Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schattenseele - Outtakes

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
07.12.2020
14.05.2021
12
49.670
8
Alle Kapitel
25 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
20.04.2021 3.421
 
Hey!
Ich hab hier noch ein Nachzügler-Outtake, das erst bei meiner Beta und dann bei mir liegen geblieben ist. Sry!
Es gehört zu Kapitel 44 / Kapitel 45.
Viel Spaß damit!
*****



Ohnezahn POV

Ohnezahn trottete um den See und hakte gedanklich das Abendprozedere ab. Er hatte geschlafen bis zum Sonnenuntergang, sich ein paar Fische geschnappt und verspeist, die Schuppenpflege war auch erledigt. Dennoch juckte ihn etwas am Rücken. Er versuchte Mithilfe eines Baumstamms an die Stelle zu gelangen, aber das funktionierte nicht, also warf er sich auf den Rücken und wälzte sich so lange, bis das nervige Kribbeln verschwand.

Murrend setzte er seinen Spaziergang fort. Er kannte inzwischen jede Ritze dieses Areals und langsam ödete ihn die Monotonie an. Ein sehnsuchtsvoller Blick ging gen Himmel. Die Sterne erschienen bereits, aber von Hicks war nichts zu sehen. Der Junge kam für gewöhnlich mit Einbruch der Dunkelheit.

Wenn ihm was passiert war, würde er an diesem einsamen Platz verenden, das war ihm schon länger klar. Mal abgesehen, daß die Fischpopulation im See spürbar nachließ. Er versuchte sich zu zügeln, aber lange ging das nicht mehr gut. Irgendwie mußte er Hicks auf diesen Mißstand aufmerksam machen. Immerhin funktionierte die Behelfsflosse und auf den Ausflügen würde er auf dem Meer jagen können. Wieder einmal wurde ihm klar, wie sehr er auf den Kleinen angewiesen war.

Inzwischen hatte er sich mit der neuen Situation arrangiert. Es war nicht das Optimum, aber er bemerkte Hicks´ Bemühungen und die daraus erfolgten Resultate, dennoch verspürte er den Drang mal was anderes als die paar Meter in diesem Steinloch zu sehen, das wohl der sicherste Platz für ihn auf Berk darstellte. Er erinnerte sich, daß Hicks ihm im Zuge einer seiner Monologe erklärt hatte, daß diese ganze Insel mit Drachenfallen gespickt war. Nein, danke, eine verkrüppelte Flosse langte ihm vollkommen. Dann doch lieber dieses sichere Eckchen, in das sich außer Hicks keiner herverirrte. Ok, und einmal Astrid. Er hielt in dem Gedanken inne. Hatte sie ihre Finger im Spiel und hielt Hicks von ihm fern? Der Drache schüttelte seinen Kopf. Nein, der Junge hatte ihm mehr als einmal zugesichert, daß er ihn nicht hängen lassen würde. Das würde auch das Mädchen nicht ändern können. Er vertraute seinem Freund.

Ohnezahn hielt seine Schritte an. Wann war das denn passiert? Jahrelang hatte er pures Mißtrauen gelebt, war nur sich selbst verpflichtet gewesen und nun dachte er in diesem Maße über einen Zweibeiner. Vertrauen und Freund wären bis vor kurzem die allerletzten Bezeichnungen gewesen, die er über Menschen formuliert hätte. Jetzt, nach all der Zeit, war dies in seinem Inneren manifestiert. Er fühlte einen nicht unerheblichen Drang, den Kleinen zu beschützen.

Was geschah nur mit ihm? Wo war der Einzelgänger hinverschwunden? Er war kein Rudeltier! Oder doch? Viel zu lange war er auf sich allein gestellt gewesen, hatte vergessen wie es war, wie man in einer Gemeinschaft agierte. Dieser Junge hatte ihm das und noch so viel mehr zurückgegeben. Obwohl ihn diese Erkenntnis ein Stück beunruhigte, fühlte er sich dadurch ein Stück lebendiger.

Er hörte Schritte im Unterholz und wich eilig hinter einen Busch zurück. Zwar war es finster am See und seine schwarzen Schuppen gaben ihm einen guten Sichtschutz, dennoch ging er lieber auf Nummer sicher. Hicks schob sich über die Steinkante und begann den Abstieg. Direkt hinter ihm kletterte Astrid nach unten, was dann wohl doppelter Besuch bedeutete. Ohnezahn wagte sich aus seinem Versteck und beobachtete beide genau.

Hicks´ Miene war blaß und starr. Die grünen Augen schimmerten voller Nässe, die auch an seinen Wangen haftete. Etwas war passiert, soviel stand fest. Der Junge näherte sich seiner Konstruktion und schickte sich an, daran weiterarbeiten zu wollen. Um es ihm möglich zu machen, schoß er Plasma auf ein paar Felsen, damit das Areal erleuchtet wurde.

Sein Blick flog zu der Blondine und er versuchte zu erkunden, ob sie hinter seinem Zustand steckte. Hatten sie wieder gestritten oder sie ihm gar weh getan? Hinter Hicks´ Rücken schob er sich ihr in den Weg und musterte sie eingehend. Mit beruhigenden Bewegungen wich sie zwei Schritte zurück, holte betont langsam ihre Axt hinter ihrem Rücken hervor und lehnte ihre Waffe an einen kleinen Felsen. Immerhin war sie lernfähig und hielt sich an die ihr auferlegten Benimmregeln in seinem Areal. Das rechnete er ihr hoch an. Deutlich besänftigter wich er zurück zu Hicks, der ein Sammelsurium an Einzelteilen auf dem Boden ausgekippt hatte.

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie Astrid mit etwas Abstand zu ihnen stehen blieb. Sie verhielt sich still und ließ ihn seine Arbeit verrichten. Ohnezahn wußte zwar nicht, was hier gespielt wurde, aber er nahm die Spannung in der Luft wahr, die unsichtbar zwischen diesen beiden Menschen herrschte.

Langsam näherte er sich seinem Freund, dessen Finger bebten und Tränen über seine Wange liefen. Grob wischte er sich mit dem Ärmel über das Gesicht und arbeitete dann weiter. Um ihm zu zeigen, daß er ihm beistand, tapste er etwas näher und auch die Einzelteile schob er ihm mit der Pfote zu. Für gewöhnlich bekam er für eine solche Geste einen Dank gemurmelt, doch heute blieben seine Lippen stumm. Er wiederholte es mit einem winzigen Metallteil, doch Hicks´ Stimme erklang nicht. Statt dessen nahm der Strom über sein Gesicht zu.

Sein Blick flog über den Kleinen. Er war nicht verletzt, aber er roch streng. Schnuppernd kam er näher und dann fielen ihm die roten Brandblasen an der Hand auf. Also hatte er doch Schaden genommen. Hicks streckte sich an ihm vorbei und blätterte sein Buch eine Seite weiter, dabei streifte er seine Pfote. Seelenschmerz überschwemmte den Drachen. Da war in dieser flüchtigen Berührung eine solche Last aus Kummer, Leid und Verzweiflung, daß er einen Schritt zurückwich.

Hicks beseitigte einmal mehr die Nässe aus dem Gesicht und arbeitete weiter. Aus dem Augenwinkel nahm der Nachtschatten wahr, wie Astrid auf die Knie sank und sich auf ihre Fersen setzte.

„Es war nicht deine Schuld“, murmelte sie so leise, daß es selbst die sehr sensiblen Drachenohren um ein Haar nicht vernommen hätten.

Grummelnd brachte Ohnezahn etwas Abstand zwischen sich und die beiden Menschen. Er wollte endlich wissen, was los war. Warum redeten die zwei nicht miteinander? Warum informierte ihn keiner? Beide machten ein Gesicht als sei jemand gestorben. Er hob den Kopf eine Spur höher, als er begriff, daß er damit einen Treffer gelandet haben könnte. Ein gequältes Seufzen drang aus Hicks´ Richtung an sein Ohr und jetzt bemerkte er auch an Astrid diesen beißenden Geruch. Er hatte die Erinnerung an den Gestank verdrängt, doch nun war er wieder im Kerker und roch die Hinterlassenschaften, in denen er und seinesgleichen weggesperrt worden war.

Er war erneut dort, in dieser winzigen Zelle und hörte das Wimmern des Gronckelmädchen, das Schimpfen der Nadderdame und das Zetern der Spalthälse. Ab und zu hatte sich ein Schrecklicher Schrecken zu Wort gemeldet, doch dessen Stimme war stets übertönt worden. Und da war noch ein weiterer Gefangener gewesen, deren Präsenz er zwar wahrgenommen hatte, der sich aber nicht an dem ständigen Wehklagen der anderen hatte beteiligen wollen. Genaugenommen hatte sich dieser auffällig ruhig verhalten und nur gelegentlich ein gereiztes Schnauben von sich gegeben. Aber würde Hicks tatsächlich auch sie befreien wollen? Hoffentlich hatte er nicht vor, sie alle bei ihm einzuquartieren. Der See gab nicht mehr so viel Fisch her.

Hicks´ Arbeit endete und er starrte die Konstruktion an, während Ohnezahn auf seinen gekrümmten, bebenden Körper blickte. Seine Finger zitterten und gedanklich verabschiedete er sich von dem Wunsch, sich in die Lüfte zu erheben. Das würde ein Flug ohne Rückkehr geben. Da machte er nicht mit. Er war nicht gewillt, bei einer Bruchlandung eine weitere Schwinge einzubüßen.

Als könne sein Freund Gedanken lesen, verstaute er die Konstruktion und versteckte sie hinter ein paar Zweigen. Gute Entscheidung, lobte Ohnezahn gurrend. Das war besser für alle. Ehe er sich versah, schlangen sich die dünnen Arme um seinen Hals und schmiegte den Kopf an seine Seite. Verdutzt stand er da und versuchte dem Gefühlschaos, das ihn überflutete, Herr zu werden. Die Pein tobte unvermindert in dem dürren Leib und er spürte die allumfassende Trauer sowie immensen Verlust. Spätestens jetzt wußte er, daß er richtig geraten hatte. Blieb die Frage, wen es erwischt hatte.

Früher hätte es ihn kalt gelassen, aber dank Hicks hatte er sein Mitgefühl für andere Wesen zurückerlangt und so sehr er sich dagegen sträubte, wenn es dem Jungen nicht gut ging, dann übertrug es sich auf ihn. Er senkte seinen Schädel und legte ihn sanft auf die Schulter des Kleinen, um ihm zu zeigen, daß er nicht alleine war.

Seine Lider schlossen sich, während er sich darauf konzentrierte ihm zu vermitteln, wie er empfand. Zwar konnte er keine Worte formulieren, die der Mensch verstand, aber vielleicht klappte es auf der Ebene der Emotionen. Also strengte er sich an, ihm Zuversicht und Trost zu spenden. Verlust lauerte an jeder Ecke in dieser Welt. Sein Freund mußte einen Weg finden, damit klarzukommen. Er war überzeugt, der Winzling konnte das bewältigen.

Für einen Moment glaubte er, den Wall der Trostlosigkeit durchbrechen zu können, doch dann kam die nächste Welle der Verzweiflung und machte seine Bemühungen dem Erdboden gleich. Hicks löste sich von ihm und schlurfte, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, zum See und sackte auf einem Fels zusammen. Ohnezahn folgte ihm und rollte sich neben ihm ein. Er würde so lange an seiner Seite ausharren, bis er bereit war, ihm zu erzählen, was ihn quälte.

Zu seiner Verwunderung gab auch Astrid nicht auf. Zögerlich näherte sich das Mädchen  und setzte sich zu ihm auf den Fels. Anstatt das Wort zu ergreifen, schwieg auch sie.

„Es ist nicht deine Schuld“, wiederholte Astrid irgendwann die zuvor gewählten Worte und nahm seine unbeschadete Hand in die ihre.

„Astrid… Bi… Bitte, laß gut sein“, wehrte sich Hicks und entzog ihr seine Finger.

Sie gab trotz dieser eindeutigen Abweisung nicht auf. Ausdauer schien sie auf jeden Fall zu haben, mutmaßte Ohnezahn.

„Es ist nicht der erste Drache, der auf Berk gestorben ist, sehr wahrscheinlich auch nicht der letzte“, gab sie zu bedenken.

Ok, das war nicht das was er sich gewünscht hatte zu hören. Ein leises Schnauben drang aus seinen Nüstern.

„Nicht, wenn ich es verhindern kann“, brach es aus Hicks hervor. „Das muß enden.“

Das war eine viel bessere Einstellung, jubelte der Drache lautlos. Weiter so, feuerte er ihn still mit Blicken an. Natürlich ging die Blondine nicht darauf ein. Warum auch? Ihr Beil war geschärft und blutdurstig.

„Warum nimmt dich sein Tod so sehr mit?“

Ohnezahn spitzte die Ohren und gab sich Mühe, nicht zu auffällig zu lauschen.

„Fischbein fordert einen Beweis für meine Worte“, flüsterte er hervor, ließ seine Arme kraftlos herabsinken und starrte auf den See. „Mein Plan war gewesen, ihm anhand des Schrecklichen Schreckens dessen Zutraulichkeit zu demonstrieren.“

Fischbein… Der Name sagte ihm nichts. Warum hatte er ihm noch nicht von ihm erzählt? Er wußte von einem Schmied namens Grobian, der es laut dem Jungen gut mit ihm meinte. Von Gothi, einer Heilerin, für die er Kräuter pflückte und weshalb sich die Ankunft in der Bucht meist verzögerte und ihm war Rotzbakke bekannt, über den er sich mehr als einmal aufgeregt hatte.

Zurück zur Analyse, forderte sich der Drache auf. Es hatte also offensichtlich den quasselnden Schrecken mit der leisen Stimme erwischt. Aber was meinte er mit Zutraulichkeit? Diese Sorte waren sprunghafte, freche Draufgänger, die sich selbst überschätzten. Ach, und gefräßig waren sie obendrein. Die konnten Fisch in rauhen Mengen verdrücken. Das sah man den kleinen Biestern gar nicht an.

„Was ist mit Ohnezahn?“ riß ihn Astrid aus den Gedanken. Mißtrauisch beäugte er das Mädchen. Für Zutraulichkeit war er wohl eher ungeeignet.

Hicks schüttelte den Kopf.

„Nein, dieser Ort ist unser Geheimnis und ich bin nicht bereit es mit ihm oder sonst wem zu teilen. Ich kann nicht jeden Tag jemanden anderes herschleppen. Ohnezahn ist keine Attraktion oder so was.“

Ha, nimm das, Weib, feierte der Drache die Antwort seines Lieblingsmenschen.

„Dann bleibt nur noch der Riesenhafte Alptraum.“

Langsam zweifelte er an dem Verstand dieser Dame. Ein solcher Drache eignete sich noch weniger für eine solche Demonstration als ein Nachtschatten. Hatte sie denn gar keine Ahnung von seiner Art?

„Ja“, seufzte Hicks sarkastisch, „sofern du ihn nicht als beste Rekrutin demnächst abmurkst.“

Das Aufknurren geschah quasi automatisch. Also wußte Hicks inzwischen von ihrer gewalttätigen Ader und tolerierte sie dennoch an seiner Seite? Diese wenigen Worte hatten ausgereicht, um die Wut gegen diese Maid komplett neu zu entfachen.

„Das meint er nicht so“, gab sich Astrid Mühe, ihn rasch zu besänftigen, dafür schlug sie Hicks auf den Unterarm. „Könntest du aufhören, deinen Drachen nervös zu machen?“ brauste sie auf.

Fassungslos beobachtete Ohnezahn, wie Hicks sich bei ihr entschuldigte. Dabei war sie grob geworden. War er der einzige, der verzeihende Worte aus ihrem Mund hören wollte? Erneut verstand er nicht, warum sich der Kleine nicht wehrte. Am liebsten hätte er die Wikingerin gepackt und ihr noch mal einen Rundflug über diese Insel spendiert. Sein Blick mußte eindeutig sein, denn sie hob beschwichtigend die Hände, dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder Hicks.

„Wie geht es deiner Hand?“ durchbrach sie die Stille.

Hicks zuckte mit der Schulter und besah sie sich. Die Wunde wirkte nicht wie von einem Schrecklichen Schrecken. Ihre Feuerkraft war zwar nicht zu unterschätzen, aber sie waren nicht sonderlich zielsicher und an Hicks´ Hand war nicht viel dran. Weshalb sollten sie diese Stelle attackieren? Es sah aus wie eine Verletzung durch heißen Dampf. Plötzlich begriff er. Echt jetzt? Er hatte sich mit einem Riesenhaften Alptraum angelegt?

„Sie wird es überleben. Wie der Rest von mir auch.“

Tapferes Kerlchen, zollte ihm Ohnezahn sein Respekt. Hicks´ Tag mußte erheblich aufregender gewesen sein, als der seine. Ein wenig wurde er von seinem Wagemut angesteckt. Lange genug hatte er sich vor anderen versteckt, war allem und jedem aus dem Weg gegangen, aber Hicks hatte in ihm Neugier und Spaß am Leben geweckt. Welchen Wert hatte ein solches, wenn man nichts erlebte?

„Wo hast du die Salbe? In deiner Tasche?“ fragte Astrid und begann in seinem Beutel zu wühlen.

Hicks zog die Augenbrauen hoch. „Schon mal was von Privatsphäre gehört?“ brummte er.

Sie holte ein steinernes Etwas hervor.

„Hör auf zu murren und gib mir deine Hand.“

Resigniert reichte ihr Hicks die geforderte. Sie tupfte die Paste auf seine geschundenen, roten Stellen und rieb sie sanft ein. Neben ihm schmolz Hicks mit geschlossenen Lidern förmlich dahin. Was auch immer Astrid da gerade machte, es tat ihm gut. Wenn der Junge sich entspannte, dann konnte er es wohl auch. Der Drache schloß die Augen und kratzte sich hinterm Ohr. Die beiden verfielen in ein Frage-Antwort-Spiel, während er sich streckte. Ehe er sich versah, veränderte sich die Lage auch schon wieder.

„Was soll mit ihm sein?“ fragte Hicks mißtrauisch. „An den komme ich nicht dran.“

Still beobachtete er die beiden Menschen. Die Atmosphäre zwischen ihnen war so schnell gekippt, daß er kaum noch hinterher kam. Diese Zweibeiner waren unglaublich komplex. Zu allem Überfluß zupfte Astrid an Hicks´ Hemd.

„Zieh es aus.“

Mit zusammengepreßten Lippen und geweiteten Augen schüttelte er seinen Kopf, was Astrid dazu aufrief, ihm näher zu rutschen.

„Hicks, vor was fürchtest du dich? Die Lichtverhältnisse sind bescheiden und außerdem habe ich das alles bereits gesehen.“

„Du… Du hättest es nie zu Gesicht bekommen dürfen.“

Aber nackt vor einem Drachen in den See hüpfen, das war ok? Ohnezahn verstand nicht, warum Hicks mit zweierlei Maß rechnete. Vor ihm hatte er nicht so viel Scham an den Tag gelegt. Ja, die Wunden waren zahlreich und bedeckten seinen Körper, aber wie er hatte der Junge das alles überstanden und war noch unter den Lebenden. Ohnezahn fand, daß das mit das Wichtigste war. Er lebte im Jetzt und wollte das Beste daraus machen.

„Ich dachte, wir sind bereits einen Schritt weiter“, beharrte Astrid und rückte Hicks noch ein Stück näher auf die Pelle.

„Es kostet mich genug Überwindung, wenn du die Male an meinem Hals oder am Arm berührst.“ Er schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich weder dir noch mir zumuten.“

„Vertrau mir“, wisperte Astrid. „Leg dich auf den Bauch“, forderte sie leise und übte behutsamen Druck auf ihn aus, damit er ihrem Wunsch nachkam.

Langsam glitt der Junge von dem Stein Richtung Gras und sah sie mit bangem Blick im Grün sitzend an. Sie folgte ihm und befreite ihn von seinem Fell. Lauernd beobachtete Ohnezahn die Interaktion der beiden. In Hicks´ Blick spiegelte sich Panik, sein Atem war seltsam abgehackt und dennoch unterwarf er sich ihr mit wild pochendem Herzschlag. Ein tauber Drache hätte das mit Leichtigkeit hören können. Er rechnete mit dem Schlimmsten und war bereit umgehend einzuschreiten, sollte Astrid eine Dummheit machen, die seinen Freund verletzte. Er mußte nur einen Ton sagen oder falsch blinzeln, dann würde er ihr eins mit seiner Flosse überziehen und sie von ihm fort schleudern.

Widerstandslos ließ Hicks sich auf den Bauch dirigieren, setzte ihren Händen nichts entgegen, die ihn dorthin trieben wo er nicht sein wollte. Seine Finger verkrampften sich neben seinem Leib, als sie sein Hemd hochschob und sie eine Prozedur begann, die weit über das hinaus ging, was der Bursche ertragen konnte. Der Nachtschatten konnte das Leid riechen, was über ihn kam. Es triefte aus einer jeden Pore des dünnen, drangsalierten Körpers, während er ihre Folter starr auf den Waldboden liegend, das Gesicht im Erdboden vergraben, ertrug.

Er wußte nichts über menschliche Rituale, aber dieses behagte ihm nicht. Weshalb ließ sich sein Freund darauf ein? Ihre Fingerspitzen zogen Kreise auf seiner zerschundenen Haut, die zwar verheilt und doch anfällig für Schmerz sein mußte. Seine Schulter begann zu zittern. Es war nicht viel und dennoch fiel es dem aufmerksamen Drachen auf. Hicks´ Herzschlag stolperte, wurde immer schneller, bis er regelrecht raste und stand schließlich vorm Kollaps. Ohnezahns Sorgen nahmen ein ungekanntes Ausmaß an. Konnte ein Herz zerspringen?

Und dann zerriß ein erschütterndes Schluchzen die Nachtluft, was sie endlich in ihrer Quälerei inne halten ließ.

„Hicks?“ wisperte sie und zu seiner Überraschung klang sie besorgt.

Angestrengt lauschte er auf Hicks´ Reaktion, die nicht kam. Still blieb er liegen, nur sein abgehackter Atem, der in das Gras gepreßt wurde, drang an seine Ohren. Astrid zog das Hemd herunter, legte sich an seine Seite und schlang ihren Arm über seinen Rücken. Ihr Gesicht vergrub sie in sein Haar.

„Es ist in Ordnung, Hicks“, flüsterte Astrid. „Ich bin für dich da.“

Der Drache beäugte das ungleiche Paar, das vor ihm lag und hörte die leisen Tropfen, die auf die Erde aufschlugen und unentdeckt versickerten. Sie ließ nicht von Hicks ab, während er da lag und seinem Kummer nichts entgegenzusetzen hatte. Ihre Hand strich immer wieder über seinen Rücken, liebkoste regelrecht den grünen Stoff seiner Tunika und irgendwann erschlaffte die Gestalt des Kleinen. Nur das gleichmäßige Atmen verriet, daß er noch am Leben war. Astrid wurde nicht müde, ihn zu streicheln und als der Mond die höchste Stelle passiert hatte, setzte sie sich auf. Ihre Finger verirrten sich in sein wirres Haar und ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen.

„So weich. So stark“, murmelte sie hingerissen.

Mit einem Schnauben rief sich Ohnezahn in ihre Erinnerung zurück. In der Dunkelheit war er für sie nur schemenhaft zu erkennen.

„Ich weiß, du hast nicht viel für mich übrig, Drache. Dennoch habe ich eine Bitte“, flüstere Astrid und berührte ein letztes Mal Hicks´ Haar. „Beschütz ihn, in meiner Abwesenheit.“

Sie stand auf und tastete sich in der Finsternis vorwärts. Ohnezahn  wandte sich zu ihr um und um es ihr einfacher zu machen, schoß er auf einen Felsen sein Plasma. Ein zartes Glühen erhellte ihr den Weg. Verwundert blieb sie stehen. Vielleicht sah sie es als Angriff statt als Hilfe. So genau konnte er ihre Gesichtszüge nicht deuteten. Sie wandte sich ganz zu ihm um.

„Danke“, murmelte sie.

Das kleine Wort schien sie zu verwirren, denn sie schüttelte ihren Kopf, beschleunigte ihre Schritte, schnappte sich ihre Axt und begann den Aufstieg, der sie aus seinem angestammten Areal führte.

Ohnezahn blickte ihr nach, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwand. Er wußte nicht, was er von ihr halten sollte. Langsam trottete er zurück zu dem Jungen, der inzwischen zusammengerollt im Grünen lag. Behutsam schob sich der Nachtschatten an den schlafenden Burschen, schlang seine Pfoten vorsichtig um ihn, wie er es sich von Astrid abgeschaut hatte,  und deckte ihn mit seinen Schwingen zu, damit er nicht fror.



*****
Ist es nicht spannend, wie sich Ohnezahn immer mehr zu einem Beschützer wandelt? Mir hat es unheimlich viel Spaß gemacht, die Szene aus seiner Sicht zu beleuchten und in seine Gedanken sowie Motive einzutauchen. Jetzt bin ich auf eure Meinung gespannt.
=)
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast