Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schattenseele - Outtakes

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
07.12.2020
05.06.2021
13
56.315
8
Alle Kapitel
26 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
01.05.2021 3.829
 
Hi zusammen!
Heute habe ich ein Rückblick auf Berk im Petto, den bereits Astrid in Kapitel 50 angerissen hat und an den sich Rotzbakke im Kapitel 52 ebenfalls erinnert. Deshalb bekommt ihr das Outtake diesmal zum großen Teil aus seiner Sicht. =)
Ich wünsche euch viel Spaß damit.
*****



Berk

9 Jahre zuvor…

„Das sollte jedem Angriff widerstehen“, brummte Haudrauf und legte den Hammer beiseite. Kotzbakke stemmte die Hände in die Hüfte und beschaute sich ihr Werk, das sie an diesem Nachmittag geschaffen hatten. Es sah überaus robust und widerstandsfähig aus.

„Rotzbakke, komm runter!“, brüllte er nach seinem Sohn, der sich an diesem stürmisch ungemütlichen Tag in seinem Zimmer verschanzt hatte und Thor weiß was darin tat.

Der gerade sieben Jahre gewordene Nachwuchs lugte aus seinem Zimmer, die Treppe hinunter und spähte zu seinen Eltern, neben denen sein Onkel stand. Seit Stunden hatten sie gehämmert und gesägt, was das Zeug hielt. Der Junge kam die Stufen hinunter und sah die Erwachsenen fragend an. Seine Mutter legte ihm die Hand auf die Schulter und deutete zu dem überaus dickwandigen Verschlag unter dem Aufgang.

„Beim nächsten Drachenüberfall wirst du dort Schutz suchen“, ordnete Haudrauf an und sein Vater nickte in stummer Übereinstimmung.

Fassungslos sah Rotzbakke das Loch an, das sie ihm geschaffen hatten. Er schob sich geduckt rein und beäugte es mißtrauisch. Zwar war es soweit geräumig, daß er drinnen stehen und sich hinlegen konnte und eine mehrfach gesicherte Notklappe für eine Flucht hinaus gab es ebenfalls, aber es erschloß sich ihm nicht, warum er sich wie eine feige Ratte hierein verkriechen sollte. Er schlüpfte heraus und sah in die Gesichter seiner Familie.

„Ich verstehe nicht“, murmelte er und erhoffte sich Antworten.

Kotzbakke nickte ihm gütlich zu. „Ja, es ist einem Jorgenson nicht angemessen, das ist auch meine Meinung, aber es dient ausschließlich deinem Schutz. Haudrauf war der Meinung, wir sollten nichts unversucht lassen, um unsere Linie zu bewahren.“

Genaugenommen war er von seiner Frau und deren Bruder gnadenlos überredet worden, daß dies unabdingbar war. Blöd nur, daß letzterer zudem ihr Anführer war und das letzte Wort hatte. Hausrecht hin oder her, er hatte die Schwester des Häuptlings geheiratet und so sehr er sie auch liebte, der Starrsinn der Haddocks wohnte auch Tyra inne. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann kam man nicht umhin, es ihr zu erfüllen.

„Ich trainiere mit meiner Axt, täglich werde ich besser. Ich muß mich nicht mehr verkriechen“, begehrte der schwarzhaarige Junge auf. Dann realisierte er, was er gesagt hatte und kniff trotzig die Augen zusammen. „Das mußte ich noch nie.“ Entschieden nickte er, um seine Worte zu unterstreichen. „Ich bin ein Jorgenson!“, bekundete er und machte sich unversehens größer.

Seine Mutter strich ihm für diesen kindlichen Heldenmut durchs Haar und lächelte sanft. „Du bist noch so viel mehr. Du bist unsere Zukunft. Deine Zeit wird noch früh genug nahen, in der du kämpfen mußt. Doch dieser Tag ist noch nicht gekommen. Bei einem Gefecht wirst du hier Zuflucht suchen. Verstanden?“

Ihr entschiedener Tonfall ließ kein Widerspruch zu, das hatte der Kleine sofort begriffen.

„Ja, Mutter“, murmelte er und in ihren Schultern löste sich sichtbar die Anspannung, daß sich Rotzbakke fügte.

„Nachdem das geklärt ist“, begann sie, darum bemüht die Stimmung der Anwesenden zu heben, „der Eintopf sollte inzwischen fertig sein. Du bleibst doch noch zum Essen, Haudrauf?“

Knapp nickte dieser. Im Dorf standen keine weiteren Aufgaben an. Ihn würde lediglich eine kalte, einsame Hütte empfangen. Zwar bekam er in diesem Haus ein Leben vorgelebt, wie er es sehnlich vermißte, doch er war dankbar, daß ihm zumindest das geblieben war. Seine Schwester Tyra besaß ein Herz aus Gold und war Valkas erste und beste Freundin auf Berk gewesen. Sie wußte um seinen Schmerz, teilte ihn, und dennoch hatte sie einen Weg gefunden, mit ihrer Trauer abzuschließen. Dafür beneidete er sie zutiefst.

Sein Blick glitt hinüber zu dem Kind, das sich zwar unterordnete, aber nicht glücklich mit seiner kleinen Festung war. Sein Neffe trug die Bürde, die Hicks vorbestimmt gewesen war. Rotzbakkes Ausbildung zum künftigen Oberhaupt teilten sich Kotzbakke und er. Zusammen führten sie ihn seit kurzem sachte aber dennoch zielgerichtet an die Aufgaben heran, die er in ein paar Jahren zu stemmen hatte.

Während Kotzbakke ihn körperlich trainierte, ihn über die Insel hetzte, animierte Jungbäume aus dem Boden zu reißen und Schafe zu stemmen, brachte er ihm die Grundpfeiler der Strategien bei, unterrichtete ihn die Prinzipien, nach denen er lebte sowie regierte, und lehrte sie ihre Geschichte. Man konnte nie früh genug damit anfangen. Wer konnte schon sagen, ob sie den nächsten Tag überlebten? Er mußte zugeben, der Bursche zeigte Talent. Allerdings kam er bei keiner Unterrichtsstunde umhin, an sein Kind zu denken, das nur wenige Monate älter war als dieser Knabe.

Noch immer weigerte er sich, Hicks´ Tod zu akzeptieren, solange er dafür keinen Beweis hatte. Allerdings war der Gedanke, daß sein Sohn irgendwo in der Weite der Welt von Berserkern gefangen gehalten wurde, noch unerträglicher. Ständig schwankte er zwischen verdrängen, erinnern, hoffen und bangen. Wäre er ein normaler Wikinger, dann hätte er sein Leben der Suche nach seinem Sohn verschrieben. Doch er war Anführer über diesen Stamm und die unsichtbaren Fesseln seines Amtes zwangen ihn den Dienst auf dieser Insel für sein Volk zu verrichten. Zwar nahm er sich einmal pro Jahr das Recht heraus, die halbe Flotte für vier Wochen aufs Meer zu jagen, stets unter dem Deckmantel des Trainings, der Erkundung und der Beschaffung von Waren sowie Heilmittel. Insgeheim war die Reise jedoch Mittel zum Zweck, diente sie ausschließlich der Suche nach den Berserkern und dem Verbleib seines Kindes.

Immer wenn er mit Rotzbakke zu tun hatte, malte er sich aus, wie sein Junge das Wissen aufsaugen, das Erlernte auffassen und umsetzen würde. Ein jedes Mal schmerzte ihm das Herz, doch er ließ die Pein nicht über sich siegen. Man müßte ihm das dumme Ding aus der Brust reißen, um diesen einen Funken Hoffnung, Hicks noch einmal wiederzusehen, in ihm zu töten.

Da die Intensität der Drachenangriffe stark schwankte, hatte er dem Wunsch seiner Schwester nachgegeben und sie dabei unterstützt, mit ihrem Mann einen Schutzraum zu bauen. Denn sollte dieser Knirps zu Schaden kommen, könnte das Berk in eine verheerende Krise stürzen. Nicht auszudenken, wenn auch diese Linie ausgelöscht werden würde.

Haudrauf hing diesen Gedanken nach und beteiligte sich wie immer nur spärlich an dem Gespräch. Sie waren nichts anderes von ihm gewöhnt. Nur bei Kotzbakke und Tyra gestattete er sich, ein wenig er selbst zu sein. Sogar vor Grobian hielt er tapfer die Fassade aufrecht, allerdings hatte sein bester Freund ein untrügliches Gespür und schien zu ahnen, wie es tatsächlich um ihn stand. Er rechnete es ihm hoch an, daß er ihn nie darauf ansprach und dennoch immer an Valkas und Hicks´ Gedenktag auf wundersamer Weise an seiner Seite auftauchte, wenn er sich am einsamsten fühlte. Denn spätestens am Abend dieses Jahrtages brachen all diese Erinnerungen und Emotionen unkontrolliert aus ihm heraus und verschlangen ihn mit brutaler Gewalt. Stets stand ihm Grobian in diesen finsteren Stunden bei, ertrug sein Leid, schenkte ihm ein Ohr und stillen Trost. Er war mit Abstand der beste und loyalste Freund, den ein Mann haben konnte.

Kotzbakke lachte auf. Wohl eine Reaktion auf etwas, was Tyra gesagt hatte. Was es war, entzog sich seiner Kenntnis, doch er zog anstandshalber die Mundwinkel hoch. Seit Valkas Tod fiel es ihm schwer, sich an lockerer Konversation zu beteiligen. Zuhören war in Ordnung, aber alles andere war er kaum fähig zu bewältigen und es kostete ihn nicht unerheblich Energie. Wortkarg beschränkte er sich auf zustimmendes Nicken oder kurze Sätze. Ihm fehlte die Begeisterung sich einzubringen. Dennoch lobte er seine Schwester, die ein hervorragendes Mahl gezaubert hatte.

Sie hatten etwa die Hälfte des Essens verspeist, als das Warnhorn erklang. Der Häuptling tauschte mit seinem Schwager ein Blick, dann sprangen sie zeitgleich auf, schnappten sich ihre Äxte und eilten auf die Gasse. Rotzbakke stand auf und aus Reflex eilte er neben seine Mutter. Die schob ihn jedoch umgehend in das neu geschaffene Bauwerk in ihrem Wohnraum.

„Bleib da drinnen, bis es vorbei ist. Ich werde helfen die Vorratslager zu sichern.“

Er bekam einen Kuß auf die Stirn gedrückt und dann schloß sich der Holzverschlag. Er lauschte auf ihre Schritte, hörte, wie sie ihr Schwert von der Wand nahm und als er sicher war, daß sie das Haus verlassen hatte, schob er den Zugang auf. Zögerlich kroch er heraus und richtet sich auf. Für was hielten sie ihn? Ein Baby? Er eilte hinauf in sein Zimmer und bewaffnete sich mit seiner kleinen Axt. Wenn ein Drache es wagen sollte, sein Heim anzugreifen, dann würden sie es mit dem zukünftigen Machthaber von Berk zu tun bekommen. Jawohl!

Draußen nahm das Geschrei zu, Flügelschläge ertönten und das Knistern von Feuer eroberte seine Sinne. Er rannte zu seinem Fenster und lehnte sich weit heraus, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Das Haus stand etwas abseits, aber bot einen guten Blick auf die Gefechte. Die Schmiede wurde von einem Riesenhaften Alptraum angegriffen. Grobian und seine Frau Bertha verteidigten die Arbeitsstätte mit geübten Schwertattacken. Sie verstanden sich mit Blicken, beschützten sich gegenseitig und Rotzbakke kam es wie ein gut einstudierter Tanz vor, den die beiden absolvierten. Der rotgeschuppte Drache hatte keine Chance gegen dieses Powerpaar.

Rechts von ihm eroberten Flammen seine Aufmerksamkeit. Das höher gelegene Haus der Hoffersons erleuchtete die entfernte Gasse in dieser Abendstunde. Eine Horde Schrecklicher Schrecken fegte vom Himmel und stiftete Angst und Grauen. Einer verfolgte gar ein Mädchen, trieb es vor sich her und krallte sich in ihre blaue Tunika. Astrid! Voller Entsetzen mußte Rotzbakke mitverfolgen, wie die grüne Bestie mit ihr abhob.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, hetzte er mit seinem Beil aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und aus dem Haus. Selbst seinen brandneuen Helm mit den Widderhörnern vergaß er in der Hektik. Astrid schlug wild mit ihrem Dolch um sich, während das Mistvieh immer noch den Plan verfolgte, sie in die Luft zu entführen. Dadurch, daß sich seine Beute so sehr wehrte, wurde die Bestie immer wieder hinab gezwungen, bis Astrids Füße für eine Sekunde auf dem Boden aufsetzten.

Erneut hob der Drache ab und einen Wimpernschlag später baumelten ihre Beine einen Meter über dem Boden. Ein gewaltiger Schrei entfloh ihrer Kehle, dem sowohl Angst als auch Angriff innewohnte. Rotzbakke rannte auf sie zu und aus dem Augenwinkel bemerkte er wie Grobian ebenfalls zu einem Spurt ansetzte. Das Mädchen erwischte das grüne Monster mit dem unkoordinierten Gefuchtel ihres Messers am Flügel und ruckartig sackte das Vieh mit ihr ab. Kaum auf der Erde angekommen, nutzte sie ihren sicheren Stand, um sich von den Krallen loszureißen und ihren Dolch mit aller Gewalt, die ihrer schmächtigen Gestalt innewohnte, in die Brust des Schrecklichen Schreckens zu rammen. Ein gräßliches Kreischen erklang, dann sackte das Wesen zusammen.

Gleichzeitig kamen Rotzbakke und der Schmied bei ihr an, während sie mit ihrem Messer weit ausholte und erneut auf die geschuppte Brust einhakte. Tränen liefen ihr über die Wangen, während Grobian nicht lange überlegte, mit seiner linken Hand rasch nach ihrer Waffe langte und sie sich geschickt angelte. Seiner Erfahrenheit – und zugegeben einer Portion Glück – war es geschuldet, daß sie ihm nicht mit ihren unkoordinierten Bewegungen einen seiner zehn Finger abschnitt.

„Er ist tot, Astrid. Du hast ihn erledigt“, sprach er sanft auf sie ein und schob sie entschieden ein Schritt von dem blutüberströmten Wesen fort.

Seine Frau erreichte die drei und sah auf das Mädchen hinunter, das soeben ihren ersten Drachen erlegt hatte.

„Ihr müßt reingehen“, warnte die blonde Wikingerin gedämpft und spähte hinauf in den Himmel, wo sich weitere Drachen näherten. Abwehrend hob sie ihre Waffe höher, um bei einem Angriff gewappnet zu sein und um ihrem Mann den Rücken freihalten zu können. „Hier ist es nicht sicher.“

Ihr Blick kreuzte den ihres Gatten. Mehr Kommunikation benötigten sie nicht. Er wußte, was sie begehrte. Ehe sich Rotzbakke versah, fand er sich dicht am Körper des Schmieds wieder, denn dieser hatte sich kurz entschlossen je ein Kind unter den Arm geklemmt und so schnell ihn seine Beine trugen zu dem Haus der Jorgensons gebracht. Mit dem rechten Fuß trat er die Tür auf und ließ beide ab.

„Bleibt dort drin!“, ordnete er an, dann sah er zu dem Siebenjährigen. „Du paßt auf sie auf, Rotzbakke, verstanden?“

Der Mann wartete keine Reaktion von ihm ab, drückte ihm den blutigen Dolch in die Hand und schloß die Tür. Wie gelähmt stand der Junge da, während das Mädchen ihm gegenüber bebte. Sie war ein paar Monate jünger als er, aber unheimlich begnadet was der Dolch- und Beilwurf anbelangte. Er hatte sie zufällig beim Training beobachtete und vermutete, daß sie in ein paar Jahren eine ausgezeichnete Schildmaid abgeben würde. Aber in diesem Moment war sie lediglich leichenblaß und zittrig, was wohl verständlich war, schließlich wurde man nicht täglich von einem giftgrünen Monster in die Luft entführt.

Hilflos verknotete er die Finger um den Griff des Messers und sah zu der Sechsjährigen herüber. Bisher hatten sie nicht viel miteinander zu tun gehabt, immerhin war sie eine Hofferson und mit denen gab man sich als Jorgenson nicht großartig ab. Zwar war ihm bekannt, daß ihre beiden Väter im Hohen Rat waren und mit dem Oberhaupt seit Jugend an befreundet waren, doch darüber hinaus pflegten diese keinen engeren Kontakt. Das war völlig neues Terrain auf dem er wandelte.

„Hey, willst du dich vielleicht setzen?“ bot er unsicher an und deutete zur Holzbank nah der Feuerstelle in der Mitte des Raums.

Wirr schüttelte sie den Kopf und die blonden Strähnen, die sich während des Kampfes aus ihrem Zopf gelöst hatten, schwirrten wild bei dieser Bewegung um ihr Haupt.

„Ich muß… heim. Meine Eltern suchen sicher nach mir“, murmelte sie und schickte sich an zu gehen. Sofort stellte er sich ihr in den Weg.

„Vergiß es, dein Haus brennt und draußen ist es nicht sicher. Du mußt den Angriff abwarten.“

Unsicher verharrte Astrid. Die Worte benötigten einen Moment, bis sie in ihren Verstand sickerten. Sie preßte ihre Lippen zusammen, bis sie nur noch einem schmalen Spalt glichen und ergab sich widerstrebend.

Rotzbakke sah auf die Waffe in seinen Händen, die voller Rot war und entschied sie zu reinigen. Er schritt in die Küche, ließ etwas Wasser aus einem Krug über die Klinge fließen und wischte es mit einem Leinentuch trocken. Zögerlich näherte er sich dem Mädchen und reichte es ihr mit ausgestrecktem Arm. Sie blinzelte ihn an und wirkte, als würde sie ihn das erste Mal sehen. Sie nahm es entgegen und ließ es an ihren Gürtel verschwinden.

„Danke“, murmelte sie und stand wie festgewurzelt an der Stelle.

„Dein erster erlegter Drache?“ fragte Rotzbakke beiläufig und bemühte sich lässig zu wirken. Allerdings wurde diese Bemühung umgehend von einem lauten Krach zerstört. Offenbar zerlegte eins dieser Mistviecher das Nachbarhaus. Zumindest klang es sehr nah. Astrid hatte sich kleingeduckt und hielt inzwischen das Messer wieder in ihren vibrierenden Händen, bereit sich zu verteidigen.

„Komm“, raunte ihr Rotzbakke zu und zog sie kurzerhand mit sich unter die Treppe. Den Zugang ließ er geöffnet, damit sie etwas von dem Lichtschein der Flammen profitieren konnten.

„Was ist das?“ fragte sie irritiert und schaute sich nach allen Seiten um. In noch keinem Haus hatte sie so etwas gesehen.

Der Junge schürzte seine Lippen, hob sein Kinn und bog seinen Rücken durch, um sich größer zu machen. „Eine Schutzhöhle. Ich bin wichtig, mußt du wissen.“

Sie legte den Kopf schief. „Du nimmst den Mund mächtig voll. Verschluck dich ja nicht dran.“

Das war nicht die Reaktion, die er sich erwartet hatte. Grimmig verschränkte er die Arme vor der Brust.

„Hey, spricht man so mit seinem zukünftigen Anführer? Nach Haudrauf wird die Herrschaft des Stammes auf mich übergehen. Du solltest dich gut mit mir stellen.“

Astrid kniff die Augen zusammen.

„Herrschaft? Ernsthaft?“ hauchte sie hervor und er nickte lächelnd, daß sie endlich begriffen hatte, daß sie es mit einer kommenden Führungspersönlichkeit zu tun hatte.

Sie bohrte ihren spitzen Zeigefinger in seine dunkelrote Tunika, was außerordentlich weh tat. Er konnte sich einen entsprechenden Laut nicht verkneifen und rutschte von ihr weg. Astrid hingegen beugte sich mit einem grimmigen Gesicht zu ihm.

„Solltest du je das Amt antreten, werde ich mir eine andere Insel suchen!“

Miststück, dachte er, eine Hofferson halt! Was wollte man erwarten?

„Etwas mehr Respekt“, fauchte er ihr entgegen. „Ich werde dein Oberhaupt, das ist so sicher, wie der nächste Drachenangriff. In ein paar Jahren, wirst du meinen Befehlen unterstehen und dann wirst du schon sehen, was du davon hast.“

Sie starrte ihn unumwunden an. „Oh, wenn das so ist, dann entschuldige ich mich bei dir, Häuptling-ich-verkriech-mich-unter-den-Stufen.“

Der Schwarzhaarige verschränkte erneut die Arme. Er wußte, auf was sie anspielte.

„Ich bin kein Feigling. Wäre ich sonst rausgerannt, um dich vor dem Schrecklichen Schrecken zu retten? Hättest du ihn nicht umgebracht, hätte ich ihn mit meiner Axt erledigt.“

Ihre blauen Augen weiteten sich.

„Das hättest du getan?“ fragte sie beeindruckt.

Ihre Verblüffung war deutlich zu erkennen und ließ sich nicht verleugnen. Was wohl bedeutete, daß sie aktives Handeln bevorzugte anstatt dahin gesagter Worte. Sie wollte Beweise, wie so viele andere ihm bekannte Wikinger. Nur das was man sah, existierte tatsächlich, eine weit verbreitete Einstellung, die ihm nicht unbekannt war. Ihr Gesichtsausdruck gefiel dem Jungen und er richtete sich größer auf, um heroischer zu wirken. Eine Spur Überheblichkeit schwang in seinem Nicken mit.

„Wir beschützen die Unsrigen“, zitierte er großspurig seinen Onkel – und ergänzte: „Egal wie zickig sie sein mögen.“

Damit hatte er die soeben gewonnenen Sympathiepunkte bei ihr umgehend wieder verspielt. Sie boxte ihm in die Niere und er kippte jammernd zur Seite.

„Wenn du mich beleidigen willst, dann such dir eine andere, oh mutiger Großmaul-möchtegern-Anführer. Du wirst an deinen Taten gemessen, nicht an der heißen Luft, die du zwischen deinen Zähnen hervorquetscht.“

Ächzend rappelte er sich auf und hielt sich seine linke Seite. Sicherheitshalber rutschte er ein großes Stück vor diesem aggressiven Persönchen fort.

„Dein Spott wirst du noch bereuen“, knurrte er. „Ich habe Pläne und werde Berk in eine glorreiche Ära führen.“

Ein brachialer Laut ertönte und noch mehr Rufe ihres Stammes, was sie umgehend daran erinnerte, daß draußen Menschen um ihr Überleben kämpften. Mit einem Mal war ihr Streit vergessen und sie lediglich zwei kleine Kinder, die zusammenzuckten und enger zueinander rutschten, um sich Beistand zu geben. Astrid blinzelte zu ihm rüber.

„Na schön, ich bin neugierig“, gab sie nach, um sich von den schrecklichen Geräusche, die sich um dieses Haus erhoben, abzulenken. „Erzähl, wie unsere Zukunft aussieht.“

Rotzbakke richtete sich auf und bedeutete ihr sitzen zu bleiben. Zwar war es nicht sonderlich klug bei solchen beängstigenden Klängen die sichere Zuflucht zu verlassen und durch das Haus zu rennen, doch er wollte mutig vor ihr wirken. Außerdem war das was er ihr zeigen wollte, oben in seinem Zimmer.

Also verließ er rasch ihren Schutz, sprang die Stufen hinauf, sammelte alles was er brauchte ein und kehrte kurz darauf zurück. Er hatte eine Kerze dabei, ein Säckchen voller Kiesel, ein Pergament und einen Kohlestift. Er grinste breit, als er ihre Verwirrung wahrnahm und kniete sich neben sie. Gewissenhaft breitete er das Papier aus und begann zu malen. Es waren ungelenke Striche, doch hinter seiner Stirn sah er all das gestochen scharf. Er war sich sicher, wenn er nur genug übte, dann würden sich aus diesen Krakeleien irgendwann feine Skizzen ergeben. Eines Tages würde er diese dann seinem Vater vorlegen und wenn er erst einmal kein Kind mehr war, dann würde man ihm zuhören und seinen Ideen Leben einhauchen.

„Eigentlich ist die Lösung völlig simpel.“ Er schob die Kerze etwas zur Seite und der Schein der Flamme tänzelte über ihre Beine. „Wir benötigen Waffen. Jede Menge. Unterschiedliche. Gefährliche. Richtig große. Feuerschalen, die sich in die Luft erheben und die Biester verwirren und uns Licht in der Dunkelheit spenden.“ Während er sprach, deutete er mit seinem Zeigefinger auf die kreativen aber schwer zu entziffernden Kunstwerke. Die Euphorie triefte aus jedem seiner Worte. Astrid wurde bewußt, daß er tatsächlich an das, was er sagte, glaubte.

„Und wo willst du das herbekommen?“ murrte sie knapp und zog ihre Beine an die Brust. Mit den Armen umklammerte sie diese und legte ihr Kinn auf die Knie. Er strahlte sie an, war er doch davon überzeugt, daß dies der Schlüssel zum Erfolg – zum Frieden! – war. Sie war die erste, der er seine Zeichnung zeigte. Selbst Taffnuss hatte er sie noch nicht offeriert, weil er Angst hatte, er könne seine Ideen klauen und als seine hinstellen. Warum er zu dieser Göre Vertrauen hatte, wußte er nicht. Wahrscheinlich wäre dies zu viel gesagt, wollte er sie schließlich überzeugen, was in ihm steckte. Ein Anführer brauchte ein Gefolge. Sie könnte die erste sein, redete er sich ein.

„Ich werde das alles erfinden und dann werden wir damit eine jede Bestie vernichten.“

Er drehte das Pergament um und zeigte ihr die Umrisse ihrer Insel, die er gemalt hatte. Das Dorf hatte er mit einem Kreis und einem X gekennzeichnet. Rotzbakke öffnete den kleinen Beutel und stapelte die Kiesel darauf, die ihre Abwehrtürme darstellten.

„Aber das ist noch nicht alles. Wir brauchen höhere Wachposten, Katapulte mit größerer Reichweite und eine Superwaffe, gegen die diese Monster keine Chance haben werden.“

Er hatte Haudrauf sehr gut zugehört, während dieser ihm die Verteidigungsstrategien von Berk näher brachte. Dabei waren die Ideen nur so in ihm gesprudelt. Er baute Wälle um das Dorf und legte Stein um Stein auf die Insel. Er markierte unzählige Fallen mit hellen Grau und  Abwehrformationen mit dunkeln. Von sich und seinem Vortrag restlos begeistert, blickte er von seinem gut gesicherten Schlachtfeld hoch, hinüber zu seinem Gast.

Mit offenem Mund hatte das Mädchen ihm gelauscht und besah sich das eindrucksvolle Werk. Daß sich so viel hinter dessen Stirn abspielte, hätte sie dem Kerl nicht zugetraut. Bisher war er ihr immer nur aufgefallen, daß er wie sein Vater arrogant über den Dorfplatz watschelte, von sich selbst eingenommen wirkte und wann immer es ihm in den Sinn kam, Fischbein schikanierte, wenn dieser alleine unterwegs war. Zumindest hatte ihr blonder Freund ihr dies im Vertrauen gebeichtet, während sie durch den Wald gezogen waren und sie ihm beibrachte, wie man ein Beil richtig hielt.

„Waffenerfinder“, murmelte sie.

Astrid grübelte über die Bedeutung und die Auswirkungen, die das auf das Dorf haben könnte. Seine Worte fanden Nährboden in ihrem Inneren, denn mehr Waffen bedeutete Überlegenheit über diese grausamen Wesen, die ihre Welt regelmäßig erschütterten und vernichten wollten. Ihr Volk könnte einen Sieg erringen und die Insel Frieden finden. Eine herrliche Vorstellung, endlich keine Angst mehr zu haben. Ein kleines Lächeln eroberte ihre Gesichtszüge und Rotzbakke kam nicht umhin festzustellen, daß sie damit schön aussah. Na ja, für eine Hofferson.

„Ich finde, das klingt gut“, gestand sie offenherzig und berührte mit den Fingerspitzen einen flachen Stein, der ein Katapult darstellen sollte. Sie sah auf und ihre blauen Augen suchten die seinen.

„Erzähl mir mehr.“



*****
Nun wißt ihr auch um die Anfänge dieser speziellen Beziehung.
Ich hoffe, der kleine Flashback hat euch gefallen. ;)
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast