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Schattenseele - Outtakes

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
07.12.2020
01.05.2021
11
46.532
8
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
07.12.2020 8.164
 
Hi!

Wie in der Beschreibung bereits erwähnt, poste ich hier Bonuskapitel, die nur eine Ergänzung zur eigentlichen Geschichte darstellen.  Diese Kapitel machen also nur Sinn, wenn ihr die Hauptstory Schattenseele gelesen habt!


Der Anfang macht das Gespräch, an das sich Hicks im 1. Kapitel erinnert, was er aber nur zu einem Bruchteil mitbekommen hat. Und, zugegeben, es ist einiges drum herum dazu gekommen.
Ich verteil lieber gleich am Anfang die Schokorationen, denn bei den Berserkern, Dagur, sowie einer etwas spezielle Vater-Sohn-Beziehung kann man die gebrauchen.
******



„Das werdet ihr bereuen!“, schrie ihr Gegenüber voller Trotz und ballte seine Hände neben der Hüfte zu Fäusten.

Haakon gab einen amüsierten Laut von sich und wurde kurz darauf von Dagurs schrillem Lachen übertönt. Der dünne, brünette Kerl vor ihnen unterdrückte so gut es ging seinen Zorn und dennoch war er nicht in der Lage ihn zu bändigen.

„Mutige Worte, wenn man bedenkt, daß das ewige Meer auf dich wartet. Ich mag Gegenwehr“, raunte Dagur und schlenderte näher zu dem Mann, dessen Hände bei genauerem Hinschauen zitterte. Er erinnerte ihn an Hicks. Wobei… Dieses erbärmliche Stück Fleisch vor ihm hatte mehr Schiß in der Hose als Ehrgefühl. Da hatte Hicks erheblich mehr Stolz zu bieten, als dieses kümmerliche Exemplar. Er tauschte mit seinem besten Freund einen Blick aus, der keiner weiteren Worte bedurfte. Haakon reichte ihm einen Dolch, den Dagur ergriff und auf den Kapitän zuschritt.

„Mein kleiner Bruder hat eine ähnlich spitze Zunge wie du. Ein Wunder, daß ich sie ihm noch nicht abgeschnitten habe.“ Er zuckte lässig mit der Schulter. „Mein Vater hat einen Narren an ihm gefressen. Ich schätze, er hätte was dagegen.“

Er erreichte den Mann, der das Beben in seinem Körper nun nicht mehr unterdrücken konnte. Ob aus Wut oder Angst, konnte Dagur nicht deuten.

„Und du willst ein solches Schiff befehligen?“

Verspielt schwang er den Dolch vor dessen blasser Nase, nur um ihn in einer schnellen Geste in seinen Oberarm zu rammen und ruckartig rauszuzerren. Der Mann keuchte laut auf und preßte seine Hand auf die Wunde.

„Ich sag dir, was du bist“, knurrte Dagur und baute sich bedrohlich vor dem Tunichtgut auf. „Du bist ein jämmerlicher Feigling, der mit den falschen Leuten Geschäfte betreibt. Falscher Ort, falsche Zeit, das Glück hat dich verlassen.“

Ehe sich sein Gegenüber versah, bekam er in den anderen Arm den Dolch gerammt. Der Kerl schrie auf und verwandelte sich in ein Häufchen Elend. Genervt ließ Dagur von ihm ab und machte eine herablassende Handbewegung in seine Richtung.

„Ernsthaft, du bist langweilig. Da ist kein Feuer. Keine wahre Gegenwehr. Du kannst noch nicht mal richtig betteln. Ich sollte dir meinen muskulös zurückgebliebenen Bruder vorstellen. Er könnte dir einiges beibringen.“

Dagur warf Haakon seinen Dolch zu, der die Szene an die Reling gelehnt verfolgt hatte und seine Waffe mühelos fing.

„Er widert mich an. Fällt dir noch was ein, was man mit ihm anstellen könnte?“

Der Waffenmeister verzog seinen Mund zu einem unheilvollen Grinsen und setzte sich in Bewegung. Er schritt auf das wimmernde Etwas zu, dessen Augen voller Furcht auf den Dreißigjährigen gerichtet waren.

„Gnade“, stieß er hervor.

Haakon stieß ihm den Ellenbogen in den Magen und mit einer pfeilschnellen Bewegung rammte er ihm das Messer durch den Mund, um ihm die Zunge abzuschneiden. Ein kläglicher Laut entwich dem roten Schlund, während der Mann auf die Knie fiel. Dagur lachte auf und schüttelte seinen Kopf.

„Du schaffst es jedes Mal, meine Stimmung zu heben. Das muß man dir lassen, mein Freund.“ Dagur wandte sich ab und rief über die Schulter. „Werf ihn über Bord, zum Rest seines Gesindels.“

Mit einem kräftigen Stoß setzte der Berserker die Anweisung um und beförderte das blutspuckende Elend über die Reling. Achtlos ließ er den beschmutzten Dolch fallen. Seine Männer würden sich darum kümmern, die Waffen aufzusammeln und zu reinigen. Er machte sich zu dem Lagerraum auf, um die Bestände unter Augenschein zu nehmen. Als der Waffenmeister sich einen Überblick verschafft hatte, wies er an, in welcher Reihenfolge die Güter an Deck geschafft werden sollten und welches Schiff ihrer Flotte in den Genuß der erbeuteten Sachen kommen sollten. Mit lauten Rufen, die von Schiff zu Schiff hallten, formierte sich die Flotte neu. Es war eine Routine, die sie bereits unzählige Male durchgeführt hatten. Das Flaggschiff fuhr direkt neben ihnen und würde die erste Fuhre an Bord nehmen.

*****


Hicks hatte das Gefecht aus Oswalds Räumlichkeiten verfolgt. Wie immer waren die Berserker brachial vorgegangen und hatten ihren Widersachern keine Chance gelassen. Den Kapitän hatten sich Haakon und Dagur als letzten Verbliebenen dieser Mannschaft aufgehoben, übel zugerichtet und den Aalen zum Fraß vorgeworfen. Er hoffte, daß ihr Blutdurst für den heutigen Tag gestillt war und sie nicht am Abend zusätzlich über ihn herfielen, um ein Stück aus ihm herauszuschneiden.

Träge verließ er seinen Ausguck, durchschritt die sicheren Gemächer seines Vaters und positionierte sich mit gesenktem Haupt neben der Tür, wie es von ihm erwartet wurde. Es dauerte nicht lange, dann wurde sie geöffnet. Oswald betrat den Raum und nahm den Helm ab. Seine große, drahtige Gestalt trug wie immer die Berserkerrüstung, die wie eine zweite Haut an seinem Oberkörper lag und die wie so oft an kühlen Tagen von dem langen, dunkelbraunen Umhang verhüllt wurde.

„Der Kampf ist vorbei“, informierte er Hicks der Form halber, legte sein rot verschmiertes Schwert ab und löste die Spange, um sich dem Cape zu entledigen.

Hicks nahm ihm das Kleidungsstück ab, wobei er Blutflecken entdeckte. Mit unverhülltem Entsetzen suchte er mit einem schnellen Blick seinen Vater ab und entdeckte an dem linken Ärmel seiner Tunika einen langen Riß. Der dunkelblaue Stoff hatte sich am Unterarm verfärbt.

„D… Du bist verletzt, Vater“, stammelte der Junge. Eilig rannte er in den Waschraum und holte alles herbei, um die Wunde zu versorgen.

Oswald setzte sich an den großen Tisch, schob mit einer fließenden Bewegung seinen Ärmel hoch und begutachtete die Fleischwunde, die ihm sein Gegner zugefügt hatte. Der Kerl, der das zu verantworten hatte, hatte den Angriff kaum ausgeübt, da war er bereits tot zusammengesackt.

Behutsam tupfte Hicks das Blut mit einem Tuch fort, reinigte vorsichtig die Haut mit etwas Wasser und begann einen Verband anzulegen. Am liebsten hätte er nach dem Sinn oder Unsinn von solchen Manövern gefragt, aber er kannte die Antwort. Diese Menschen waren Vertragspartner von Alvin, die ihn mit Waffen und anderen Rohstoffen belieferten. Ein Umstand, den die Berserker unterbinden mußten. Jedes Schwert in Alvins Händen war eins zu viel. Hicks beendete seine Arbeit und besah sich den Arm.

„Bist du sonst noch verletzt, Vater?“ wisperte Hicks und hob scheu den Blick.

Der Mann schüttelte knapp seinen Kopf und sah in die wiesengrünen Augen, die bang auf ihn gerichtet waren. „Sag, was denkst du?"

Der Junge wand sich unter seinem Blick. Fragen behagten ihm nicht, seine Stärke lag in der Ausführung von Anweisungen. "I... Ich... ich mag die Gefechte nicht. Da ist so viel Leid. D... deine Verletzung..."

Oswald hob die Brauen. „Du sorgst dich um mich." Es hatte eine weitere Frage werden sollen, doch es klang wie eine Feststellung. Hicks wußte seine Tonlage dennoch zu deuten, nickte gehemmt mit hochgezogenen Schultern und richtete seinen Blick zum Boden.

„So viel Sanftmut, so wenig Berserker", murmelte er mehr zu sich als zu Hicks, der dennoch seine Worte vernommen hatte und noch tiefer seinen Schopf senkte. Oswald machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Es gibt viel zu tun. Mach dich nützlich, Hicks.“

Der Junge spähte durch seine Haare und erhaschte einen gütlichen Ausdruck auf der sonst steinernen Miene. „Ja, Vater“, stieß er hervor und eilte nach draußen.

Hicks versicherte sich, daß es dem Skrill gut ging und er von dem Gefecht keinen Schaden davon getragen hatte. Er rief ihm zu, daß er später mehr Zeit für ein kleinen Plausch erübrigen würde, dann hastete er nach Backbord, wo bereits emsige Betriebsamkeit herrschte.

„Worauf wartest du, Hicks? Schwing deinen dürren Hintern rüber oder soll ich deine Arbeit übernehmen?“ herrschte Haakon von der gegenüberliegenden Reling.

Hastig erkletterte Hicks den Mast, ergriff eins der herunterhängenden Seile und schwang sich zu dem gegnerischen Schiff, das sie mühelos besiegt hatten und dessen Mannschaft nun entweder tot oder verletzt im Meer trieb. Er lief so schnell er konnte am Waffenmeister vorbei und bekam dennoch einen harten Schlag auf den Hinterkopf verpaßt, der ihn zu Boden schleuderte. Hicks unterdrückte den Schmerz an seinem rechten Schienbein, das er sich unglücklich aufgeschlagen hatte, und richtete sich eilig auf.

„Nicht einschlafen!“, wurde ihm hinterher gerufen, während er bereits die Stufen nach unten hastete und mit drei anderen die Fässer umstieß, damit andere sie schneller aus dem Lagerraum herausrollen konnten. Die Abläufe waren immer gleich, komplett durchgeplant und hochgradig effizient. Ehe der Gegner meist bemerkte wie ihm geschah, hatten sie sie bereits überwältigt und sich ihren Besitz einverleibt.

Als alle Behälter nach oben verfrachtet waren, leerten sie die Waffenkammer. Hicks verschaffte sich einen Überblick über die Lieferung und schauderte. Da warteten viele neue Arten von Klingen, die sie noch nicht in ihrem Bestand hatten. Wenn Dagur davon Kenntnis erlang, würde es nicht mehr lange dauern, bis er mit ihnen spielen wollte. Grauen ergriff Hicks und Angst schnürte sein Herz zu. Sein Körper hatte viel zu oft zum Ausprobieren herhalten müssen. Er wanderte an den Mordsinstrumenten vorbei und begutachtete die Qualität. Viele waren stumpf, was nur bedeutete, daß er die nächsten Wochen reichlich Arbeit unter Deck haben würde.

Hicks malte sich aus, wieviel Qualen er durch die geschärften Klingen zu erdulden hatte. Viel zu oft hatte er bereits als Zielscheibe gedient. Er schloß die Augen, schüttelte die Furcht so gut es ging ab und schleppte eine mächtige Axt mit sich und die Treppe hoch.

Kaum kam er an Deck an, baute sich Dagur vor ihm auf. „Hicks, Bruder, du hast die Waffenkammer inspiziert und mir nichts gesagt?“

Mit einem lauernden Grinsen wedelte er drohend mit dem Zeigefinger. Hicks senkte den Blick und zog die Schultern hoch. „E… Entschuldige, i… ich dachte, du hast bereits alles in Augenschein genommen.“

Statt seinen Unmut an ihm auszutoben, lachte er ihn aus, was darauf hindeutete, daß der Überfall seine Stimmung gehoben hatte. Mit dem rechten Arm zog ihn Dagur fest an seine Seite. Diese halbe Umarmung raubte ihm gnadenlos den Atem.

„Wann denn, du Dummerchen? Ich war mit den Gegnern beschäftigt. Kann sich nicht jeder unter der Decke in Vaters Quartier verkriechen. Nicht wahr?“

Hicks senkte noch tiefer seinen Kopf. Sie wußten beide, daß es Oswalds Befehl war, dem er Folge leistete, dennoch zog ihn sein Bruder immer wieder damit auf. Dem zu widersprechen würde ihm nur eine Abreibung einbringen. Endlich wurde er aus der Schraubzwinge seiner muskulösen Armen entlassen.

„Geh und verstau die Beute. Die Axt nehme ich. Kannst sie eh nicht tragen.“

Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit entriß der Ältere dem Jungen die Waffe und durchschnitt die Luft mit gleichmäßigem Schwung, um ihr Gewicht in der Hand zu messen. Hicks schob sich an ihm vorbei und rannte los. Für den Transport der Beute hatten die Berserker Bretterstege zwischen den Schiffen befestigt und er nutzte diesen Weg, um zurück auf das Flaggschiff zu gelangen.

So schnell ihn seine Füße trugen, verschwand er unter Deck und begann zusammen mit Ansson im Lagerraum die Waren zu verstauen. Wenn Hicks konnte, ging er dem Kerl aus dem Weg. Sein Beiname war der Abscheuliche und das nicht ohne Grund. Er stank zehn Meilen gegen den Wind und schikanierte ihn wo er nur konnte. Seine unsäglichen Beleidigungen waren weitreichend bekannt und zumeist bekam er sie ab. Sein Wortschatz war an Niedertracht und Boshaftigkeit ungeschlagen. Hicks würde sogar behaupten, daß er Dagur in dieser Disziplin schlug. Wenigstens waren dieses Ekel und sein Bruder keine Freunde. Das hätte toxisch für Hicks enden können.

Aus dem Nichts fiel eine massive Truhe von einem hochgetürmten Stapel, aber Hicks konnte im letzten Moment zur Seite springen, damit diese ihn nicht erschlug.

„Paß doch auf“, wurde er angeranzt.

„I… ich?“ preßte der Junge fassungslos hervor, doch er traute sich nicht, sich zur Wehr zu setzen. Dieser Berserker hatte sadistische Züge und keine Skrupel. Er würde sogar soweit gehen, ihn verrückt zu nennen. In seiner Nähe geschahen böswillige Grausamkeiten und immer gelang es ihm, sich aus der Affäre zu winden. Das winzige Wörtchen hatte ihn provoziert und ließ ihn mit einem hinterlistigen Blick auf ihn zuschlendern.

Hicks duckte sich klein und suchte Deckung hinter ein paar Fässer. Sein Herz pochte wild in seiner Brust. Er wollte nicht die Fingernägel rausgerissen bekommen oder seine Klinge auf seiner Haut spüren. Panisch fummelte er sein Messer hervor und hielt es zitternd vor sich, während er auf dem Boden kauerte. Seine Angst war dermaßen übermächtig, daß er sich das erste Mal wehren wollte. Wenn dies mißlang, dann würde er ihn töten, aber er war sich sicher, dieser Widerling würde ihn nicht schnell umbringen, sondern quälend langsam.

Hicks starrte auf den Dolch in seinen bebenden Finger. Alles fühlte sich falsch an. Ein Wimmern kroch aus seiner Brust, während er mit weit geöffneten Augen seine Umgebung beobachtete und voller mutloser Verzweiflung begriff, daß er in der momentanen Lage, nicht mal einen Apfel in einem Meter Entfernung treffen würde. Das Messer sank mitsamt seiner linken Hand kraftlos zu Boden. Wenn er für alles gemacht war, aber töten lag ihm nicht. Selbst verletzen war ein Hindernis, das er in seinem ganzen Leben nur einmal überwunden hatte. Er war für so was nicht gemacht und würde damit alles nur noch schlimmer machen.

Mit diesem hoffnungslosen Gedanken steckte er die Waffe weg und schloß die Augen. Er wollte den Angriff, der unweigerlich auf ihn niedergehen würde, nicht auf ihn zukommen sehen. Hicks flüchtete sich in seine Phantasie, auf ein Schiff, das unter weißer Flagge segelte und auf welchem Angriffe sämtlicher Art unbekannt waren. Farbenfroh malte er sich aus, wie es wohl sein würde, wenn er an einem solchen Ort sein könnte. Allein. Nur er und der Wind, das Meer und der Himmel. Oh, die Vorstellung war göttlich. Ein Hauch Ruhe kehrte in seinen Geist ein und er war bereit die unausweichlichen, körperlichen Schikanen zu ertragen. Er würde es aushalten, wie er es bisher immer getan hatte. Er mußte!

„Ansson? Hey, wir brauchen dich! Komm rauf! Sofort!“, herrschte Haakon lautstark.

Hicks lauschte auf das viel zu nahe, genervte Brummen und die sich entfernenden Schritte und wagte nicht zu atmen. Wie ein Schluck Wasser glitt er der Länge nach auf die Holzdiele und dankte still mit wild pochendem Herz den Göttern für ihre Gnade. Er brauchte ein paar Minuten, bis er sich soweit beruhigt hatte, daß er aufstehen und seiner Aufgabe nachgehen konnte.

Leise wie der Wind stapelte er die erbeuteten Felle, Seile und sonstigen Materialien, die in den Kisten zu finden waren. Unter den zahlreichen Schätzen war auch ein schmales Buch zu finden, das sogleich sein Interesse weckte. Hicks hielt in seiner Arbeit inne und tastete voller Ehrfurcht über den Ledereinband.

Sein Herz schlug voller Aufregung schneller. Welche Zeilen sich wohl hinter dem Buchdeckel befanden? War es eine Wissenslehre? Eine Abhandlung? Eine Erzählung? Sein Puls rauschte in den Ohren, während er diesen kostbaren Schatz in seinen Händen hielt und sanft über das weiche Leder strich. Der Drang, es aufzuschlagen und sich in das Unbekannte zwischen den Seiten zu verlieren wurde unbändig und schließlich konnte er nicht mehr widerstehen und öffnete es neugierig.

Gierig verschlang er die Wörter und saugte sie in sich auf. Es handelte sich um eine Geschichte von einer Insel am Ende der Welt, die grüner nicht sein könnte, Bäume, die bis zum Himmel reichten, und bunten Vögel, dessen Laute als zwitschernd, trällernd und kreischend beschrieben wurden.

Hicks blätterte durch die Seiten und sein Herzschlag beschleunigte sich, während er sich in dieser fremden Welt verlor, in der Drachen als Riesenhafte Alpträume beschrieben wurden, deren Haut sich entflammen oder wieder andere als Wechselflügler, die sich gar komplett unsichtbar machen konnten. Wer auch immer diese Zeilen geschrieben hatte, hatte farbenfrohe Eindrücke auf diesem Pergament gebannt, die Bilder vor seinen Augen zum Leben erweckten, Gerüche und Geräusche entfachten, die seine Nase und Ohren noch nie wahrgenommen hatte.

Seine Phantasie träumte sich dorthin und ließ ihn über saftige Wiesen wandern, auf denen sich ein prächtiges Blumenmeer erhob. Sehnsuchtsvoll schloß Hicks die Augen und genoß das harmonische Bild in seinem Inneren. Er hatte noch nie Gras berührt, niemals eine Blume gepflückt, aber er stellte es sich wundervoll vor. Es spendete ihm herrliche Ruhe und eine Zuflucht vor der Brutalität, die ihm tagtäglich begegnete.

Dann realisierte er, daß er sich dazu hatte hinreißen lassen, eine von Oswalds Regeln zu brechen. Ihm war es verboten, neue Bücher ohne das Einverständnis seines Vaters zu lesen. Hastig verstaute er das Meisterwerk in der Kiste und wich rückwärts stolpernd von ihr zurück. Mit einem Anflug von Panik sah er sich um und stellte erleichtert fest, daß er alleine war. Keiner hatte ihn gesehen und konnte ihn verraten. Dennoch verkroch er sich in den hinteren Bereich des Lagerraums, begann dort die neuen Güter aufzuräumen und in die dafür vorgesehenen Fächer zu schichten.

Geräusche drangen an sein Ohr und er identifizierte sie als volle Fässer, die in das Lager befördert wurden. Haakon bellte Befehle und das Gepolter nahm zu. Hicks gab sich alle Mühe, noch leiser und zügiger zu arbeiten. Dagurs Lachen erklang und Hicks versteifte sich. Sein Bruder kam selten hier herunter. Er duckte sich klein und lauschte.

„Schau dir dieses Schmuckstück an, Haakon. Ist es nicht fabelhaft? Es hat mir in meiner Sammlung noch gefehlt.“

„Hübsch. Die Klinge muß geschärft und poliert werden, dann hast du ein wahres Juwel.“

„Hicks soll sie sich als erstes vornehmen.“ Dagur lachte laut und verschaffte seiner guten Laune Gehör. „Wieviel hast du über die Reling geschickt?“

„Zwölf“, bekundete Haakon und Stolz triefte aus seiner dunklen Stimme.

„Ha, einer mehr als ich. Du alter Angeber! Aber nur weil ich dir das Weichei von Kapitän überlassen habe, mein Freund.“

Haakon gab ein Glucksen von sich. „Stimmt. Hast du sein Gesicht gesehen? Unbezahlbar.“

Dagur lachte noch schriller und ließ Hicks das Blut in den Adern gefrieren als er an die Grausamkeiten dachte, die sie diesem Mann angetan hatten. Selig waren die, die einen raschen Tod an Deck gestorben waren. Alle die verletzt den Fluten übergeben worden waren, würden von den meterlangen Aalen attackiert und bei lebendigem Leib gefressen werden. Er versuchte sich zu überreden, daß es eine angemessene Strafe dafür war, daß sie mit Alvin gemeinsame Sache machten, aber so recht wollte es ihm nicht gelingen. Im Gegensatz zu Oswald und Dagur empfand er keine Rachegelüste gegen den Anführer der Verdammten. Nein, in ihm herrschte die Trauer und Verzweiflung vor, sowie die schmerzende Erinnerung an vergangene Tage, die nie wieder kommen würden. Alvin hatte den Tod verdient, keine Frage, aber warum mußten bis dahin so viele Leichen den Weg pflastern?

„Würde zu gern erleben, wie Hicks sich bei so was anstellen würde“, juxte der Neunzehnjährige und der belustigte Schwung seiner Stimme bekam einen Anstrich von Nachdenklichkeit. „Der kann noch nicht mal eine Axt halten. Und das soll ein Sohn des Anführers sein, daß ich nicht lache.“

Haakon legte seinen Kopf eine Nuance schief und neigte ihn dem Anführers Sohn entgegen. „Interessanter Gedanke. So etwas in der Art ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Was, wenn nicht deines Vaters Blut in seinen Adern fließt?“ raunte er dem Rothaarigen zu.

Dagur starrte den Älteren an. „Wie meinst du das?“ zischte er seinem Vertrauten zu, dessen braune Augen seinen Blick erwiderten.

Der Waffenmeister lehnte sich noch ein Stück weiter vor und flüsterte an sein Ohr. „Du warst klein, als Hicks auf das Schiff kam, aber erinnere dich. Er war nicht immer da.“

Dagur wandte seinen Kopf von ihm ab und kniff die Brauen zusammen. „Ich weiß“, preßte er zwischen den Zähnen hindurch. „Mein Vater hatte eine Dirne, die ihm diesen Sohn geschenkt hat. Was ihn dennoch zu einem Abkömmling macht.“

„Mag sein. Vielleicht hat es sich auf diese Weise zugetragen. Wer weiß? Es ist eins der Gerüchte, die sich am hartnäckigsten halten“, versprühte Haakon weiter sein Gift. „Es gibt aber auch andere Geschichten, die um Aufmerksamkeit betteln und die man sich immer wieder erzählt.“

„Ist es von Bedeutung?“ knirschte Dagur grimmig.

Haakon nickte verschwörerisch. „Dennoch bleibt er nur zweite Wahl. Welches große Oberhaupt belastete sich mit so was?“

Dagurs Augenbrauen hoben sich als er über die Worte seines Freundes nachdachte. Oswald ließ bei Hicks mehr Gnade walten als bei ihm. Während er zur Stärke und dem Kampf erzogen wurde, wurde der Knirps in Watte gepackt und in das sichere Quartier seines Vaters versteckt. Es gab viele Sonderstellungen, die ihm über die Jahre aufgefallen und aufgestoßen waren. Sobald er ihn seinen Unmut spüren ließ, war stets Oswald als sein Beschützer aufgetreten, was nur noch mehr Wut in ihm hervorgerufen hatte. Es stank ihm schon seit frühester Jugend, daß dieser Kerl einen besonderen Status inne hatte und ließ ihn das gebührend spüren. Inzwischen war er Spezialist der subtilen, aber effektiven Attacken auf den Jüngeren, die weitgehend vor ihrem Vater verborgen blieben.

„Welche Pläne hat mein Vater mit diesem Hänfling? Welchen Nutzen könnte er schon haben?“ erhob Dagur seine Stimme.

Jetzt wo er darüber nachdachte, stellte er die mangelnde Würdigung seiner Leistungen fest. Oswald nahm es als selbstverständlich hin, daß er ein Dutzend Gegner besiegte und das ihm zustehende Lob blieb immer öfter aus. Dieser Zustand war untragbar. Seine Erfolge gehörten entsprechend gefeiert. Dagur ballte seine rechte Hand zur Faust.

„Was wäre“, raunte ihm Haakon verschwörerisch zu, „wenn er ihn dir vorzieht? Wenn er ihn als seinen Nachfolger aufbauen will? Er schickt dich regelmäßig an die vorderste Front, während er Hicks versteckt. Was, wenn ihm sein Leben wichtiger ist als deins? Oswald scheint langsam zu erblinden, wenn er deine heroischen Einsatz nicht sieht und entsprechend würdigt. Findest du nicht auch?“

Haakon beförderte ein frisch erbeutetes Faß mit einem festen Fußtritt in die hintere Ecke. „Aus unerfindlichen Gründen ist er in dieser Sache weich geworden“, tönte er vollmundig. „Früher hätte er ein faules Ei rücksichtslos entsorgt.“

Verschwörerisch senkte er erneut die Stimme. „Und nichts anderes ist Hicks. Ein Fremdkörper, der dir deinen Rang stehlen will. Sieh die Zeichen, Dagur. Er biedert sich deinem Vater an und unterwirft sich dir, aber in seinem Inneren schmiedet er Pläne, wie er diesem Dasein eine bessere Position verschaffen kann. Kein Berserker handelt so wie Hicks und das sollte dich wachsam werden lassen.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause und ließ den Anführersohn nicht aus den Augen. „Du glaubst die Version mit der Dirne. Was, wenn er deinem Vater untergeschoben wurde und er gar nicht dein Bruder ist? Diese Geschichte hält sich wacker und wird nur flüsternd weitergetragen. Der Junge ist clever, das weißt du. Diese Verbindung zwischen ihm und Oswald könnte zu deinem Stolperstein werden. Ein Tod wird gestorben werden müssen. Oswalds Entscheidungen fallen der Besatzung auf und es rührt sich Unmut.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause. „Wie auch immer deine ausfällt, die Berserker stehen auf deiner Seite. Das Ruder gebührt dir.“

Dagur starrte ihn an. „Aus deinem Mund klingt das nach Meuterei“, flüsterte er hervor. „Du weißt welche Strafe darauf steht.“

„Ein guter Plan rettet Leben und den dir zustehenden Titel. Eigentlich mußt du nur den Kleinen aus dem Weg räumen“, wisperte Haakon ihm zu und klopfte ihm verschwörerisch auf die Schulter. „Mit einer List erledigst du beide und sicherst dir den Thron.“

Dagur starrte ihn an. Nach einer kleinen Ewigkeit nickte er nachdenklich. Es war ein Weg, um sich endlich das zu nehmen, was ihm zustand.

„Vielleicht wirst du das eines Tages übernehmen müssen“, schloß Haakon bedeutungsschwer das Gespräch und verließ den Lagerraum.

Dagur folgte ihm und rieb sich über die Stirn. Ihm gefiel der Gedanke an Bruder- und Vatermord nicht. Es war eine Spur zu absolut – selbst für ihn. Ja, Oswald war alt und starr. Es war Zeit für frischen Wind. Er wollte mehr Verantwortung und Befehlsgewalt, also würde er mit ihm darüber sprechen und die Macht, die er wollte, einfordern. Wenn er ihn als seinen Nachfolger wollte, würde er sie ihm zustehen. Falls nicht… würde er über Haakons Worte noch einmal nachdenken.

Hicks spähte aus seiner Deckung und blickte zur geschlossenen Tür. Immer wenn auf diesem Schiff geflüstert wurde, war das kein gutes Zeichen. Das meiste des Gesprächs war von seiner Position aus zu leise gewesen, um es zu verstehen. Er tappte aufgrund der wenig erhaschten Fetzen im Dunkeln. Was er aber deutlich vernommen hatte, daß Haakon ihn für ein faules Ei hielt, das rücksichtslos entsorgt gehörte. Das klang nicht gut. Der Waffenmeister ließ ihn seinen Unmut stets spüren und ging mit ihm ausgesprochen roh um. Der kleinste Fehltritt in seinem Areal wurde bitter bestraft. Seit acht Jahren unterstand er diesem Berserker, der in diesem Zeitraum seine Grausamkeiten perfektioniert hatte. Hicks wünschte, er hätte näher heran gekonnt, um mehr belauschen zu können, denn sein Bauchgefühl rumorte. Er nahm sich vor, sich noch mehr anzustrengen, um Haakons Ansprüchen zu genügen.

*****


Der Tag neigte sich dem Ende zu und Hicks verließ die Waffenkammer, wo er zuletzt die neuen Waffen nach ihrem Zustand sortiert hatte. Sein Weg führte ihn zum Refugium des Kochs, wo er sich einem Stück Brot bemächtigte und endete an Deck. Kalter Wind peitschte ihm entgegen und nur noch wenige hielten sich auf dieser Ebene auf. Er wollte seinem Vater Meldung erstatten und ihm eine geruhsame Nacht wünschen, einen kleinen Plausch mit Blitz halten und ihn dann zu seinem Käfig bringen, um sich dann in seine Kammer zurückziehen. Soweit der Plan.

Sein Vater überquerte in der Ferne mit energischen Schritten das Schiff, bellte dem ersten Maat einen Befehl zu, den der Wind in die entgegengesetzte Richtung davon trug und Hicks verborgen blieb. Oswald zerrte das Tor des Drachenkäfigs auf und zog seinen Dolch unter seinem Umhang hervor, um ihn in die Höhe zu reißen. Mit einer entschiedenen Handbewegung dirigierte er den Skrill zur Landung und deutete ihm den Weg zu seinem Nachtlager. Kaum war er im Käfig verriegelte der Kommandant das Gitter.

Hicks seufzte leise. Es kam sehr selten vor, daß sein Vater diese Aufgabe übernahm. Im Gegensatz zu ihm nutzte er nicht Worte, um Blitz zu bändigen, sondern den magnetischen Stahl, um den Skrill zu befehligen. Seine Chance, heute mit dem Drachen ein Gespräch zu führen, war rapide gesunken. Er stopfte sich den Rest des Brotes in den Mund, zerkaute es hastig, dann eilte er zu seinem Vater, der sich halb zu ihm umdrehte und ihn über die Schulter hinweg ansah.

„Du bist zu spät, Hicks“, grollte er. „Es gibt klare Abläufe, an die du dich zu halten hast. Das weißt du.“

Rasch senkte der Junge seinen Kopf tiefer und bestätigte. Zwar war er sich sicher, daß er sich noch im Zeitrahmen für diese Aufgabe befand, aber es stand ihm nicht zu, zu widersprechen. Oswalds Wort war Gesetz, dem er bedingungslos zu folgen hatte.

„Füttere den Drachen, dann erwarte ich deinen Bericht.“

Der Mann drehte sich um und ging zu seinen Gemächern. Hicks holte einen Bottich Fische und brachte sie zu seinem Freund, der verstimmt schnaubte. Sein Körper pulsierte in weiß blauem Licht. Blitz war sauer, denn er mochte es nicht hinter Gittern zu fressen, das war ihm sehr wohl bekannt. Hicks warf ihm die Dorsche vor die Schnauze und verzog um Vergebung bittend seinen Mund.

„Entschuldige, mein Großer. Ja, ich habe den Überblick über die Zeit verloren. Aber im Lager und in der Waffenkammer war ein Berg Arbeit, dem ich kaum Herr wurde. Morgen frißt du wieder an Deck, versprochen.“

Rasch räumte er auf und eilte zu den Räumlichkeiten seines Vaters, wo er klopfte und auf Einlaß wartete. Eine dumpfe Bestätigung drang nach draußen und Hicks öffnete mit gesenktem Kopf die Tür, trat ein und verschloß sie leise. Still und starr blieb er neben der Wand stehen und spähte durch seine Haare.

Sein Vater durchquerte den Raum und setzte sich an den Tisch, auf dem die Kiste aus dem Lagerraum stand. Hicks erkannte sie an den Kratzern. Sie beherbergte das Buch, was er am Mittag durchblättert hatte. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er der Vorstellung verfiel, daß er es geschenkt bekommen könnte. Wenn er gute Arbeit geleistet hatte, wurde er manchmal mit einem solchen Schatz belohnt. Er hoffte, daß ihm seine Verfehlung beim Skrill diese nicht abspenstig gemacht hatte. Sehnsuchtsvoll visierte er den Behälter an und stellte sich vor, daß er an diesem Abend bei Kerzenschein in seiner Hängematte in diese fremde Welt tauchen und es zu Ende lesen durfte.

„Du bist mir noch deinen Bericht schuldig, Hicks.“

Umgehend kam der Junge der Aufforderung nach. Er zählte die Waffen auf, die unbeschadet und defekt geborgen worden konnten, den Schaden, den ihre eigenen Schwerter genommen hatten und informierte ihn mit einer Hochrechnung, wie viel Zeit für die Reparaturen benötigt werden würde. Seinen Bericht komplettierte er, indem er ihm die Waren aufzählte, die er im Lagerraum verstaut hatte.

Oswald nickte und ließ ihn nicht aus seinen eisblauen Augen. Er holte etwas aus der Kiste und Hicks lächelte, als er das Buch erblickte.

„Hast du nicht etwas in deiner Aufzählung vergessen?“

Sein Herz machte einen Hüpfer, als er es ihm übergab und ein Strahlen seine Miene überflutete.

„Danke, Vater“, hauchte Hicks, betaste den Einband ehrfürchtig mit seinen Fingerspitzen und schlug es auf.

Schon auf der ersten Seite bemerkte Hicks, das etwas nicht stimmte. Es handelte sich um ein Lehrbuch über Handel, Seewege und geographische Besonderheiten. Unter normalen Umständen hätte er sich auch über solch ein Werk gefreut, doch diesmal blieb die Frage, wo das andere war, für das er sich begeistert hatte. Jetzt wo er es zuschlug und genauer betrachtete, erkannte er die kleinen Unterschiede zu der Lederhülle, die er noch vor Stunden in den Händen gehalten hatte und schimpfte sich einen Idioten, daß ihm diese nicht eher aufgefallen waren. Er sackte in sich zusammen, als er realisierte, daß Oswald die komplette Bandbreite seiner Emotionen hatte verfolgen können.

„Was ist? Du wirkst nicht begeistert, Sohn“, brummte Oswald lauernd.

Hicks schluckte und würgte die Enttäuschung so gut er konnte hinunter. Er war ein miserabler Schauspieler, ein noch schlechterer Lügner, dennoch gab er sein bestes, um Begeisterung zu signalisieren.

„Doch, Vater. I…  ich freue mich. S…  sehr.“

Es war die einzige Antwort, die für diese Gabe angemessen war. Er preßte die Augen zusammen. Sein Tonfall hatte kein bißchen glücklich geklungen. Diese Lüge würde auffliegen. Oh, ihm grauste vor der Konsequenz. Er war schrecklich leicht zu durchschauen. Aber er konnte ja schlecht sagen, daß er sich auf ein anderes gefreut hatte, in dem er bereits munter geblättert hatte.

„Lügner“, ertönte die düstere Stimme vor ihm und brachte sein Innerstes zum Einsturz. In Hicks verkrampfte sich alles. Mit einem halben Auge spähte er durch seine Haarsträhnen und sah in das wütende Gesicht. „Du hast dieses erwartet. Nicht wahr?“ Er hob ein nahezu identisches Werk hoch, welches ein Hauch dunkler und schmaler war. Der Junge machte sich automatisch kleiner und nickte bebend.

Ihm wurde das Buch entrissen und mit einem heftigen Schlag gegen die linke Wange geschmettert. Hicks taumelte durch die Wucht zur Seite.

„Versuch es diesmal mit der Wahrheit“, grollte Oswald und Hicks wußte, egal ob er noch mal log oder diesem Befehl nachkam, er würde es schmerzhaft büßen.

„I… ich habe es… gefunden und… d… darin gelesen“, zitterte er die Antwort hervor.

„Du kennst die Regeln und lehnst dich gegen sie auf?“ herrschte ihn sein Vater lautstark an.

„N… nein… j…a… nein“, stotterte Hicks völlig überfordert, was richtig oder falsch oder als Antwort gewünscht wurde.

Oswald kannte den Knaben in und auswendig, wußte daß er sich ihm und seinen Befehlen unterwarf, aber er hatte es sich angewöhnt, ihn hin und wieder zu testen. Meist bestand er die Stolpersteine, die er ihm in den Weg warf, aber diesmal hatte er ihn enttäuscht und das war nicht hinnehmbar.

„Du weißt, daß dieses respektlose Verhalten nicht toleriert wird und bestraft werden muß.“

Es klang wie eine Frage, war aber eine Feststellung, die Hicks durchaus bewußt war, was allerdings die Furcht davor nur stärker steigerte.

„Mitkommen!“

Hicks folgte dem Befehl und tapste hinter Oswald her. Die wenigen Berserker, denen sie begegneten nahmen Haltung an, als sie den Kommandanten sahen und kaum waren sie an ihren vorbei, hörte Hicks ihre hämischen Kommentare hinter seinem Rücken. Sie mutmaßten, was er diesmal ausgefressen hatte und womit er wohl zur Räson gebracht werden würde.

Auf Achtern konnte er Dagurs Gestalt an der Reling gelehnt sehen, der zu ihnen herüberblickte. Hicks warf ihm einen hilflosen Blick zu, der mit einem unheilvollen Lächeln beantwortet wurde. Oswald griff sich im Vorbeigehen eine Rundstahlkette und schleifte sie scheppernd mit sich. Hicks´ Augen weiteten sich und stolperte ihm hinterher. In seinem Innern nahm die Angst ein unerträgliches Maß an und kroch selbst in den allerletzten Winkel seiner Seele. Sein Vater würdigte ihn keines Blickes, ging die Treppe hinab und zu seiner Kammer. Mit einer hochgezogenen Braue gab er Hicks zu verstehen sie zu öffnen und ihm Zutritt zu verschaffen. Sofort kam er der stummen Aufforderung nach und ließ seinen Vater eintreten.

Dieser ließ seinen Blick über den kleinen Raum schweben, der nur wenige Gegenstände beherbergte.

„Immerhin ist deine Stube aufgeräumt“, brummte er hervor und deutete mit der Hand, die die Kette hielt, zu einer Stelle, wo sich Boden und Wand berührten. Geduckt schob sich Hicks an ihm vorbei und glitt lautlos zu dem ihm befohlenen Ort. Bebend sank er mit seinem Hintern zu Boden, zog die Knie unter das Kinn und spähte voller Furcht nach oben, wo die Kette unheilvoll vor ihm schwebte.

Bitte, ihr Götter, flehte er stumm, laßt ihn gnädig sein und mich nicht schlagen. Wenn er sich dazu hinreißen ließ, was zum Glück nicht oft vorkam, verlor er sich in dieser Gewalt und war mindestens so vernichtend wie Dagur.

Nur zu genau erinnerte er sich an das letzte Mal, als er mit dem Schürhacken auf ihn losging, weil er in der Eile ins Stolpern gekommen war und dadurch einer seiner goldverzierten Teller zerbrach. Die Explosionen auf seiner Haut würde er ein Leben lang nicht mehr vergessen. Aufgeplatzte Haut brannte wie Feuer. Tagelang. Zudem hatte sie sich entzündet und ihn fiebern lassen. In diesem Zustand hatte er unter Deck eine Menge Chaos angerichtet und vom Waffenmeister harte Schläge einstecken müssen.

Oswald baute sich vor ihm auf und seine Stiefel schritten in sein gesenktes Sichtfeld. Er kauerte sich so klein wie möglich zusammen. Seine Hände entwickelten ein Eigenleben, krochen hoch und wickelten sich schützend über seinen Schopf, während er durch die Strähnen so gut es ging seine Umgebung beobachtete.

„Du willst dieses Buch?“ stieß Oswald hervor und Hicks spähte scheu zur linken Hand seines Vaters, wo er die herrlich grüne Welt mit diesen faszinierenden Drachen hielt. Er wußte nicht, ob es eine rhetorische Frage war oder er darauf antworten sollte. Noch während er diesem Gedanken nachhing, warf sein Vater es durch das offene Bullauge, wo es mit einem leisen Platschgeräusch im Meer aufschlug. Hicks schloß die Lider und trauerte um jede einzelne Seite, die von den Wellen verschluckt wurde. Eine unerreichbare Welt, zu der er niemals wieder gelangen würde und die auf immer verloren war. Der Kummer nagte sich spitz und qualvoll in sein Innerstes und bohrte sich durch sein Herz.

Oswald war nicht für seine Güte bekannt, eher für eiserne Kontrolle und schonungslose Führung. Er wußte, wie sehr der Junge das geschriebene Wort vergötterte und daß seine rigorose Vorgehensweise für ihn einer Folterung gleichkam, dennoch griff er zu diesem Mittel, um Hicks zu bestrafen. Gnadenlose Härte und entschiedene Strenge war das Einzige was dieser Sproß verstand und mit dem er bei ihm in der Erziehung ein halbwegs zufriedenstellendes Ergebnis erzielte, das seinen Ansprüchen annähernd genügte. Rohe Gewalt setzte er punktuell ein, um wahlweise seine Macht oder seine Autorität zu demonstrieren. Er war sich noch unschlüssig, ob seine Erinnerung eine Auffrischung benötigte.

„Ich erwarte nicht weniger als Gehorsamkeit, das weißt du“, grollte er unheilvoll.

Hicks nickte mit geschlossenen Augen und versank in die aussichtslose Lage, als auch schon seine rechte Hand ergriffen wurde und mit der Kette gefesselt wurde. Der Stahl wurde festgezurrt, bis es sich wie eine zweite Haut um seine Handgelenke legte. Er spürte ein Zerren an seinem Arm, der ihn halbhoch neben seinem Körper beförderte und hörte wie ein Dolch das Kettenglied mit brachialer Wucht an die Holzwand preßte.

Hinter seinen Lidern sammelten sich Tränen, die er mit aller Kraft zurückdrängte. Jede einzelne würde seine Schwäche demonstrieren und sein Strafmaß nur noch weiter erhöhen. Irgendwie schaffte er sich gegen seine Emotionen zur Wehr zu setzen und sie in sich zu verschließen. Dennoch bebte seine Unterlippe ununterbrochen und ließ sich nicht unter Kontrolle bekommen. Wie ein Halsband wurde die stählerne Leine um seine Kehle geschlungen, dann nahm Oswald sich seine linke Hand vor und verfuhr wie bei seiner rechten. Hicks zitterte und betete nonstop zu Odin, Thor und dem kompletten Gefolge, daß damit seine Strafe endete.

„Hicks!“

Blinzelnd sah der Angesprochene zu ihm auf.

„Du weißt, warum du das verdient hast?“

Er nickte ergeben und senkte demütig den Kopf. Ungehorsam und Lügen waren eine fatale Kombination, die hart bestraft wurden.

Oswald wandte sich zu dem kleinen Regal um, in dem sich seine wenigen Bücher befanden. Hicks Furcht intensivierte sich zu einem körperlichen Schmerz, als ihn eine Ahnung beschlich.

„Bi… Bitte, Va… Vater… n… nicht. Ich bereue. I… Ich werde das nie… niemals wieder tun.“

Betont langsam holte Oswald seine Schätze einen nach dem anderen vom Brett und türmte sie neben sich, bis das Regal leer war.

„Oh, bi… bitte nicht“, wisperte Hicks leise. Ihm wurde schrecklich schlecht und sein Herz brach endgültig, als seine Heiligtümer von ihren angestammten Plätzen entfernt wurden. Lautlos flehte er die Göttern um Gnade an, auf daß sie seinen Vater davon abhielten, sie alle dem Meer zu übergeben. Bitte, bitte, nicht, flehte er unablässig, auch wenn er keinen weiteren Laut mehr wagte. Oswald hob sie auf und trug den Stapel zur Tür.

„Deine Strafe wird bis zum Morgengrauen andauern, genug Zeit um über deine Verfehlungen nachzudenken. Ich werde Dagur schicken, um dich bei Tagesanbruch zu befreien. Diese Bücher verbleiben in meinen Gemächern und werden erst wieder in deinen Besitz übergehen, wenn du mir den entsprechenden Respekt zollst.“

Die Tür schloß sich hinter ihm und ließ ihn in den spärlichen Lichtverhältnissen zurück. Hicks starrte auf das leere Möbelstück und die mühsam unterdrückten Tränen quälten sich aus ihm heraus. Die Trauer überflutete seinen Geist und er schrumpfte auf dieses eine alles verschlingende Gefühl zusammen.

Wie lange er so ausharrte, wußte er nicht. Die Dolchklingen hatten sich tief in das Holz gebohrt und hielten die Kette fest an Ort und Stelle. Seine Muskeln begannen langsam aber sicher zu schmerzen, was der fixierten Position zuzuschreiben war, und Kälte kroch durch das Bullauge, eroberte sein Zimmer und fraß sich durch seine Knochen. Immerhin war er nicht mit dem Stahl drangsaliert worden. Das Strafmaß hätte schlimmer ausfallen können, versuchte sich Hicks zu trösten.

Sehnsuchtsvoll sah er zu seiner behaglichen Hängematte, die in der Dunkelheit nur noch zu erahnen war. Er seufzte. Dies würde eine sehr lange Nacht werden. Wenn er keinen Mist gebaut hätte, könnte er gemütlich dort liegen und sich in seine Decke kuscheln. Welch herrliche Vorstellung. Hätte er doch nur mehr Selbstbeherrschung an den Tag gelegt und das Buch nicht angerührt. Warum hatte er sich dazu hinreißen lassen, die Regeln zu mißachten? Weil sein Herz nach diesem herrlichen Unbekannten hungert, gestand er sich mit sich selbst hadernd ein. Dank seiner Neugierde hatte er sich in den Seiten verloren und nicht auf seine Umgebung geachtet. Es mußte ihn einer aus der Besatzung dabei erwischt haben. Anders konnte er es sich nicht erklären.

Ein kalter Windstoß fegte über ihn und ließ ihn zittern. Hicks sehnte sich seine Decke herbei, aber das blieb ein hoffnungsloser Wunsch. Er blinzelte und seine Mundwinkel hoben sich ein winziges Stück, als er realisierte, daß er nicht alle seine Schätze verloren hatte. Gestern hatte er vor dem Schlafengehen in einem Buch geschmökert und es am Morgen unter seiner Decke vergraben. Es war eins seiner ältesten und er hatte es bereits zigmal gelesen. Es war schön zu wissen, daß es ihm in diesem Zimmer Gesellschaft leistete. Innerhalb eines Herzschlages fühlte er sich nicht mehr so einsam wie zuvor und dankte still den Göttern, daß sie es ihm gelassen hatten.

Er versuchte seine Sitzposition etwas zu verändern, doch sein Vater hatte ihm kaum Spielraum gelassen. Die, in die er sich nun verlagert hatte, war noch unangenehmer als die vorige und seine Blase bettelte inzwischen um Erleichterung. Die Nacht war noch jung, wie sollte er das nur einhalten bis zum nächsten Morgen? Während er dieser Frage nachsann, öffnete sich die Tür mit einem leisen Knarren. Hicks starrte in die Dunkelheit und hatte eine schwache Ahnung wer eintrat. Die Schritte näherten sich und bestätigten seinen Verdacht. Er würde ihn und die Geräusche, die er verursachte, aus Tausenden heraushören können.

„Einschlafprobleme, Dagur? Ich nehme mir gerne Zeit für dich. Hab gerade nichts Besseres zu tun. Häng hier bloß ein wenig rum“, versuchte sich Hicks an einem lässigen Plauderton, während sein Herz die Worte Lüge strafte, an Fahrt gewann und schmerzhaft an seine Rippen pochte.

Der Ältere kicherte nah bei ihm, was weniger fröhlich als unheilvoll klang. „Ich mag deinen Humor, Bruder. Er ist so herrlich bissig. Irgendwie würdest du mir fehlen, wenn es dich nicht gäbe.“

„Schön zu wissen“, murmelte Hicks und lehnte seinen Hinterkopf an die Wand. Er war erschöpft, aber an Schlaf durfte er nicht zu denken. Angst beherrschte ihn, daß er sich mit der Kette strangulieren könnte, wenn er einnickte. Allerdings fiel ihm kaum noch eine Sitzposition ein, die er einnehmen könnte, um seinen Gliedmaßen etwas Linderung zukommen zu lassen. Er zitterte vor Kälte und aufsteigender Furcht. Sein Vater hatte ihn schutzlos und maximal angreifbar zurückgelassen. Daß Absicht dahinter steckte, bezweifelte Hicks. Oswald hatte keinen Schimmer, was er alles hinter seinem Rücken ertragen mußte. Tief atmete er durch und stählte sich innerlich für sämtliche Schikanen, die da kommen konnten. Er würde auch diese überstehen, wie die unzähligen zuvor. So lange er konnte, würde er sich nichts anmerken lassen und Widerstand leisten.

Vielleicht hatte er auch einfach Glück und sein Bruder trieb lediglich seine unbändige Neugier zu ihm. Dagur würde sich an seiner Situation belustigen, ihm ein paar Gehässigkeiten zuzischen und ihm keinen Schaden zufügen. Die Chance war verschwindend gering, aber an diesem hoffnungsvollen Gedanken galt es sich festzuklammern, wenn man nicht den Verstand verlieren wollte.

„Was willst du, Dagur?“ fragte er matt. „Ich kann dir leider nichts anbieten, ich bin nicht auf Besuch vorbereitet.“

Anhand des Geräusches und der schemenhaften Umrisse konnte er erkennen, daß sich Dagur ihm gegenüber auf den Boden gesetzt hatte.

„Was hast du ausgefressen, kleiner Hicks? Ich habe mitbekommen, daß Vater dir all deine ach so kostbaren Bücher abgenommen und dich in Ketten gelegt hat.“

Der Junge schloß die Augen. Sein Bruder wußte, wie man den Finger in die Wunde legte.
„Bist du gekommen, um dich an meiner Notlage zu ergötzen? Tu dir keinen Zwang an“, murmelte Hicks bitter.

Voller Unmut schnalzte Dagur mit der Zunge und zwickte ihn fest in die Seite. Hicks zuckte zusammen, seine Hände versuchten reflexartig schützend zu der Stelle zu gelangen, was sie nur noch fester in die Ketten zurrte und diese klirren ließ. Hörbar sog er die Luft zwischen seinen Zähnen ein. Das würden ansehnliche blaue Flecken werden – an seiner Seite und seinen Handgelenken.

„Diese Aufmüpfigkeit erlaubst du dir nur, weil du dich unter Vaters Fittichen sicher fühlst. Du bist sein kleiner Liebling, ich weiß. Aber ich warne dich, überspann den Bogen nicht.“

Hicks wurde in dieselbe Stelle gepiesackt, nur diesmal heftiger und er ächzte auf.

„In Thors Namen, Dagur, öffne deine Augen“, stöhnte Hicks und konnte sich einen gereizten Unterton nicht verkneifen. „Wenn ich sein Liebling wäre, würde mich Vater an die Wand fesseln? Wie oft hast du in deinem Leben schon in Ketten gelegen?“

Er kannte die Antwort, Dagur kannte sie, jeder Berserker wußte sie! Es war immer der Jüngste, der sich Strafen einfing. Ein neuer, intensiverer Hieb in seiner Seite ließ ihn aufjammern.

„Antworte gefälligst auf meine Frage“, zischte Dagur und machte ihm klar, daß dies nicht der Augenblick war, um seiner spitzen Zunge Ausdruck zu verleihen oder ihn mit Fragen hinzuhalten. Hicks erkannte den Tonfall, als die Warnung, die sie war und unterdrückte all seinen Frust tief in seinem Inneren. Er war nicht in der Position den Neunzehnjährigen zu ärgern oder auch nur ansatzweise zu verstimmen. Warum er sich überhaupt zu diesen Kommentaren hatte hinreißen lassen, wußte er nicht.

„D… du willst wissen, wie ich in diese Lage gekommen bin? E… es war ein Buch, in das ich meine Nase unerlaubt rein gesteckt habe. I… Ich wußte, es ist verboten und habe es dennoch getan. Das war ungehorsam und ich verdiene Vaters Zorn.“

Dagur machte einen Laut, welcher sich wie ein langgezogenes Tzzz anhörte. „Dein Verstand ist so klein wie deine Muskeln, Hicks. Langsam müßtest du die Regeln auf diesem Schiff kennen, nicht wahr?“

Hicks verzog seinen Mund. Er kannte sein Vergehen und es würde ihm nicht erneut passieren, mehr konnte er dazu nicht sagen. Ja, er hatte Mist gebaut, keiner wußte das besser als er selbst. Er brauchte niemanden, um ihn daran zu erinnern. Hicks schluckte seine Wut hinunter und gab ihr keine Chance auch nur ansatzweise in ihm aufzusteigen. Es würde seine Lage nur verschlimmern.

Dieses Schiff hatte überall Augen und Ohren. Hinzu kam Oswalds Scharfsinn, der winzige Unregelmäßigkeiten mit treffsicherer Genauigkeit aufzuspüren vermochte. In seiner Gegenwart fühlte er sich fürchterlich durchschaubar, als könne er seine Gedanken lesen und seine Seele studieren, wie ein aufgeschlagenes Buch, das einladend auf einem Tisch lag und über das man sich nur beugen mußte, um den Inhalt zu kennen. Bei Dagur war es ähnlich. Zum Glück schützte ihn die Finsternis. Dennoch hatte er ein Anliegen und er mußte es hervorbringen, egal wie winzig die Wahrscheinlichkeit war, daß sein Ansinnen Gehör fand.

„Bitte, Dagur, kannst du die Fesseln für kurze Zeit lösen, damit ich meine Blase erleichtern kann? Bitte?“

Ein Kichern erklang. „Warum sollte ich das tun?“

Der Druck wurde unerträglich und strahlte in immer weitere Bereiche aus. Hicks fühlte die ziehenden Stiche in seinem Unterleib, die sich wie wandernde Dornen in seinem Körper ausbreiteten. In sein Becken. In seinen Bauch. Selbst den Rücken eroberte ihn dieses quälende Gefühl. Die Sekunden verstrichen und mit jeder wurde die beißende Bedrängnis unausstehlicher. Er kapitulierte und warf seine Selbstachtung über Bord. „Ich flehe dich an, Dagur. Bitte, hilf mir.“

Stille antwortete ihm. Natürlich. Dagur hatte alle Zeit der Welt und befand sich in keiner Notlage. Bestimmt kostete er seine Situation mit einem breiten Grinsen aus. Hicks wußte wie er tickte, also setzte er sein Betteln fort und hoffte, daß es ihm gefiel, er sich auf eine absurde Art geschmeichelt fühlte und er ihm schlußendlich seinen Wunsch erfüllte. Mit einem Schwall Worte appellierte er an seine Güte und sein Herz bis sie ihm ausgingen.

„I… ich könnte einen Dienst für dich übernehmen. Oder zwei. Sag mir, was ich tun soll und ich mach es. Bitte, mach mich los. Nur eine Hand.“

Er könnte ihn natürlich auch anflehen, ein Behältnis zu besorgen, in das er sich erleichtern könnte, doch das würde bedeuten, daß sich seines Bruders Finger an seiner Hose zu schaffen machen mußten und das wollte er unter allen Umständen verhindern. An dieser Stelle hatten seine Hände nichts zu suchen und wer konnte schon sagen, auf welche fiesen Ideen er kommen könnte? Dagur war es zuzutrauen, daß er ihm Erleichterung verschaffte, nur um ihm seinen eigenen Urin einzuflößen.

„Bitte, Dagur, ich benötige nur Sekunden. Ich schwöre, keine Seele wird mitbekommen, daß du mich kurz befreit hast. Bitte.“

„Du widerst mich an“, bekam er entgegen gespieen und seine Hoffnung innerhalb eines Wimpernschlages zerstört. Die Ketten wurden ihm am Hals straff gezogen, was ihm umgehend das Schlucken erschwerte.

„Bi…bitte, Dagur, nicht“, wimmerte Hicks hervor.

Dagurs schemenhafte Umrisse verlagerten sich.

„Du willst meine Hilfe, Bruder? Du bekommst sie.“

Er bekam einen Schlag in die Magengrube verpaßt, der ihn nach vorn katapultierte und seine Kehle hart von der Schlinge zurückgezerrt wurde. Keuchend hing er in seinen stählernen Fesseln und fühlte wie seine Hose naß wurde. Durch die Attacke hatte er seine Muskeln nicht unter Kontrolle und der Explosion in seiner Mitte keine Gegenwehr anzubieten. Er glaubte, er würde innerlich zerrissen. Um Luft ringend saß er an der Wand, während ihm Tränen in die Augen schossen. Hicks konnte beim besten Willen nicht sagen, was schlimmer war, die Pein oder die Demütigung. Zu allem Überdruß eroberten die kleinen Verräter seine Wangen und rannen hinab. Der Drang zu schreien war übermächtig und mit dem letzten Rest Willen biß er sich auf die Zunge, bis er Blut schmeckte. Wenigstens das Eingeständnis seiner Verzweiflung würde er Dagur verwehren.

„Zu dusselig zum pinkeln, unglaublich. Dabei ist es doch so einfach.“ Den Geräuschen nach, erhob sich Dagur und wich einen Schritt von ihm fort. „Oh Mann, findest du nicht auch, daß es hier stinkt?“ summte Dagur und obwohl er ihn nicht sah, war sich Hicks sicher, daß er in seinem Gesicht ein Grinsen zur Schau trug. Er fühlte sich schrecklich erniedrigt.

„Wir sehen uns morgen früh. Gute Nacht, Bruder.“

Damit verließ er seine Kammer und überließ ihn sich und seinen Gedanken.



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