnte sich lässig an die Wand und legte den Kopf leicht schräg.

„Heute besonders gut drauf?“

Dagur wandte sich ihm halb zu und erdolchte ihn mit seinem Blick.

„Ich bin nicht zu Späßen aufgelegt. Mein Vater ist dermaßen verbohrt, alterstarrsinnig und blind… Mir fehlen die Worte!“ Er ergriff ein Faß und schmetterte es an die Außenseite. Es zerschellte und der Tran ergoß sich auf dem Boden.

„Soll ich Hicks zum Aufputzen kommen lassen?“ schlug Haakon mit einem kleinen Lächeln vor.

„Nein, wenn er mir jetzt über den Weg läuft, kann ich nicht für sein Leben garantieren.“

„Sein Tod ist ein unvermeidbarer Umstand. Jeder muß in das Reich der Toten reisen. Du könntest für eine Abkürzung sorgen.“

Dagur knurrte unheilvoll. „Am liebsten würde ich meinen Vater übersegeln lassen.“

Haakon stieß sich von der Wand ab und schlenderte zu ihm herüber.

„Nichts leichter als das. Laß mir freie Hand und du bist schon morgen Alleinherrscher über die Berserker.“

Der Neunzehnjährige kniff die Augen zusammen. „Mein Vater mag alt sein, aber er ist nicht dumm oder gar schwach. Wenn er angegriffen wird, weiß er sich zu wehren.“

Haakons Mundwinkel umspielten ein Lächeln. „Es gibt Mittel, die selbst den stärksten Drachen umhauen.“

Dakurs Augen weiteten sich etwas, als er begriff. „Gift ist etwas für Feiglinge und diese hasse ich, wie du weißt“, grollte er düster hervor.

Haakon verschränkte unbeeindruckt die Arme vor der Brust. „Manchmal heiligt der Zweck die Mittel. Du bist tausend Mal besser als Oswald. Die Flotte…“

„…würde niemals einem Vatermörder folgen. Ich mag irre erscheinen, aber ich bin nicht lebensmüde.“

„Wer sagt, daß du dafür zur Verantwortung gezogen werden könntest?“

„Wer sonst?“ fragte Dagur mißtrauisch und zog seine Augenbrauen zusammen.

„Hicks.“

Dagur lachte schrill auf und klopfte sich auf die Schenkel.

„Erzähl mir mehr, ich lieb deinen verworrenen Humor.“

Unbeeindruckt neigte sich Haakon zu ihm vor und raunte ihm ans Ohr. „Rein fiktiv, aber laß es auf dich wirken: Oswald wird von Hicks Dolch ermordet in seinem Quartier gefunden. Der arme, drangsalierte Junge ist durchgedreht und hat sich nach dieser Tat mit dem Strick das Leben genommen. Ein Täter. Ein Opfer. Zwei Leichen. Ein Anführer.“

Dagur starrte ihn an. Er wußte, Haakon war schlau und man durfte ihn niemals unterschätzen. Er war ein hervorragender Taktiker, geübter Stratege und überaus nützlicher Kämpfer, der nur von seiner Skrupellosigkeit übertroffen wurde. Ihm diese Worte zuzuraunen, hatte einen Preis.

„Was springt für dich raus?“ preßte Dagur hervor. Er war hin und hergerissen von diesem Plan, der absolut tödlich für zwei ihm nahestehenden Menschen am Ende des Tages ausgehen würde. Nur Haakon traute er eine unumstößliche Gelinggarantie zu.

„Befördere mich zu deiner rechten Hand. Unter deiner Führung und meiner strategischen Kriegstaktik werden wir die Berserker zu neuem Ruhm führen.“

*****


Amos hatte sich zusammen mit seinem Freund Berthel die letzten Jahre mit den unterschiedlichsten Arbeiten über Wasser gehalten. Rechtmäßige waren darunter jedoch nicht zu finden gewesen. Mal verdienten sie sich als Kopfgeldjäger, mal überfielen sie die nördlichen Händler, mal agierten sie als einfache Taschendiebe. Als ihr Langschiff in Seenot geraten war, hatten sie kurzerhand bei den Berserkern angeheuert. Der Menschenschlag an Bord des Flaggschiffes gefiel ihnen, die zunehmend strammen Abläufe und die perfektionistische Führung jedoch immer weniger. Als ihn der Waffenmeister mit dem doch etwas ungewöhnlichen Auftrag betraut hatte, kribbelte es ihm sofort in den Fingern, sich diesen Spaß zu gönnen.

Sie lungerten an Deck herum und warteten darauf, daß ihre Zielperson endlich die Treppe hochstieg.

„Was ist, wenn er direkt in seine Kammer gegangen ist?“ fragte der bullige Berthel lahm und verschränkte seine beiden Hakenhände vor der Brust.

„Nein“, raunte Amos, „er kümmert sich jeden Abend um den Skrill und verfrachtet ihn in den Käfig. Er wird kommen.“

„Vielleicht ist uns der Winzling auch durchgeflutscht und er sitzt bei seinem Vater im Warmen. Mir ist kalt, Amos“, jammerte der stämmige Wikinger, der das Gemüt und die Auffassungsgabe eines Kindes hatte, seit er einen Keulenschlag für ihn mit seiner Glatze abgefangen hatte.

Amos seufzte. „Wir können dir eine Decke holen. Hörst du dann auf zu jammern?“

Sein Gefährte nickte strahlend. Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg und sein einfältiger aber loyaler Freund folgte ihm zu der Treppe, die unter Deck führte. Kaum hatten sie die erste Stufe betreten, huschte ihnen Hicks entgegen. Er nickte ihnen freundlich im vorbeigehen zu. Lautlos wie der Wind und unscheinbar wie ein Schatten hastete der Sohn des Anführers an ihnen vorbei.

„Da war er“, flüsterte Berthel mit geweiteten Augen, doch sein Freund zog ihn bereits mit sich zurück an Deck und nach Achtern, wo der Waffenmeister auf sie wartete.

„Erfolgreich?“ fragte Haakon an den Mast gelehnt.

Amos grinste breit und nickte. „Ein Kinderspiel.“

„Gut, gut.“ Haakon zog seine Mundwinkel eine Nuance höher. „Berthel, kannst du dem Küchenchef sagen, daß unser Anführer zu speisen wünscht?“

Der Mann nahm den Auftrag an und entfernte sich, während Haakon Amos näher zu sich winkte.

„Gib ihn mir.“

Der Halunke holte den Dolch unter seinem Wams hervor, den er im Vorbeigehen dem Jungen entwendet hatte. „Jetzt fehlt nur noch meine Belohnung“, forderte er gedämpft und freute sich auf die drei Goldstücke, die ihm versprochen worden waren.

Haakon lächelte, riß in einer schnellen Bewegung die Waffe durch seine Kehle und warf den Mann über Bord. In der Ferne konnte er den Koch sehen, der das Essen zu Oswalds Gemächern brachte. Berthel eilte herbei und sah sich einfältig nach seinem Freund um.

„Wo ist Amos?“

Haakon legte den Dolch unbemerkt hinter sich auf dem Holz ab und deutete nach links. Sein Gegenüber wandte sich um und versuchte in den schlechten Lichtverhältnissen etwas auszumachen, als er bereits den Arm um den Hals gelegt bekam und sich in dem Berserkerwürgegriff befand. Dank der brachialen Gewalt dauerte es nur kurz, dann sackte der Mann leblos zusammen. Gewissenhaft reinigte der Waffenmeister die Klinge an dem Ärmel des Toten, ließ sie unter seinem Umhang verschwinden und übergab den Halunken den Wellen.

Mit zügigen Schritten und aufmerksamen Blick machte er sich auf den Weg zu Hicks, der nahe dem Skrill saß, die Beine über der Reling baumeln ließ und die Stimme des Kochs nachahmte. Haakon ergriff ein Seil, was er für diesen Zweck auf dem Boden positioniert hatte und schlang die vorbereitete Schlinge um die dürre Kehle des Hänflings. Noch ehe er begreifen konnte, was ihm angetan wurde, bekam der Junge von ihm einen harten Stoß verpaßt, der ihn in die Tiefe stürzte.

Dagur schoß an seine Seite und starrte mit großen Augen zum Meer, wo Hicks in diesem Moment aufschlug. Er ergriff das Ende der Leine und aus einem Impuls heraus wickelte er es um eins der dornenbesetzten Schilde. Wenn Hicks schon starb, dann stand ihm eine würdige Feuerbestattung in einer Barke zu.

„Das ist dein Plan?“ ächzte er hervor.

Haakon zog ihn ein paar Meter mit sich und legte ihm seinen Arm auf die Schulter. Zusammen schritten sie ans andere Ende des Schiffs, weg von dem Ort des Geschehens.

„Du hast selbst gesagt, du läßt mir freie Hand und willst so wenig wie möglich davon wissen.“ Mit einen breiten Grinsen verkündete er seinen Triumph. „Dein Vater speist sein letztes Mahl. Interesse an einem letzten Plausch, bevor er sich zur ewigen Nachtruhe begibt? Das Gift wirkt sehr langsam. Einschläfernd. Du hättest genug Zeit... Wobei, wenn du klug bist, hältst du dich von seinen Gemächern fern, um nicht den Verdacht auf dich zu ziehen.“

Dagur schüttelte desorientiert den Kopf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Und er wird morgen früh mit Hicks´ Dolch in der Brust aufgefunden?“ Seine Stimme erhob sich kaum über den Wind.

Haakon nickte knapp.

„Ich wünsche dir eine angenehme Nachtruhe. Mach dir schon mal Gedanken um deinen Beinamen, Anführer.“

Damit ließ er ihn stehen und verschwand in sein Refugium. Dagur starrte ihm nach. Sein Zorn hatte sich in Luft aufgelöst, dafür hatten sich die Ereignisse nun überschlagen. Der Haß hatte ihn aufgefressen und ihn skrupelloser werden lassen, als er je von sich gedacht hätte. Links von ihm lief die Lebenszeit seines Vaters ab, während rechts der mutmaßliche leblose Körper von Hicks trieb, den sie taktisch klug erst nach dem Tod ihres Vaters bergen würden.

Hin und her gerissen zwischen tiefer Abscheu und einer seltsamen Art der Verbundenheit kam er zu der Erkenntnis, daß er sich nicht gebührend von seinem Bruder hatte verabschieden können. Ihr Verhältnis hatte sich die letzten Jahre verkompliziert, bis unbändige Wut ein ständiger Begleiter in ihrer Beziehung geworden war. Aber eins war klar, ohne Hicks würde es stinklangweilig werden. Er erinnerte sich, daß er ihm gesagt hatte, daß ohne ihn etwas fehlen würde. Und genauso war es auch. Tief in seinem Inneren wollte er ihn nicht hergeben. Da war ein dunkles, machtgieriges Feuer, was ihn sein nennen wollte.

Dagur rannte los, stürzte an die Reling, bereit das Seil hochzuziehen und Hicks sein erbärmliches Leben zu verlängern, falls das überhaupt noch möglich war. Er starrte nach unten und stellte mit Schrecken fest, daß sich das Tau von dem Schild gelöst hatte. Der Junge war nirgends zu sehen, Das Meer hatte sich Hicks einverleibt. Dagur stolperte einige Schritte rückwärts und starrte an die Stelle, wo sein Bruder zuletzt gesessen hatte und arglos die Beine hatte baumeln lassen.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr und erkannte, daß der Skrill trotz der Dunkelheit noch immer flog und sich sogar höher als sonst in die Lüfte erhob sodaß man seine Unterseite nur schemenhaft sah. Er entschied, daß sich um das Wegschließen des Drachens ein anderer kümmern sollte, dann eilte er rasch unter Deck. Er wollte sich mit anderen Besatzungsmitgliedern umgeben, um sich abzulenken.



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Na, überrascht? Zwischen weiß und schwarz gibt es auch noch (dunkel-)grau! *grins*
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