Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Anne with an "E": Never ending Story

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte, Historisch / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe
07.12.2020
07.12.2020
1
2.194
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
07.12.2020 2.194
 
Anne Shirley-Cuthbert seufzte und ließ sich auf ihr Bett fallen. Dieser Tag war so aufregend gewesen. Es war so viel passiert. Eigentlich viel zu viel für einen Tag. Gilbert. Diana. Das Buch ihrer Eltern. Es gab so viel zu verarbeiten, zu erzählen.

„Nun erzähl schon“, forderte Diana ihre Freundin auf, welche es sich neben ihrer Rothaarigen Freundin auf dem Bett gemütlich gemacht hatte.

Anne drehte den Kopf und blickte die Dunkelhaarige an. „Ach, Diana.“

„Wir wollen es auch wissen“, mischte sich Ruby an. Nachdem die anderen Mädchen mitbekommen hatten, das Diana nun doch mit ihnen am Queens College lernte, war die Wiedersehensfreunde groß gewesen. Während dem Abendessen hatten sie schon das meiste erzählt. Nur die Sache mit Gilbert, hatte Anne nicht vor der Hausdame erzählen wollen, weswegen nun ihre Freundinnen im Nachthemd bei ihnen im Zimmer waren und erwartungsvoll Anne anschauten.

Anne setzte sich auf dem Bett wieder auf und lächelte ihre Freundinnen an. Sie blickte auf ihre Finger hinab, wo Gilbert sie geküsst hatte. Es war fast so, als spüre sie seine sanften Lippen noch auf ihren Fingerknöcheln.

„Ich hatte in der Stadt Winifred Rose getroffen“, fing Anne an. Denn schließlich war das der Beginn ihres aufregenden Tages. Den Brief, welchen sie aus Schottland bekommen hatte, behielt sie erst mal für sich. Von diesem würde sie Diana später erzählen. Er war auch gar nicht mehr wichtig, fand sie. Denn sie hatte ja nun dieses Buch. Sie blickte zu ihrem Schreibtisch, wo das Buch lag. Sie freute sich schon darauf, darin zu blättern und mehr über ihre Mutter und vielleicht auch über ihren Vater zu erfahren.

„Und?“, fragte Josie Pie. „Was hat sie gesagt?“

„Sie hat mir erzählt, dass Gilbert nie um ihre Hand angehalten hat. Sondern vor zwei Wochen bei ihr war, um ihr zusagen, dass er sie nicht liebte.“

Diana saß neben ihr und versuchte die Bruchstücke zusammen zu setzen, die sie mitbekommen hatte. Gilbert war damals bei ihnen gewesen und hatte ihren Vater gefragt, ob der Ring seiner Mutter passabel als Verlobungsring war. Danach war er dann zwar zu Winifred gereist, aber er hatte ihr keinen Antrag gemacht.

„Und was hast du dann gemacht?“, fragte Tillie Boulter, welche es sich neben Ruby auf dem Teppich gemütlich gemacht hatte.

Anne blickte in die einzelnen Gesichter ihre Freundinnen und lächelte. „Na, ich musste sofort zu Gilbert“, sagte sie lachend. Sie erzählte, wie schnell sie nach Hause gerannt war und alles in einen Koffer schmiss, damit sie so schnell wie möglich Gilbert suchen konnte.

Gerade als Anne eiligen Schrittes das Haus verließ, wo sie und ihre Freundinnen in Charlottetown untergebracht waren, die Tür hinter sich zuzog, den Koffer in der rechten Hand, welchen sie eilig gepackt hatte, erblickte sie ihn. Mit einem Mal stand er vor ihr, dabei war sie doch auf dem Weg zu ihm gewesen.
Gilbert Blythe blieb atemlos vor den Stufen der Veranda stehen. Es schien fast so, als sei er einen Marathon gerannt.

Anne konnte nicht glauben, dass sie ihn hier sah. Sie trat langsam an ihn heran, stellte den Koffer ab und trat die Stufen zu ihm herunter. In ihrem Kopf herrschte eine entsetzliche Leere. Es gab so viel was sie ihm sagen wollte, so viele Gespräche, war sie im Kopf schon durchgegangen. Doch nun, wo er vor ihr stand, fiel ihr nichts mehr ein. Nichts was annährend zu dieser Situation passte oder erklärte.

Dann standen sie einander gegenüber. Sie sahen sich an und es schien als würden so viele Worte ungesagt zwischen ihnen ausgesprochen worden.

Mit sanften Augen blickte er sie an. Mit der rechten Hand berührte er ihre Wange, es war eine sehr zärtliche Berührung und doch so intensiv. Sie blickte in sein warmes, liebevolles Gesicht.
Gilbert überbrückte den letzten Abstand zwischen ihnen und küsste sie. Hingebungsvoll. Leidenschaftlich. Romantisch. Nur zu gerne erwiderte sie seinen Kuss. Sie lächelten beide, als sich ihre Lippen voneinander lösten.
Sie konnte das alles nicht glauben. War es doch keine tragische Liebe? War es wundervolle romantische Liebe? Sie zwickte sich, wie sie es immer tat, wenn sie das Gefühl hatte zu träumen, weil etwas so schön war, dass es gar nicht der Realität entspringen konnte, sondern nur ihrer Vorstellungskraft.  „Au“, sagte sie, denn es war doch etwas zu fest gewesen. „Das musste ich kontrollieren“; erklärte sie ihm. „Ich habe eine lebhafte Vorstellungskraft. Daher wollte ich sichergehen, dass es wahr ist.“

„Anne“, brachte er ihren Namen über seine Lippen. „Ich muss wissen, empfindest du wirklich etwas für mich?“ Er sah sie fragend an, hilfesuchend, haltsuchend, verzweifelt und unsicher.

Sie erkannte, dass er genauso unsicher war in diesem Moment, wie sie selbst. Dabei kam ihr Gilbert Blythe nie unsicher vor. Oder erkannte sie nun sein wahres Ich. Statt ihm eine Antwort aus Worten zu geben, küsste sie nun ihn. Dies sollte Antwort genug sein.

Gilbert verstand ihre Antwort und erwiderte ihren Kuss nur zu gerne. Er zog sie an sich, hielt sie fest, wollte sie nie wieder loslassen.

Doch als die Kirchenglocke 12 Uhr schlug löste er sich von ihr. „12…. Ich muss gehen.“

„Aber du bist gerade erst hier. Wo willst du hin?“, fragte Anne ihn verwirrt. Warum sollte er sie jetzt schon wieder verlassen, sie hatten sich doch gerade erst gefunden.

„Toronto. Universität“, sagte er mit einem stolzen Lächeln.

Sie lächelte, unglaublich, dass er gerade erst gekommen war und es schon wieder Abschied hieß.

„Es ist eine weite Reise. Ich bin verpflichtet heute einzutreffen.“

Sie nickte. Toronto also. Er würde dann soweit von ihr weg sein. Aber sie war auch stolz auf ihn, dass er es an die Universität geschafft hatte. „Na gut, dann… also… Auf wiedersehen?“

Er griff nach ihren Händen, hielt sie fest und küsste sie. Er lächelte als er sie wieder ansah. „Brieffreunde?“

Anne lachte. Das war eine wundervolle Idee. „Du wirst dich erinnern, ich besitze einen sehr schönen Füller.“

Er lächelte und nickte. Dann hörten sie ein wiehern. „Oh, ich muss los. Ich habe mein Gepäck im Zug gelassen.“

Sie drehten sich um und dann kam Diana mit ihrem Vater und einer Kutsche.  




„Ja, dann kamen mein Vater und ich an. Nicht zu früh, um die beiden zu stören und nicht zu spät, denn so konnte Gilbert unsere Kutsche zurück zum Bahnhof nutzen.“

„Und dann ist er einfach so gegangen?“, fragte Ruby Gillis, ein wenig enttäuscht.

„Nein“, meinte Anne. „Also er stieg in die Kutsche, sah mich wieder an und stieg wieder aus. Er küsste mich noch einmal.“

„Zwei Mal küssten sie sich noch“, korrigierte Diana ihre Rothaarige Freundin.

Anne sah sie errötend an, nickte dann aber. Sie hatten sich also insgesamt vier Mal geküsst. Dafür dass sie nur Fünf Minuten miteinander hatten, waren es doch ganz schön viele Küsse.

„Und dann sagten beide gleichzeitig: „Ich schreibe dir““, erzählte Diana weiter.

Anne nickte. „Es gibt noch so viele Fragen, die wir klären müssen“, sagte Anne zu ihren Freundinnen. Innerlich hatte sie sich schon eine Liste erstellt, was sie Gilbert alles fragen wollte. Wenn ihre Freundinnen später weg waren, würde sie sich direkt an den ersten Brief an ihn setzen. Er würde garantiert sehr lang werden.

„Und wann seht ihr euch wieder?“, fragte Josie.

Anne sah ihre Freundin an und zuckte mit den Schultern. „Das ist eine der vielen Fragen.“

„Und wie fühlst du dich?“, fragte Ruby ihre Freundin.

„Wie war es geküsst zu werden?“, fragte Tillie. „Ich meine, so richtig geküsst zu werden.“

„Seid ihr jetzt verlobt?“, fragte Jane Andrews.

„Dazu hatten sie doch gar keine Zeit“, antwortete Diana für ihre Freundin. „Erzählt mir nun mal, was ihr schon alles erlebt habt. Wart ihr schon am College und habt es euch angesehen?“

Anne sah ihre Freundinnen an und merkte, dass sie noch viel mehr Fragen auf ihre Liste setzen musste. Sie lächelte, glücklich. Ja, auch wenn Gilbert und sie jetzt einige Kilometer und Stunden an Reise trennten, war sie glücklich. Denn er liebte sie. Sie, Anne mit den roten Haaren. Es würde keine tragische, unerfüllte Liebe sein.




~~~~~~~~



Es war schon dunkel, als Anne an ihrem Schreibtisch saß, die Lampe über sich spendete ihr Licht. Diana lag schon in ihrem Bett und schien zu schlafen, während die Rothaarige noch unbedingt einen Brief an Gilbert schreiben wollte.

„Lieber Gilbert,
Ich sehe aus wie meine Mutter.“  


Sie hielt inne und blickte in den Spiegel, der über ihrem Tisch angebracht war. Es war ein wundervolles Gefühl, dass sie wusste, dass sie die roten Haare und auch ihre Sommersprossen von ihrer Mutter Martha Shirley geerbt hatte. Ihre Eltern schienen die Natur genauso sehr zu lieben, wie Anne selbst, das entnahm sie den Kommentaren auf den Seiten im Buch.
Anne blickte wieder auf ihren Brief und setzte den Füller wieder an.

„Marilla und Matthew haben ein Erinnerungsstück von meinen Eltern auftreiben können. Es ist das schönste Geschenk, was sie mir je hätten machen können. Ich habe nun etwas von meinen Eltern. Ein Teil eines Puzzles, das mich am Ende als Bild rausbringt. Aber so viele Puzzleteile sind dunkel oder ich kann sie nicht erkennen. Aber dieses wundervolle Buch über Blumen und Pflanzen, das mein Vater meiner Mutter geschenkt hat, ist einfach unbeschreiblich kostbar. Für jeden anderen hätte es vermutlich keine Bedeutung, wäre es nur ein altes Buch mit ein paar Randnotizen, aber für mich hat es eine so enorme Bedeutung. Es ist wie ein Schatz, für mich kostbarer als alle Juwelen und Edelsteine dieser Welt.
Meine Mutter war Lehrerin. Kannst du das glauben?
Ich werde in ihre Fußstapfen treten ohne dass ich wusste, dass sie auch Lehrerin war. Ich stelle sie mir als eine Lehrerin wie Miss Stacy vor. Voller Elan, Hoffnung und Tatendrang.“


Anne hielt inne und lächelte. Es war schön Gilbert zu schreiben, auch wenn es natürlich noch schöner wäre, mit ihm persönlich zu reden. Aber sie konnte sich auch sehr gut in Briefen ausdrücken und sie wusste, dass er sie verstehen würde.

„Auf der letzten Seite hat jemand ein Bild von meiner Mutter gezeichnet. Ein Profilbild. Ich denke, es war mein Vater. Er schien ein guter Zeichner gewesen zu sein. Sie hatte rote Haare, wie ich und Sommersprossen. Zum ersten Mal freue ich mich über meine roten Haare und meine Sommersprossen, denn ich habe sie von meiner Mutter geerbt. Sie sind das einzige Erbstück einer Frau, die ich nie kennen lernen durfte. Ich werde sie von nun an mit stolz tragen.

Mein lieber Gilbert, ich hoffe du bist gut in Toronto angekommen.
Wie ist dein Zimmer?
Wo wohnst du? In einem Wohnheim?
Wie weit ist es zu der Universität?
Hast du dich schon in ein paar Vorlesungen eingetragen?

Ich bin sehr stolz auf dich, dass du deinem Traum nachgehst und Arzt wirst und ich bin mir sicher, dass du der beste Arzt werden wirst. Hast du schon ein paar Freunde gefunden? Wie war die Zugfahrt nach Toronto? Wie ist die große Stadt?

Ich weiß, dass sind so viele Fragen. Ich habe noch viel mehr Fragen, aber ich glaube, die wichtigste Frage ist eigentlich, wie konnte es sein, dass wir so viel Zeit wegen einem Missverständnis verloren. Es tut mir so leid, dass ich deinen Brief zerrissen habe. Ich dachte die ganze Zeit, du bist mit Winifred verlobt. Es war so unerträglich, so schmerzlich für mich, dich danach noch anzusehen. Aber dann habe ich dir einen Brief geschrieben. Ich musste dir einfach von meinen Gefühlen von mir schreiben.

Hast du ihn nie gelesen, so wie ich einen Brief nie gelesen habe?
Was waren wir nur für Narren. Ich habe Winifred getroffen, sie hat mir erzählt, dass du ihr keinen Antrag gemacht und ihr versprochen hast, zwei Wochen lang nichts davon zu erzählen, dass ihr nicht heiraten würdet. Gilbert, wir waren so Narren. Hätten wir uns doch uns doch nur in Avonlea getroffen, Angesicht zu Angesicht, dann hätten wir vielleicht nicht so viel Zeit verloren.

Aber es ist nun egal. Es ist nicht wichtig, welche Fehler wir in der Vergangenheit getan haben und ich bin sicher, es werden auch in Zukunft noch ein paar hinzukommen, ich möchte dir jetzt zum Ende meines Briefes danken.
Danke, dass du heute zu mir gekommen bist. Danke, dass du uns diese fünf Minuten geschenkt hast. Sie waren kostbar und wunderschön.

In Liebe,
Deine Anne.“


Anne hielt inne, blickte auf den Brief hinab und nickte zufrieden. Sie faltete ihn zusammen, verschloss ihn, als Adresse schrieb sie Gilberts Namen und die Toronto Universität. Sie hoffte einfach, dass der Brief ihn in so einer großen Stadt wie Toronto erreichen würde. Anne öffnete eine Schublade ihres Tisches und zündete das Siegelwachs mit einem Streichholz an. Sie ließ zwei Tropfen vom Siegelwachs auf den Umschlag tropfen, bevor sie es wieder auspustete.

Die Rothaarige stand von ihrem Stuhl auf, blickte noch mal auf den Brief. Morgenführ würde sie ihn direkt zur Poststelle bringen, bevor sie zum College gehen würde. Sie löschte das Licht und hüpfte unter die schwere Bettdecke in ihr weiches Bett. Sie musste noch eine Weile an Gilbert denken, an ihre Begegnung heute. Mit ihrem rechten Zeigefinger berührte sie sanft ihre Lippen und dachte an die Küsse zurück. Wie lange würde es dauern, bis sie sich wiedersehen würden? Sie wusste es nicht, aber das war auch etwas, worum sie sich jetzt nicht kümmern konnte. Anne schloss die Augen und fiel alsbald in einen tiefen Schlaf.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast