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Ein kochender Italiener

von Maja Lito
OneshotHumor, Familie / P12 / MaleSlash
Andy / Andromache of Scythia Joe / Yusuf Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova Nile Freeman
06.12.2020
06.12.2020
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Ihr Lieben,

und hier gibt es dann relativ flott meinen zweiten Wurf ;)
Ich dachte mir, dieser schönen, kleinen Kategorie fehlt noch was einigermaßen Humoriges. Diese Idee kam mir schon vor ein paar Tagen, ich hoffe mal, sie gefällt euch. Über eure Rückmeldungen freue ich mich natürlich sehr :)

Liebe Grüße
Maja


**********


Joe starrte aus dem Fenster auf die Straße unter sich. Er sah Andy und Nile verschwinden und lächelte. Er hob seine Hand und streichelte Nicky, der neben ihm stand, sanft über den Rücken.
„Und? Was machen wir beide mit der freien Zeit?“
Er verkniff sich ein Grinsen, weil ihm schon ganz genau vorschwebte, womit er und Nicky sich die nächsten Stunden vertreiben konnten. Neulinge waren zwar meistens ziemlich anstrengend, aber manchmal eben doch zu etwas gut. Nile kannte sich so wenig aus. Und sie hatte garantiert noch nicht alle größeren Städte über die letzten Jahrhunderte mehrmals besucht. Das kam Joe und Nicky nun zugute.
Sie befanden sich in Neapel, aufgrund eines Auftrags, den Copley ihnen besorgt hatte. Allerdings würde ihre Zielperson erst am nächsten Tag wieder in der Stadt aufschlagen und ihre Vorbereitungen waren bereits abgeschlossen. Nile hatte darauf bestanden, sich die Stadt anzusehen, sie war noch nie in Neapel gewesen. Joe hingegen vermochte nicht mehr zu zählen, zum wievielten Mal er in der Stadt war und dementsprechend wenig Interesse hatte er an einer Stadtbesichtigung gehabt. Sie würden sicher später rausgehen, denn Nicky genoss es immer sehr, wenn sie sich in seinem Geburtsland befanden. Aber das hatte noch Zeit und Joe vor, die Stunden vorher in trauter Zweisamkeit zu genießen.
Die Art, wie Nicky leicht die Augen zusammenkniff, ließ ihn jedoch ahnen, dass seine Pläne gleich ziemlich durchkreuzt werden würden.
„Wir gehen einkaufen.“
Er glaubte, sich verhört zu haben.
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon verstanden. Wir gehen einkaufen.“
Nickys Stimme hatte diesen bestimmten Klang, der Joe sofort sagte, dass eine Diskussion zwecklos sein würde. Nicky konnte verdammt stur sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Dem konnte Joe schon seit hunderten von Jahren nur dadurch begegnen, dass er mitmachte, was auch immer Nicky sich vornahm. Trotzdem runzelte er nun die Stirn, weil er ahnte, in welche Richtung es an diesem Tag gehen würde.
„Lass mich raten ... du denkst nicht daran, ein paar neue Klamotten zu kaufen?“
„Nein.“
Joe schüttelte leicht den Kopf. Es war also mal wieder so weit. Und Nile, die ihnen diese Freizeit geschenkt hatte, war im Grunde auch noch schuld daran. Das hatte er jetzt von den unbedachten Äußerungen eines Frischlings.

In Nicky steckte nicht nur ein Sturkopf, sondern auch ein kleiner Perfektionist. Während es Joe oftmals ziemlich egal war, wie er ans Ziel kam, Hauptsache, das Ergebnis stimmte, wollte Nicky alles bestmöglich lösen. Das war eine großartige Eigenschaft, die Joe seit Ewigkeiten bewunderte. Jedenfalls dann, wenn es sich auf den Kampf bezog. Obwohl Nicky hartnäckig daran festhielt, sein Schwert mit sich zu führen, war er meistens der Erste, der sich mit neuen Techniken beschäftigte. Scharfschützengewehre, Abhörgeräte, das waren alles Erfindungen, die Nicky sich zu Eigen gemacht hatte. Dass sie mit dem Fortschritt mitkamen, war ihm und Booker zu verdanken und seiner Akribie, was den Einsatz anging.
Im Laufe der Jahre hatten sie viele neue Fähigkeiten erlernen und mit der Zeit gehen müssen. Joe wusste, dass es Nicky nicht anders ging, manchmal sehnte er sich zurück in die Jahrhunderte, in denen ein gutes Pferd ein wichtiger Bestandteil des Lebens als Krieger gewesen war. Inzwischen wurden diese nur noch in sehr entlegenen Teilen der Welt benötigt, stattdessen fuhren sie Auto. Keiner von ihnen hatte jemals einen Führerschein gemacht, aber beigebracht hatten sie sich den Umgang mit sämtlichen Fahrzeugen schon vor langer Zeit. Neue Sprachen zu lernen, war immer ein Thema, auch damit hatten sie sich alle angefreundet. Das Einzige, bei dem sie sich geschlossen verweigerten, war das Fahrradfahren. Wie Nicky irgendwann mal bemerkt hatte, war es unbequem und unpraktisch. Man bekam kaum Waffen transportiert und langsam war man obendrein. Aber bei allem anderen waren sie mit der Zeit gegangen.
Mit einer Ausnahme. Und genau dazu hatte Nile in den letzten Tagen für Joes Geschmack zu häufig Kommentare abgelassen. Deshalb saß er nun in der Patsche.

Sie waren ihr Leben lang Krieger gewesen. Nahrungsaufnahme diente dazu, bei Kräften zu bleiben, und sie waren beileibe alle nicht mäkelig, was das Essen anging. Ihr Stammkoch war eigentlich Booker, der nun fehlte. Seitdem übernahmen er oder Nicky die Zubereitung des Essens, egal, wo sie sich befanden. In ein Restaurant gingen sie schon deshalb sehr selten, weil ihnen immer die Angst im Nacken saß, entdeckt oder ausspioniert zu werden. Andy, die zudem so viel älter war, konnte mit dem Kochen noch weniger anfangen, als Nicky und Joe. Sie alle brachten Rührei und kleine Reis- oder Nudelpfannen zustande, aber eben auch nicht mehr. Die Notwendigkeit hatte es bisher nie gegeben.
Nun jedoch war Nile zu ihrem Team gestoßen und der Frischling hatte etwas andere Ansprüche. In den ersten Tagen aß sie ohne Kommentar das, was ihr vorgesetzt worden war. Selbst kochen konnte sie nicht. Sie wurde zuerst von ihrer Mutter versorgt, anschließend von den Köchen auf diversen Armeestützpunkten. Inzwischen jedoch begann sie, zu maulen und Nicky damit aufzuziehen, dass er wahrscheinlich der einzige Italiener war, der nicht richtig kochen konnte. Joe war klar, dass sie das nicht ernst meinte und es sich nur um einen Scherz handelte. Aber gleichzeitig hätte er damit rechnen können, dass das an Nickys Ehre kratzen würde. Der kleine Perfektionist in seinem italienischen Schatz konnte das einfach nicht auf sich sitzen lassen. Nicky, da war sich Joe sicher, kochte innerlich aufgrund der liebgemeinten Sticheleien.
Joe verdrehte die Augen und atmete tief durch. Von seinem Plan abbringen konnte er Nicky ohnehin nicht, also half nur, mitzuspielen, um die Angelegenheit zu einem halbwegs würdigen Ende zu bringen. Zwar hatte er sich seinen Nachmittag ganz anders vorgestellt, aber seine Unterstützung würde Nicky helfen und glücklich machen, das war es doch, worum es ging.
„Hast du wenigstens ein Rezept im Kopf?“
Im Grunde konnte er sich die Frage selbst beantworten. Nicky las wirklich viele Bücher, aber ein Kochbuch war dem auch noch nicht unter die Finger gekommen. Und Joe wurde bestätigt, als Nicky den Kopf schüttelte.
„Nein. Wir kaufen einfach ein Buch mit ein paar Rezepten, da wird bestimmt was Brauchbares drinstehen.“
Joe bezweifelte, dass es so leicht sein würde, eine außergewöhnliche Mahlzeit auf den Tisch zu stellen. Dafür brauchte man sicher, wie für alles im Leben, eine gewisse Übung. Und möglicherweise sogar Talent. Oder Leidenschaft fürs Kochen. Und genau diese Dinge gingen ihnen allen absolut ab.
Natürlich hatten sie sich im Laufe der Jahrhunderte verändert und wussten ein gutes Essen mittlerweile alle zu schätzen. Es selbst zuzubereiten, war jedoch noch keinem von ihnen in den Sinn gekommen. Bis jetzt.
„An was hast du gedacht?“
Nicky zuckte hilflos mit den Schultern und einen Moment lang drohte Joe, in den blauen Augen zu versinken. Dieser Blick war einer der Hauptgründe dafür, dass er Nicky so gut wie nichts abschlagen konnte.
„Nudeln. Nile sagte, sie dachte immer, jeder Italiener könne Nudeln selbstmachen.“
Nicky knirschte beinahe mit den Zähnen und Joe grinste innerlich. Die Frotzelei des Frischlings setzte seinem Liebling tatsächlich richtig zu. Es wurde Zeit, das zu beenden. Und das ging nur auf zwei Arten. Nicky verzeichnete einen Erfolg, oder aber, es wurde ein grandioser Fehlschlag, nach dem er selbst Nile verklickern musste, dass sie das Thema lieber nicht mehr ansprechen sollte.
„Dir ist aber schon klar, dass es einen Grund hat, dass man Nudeln mittlerweile überall auf der Welt günstig kaufen kann, oder? Es ist billiger und spart eine Menge Zeit.“
Nicky seufzte leise, das war ihm ganz offensichtlich ebenfalls bewusst. So, wie er aussah, war ihm die Sache allerdings wirklich wichtig. Also nickte Joe.
„Na gut, dann gehen wir jetzt eben einkaufen. Und ich schätze, wir sollten auch schauen, ob wir eine Nudelmaschine bekommen. Hoffen wir mal, dass man sowas in der Umgebung kaufen kann.“
Das dankbare Lächeln, das Nicky ihm schenkte, war im Grunde alles, was Joe jemals gewollt hatte.

Zwei Stunden später war Joe tatsächlich verblüfft über sich selbst. Nickys Küchengehilfe zu spielen, brachte ihm erstaunlicherweise Spaß. Und das, obwohl er weiterhin befürchtete, dass ein Misserfolg drohte.
Sie waren zuerst in eine kleine Buchhandlung gegangen und hatten sich ein Kochbuch besorgt. Die alte Dame hinter dem Tresen machte nach einer kurzen Beratung fast den Eindruck, als würde sie Nicky adoptieren wollen, was den dazu veranlasste, beinahe zu fliehen. Weshalb dem so war erklärte Nicky ihm, als sie den Laden verlassen hatten. Joes Italienisch war gut, aber wenn es zu schnell wurde, oder er unkonzentriert war, fiel es ihm nicht immer absolut leicht, noch zu folgen. Nicky hatte auf seine Frage, wieso er am Ende fast aus dem Laden gerannt war, das Gesicht verzogen.
„Sie wollte mich ihrer Enkeltochter vorstellen ...“
Joes Lachen hatten garantiert alle Menschen auf dem kleinen Platz, auf dem sie sich zu diesem Zeitpunkt befunden hatten, gehört. Er hatte Nicky sanft in die Seite geboxt und ihm gesagt, dass so eine Idee kein Wunder war, so gut, wie Nicky eben aussah. Der reagierte auf so ein offenes Kompliment auf seine Weise. Er lächelte, und ließ Joe die Nudelmaschine kaufen, als er merkte, dass auch in dem Geschäft eine ältere Dame den Verkauf leitete.
Anschließend waren sie in einen Supermarkt gegangen und hatten Unmengen an Lebensmitteln gekauft. Joe war, als sie zurück in dem kleinen Appartement ankamen, das Copley ihnen vermittelt hatte, zum Gemüseschneiden abkommandiert worden und das tat er.
Vor allem beobachtete er unheimlich gern Nicky, der sich den Teig vorknöpfte. Der erste Versuch war zu wässrig geworden, der zweite ähnelte Beton. Mittlerweile hatte Nicky zwei Mehlstreifen auf den Wangen und die Zunge im Mundwinkel, während er verbissen an dem dritten Versuch herum knetete. Joe sah sich das seit einer Weile an und so niedlich er Nicky auch gerade fand, er schritt ein.
„Nicky ... ich glaube, im Gegensatz zu uns kann so ein Teig durchaus sterben. Meinst du nicht, dass du den beinahe totgeknetet hast?“
Im ersten Moment blitzten Nickys Augen ihn wütend an.
„Der muss ...“
Dann zuckte sein Schatz mit den Schultern.
„Im Grunde habe ich keine Ahnung. Meinst du, dass er fertig ist?“
„Ja, ich denke schon. Besser wird er bestimmt nicht mehr. Du hast geknetet, er hat geruht, du hast wieder geknetet ... lass es uns einfach testen. Mach dir nicht so viel Mühe, du weißt, wie wenig Wert Andy auf Gourmetküche legt. Ja, sie hat einen großartigen Geschmacksinn, wichtig ist ihr das allerdings nicht.“
„Ja, aber Nile ...“
„Die wird sich entweder daran gewöhnen, oder sie muss selbst kochen lernen. Sie hat ja ein paar Jahrhunderte Zeit. Nimm das als eine gute Lektion für unser Baby.“
„Die Zeit hatten wir auch!“
Joe verkniff sich ein Lachen.
„Ja, und wir hatten eben Besseres zu tun. Es ist keine Schande, wenn man kein Starkoch ist.“
Nicky rieb sich mit den Händen durchs Gesicht und verteilte noch mehr Mehl. In Joes Magen stieg ein sehr warmes Gefühl auf.
„Das nicht. Du meinst, ich steigere mich da rein, richtig?“
Nun grinste Joe doch.
„Vielleicht ein bisschen. Aber du weißt, ich finde das süß.“
Zur Sicherheit hatte Joe sich auf dem Weg zurück zum Appartement umgesehen und zwei kleine Lokale entdeckt, die mit Essen zum Mitnehmen warben. Das allerdings verriet er Nicky lieber nicht. Inzwischen hatte der ihn sogar ein wenig angesteckt und er hoffte, dass dieses Experiment ein Erfolg werden würde.
Immerhin hatte er Nicky überzeugen können, von Pasta mit Meeresfrüchten abzusehen und eine einfache Tomatensoße zu probieren. Zu Meeresfrüchten hatte Joe seit einer Lebensmittelvergiftung im Jahr 1867 ein sehr gespaltenes Verhältnis. In der Regel achtete er darauf, dass er und Nicky solches Zeug nur noch aßen, wenn sie es selbst gefangen hatten.

Andy staunte nicht schlecht, als sie mit Nile zurückkam, das war ihr anzusehen. Und ihren amüsiert hochgezogenen Augenbrauen entnahm Joe, dass sie ziemlich genau wusste, wie dieser Kochversuch zustande gekommen war.
Nile schien sich zu freuen, jedenfalls deckte sie sofort mit einem freudigen Gesichtsausdruck den Tisch.
„Wow, damit hätte ich echt nicht gerechnet. Klasse Überraschung von euch!“
Joe wagte einen Blick in den Topf, in den Nicky in dem Moment, in dem die beiden Frauen zurückgekommen waren, die Nudeln geworfen hatte, und stutzte. Die vormals zarten Nudeln hatten deutlich an Umfang gewonnen und glichen nun eher fetten Raupen, als ansehnlichen Teigwaren.
Noch schlimmer wurde es, als das Essen auf die Teller verteilt war. Trotz der tatsächlich gelungenen Sauce schienen die Nudeln im Mund immer mehr und mehr zu werden. Sie alle kauten ewig auf einem teigigen Brei herum, der sich nur zu vergrößern schien, egal, wie viel sie schluckten. Joe sah vorsichtig zu Nicky hinüber. Er hatte auf einen schönen Abend gehofft, es war so selten, dass sie eine Unterkunft hatten, in der es getrennte Schlafzimmer gab. Nun befürchtete er, dass Nickys Laune nicht besonders gut sein würde.
Der schluckte mühsam und lächelte Nile dann sanft an.
„Du hast mich wirklich zum Kochen gebracht, Frischling. In mehr als einer Hinsicht. Können wir uns jetzt darauf einigen, dass du selbst das Essen zubereitest, wenn dir das, was wir auftischen, nicht gefällt?“
Joe grinste, als Nile nickte, nachdem sie mühsam einen größeren Bissen heruntergeschluckt hatte.
„Ja, ich schätze, ich habe es verstanden. Andy hatte mich schon vorgewarnt, dass das passieren kann. Ich verspreche, ich ziehe dich nicht mehr damit auf.“
Nickys Zwinkern in Joes Richtung überraschte den.
„Ich denke, dann können wir die nächsten freien Nachmittage wieder mit schöneren Dingen verbringen.“
Joe nickte lächelnd. Obwohl er ahnte, dass es bis zu einem weiteren Versuch höchstens zehn Jahre dauern würde. Und in ihrer Welt war das eine verdammt kurze Zeitspanne. Bis dahin gedachte er allerdings, seinen italienischen Schatz nur auf ganz andere Arten zum Kochen zu bringen.
 
 
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